Momentaufnahme, Unschuld

Als es dämmert, macht sich ein eigenartiges Heile-Welt-Gefühl breit. Wieder einmal wurde ich viel zu früh unfreiwillig wach. Im Pyjama trete ich ans Fenster; in dieser eigenartigen Phase des Schlafentzugs, die eine überraschende Klarheit und Euphorisierung mit sich bringt, einzig getrübt durch das Wissen um den Vorschlaghammer an Müdigkeit, der mich in wenigen Stunden ereilen wird.
Aber davor sehe ich mir den Sonnenaufgang an. Zunächst in kühles Pastell getaucht, fängt der Himmel nur wenig später an zu brennen. Ein Feuerwerk an Orange- und Rottönen durchdringt die nur dünne Wolkenschicht, bevor die Sonne als leuchtend goldener Ball über den Horizont kriecht.
Es ist faszinierend, was dieser Anblick auslöst. Je höher der Sonnenball steigt und mit seinem Licht die Straßen flutet, desto sicherer bin ich, dass alles gut wird. Dass ein Tag mit 24 Stunden neuer Hoffnung vor mir liegt; dass die Schönheit dieser Welt keine Pause macht, und das Gute auch nicht. Ich trete auf den Balkon in die klare, frostige Seeluft. Mir ist kalt, aber ich will nichts von diesem Moment verschwenden. Der Himmel färbt sich in rasender Geschwindigkeit um; bald ist das Feuerwerk nur noch ein leises Farbenspiel in Blütentönen, umgeben von einem so unschuldigen Blau, als wäre dies der allererste aller Tage. Auch mein T-Shirt, in dem ich friere, hat dieses Babyblau. Ich mag es sehr, auch wenn ich mich immer auf eine gewisse Weise verletzlich darin fühle, weil dieser Farbton wohl jedem Menschen noch etwas Kindliches verleiht; die weiche, abgeliebte Vintage-Baumwolle tut ihr Übriges. Aber ich schlafe auch gern darin, weil auch der Schlaf — so er denn kommt — etwas Unschuldiges an sich hat oder zumindest eine Nacht zwischen mich und die Sünden des vergangenen Tages bringt. Und 24 Stunden neuer Möglichkeiten.

Doch die Zeiten sind alles andere als unschuldig. Der neue Virus hat die Insel fest im Griff, beziehungsweise die Maßnahmen zur Verhinderung seiner Ausbreitung. Offiziell gibt es keine Infektion mehr auf Langeoog, aber jeder Mensch, der nicht vollkommen naiv ist, weiß, dass es bis zur nächsten Ausbruchswelle eine Frage der Zeit ist. Die Touristen und Zweitwohnungsbesitzenden sind abgereist, aber bis zum heutigen Tage pendelten noch Arbeiter hin- und her; hinzu kommen nach wie vor von Urlaubs- und Fernreisen zurückkehrende InsulanerInnen. Es wird kein Ostergeschäft geben; die Läden und Restaurants mussten schließen, einzig Apotheke und Supermärkte haben noch offen. Die meisten Vermietenden werden es verkraften: Während sehr viele Angestellte am Existenzminimum krebsen, gibt es auf Langeoog zweifelsohne auch Superreiche, die Immobilien shoppen wie andere Leute Brot. Etliche davon leben nicht einmal dauerhaft auf der Insel, haben sich aber ein gewaltiges Stück Langeoog gekauft. Sehr viele, zurzeit leerstehende Luxuswohnungen und -villen zeugen davon; sie gähnen einen aus leeren, schönen Augen an. Geputzt von irgendeiner bedauernswerten Mindestlohnkraft, die nun wirklich die Arschkarte gezogen hat. 
Von den Rentnerinnen und Rentnern der Insel, die sich mit der Vermietung des Fremdenzimmers im selbstgemauerten Anbau ihren kargen Lebensunterhalt aufstocken oder auch nur die Früchte eines entbehrungsreichen Lebens ernten, reden wir an dieser Stelle nicht; Gleiches gilt für alle, die mit Fairness, Augenmaß und Sozialverträglichkeit am Tourismus verdienen.
Ich meine die anderen.

Die erste Kündigungswelle ist angerollt, und wie immer trifft es zuerst die Leute im Niedriglohnsektor, d.h. in einer Gehaltsklasse, wo es unmöglich ist, Rücklagen zu bilden. Diese Menschen stehen jetzt vor dem Nichts — insbesondere jene, wo der Arbeitsvertrag an die Dienstwohnung gekoppelt ist und der Arbeitgeber feudalherrenesk auf unverzüglichen Auszug drängt. Aber wohin, wenn keine Behörde auf hat und keine Übergangsunterkunft, wenn kein Bus mehr vom Anleger wegfährt, um einen mit den Trümmern seiner Inselträume irgendwo aufs billigere Festland zu bringen, wenn keine Menschen mehr eingestellt werden und für noch weniger Menschen arbeitgeberunabhängiger Wohnraum zur Verfügung steht? Und das Traurigste ist, dass diese Arbeitgeber ihr Personal teils nicht einmal kennen, dessen Existenz sie binnen Stunden vernichten. Vom Kontinent aus, in den wohlhabendsten Gegenden der Republik, regiert es sich leichter, wenn man seinem überflüssig gewordenen Nutzvieh bei der Schlachtung nicht in die Augen sehen muss.
Man muss kein Kommunist sein, um das gewissermaßen ekelerregend zu finden, und ich weiß nicht, wie man mit dieser Schuld leben kann. Ich hätte auch gerne mehr Geld, ja. Aber nicht um diesen Preis.

Andere werden auf Kurzarbeit gesetzt. Ich kann nicht auschließen, dass auch mir das blüht, und es würde hart. Aber ich würde meine Wohnung behalten können, ich würde zur Not einen Kredit bekommen, ich würde nicht hungern und meine Medikamente bezahlen können. Ich wäre, obwohl als Kurzarbeiter ebenfalls nur knapp oberhalb der Armutsgrenze angesiedelt, noch immer Gottweißwie privilegiert und bin mir dessen vollumfänglich bewusst.
Mit tun die Leute unendlich Leid, bei denen es nicht so ist. Und in die ich mich, als ich noch im Hotel arbeite, spätestens jetzt hätte einreihen müssen.
Von Menschen abhängig zu sein, hat mir noch nie gefallen. Komplett selbst für Gedeih und Verderb der eigenen Finanzlage verantwortlich zu sein, bringt indes andere Schwierigkeiten mit sich, und so bin ich zufrieden mit dem größtmöglichen Maß an Freiheit mit dem Mindestmaß an seelenberuhigender Sicherheit, das ich zurzeit erleben darf. Gott möge es mir erhalten.

Unter normalen Umständen, also mit Touristen auf der Insel, hätte der neue Tag schon kurz nach Sonnenaufgang seine Unschuld verloren. Die Geräusche aus den Nachbarwohnungen hätten mich an alle Niederungen menschlicher Existenz erinnert, die ersten Hunde hätten den Vorgarten vollgeschissen und die ersten Übermütigen wären johlend und klingelnd in großen Gruppen Richtung Jugendherberge gepest; ein Ehepaar hätte sich vielleicht unter meinem Fenster angeschrien, ein Kleinkind seine Trotzphase im Hausflur ausgelebt. Dazu Türenknallen, Klatsch im Treppenhaus, Möbelrücken auf den Balkonen, Pferdegetrappel, Baulärm von den letzten, eilig zur Saison hochgezogenen Neubauten.
Nun ist es Nachmittag und ich höre nichts. Ich sehe auch nichts. Außer dem einheitlich blauen Himmel, der leeren Straße mit ihren hübschen Narzissenbeeten links und rechts, und ein paar Möwen, die mit leisen Rufen darüber kreisen und ihre Schatten auf die roten Pflastersteine werfen.
Ab und zu lässt der Lutheraner seine Kirchenglocken ertönen, obwohl das Gotteshaus längst zugesperrt ist. Zum ersten Mal in meinem Leben — und auch in dem meiner Eltern und Großeltern — wurden Gottesdienste von der Regierung landesweit verboten. Das hatten sich nicht einmal die Nazis erlaubt, und auch nicht die Kommunisten. Es gibt ein Foto aus Kriegszeiten, auf dem ein Priester seine Hostie in den Trümmern der Kirche zum Himmel hebt; ein Lichtstrahl trifft den Leib Christi durch die Scherben des zerbombten Fensters. Betende Knien im Staub zwischen zersplitterten Holzbänken. Alles ist dreckig. Aber das Chorgewand des Priesters ist rein, und auch die Hostie. Es gibt Dinge, die kein Terror, kein Krieg, keine Armut beschmutzen kann. Und nun trennt uns ein Virus sogar vom Allerheiligsten.

Freilich, die sozialen Medien haben auch in das Glaubensleben Einzug gehalten. Viele Klöster und Bistümer schalten Livestreams und man kann vor dem Display mitbeten. Aber jede Sinneserfahrung — außer dem Sehen — fehlt hier, und ich denke natürlich auch an all die älteren Menschen ohne Interneterfahrung, denen nicht einmal diese Möglichkeit gegeben ist. Es wird ein trauriges Ostern ohne Kirche, auch für mich. 
Es wird keine Familie geben, keine Gemeinde, keine Karfreitagsbeichte und keine Osterkerzen, die das Dunkel der Nacht erhellen. Ich bin allein und muss das auf behördliche Anordnung auch bleiben — wie jeder Mensch, der seinen Haushalt aktuell mit keiner weiteren Person teilt. Doch in den Läden biegen sich die Regale unter den Ostersüßigkeiten, als wäre dieses Jahr nicht alles anders.
Ich habe mir einen dieser goldenen Schokoladenhasen gekauft, die ein rotes Halsband mit einem kleinen Glöckchen daran tragen. Ich nehme den tumb dreinblickenden Hasen in die Hand und wende ihn etwas ratlos hin- und her. Bald wird er ein Stück zerfetzter Goldfolie sein und das plissierte Halsband für Jahre irgendwo zwischen Büroklammern und Gummiringen liegen. Ob der Virus-Wahnsinn dann schon vorbei sein wird und der normale Saison-Wahnsinn einziehen kann, kann man nicht wissen.
Derweil wirft das winzige Glöckchen einen feinen, zarten Laut in die absolute Stille.

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