Momentaufnahme, Nähe

Ich habe Langeoogs Straßen schon leer gesehen. Die Geschäfte geschlossen, der Strand eine einzige, gewaltige freie Fläche. Nur ist dann meistens November. Auf den abgetakelten Caféterassen sammelt sich Regen, über den Dünen liegt kalter Winteratem.
Jetzt aber tobt das Leben. Zumindest alles, was nicht-menschlicher Natur ist, denn die Corona-Krise hat die Insel mitten im herrlichsten Frühling erwischt; bei einem Wetter, wo sich Langeoog im Vorjahr schon gebogen hätte vor Tagesausflüglern und Osterferien-Anreisen. Es ist ein bisschen surreal, denn sogar das Traditionscafé, das sonst praktisch immer auf hat — zuweilen als einziges Etablissement neben der Kneipe am Wasserturm — hat nun zu; und die Kneipe natürlich ebenfalls. Und so radele ich durch absolut stille Straßen, gesäumt von einem Narzissenmeer, überschattet von blütenschweren Zweigen und überdacht von einem leuchtenden, königsblauen Himmel. Ein bisschen fühle ich mich wie in einer Filmkulisse kurz vor Drehbeginn: Vermutlich stehen sie noch im Depot, die vielen Kutschen, und die vielen Menschen mit Rollkoffern, Rädern und Bollerwagen warten nur auf das „Und … Bitte!“ der Regisseurin. Aber niemand kommt. Die Insel ist dicht. Etliche Insulaner sind’s vermutlich auch, aber sie saufen zumindest nicht mehr da, wo man sie durch ein Fenster mit dem Kopf auf dem Tresen sehen kann.

Ich gehe der Arbeit nach, die ich auch sonst mache, abzüglich der Veranstaltungsbesuche. Insofern hat sich mein Alltag wenig verändert. Und für gewöhnlich liebe ich ja Stille — warum sonst hätte ich die Stadt verlassen und auf einer Insel leben wollen? Dass auf Langeoog in der Hochsaison teils ein Lärmpegel herrscht wie im Neuköllner Prinzenbad am Samstagnachmittag, hatte ich mir trotz etlicher Urlaube indes nicht vorstellen können. Angesichts des ernsten Hintergrunds mit zu erwartenden dramatischen sozialen und wirtschaftlichen Folgen scheint es ungehörig; dennoch erwische ich mich dabei, diese pittoreske Einsamkeit der Insel zumindest unter ästhetischen und akustischen Aspekten sehr zu genießen.

Die Tiere verlieren zunehmend ihre Scheu. Zwei Fasanenhähne ledern sich mitten auf der Straße um irgendein gefiedertes Weibsbild — ich erwähnte es: Es ist Frühling. Ein Rotkehlchen trinkt aus einer kleinen Pfütze, keinen halben Meter von meinem Fuß entfernt. Ich sehe Arten aus nächster Nähe, die ich noch nie oder zumindest noch nie ohne Fernglas gesehen habe. Rotdrosseln, Wiesenpieper, Steinschmätzer. Die ersten Löffler lassen ihren strahlend weißen Federschopf entlang der Bahngleise im Wind wehen. Die Bahn fährt jetzt nur noch selten; mit überwiegend schweigender Fracht. 
Es herrscht keinerlei Mangel. Die Supermärkte sind reich bestückt, man hatte sich schon auf den Frühlingsansturm vorbereitet. Sogar das weiße Rollengold, um das sich auf dem Kontinent mit einer Brachialgewalt gestritten wird, als hätte die Menschheit nie den Waschlappen erfunden, gibt es in ausreichender Menge. Seife auch.

Aber je näher die Tiere kommen — auch unzählige Zugvögel sind bereits wieder angereist — desto mehr Abstand halten die Menschen. Nicht unbedingt von den Tieren (das wäre gerade in der Brut- und Setzzeit sehr wünschenswert), aber voneinander; der von der Regierung auferlegten Hygieneregeln wegen. Das ist auch gut und vernünftig, aber tatsächlich fällt sogar mir die Umstellung etwas schwer. Zwar gehört es ohnehin nicht zur norddeutschen Mentalität, sich über Gebühr abzubusseln oder Körperkontakt zu suchen; traditionell gibt man sich auf Langeoog sogar grundsätzlich nicht die Hand. Zuneigung wird über verschiedene Betonungen von „Moin“ ausgedrückt, die von „Gott sei mit dir, du schönstes aller Geschöpfe auf diesem zauberhaften Erdenrund“ bis „Verpiss dich, du Arschgeige“ alles bedeuten können. Im Falle des schönen Geschöpfes nickt man als Höchstmaß an Sympathiebekundung noch dazu. Das war’s dann aber auch.

Allerdings gibt es Ausnahmen, die eine gewisse Unbeholfenheit mit sich bringen. Eine von mir sehr geschätzte Bekannte hatte Geburtstag. Ich kaufte ein kleines Geschenk und eine Postkarte; beides plante ich ihr in den Briefkasten zu werfen: Social distancing, you know. Nun kam sie mir aber per Zufall auf der Straße entgegen. Ihre Jacke leuchtete mit den Frühlingsblumen auf meiner Karte und ihrem Lächeln um die Wette; sie zog einen Handwagen mit Kartons hinter sich her. „Ich hab was für dich“ sagte ich, tölpelhaft wie ein Schuljunge, und wedelte mit den Präsenten in ihre Richtung. „Danke“ klang es aus Sicherheitsabstand zurück. Ich hätte ihr die Sachen gerne gegeben, aber da war ja noch was (social distancing, you know), und Handgeben oder Umarmen ging deswegen schon gar nicht — nun also: wohin damit? Und wie gratulieren? Ich warf das Geschenk in meiner Verlegenheit mit Schwung und „Herzlichen Glückwunsch“ in den Bollerwagen, radelte mit einem überforderten „Ich muss dann mal weiter“ zurück und kam mir selten bescheuert vor. An meinem Geburtstag war sie noch als Überraschungsbesuch zum Tee gekommen: Kalendarisch feiern wir im selben Monat. Dieses Jahr tun wir das in Parallelwelten.

Morgen werde ich nach langer Zeit eine liebe Freundin wiedertreffen. Sie war im Urlaub, ich gestresst, und so sahen wir uns lange nicht. Es wird mir absurd vorkommen, sie nicht oder nur mit schlechtem Gewissen zur Begrüßung umarmen zu können. Schließlich wimmeln die Sozialen Medien bereits vor Denunziationsfotos von Menschen, die sich nicht um die Gebote des physischen Abstandhaltens scheren. Ich schere mich zweifelsohne darum; der Ernst der Lage ist mir bewusst. Absurd anfühlen wird es sich trotzdem, wenn das Selbstverständliche — einen lang vermissten Menschen in die Arme zu schließen — plötzlich nicht mehr selbstverständlich sein darf.

Als Person, die leider Gottes einige Erfahrung darin hat, in Liebesdingen nur heimlich verbandelt zu sein, weiß ich allerdings auch, dass es durchaus möglich ist, sich auch ohne Berührungen nah zu sein. Es ist möglich, jemanden nur mit Blicken zu streicheln und all seine Hingabe in ein Lächeln zu packen, wenn der geliebte Mensch nicht offiziell zu einem stehen kann oder will.
Und so müssen wir wohl auch jetzt, in diesen Zeiten notgedrungener Distanz, neue Formen der Nähe finden. Wir müssen unsere Liebe durch eine Telefonleitung jagen, unsere Zuneigung in unsere Texte flechten und die Wärme unserer Hände in unsere Gedanken. Ich bin sicher: Irgendetwas wird auch davon ankommen.

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