Momentaufnahme, Erwachen

Um 4:30 Uhr ist es bereits hell. Ich höre die Wellen an den Strand rollen. Die ersten Vögel regen sich zwitschernd und schnatternd, ein kleiner Schwarm Austernfischer trillert in pfeilschnellem Fluge. Ich liege schlaflos und bin dankbar für den Beginn dieses neuen Tages. Draußen auf dem Balkon höre ich es aus der Vogeltränke plätschern; irgendein kleines gefiedertes Wesen nimmt sein Morgenbad. 
Ich erinnere einen Verflossenen, der sich mit einem entnervten „Boah, diese Scheißvögel“ jetzt noch einmal umgedreht hätte, aber mir entlocken sowohl die Erinnerung daran als auch die Scheißvögel selbst nur mehr ein kleines Lächeln. Ich bin froh, dass noch kein Menschengeräusch, kein Zivilisationslärm in diese Naturidylle bricht. Keine Toilettenspülung, keine rauschende Dusche, keine tapsenden Füße aus irgendeiner der Wohnungen über mir, kein Streit, kein Möbelrücken.
Frieden.

Mit meiner Schlaflosigkeit bin ich alles andere als versöhnt, aber da ich, Gott sei es gedankt, zu keiner festen Zeit mehr an irgendeinem Arbeitsplatz sein muss, gerate ich darüber zumindest nicht mehr in Panik. 
In die Bettdecke gewickelt, trete ich auf den Balkon. Die Fenster sind vom Morgentau beschlagen, und selbst meine Blumen schlafen noch: Die Köpfchen der Chrysanthemen sind zur Hälfte geschlossen. 
Es ist windstill. Auf der Straße, über die in wenigen Stunden Fahrräder, E-Karren und Kutschen rollen werden, geht in aller Seelenruhe eine Dohle spazieren, stolz wie ein feiner Herr aus früherer Zeit, und fast meint man Monokel, Stock und Melone zu sehen.
Ein wenig beunruhigt mich die Ahnung über das Ausmaß des toten Punktes, der mich vermutlich gegen 9 oder 10 Uhr ereilen wird, wenn alle anderen erwachen — aber noch genieße ich den Luxus dieser wundervollen Art morgendlicher Eremitage. Vor dem Balkon schält sich die Sonne als goldener Ball aus dem rosafarbenen Dunst und lässt die Tautropfen am Fenster wie Lametta leuchten.

Ich widerstehe dem kindlichen Bedürfnis, mit dem Finger auf dem beschlagenen Fenster zu malen, wiewohl mir unweigerlich eine Liedzeile von Reinhard Mey einfällt:

„Ich sag es einfach und ich schreibe / auf jeden Spiegel / an die Wand / auf die beschlagene Fensterscheibe / wofür ich so viele Umwege erfand …“
Das Lied war der Soundtrack des letzten Sommers. In diesem Sommer war ich glücklich. Oder zumindest verdammt nah dran.
„Ich liebe Dich.“ Im Gegensatz zu Mey sprach ich das nie aus. Manchmal weiß ich nicht einmal mehr, ob ich das wirklich fühlte. Aber auch hier war ich zumindest verdammt nah dran. 
Eine diffuse Sehnsucht beschleicht mich, wohl wissend, dass sich der letzte Sommer nicht zurückholen lässt. Die Leichtigkeit, die Sicherheit. Dieses: „Mit Dir kann ich alles schaffen.“
Damals begann jeder neue Tag mit irgendeiner lieben Nachricht von ihm; dieser Tage speicherte ich den Mailverlauf fürs Archiv: Das PDF umfasst 3350 Seiten.
 Dass wir uns nichts zu sagen gehabt hätten, denke ich mit einem Anflug wehmütiger Bitterkeit, kann man nun wirklich nicht behaupten. 2,5 Jahre. Vorbei. 
Dass er mir nicht mehr fehlt, kann ich auch nicht behaupten.

Die Luft riecht nach Herbst. Zwar ist es erst Ende Juni, aber die extreme Hitze und Trockenheit der vergangenen Wochen, gefolgt von einer nassen Kälteperiode, hat viel Vegetation verrotten lassen. Die kleine Grasfläche vorm Haus ist nur noch ein Streifen Sand, selbst die nahezu unverwüstlichen Kartoffelrosen haben merklich gelitten. Nun ist ihre Blüte aber bald ohnehin vorbei, der Duft verweht, Hagebutten bilden sich heran, die ersten sind bereits im flammenden Rot des Spätsommers. 
Die Natur macht keinen Halt, die Zeichen stehen auf Veränderung.
Ich gebe das Vorhaben des Weiterschlafens auf. Nach einem erfolglosen Versuch, mich noch einmal hinzulegen, nehme ich die Strickjacke vom Haken und mache Kaffee. Es ist 6:00 Uhr. Irgendwo im Haus wird die erste Dusche aufgedreht. Eine Tür schlägt. 
Die Sonne steht nun voll am Horizont. Es wird ein klarer, warmer Tag. 
24 neue Stunden mit der Option auf so gut wie alles, denke ich: Annehmen, was kommt. Wir sind am Leben.

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