Momentaufnahme, Währung

„Wenn Du nichts hast außer Liebe — dann, mein Freund, hast Du die ganze Welt.“

Jaques Brel singt das in einem meiner Lieblingschansons, es ist ein tröstlicher Satz, ein wunderbarer Satz in einer Welt, in der man für die meisten Menschen entweder keinerlei Wert besitzt oder nur eine jederzeit streichbare Kostenstelle ist; in der Beziehungen, Freundschaften, Verwandtschaft oft nur schlecht getarnte Bilanzen sind: Was investiere ich, was kommt zurück? Preis-Leistungsverhältnis, überall. Wir haben irgendwo Defizite, schreiben gefühlt oder tatsächlich rote Zahlen? Es wird nicht lange dauern, bis einem irgendeine Krämerseele das aufs Butterbrot schmieren wird. Und dann soll man sich schämen für die Butter, die man noch gegessen hat, obwohl man sie sich eigentlich schon lang nicht mehr hätte leisten dürfen, und schleicht sich wie ein geprügelter Hund zurück in die dunkle Gosse, aus der man irgendwann kroch. Dort schaut einen dann, zwischen vom Regen glitschig gewordenen Pflastersteinen, eine Ratte an, aus schlauen Knopfäuglein, witternd. Siehst du, denke ich, du bist auch intelligent, und hast es trotzdem nie weiter gebracht als bis zur Gosse, vielleicht ist das ja wirklich so: Es gibt ein Schicksal, dem sich nicht entrinnen lässt, und alles andere ist nichts als Illusion.

Vielleicht ist das so. Aber ich glaube daran, dass Gott kein Buchhalter ist. ich glaube daran, dass ER, wenn er irgendwann seine zwei Striche unter unsere Lebensbilanz zieht, mehr darin liest als nackte Zahlen. Gott, denke ich, sieht auch die Mühen, den guten Willen, die Liebe, die Sorge um seine Schöpfung. Protestantische Leistungsethik mag ihre Vorteile haben, irgendwer muss ja die Wirtschaft am Laufen halten, und es ist auch durchaus richtig, dass nur eine fortgeschrittene Zivilisation sich Philosophen und Künstler leisten kann, aber man darf nicht den Punkt verpassen, an dem das Ganze unmenschlich wird; eine Maschinerie, die Menschen nur noch als Verschleißmaterial variablen Wertes erkennt. In der keine Leistung mehr als Leistung gilt, die sich nicht unmittelbar in einer Währung ausdrücken lässt.

Ich mag das Wort „Wertschöpfung“ nicht. Ich streiche das „Wert“, erfreue mich an der Schöpfung und denke, dass jedes Lebewesen, jeder Mensch, jede Pflanze und jedes Tier es Wert (!) ist, um seiner selbst Willen geliebt zu werden, einfach, weil es da ist.

Nehmen wir beispielsweise unsere Haustiere: Wenn wir ehrlich sind, bringen die Viecher, wirtschaftlich betrachtet, auch nichts: Kosten Geld für Futter und Tierarzt und kotzen uns zum Dank auf den Teppich. Aber, wendet man dann zu Recht ein: Die Freude! Die Liebe! Der dankbare Blick aus treuen, großen, braunen Augen. Ist das nicht Lohns genug? (Ja.)

Ganz Spitzfindige könnten hier natürlich auch Studien auf den Tisch legen, die beweisen, dass Haustiere nachweislich gesundheitsfördernd sind und ergo Krankenkassenkosten senken u.s.w. — aber ich schweife ab. Warum also ist es in der Gesellschaft so schwer, als Mensch zunächst einfach nur um seiner selbst willen etwas Wert zu sein, als Gottes Geschöpf, als ein Mensch, den ER gemacht und gewollt hat, obwohl ER vermutlich von vornherein wusste, dass wir es — aus gesundheitlichen oder sozialen Gründen — nie in eine der Gehaltsklassen schaffen würden, in der sich Menschen selbst stolz als „Leistungselite“ bezeichnen?

Natürlich liebt Gott auch den Fleißigen, Trägheit gilt schließlich als eine der Todsünden, aber gilt das nicht auch für den Hochmut, den Stolz? Und greifen letztere nicht da, wo wir jemandem Versagen suggerieren, der wenig Geld heimbringt, während man selbst, dessen Nachbar, Schwester, Bruder bei gleichem Bildungsstand das Doppelte schafft oder zumindest reich geheiratet hat? Am Ende, denke ich, stehen wir alle nackt vor Gott. Und dann wird, so bleibt zu hoffen, mit einem anderem Maß gemessen.
„Herr, sieh nicht auf unsere Sünden, sieh auf unseren guten Willen, auf unseren Glauben“, sagt der Priester während der Messe, und ich bin froh, dass ich jetzt katholisch bin und mich mit diesem kalten, lutherischen Effizienzdings nicht mehr gemein machen muss.

Ich will daran glauben, dass Liebe das stärkste Pfund ist, mit dem wir wuchern können — um noch ein wenig in ökonomischen Termini zu bleiben.
Ich will daran glauben, dass wir Hilfe, Verständnis, Nachsicht bekommen können, ohne das dies in irgendein Büchlein eingetragen wird, die Spalte für die Gegenleistung rot markiert.
Liebe sollte kein Kuhhandel sein. 
Natürlich bedeutet das nicht, dass man sich ausnutzen lassen muss oder groben Undank dulden. Aber man sollte Geduld haben und Vertrauen: Wer die entgegengebrachte Liebe erkennt, würdigt sie auch. Vielleicht nicht sofort, vielleicht nicht in der „Währung“, die wir gern hätten. Und möglicherweise kann der Mensch, dem wir Gutes tun, sei es finanziell, emotional, mit Wissen oder praktischer Hilfe — uns auch nichts anderes geben als seinen Dank. Und falls selbst der ausbleibt: Kann es nicht auch einfach einmal reichen, das Leben von jemandem für einen Moment besser oder leichter gemacht zu haben? Ist das nicht auch schon von Wert?

Wenn Du nichts geben kannst außer Liebe: Dann, mein Freund, bekommst Du die ganze Welt.

DSCI4263

2 Kommentare

  1. Danke für diesen tollen Beitrag lieber Mayk „kann es nicht auch einfach einmal reichen, das Leben von jemandem für einen Moment besser oder leichter gemacht zu haben? “ diese Aussage sollte ich mir wirklich nun hervorholen um auch die nächsten Monate zu schaffen, denn so kann ich vielleicht auch die vergangenen Monate ins bessere Licht rücken und dem ganzen etwas positives abgewinnen, auch wenn es oftmals sehr schwer ist, einigen Menschen nur Liebe zu geben, die nicht wirklich gewürdigt wird, aber irgendwann „vielleicht“ … DANKE , Du hast mir heute sehr geholfen – umarm Dich Gaby

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    1. Liebe Gaby,
      Herzlichen Dank für Deinen schönen Kommentar, der mir wiederum auch viel bedeutet. Und klar: Du schaffst das! Ich kenne kaum jemanden, der so stark ist wie Du! Ich drücke Dich — hoffentlich auch bald wieder auf Langeoog!
      Alles Liebe
      Dein Mayk

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