Momentaufnahme: Leben, Tod und Liebe

An einem lauten, trubeligen und schwülwarmen Tag zieht es mich auf den Friedhof. Klar, mag man nun meinen, wo soll man sich inmitten einer depressiven Episode sonst herumtreiben als an einem Ort, den die meisten Menschen mit Trauer, Melancholie oder gar etwas Morbidem verbinden? Dem ist, zumindest in meinem Falle, aber nicht so. In mir weckt der Friedhof Lebensgeister, und das liegt nicht nur daran, dass der Dünenfriedhof eine herrliche Oase der Ruhe in Zeiten der totalen Reizüberflutung durch den Hochsaisonbetrieb ist.

Wenn man den Friedhof betritt, duftet es bereits nach wenigen Metern nach Nadelwald. Verschiedenartige Finken stieben im Schwarm aus den Ästen von Kiefern, Fichten und Tannen; unter den Bäumen sieht man unzählige weitere Vögel, die Leckereien aus dem mit abgefallenen Nadeln und Zapfen gepolsterten Boden klauben. Und aus allen Kronen und Wipfeln singt und zwitschert es, untermalt vom Rauschen des nahen Meeres.
Wenn sich der Blick aufs Gräberfeld öffnet, bietet sich jetzt im Sommer natürlich eine besonders herrliche Blumenpracht. Es ist schön, zu sehen, wieviel Liebe den Toten von Angehörigen oder Freunden — zum Teil auch Jahrzehnte später noch — entgegengebracht wird. Vor der Urnenwand mit den Gedenkplaketten hat jemand Fotos abgestellt: „Wir vermissen Dich“. Weißhaarige Männer lächeln darauf: Irgendjemandes geliebter Mann, Vater, Opa, Bruder, Freund. Oben auf der Wand steht ein Fläschchen Friesengeist, umgeben von kleinen Engeln und Muscheln. Irgendetwas rührt mich an diesem Fläschchen besonders — vermutlich, weil es die auf eine wundervolle Weise kindliche Vorstellung transportiert, dass der Opa sich auch im Himmel noch über seinen Klaren freut. Von einer anderen Grabstelle lächeln einen zwei Wikingerschiffe an, oder eher die Vordersteven der Schiffe, die wie Kamelköpfe gestaltet sind. Sie sehen sehr niedlich aus, und ich denke, dass diese Art von Schiffen dem Verstorbenen sicher etwas bedeutet hat, wenn er sie auch nach dem Tod noch von Angehörigen geschenkt bekommt. Und wer findet nicht gerne ein Lächeln an einem Ort der Trauer?
Denn obwohl auf Friedhöfen sichtbar um Menschen getrauert wird: Ist es nicht die mindestens ebenso sichtbare Liebe, die diesen Ort zugleich zu etwas sehr Lebendigem macht?

Nach einem Gebet für die Verstorbenen zieht es mich in eine besonders ruhige Ecke des Friedhofs, die ich gerne zum Nachdenken aufsuche oder zum inneren Leerwerden in dieser hektischen Zeit. Die Bank hinter der Leichenhalle, an dem winzigen künstlichen Teich unter den Tannen, ist neben der Kirche mein liebster Zufluchtsort, wenn ich Lärm und Menschenmassen und all die unvermeidbar aufgezwungene Nähe (optisch, akustisch, physisch) nicht mehr ertrage. Natürlich sind auch auf dem Friedhof gewisserweise überall Menschen, aber die Toten fürchte ich nicht. Und oft genug wünschte ich, mich würden auch die Lebenden weniger ängstigen.
Auf jeden Fall ist dies ein überaus friedlicher Platz, den ich grundsätzlich seelisch gestärkt wieder verlasse. Gott fühle ich mich dort sehr nah, und tatsächlich ist der Friedhof ein Ort, an dem ich auch die Liebe zum Leben immer wieder neu entdecke — so paradox es auch klingen mag.

Auf der Rückseite der Friedhofskapelle mit der Leichenhalle befindet sich die Wendeschlaufe für die Fuhrwerke. Dort laden die Kutscher die Särge aus. Obwohl es in den letzten Tagen viel geregnet hat, steigt vom Asphalt der Wendeschleife ein leichter Geruch nach Pferdeurin auf, den vermutlich kein Wasser der Welt mehr ganz davonspülen kann. Ich muss darüber ein wenig lächeln, weil einem die Anwesenheit eines lebendigen Organismus an diesem Ort des Todes kaum unverblümter vermittelt werden könnte.

Ich mag es, Friedhöfe zu besuchen, denn es wärmt grundsätzlich mein Herz zu sehen, dass Menschen nicht vergessen sind. Natürlich gibt es auch hier leider Gräber, die niemand mehr pflegt — ein Anblick der traurig stimmt. Aber ich weiß auch, dass es auf der Insel Menschen gibt, die von ihrem privaten Geld gelegentlich Blumen kaufen und diese ehrenamtlich an die Gräber und Gedenksteine der vermeintlich Vergessenen stellen. Ich empfinde dafür große Hochachtung, denn noch mehr als bei guten Werken an Lebenden zeigt sich hier wohl ein besonderes Maß an Altruismus: Die Toten werden sich schließlich kaum erkenntlich zeigen können — auf Gegenleistung zu spekulieren, wäre also vollkommen sinnlos. Aber ich danke diesen Spendern sehr dafür, weil sie mich mit dieser Geste wieder an das Gute und Selbstlose erinnern, das man zuweilen ja doch noch in der Menschheit findet. Auch wenn das laute, egoistische und rohe Gebrüll in der Gesellschaft oftmals alles andere übertönt.

Nach einer Weile kehre ich zurück unter die Lebenden, bzw. in einen Bereich Langeoogs, an dem die Lebenden nicht nur die guten, unsichtbaren Geister sind, die namen- oder angehörigenlosen Toten Blumen spenden.
Auf der Wiese hinter dem alten Hospiz spielt ein junger Vater mit seinem Kind Ball. Beide haben sichtlich Freude daran, doch dann fliegt der Ball in ein dichtes Heckenrosengestrüpp. 
So schön die Langeooger Kartoffelrosen auch aussehen und duften mögen: Ihre Dornen sind eine einzige Qual. Und so kann ich nur staunen, als der Vater tatsächlich in das Gestrüpp steigt, um den geliebten Ball des Kindes zu retten. Natürlich gibt er nicht gerade Laute des Wohlgefühls von sich; seine Arme und Beine sind nackt, und bald reicht ihm das wehrhafte Geäst bis zur Brust. Aber letztlich hat er den Ball, und man sieht ein sehr glückliches Kind mit einem sehr zerkratzten Vater.
„Respekt“, denke ich. Und zugleich: Das ist wohl eine der reinsten Formen von Liebe.

Ich hätte vermutlich einen neuen Ball gekauft, muss ich mir eingestehen, obwohl ich natürlich weiß, wie sehr Kinder um ein bestimmtes Spielzeug trauern können. Und ich weiß, welche Helden Eltern sind, die einem ein geliebtes Spielzeug retten oder dem abgeliebten Plüschtier zum hundertsten Mal die Löcher zunähen oder die abgeplatzten Augen bemalen.
„Für mich der Vater des Jahres“, erkläre ich der Freundin feierlich, und sie stimmt mir zu. Denn bedeutet Liebe nicht immer irgendwie, für den anderen auch einmal in Dornen zu steigen? Und sich für Dinge einzusetzen, die dem geliebten Menschen wichtig sind, obwohl man der Sache selbst vielleicht gar nicht so viel abgewinnen kann? An der Seite des Partners, der Partnerin (wahlweise: Der Eltern, Kinder, besten Freunde) zu stehen, wenn diese von anderen mit Dornen gequält werden? Eine Weile sinniere ich noch über das Erlebte nach und denke, dass dieses Kind bestimmt einmal glücklich wird.

Auch der Franziskanerpater, dem ich später in der Heiligen Messe zuhöre, erzählt in warmen Worten von der Liebe, wenn auch in nochmals anderem Kontext. Und mich erstaunt einmal mehr, in wievielen Formen uns Liebe im Leben begegnen kann.

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