Momentaufnahme, Virus

Nun ist sie also da, diese Schnapszahl, und es wird der erste Geburtstag sein, an dem mir nicht einmal mehr jemand die Hand gibt.
Die Angst vor dem neuen Virus treibt ungeahnte Blüten der Hysterie: Jeder Mitmensch ist potentiell keimschleudernd, also feindlich; in den Drogeriemärkten auf dem Festland gibt es keine Seife und kein Desinfektionsmittel mehr, in den Supermärkten plündert man im großen Stil Konserven und Mehl; skrupellose Gierhälse verdienen sich mit überteuerten und für den Normalbürger nutzlosen Atemschutzvorrichtungen eine goldene Nase, während diese für Pflegepersonal und Kranke (die sie tatsächlich bräuchten) knapp werden. Teilweise werden diese Dinge auch im großen Stil geklaut: In Krankenhäusern zapfen Leute die öffentlichen Steriliumspender in mitgebrachten Gefäßen für den Eigenbedarf leer; von der Kinder-Intensivstation der Charité raubten grenzenlose Egomanen die Vorräte an Atemschutzmasken. Und auch wenn ich sonst keinesfalls Freund alttestamentarischer Vergeltungen im Stile von „Zahn-um-Zahn“ bin, so erhoffe ich doch zumindest, dass einige dieser Leute der Blitz beim Scheißen trifft.
Und was die Lebensmittel-Hamsterei betrifft, so bin ich mir sicher, dass Tonnen dieser gierig und missgünstig zusammengerafften Lebensmittel irgendwann eh weggeschmissen werden — aber so hat sie wenigstens kein anderer bekommen. „Ich glaube, dass die Decke der Zivilisation grundsätzlich sehr dünn ist und bei der kleinsten Belastung gleich Risse bekommt“, resümiert ein lieber und kluger Freund treffend dieses Phänomen, das wohl nicht nur uns beide anekelt.

Auf Langeoog wurde bislang noch kein Virenbefall gemeldet und die Läden sehen noch halbwegs normal bestückt aus, allerdings ist es angesichts von BesucherInnen aus allen Teilen der Republik und von Fernreisen zurückkehrenden InsulanerInnen nur eine Frage der Zeit, bis der Erreger hier nachgewiesen wird. Darüber macht sich wohl niemand Illusionen. Ein bisschen skurril ist es dann aber doch, wenn man Personen, die man auf der überfüllten Mittagsfähre noch mit Mundschutz antraf, abends beim angeregten Plausch (ohne Mundschutz) in fröhlichem Damenkränzchen beobachtet, wo beim gemeinsamen Schnattern und Singen die Speicheltröpfchen nur so fliegen.
Als ob so ein Virus zwischen Freund und Feind unterscheidet. Als bekäme man es nur von feindlichen Fremden, aber nicht von der selbstgewählten Gesellschaft.

In der Kirche gibt es keinen Friedensgruß mehr und kein Weihwasser, und auch der neu angereiste Kurpriester verweigert den Handschlag. Wo sind wir, denke ich, wenn nicht einmal mehr dort Gottvertrauen herrscht? Aber die Virenangst ist (im Gegensatz zum Virus selbst) wohl wirklich schon überall, denn sogar im altehrwürdigen Dom zu Osnabrück, den ich dieser Tage besuchte, fehlte das Wasser in den Becken.
Während der Messe hustete mir ein Hintermann indes riechbar auswurflastig in den Nacken, und man muss kein Virologe sein, um zu dem Schluss zu gelangen, dass dies wohl riskanter als verweigerte Mundkommunion und ein Kreuz mit Weihwasser zusammen war. Es folgte eine Fahrt im vollen Zug, im vollen Bus, auf der vollen Fähre. Überall sprechende, hustende, schniefende Menschen, befummelte Haltestangen und Fahrkartenautomaten, ein sich im Fahrzeug erbrechendes Kind. Aber am Ende war’s der Leib Christi: Sicherlich nicht.
Fehlt nur noch, dass die Hostie demnächst mit einer Zange oder Einmalhandschuhen angereicht wird wie ein Teilchen vom Bäcker, denke ich traurig und jammere im Herzen ein wenig über einen weiteren Aspekt der wunderschönen traditionellen Liturgie, der hier gerade vor meinen Augen, nunja: kontaminiert wird — Hoffentlich nur auf Zeit.

Immerhin wird durch die aktuelle Virenpanik einmal plastisch vor Augen geführt, was HIV-positive Menschen sogar heute noch nach einem Outing erdulden müssen: Dass andere plötzlich Berührungsängste haben. Dass Leute heimlich Dinge abwischen, die man berührt hat, dass es — wie mir einst jemand zu meinem Entsetzen erzählte — sogar enge Freunde gibt, die plötzlich eigenes Geschirr und Besteck in separierter Schrankecke für einen vorhalten. Dass Menschen auch heute noch keine Ahnung vom Unterschied zwischen HIV und AIDS haben, geschweige denn von Nachweisgrenzen und antiviraler Medikation. Auch die gängigen Infektionswege hielt ich naiverweise für gemeinhin bekannt, aber auch da soll es nach wie vor Leute geben, die meinen, dass beispielsweise Heterosexualität per se davor schützt. Oder dass Frauen dagegen immun sind.
Gäbe es einen für HIV und AIDS zuständigen Heiligen, würde ich diesen jetzt um Aufklärung und Verstand anrufen, aber so weit ist meine geliebte katholische Kirche wohl noch nicht. Bis dahin hilft vielleicht stellvertretend die heilige Corona — von deren Existenz der Durchschnittskatholik wohl ohne das neue Virus nie erfahren hätte.
Jedenfalls kann man angesichts der aktuellen Corona-Hysterie wohl erahnen, wie es sich anfühlen muss, von anderen für eine potentiell todbringende Keimschleuder gehalten zu werden; wenn jedes Husten Panik hervorruft, wenn einen selbst Vertraute plötzlich nicht mehr anfassen mögen, wenn sich Menschen von einem wegsetzen, weil man ein wenig blass aussieht oder sich schneuzt. Wenn man kurz davor ist, sich ein Shirt mit dem Aufdruck „Keine Angst, es ist nur Heuschnupfen!“ anzuziehen, bevor man sich mit niesfreudiger Nase in die Öffentlichkeit wagt.

Ich für meinen Teil nehme die Sache durchaus ernst, laboriere allerdings seit Wochen an so vielen anderen Infekten herum, dass ein Corona-Virus den Braten vermutlich auch nicht mehr fett macht. Vorräte gebunkert habe ich auch keine, da mir Kraft, Geld und Lagerraum für Großeinkäufe fehlt; von fehlender Einsicht in die Notwendigkeit gar nicht zu reden. Es macht mich alles so furchtbar müde, und die persistierenden körperlichen Malaisen sind nicht die alleinige Ursache. Der Zustand unser Gesellschaft, der sich in Zeiten dieser neuen Art von Bedrohung zeigt, trägt entschieden dazu bei: Sozialdarwinismus vom Alleruntersten. Die Menschheit hat fertig, denke ich dann oft, und dass ich so wohl nie meine soziale Phobie in den Griff bekommen werde. 
Aber immerhin ist es nun endlich ein Evolutionsvorteil, nur wenige enge Kontakte zu pflegen.

 

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11 Comments

  1. Danke, es kommt einer Verfügung Gottes beinahe gleich, DIESE Corona, heisst ja Krone, er setzt dem ganzen eine Krone auf, was das heisst, ist bekannt. Herzl. Glückwunsch 44

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  2. Auch wenn ein herzlicher Händedruck zum Geburtstag so nicht möglich ist, ist eine Mail eine – wenn auch schwache – Alternative für eine Gratulation mit allen guten Wünschen zum Schnapszahlgeburtstag.

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  3. Alles Gute zum Geburtstag! 🙂
    Und die Sache mit Corinna, äh Corona, hat vielleicht doch ein gutes: plötzlich fliegt die Menschheit nicht mehr und selbst Kreuzfahrten werden nicht mehr unternommen. Ich bin gespannt, wenn das noch ein Weilchen anhält, wie die positiven Auswirkungen auf die Natur und Umwelt sein werden. Im Grunde ist es ein Naturschutzexperiment.

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  4. Moin Mayk,
    schon mal auf diesem Wege unsere herzlichen Glückwünsche und vor allem werde und bleibe im neuen Lebensjahr gesund.
    Dein Artikel verdient weiteste Verbreitung.

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