Decke

Seit Tagen hüllt sich die Insel in dichten Nebel. Das Nebelhorn an der Mole blökt ohne Unterlass. Mag das Geräusch anfangs noch idyllisch klingen, da es einem stetig beweist, auf einer Insel zu leben und zudem einen akustischen Halt im dunstigen Nirgendwo bietet, so zerrt es nach einigen Stunden doch an den Nerven. So viele Tage Seenebel in Folge habe ich auf Langeoog auch noch nicht erlebt. Zum Teil sieht man keine 50 Meter weit; sogar die nächstgelegene Straßenkreuzung wird schon vom Nebel verschluckt. Das Meer hört man, aber man sieht es nicht. Fotos vom Strand zeigen zurzeit eine einzige, graubeige Fläche. Ab und zu dringt ein Seevogellaut durch die Stille, aber auch diese Geräusche wirken gedämpft; ebenso wie die eigenen Schritte. Die Winterlandschaft bietet wenig Farbtupfer zur Orientierung: Hier und da eine letzte rote Hagebutte am kahlen Strauch; dort eine grüne Fläche saftigen, weichen Mooses in den Dünen. Die dunklen Sandfangzäune am Strand, und natürlich die Dächer des Inseldorfes. Aber sogar die Kirchtürme und der Wasserturm sind zeitweise komplett verschluckt. Menschen begegnen einem auf den Wegen wie frisch materialisierte Außerirdische, wenn sich ihre Konturen ganz plötzlich aus dem Dunst schälen, von weißgrauem Licht umflort.

Es ist, als zöge sich die Insel dieser Tage eine dicke „Klei-mi-an-Mors“-Decke über den Kopf, und ich kann es ihr nicht verübeln. Denn auch bei mir ist dieser Wunsch mitunter recht ausgeprägt. Nicht rühren möchte man sich, bis die Welt wieder klarere Konturen annimmt, und dabei eingehüllt sein in einen warmen, weichen Kokon. In sicherer Höhle mit einem großen „Bitte nicht stören“-Schild davor. In Zeiten, in denen viele Menschen unter Einsamkeit leiden, nimmt bei mir die Sehnsucht nach dem Alleinsein, nach dem nährenden und energiespendenden Luxus absoluter Stille, großen Raum ein. ‚Das hast du doch jetzt alles‘, könnte man meinen, denn auf Langeoog ist es so ruhig wie nie zuvor, und ich gebe zu, dass das Sehnen nach noch mehr Stille auf den ersten Blick paradox erscheint. Doch letzlich sind es zwar stille, aber keine ruhigen Zeiten. Täglich neue Erlasse und Unsicherheiten; niemand weiß, wie es weitergeht mit der Pandemie, täglich muss man mit einem großen Ansturm urlaubsausgehungerter Menschen auf die Insel rechnen, der dann wenige Tage später doch wieder abgeblasen wird. Das gesellschaftliche Klima ist toxisch; in der Langeweile, womöglich gepaart mit Existenzangst, beginnen einige Zeitgenossen mehr denn je, um sich zu beißen und sich auf einzelne einzuschießen; Lappalien und private Eitelkeiten werden zu Dramen hochgekocht, über die meine Freunde auf dem Festland nur ein Wort übrig haben: „Provinzposse“. Ich kann es ihnen nicht verübeln. So bleibt zu hoffen, dass außer dem Nebel auch der Verstand einiger Leute wieder aufklaren möge und dass sich der dunstige Vorhang ihrer Verblendung und Vorurteile wieder lichtet. „It’s not magic, boys, and it is no picnic either“, mag man hier das US-amerikanische Schriftstellergenie Philip Roth zitieren — der damit übrigens das Dasein als Autor beschrieb. I feel you.

Es sind gewissermaßen absurde Zeiten; auch, was die öffentliche Berichterstattung angeht. Die Tageszeitungen sind voll mit Fotos von Menschen, die sich die Haare schneiden lassen, als sei das Friseurhandwerk soeben von Elon Musk erfunden worden. „Mutantenquote in Österreich bei 58%“ titelt ein anderes Blatt. Man stelle sich diese Schlagzeilen einmal ohne Wissen um die Pandemie vor — es klänge nach einem Slapstick-SciFi-B-Movie.

Unter all diesen Aspekten finde ich den Nebel schön, steht er doch für ein seelenstreichelndes Nichts-Sehen-Nichts-Hören-Müssen. Tatsächlich erscheint einem ein begrenzter Horizont mitunter fast erstrebenswert, im Sinne von: Alles, was weiter als 50 Meter von meiner Haustür weg ist, geht mich nichts an. Aber auf Dauer wäre wohl auch das anstrengend, zumindest, wenn es im Umkehrschluss bedeutet, dass man die Dinge innerhalb dieses Radius zu absurder Größe aufbläst und ihnen eine Bedeutung zumisst, die sie außerhalb dieses umnebelten Mikrokosmos einfach nicht haben.

Zweifelsohne gilt das aber auch für mein eigenes Dasein. Alleinsein ist wunderbar erholsam, Stille ein Gut von unschätzbarem Wert. Dennoch ist es nötig, sich ab und zu daran zu erinnern, dass man nicht allein auf diesem Planeten lebt. Dass man Verantwortung für seine Mitgeschöpfe trägt, auch für die, die man nicht kennt und sieht oder deren Anblick einem keine Freude macht. Man kann sich nicht permanent die Decke über den Kopf ziehen, auch wenn man es gerne würde. Man ist ein Rad im Getriebe dieses röhrenden, wuselnden und vielfach verwundeten und verwundenden Ungeheuers, das sich Gesellschaft nennt. Das Nebelhorn mit seinem monotonen Blöken erinnert uns im Minutentakt daran: Da draußen ist jemand. Es warnt uns alle.

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