Momentaufnahme, Naherholung

Es verspricht ein schöner Tag zu werden. Als ich mich frühmorgens auf den Weg zum Anleger mache, ist der Himmel bereits strahlend blau, nur einige Federwolken ziehen feine Schlieren ins Firmament. Es tut so gut, einmal selbst wieder Tourist zu sein und in einen nahezu unverplanten Tag zu starten; in einige Stunden absoluter Freiheit, in denen man weder Gedanken noch Gefühle irgendeiner Agenda unterzuordnen hat. Ein Tagesausflug nach Spiekeroog soll es heute werden, und ich könnte für diese Möglichkeit einer kurzen Auszeit vom Saisonwahnsinn auf Langeoog nicht dankbarer sein.

Bisher kannte ich die östliche Inselnachbarin nur von kurzen Ausflugsfahrten, während derer man rund 2,5 Stunden auf dem Eiland verbringt. Heute aber stehen mir luxuriöse 8 Stunden Aufenthalt bevor, wenn auch mit kurzem Bedenken, ob das nicht doch langweilig werden könnte. „Zur Not mache ich halt einfach Mittagsschlaf am Strand“, denke ich, und taste kurz im Rucksack nach der mitgebrachten Decke: Ich bin für alle Eventualitäten gerüstet. Dass ich den Unterhaltungswert Spiekeroogs dabei arg unterschätzte, sollte sich schon sehr bald zeigen.
Auch der Traum, auf Spiekeroog komplett unerkannt im Gästestrom unterzutauchen, zerschlägt sich schon an Bord des Schiffes, denn natürlich nutzen auch andere Langeooger die Gelegenheit zu dieser bequemen Inselerkundung ohne Umweg über die Festlandshäfen: Eine regelmäßige Direktverbindung zwischen den Inseln gibt es nämlich nicht.
Für Menschen, die die Inseln noch nicht gut kennen, gibt es bereits auf der Überfahrt die ersten Highlights, erläutert durch passende Durchsagen auf dem Schiff. Seehunde sind auf Sandbänken zu erkennen, Eiderenten, Krabbenkutter in Aktion. Die anwesenden Kinder hüpfen vor Begeisterung; wer nicht an Deck gehen kann, drückt sich an der Fensterscheibe im Salon das Näschen platt.

Auch ich schalte beim Anlegen konsequent in den Touri-Modus und kaufe mir gleich am Hafen einen Ortsplan. Anstatt einer Inselbahn empfängt hier eine Infotafel und eine Imbissbude die Gäste; der Weg in den Ort ist fast selbsterklärend und offenbart auf den ersten Blick, warum sich Spiekeroog als „die grüne Insel“ bewirbt. Der Blick kann, einmal von der Leine gelassen, hemmungslos in die Weite schweifen und Deiche, Schlickflächen, Salzwiesen erfassen, mit allem, was darauf kreucht und fleucht. Sogar Deichschafe gibt es hier: Ein Stück Ostfriesland-Bilderbuchidylle, nach dem auf Langeoog immer wieder vergeblich gesucht wird. Plötzlich erinnere ich mich, wie ich mit meinen Eltern vor vielen Jahren einmal auf einer Bank auf dem Spiekerooger Deich saß; die Schafe rückten uns damals ziemlich auf die Pelle und ich kraulte ihre störrische Wolle.
Auch der Ortseingang kommt mir noch vage bekannt vor. Zur Rechten gibt es einen kleinen öffentlichen Rosengarten, durch den Schmetterlinge tanzen. Ein Schild mahnt zur Ruhe. Ich fühle mich dort augenblicklich wohl und setze mich eine Weile hinein: Ankommen, entschleunigen. Nach kaum etwas ist die Sehnsucht im Saisongeschäft größer als nach dieser Art von Stille und Langsamkeit.
Natürlich ist auch auf Spiekeroog im Juli Hauptsaison, Cafés und Geschäfte sind voll und die meisten Ferienhäuser und -wohnungen sehen bewohnt aus; Angestellte in Dienstkleidung sausen auf Fahrrädern geschäftig durch die Straßen. 
Da die Spiekerooger aber fast die Einzigen sind, die hier Radfahren dürfen, wirkt die Insel trotzdem wesentlich ruhiger als das zur gleichen Zeit sehr wuselige Langeoog. Auch die Kakophonie aus übermütigem Dauer-Fahrradklingeln und über Radkolonnen längs und quer gebrüllten Unterhaltungen, die ich sommers täglich vor Büro- und Schlafzimmerfenster ertragen muss, bleibt aus diesem Grunde aus.

Kurz vor der heimeligen Teestube, die in fast allen Tourismusprospekten abgebildet ist, werde ich erneut von wunderschönen Rosen angezogen: Ein prachtvoller Bogen voller kleiner, rosafarbener Hundsröschen überspannt den Eingang zu einer Wohnanlage im friesischen Baustil. Ich fühle mich wie in einem Bilderbuch. Dass in den angrenzenden Wohnstraßen einige Domizile nach Orten aus Astrid Lindgrens Erzählungen benannt sind, überrascht mich wenig. Es ist tatsächlich ein kleines Bullerbü. Natürlich sieht man auch auf Spiekeroog einige Gebäude mit Sanierungsbedarf, etwas überambitionierte Luxus-Neubauten oder architektonisch nicht allzu Gelungenes. Aber was sofort positiv auffällt, ist doch die Zahl der „typisch“ wirkenden Friesenhäuschen in Rot, Grün und Weiß; mit Holzbänken davor, üppigen Hortensien und farbenfrohen Stockrosen. Angesichts dieser märchenhaft schönen Häuschen können auch der sachlichsten Seele nur noch Attribute wie „süß“, „niedlich“ und „verträumt“ einfallen. Und statt „Urlaub“ erscheint einem das herrlich altertümelnde Wort „Sommerfrische“ gleich viel passender für einen Aufenthalt auf dieser Insel.

Erneut empfinde ich große Dankbarkeit für diesen Inselausflug und für die Kostbarkeit all der Stunden, die ich mich hier noch treiben lassen darf. Daher ist für mich klar, dass das erste anzusteuernde Ziel die katholische Kirche sein wird. St.Peter liegt, wie auch die Langeooger St.Nikolaus-Kirche, auf einer Anhöhe am Rand des Wohngebietes. Sie sieht aus wie eine umgestürzte Zuckertüte aus braunem Packpapier und ich bin gespannt, was mich im Inneren erwartet: Vorab recherchieren wollte ich es bewusst nicht. Um die Zuckertüte drapieren sich einige Gebäude mit Flachdach im gleichen Braunton, eine Frau saugt Staub, durch die geöffnete Tür sieht man Kinderjacken an Haken hängen, die Fenster lenken den Blick in die Weite.
Ein Kurpriester ist auch vor Ort, im Schaukasten hängt die handgeschriebene Ankündigung einer Veranstaltung mit ihm. Auch hier scheinen die Uhren im besten Sinne langsamer zugehen, denn irgendetwas an diesem handschriftlichen Plakat rührt mich angesichts all der Computerausdrucke daneben.
Die Kirche, benannt nach dem heiligen Petrus, hat mit dem gleichnamigen Dom in Rom nicht wirklich viel gemeinsam, und ich müsste lügen, würde ich sie als „schön“ bezeichnen. Aber im Inneren herrscht eine wunderbar warme und friedvolle Atmosphäre. Die Kirche ist innen ganz mit Holz verkleidet, das hörbar arbeitet. Es gibt keine Bänke, nur Klappstühle, auf denen jeweils ein handgestricktes Kissen liegt. Auch das rührt mich an, denn sofort habe ich das Bild einer handvoll katholischer Spiekerooger Seniorinnen vor Augen, die in einsamen Wintern diese Kissen für ihre Kirche stricken. Und die Aussicht aus den großen Panoramafenstern ist fantastisch. Ich danke dem HERRN für diesen Tag, entzünde Kerzen und kaufe einige Dinge am Schriftenstand; als Mitglied einer Diasporagemeinde fühlt man mit den Brüdern und Schwestern noch kleinerer Gemeinden umgehend solidarisch, daher ist allein deswegen eine Finanzhilfe Pflicht.

Danach mache ich mich auf zum Hauptstrand, den ich trotz mehrfacher Besuche noch nie gesehen habe. Denn tatsächlich liegt — im Inselvergleich — auf Spiekeroog der Ortskern am weitesten entfernt vom Strand, wiewohl die dahin führenden Wege wunderschön und von artenreicher Flora umgeben sind. Auch einen kleinen Pavillon für wettergeschützte Pausen gibt es. Dennoch muss ich zwangsläufig an meine Eltern denken, die nicht mehr weit laufen können, sowie an gestresste Angestellte, die ihre kurze Mittagspause hier wohl leider nicht, wie auf Langeoog möglich, mal eben am Strand verbringen können. Der Strand, den ich nach einer Weile Marsch erreiche, ist weitläufig, gepflegt und mit ordentlichen Reihen weißer Strandkörbe versehen, was mich wohltuend an viele schöne Ostseeurlaube erinnert. Zwar haben auch die bunten Langeooger Körbe ihren Reiz, aber ich bevorzuge doch die klassische Seebad-Eleganz, die ich in solchen einheitlich weißen Strandmöbeln eher finde. Hinunter ans Meer gehe ich aber nicht, denn tatsächlich rast die Zeit schon jetzt und ich habe noch kaum etwas von Spiekeroog gesehen. Es wird Zeit für eine erste Pause. In einem Strandcafé male ich, ganz Tourist, bei kalter Waldmeisterlimonade Kringel und Herzchen um alle Orte und Sehenswürdigkeiten auf dem Plan, die ich unbedingt noch besuchen möchte.

Die Museumspferdebahn soll es als nächstes sein: Ein echtes Spiekerooger Wahrzeichen und Tradition seit den Anfängen des Bädertourismus, als (unter anderem) feine Herrschaften von ihren Unterkünften an die Strände gekarrt werden wollten. Sie ist die einzige Pferdebahn Deutschlands mit täglichem Fahrplan und existiert seit über 130 Jahren, wenn auch seit 1981 nur noch im Museumsbetrieb.
Die „Lok“ ist an diesem Tage ein irischer Tinker mit der für diese Pferderasse typischen stoischen Gelassenheit und Stärke. Er wechselt sich mit einem zweiten Tier bei der Arbeit ab. Der Bahnchef heißt Christian und ist seinen Pferden im Naturell nicht unähnlich: Von wohltuend unkapriziöser Freundlichkeit und eine entspannte Ruhe ausstrahlend — trotz des hektischen Gewimmels.
Denn natürlich hatte nicht nur ich diese Idee mit der Bahnfahrt. Der winzige Bahnsteig ist proppenvoll, eine Gruppe Gäste ist offenbar reichlich ängstlich und löchert den Kutscher ohne Unterlass: „Wie lange fahren wir?“, „Was machen wir, wenn wir nicht rechtzeitig zurück sind?“ „Gibt es da draußen denn überhaupt was zu sehen?“ „Was ist, wenn wir uns verlaufen?“ Und, ich traue meinen Ohren kaum: „Was machen wir denn, wenn es regnet? Meine App sagt …“
Die Fahrtdauer beträgt kaum 45 Minuten für Hin- und Rückweg mit Aufenthalt. Es sind keine zwei Kilometer Strecke zwischen Bahnhof und Westend, der Pferdewagen ist überdacht und vor allem befinden wir uns, es mag bei diesen Gästen noch nicht angekommen sein, in Deutschland auf einer Insel im Wattenmeer unter freiem Himmel. Nicht im Tropical Islands. Man nennt es auch: Natur. Da gibt es Wetter.
Ich richte den Blick nach oben: Der Himmel ist immer noch makellos blau und die Sonne lässt das Tinkerfell schimmern. Mein Blutdruck steigt, aber Pferdebahner Christian nimmt sogar diese Gäste gelassen hin: „Es regnet nicht“, sagt er. Der hörbar ans Satzende gesetzte Punkt verleiht dabei die nötige Autorität und macht jeden weiteren Wortbarock überflüssig. Der Mann beeindruckt mich.
Seit 5 Jahren betreibt er die Bahn, wie zuvor schon sein Vater. Folgerichtig könnte er unterwegs jeden Stein erklären, was er aber nicht tut, denn er erzählt nur das Wichtigste und lässt genug Freiraum, um einfach nur die traumhafte Landschaft zu genießen, erklärt aber gerne auf Nachfrage Weiteres. Dabei hat er Pferd und touristische Rasselbande souverän im Griff. Am Zielbahnhof „Westend“ verplappere ich mich mit — wie sollte es anders sein — zufällig mitgereisten Langeoogern und bekomme daher nur den kleinen, aber sehr urigen Strandkiosk zu sehen. Danach geht es wieder zurück. Geregnet hat es natürlich nicht.

Der Ausflug nähert sich in rasantem Tempo seinem Ende und ich frage mich, wie es möglich ist, dass Tage, an denen man eigentlich gar nichts muss, immer viel schneller vergehen als solche, die mit Pflichten übervoll sind. Aber nun gilt es, die verbliebene Zeit noch bestmöglich zu genießen. Ich flaniere mit Genuss nochmals durch den idylischen Dorfkern, besuche eine ehemalige Langeooger Kollegin, die nun auf Spiekeroog arbeitet, schreibe Postkarten an Freunde und freue mich über eine geöffnete alte evangelische Inselkirche, die ich bisher immer nur verschlossen vorgefunden hatte. Das Kirchlein ist ein begehrtes Fotomotiv und stammt aus dem Jahr 1696. Sie ist die älteste aller ostfriesischen Inselkirchen und von einem sehr sehenswerten Friedhof mit alten Grabsteinen umgeben, die teils wunderschöne Schiffsmotive zeigen.
Ich wundere mich, im Inneren eine Pietà vorzufinden — sie stammt angeblich von einem 1588 vor Spiekeroog gestrandeten Schiff der Armada. Die farbenprächtigen Fenster mit ihren Blumen- und Schiffsmotiven begeistern mich; auf die winzige Empore kann man nur gebückt über eine steile Stiege gelangen, auch das ist für mich eine neue Erfahrung. Meinen evangelischen Eltern kaufe ich einen informativ gestalteten Kirchenführer, denn so viel interfamiliäre Ökumene muss sein.

Der Abschied naht. Als Letztes sehe ich mir das Spiekerooger Kurviertel an und besorge noch einige Tourismusprospekte sowie ein Gastgeberverzeichnis. Denn eines hat mir dieser Ausflug wieder überdeutlich gezeigt: Man muss nicht weit weg für ein Urlaubsgefühl. Zum Abstand gewinnen reichen manchmal ein paar Kilometer Luftlinie, und vielleicht, denke ich, während ich mit leichter Wehmut nochmals den Blick über all die hübschen Häuschen im Dorfkern schweifen lasse, miete ich mich tatsächlich mal länger in einem davon ein — Dass ich quasi nebenan wohne, muss dann ja niemand wissen.
Die Stockrosen vor dem nostalgischen Schild des Inselmuseums nicken mit ihren Köpfchen im Wind wie in stiller Zustimmung.