Leseempfehlung: Langeooger Geschichtswerkstatt

Tatsächlich bin ich vor Kurzem erst auf dieses Juwel aufmerksam geworden. Wer sich für Langeooger Geschichte interessiert, insbesondere die Kriegsjahre, wird hier fündig. Spannende Zeitzeugendokumente werden aufbereitet und verständlich in Kontext gesetzt. Hut ab vor den Kollegen, die dieses Projekt offenkundig mit viel Herzblut und Wissen umsetzen. Ich bleibe dran!

https://langeoog.wordpress.com

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Gefiederte Frühlingsboten: Jetzt neu!

Die neuen Postkarten sind ab dem 17. Februar lieferbar!

Zum Frühling hier also die zweite Edition mit drei neuen und zwei altbewährten Motiven. Die Karten kosten 1€/Stck. Abzuholen auf Langeoog oder zzgl. Briefporto. Motive: Schneehühner, Kleiber, Wacholderdrosselküken, Schwanzmeise, Eisvogel. Die Rückseiten sind neutral zum Beschriften. Tipp: Am jeweils letzten Samstag im Monat bin ich auch mit einem Stand auf dem Regenbogenmarkt im Beiboot auf Langeoog vertreten.
Alle, die nicht persönlich vorbeikommen können, schicken mir ihre Bestellung mit Motivwunsch und Menge bitte an mayk.dorian@gmail.com
Ich freue mich ❤

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Kleiber

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Schwanzmeise

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Schneehühner

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Wacholderdrosselküken

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Eisvogel

Momentaufnahme, Plan B

Tapfer recken meine Primeln, Hyazinthen und Narzissen Ihre Köpfchen und Blätter dem fahlen Licht entgegen, das durch das Kellerfenster fällt. Die ihnen eigentlich zugedachten Plätze auf dem Balkon sind verwaist. Ich kaufte  sie in einem Überschwang von Frühlingsoptimismus; an einem Wochentag, an dem es bereits so warm war, dass ich sogar in Erwägung zog, die Winterjacke in den Keller zu schaffen. Dann kam der Frost zurück, und anstelle der Jacke wanderten die Blumen in den Keller. In zwei Tagen hole ich sie wieder hoch, dachte ich, aber es wurde eine Woche Dauerfrost daraus, ich weiß nicht, wie lange der noch anhält.
Mit leichter Betrübnis blicke ich auf die leeren Balkonkastenhalterungen, während feiner Schneegraupel über die verbliebenen, winterharten Pflanzen peitscht, und komme zu der Erkenntnis: Frühling ist eben nicht planbar. Egal, wie sehr man ihn sich herbeisehnt.

Auf dem täglichen Weg zum Strand wird es bitterkalt. Ich kehre in eines der beiden Restaurants ein, die direkten Meerblick bieten, damit ich das Wasser wenigstens noch sehen kann, wo es schon draußen nicht mehr auszuhalten ist. Im Sommer sind diese brechend voll, aber jetzt geht es, und ich bekomme sogar einen Platz direkt am großen Panoramafenster. Ein Turmfalke ist über der Düne auf Beutezug; er rüttelt so nah über dem Fenster, dass ich sein schönes, rostbraunes Gefieder sehen kann.
Ich lasse mir 24 Stunden lang gegarten Rinderschmorbraten auf der Zunge zergehen, vom Langeooger Weiderind. Es schmeckt sehr gut, und Unternehmen, die auf Erzeugnisse aus der Region setzen, unterstütze ich grundsätzlich gerne, aber dennoch hoffe ich, dass ich nicht genau diesem Rind des Sommers in die Augen blickte. Es ist schon manchmal ein Dilemma: Ich mag Tiere. Aber ich mag sie auch essen.

Im Herbst gibt es hier immer Wildwochen. Jeder kennt die Fasane, die treuherzig alle naselang die Spazierwege kreuzen und durch die Vorgärten flanieren. Und jeder kennt die Hasen, die besonders gern in der Dämmerung oder in den frühen Morgenstunden über die Straßen flitzen; dabei so manchen Radfahrer erschreckend. Es sind schöne Tiere, die aber keine natürlichen Fressfeinde haben: Es gibt keine Füchse auf Langeoog, und nicht allzu viele Greifvögel. Und so werden die Hasen und Fasane hier zur Bestandsregulation bejagt.

Ich ahnte, dass die Dinge schiefliefen, als der Mann, für den ich mich zu jener Zeit erwärmte, sich darüber fürchterlich echauffierte. Er wäre ja einerseits gern nochmal im Herbst auf die Insel gekommen, andererseits: Was hätte er nicht soeben GRAUSAMES und UNSÄGLICHES über die Jagd auf Langeoog lesen müssen! Die armen Häschen! Auf einen dergestalt blutbesudelten Flecken Erde könne man nicht mehr reisen, auf gar keinen Fall.
Ich erinnerte mich an kurz zuvor von ihm gegrillte Steaks und mutmaßte, dass auch diese Viecher nicht zu Tode gestreichelt wurden ― aus Harmoniegründen verkniff ich es aber, auch ihn daran zu erinnern. Und so schlug ich, den gemeuchelten Feldhasen zu Lebzeiten gleich, den ein oder anderen Haken des geduldigen Erklärens in Sachen Überpopulation, ökologisches Gleichgewicht und so fort. Auch erläuterte ich, dass man hier nicht einfach einen Fuchs aussetzen könne, weil der auch an die Gelege der seltenen Brutvögel ginge, und so müsse man Prioritäten setzen. Natürlich sei es diskutabel, was der Mensch überhaupt auf so einem empfindlichen Fleckchen Erde verloren habe, und warum sich dieser grundsätzlich als Krone der Schöpfung begriffe, aber Homo sapiens sapiens wohne nunmal ebenfalls bereits seit ein paar Jahrhunderten auf Langeoog und verteidige lediglich diesen Lebensraum: Wie jedes andere Tier auch.
Ferner vermied ich auch, den Mann daran zu erinnern, was seine geliebte Katze nicht alles an Vögelchen (die ich wiederum liebe) und anderen Tieren  gemeuchelt habe, denn spätestens dann hätten wir uns im Kriege befunden ― wenn auch mit vorerst anderen Waffen als jenen, die mir heute den Rinderbraten ermöglichten.

Natürlich wünsche ich im Grunde jedem Lebewesen, inklusive den Fasanen und Feldhasen und mir, irgendwann friedlich an Alterschwäche zu sterben, und selbstverständlich kann man über die Notwendigkeit des Fleischessens als solche diskutieren, aber selbst wenn ganz Langeoog zum Veganismus überliefe: Einige Tiere müssten geschossen werden, so oder so. Und jetzt werden sie immerhin noch gegessen.
Der Mann leerte noch einen großen Kübel Verbaljauche über die Langeooger Jäger und zog sich dann schmollend nach Passiv-Aggressivistan zurück; mich fortan in den Reihen der marodierenden Mörderbanden vermutend. Ich widersprach nicht. Der Mann im Haus gegenüber jagt auch, sagte ich noch. Aber er hat mir umsonst mein Fahrrad repariert und grüßt immer nett. Dieses Argument indes, nunja: verpuffte. Der Mann schwieg.
So entzweit man sich also über verdammte Hasen, dachte ich, und überlegte kurz, ob so ein Jagdschein nicht eine feine Sache wäre: Aus Trotz. Aber dann war es mir nicht mehr so wichtig.

Letztendlich, denke ich, war dieses Theater wohl auch nur ein willkommener Vorwand, um nicht mehr herkommen zu müssen; ein inszeniertes Provinzdramolett, hübsch drapiert um einen vermutlich aufrichtigen, aber durchaus befremdlichen Kern der Entrüstung. Man schafft es ja immer, sich Dinge und Menschen schlechtzureden, wenn man es nur genug will. Niemand beendet gern Dinge grundlos. Und so schafft man sich Gründe, wenn nicht wirklich welche da sind oder man sich die wahren Gründe nicht eingestehen möchte: Dessen sind und waren wir wohl alle irgendwann mal schuldig.

Umgekehrt funktioniert das leider auch. Wir lernen jemanden kennen und denken anfangs „naja“, weil eigentlich nicht mein Typ u.s.w., aber dann will man sich unbedingt verlieben, um zu sehen, ob das noch geht, und um einen anderen zu vergessen, und dann sieht man genauer hin und findet das Schöne, das Gute, das Begehrenswerte überall, weil man es finden will. Das ist wie mit den Frühlingsblumen: Wenn ich sie kaufe, wird es warm. Ganz sicher. Wenn ich ihn liebe, wird es schön. Ganz sicher.

Für eine Weile klappt das auch, aber dann kommt der Frost zurück und wir stehen da. Und sind froh, wenn wir einen Keller zum Überwintern haben, wenigstens für die Blumen. Für die Gefühle zwischen dem Mann und mir indes gab es keinen Platz mehr: Sie erfroren, kaum erblüht.
Der Falke schwebt erneut nah an der Fensterfront vorbei.

Mein lieber Freund F. aus Berlin hat Eichhörnchen. Oder, vielmehr: Die Eichhörnchen haben ihn, denn es gibt wohl kaum einen Menschen, der dem Charme dieser plüschigen Gesellen mit den Puschelohren nicht verfiele, wenn sie ihn so regelmäßig auf seiner Terrasse besuchten, wie sie es bei F. zur Gewohnheit haben. Dieser Tage, berichtete F. besorgt, kam eines der Hörnchen nicht wieder. Er befürchtete, ein Falke habe es geholt; er habe den Vogel selbst gesehen, und natürlich war er darüber untröstlich. Zur Beruhigung vorweg: Das Nagetier erfreut sich des Lebens, aber umso bewundernswerter fand ich die Haltung des Freundes. Denn tatsächlich war auch dieser, trotz der Sorge um seinen kleinen Fellfreund, noch großherzig genug, um zu sagen, dass er Greifvögel trotzdem mag und wisse, dass das Natur sei. Und diese nähme nunmal keine Rücksicht auf Niedlichkeit. Und dass es schön sei, dass auch in der Großstadt noch so eine Artenvielfalt herrsche, dass man überhaupt Falken fände und Eichhörnchen, Schwanzmeisen und Spechte, all das inmitten von Berlin; in der Nähe eines Platzes, der für Vorbeilaufende meist nur aus Dönerbuden, einem berüchtigten U-Bahnhof, Plattenbauten und herumlungernden Dealern besteht.
Das hat Eier, denke ich bewundernd, und sehe ― ebenfalls mit Bewunderung ― dem eleganten Raubvogel zu, wie er weiter seine Runden dreht. Derweil verwäscht sich die Sonne über dem Meer in grauroter Dämmerung.

Nächste Woche ist Valentinstag. Ich machte mir nie etwas daraus, weil ich denke, dass man auch Romantik nicht planen kann, ebensowenig wie Liebe oder den Frühling. Mir persönlich graut es auch vor inszenierter Romantik wie rosenblätterbestreuten Bettdecken, und die leider auch auf der Insel allgegenwärtigen „Liebesschlösser“ an Geländern treiben mir regelmäßig den Blutdruck in die Höhe, weil ich schöne Geländer liebe und diese kitschigen Rostklumpen daran nicht sehen will. „Ihr seid doch eh schon alle wieder geschieden“, denke ich dann oft, wenn ich missliebigen Blickes daran vorbeilaufe, auch wenn das natürlich gemein und sicher nicht in jedem Falle die Wahrheit ist. Vielleicht bin ich auch einfach kein besonders romantischer Mensch, aber ich erinnere durchaus Situationen, die ich als romantisch empfand: Keine von diesen indes war geplant.

So erinnere ich zum Beispiel, als ich noch in Bayern lebte, einen Ausflug zum Ammersee. Die Begleitung war eigentlich nur ein Freund, jemand, mit dem ich mich aufgrund seiner Intellektualität gern unterhielt. Es war ein brütend heißer Hochsommer, und die alten Bäume entlang des Ufers dampften noch von einem vergangenen Regenguss, als plötzlich erneut ein nahezu tropisch anmutender Platzregen einsetzte. Das Auto war weit, jeder Unterstand auch, und so sahen der Freund und ich ― nach Sekunden schon nass wie die Hunde ― uns einfach nur an und lachten. Und dann küssten wir uns, den ganzen infernalischen Regenschauer lang. Danach war der Zauber vorbei; wir knüpften nie daran an und sprachen auch nicht mehr darüber, man war halt jung, mehr oder weniger.

Aber das zum Beispiel, denke ich heute, das war romantisch. Und deshalb denke ich, bin ich vielleicht auch nicht scharf aufs Heiraten. Auch das ist mir zu viel geplante Romantik, zu viel Druck dahingehend, dass es dieses Mal  gutwerden, dass es jetzt funktionieren muss.
Ich weiß daher nicht, warum ich auch heute noch zuweilen in diese Falle gerate, wenn ich jemand kennen lerne: Die Falle der eigenen Ansprüche an das Gelingen von Liebe. Aber Liebe ist halt kein Kuchenrezept, so läuft das  nicht.

Tatsächlich war für mich auch eher Romantik, wenn ich nach Nächten in Berliner Dunkelkammern in desolatem Zustand heimkehrte (ich war mal jung, ich erwähnte es), den einen, mit dem ich eine offene Beziehung pflegte, schlafen sah, und dann dachte: Ich gehöre nur Dir, egal, wann, wo, und mit wem. In diesen Momenten ging er auf, der warme, süße Kuchenteig der Liebe ― allen vermeintlich unromantischen Rahmenbedingungen zum Trotz.

Hör auf zu planen, sage ich mir also, als ich erneut nach meinen Kellerkindern, den Frühblühern, sehe. Es ist eine Binsenweisheit, aber es kommt sowieso immer anders, als man denkt. Und oft genug fällt man dabei nach oben. Die Blumen werden überleben. Und der Frühling kommt, so oder so. Ich muss nicht darauf warten.

 

Am 19.11. Verkaufsstand auf dem Langeooger Schnüstermarkt

Vormerken: Am 19. November (Sa.) habe ich einen Stand auf dem Langeooger Schnüstermarkt, von 14-18 Uhr im Haus der Insel! Außer meinen Büchern könnt Ihr da auch erstmals Kunstpostkarten von mir erwerben — Ideal als Lesezeichen zum Buch, zum Verschicken, Liebhaben, Selbstbehalten … Kommt vorbei 🙂
Ich freue mich! Außer meinen Sachen gibt es noch jede Menge anderes lokales Kunsthandwerk zu bestaunen, und natürlich: Frische Waffeln!

Wer nicht warten kann oder möchte: Ab sofort haben auf der Insel auch Iseneckers Frischemarkt in der Barkhausenstraße, die Buchhandlung Krebs am Wasserturm, sowie das Ferien- und Tagungszentrum Haus Bethanien in der Barkhausenstraße meine Bücher im Sortiment!

Wir sehen uns auf Langeoog.

 

 

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Momentaufnahme, Aufgeben

Es ist kalt geworden. Meine Balkonpflanzen beginnen zu leiden; einige von ihnen sind nicht winterhart und werden die Kälte nicht überstehen. Zum Sterben gezüchtet, denke ich, man zog und päppelte sie zu keinem anderen Zweck, als den Menschen einen einzigen Sommer lang Freude zu machen. Und dann war der Sommer ja doch wieder zu kurz, eigentlich ist er doch immer zu kurz. Und nun sieht man auf die sterbenden Blumen und traut sich noch nicht recht, sie auszugraben. Andererseits hätte es aber auch wenig Sinn, ihnen noch länger beim Siechen zuzusehen, wäre es nicht an der Zeit, sie durch Frosthartes zu ersetzen oder die Balkonkästen leer zu lassen, bis zum nächsten Frühling?

Aber dann hofft man noch einmal auf warme Tage, auf eine weitere letzte Blüte, auf den letzten Rest wohlgenährten Grüns im Gelb des verbleichenden Jahres.
Zum Glück habe ich gerade ohnehin keine Zeit zur Gartenarbeit, also stehe ich nur etwas ratlos vor den Kästen mit den immer Zukurzgeliebten und fühle mich ihnen verwandt.
Und dann blickt man zurück auf diese kurze Ahnung von Sommer, auf diese all zu schöne Erinnerung an das Erblühende, daran, dass es jemanden gab, der wieder Licht und Farben in einem sah anstelle des Unberührbaren. Der einem einen Platz in seinen Träumen anbot. Und man näherte sich diesen Träumen mit zögerlicher Neugier und hob sie ans Herz, wie man eine Muschel ans Ohr hebt, um den Ozean darin rauschen zu hören. Man wollte es wagen.

Aber, so wie der Ozean, zogen sich auch die Träume zurück, und dann stand man da, ratlos wie nun vor den Balkonblumen, und wartete auf die nächste Flut.
Zuerst noch voller Hoffnung — es rauschte doch noch, das ferne Meer! Aber irgendwann begriff man, nein, die Jahre hatten es längst gelehrt, dass sich die Liebe anderen Gezeiten unterwarf als die Natur; genauer: Gar keinen Gezeiten.

Was verschwunden war, würde nicht wiederkehren. Lass los, sagte ich mir längst, er kommt nicht mehr.
Aber jeder Sonnenstrahl, jedes azurblaue Leuchten des Inselhimmels, jeder Ruf der ziehenden Gänse, ließ ihn dann ja doch wieder vernehmen, den zarten, süßen Ton der Hoffnung, den man gleichermaßen ersehnte und verfluchte.

Nun ist es Winter. Und ich frage mich einmal mehr: Wo verläuft er eigentlich, dieser Grat zwischen Naivität und Gutgläubigkeit, zwischen Realismus und Resignation? Ich finde ihn nicht, und doch balanciere ich täglich darauf.

Wie alt muss man werden, um keinerlei Hoffnungen mehr zu hegen? Und ist das überhaupt erstrebenswert?
Warum gieße ich meine sterbenden Pflanzen, wenn ich doch weiß, dass ich sie nicht retten kann? Warum vermisse ich jemanden, der mir längst entglitten ist, aus den üblichen Gründen oder anderen, ich will es nicht wissen.

Am Ende der Straße liegt der Deich. Ich kann weit ins Land schauen bis dahin, und ich denke, dass das der einzige Weg ist; nicht der Weg zum Deich als solcher, aber der Blick nach vorn: Was sonst bliebe auch übrig?
„Man is not made for defeat“ schrieb Churchill, aber dennoch gerät man immer wieder in Situationen, in denen zumindest eine punktuelle Kapitulation kein Aufgeben, sondern ein Triumph wäre: Loslassen zu können, ohne das erstrebenswerte Ganze aus den Augen zu verlieren. Entlieben und dennoch weiter an die Liebe glauben. An die Liebe glauben können, ohne auf die Liebe zu hoffen. Die Tür für jemanden angelehnt lassen, ohne ständig aus dem Fenster zu starren, ob er denn kommt. Sich selbst wieder genug sein. Es hatte doch wunderbar funktioniert!

Irgendwann kommt das Meer zurück, wenigstens darauf ist Verlass: das Meer kommt immer zurück, und vielleicht liebe ich es auch deswegen.
Ich halte die Muschel ein letztes Mal ans Ohr. Dann lege ich sie behutsam in den Sand. Der Wind trägt die Melodie in ihrem Inneren davon, bevor sie die Wellen überspülen. Vielleicht finde ich sie irgendwann wieder, denke ich. Vielleicht höre ich dann etwas Neues.
Aber zugleich weiß ich, wie sinnlos das ist, als ich über den weiten leeren Strand blicke: Es gibt zu viele Muscheln hier. Die Strandkörbe, in denen ich mit ihm sitzen wollte, sind ohnehin längst weggeräumt. Die Bäume, in deren sonnendurchflutete Kronen ich mit ihm geschaut hätte, sind kahl.

Ich muss jetzt heim. Wenn der Wind dreht, höre ich vielleicht noch sein  Rauschen in den nackten Zweigen des Waldes. Das Herbstlaub auf dem Waldboden hat jetzt die Farbe seiner Haare, denke ich, und ein letzter, bittersüßer Rest Wärme klammert sich an mein Herz wie der letzte Rest Leben an meine Pflanzen.
Ich könnte die letzte Blüte an der Hortensie einfach abreißen, denke ich, noch immer vor den Balkonkästen ausharrend, dann fiele es vielleicht leichter, sie wegzuwerfen.
Aber ich bringe es nicht fertig. Ich lasse die Blüte da, wo ich sie durchs Fenster sehen kann.

Es ist da! — Band 3 ab sofort im Handel

http://www.bod.de/buch/mayk-d–opiolla/momentaufnahmen-3/9783839135211.html

Mayk D. Opiolla
Momentaufnahmen 3
Berlin — Langeoog
ISBN 978-3-8391-3521-1
Paperback, 220 S. 

Klappentext:

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Ein letztes Mal von Berlin nach Langeoog: In der Berliner Wohnung wohnt jetzt ein Fremder. Die Sachen? Expediert, eingelagert, verschenkt. Es gibt kein Zurück mehr. Doch auch auf der Insel stand die Zeit für den Erzähler nicht still. Wir erfahren von Heiligen und Scheinheiligen, vom Schönen und vom Scheitern, von Terror und Tagträumen, von Frust und Feiertagen, von Narben und Nacktheit, vom Sterben und den Sternen, und natürlich: Von der Liebe.
Band 3 der Reihe „Momentaufnahmen Berlin — Langeoog“ verzaubert mit weiteren Betrachtungen aus dem Leben eines Neu-Insulaners: Sinnlich, melancholisch und ehrlich, durchwoben von berauschend-bildgewaltigen Beschreibungen einer einzigartigen Naturlandschaft, welche den Seewind fühlbar und die Schreie der Möwen und Austernfischer beim Lesen hörbar machen.
40 neue Geschichten; mit Ausflügen ins Bergische Land, an Bord der Gorch Fock, nach Kiel, Laboe, Wilhelmshaven und Berlin.

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Zum Inhalt:

Politischer als die beiden ersten Bände, sicher auch polarisierender, und wohl der letzte Band mit dem Untertitel „Berlin — Langeoog“, denn der Abschied des Ich-Erzählers von Berlin ist nun in mehrfacher Hinsicht endgültig. Die Wohnung ist aufgelöst, und der schöne Kapitänssohn wird langsam nur mehr Erinnerung.
Dafür hält die aktuelle Nachrichtenlage Einzug auf der Insel. Und so wird (notgedrungen) zwischen malerischen Sonnenuntergängen und Dünenidyll auch über den Terror nachgedacht, über falsch verstandene Toleranz, über Transidentität und Krieg. Wir erleben, wie sich ein Agnostiker wieder an Gott annähert und mit dem Glauben hadert, wie ein Single Weihnachten und Valentinstag überlebt und warum es so schwer ist, Liebe und Freundschaft zuzulassen, wenn man nicht zeigen kann, wer man ist. Aber natürlich gibt es auch viele schöne Episoden: Wir gehen auf Spurensuche in Laboe, genießen eine sommerliche Kieler Woche, radeln ans Ostende, sehen uns gewaltige Zugvögelschwärme an, und dann ist da noch dieser geheimnisvolle Fremde mit der Querflöte …

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Hinweis: LGBTI-friendly content feat. „Gendergaga“ — wer damit hadert („Besorgte Eltern“ u.s.w.), also bitte nicht kaufen. Alle anderen machen einem armen Künstler mit legalem Erwerb große Freude. Das Buch kostet 10,95€ (220 S.), das E-Book 8,49€. Die Printversion ist ab sofort überall bestellbar, das E-Book folgt in ca. 2 Wochen.

DANKE! Auch an alle großartigen Unterstützer_innen während der Produktionsphase …
Und, nicht vergessen: nach Band 3 ist vor Band 4!

Bis bald,

Euer Mayk

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Momentaufnahme, Meeresleuchten

Ich habe es gesehen. Dieses mystische Phänomen, welches zumeist als Seemannsgarn abgetan wird, und doch immer wieder Seefahrende und Küstenbewohner_innen in Staunen versetzt: Bioluminiszenz.

Es ist ein stiller Abend. Kaum Wind; die Luft schwer, feucht und warm. Der Lichtkegel meiner Taschenlampe, welcher auf die Bohlen des Strandüberwegs fällt. Von irgendwoher Geflüster, ein Rascheln im Strandhafer. Und dann: Ein grünblaues Leuchten in der Brandung, als husche, ganz dicht unter der Wasseroberfläche, ebenfalls jemand mit einer Taschenlampe entlang, scheu und suchend. Um mich herum Laute der Begeisterung. Noch mehr Lichtkegel. Erwachsene Männer, die mit beiden Händen immer wieder Sand schöpfen und herunterrieseln lassen, weil sie noch einmal das Funkeln sehen möchten, diesen unwirklichen, magischen Leuchtregen, der sich zusammen mit dem Sand zurück ins Meer ergießt.

Meeresleuchten zeigt sich nur in Bewegung, und so sieht man die kurzen Leuchtsignale der marinen Bioorganismen, welche für dieses Phänomen verwantwortlich zeichnen, nur im Heranrollen der Brandung, in der Bugwelle, im Aufwühlen des Sandes. Jeder, der das sieht, wird hier zum staunenden Kind, und einmal mehr versinke ich in Demut vor der Grandiosität der Natur. Und in Liebe zu unserer wunderbaren Erde. Eine Plastikschnur, über die ich im Halbdunkel fast stolpere, macht mich traurig: Wenn wir doch nur nicht so lieblos mit ihr umgingen!
Mir kommen die traurigen Augen ölverschmierter Tölpel in den Sinn, die hilflos rudernden Füßchen, das schmerzerfüllte Kopfeinziehen der Schildkröte, in deren Panzer ein Kunststoffring einwuchs.

Aber jetzt leuchtet die See, und sie bringt inmitten all des Grausamen und Hässlichen ihre Wunder hervor.

Es gibt es wirklich, das Licht im Dunkeln, denke ich, überwältigt und mit Tränen in den Augen dieses Mysterium betrachtend, von dem ich seit Ewigkeiten träumte, so, wie ich auch von den Polarlichtern träume, die zu sehen ich mir für dieses Leben noch fest vorgenommen habe.

Und ich denke an diesen potentiellen neuen Dich in meinem Leben, der eigentlich kein neuer Du ist, sondern ganz einfach ein Er, weil er mit dir auf sehr heilsame Weise nur wenig zu tun hat: Er sieht dir nicht ähnlich und er singt nicht; er stammt nicht einmal aus Norddeutschland. Aber er bringt meine innere See zum Leuchten. Was gestern noch schwarz und wild toste, wird in mir ruhig. Und dann ist da dieser Mensch, der seine lieben Worte hineinlegt und auf das Wasser schaut mit seinen gütigen Augen, und dieser Blick reicht wiederum aus, um wieder Bewegung zu bringen in das ruhig liegende Meer, aus dem das Du und Ich nach fast drei Jahren nun endlich gewichen ist.
In diesen winzigen Wellen, noch ohne Gefahr für Mensch und Boot, sehe ich das Leuchten.

Ich weiß nicht, was es wird mit diesem fast noch Fremden. Vielleicht wird es ein Strohfeuer. Vielleicht ein Desaster. Vielleicht wird es Liebe. Vielleicht wird er nur ein Freund. Aber es ist schön so, wie es ist. Und ist das Meeresleuchten trotz all seiner atemberaubenden Pracht nicht auch nur ein vorübergehendes Phänomen, das zudem einer warmen, stillen Nacht bedarf?

Vielleicht ist diese Ahnung von Liebe auch nur vorübergehend. Aber es streichelt mein Herz, zu wissen, dass er in mir auf ruhige See in einer warmen, stillen Nacht traf: Ich bin drüber weg, denke ich, jetzt wirklich. Denn sonst hätte ich sein Leuchten niemals gesehen. Und es ist so schön, diese Worte zu hören: „Ich fühle das auch.“ Die Grillen und das Rauschen der Brandung übertönen jeden Nachhall deiner Musik.
In der Ferne spielt jemand Querflöte.

„Das ist nur ein Rattenfänger“ raunzt der Sadist in meinem Inneren, „du wirst folgen und fallen, erst betört und dann beschämt, also wie immer!“ Aber ich will ihn nicht hören. Denn ist er nicht ohnehin immer kurz, so viel zu kurz, der Zauber des Anfangs? Nein, denke ich, denn ich mag die Melodie gern, weil sie leicht klingt und frei, aber mit all den süßen, schweren Untertönen schöner Melancholie versehen ist, die es zu entdecken lohnt. Und ich will ihn nicht mehr, diesen Sadisten in meinem Inneren. Denn irgendwo dort, verbuddelt unter seinem kalten und düsteren Reich unkender Selbstzweifel und nagender schlechter Erfahrungen, liegen noch Säcke voll Liebe. Wann soll ich die denn ausgeben, wenn nicht in diesem Leben? Man kann kein Geld mitnehmen aus dieser Welt. Und auch keine Liebe. Man muss sie zu Lebzeiten verschwenden, ausgeben, verschenken, mal mehr oder weniger sinnvoll investieren. Und man sollte einfach zu fragen aufhören, ob sich das lohnt.

Ein lieber Freund schreibt mir: „Ich denke, jeder Mensch verdient es, glücklich zu sein. Und das fängt, wie wir wissen, bei uns selber an.“
Natürlich tut es das. Denn heute Nacht leuchtet die See, und darüber spannt sich ein Himmel voller Sterne. Der silbrige Klang der Flöte untermalt ihr Schimmern aufs Schönste.

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(Anm. zum Copyright: Das Bild stammt nicht von mir. Es zeigt Meeresleuchten auf den Seychellen. Der Fotograf/die Fotografin ist mir leider nicht bekannt; eine Quelle war nicht zu eruieren, wird aber ggf. gern nachgetragen.)

Momentaufnahme, Toleranz

Und da war er wieder, dieser Satz: „Gerade von DIR hätte ich mehr Toleranz erwartet!“ Aha, denke ich, warum denn? Weil ich für die Gnade, dass ihr hier „so jemanden“ wie mich in eurer Mitte duldet, keinerlei abweichende Meinung mehr vertreten darf? Sicher ist den meisten die latente Homophobie dieses Satzes gar nicht bewusst, aber meine Geduld mit diesem Bullshit neigt sich doch langsam dem Ende entgegen.

„Danke für nix!“ war das Motto des diesjährigen Berliner CSD, der gestern stattfand. Auf Langeoog haben wir keinen CSD, aber wir haben ein Dörpfest, dessen lautstarke und mülllastige Auswüchse samt Feuerwerk ich in einem Weltnaturerbe, vorsichtig formuliert, nicht gerade goutiere. Und in diesem Kontext fiel dann, von einer Open-Air-Party-Befürworterin, dieser Satz.

„Danke für nix.“ — Zuerst fand ich dieses Motto ja äußerst unpassend, unhöflich, unverschämt, denn zumindest ich hätte den Weg aus der Depression und einem Leben, das nicht zu mir gehörte, ohne die Unterstützung heterosexueller und_oder Cisgender-Freund_innen, Eltern und Behördenmitarbeiter_innen nicht geschafft: Danke für jede Menge.
Nun aber dieses „gerade von DIR hätte ich mehr Toleranz erwartet“, und plötzlich denke auch ich: Danke für nix!
Diese Person macht nichts, als mit mir in mehr oder weniger friedlicher Koexistenz zu leben, und sieht allein das bereits als irgendwie Gegenleistungswürdig an? Alte_r*!
Ich hörte diesen Satz einfach schon zu oft.

Und ich bin ihn Leid.

Eine sexuelle Identität und_oder sexuelle Orientierung zu haben, die etwas seltener vorkommt als Heterosexualität und Cisgender-Identität, verpflichtet einen erstmal zu gar nichts. Zumindest zu nichts, das nicht auch für jeden anderen Bürger (und jede Bürger_in) im Rahmen der Gesetze gälte. Auch homosexuelle Menschen, bisexuelle, genderfluide und transidente Personen haben jedes Recht der Welt darauf, nett zu sein oder absolute Arschlöcher, mit vernünftigen Ansichten, ekelhaften oder gar keinen. Auch Homo- und Transsexuelle dürfen Müll und Lärm im Naturschutzgebiet für bewahrenswertes Kulturgut halten, aka: Tradition. Auch Homo- und Transsexuelle dürfen genau das Scheiße finden. Auch Homo-, Bi- und Transsexuelle dürfen widersprechen. Wir müssen nicht immer lieb und folgsam sein, nur, weil uns irgendwer vom hohen Ross seiner Mehrheitszugehörigkeit aus ein paar Quadratmeter Pflaster in seiner genderbinär, heteronormativ dominierten Welt zugesteht, anstatt uns in Gefängnisse und Irrenhäuser zu stecken, weil man ja heute schließlich tolerant ist oder einen Schwippschwager hat, der „zwar schwul, aber eigentlich echt in Ordnung“ ist.

Aha, denke ich. Als sei das nicht das Mindestmaß an Menschlichkeit! Ich erwarte keine Toleranz für meine Liebe und_oder nähere biologische Ausgestaltung. Das geht ohnehin nur meinen Partner, Freund_innen und Familie etwas an. Ich erwarte keine Toleranz für alles, was ich mache, sage, denke. Man kann mir widersprechen: Das nennt sich Meinungsfreiheit. Im Gegenzug muss auch ich nicht alles tolerieren: Ich kann bestimmte Meinungen daneben finden, mich über unangeleinte Hunde im Brutgebiet aufregen und Bigotterie. Das nennt sich Meinungsfreiheit. Soviel also zur Koexistenz im heteronormativen Umfeld.

Und innerhalb der Community? In Tuntenhausen dagegen ist alles geradeaus, möchte man meinen? Ein einziges, glitzerndes Paradies der regenbogenfarbigen Nächst_innen*liebe und des allumfassenden Verständnisses für ein Meinungsspektrum, so bunt wie wir? Mitnichten. Denn wir haben Caitlyn Jenner. Ja, die.
Fassen wir kurz zusammen: Caitlyn Jenner ist eine sehr berühmte und sehr reiche Frau aus den USA mit Transvergangenheit, und außer Frage steht, dass sie „berühmt“ und „reich“ hätte dazu nutzen können, um Transidentität als eine Normalität von vielen sichtar zu machen, um zu erläutern, was Trans* und Drag unterscheidet, warum es nicht „Umwandlung“ sondern „Angleichung“ heißt, warum die Selbstmordrate unter Transpersonen so hoch ist und warum geschlechtsangleichende Operationen kein überflüssiger Luxus, sondern lebensrettend sind. Hat sie aber nicht.

Frau Jenner wählt die Republikaner und macht auch ansonsten einige Dinge, wo man sich fragt, ob ihr im früheren Leben als Olympionikin vielleicht doch mal ein Hammer zu viel an den Kopf geflogen ist.
Aber dass sie vielleicht nicht die hellste Kerze am Baum ist, ist dann auch schon das Einzige, was man ihr vorwerfen kann.

Nun setzt aber aus der LGBTIDingens-Community (ehrlich, ich komme bei den Buchstaben auch nicht mehr mit) das Gebrüll an: „Als Transfrau darf sie … muss sie … darf sie nicht.“ „Ich bin lesbisch, aber das ist für mich keine Transperson, sondern nur ein Mann im Kleid!“ „Wäre sie wirklich trans*, würde er(sic!) nicht …“, „Als Transperson kann sie sich diese Haltung nicht erlauben!“

— Ganz ehrlich? Da denke ich, dass einige der olympischen Hämmer wohl sehr weit gefolgen sind. Frau Jenner muss gar nichts! Kein Mensch ist verpflichtet, auf Grund seiner persönlichen Geschichte, seiner Identität oder Orientierung eine bestimmte politische Haltung, einen bestimmten Charakter oder einen bestimmten Lebenslauf zu haben.
Meine Identität und meine Liebe sind kein Politikum, und ich bin es Leid, ungefragt von der Community dazu gemacht zu werden! Ich muss nicht auf dem CSD für Leute in der ersten Reihe herumturnen, die mich außerhalb der Pride Season mit dem Arsch nicht angucken, nur damit sie ihre Buchstabensuppe voll kriegen; für Leute, welche nach außen politisch superkorrekt sind, indem sie auf jedes Gruppenbild mindestens eine Frau, eine Person of Color, eine Transperson und einen Menschen im Rollstuhl zerren und ab dem dritten Wodka dann doch nur „der sieht nicht aus wie eine Frau, also ist das für mich auch keine!“ über eine Transfrau lästern, um sich weiter auf den üppig gepuderten Sofas ihrer VIP-Bereiche in Selbstherrlichkeit zu aalen.
Ich muss mich nicht erklären, warum ich mit Leuten befreundet bin, die in der Szene polarisieren, und wer mir nur wegen dieser Freundschaft die eigene kündigt, hat offenbar sehr wenig sonst an mir geschätzt: Ja, ich spiele auch mit „Schmuddelkindern“, solange sie mich so gut behandeln, wie ich es mir von etlichen anderen wünschte! Und ich muss mich nicht rechtfertigen, wenn ich an dem ganzen Zirkus überhaupt nicht mehr teilnehmen, sondern einfach nur ein unbescholtenes, „langweiliges“, unauffälliges Leben auf einer Insel führen möchte, vom ganzen LGBTIDingens-Zirkus unbehelligt, oder sogar komplett ungeoutet.

Kein Mensch ist verpflichtet, anderen überhaupt Auskunft über Orientierung oder Identität zu erteilen. Und doch leben wir in einer Welt, in der Sparkassenberater Transpersonen für die Namensänderung auf der Bankkarte noch laut fragen: „Und wie ist das bei Ihnen jetzt untenrum?“, Taxifahrer Lesben verhören, ob frau so sei, weil „der letzte Typ so scheiße gef*** hat“, schwule Paare die Frage, wer denn von beiden „die Frau“ sei, mittlerweile hoch- und runterkotzen können oder der Partner eines schwulen Transmannes von einem anderen Schwulen gefragt wird, ob er jetzt hetero sei. Und wenn man dann unfreundlich wird oder sich wehrt, heißt es: „Gerade von DIR hätte ich aber mehr Toleranz erwartet.“
Noch Fragen?

Es geht uns hier gut. Wir werden nicht hingerichtet und kommen nicht mehr in den Knast oder zur Elektroschocktherapie, und das Schlimmste, was mir persönlich passiert ist, waren verbale Übergriffigkeiten, angewidert verzogene Mundwinkel, das Ende einer 20jährigen Freundschaft und ein paar Mal Vor-die-Füße-Spucken. Wir werden nicht exkommuniziert und die meisten von uns nicht enterbt. Meine Eltern würden meinen Freund ebenso gern zum Familienessen einladen wie meine Freundin, und alles, was sie dabei interessieren würde, wäre, ob dieser Mensch einen passablen Charakter hat und mich gut behandelt.
Auch auf der Insel gibt es offen schwul und lesbisch lebende Personen, die mehr als gut integriert sind, und der nette Inseldoktor hebt bei „Hormonersatztherapie“ oder „HIV“ nicht einmal die Braue.

Aber böte nicht gerade das die Chance, dieses Toleranz-Gefasel endlich mal zu lassen, sondern Minderheiten einfach nur als ebenso „normal“, nur eben seltener, zu behandeln? Wir sind nichts Besonderes. Wir können genauso dumm, intelligent, schön, hässlich, empathisch, egomanisch, versoffen und abstinent, evangelisch, katholisch, links, rechts, atheistisch, jüdisch, muslimisch, arm, reich, versnobt, verkommen und was-weiß-ich-nicht-alles sein — eben wie alle anderen auch. Niemand sucht sich seine sexuelle Orientierung aus. Niemand hat sich bewusst dafür entscheiden, dass bei der Chromosomenverteilung Herz und Seele XY bekamen und der Rest XX oder umgekehrt.
Natürlich prägt es jeden Menschen auf die ein oder andere Weise, mit dem Wissen aufzuwachsen, dass man „irgendwie anders ist“ — aber man kann damit klarkommen, zumindest in einem so schönen und freien Land wie unserem, wo (von kleineren Baustellen abgesehen) sogar Behörden und Gesetzgebung uns unsere Existenz nicht aberkennen, sondern diese, im Falle des TSG und der Krankenkassen, oft sogar erst ermöglichen — selbst wenn wir weder reich noch berühmt sind.

Man kann als queerer* (*hier im Sinne von: Sucht euch einen Buchstaben aus) Mensch in Deutschland für vieles dankbar sein. Man kann sich auch noch über vieles aufregen. Aber was die vielbeschworene „Toleranz“ angeht, so gilt wohl tatsächlich mal: „Danke für nix!“

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