Momentaufnahme, Start

Von der Wohnung, die nicht meine ist, schaue ich über nebelumhüllte Straßen. In der Nacht muss es geregnet haben; das rote Dach glänzt vor Nässe, die Pollen und Staub des vergangenen Frühlingstages sind weggespült. Es ist noch früh; die Morgensonne hat sich als milchiger Ball gerade erst über den Horizont erhoben.
Die Austernfischer lassen seit Stunden ihr Trillern ertönen, auch der Fasan meckerte zeitig in den Dünen. Nun stimmen auch die Stare ein, die Lerchen, Amseln und Rotkehlchen. Ein neuer Tag in dieser unwirklichen Zeit.

Die Freundin verabschiedet sich zur Arbeit. Ich trinke ihren Kaffee am Fenster und sehe zu, wie der Nebel die Insel Stück für Stück verschluckt. Aber es wird nicht lange dauern, dann wird er all die Schönheit des Weltnaturerbes wieder den Blicken preisgeben; unter einem wolkenlosen Himmel in all ihrer Frühlingspracht.
Die Natur lässt sich von keiner Corona-Krise aufhalten. Und die Liebe wohl auch nicht.

Sehr viel ist ein wenig unwirklich in diesen Tagen. T-Shirtwetter, und dennoch ein menschenleerer Strand. Ein leergefegtes Inseldorf mit verschlossenen Läden. Eine leere Kirche, kurz vor den Ostertagen; eine einzelne Kerzenflamme flackert unter der Gottesmutter durch den Luftzug der offenstehenden Tür. Porta patet, cor magis.
Ich stelle eine weitere dazu und weiß nicht, was ich Gott erzählen soll. Aber ich bin da. Und ER ist es auch.

Sehr viel ist neu in diesen Tagen, und man wagt sich auf fast vergessenes Terrain, unsicher wie als Kind mit Schlittschuhen auf dem Eis. 
„Und was ist, wenn es nicht funktioniert?“ „Wenn man es nicht versucht, kann man es nicht wissen.“ So ist das wohl.
Irgendwann stolperte ich beim Schlittschuhlaufen über einen halb aus dem Eis ragenden Ast; ich schlug der Länge nach hin und hatte ein blaues Auge. Auf dem Kemnader Stausee war das, und dennoch hörte ich nicht auf, das Schlittschuhlaufen zu mögen. Und auch der See ist mir ein alter Freund. 
Die Freundin kennt den See; wir teilen eine Heimatregion. Und so verbindet uns auch eine Mentalität und vieles, das keine Worte braucht.

Der erste wirklich warme Tag liegt hinter uns. Die ersten LangeoogerInnen tummelten sich in Badekleidung am Strand, einige wagten sich sogar in die noch kalte Nordsee. Die Gemeinde hat einige Strandkörbe zur freien Verfügung aufgestellt; vor allem zum Sonnenuntergang sitzen dankbare Inselbewohner darin, um einen weiteren Tag im Corona-Wahnsinn zu verabschieden. Einen weiteren Tag, an dem nichts mehr normal scheint. Aber was ist schon normal? — Eine uralte Frage, deren Antwort mich aber tatsächlich noch nie interessiert hat.

„Bist du jetzt heterosexuell?“ Nein. Denn Schubladen interessieren mich auch nicht, und dieser Mensch, der noch so neu in meinem Leben ist, mich aber aus irgendwelchen Gründen tatsächlich zu lieben scheint, sieht das genauso.

Ich kann nicht behaupten, dass mir das nicht gefällt, oder dass es nicht auf Gegenseitigkeit beruhte. Aber manchmal sind einem auch schöne Dinge erst einmal noch fremd und man beobachtet sie mitunter staunend, als wäre man selbst nicht beteiligt.

Auch die ganz ungewohnte Dimension der Unkompliziertheit lässt mich noch etwas ungläubig an die Sache herantreten. Plötzlich riskiert man keine angewiderten Blicke mehr. Man muss sich nicht mehr vorsichtig umschauen, bevor man es wagt, den anderen zu berühren. Es gibt plötzlich keinen Grund mehr, sich zu verstecken. Und auch keine moralischen Hindernisse: Kein Ehering, kein Priesterkragen.
Freilich, da gibt es den Inselklatsch. „Ich wünschte, ich könnte dich vor den dämlichen Sprüchen der nächsten Zeit beschützen“, sage ich. Aber da müssen wir jetzt beide allein durch, denn selbst wenn man sich an einer künftigen Gemeinsamkeit versucht, ist das Ja zum anderen doch jeweils eine einsame Entscheidung, mit all ihren Konsequenzen.

Es ist sehr still am Strand. Zwar sind fast alle Strandkörbe besetzt, aber aufgrund der Hygienebestimmungen sind die meisten Menschen nur allein oder zu zweit unterwegs; es gibt keine lärmenden Gruppen, wie sie sonst um diese Zeit schon die Insel bevölkern würden. Alle unterhalten sich leise oder lauschen reglos, die Gesichter von der tiefstehenden Sonne vergoldet. In die Rufe der Seevögel und das leise Rauschen des Windes im Dünengras mischt sich das gleichmäßige, einschläfernde Atmen der See. Es ist ungewohnt, nun wieder einen anderen Menschen neben mir atmen zu hören, nach all den Jahren der Angst: Der Angst vor Nähe, der Angst vor dem Entdecktwerden, der Angst vor Höllenstrafen. Der Angst vor den eigenen Gefühlen. Der Angst vor der Verantwortung für das Glück und Leid eines anderen, der einem vertraut und sich so gewissermaßen ausliefert, so wie man sich immer in Liebe ausliefert. 
„I don’t know where we’re going, but God, it’s a start“ heißt es in einem Lied von Tom Rosenthal, und das trifft den status quo wohl ziemlich genau. Aber es ist schön, in diesen Tagen der Distanz eine Entscheidung für Nähe getroffen zu haben. Und in dieser Zeit, wo alles Gewohnte auseinanderzubrechen scheint, plötzlich jemanden zu haben, der in unerschütterlichem Heldinnenmut irgendetwas mit „für immer“ plant.

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