Momentaufnahme, Schnee

Als ich am Morgen aus dem Fenster sehe, ist die Welt verwandelt. Seit ein paar Tagen herrschte schon Frost auf der Insel; man merkte das am Knacken der dünnen Eisschicht unter den Fahrradreifen und daran, dass das Fahren auf den spiegelglatten Wegen zunehmend riskanter wurde. Nun aber hat es zum ersten Mal wirklich geschneit.
War die Insel bislang lediglich zart von Reif gepudert, so türmt sich jetzt der Schnee eine handbreit hoch auf Zaunpfählen, Ästen und Fahrrädern. Auch am Strand zeigt sich nichts Sandfarbenes mehr unter dem Weiß; läuft man unterhalb der Abbruchkante, so wähnt man sich beinahe auf Spitzbergen oder in einer anderen arktischen Region: Weiß, so weit das Auge reicht.

Die See steht recht ruhig an diesem Tage, und dennoch erscheint mir das Donnern der Brandung heute lauter als sonst, was daran liegen mag, dass der Schnee die Umgebungsgeräusche schluckt: Die Gespräche der anderen Flaneure, das Hundebellen, den Baulärm.

Seit 5 Jahren kenne ich diesen Strand, seit beinahe 2000 Tagen, und nun liegt er vor mir in nie gekannter Unschuld. Wie passend für den Januar, denke ich, denn wünscht sich im Grunde nicht jeder, ein neues Jahr so unbescholten begehen zu können, als wäre alles Belastende der Vorjahre nie gewesen? Als kennte man noch keine Sorgen, keine Existenznot, keine Krankheit und keinen Kummer; als wüsste man noch nicht, in was für ein Monster sich manche Jahre in ihrem Verlauf verwandeln können.

Ein bisschen ist es ein Gefühl wie nach der Beichte. Ego te absolvo a peccatis tuis. Am Anfang fiel es mir noch schwer, das zu glauben. Dass Gott durch den Priester tatsächlich vergibt, auch schon zu Lebzeiten, im Hier und jetzt. Dass jeder, wie beladen er auch sei, jederzeit die Möglichkeit hat, sein Leben reinzuwaschen, damit es dann vor einem liegt wie dieser wundervolle, schneebedeckte Strand.

Aber natürlich weiß ich, dass der Strand auch unter dem Weiß noch derselbe ist. Und leider muss ich mich nicht einmal besonders anstrengen, um das zu verifizieren. Im Spülsaum flattert ein Plastikstreifen, „Tablecloth“ steht darauf, es ist eine Banderole gewesen. Wenige Meter weiter ein dunkelroter Sportschuh. Er sieht neu aus und stammt, wie auch die Tischdeckenverpackung, vermutlich aus einem kürzlich verlorenen Container. 270 davon hatte das Meer im Sturm an sich gerissen; das Jahr war noch keine drei Tage alt. Die Folgen werden uns hier noch lange beschäftigen.
Auch über die gut gefüllten Strandmüllboxen hat sich gnädig der Schnee gelegt; ich werfe Schuh und Plastikstreifen hinein, zwischen schmutzige Textilblumen, Nylonnetze und Fahrradschläuche und vieles andere, auf das die Natur getrost verzichten könnte, aber der Mensch offenbar nicht.

Und dennoch präsentiert sich die Natur heute so friedlich und freundlich, als würden wir ihr all dies nicht antun. Die Sonne lugt hervor; in der Brandung laben sich niedliche Sanderlinge an Schwertmuscheln, die teils länger sind als sie selbst. Ich sehe den winzigen Vögelchen entspannt eine Weile zu, bis ein Schwarm Krähen meine Aufmerksamkeit davon ablenkt.

In der Art und Weise, wie sie dort alle auf einem Haufen hocken und auf etwas einhacken, weiß ich, was sie dort tun, bevor ich es gesehen habe.
Dennoch trete ich näher heran, um mir den Kadaver anzusehen.
Es ist ein kleiner Seevogel. Etwa taubengroß. „Austernfischer“, denke ich sofort, als ich das schwarze Rückengefieder und den weißen Bauch (oder das, was davon übrig ist) entdecke. Aber die Füße sind schwarz, das passt nicht. „Eine Lumme!“ ist der nächste Impuls, aber Lummen gibt es auf Langeoog eigentlich nicht. Oder doch? Hier kann nur der Kopf Zweifel ausräumen. Ich vermute ihn unter dem Schnee, aber als ich das tote Tier mit dem Fuß anhebe, ragt dort nur eine blutige Halswirbelsäule aus dem Weiß, der Kopf ist fort, ebenso wie alle Innereien, die bis aufs Brustbein hinunter aus dem zerfetzten Bauchgefieder geklaubt wurden. Der Vogel kann noch nicht lange tot sein, denn das Blut ist noch frisch und um den Kadaver herum zieht sich eine kleine Schleifspur aus leuchtend gelber Galle, wo sich vermutlich eine Krähe mit dem Magen davon gemacht hat.
Hatte das Tier vielleicht ein Hund gerissen? Denn auch Hundespuren finden sich ringsum reichlich. Die einzige Menschenspur stammt von mir, und fast schäme ich mich dafür, dass ich mich, primitiv wie jeder andere Fleischfresser, Hyänengleich um einen Leichnam schare.

Das war es also mit der Unschuld, denke ich. Kaum liegt der Schnee, vergießt irgendein armes Mitgeschöpf sein Blut darauf.
Wenige Meter weiter finde ich den nächsten Leichnam; dieser ist steifgefroren, aber vollkommen intakt: Es ist zweifelsohne eine Lumme. Diese trifft man auf Langeog so gut wie nie, denn eigentlich kommen sie nicht südlicher als bis Helgoland. „Ich hab solche auch schon gefunden“, berichtet mir jedoch später einer unserer Naturführer, „auch mal einen Tordalk und einen Papgeientaucher“. Ich nicke betroffen. Lebendig wären mir Lummen doch um einiges lieber.
Ich überlege, was sie nach Langeoog verschlagen hat und warum sie beide an diesem Strand sterben mussten. Entkräftet, verhungert, an Plastikteilen im Magen verendet? Hat ihr Gefieder Schaden genommen durch Chemikalien und sind sie daher erfroren? Verloren sie durch irgendetwas die Orientierung und verflogen sich, um dann entkräftet auf der falschen Insel zu sterben? Helgoland ist weit, auch wenn man in klaren Nächten das Leuchtfeuer bis Langeoog sieht. Vielleicht starben die Lummen auch im Meer und wurden angespült, denke ich. Aber dafür sind die Kadaver beide zu frisch.

Die Euphorie über die vermeintlich makellose Reinheit des schneebedeckten Strandes ist mir vergangen. Nun höre ich auch wieder den Lärm der Presslufthämmer und Sägen aus dem Dorf; der Schatten des gewaltigen Krans an der neuen Hotelbaustelle gleitet über den Strand wie die Schwinge eines Flugsauriers. Und irgendwo auf dem Grund des stillen, schönen Meeres vor mir liegen noch unzählige Container.
Der Mensch, denke ich, ist und bleibt hier ein Fremdkörper, mit all seinem echten oder vermeintlichen Fortschritt. Mich selbst schließe ich da nicht aus.

Die Krähen sind nicht zum Kadaver zurückgekehrt; vermutlich riechen sie, dass ich da war. Morgen werden die bedauernswerten Lummen beerdigt sein, es ist weiterer Schneefall angesagt.
Ich drehe mich ein letztes Mal zum Strand um und bewundere ihr glattes, glänzendes Leichentuch.

 

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1 Kommentar

  1. Wie schön deine Beschreibungen eures winterstrands, so ganz anders als hier bei uns in Athen. Erst vor ein paar Tagen habe ich davon berichtet. Wie sehr würde ich mir einen schneeweißen Strand wünschen, der einmal alle Spuren bedeckt. Danke für deine Gedanken zum „rein waschen“ ich werde sie noch eine Weile in mir tragen.

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