Lichtreserve

Es regnet seit Tagen. Über der Insel liegt Novemberdüsternis und fast unbemerkt hat sich der Erste Advent mit seinem Kerzenreigen dazwischengemischt. Auf den nassen Straßen ist niemand. Vereinzelt blakt eine Lichterkette gegen die Dunkelheit an. Viele Häuser sind jetzt wieder unbewohnt, dort leuchtet nichts. Ich selbst habe lange überlegt, ob es sinnvoll ist, überall in der Wohnung an Strom und Heizung zu sparen und dann die menschenleere Inselnacht mit Adventsdekorationen zu illuminieren. Aber dann habe ich doch die Lichterkette aus dem Schrank gekramt und sie mit klammen Fingern durchs Efeu gewoben und um mein pieksendes Wacholderbäumchen gewickelt. Ist mein Wohnviertel ohnehin schon als „Geisterviertel“ verschrien, weil hier im Winter fast niemand wohnt, so will ich zumindest nicht selbst zum Geist werden und trotz physischer Anwesenheit in der Seelenlosigkeit, die die verwaisten Häuser und Ferienwohnungen atmen, untergehen. Jedenfalls leuchtet es jetzt trotzdem bei mir und irgendwelchen Berechnungen zufolge machen die paar LED-Lämpchen das Sparschwein auch nicht viel magerer, als es eh schon ist. Ein komplett lichtloser Advent würde dagegen noch an ganz anderen Reserven zehren. Auch was diese betrifft, ist es zurzeit nicht einfach; die Depression liegt stetig auf der Lauer und lässt sich nur noch schwer einhegen. Medikamente sorgen dafür, dass der schwarze Hund weitgehend eingesperrt bleibt, aber man darf ihn nicht aus den Augen lassen, denn dann schiebt er sofort seine gierigen Krallen unter der Zwingertür hindurch. Die Düsternis auch am Tage, der ewige Regen und eine Dämmerung, die bereits kurz nach 15 Uhr in den grauen Himmel sickert, macht die Sache nicht besser. Und so stelle ich täglich den Wecker, obwohl ich das nicht müsste, um nicht zuviel vom ohnehin spärlichen Tageslicht zu verpassen, setze Seele und Netzhaut dem mit Glück etwas hellerem Lichtstreif überm Meer aus, atme die aerosolhaltige Luft, schaue Möwen, Sanderlingen und Schneeammern zu und versuche, so irgendwie diese dunklen Tage zu überstehen ohne größere Blessuren. Mein Vogelhaus auf dem Balkon beschert mir zwar eine Menge zusätzlicher Putzarbeit (wer frisst, kackt auch ordentlich), bringt aber auch eine Menge wohltuendes Leben auf die Bude. Sogar ein Zaunkönig, über den ich mich immer besonders freue, kommt beinahe täglich vorbei. Dazu Meisen, Spatzen, Rotkehlchen, Drosseln. Ich stehe gerne am Fenster und schaue den Tieren zu. Wie sehr sie sich über das Wenige freuen. Auch wenn es unter ihnen natürlich auch eine Menge Streit um die Knödel gibt.

Streit ist auf der Welt rund ums Vogelhaus noch zur Genüge. Auch das lässt mich nicht wirklich los; es ist immer noch Krieg in der Ukraine, aber die Solidarität und das Mitgefühl nehmen spürbar ab, erschreckenderweise sogar im Bekanntenkreis. Die Ukrainer könnten das doch beenden, wenn sie verhandelten, heißt es. Aber was gibt es bei einem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg zu verhandeln? Diese Leute sitzen in ihren warmen Wohnzimmern und ich frage mich, wenn jetzt ein Einbrecher dort einmarschierte, würden diese Leute dann allen Ernstes anfangen zu verhandeln, damit der Überfall schneller vorbei ist? Den Kronleuchter ja, das Bild nein. Nein?
Und hätte ein Einbrecher da überhaupt Interesse dran? Zumindest wohl keiner, dem es um die ganze Immobilie geht und nicht nur ums Porzellan. Ich höre mir diesen Mist meist widerstandslos an, mir fehlt die Kraft, oft bin ich auch einfach feige, weil ich die Leute eigentlich mag oder zumindest mal mochte. „Mit dem Adolf hätten sie damals auch nicht verhandeln können, als er in Polen einfiel“, fällt mir vielleicht noch ein, aber spätestens, wenn sogar dazu noch Relativierungen kommen, hat mein Heldentum ein Ende. Es ist zwecklos.

Dieser Tage fällt es schwer, das Licht des Advents zu entdecken. Natürlich, in der Kirche hängt der Kranz und die Gemeindechefin sorgt auch dafür, dass die Adventskerzen dauerhaft leuchten. Hinzu kommen die Opferkerzen, die noch immer — auch um diese Jahreszeit — in erstaunlich großer Zahl entzündet werden. Im Fürbittbuch herzzerreißende Einträge, viele voll Trauer mit der Bitte um Trost. Etliche kirchliche Nachrichtenportale bemühen sich um frohe Botschaft dieser Tage, betonen die Wichtigkeit von Hoffnung als Kern des Glaubens. Die Hoffnung darauf, dass SEIN Licht immer da ist, auch wenn wir es kaum noch zu erkennen glauben. Ich glaube daran, aber es ist trotzdem manchmal anstrengend, danach Ausschau zu halten, und man muss viel Schutt in der Seele und um sich herum beiseiteräumen, um Zugang zum Licht zu bekommen. Ich weiß, dass es da ist, und dass man jederzeit Herz und Hände daran wärmen kann. Dennoch ist das an manchen Tagen mühsamer als an anderen: Kälte draußen, Kälte in der Gesellschaft. Und irgendwo ganz weit drinnen ein einziges, kleines, aber lebenserhaltendes Licht.

Die vielen Adventsfeiern, die ich beruflich besuchen muss, tun ein Übriges dazu, dass bei mir keine rechte Stimmung aufkommen kann, denn zu sehr verknüpfe ich Glühwein- und Plätzchenduft und dekoriertes Tannengrün inzwischen mit Arbeit. Die Freundin und ich versuchen uns Lichtinseln zu schaffen, in dem wir Kurzurlaube planen; einen Ausflug zum Weihnachtsmarkt auf dem Festland, einen Zoobesuch. Irgendwas, an dem wir uns, die Vorfreude wie ein Tau nutzend, durch die trübe Zeit hangeln können. Wenn mich in der dunklen Umklammerung des Winters die Enge meiner Wohnung zu ersticken droht und klamme Feuchtigkeit in alle Ecken zieht, versuche ich mir vor Augen zu halten, wie verdammt privilegiert ich allein durch das Vorhandensein von fließendem Wasser und Strom, sei er auch noch so teuer, bin; zumindest im Vergleich zur gesamten Weltbevölkerung. Wir jammern hier ja durchaus auf hohem Niveau, das ist schon richtig. Also will ich nicht undankbar sein, denn immerhin, und auch das ist mir beständiger Trost, habe ich ja noch die Weite des Meeres um mich und zumindest Richtung Osten die nahezu unberührte Natur der Dünenlandschaft und der Salzwiesen. Der Wetterbericht verspricht noch wenig Hoffnung auf hellere Tage, aber auch die werden kommen, sie kamen ja immer.

Wie merkwürdig hingetupft dieser letzte Satz klingt, denke ich. Wie ein unachtsam verprengter Farbklecks. Weil man irgendwann mal gedacht hat, dass die Leute nichts lesen wollen, was nicht zumindest mit irgendeinem Hoffnungsschnipsel endet. Vielleicht sollte man den Leuten aber auch einfach mehr zutrauen. Oder, zumindest manchmal, auch bewusst eine Zumutung sein.

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Allen Leser:innen wünsche ich eine gesegnete Adventszeit mit möglichst vielen Lichtinseln!

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DANKE

Die ersten zwei Lesungen der Saison sind geschafft und Herbert (der Akkordeonist) und ich freuen uns sehr über wunderbare Rückmeldungen, interessante Gespräche im Anschluss und über viele aufmerksame Zuhörerinnen und Zuhörer. Meine Prosa und Herberts ergreifende Variationen wehmütig-schöner Stücke wie „Greensleeves“ oder „Valse Triste“ ergänzen und bereichern sich dabei auf schönste Weise. „Die Worte fangen durch die Musik im Nachhall an zu tanzen“, beschrieb es eine Zuhörerin. Ich persönlich bin sehr froh, Herbert bei meinen Lesungen jetzt an meiner Seite zu haben, denn zwei Künste sind besser als eine 😉

Wer das auch einmal erleben möchte: Nächster Termin ist Mittwoch, 26. Oktober, 20:00 Uhr in der Kajüte am Strandjepad. Danach folgen Lesungen am 16. Dezember (Gulfhof Friedrichsgroden, Uhrzeit folgt) und am 30. Dezember, 20.00 Uhr (Kajüte).

Herbstausklang


Der Herbst ist bereits weit fortgeschritten. Die Hagebutten der Hundsrosen leuchten aus immer kahleren Zweigen und letzte Zugvogelschwärme sammeln sich für die Reise in ihr Winterquartier. Am Strand entdecke ich erste Sanderlinge: Die winzigen Vögelchen sind Wintergäste auf Langeoog und ein Anblick, der das Kommen der Kälte eindeutig versüßt. Aber noch ist es nicht kalt auf Langeoog. Die Luft ist noch immer warm und es tut gut, sich davon mit tiefen Atemzügen beleben zu lassen, während die Natur sich immer mehr zur Ruhe bettet. Die Sturmböen der vergangenen Tage haben das Meer aufgewühlt, von den Wellenkämmen sprüht die Gischt in langen Fontänen. Sogar der flache Priel, an dem die kleinen Sanderlinge nach Futter suchen, zeigt einen beachtlichen Wellengang. Ich gehe ein Stück am Flutsaum entlang. In der Ferne lassen Familien Drachen steigen. Ich spüre den kräftigen Westwind im Rücken und weiß, dass ich ihn auf dem Rückweg verfluchen werde, aber in diesem Moment tut er einfach nur gut. Er schiebt mich sanft voran auf meinem Weg, treibt den Sand neben mir her und ich freue mich über diese friedlichen Begleiter sowie über jeden Meter, den ich vom Inseldorf weiter Richtung Ostende gelange. Weg von Hektik und Eitelkeiten, weg von Stress und Streit. Hinein ins Königreich der Vögel, des Windes und der Wellen: Den einzig legitimen Herrscherinnen hier auf dieser Insel, deren Schönheit und natürlicher Autorität aller Respekt und jede Ehre gebührt. Allein: Die Natur braucht keinen roten Teppich. Auch hamstert sie keine Pracht, sondern verschenkt all ihren Reichtum täglich. Und wir, die wir diese Großzügigkeit kaum noch verdienen, brauchen nichts weiter tun, als ihn anzunehmen. Nun ist es mit der Natur aber oft nicht anders als mit den Menschen untereinander: Wer einen Finger gereicht bekommt, langt all zu oft nach dem ganzen Arm. Mich macht der Gedanke traurig, dass all das hier irgendwann nicht mehr da sein könnte, weil einige Leute oder ganze Nationen den Hals nicht vollkriegen können. Klimawandel, Meeresvermüllung, you name it. Und doch interessieren diese globalen Fragen, auf die es auch nur globale Antworten geben kann, meist weniger als das tägliche Kleinklein, und ich nehme mich davon nicht unbedingt aus.
Das ornithologische Kleinklein in Form der Sanderlinge flitzt weiter längs am Priel entlang und ich bleibe stehen, um ihnen zuzusehen. Morgen beginnen die Zugvogeltage und ich erinnere mich an die Jahre, in denen ich als Urlauber daran teilnahm. Herrlich war es, denn ganzen Tag nichts anderes zu machen, als unter fachkundiger Anleitung durch diese herrliche Landschaft zu stromern und all diese kleinen gefiederten Wunder durch riesige Spektive zu bewundern, die wir den ganzen Weg über auf den Fahrrädern mitschleppten. Abends fiel man, ebenso glücklich wie erschöpft, in einen Stuhl in irgendeinem Restaurant und ließ sich etwas Leckeres servieren, bevor man in der Ferienwohnung den Tag bei einer Tasse Tee beendete. Voller Vorfreude auf den nächsten Sonnenaufgang und den Fasan, der mit kupferglänzendem Gefieder meckernd durch den Vorgarten schritt.
Ich mache mich auf den Heimweg, denn nun, im Alltag auf der Insel, wartet noch anderes auf mich als Essen, Ausruhen und Fasane. Über der Dünenlandschaft steht ein Turmfalke nahezu starr in der Luft, unterbrochen von kurzen Rüttelflügen und einem Hinabstürzen ins Dünengras, sobald er ein Beutetier entdeckt. Ich bewundere den eleganten Jäger für seine Beharrlichkeit, denn es sieht nicht so aus, als würde er nach jedem Sturzflug etwas erlegen. Aber er steigt immer wieder auf, späht immer wieder aufs Neue hinab: Der Hunger muss gestillt werden, bevor der Winter kommt.
Etwas ratlos betrachte ich das Jahr, das nun schon wieder zuende gehen will, kaum, dass man es in Händen hielt. Und dann reden die Menschen von Entschleunigung auf Langeoog, denke ich. Schön wär’s. Aber letztlich sind es ja doch diese kurzen Momente des Innehaltens, die uns wieder Atmen lassen und das Rotieren der Welt ein bisschen bremsen: Der rüttelnde Turmfalke, die emsigen Sanderlinge, die leuchtenden Hagebutten. Ich steige aufs Rad und stemme mich mit frischen Kräften gegen den Wind.

Neue Postkarte: Junger Uhu

Inspiriert von einem Besuch im Hildesheimer Dom malte ich diesen kleinen Uhu. Postkarten sind ab sofort erhältlich, auch das Original gibt es noch auf Anfrage. Original Buntstift/Ölpastellkreide/Papier. Postkarten stabiles Premiumpapier seidenmatt beschichtet.

Tankstelle

Und plötzlich ist mir adventlich zumute. Am Wetter liegt es nicht, denn obwohl es Anfang September ist, zeigt das Thermometer heute 28°C an und die Wohnung der Freundin mit ihren Südfenstern ist eine Sauna. Auch liegt es nicht an den ersten Weihnachtssüßigkeiten, die wir dieser Tage in einem Supermarkt sichteten, denn das ist um diese Zeit ja nun wirklich keine Überraschung mehr. Doch nun ist da dieser Katalog eines spirituellen Buch- und Geschenkehandels, durch den ich blättere, während die Freundin irgendetwas in der Küche hantiert. Ich sehe hübsch dekorierte Kerzen, Backutensilien, Schwibbögen, Engelchen und all diese Dinge, die die Geborgenheit eines weihnachtlich geschmückten Zuhauses ausstrahlen. Derweil zieht der Duft von Tee zu mir rüber. Die Freundin setzt sich, und plötzlich wünsche ich, es wäre Advent. Ich sehe uns Plätzchen und Klöße formen, knusprige Ente aus dem Ofen ziehen und nach Nelken duftende Wildpastete essen; ich sehe glänzendes Geschenkpapier mit zarten Bändern vor mir, ebenso glänzende Augen und rote Wangen vom Strandspaziergang. Wir würden kuschelige Stricksachen tragen und uns aneinander wärmen, während die drückende Sommerschwüle kristallklarer Winterluft gewichen ist. Zweifelsohne würde ich mich zugleich über die Scheißkälte beschweren und vom nächsten Frühling in luftigen T-Shirts und Stoffhosen träumen, von den bunten fröhlichen Farben des Osterfestes und all den Verheißungen eines noch jungen Jahres. Und doch frage ich mich, woher sie kommt, diese plötzliche Weihnachtssehnsucht, jetzt, wo nicht einmal etwas vom Herbst zu spüren ist. Vermutlich, denke ich, ist es eher die Sehnsucht nach dem Innehalten, nach dem heimeligen Kokon des Privaten, nach der Schönheit der Insel in der Winterstille.
Die letzten Tage waren das Gegenteil von Innehalten, denn leider gilt auch bei der Urlaubsplanung: Zeit ist Geld. Wenn man sich nicht viele Tage leisten kann, bedeutet das also, in kurzer Zeit möglichst viel herumkommen zu wollen, und so bereisten wir in 5 Tagen 5 Orte. Schön war das schon; wir sahen zauberhafte Architektur, Natur und Tiere, sogar alte Freunde waren mit im Programm. Und doch war alles so schnell wieder vorbei wie ein schnell geträumter Traum während eines Mittagssschlafs. Und es ist ja nicht nur die Urlaubszeit, die vielleicht ein wenig zu vollgepackt war. Das ganze Jahr ist gefühlt ein wenig zu voll gepackt mit all seinen Hiobsbotschaften von Krieg und Energiekrise, von Inflation, Rezession, Dürre und Waldbränden und all dem. Ist es da verwunderlich, wenn auf der anderen Seite die Sehnsucht nach einem Heile-Welt-Nest wächst?

Ich erinnere mich an eine Zeit „vor vielen, vielen Monden“, wie es mein Freund H. formulieren würde, als ich unter grässlichem Liebeskummer litt. Aus allem war die Farbe gewichen; kein Ort, an den ich gehen konnte, wo nicht auf irgendeine Weise eine Lücke mit der Kontur des so elendig vermissten Menschen klaffte. Und in genau dieser Zeit hatte ich einmal einen Traum: Nicht vom Kummer, sondern vom Gegenteil. Im Traum wohnte ich mit diesem Menschen in einem wunderschönen Landhaus, wir verstanden uns wortlos; alles war vertraut und unverkrampft. Wir lasen Zeitung und tranken Tee, während die Dahlien im Garten vorm Fenster der Wohnküche ihre Köpfe im warmen Herbstwind wiegten. Unweit davon spiegelte das Meer weiches Sonnenlicht. Das Aufwachen aus diesem Traum und das Realisieren, in welcher grauen und kalten Wirklichkeit ich mich befand, war, man ahnt es womöglich, eher unerfreulich. Ein Freund, dem ich damals davon erzählte, nannte es mit seiner lakonischen Ader einen „Laura-Ashley-Traum“und das war so treffend, dass ich ihm nicht einmal im Ansatz deswegen böse sein könnte. Bedienten die romantischen, heimeligen Landhaus-Designs des ehemals britischen Unternehmens nicht genau solche Cottage-Sehnsüchte stressgeplagter Städter:innen?

Auf Langeoog im Allgemeinen und mit meiner zukünftigen Ehefrau im Besonderen bin ich, dem Herrn sei es gedankt, zwar in weiten Teilen in einer Laura-Ashley-Realität angelangt, aber dennoch denke ich rückblickend, dass dieser Traum damals wichtig und notwendig war, um meiner kummergeplagten Seele eine Pause zu ermöglichen. Und so ist es wohl auch mit meinem plötzlichen Anfall von Weihnachtssehnsucht. Es ist wohl weniger das Fest selbst oder gar die Sehnsucht nach dem Winter als das Verlangen nach einer Pause für die Seele, nach „Einmal Volltanken mit Frieden, Geborgenheit und Wärme, bitte.“ Von dieser Tankfüllung lässt sich dann, mit Glück, auch bis Ostern zehren.

Hoffnung

„Die Gewalt, der Terror und der Hass werden ein Ende haben“, verspricht der Priester, und er strahlt dabei so vereinnahmend, dass man ihm das nur zu gerne glauben möchte. Das sei Jesu Botschaft: Die Hoffnung auf Frieden. Das Leben in Fülle. Auch und gerade in Zeiten, wo dieser grässliche Krieg unser Europa fest im Griff hat und wir alle dessen Auswirkungen langsam zu spüren bekommen, auch wenn unser Haus nicht in der Ukraine steht. Doch die Hoffnung und Zuversicht auf ein Ende des Elends sei das, was uns durchhalten helfe. Jesu Trost und Versprechen an uns. „Credo!“, möchte ich unverzüglich ausrufen, „credo!“ — Wenn es nicht so schwer fiele. Dabei ist auch der nette Priester keinesfalls weltfremd, vielmehr sitzen die Kriegsgräuel im Wortsinne täglich bei ihm am Tisch, denn er hat Dutzende ukrainische Geflüchtete bei sich im Priesterseminar aufgenommen und wird deren Geschichten mit Sicherheit anhören.
Ich gebe zu, dass ich kaum noch schaffe, mich bezüglich des Krieges auf dem Laufenden zu halten; ich kann mich schlicht nicht überwinden, all diese Artikel über so viel Leid zu lesen, auch wenn ich das als mündiger Bürger müsste. Das meiste bekomme ich nur noch über unermüdlich engagierte Freunde mit, denen an dieser Stelle meine ganze Bewunderung gilt. Ich bin so leider nicht. Ich bin feige.
Und dennoch kann ich nicht weglaufen, denn einflatternde Rechnungen für Strom und Gas in absurder Höhe sowie verschiedene, kriegsinduzierte Lieferschwierigkeiten im Warenverkehr erinnern mich täglich daran, dass der Krieg seine hässlichen Krallen längst auch um Deutschland gelegt hat. Die Freundin ist nicht mit in der Kirche. Sie spült nach Feierabend noch in einem Freizeitheim, der Preissteigerungen wegen. Damit wir zumindest tageweise noch Urlaub machen können oder überhaupt mal irgendeine Form von Lustkauf drin ist. Und dass, obwohl sie einen systemrelevanten Hauptjob hat, der der Gesellschaft aber letztlich doch nur Worthülsen und hohlhändigen Applaus wert ist. Auch meine Einkünfte werden von den Fixkosten fast gänzlich gefressen und es wäre mehr als traurig, wenn der Inseltraum nach so vielen glücklichen Jahren letztlich am Geld scheitern müsste. Ich denke, dass es keinem Ort, keiner Insel und keiner Region guttäte, zu einem Reichenbiotop zu verkommen, wo man die Angestellten nach Feierabend in irgendwelche Vororte, wahlweise aufs Festland, abschiebt, und ich hoffe, dass Langeoog nicht so endet.

Der Himmel über der Insel ist strahlend blau. Schwalben umschwirren die Kirche, als ich ins Freie trete. Nachts höre ich das Meer rauschen und danke Gott, dass dieses ferne Rauschen wirklich das Meer ist und keine Straße, dass ich morgens nicht von Hupen und Autotürenknallen geweckt werde, dass sich keine Besoffenen nächtens anschreien und in die Vorgärten kotzen. Ich bin froh, an einem Ort zu leben, der es einem leicht macht, an ein gutes Ende von allem Elend zu glauben.
Aber macht es nicht vielleicht auch leichtsinnig, an so einem Ort zu leben? Not, Armut, Kriminalität und Gewalt sind zumindest auf den ersten Blick so weit weg, auch wenn es das auf Langeoog, obschon in kleinen Dosen, natürlich ebenfalls gibt, die Inselpolizei wird es bestätigen können.
Und doch ist die Gefahr groß, sich von dieser Schönheit und zumindest oberflächlichen Unschuld verführen zu lassen und zu denken: Solange ich hier bin, bin ich in Sicherheit. Alles Schlechte ist so weit weg, wie könnte es an so einen Ort gelangen? Ebenso verführt das strahlende Lächeln des Priesters dazu, ihm alles zu glauben was er sagt; alles, was er von Jesus erzählt, und davon, dass alles gut wird. Ich will ihm glauben. Jedes seiner Worte über Hoffnung, Frieden, Fülle und Zuversicht. Und doch ist nicht nur der Krieg längst um uns, sondern auch das Artensterben, der Klimawandel sowie ein umsichgreifender Egoismus und Sozialdarwinismus, der einen nicht nur aus den Kommentarspalten im Internet täglich anbrüllt.
Indes: Was bliebe uns vom Leben ohne Hoffnung? Wäre das nicht mindestens so trostlos wie ein Schottergarten ohne Blumen und Schmetterlinge, wie abgemagerte Eisbären auf schmelzendem Eis, wie sterbende Wälder und Monokulturen? Auf einem Bild aus der Ukraine sehe ich ein Paar, das zwischen Trümmern heiratet. Die haben Hoffnung, denke, ich, sonst würde man das nicht machen. Über den zerbombten grauen Häusern sieht man ein Stück Himmel.

Lesungen * Lesungen *Lesungen

Liebe „Momentaufnahmen“-Freund:innen,
Ich freue mich enorm, für diesen Herbst und Winter gleich 5 Lesungstermine bekommen zu haben. Alle sind öffentlich — Herzlich Willkommen!
Hier eine Übersicht:

Freitag, 14. Oktober: Pfarrheim St. Nikolaus
Mittwoch, 19. Oktober: AWO Kajüte
Mittwoch, 26. Oktober: AWO Kajüte
Freitag, 16. Dezember: Gulfhof Friedrichsgroden, Carolinensiel
Freitag, 30. Dezember: AWO Kajüte

Jeweils 20:00 Uhr (außer Carolinensiel, da 19:00 Uhr). Der Eintritt ist frei!

Und ich darf noch eine, wirklich wunderbare Neuerung verkünden: Künftig sorgt mein lieber Freund Herbert Grohmann am Akkordeon für die passende musikalische Atmosphäre zwischen den Texten. Ich freue mich sehr über diese Bereicherung!



Furcht

Irgendwo in den Tiefen des www freut sich jemand über seinen baldigen Umzug nach Langeoog. „Herzlich willkommen“, schreibe ich. „Der Inselkoller kommt schon noch“, unkt jemand anderes. Ich ärgere mich über diese Miesmacherei, erinnere ich mich doch gut an die Euphorie der ersten Inseltage. Kann man das jemanden nicht einfach mal gönnen? Zugleich ziehe ich innerlich Bilanz. Hatte ich ihn wirklich nie, diesen berüchtigten Inselkoller, der laut des Kommentierenden ja zu kommen hat wie das brühmte Amen in der Kirche? Die Antwort ist auch nach acht Jahren auf Langeoog ein rundum überzeugtes Nein.
Zweifelsohne gibt es Momente, in denen es nervt, nicht jede Einkaufsoption und nicht jede kulinarische Richtung an Restaurants verfügbar zu haben; keine Auswahl an Kinos, keine größere Bandbreite Kleinkunst, keinen Botanischen Garten und keinen Nadelwald.
Aber ein Gefühl der Enge, des Eingeschlossenseins oder gar der Langeweile? Nein. Enge sind für mich graue Häuserschluchten; verloren fühle ich mich in den blinkenden, lärmenden und nimmermüden Straßen einer Großstadt; einsam in anonymen Menschenmassen. Weite geben mir das Meer, die vom späten Sonnenlicht vergoldete Dünenkette, die Zugvogelschwärme im Frühjahr und Herbst. Die Stille im Winter, wenn man am Strand nur das Knacken der dünnen Eisschicht unter den Schuhsohlen, den Wind und das Zwitschern der Schneeammern hört, gibt mir Seelenfrieden. Auch dass die besten Freunde Hunderte Kilometer entfernt leben, empfinde ich nur gelegentlich als Fluch; viel öfter aber als Segen. Schließlich ist die physische Distanz ein Garant dafür, dass man bei diesen Freunden unzensiert über die Undelikatessen des Insel-Alltags reden kann, weil sie kein Teil des Langeooger Mikrokosmos sind und man nicht erst Nachforschungen anstellen muss, wer mit wem alles verwandt ist und ergo befangen sein könnte. Es ist ein schönes Leben.

Trotz allem möchte ich ein Insulanerdasein nicht pauschal empfehlen, denn es ist wohl vor allem eine Typfrage, ob man auf Langeoog dauerhaft leben kann oder nicht. Oder eine Frage der persönlichen Bindung an die Insel, denn wer hier quasi schon immer lebte oder viel Familie vor Ort hat, hat natürlich noch einmal einen ganz anderen Bezug (und einen anderen Alltag) als jemand, der neu hinzukommt und sich erst einmal durch das Dickicht gesellschaftlicher Verflechtungen und Tabuthemen fräsen muss, bevor er oder sie überhaupt seinen eigenen Platz finden kann. 
Was ich jedoch pauschal empfehlen kann, ist, sich Neuem ohne Angst zu stellen und an seinen Träumen festzuhalten. Es lohnt sich. Sofern sie nicht in Leichtsinn umschlägt, lohnt sich Furchtosigkeit eigentlich immer. Sei es bei einem Insel-Umzug oder in der Liebe.

Meine Liebe ärgert sich gerade über eine querfliegende Haarsträhne, als ich mit ihr an den Strand eile, um den letzten Rest Sonnenuntergang einzufangen. Die Luft ist weich und warm; die Priele füllen sich mit glitzerndem Wasser und über allem liegt der Dunst eines Spätsommertages. In der Nähe ankert ein hell erleuchtetes Arbeitsschiff, und ich denke an die Leute, deren Übergangsheimat nun dieses Schiff ist. Vielleicht essen sie gerade, machen ein Spiel oder unterhalten sich irgendwo in den engen Räumen; vielleicht sucht auch jemand Luft und Ruhe an der Reling und schaut auf den Strand, so, wie ich jetzt auf dieses Schiff schaue. Und dann steht da dieses Pärchen am Wasser, eins von vielen, und das sind wir.

In diesem Jahr hat sich auch die Natur ein gutes Stück Strand erobert. Büschel von rosablühendem Meersenf spießen zwischen den Strandkörben und ich bin froh, dass sie niemand untergepflügt hat. Dass es oft gut ist, Dingen einfach ihren Lauf zu lassen, zeigt sich aber nicht nur am Meersenf. Denn auch die Frau an meiner Seite wäre nicht ebenda, wenn wir uns auf das Wagnis „Zweisamkeit“ nicht eingelassen hätten. Und die Versuchung, es einfach wieder zu lassen, war groß. Zu sehr hatten wir uns im Alleinsein eingerichtet; zu schlecht waren frühere Erfahrungen mit der Einsamkeit zu Zweit. Und ich muss zugeben, dass die Angst vor diesem Wagnis wesentlich größer war als die vor dem Umzug nach Langeoog, denn hier gab es keinen Plan B und keine Probezeit. Auf die Liebe, das war mir klar, müsste ich mich in diesem Fall ganz einlassen — oder gar nicht.

Den Verlobungsring meiner Freundin ziert ein kleiner Stern aus Brillantsplittern, und ich mag es, wie sein Glitzern wiederum viele kleine Sterne erzeugt, ebenso wie die Wellen im Priel, die das Sonnenlicht spiegeln. Ein Leuchten und Funkeln, obwohl darunter und drumherum soviel Dunkelheit ist, soviele Gefahren — und soviel, von dem wir nichts wissen und das uns wohl immer fremd bleiben wird. 
Die Tage durchforsteten wir die Bibel nach einem Trauspruch, denn auch wenn uns unsere Kirche schmerzlicherweise das Sakrament verweigert, soll uns doch zumindest eine kleine, private Segensfeier vor Gott einen. 
„Furcht gibt es in der Liebe nicht. Die vollkommene Liebe vertreibt die Furcht“, heißt es im Johannes-Evangelium, und wir wussten sofort: Der ist es.

Furcht ist, das kann ich wirklich bezeugen, fast immer ein schlechter Ratgeber, und das sage ich als jemand, der eigentlich alles andere als risikofreudig ist, der Rückzugsräume braucht und immer etwas, das Halt und Heimat gibt. Wo aber genug Liebe ist — die zum Meer, die zu einem Menschen — da ist die Furcht nicht. Und sollte sie sich doch einmal wieder als brummendes Hintergrundgeräusch bemerkbar machen, so lässt sie sich trefflich vom Seewind übertönen.

Stare

Jedes Jahr wieder ein tolles Spektakel — man sollte allerdings lieber nicht direkt unter so einer Starenwolke stehen, sonst ist man schnell ähnlich gesprenkelt wie die Vögel selbst — nur weniger hübsch 😉
Zurzeit laben sich die einzig wahren „Stars“ der Insel an den ersten Sanddornbeeren, den Hagebutten und den Holunderbeeren.