Flut

Auf Langeoog ist das Wetter schön. Regen fällt in dem Maße, wie die Natur es gerade braucht, um ihre Farbenpracht zu erhalten und um die Hagebutten und Äpfel prall und rund werden zu lassen. Die Feriensaison ist in vollem Gange; die Strandkörbe stehen ebenso dicht gedrängt wie die Autos auf dem Parkplatz in Bensersiel, der Fahrradverkehr stockt, die Abstellplätze quellen über. Das Meer plätschert in harmlosem Babyblau vor sich hin. Die Gewalt des Wassers ist kaum zu erahnen.

„Lass uns nach Neviges fahren“, schlug ich der Freundin beim letzten Besuch in meiner Heimatstadt vor, „in diesem Stadtteil gibt es wunderschöne alte Bergische Fachwerk- und Schieferhäuser und zauberhafte kleine Antik- und Devotionalienläden. Und nach Langenberg! Ich kenne dort ein schönes Café, der Bach fließt mittendurch, es ist wirklich idyllisch. Die Gebäude stammen zum Teil noch aus dem 16. Jahrhundert. Fensterläden mit Geranien davor. Wunderbare alte Laternen und Geländer aus Gusseisen. Haustüren mit Messingklopfern. Enge, malerische Gassen.
Aber dann waren zu viele andere Dinge auf der Urlaubs-Agenda, und wir schafften die Stadtteile nicht mehr.

Jetzt hat der Bach die schönen Fachwerkhäuser auseinandergerissen. In einem Fernsehbeitrag sehe ich die Stühle des schönen Cafés im Schlamm. Auch die Blumenkästen mit den Geranien liegen da. Alles ist zerstört. Menschen weinen, die den Dialekt meiner Heimat sprechen.

Auch andere Teile der Republik hat es schlimm erwischt. Eine Freundin sieht ihr Geburtshaus in der Eifel aus den Fluten ragen. Vielleicht wird es zerbrechen, wie so viele andere Häuser, Leben, Träume, Existenzen. Über 100 Menschen sind tot, Hunderte vermisst.
In diesem Sommer erschüttert eine Naturkatastrophe fürchterlichen Ausmaßes das Land und es ist schwer, zwischen all der Ferienidylle vor der Wohnungstür und den schrecklichen Bildern im Fernsehen und in den Zeitungen hin- und herzuschalten.

Immerhin: Die Solidarität und Hilfsbereitschaft ist riesig. Hotels bieten obdachlos gewordenen Menschen kostenfrei Unterbringung an. Baufirmen stellen ihre Fahrzeuge zum Schutträumen zur Verfügung. Unzählige ehrenamtliche Feuerwehrleute, Seelsorger:innen, Sanitätsfachkräfte und Privatleute sind im Einsatz. Natürlich auch THW, DRK, Bundeswehr und alles, was sich mobilisieren lässt. Die Kirchen schicken Geld und Trost, auch auf Langeoog finden etliche Sammel- und Benefizaktionen statt.

Dass einige Unverbesserliche das Elend nun für Wahlkampf instrumentalisieren, für Ideologie aus dem Elfenbeinturm oder für die eigenen Eitelkeiten: Geschenkt. Es verdient keine Aufmerksamkeit — zumindest nicht vor der Wahl. Dass Betrüger:innen mit Spenden durchbrennen: Widerlich. Aber darum soll sich der Herrgott kümmern, wenn diese Leute einst vor ihm stehen.

Für mich sind all diese Bilder und Nachrichten schwer erträglich. Auch der Eifelkreis, in dem ich meinen letzten Herbsturlaub verbrachte, ist schwer getroffen. Der wunderschön glitzernde, kristallklare Fluss mit seinem damals noch so beruhigenden Gurgeln und Glucksen: eine schlammbraune Todesfalle. Die zerstörerische Gewalt von Wasser.
Seit eine liebe Freundin und Redaktionskollegin im Tsunami von 2004 während ihres Thailand-Urlaubs starb, mache ich mir keinerlei Illusionen mehr darüber. Und dennoch schockt es mich immer noch, all diese Trümmer zu sehen und das Leid.

Währenddessen muss ich auf Langeoog dennoch im Ferienmodus funktionieren, ohne zu wissen, wer von den Urlaubenden aus NRW, aus Rheinland-Pfalz, nach seiner Rückkehr noch ein Zuhause hat. Ohne zu wissen, wann meine Eltern ihr Trinkwasser nicht mehr abkochen müssen.
„16 Stunden Sonnenschein sind vorhergesagt, ideale Bedingungen für lange Radtouren und romantische Strandspaziergänge.“
Vor den Strandkörben lacht ein Hochzeitspaar, bunte Drachen steigen in den leuchtend blauen Himmel.
Woanders treiben Familienfotos durch das Hochwasser. Vor den Trümmern eines Hauses liegt ein schlammverkrustetes Kuscheltier.


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Liebe Leser:innen, bitte spendet im Rahmen Eurer Möglichkeiten für die Flutopfer und/oder erkundigt Euch über sinnvolle praktische Hilfsmöglichkeiten. Vergelt’s Gott! Ich werde selbstverständlich auch einen Beitrag leisten und nicht nur Prosa draus machen. Sonst wäre ich ja nicht besser als z.B. einige Personen aus der Politik, die diese Katastrophe für Eigeninteressen ausschlachten.

Mit Geld helfen kann man z.B. hier:

Spendenkonto des Deutschen Roten Kreuzes IBAN: DE63 3702 0500 0005 0233 07 Stichwort: Hochwasser

Spendenkonto Aktion Deutschland Hilft IBAN: DE62 3702 0500 0000 1020 30 Stichwort: Hochwasser Deutschland

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Auszeit

Der Regen wird stärker. Ich stehe am Fenster des alten Bauernhauses und sehe zu, wie die Tropfen auf dem Seerosenteich kleine Krönchen bilden. Allmählich fällt Dunkelheit über das Land; über die blühenden Wiesen, die Weiden und die Felder mit ihren wogenden, goldenen Ähren. Die Pferde haben sich unter den Schutz der Baumdächer gestellt; die Rinder mit ihren Kälbchen drängen sich um ihre Raufe. Und um all das herum breitet sich der schier endlose Nadelwald wie eine duftende, stille Umarmung. Jetzt, in der Nacht, werden ihn Wölfe durchstreifen und andere nachtaktive Tiere ihre Höhlen, Bauten und Nester verlassen. Die Eule kann ich bereits hören.
Auch aus der Wohnung duftet es; die Freundin nimmt ein Vanillebad. Ich rufe sie ans Fenster, damit auch sie die Eule hören kann, und dann stehen auch wir da: In stiller Umarmung. Die Ohren in die Nacht gerichtet; in Vorfreude auf die Tage, die vor uns liegen. Wir haben es tatsächlich gewagt: Wir sind im Urlaub. Wenigstens eine Woche kein Alltag, keine Verpflichtungen, kein Haushalt. Eine Woche neue Impulse, Inspirationen und ein Hauch von Normalität nach all den Restriktionen der Pandemie.

Letzteren können wir indes nicht ganz entfliehen: „Ihr Test ist vier Minuten zu alt“, sagt der Rezeptionist, „es tut mir Leid, aber wir müssen darauf achten“. Ich finde diese Gründlichkeit löblich, erkläre die vier Minuten mit der frühen Schließung der Langeooger Testzentren plus Reisezeit und zeige mich willens, den Test vor Ort zu wiederholen. Aber er drückt ein Auge zu, und dann sind die Formalitäten geschafft: Urlaub.
U-R-L-A-U-B. Man weiß ja kaum noch, wie sich das schreibt.
Am frühen Morgen ist der Ruf der Eule verstummt, sie sitzt irgendwo im Nadelbaumdickicht und hat die schönen Augen geschlossen. Stattdessen setzt ein gewaltiges Vogelkonzert ein. Gewaltiger als alles, was ich je hörte. Der Seerosenteich liegt wieder ruhig da. Ein erster Lichtschimmer lässt die weißen, runden Blüten aufleuchten wie kleine Monde. Es ist atemberaubend schön. Die Tage verbringen wir mit sehr vielen Tieren in der traumhaften Landschaft der Lüneburger Heide, mit Stöbern und Bummeln, mit Pläneschmieden und Freude: An der Natur, aneinander, an allem, was uns auf dieser Welt geschenkt wird. In der Kirche zünden wir Kerzen an, über die eine hölzerne Gottesmutter wacht; davor blüht samtrot ein gewaltiger Rosenstock: Danke für diese Zeit.

Erst auf der Rückfahrt werden mir die Schattenseiten des wiederbelebten Reiseverkehrs und der Urlaubssaison bewusst: Stau in brütender Hitze. Der Anblick furchtbarer Unfälle. Aggressive Verkehrsteilnehmer:innen, die uns am Kofferraum kleben. Lebensmüde Rechtsüberholende. Dazu Asphalt, Leitplanken, LKW, trostlose Rastplätze, Baustellen, noch mehr LKW. Und LKW. — Was für ein grässlicher Kontrast zu all dem Frieden, den Düften und der Schönheit!
Ich war Jahre nicht mehr mit dem Auto im Urlaub; so solange, dass ich nicht einmal wusste, dass heutzutage nicht mehr „Benzin“ an den Zapfsäulen steht, sondern irgendwas mit Super XYZ und ich somit schon mit dem Tanken heillos überfordert wäre. Die Freundin hat all das souverän im Griff, aber auch sie ist erschöpft, als wir nach dem Doppelten der geplanten Reisezeit mit der allerletzten Fähre nach Langeoog zurückkommen.
Auch auf der Insel ballen sich die Urlaubenden; am Haus ist kaum noch ein freier Fahrradparkplatz zu finden. Dennoch stelle ich fest, dass ich nun, da ich selber wieder Tourist war, innerlich etwas mehr Milde walten lasse mit der Gästeschar. Denn ich verstehe ihr Bedürfnis nach Tapetenwechsel, nach Erholung; ebenso wie die euphorische Freude darüber, endlich wieder Neues sehen und erleben zu dürfen; endlich füreinander und für sich selbst Zeit zu haben. Für den Nachmittag verabrede ich mich mit der Freundin zum Waldspaziergang.

Sommerahnung

Es ist Mitte Juni und ich bin das erste Mal in diesem Jahr im Meer. Mit den Füßen. Dass weniger verfrorene Naturen wie beispielsweise meine Freundin schon ganz drin waren: Geschenkt. Für mich war es bisher noch entschieden zu kalt, denn der Sommer ließ sich extrem viel Zeit in diesem Jahr — als hätte die Pandemie auch die Jahreszeiten zum Stillstand gebracht.
Dabei geht es in Sachen Pandemie sogar seit einiger Zeit wieder vorwärts, in positivem Sinne. Die Inzidenzwerte sinken erfreulich, der Tourismus läuft wieder an, das ganz große Chaos blieb dabei aus. Dennoch bedarf auch das wieder einer gewissen Eingewöhnung, nach sovielen Monaten der Stille, und zumindest auf den olfaktorischen Beitrag zur sommerlichen Wiederbelebung der Barkhausenstraße — einer Mischung aus Schweiß, Sonnencreme und Fischfrittierfett — hätte ich gerne ganz verzichtet.

Direkt am Flutsaum, wo ich nun auf Tuchfühlung mit der noch kühlen Nordsee gehe, sind Lärm und Menschengerüche zum Glück noch weit weg. Es ist noch verhältnismäßig früh am Morgen und es sind erst wenige Menschen unterwegs. 
Am Strandübergang bei der Kirche turnt eine Kinderkurgruppe. Die Rettungsschwimmer beziehen ihre bunten Wachhäuschen und rollen die Fahnen aus.
Hier im Westen der Insel riecht das Wasser noch ein wenig schlickig und ist von graubrauner Farbe. Die See steht ruhig, die Brandung umspielt gerade einmal meine Knöchel. Je weiter ich nach Osten laufe, desto mehr stellt sich ein Urlaubsgefühl ein. Der Untergrund wird weißer, das Meer blauer. Erste Familien stellen ihre Strandmuscheln auf. Kleine Kinder, um Längen mutiger als ich, rennen begeistert in die Fluten; wachsame Elternteile hintendran. Wie schön das wäre, denke ich, jetzt auch einfach zur Gänze hiersein zu dürfen. Mit Kopf und Herz. Ohne Termine. Ohne Haushalt. Ohne Verflichtungen und ohne Sorgen: Urlaub auf Langeoog. Einst gehörte ich hier auch zu den Touristen. Mit einem leisen Erschrecken stelle ich fest, dass die Erinnerung an diesen Zustand schon beinahe verblasst ist — in meinem achten Inseljahr.
Das Feriengefühl durchströmt mich nur wenige wohltuende Sekunden lang. Dann aber wird mir klar, dass ich, wie immer während der Saison, nur mit den Füßen im Wasser bin. Meine Gedanken sind längst bei all den noch unabgehakten Kästchen auf der To-Do-Liste, mein Herz indes unter dem Dach eines Hauses, das ich bereits vom Strandübergang sehen kann, auf den ich nun zusteuere. Die Freundin ist krank und schaut mit ihrem Schniefnäschen elend unter der Decke hervor. Durch ihre Südfenster knallt eine unbarmherzige Sonne, die am Strand noch so wunderschön gewesen war. Auch das gehört zum Inselalltag dazu: Man hat hier eben nicht nur gute Zeiten. Aber man leidet zweifelsohne in schöner Umgebung.

Später am Tage gehe ich noch einmal zum Strand. Jetzt feiert auch die kurze Hose Premiere, die bald ein Jahr im Souterrain meines Kleiderschrankes vergraben war. Ich errinere, dass in meiner Kindheit manche ältere Leute noch „Spielhosen“ zu Shorts sagten, weil es diesen Anglizismus damals einfach noch nicht gab. Spielhose. Ich muss schmunzeln; schließlich steckt nicht weniger als ein 45jähriger darin. Andererseits gefällt mir der Begriff, denn er verleiht meinem Strandoutfit erneut diesen wohltuenden Hauch sommerlicher Leichtigkeit.
Es ist voll geworden. Strandkörbe und Schaukeln sind besetzt; ein Meer farbenfroher Strandzelte zittert im Wind. Ich muss lange warten, bis der Plankenweg am Strandübergang frei für ein Foto ist; die Kolonne von Urlaubenden, die mir wie auf einer Rolltreppe entgegenbefördert wird, ist lang und reißt kaum ab. Möwen kreisen über der Szenerie, der Himmel ist leuchtend blau.
Lediglich ein paar weiße Wolkenschleier künden von der prognostizierten Rückkehr zur Kälte heute Nacht. Ich kehre bald wieder um.

Entlang der Wanderwege haben sich die Kartoffelrosen in vornehm-samtiges Bischofspurpur gekleidet. Ihr Duft webt sich durch die Dünentäler, und über allem liegt der Gesang der Lerchen. Unzählige der zierlichen Vögelchen sehe ich in die Lüfte steigen, und abends singt hier, verborgen in dichtem, dornigen Gestrüpp, die Nachtigall.

Es war ein seltsames Frühjahr, beinahe würde ich sagen: Der Frühling 2021 fiel auf der Insel aus. Klar: Es gab ein paar sonnige Tage. Es gab blühende Bäume. Es gab aprikosenfarbene Morgen, an denen die Luft erfüllt war vom Gesang der Schwarzkehlchen und eine Ahnung von Sommer mit dem Meer um die Wette glitzerte. Aber die meisten Tage war es kalt und grau, und wenn es nicht grau war, war es trotzdem kalt. Sogar dann, als der Rest der Republik (und angrenzende Länder) bereits bei weit über 25°C buk. Mit eingeschalteter Heizung und unter einem Berg Daunendecken schaute ich mir das Foto eines Freundes aus Österreich an: Er stand lachend am frischbefüllten Pool in seinem Garten und hielt eine Hand ins Wasser; Sommersprossen und erste Bräune im Gesicht. Ich freute mich für ihn; dennoch kam es mir vor, als befände er sich in einem Paralleluniversum.

Doch nun ist das große Frieren wohl fürs Erste vorbei. Der nächste Kälteeinbruch währt nur kurz und die Sonne wird unbeirrt vom Inselhimmel leuchten. Vergnügte Kinder werden sich in den Wellen tummeln, Genervte Radfahrende sich auf übervollen Straßen anblöken; vor den Fischbrötchenbuden und Eisdielen wird es lange Schlangen geben und gierige Möwen werden mit ebendiesen Leckereien kurzen Prozess machen. Ich werde vielleicht irgendwann bis zu den Knien ins Wasser gehen; irgendwann, in irgendeiner dem Alltag abgerungenen Stunde. Die Freundin wird wieder gesund und in ihrem neuen Badekleidchen schon weit rausgeschwommen sein. Ich werde die auf ihrer Haut glitzernden, aber eiskalten Wassertropfen ebenso fürchten wie wunderschön finden. Sand auf der Decke, Sand in den Haaren, Sand überall. Ein strahlendes Lachen, zu warme Getränke und wärmendes Glück. Für einen Moment werden wir dabei aussehen wie ganz normale Urlaubende. Und wenn wir Glück haben, fühlen wir uns sogar so.

Mai

Schon wieder muss ich den Wandkalender umblättern. Es ist Mai; das neue Blatt zeigt blühende Kirschbäume. Es fühlt sich nicht an wie Mai. Seit Wochen kletterte das Thermometer nicht über 10°C; kein Abend, an dem mir nicht die Fingergelenke vor Kälte schmerzen und ich nicht in Decken gewickelt im Büro sitze. Die Heizung meiner kleinen Räume kommt gegen die in den Wänden festsitzende Kälte des Hauses nicht an, in dem alle Wohnungen außer meiner seit Monaten leerstehen. Vor der Heizkostenrechnung graut mir jetzt schon. Aber es ist nicht nur die meteorologische Kälte, die mich dieser Tage erschauern lässt. Der Ton im Netz ist von einer Verrohung, sozialdarwinistischen Brutalität, Missgunst, Neid und Häme geprägt, die ich kaum noch ertragen kann; und zunehmend schwappt auch all das ins Analoge. In der Langeooger Lokalpolitik mehren sich die Unappetitlichkeiten, und es braucht sehr viel Gottvertrauen, um noch daran zu glauben, dass sich daran mit den nächsten Kommunalwahlen etwas bessert. Indes fallen mir außer „Exorzismus“ auch nicht mehr viele Lösungsansätze zu diesem Desaster ein, und der Rest der Welt ist auch nicht unbedingt ein Trost: Das Internet erwähnte ich ja bereits.
Dazu all die kleinen und großen persönlichen Dramen und Schicksalsschläge. Eine liebe Freundin weint um ihren Hund und ich mit ihr. Etliche sensible Seelen in meinem Kreis resignieren und ziehen sich komplett zurück: Depressionen, Ängste, Schlafstörungen, wohin man blickt und horcht. Mir Freund gewordene Geistliche sehen sich in den immer berohlicher brodelnden Sumpf von Missbrauch und Missbrauchsvertuschung hineingezogen: Generalverdacht, Sippenhaft, pauschale Verurteilung eines ganzen Berufsstandes; der Kirche rennen mehr Leute davon als sich Austrittsformulare drucken lassen. Mir selbst schwimmen die finanziellen Felle davon; die Preise für Lebenshaltung steigen ins Absurde, für meine Kunst findet sich keine Bühne, und kaum haben ein paar trotz Pandemie verkaufte Bilder oder Bücher das gröbste Loch gestopft, wird die nächste Rechnung fällig.
Natürlich bin ich noch immer vergleichsweise weich gebettet und darf zumindest an einem wunderschönen und weitgehend virenfreien Ort vor mich hinleiden, aber für etliche meiner Mitmenschen geht es dieser Tage wohl nur noch ums Durchhalten und Überleben statt um irgendwelche Maienwonnen.
Nichtsdestotrotz hat sich irgendjemand erbarmt und im Dorf die Laternenpfähle mit Kreppblumen geschmückt; vor einem geschlossenen Restaurant stehen ein paar Leute unter einem improvisierten Maibaum in einer improvisierten Normalität und lachen. Einen großen Maibaum gibt es in diesem Jahr nicht.
Was bleibt einem auch sonst. Und doch sind diese bunten Farbtupfer, ist dieses Lachen kaum mehr als ein Tropfen Wasser im Ozean. Die Pandemie ist noch längst nicht vorbei und alle anderen Seuchen und Pestilenzgestänke, die diese Zeit so mit sich — und auch auf die Insel bringt—, sind es auch nicht.

Meine Balkonblumen, bisher eine sichere Bank für farbenfrohe Lichtblicke noch im schietigsten Frühjahrswetter, sterben einsam vor sich hin. Es ist viel zu kalt, um draußen zu sein und oft vergesse ich sie deswegen einfach. Ab und zu sehe nehme ich Notiz von den bräunlichen Blättern, den hängenden Köpfchen. Dann denke ich, dass ich jetzt endlich was machen muss und mache es doch nicht. So ist es doch oft auch mit Freunden oder Verwandten, denke ich. Man hat sie ja schon lieb irgendwo und denkt, dass man sich morgen aber wirklich mal meldet, ein Lebenszeichen sendet, eine Frage nach dem Befinden, irgendwas. Und dann ist morgen schon wieder ein Jahr vorbei, in dem man es doch nicht gemacht hat, und dann stirbt der Verwandte oder der Freund hat sich schon längst innerlich verabschiedet. Vielleicht kommt noch irgendwas Höfliches zurück oder auch gar nichts, und die Welt dreht sich weiter.
Mir tun meine Blumen Leid. Aber ich kann ihnen auch keine Wärme bringen. Am Liebsten ist mir die Welt zurzeit mit zugezogenen Vorhängen.

Ich habe mir neue gekauft; sie sind nachtblau mit einem stilisierten Sternenhimmel darauf; sie vergrößern meine kleine Welt auf gewisse Weise, selbst wenn ich den Rest der Welt da draußen lasse. „Es gibt Vieles, das der Welt zurzeit die Farbe nimmt“, predigte unser Weihbischof dieser Tage, und tröstete im Anschluss mit der Heilsbotschaft und mit den Möglichkeiten, die wir als Christen dennoch haben, um Farbe zu bringen und Farbe zu sein. Ich bin wirklich froh, in dieser Zeit noch glauben zu können.

Tatsächlich stellte ich dieser Tage fest, dass in meinem Leben im letzten Jahr mehr Farbe eingezogen ist, als ich für möglich gehalten hatte; und nichts davon war geplant. Nach jahrelangem Zeichnen in Graustufen male ich jetzt mit bunten Kreiden, die ihre Leuchtkraft im Halbdunkel besonders eindrucksvoll entfalten. Und nach vielen Jahren, in denen mir zarte Streifen das Maximum an erträglichen Mustern waren, bedeckt nun ein farbenfroher ausgemusterter Sarong in Grün, Rot und Gold meinen Tisch und ich finde ihn wirklich schön. Ich weiß nicht, woran das liegt. Ist es der Kontrast zur Farblosigkeit des Pandemie-Alltags; zur fehlenden Möglichkeit, Neues zu entdecken? Ist es die Sehnsucht nach einem echten Frühling, in dem die gleißende Sonne nicht nur wie ein Dekoartikel am preußischblauen Himmel hängt, sondern wirklich wärmt? Ist es das Verlangen nach dem Anblick aller Facetten kraftvollen Lebens statt der traurigen Realität halbwelker Blüten mit erfrorenen Rändern? Am Strandübergang wehen die Federreste eines ausgerissenen Möwenflügels im Wind, und kaum ein Symbol beschreibt die Lethargie dieser Tage wohl treffender: Flügellahm, am Boden, grau und leblos.

An der Kirche hat die Felsenbirne ihre zarte Pracht entfaltet, aber der Strandhafer ist noch gelb, das Grün blieb irgendwo auf halbem Wege stecken. „Ungefähr einen Monat hinkt die Natur hinterher im Vergleich mit meinen Fotos vom Vorjahr“, doziere ich der Freundin bei einem Spaziergang, auf dem wir mit kalten Nasen das Stagnieren des Frühlings betrachten. Vermutlich ist sie es auch, die mehr Farbe in mein Leben brachte, denke ich, während ich ihr puppenhaftes Profil mit dem winzigen Näschen und den rosigen, weichen Wangen betrachte. Als uns der Weihbischof von der farblosen Zeit erzählt, sitzt sie in einem leuchtend grünen Pulli neben mir. Im goldenen Kelch spiegelt sich das warme Licht der Altarkerzen, daneben liegt der violette Bischofspileolus. Der Herr ist mein Licht und mein Heil.

Vielleicht, denke ich, ist Liebe Farbe. Und vielleicht habe ich nun mehr Mut zur Farbe, weil auch diese Partnerschaft mehr Mut als cleanes Understatement erforderte. Und doch bin ich froh, es gewagt zu haben. Zweifelsohne war ich auch ohne sie glücklich und gut eingerichtet in meiner Welt, aber nun kenne ich auch noch eine andere Art von Glück. Und eine andere Art von Einrichtung. Und beides hat mich, deo gratias, nicht überrannt, sondern sich mit einer Sanftheit eingenistet, dass ich all diese Neuerungen mir zu eigen machen konnte. Es lag kein Überrennen darin, kein Überstülpen.
Und nun ist es wohl wichtig, sich auch von der neuen Zeit nicht überrennen zu lassen. Standhalten muss man gegen den Ungeist der Zeit; sich keine Rohheiten überstülpen lassen, keine Häme, und dem tumben Populismus den Weg versperren — Mit dem, was man eben so hat, kann und schafft. Für eine bessere Zeit. Für einen neuen Mai.

Halleluja

Es ist ein eisiges Osterfest. Sturmböen peitschen Hagel durch die Straßen, am Strand zeigt eine brüllende See ihr Drama vor leeren Rängen. Zwischendurch eine kurze Illusion von Frühling: Leuchtende Himmelsbläue, zart hingetupftes Wolkiges. Goldene Strahlen, die sich aus schwarzen Gewitterfäusten zwängen, bevor der nächste Platzregen einsetzt. Verirrte Schneeflocken tanzen über frierenden Narzissen. So geht das drei Tage lang, und eigentlich, denke ich, passt dieses Bilderbuch-Aprilwetter auch perfekt zum heiligen Triduum mit seiner Abfolge aus Erstarrung, Trauer, Leere, Hoffnung und Freude. Zum Spazierengehen hätte ich mir indes etwas anderes gewünscht, denn schön ist das Sauwetter nicht. Die Fotos für die Arbeit mache ich mit halb zugekniffenen Augen, immer auf der Hut, dass die Kamera nicht zuviel Sand frisst. Der Wind ist grob; er schubst und schlägt und zerrt an Allem. Heruntergehen zum Meer? Unmöglich. Kommt der Sturm von vorn, drückt es mir die Brust zusammen und ich kann kaum atmen. Selbst zu Fuß geht es nicht voran.
Auf den Bildern sieht es wildromantisch aus: Der tiefblaue Himmel mit seinen majestätischen Quellwolken. Dünenkämme, auf denen sich lauter kleine Sandwirbelstürme bilden, sodass es scheint, als würden sie dampfen. Und natürlich: Das Meer mit seinen gewaltigen Wogen, die sich teerschwarz unter sprühend weißer Gischt aufbäumen und an den Strand donnern. In den Herzen der Tourist:innen, die jetzt gerne auf der Insel gewesen wären, regt sich Sehnsucht: Ach, wie gerne würde man sich da jetzt die Seele freipusten lassen. Wie schön das raue Nordseewetter doch ist.
In der Tat hat das zweifelsohne seinen Reiz. Von drinnen betrachtet, mit einer heißen Tasse Tee.
Ich jedenfalls bin erst einmal froh, als die Kirchentür hinter mir zufällt.
Lumen Christi.
Deo gratias.

Die Osterkerzen leuchten warm; ein letztes Heulen des Sturms verklingt mit dem Einsetzen der Orgel: Halleluja, Jesus lebt!

Auf die Freundin und mich regnet Weihwasser zum Taufgedächtnis; rechtzeitig haben wir die Brillen abgesetzt und halten sie in den Händen. Der Priester zielt gut mit dem Aspergil. Es ist ein junger Mann mit Elan, dem man das Halleluja glaubt.
Und es ist gut, dass er da ist.

Das Licht durchdringt alles, und plötzlich kann man sie fast greifen: Die Hoffnung. Die Freude, die Zuversicht. Es wird eine Zeit kommen nach dem Virus — oder zumindest eine Zeit nach der Durchimpfung. Es wird weitere Osterfeste geben. Das nächste vielleicht schon ohne Masken. Oder mit Gemeindegesang. Und das übernächste ist dann vielleicht sogar wie vor Corona.
Die letzte Osternacht feierte ich allein mit dem Gotteslob und einer Kerze vor dem Rechner. Während unser Bischof tapfer im einsamen Dom vor der Webcam zelebrierte, pries ich den HERRN in schiefen Tönen. Aber das Haus war leer in der Pandemie, wen sollte das dann stören?

Es ist schön, dass es in diesem Jahr wieder Präsenzgottesdienste gibt, wenn auch unter strengsten Bedingungen und mit halbleeren Bänken. Fast unwirklich scheint jetzt die Erinnerung an die letzte Osternacht vor der Pandemie, in der die Kirche so voll war, dass wir sämtliche Notsitze an den Bänken ausgezogen hatten und trotzdem nicht alle Menschen sitzen konnten. Ich kniete recht unsanft auf dem Lüftungsgitter; den Rest der drei Stunden stand ich. Aber auch das sorgte für bleibende Erinnerungen.

„Frohe Ostern!“ ruft der junge Geistliche der Freundin und mir nach, als wir die Kirche verlassen. Seine golddurchwirkte Stola strahlt mit ihm um die Wette. Vor uns liegt die Schwärze der Inselnacht.
Am nächsten Morgen sitzen die Freundin und ich beim Osterfrühstück. Wir haben die Eier gemeinsam gefärbt, es ist unser zweites gemeinsames Ostern. Ich sehe sie an und kann gar nicht glauben, dass dieser Mensch nun schon so lange an meiner Seite ausharrt. Die Zeit rast, obwohl doch objektiv betrachtet kaum etwas passiert durch die Corona-Beschränkungen: Man kann nicht groß etwas erleben, nicht verreisen, sich nur mit einer kleinen Auswahl an Dingen ablenken. Natürlich machen wir schon Pläne für „Danach“: Suchen Unterkünfte, die längst noch geschlossen sind, planen Elternbesuche, Museen-, Zoo- und Einkaufsbummel; träumen von Reisen, die wir uns ohnehin nicht leisten können. Aber wir leben auch gut im Jetzt; genießen die leere Insel und die überschaubare Arbeitsbelastung. Es ist ein gutes Leben. Und wir hatten verdammt viel Glück.

Dieser Tage räumte ich meinen Posteingang auf; löschte jahrealte E-Mails von irgendwelchen Menschen, denen ich einst auf höchst ungesunde Weise verfallen war und noch mehr Mails, in denen ich mich bei Familie und Freunden über diese Menschen ausheulte; über all die Machtspielchen, die emotionale Erpressung und das Leid; all diesen toxischen Scheißdreck, den ich nie als solchen erkannt hatte. Der Fairness halber sei erwähnt, dass ich aber auch all den toxischen Scheißdreck, den ich selbst angerichtet hatte, selten als solchen erkannt hatte. Vielmehr wähnte ich mich stets als den allein aufrichtig Liebenden; als den einzigen, dem in dieser Beziehung Unrecht geschah; als den, den man für sein Lieben kurz über lang immer grausam bestrafte.
Nun aber, mit vielen Jahren bis Jahrzehnten Abstand, las ich all diese Sachen und schämte mich sehr. Wie sehr hatte ich mich ausnutzen, manipulieren, demütigen und bloßstellen lassen, nur damit mir jemand ein paar Krümel Anerkennung, einen Anflug von Zärtlichkeiten hinwarf oder mich überhaupt zur Kenntnis nahm? Von „Liebe“ mag ich gar nicht reden. Ich schämte mich dafür, wie bedürftig ich mich anderen gezeigt hatte — und wie nackt. Und wie oft ich selbst dabei Grenzen übersehen und übertreten hatte; im Verlangen nach Gegenliebe, die mir vermeintlich zustand, weil ich dafür doch alles getan hatte. Aber ein „Lieb mich gefälligst!“ funktioniert nicht. Liebe ist kein Imperativ. Man kann sich Liebe nicht erarbeiten, nicht verdienen. Liebe lässt sich auch nicht einfordern. Sie ist da oder nicht.
Und wie unspektakulär sich Liebe anschleichen kann, hatte ich bisher auch nicht gewusst.

Ich hatte immer auf das große Feuerwerk gewartet und dabei übersehen, dass eine sanft leuchtende Kerzenflamme viel länger Bestand hat. Kein Getöse, keine Flamboyanz. Doch nun sehe ich diese sanft leuchtende Flamme, und drumherum ist eine warme Stube aus Geborgenheit mit der Ahnung, das ich dort bleiben kann.
Ich muss nichts besitzen und nichts darstellen. Ich muss einfach nur sein. — Musste ich wirklich 45 werden, um zu begreifen, dass es Menschen gibt, denen das reicht?
„We’re just two lost souls swimming in a fish bowl“, habe ich Pink Floyd im Ohr, und vielleicht ist das auch so, aber auf jeden Fall schwimmen wir in noch immer in wohltuend ruhigem, klaren Wasser, das von dem Paket an Verletzungen, das wohl jeder in unserem Alter mit sich herumschleppt, nur selten getrübt wird.

„So, so you think you can tell
Heaven from Hell
Blue skies from pain
Can you tell a green field
From a cold steel rail?
A smile from a veil?
Do you think you can tell?“

— So geht das Lied weiter, und nein: I don’t think I can tell.
Man kann nur erahnen, wünschen, hoffen. Man muss vertrauen. Aber gerade das fällt oft schwer.

Tatsächlich komme ich damit zurück zur Osterbotschaft, denn auch die Jünger mussten vertrauen, dass Jesus wirklich auferstehen würde. Dass Leid und Tod überwunden würden. Qui tollis peccata mundi. Und dann gab es den ungläubigen Thomas, der erst in der Wunde herumstochern musste, um zu glauben. Und ich? Ich musste erst glauben, nein: wie Thomas begreifen, dass Christus tatsächlich auch mich nicht aus den Augen verloren hatte, dass er da war, dass ich bei IHM Trost und Liebe fand. Liebe, die ich mir nicht erst erarbeiten oder verdienen musste und die ER nicht als Almosen aus Mitleid oder als Leckerli fürs Gehorchen verteilte, sondern die er einfach so gab: Im Vertrauen; aus Vertrauen. Christus, dem ich nichts präsentieren musste, was ich nicht war. Und der mich gesehen und angesehen hatte, ohne dass ich mich dafür auf irgendeine entwürdigende Weise hatte entblößen müssen. Er sah mich an, bevor ich es selber konnte. Damit ich es konnte.

„Sehen Sie sich in erster Linie Mal als Christ, dann erst als Katholik“, sagte einst ein Beichtvater, als ich im Kontext mit „Liebe“ mal wieder mit dem Lehramt haderte, „denn Liebe kommt immer von Gott. Egal, wo — und bei wem — sie uns trifft.“ Was man dann daraus mache, könne zwar von Gott entfernen — hier verwies er auf die ignatianische Unterscheidung der Geister —, aber die Liebe als solche? Das Empfinden von Zuneigung, Schmetterlinge im Bauch, die Freude am anderen, dem anderen eine Freude sein? Göttlichen Ursprungs, immer.

Und doch bleibt die Liebe wohl ein Geheimnis, dem man sich mit dem menschlichen Verstand nicht nähern kann. Man muss vertrauen: auch hier.
Man muss vertrauen, dass weder Gott noch die Freundin eine Kartei nach Flensburger Vorbild führen; mit der Liebe als „Lappen“. Zuviele Sündenpunkte? Lappen weg, Liebesentzug, wochenlanges Anschweigen und das Bettzeug auf dem Sofa. Und ja, ich hatte solche Beziehungen: War Schrott, um bei den Auto-Metaphern zu bleiben.
Dass Gott keine derartige Kartei in Flensburg führt, durfte ich inzwischen überreichlich erfahren. Mit Vorsatz durchs Leben pflügen wie die berühmte gesengte Sau sollte man natürlich trotzdem nicht.
Und die Freundin? Hat gerade anderes zu tun. Sie entzündet die Osterkerze, die wir in der Kirche geschenkt bekamen. Ich sehe den warmen Widerschein der Flamme in ihren Pupillen und Brillengläsern.
Lumen Christi.
„Unser zweites Ostern“, sagt sie. Ja, sage ich: Zu ihr. Zu Gott. Zu uns.
Deo gratias.

Ent-Sorgung

Endlich haben sich die Narzissen geöffnet. Entlang der Straßen wogt nun wieder ein gelbes Blütenmeer, wo monatelang nur gestutztes Rosengestrüpp und Hundescheiße zu sehen waren: Für mich ein untrügliches Zeichen, dass der Inselwinter überstanden ist.
Auch die Balz- und Brutzeit ist unüberhörbar eingeläutet. Überall werden Nester gebaut und die Hecke der Nachbarn scheint aus mehr Spatzen als Blättern zu bestehen. Das ohrenbetäubende Zwitschern hört man meterweit. An Dienstagen, wenn die Gelben Säcke abgeholt werden, wacht man jetzt wieder vom Kreischen der Möwen auf, die sich um Essensreste in schlecht ausgespülten Konservenbüchsen keilen. Den bedauernswerten Müllwerker:innen bleibt da nur noch, den zerfetzten Sackresten hinterherzujagen und den verstreuten Müll aus Büschen und Gärten zu klauben.
Es ist mein achtes Jahr in dieser Idylle, und ja: Ich liebe es. Auch wenn es das zweite Jahr der Pandemie ist.

Das Osterfest steht kurz bevor, aber von der Auferstehung des Tourismus ist noch keine Spur. Die Leute reißen sich nicht zusammen, die Politik ist inkonsequent; also ist der Salat derselbe wie letztes Jahr: Ostern ohne Familienbesuch, ohne Reisen und ohne Gäste auf Langeoog — wenn man von Tagestourist:innen, Zweitwohnungsbesitzenden, pendelnden Arbeitnehmer:innen, Mutter-Kind-Kurenden und ein paar anderen Ausnahmen einmal absieht.
Ohne das Thema „Inkonsequenz“ an dieser Stelle vertiefen zu wollen, sei erwähnt, dass die Insel auch mit diesen Menschen schon gut gefüllt ist. Zumindest ergibt sich dieser Eindruck an sonnigen Frühlingstagen wie heute, wenn vor meinem Balkon wieder ein Radverkehr herrscht wie in Amsterdam zur Rush hour. Oder von mir aus auch nur wie in Münster.

Ich reihe mich in das Rudel aus Radelnden ein und mache mich auf den Weg, den alles Irdische auf Langeoog einmal geht — zumindest das Irdische, das nicht auf einem der beiden Friedhöfe landet. Ich fahre zum Müllplatz.
Zunächst auf den, der noch rege in Betrieb ist. Die Pandemie-Nebenwirkung des zunehmenden Online-Handels macht sich auch hier bemerkbar, denn man trifft ständig das halbe Dorf, das hier Kartonagen in Container stopft; so wie ich. Die Gespräche das Übliche: Eigentlich will man ja Müll vermeiden. Ist ja auch mit dem CO2 nicht so doll. Nein. Aber was will man machen. Geht halt nicht anders gerade. So ist das. Tschüss.

Der zweite Müllplatz ist ein grüner Hügel mit einem Aussichtspavillon, in dem Schwalben brüten und an dessen Balustrade gepflegte Infotafeln über die Wunder des Weltnaturerbes aufklären. Nur einige dezent umzäunte Entgasungsrohre deuten darauf hin, dass unter den Menschen, die diesen Hügel erklimmen, ein Haufen Zivilisationsmüll gärt. Der Inselfauna selbst scheint dieses anrüchige Detail aber reichlich egal zu sein, denn die Tiere fühlen sich dort sichtlich wohl. Als ich mein Fahrrad am Fuße der renaturierten Müllkippe abstelle, empfängt mich überwältigend lauter Lerchengesang, und schon sehe ich die kleinen Vögelchen von überall aus der Wiese steigen. Von der anderen Seite der Hügelkuppe höre ich Graugänse schnattern; dahinter käuen Rinder wieder. Im Gras haben sich bereits saftgrüne Disteln entfaltet, Schmetterlinge flattern über Gänseblümchen und Klee. Der Blick streift im Süden und Osten über Dünenketten, Teiche, den Seedeich und die Salzwiesen bis hinüber ans Festland, wo man den Turm von St. Magnus in Esens sehen kann. Nach Norden und Westen sieht man die Weiden und das Dorf. Eine kleine Straße schlängelt sich flussgleich am Fuße des Hügels entlang; ich sehe das gelbe Postauto kommen, klein wie Spielzeug. Natürlich ist auch das Postauto auf Langeoog eine E-Karre, aber ich bin wohl noch soweit Städter, dass ein Postauto für mich ein Postauto ist, unabhängig vom Antrieb; so wie für mich Woolworth — meiner Kindheit geschuldet — auch immer noch „Wollwott“ ist und nicht „Wuulwörß“. Manche Dinge kriegt man eben nicht raus. Auf jeden Fall ist es schön, von dort oben Dinge beobachten zu können. Auch den Flughafen der Insel kann man vom Müllberg aus sehen: Bei diesem Wetter dauert es nicht lang zwischen Starts und Landungen.
Fast kann man hier oben vergessen, dass Pandemie ist. Und fast kann man vergessen, dass man auf einem Müllberg steht.

Für einige Leute, das weiß ich leider, fühlt sich das ganze vergangene Jahr an wie ein einziger Haufen Müll, und sie wären froh, wenn sie das Jahr und vor allem den Corona-Virus in die Tonne treten könnten. Wegkippen, zuschnüren, deponieren — und wehe, die Möwen reißen’s wieder auf! Viele stehen tatsächlich vor einem Aschehaufen. Erspartes weg, Ehe weg, Existenz weg, Selbstwertgefühl weg. Alles Müll.
Mit dem Thema Abfall — ich bitte schon jetzt fürs schlechte Wortspiel um Verzeihung — muss sich derzeit auch die katholische Kirche beschäftigen, denn viele Menschen fallen derzeit vom Glauben ab. Nicht witzig, ich weiß. Das sind die Vorfälle, die dazu führten, nämlich auch nicht. Beim Stochern in den Abgründen priesterlicher Existenz stank so einiges, und es hörte auch nicht auf zu gären, als man umso fester den Deckel drauf drückte. Im Gegenteil. Denn nun war der Mist implodiert und die „Brüder im Nebel“ nahmen, für jedermensch sichtbar, unschön Gestalt an. Brüder in Faulgasen trifft es wohl eher.
Viel Aufruhr, viel Leid: Bei den Opfern vor allem; aber auch bei jenen Geistlichen, die ihren Beruf nicht verfehlt haben, die nun aber unter Generalverdacht stehen. Insofern, denke ich, passt ein erneutes „stilles“ Ostern eigentlich ganz gut. Die Frohe Botschaft wurde schon so oft pervertiert. Demut ist angebracht, von Papst bis Plebs. Ich liebe die Kirche weiter, aber sie macht es einem nicht immer leicht.

Auch die Pandemie gibt mir inzwischen zu Kauen. Nach beinahe einem Jahr ohne Treffen vermisse ich meine Eltern doch sehr. Ich möchte mal wieder in Läden einkaufen und unterwegs in irgendeinem hübschen Café Halt machen können. Ich mag nicht mehr jeden Tag selbst kochen, weil kein Restaurant aufhat. Ich möchte mal wieder in einer fremden Umgebung aufwachen. Andererseits sind all das zweifelsohne Luxusprobleme, und ich möchte nicht wie die Made im Speck klingen, die sich beschwert, dass der Kuchen gerade außer Reichweite steht. Denn mehr als alles andere möchte ich gesund sein. Und letztlich geht es ja auch hier mit Minischritten vorwärts.

Die Freundin reibt sich den Arm, auf dem eine rote Schwellung von der Impfung zu sehen ist. Sie brütet Antikörper aus. Ich freue mich für sie; minimiert ihre Impfung schließlich auch mein eigenes Risiko, an COVID-19 zu erkranken. Und es ist der Romantik durchaus förderlich, die eigene Partnerin nicht mehr als potentielles Sicherheitsleck wahrnehmen zu müssen. Über meinen eigenen Impftermin mache ich mir keine Gedanken; es erscheint mir ähnlich sinnvoll wie ein Nachdenken über den Start der Marsbesiedelung.
Lieber denke ich wieder über das Ende des Winters nach und über den Frühling. Ich denke an die Narzissen und an das kleine Naturparadies, das im Inneren aus Müll besteht. Es wäre schön, wenn auch die Pandemiejahre in der Rückschau zu etwas Ähnlichem werden könnten. Dass wir an diese Zeit denken und sagen: Ja, das war ein Riesenhaufen Scheiße. Aber wir haben ihn neu begrünen können. Wir können jetzt darauf leben. Wir wissen, dass er noch unter uns gärt — denn ganz wird die Welt den Virus wohl nie mehr los — aber wir haben ihn unter Kontrolle. Ich glaube daran, dass eine solche Zeit kommen kann. Bis dahin muss man wohl weiter Aushalten. Und Ausschau halten nach allem, was blüht: Nach allem, was ein Anfang sein könnte.

Kunst

Zunächst weiß ich nicht, was ich davon halten soll. Ein Malset zum Geburtstag, für Anfänger und Wiedereinsteiger. Setzte mich das nicht unter Druck, jetzt, da die Schmerzen in meinen Fingern kein kleinteiliges Zeichnen mehr erlaubten, dennoch etwas Kreatives schaffen zu müssen? Hatte es nicht gar etwas Marie-Antoinette-eskes an sich, im Sinne von „Wenn er nicht mehr zeichnen kann, soll er halt malen?“ Hätte es nicht an mir gelegen, mich wieder dafür zu entscheiden? Die Kunst und ich, wir hatten schon eine wesentlich längere Beziehung als die Schenkende und ich, und, bei Gott, es war kompliziert. Fast fühlte ich mich auf unangenehme Weise verkuppelt.

Die überraschende Konfrontation mit dem Thema „Malen“ warf mich unvermittelt in meine Schulzeit zurück; einen Zeitraum, den ich rückblickend verabscheue wie keinen zweiten in meinem Leben. Ich habe die Schule an jedem einzelnen Tag, an den ich mich nicht davor drücken oder schwänzen konnte, gehasst. Außer die Kunststunden. 
Kunst war das einzige Fach, in dem mich die mobbenden Mitschülerinnen in Ruhe ließen und in dem ich nicht der ewige Zweite neben vermeintlich universalbegabten Geschwistern war. Kunst war etwas, das nur mir gehörte; etwas, in das ich mich flüchten konnte und etwas, in dem ich nicht angreifbar war. Kunst war gut, weil ich in Kunst gut war. Der Lehrer gab mir eine Empfehlung für die Kunstakademie in Düsseldorf; kurz darauf fuhr ich zum Tag der offenen Tür hin, betrat die Akademie mit großen Augen und pochendem Herzen als vermeintliches Tor zur Welt meiner Zukunft — und kehrte demütig heim. Ich liebte alles, was ich dort gesehen hatte. Ich liebte die farbbeschmierten Schürzen der Studierenden, die hellen, riesigen Räume; den Esprit, die Kreativität, die alles und jedes winzige Detail und jedes Lebewesen in diesem Gebäude atmete. Ich liebte den Geruch nach Steinstaub, Terpentin und Farben. Aber ich wusste auch: das kann ich nicht. Hier hat der liebe Gott meinem Talent eine deutliche Grenze gesetzt. Die Leute hier an der Akademie waren so, wie ich nie sein würde. Ich trage keinen solchen Geysir an Kreativität in mir und ich besitze weder die Neugier noch die Experimentierfreude oder den Innovationsgeist, um mich in diesem wirklich hart umkämpften Feld durchzusetzen. Und vor allem besitze ich nicht die Frustrationstoleranz, die es für ein Dasein als Berufskünstler braucht; in einem ständig belächelten Berufsfeld, das selbst bei Menschen, die wesentlich talentierter sind als ich, oft kaum die Miete zahlt.
Es folgten Jahre, in denen ich irgendwann nur noch mit Sprache Bilder erschuf. Aber ganz wurde ich die Kunst nicht los. „Man merkt an deinen Texten, dass du viel gemalt hast“, sagte mir eine Sprachdozentin, „,man sieht jedes Detail in Farbe vor sich.“ Bis heute gehört das zu den schönsten Dingen, die mir je jemand in beruflichem Kontext gesagt hat, und ich trug es all die Jahre mit mir wie einen seelischen Notfallproviant — für Zeiten, in denen es wieder dunkel wurde um mich. Letzlich war es aber genau so eine Zeit, in der ich das Malen wieder begann. Genaugenommen: Man zwang mich. In einer Tagesklinik für Menschen mit Depressionen. Dort musste ich kreativ tätig werden, Speckstein schleifen, Malen, Lavendelsäckchen nähen, Basteln, Mosaikkleben, Weben, irgendwas. Ich fürchtete mich davor, weil ich meinen Anspruch an mich selbst fürchtete. Mir war klar, dass diese Tätigkeiten vom Grübeln befreien und der Seele Ausdruck verleihen sollten, wo die Sprache versagte, und auch, dass es dabei nicht um den künstlerischen Wert ging. Aber ich wollte nicht. „Ich war mal ganz gut in sowas“, sagte ich. „Aber irgendwann habe ich eingesehen, dass ich mich nicht mehr steigern kann, egal, wie sehr ich mich anstrenge. Dass mein Talent Grenzen hat. Dass ich nie so gut werden werde, wie ich gern wäre. Das jetzt erneut zu erfahren, zöge mich noch mehr runter.“ Ich glaubte nicht daran, dass es mir helfen würde und fragte, ob ich nicht lieber etwas anderes machen könnte. Ein Beet umgraben, den Sandsack verhauen oder sowas. Es half nichts. Ich musste Malen. Viele Frustrationen und Dutzende Bilder, die ich schamesrot zerknüllte später, zeichnete ich ein Rotkehlchen, das abflugbereit auf dem Rand eines Blumentopfes saß. Die Mitpatienten und Therapeutinnen liebten es und es wurde in den Klinikflur gehängt. Und dann war es kurz zurück: Das Gefühl, dass ich doch irgendetwas konnte.
Es war ein wohliges, duftendes Bad, aus dem mich die nächste toxische Beziehung und der nächste wirtschaftliche Misserfolg aber schnell wieder auskippten. Das Rotkehlchen starb irgendwo allein im Dreck. Es kommt ja nicht nur auf den gelungenen Abflug an. Sondern auch darauf, wo und wie man landet.

Doch das nächste Mal, bei dem ich wieder zu Zeichenstift und Pinsel griff, war erneut mit einem Abflug verbunden. Obwohl ich es damals noch nicht ahnte, leitete ich mit einer Serie von Vogelzeichnungen den Abflug nach Langeoog ein. Es gab Erfolge und Rückschläge mit den Zeichnungen. Verkäufe und Ausstellungen ebenso wie Phasen, in denen kein einziges Bild gelang. Doch das Malen mit Sprache war längst zum ersten, sicheren Standbein geworden: Der Druck, auch mit Pinsel oder Zeichenstift etwas schaffen zu müssen, war weg.

Und nun lag da vor mir dieser Malkasten und der Druck kehrte zurück; ebenso wie alle Erinnerungen. Verschiedene Materialien lagen zum Ausprobieren bereit: Aquarell? Bin ich zu ungeduldig für. Acryl? Riecht und braucht zuviel Platz in der Wohnung. Kohle? Been there, done that. Stoff meiner destruktivsten Teeniephasen. Was eignete sich dafür auch besser als ein Herumsauen in tiefschwarzem Staub? Furchtbare Zeit, weg damit. Ölpastellkreiden? Nur selten gemacht, riecht nicht, trocknet schnell, die Handhaltung bedarf weniger Feinmotorik, also her damit. Tipps bei einer befreundeten Künstlerin mit Expertise in dieser Technik geholt. Freude gehabt. Ergebnisse noch stark ausbaufähig, aber ansehnlich.
Es ging also doch noch ein bisschen. Viele Erinnerungen an Hilfsmittel und Techniken kamen zurück und ich spürte, dass sich ein Dranbleiben lohnen könnte. Und ja, ich hatte das Malen vermisst. Ich hatte vermisst, wie sehr man dabei Raum und Zeit vergessen konnte. Ich hatte vermisst, wie sehr man sich darin verlieren und dabei abschalten konnte, und wie gut es tat, schönen Erinnerungen, Träumen und Phantasien Leben einzuhauchen, indem man sie zu Papier brachte.

Es ist faszinierend zu sehen, wie die Motive im Schaffensprozess eine Eigendynamik entwickeln: wie der Baum, den man im Sommergrün geplant hatte, plötzlich Herbstrot werden möchte; wie das Gewand der Gottesmutter, auf dem Vorlagen-Foto sandfarben, sich fast von alleine Marienblau färbt.
Vor allem aber liebe ich, wie sehr das Malen einen neuen Blick auf Gewohntes ermöglicht. Plötzlich teile ich die Langeooger Dünenlandschaft im Vorbeiradeln in Farbflächen auf. Beobachte Licht und Schatten genauer; überlege, wie ich die Lichtreflexe auf einer Pfütze anlegen könnte oder ihr zartes Wellenspiel. Überlege, wie man welches Motiv abstrahieren könnte. Mit welchen Strukturen man welchen Effekt erzeugen könnte. Knüllen, Kratzen, Streichen? Eine neue Welt öffnet sich, allein dadurch, dass ich jetzt mit diesem neuen — oder wiederbelebten — Blick durch die Gegend fahre. Mir hätte gerade jetzt, zur Pandemiezeit, wo ich nicht reisen und anderswo neue Impulse sammeln kann, eigentlich nichts Besseres passieren können.
Denn auch ich bin inzwischen an einem Punkt, wo ich zugeben muss: Das Reisen fehlt mir. Oft erwische ich mich dabei, wie ich nächtelang im Internet Pauschalreiseangebote anschaue, die ich mir eh nie leisten könnte. Nordlicht-Safari in Norwegen. Thermalquellenbaden auf Island. Ein grasgedecktes Häuschen auf den Färöern: Einsame Landzunge, nur ich, die Seevögel, viele Bücher und der Blick auf winzige Inselchen. Noch mehr Nordlichter. Noch mehr Norwegen: Stabkirchen, Fjorde. Endlose Wälder. Papageientaucher auf schroffen Felsen. Irland, schottische Heide im Nebel und südenglische Küstenromantik. Lavendelfelder irgendwo; der Vatikan und Mont St.Michel. Klöster, uralte Bibliotheken. Freundliche Mönche, die weißen Alben so rein und duftend wie die rosige Unschuld ihrer alterslosen Gesichter. Die Sehnsucht ist groß. Die Unerreichbarkeit auch. Doch nun kann ich all das zu mir holen, indem ich es male. Die ganze Welt ist in uns: Wir müssen sie nur rauslassen. Welche Erkenntnis könnte an Tagen, die sich mit ihren ewiggleichen Routinen zu einer erdrückenden Art von Leere verdichten, denn schöner sein?
Kunst befreit. Kunst heilt. Kunst eröffnet neue Horizonte, ungeachtet der eigenen Talentgrenze. Kunst erweitert das eigene Selbst, wo man sich selbst für limitiert hält: Denn auch ein unter handwerklichen Aspekten schlechtes Bild ist immer noch etwas Selbstgeschaffenes und damit einzigartig und nicht kopierbar — wie eine Menschenseele. Heute kann ich all das bezeugen. Und auch, dass ein auf den ersten Blick falsches Geschenk letzten Endes genau das Richtige sein kann.

Decke

Seit Tagen hüllt sich die Insel in dichten Nebel. Das Nebelhorn an der Mole blökt ohne Unterlass. Mag das Geräusch anfangs noch idyllisch klingen, da es einem stetig beweist, auf einer Insel zu leben und zudem einen akustischen Halt im dunstigen Nirgendwo bietet, so zerrt es nach einigen Stunden doch an den Nerven. So viele Tage Seenebel in Folge habe ich auf Langeoog auch noch nicht erlebt. Zum Teil sieht man keine 50 Meter weit; sogar die nächstgelegene Straßenkreuzung wird schon vom Nebel verschluckt. Das Meer hört man, aber man sieht es nicht. Fotos vom Strand zeigen zurzeit eine einzige, graubeige Fläche. Ab und zu dringt ein Seevogellaut durch die Stille, aber auch diese Geräusche wirken gedämpft; ebenso wie die eigenen Schritte. Die Winterlandschaft bietet wenig Farbtupfer zur Orientierung: Hier und da eine letzte rote Hagebutte am kahlen Strauch; dort eine grüne Fläche saftigen, weichen Mooses in den Dünen. Die dunklen Sandfangzäune am Strand, und natürlich die Dächer des Inseldorfes. Aber sogar die Kirchtürme und der Wasserturm sind zeitweise komplett verschluckt. Menschen begegnen einem auf den Wegen wie frisch materialisierte Außerirdische, wenn sich ihre Konturen ganz plötzlich aus dem Dunst schälen, von weißgrauem Licht umflort.

Es ist, als zöge sich die Insel dieser Tage eine dicke „Klei-mi-an-Mors“-Decke über den Kopf, und ich kann es ihr nicht verübeln. Denn auch bei mir ist dieser Wunsch mitunter recht ausgeprägt. Nicht rühren möchte man sich, bis die Welt wieder klarere Konturen annimmt, und dabei eingehüllt sein in einen warmen, weichen Kokon. In sicherer Höhle mit einem großen „Bitte nicht stören“-Schild davor. In Zeiten, in denen viele Menschen unter Einsamkeit leiden, nimmt bei mir die Sehnsucht nach dem Alleinsein, nach dem nährenden und energiespendenden Luxus absoluter Stille, großen Raum ein. ‚Das hast du doch jetzt alles‘, könnte man meinen, denn auf Langeoog ist es so ruhig wie nie zuvor, und ich gebe zu, dass das Sehnen nach noch mehr Stille auf den ersten Blick paradox erscheint. Doch letzlich sind es zwar stille, aber keine ruhigen Zeiten. Täglich neue Erlasse und Unsicherheiten; niemand weiß, wie es weitergeht mit der Pandemie, täglich muss man mit einem großen Ansturm urlaubsausgehungerter Menschen auf die Insel rechnen, der dann wenige Tage später doch wieder abgeblasen wird. Das gesellschaftliche Klima ist toxisch; in der Langeweile, womöglich gepaart mit Existenzangst, beginnen einige Zeitgenossen mehr denn je, um sich zu beißen und sich auf einzelne einzuschießen; Lappalien und private Eitelkeiten werden zu Dramen hochgekocht, über die meine Freunde auf dem Festland nur ein Wort übrig haben: „Provinzposse“. Ich kann es ihnen nicht verübeln. So bleibt zu hoffen, dass außer dem Nebel auch der Verstand einiger Leute wieder aufklaren möge und dass sich der dunstige Vorhang ihrer Verblendung und Vorurteile wieder lichtet. „It’s not magic, boys, and it is no picnic either“, mag man hier das US-amerikanische Schriftstellergenie Philip Roth zitieren — der damit übrigens das Dasein als Autor beschrieb. I feel you.

Es sind gewissermaßen absurde Zeiten; auch, was die öffentliche Berichterstattung angeht. Die Tageszeitungen sind voll mit Fotos von Menschen, die sich die Haare schneiden lassen, als sei das Friseurhandwerk soeben von Elon Musk erfunden worden. „Mutantenquote in Österreich bei 58%“ titelt ein anderes Blatt. Man stelle sich diese Schlagzeilen einmal ohne Wissen um die Pandemie vor — es klänge nach einem Slapstick-SciFi-B-Movie.

Unter all diesen Aspekten finde ich den Nebel schön, steht er doch für ein seelenstreichelndes Nichts-Sehen-Nichts-Hören-Müssen. Tatsächlich erscheint einem ein begrenzter Horizont mitunter fast erstrebenswert, im Sinne von: Alles, was weiter als 50 Meter von meiner Haustür weg ist, geht mich nichts an. Aber auf Dauer wäre wohl auch das anstrengend, zumindest, wenn es im Umkehrschluss bedeutet, dass man die Dinge innerhalb dieses Radius zu absurder Größe aufbläst und ihnen eine Bedeutung zumisst, die sie außerhalb dieses umnebelten Mikrokosmos einfach nicht haben.

Zweifelsohne gilt das aber auch für mein eigenes Dasein. Alleinsein ist wunderbar erholsam, Stille ein Gut von unschätzbarem Wert. Dennoch ist es nötig, sich ab und zu daran zu erinnern, dass man nicht allein auf diesem Planeten lebt. Dass man Verantwortung für seine Mitgeschöpfe trägt, auch für die, die man nicht kennt und sieht oder deren Anblick einem keine Freude macht. Man kann sich nicht permanent die Decke über den Kopf ziehen, auch wenn man es gerne würde. Man ist ein Rad im Getriebe dieses röhrenden, wuselnden und vielfach verwundeten und verwundenden Ungeheuers, das sich Gesellschaft nennt. Das Nebelhorn mit seinem monotonen Blöken erinnert uns im Minutentakt daran: Da draußen ist jemand. Es warnt uns alle.

Fasten

Der Frühling kommt jetzt mit Macht. Singdrosseln spazieren durch den Garten und die Meisen verschiedener Art überbieten sich im Gesang an Lautstärke. Lerchen steigen wieder über die Felder, ebenso wie die Kiebitze. Für die Rotkehlchen scheint es insgesamt ein gutes Jahr gewesen zu sein, denn sie wirken so zahlreich und omnipräsent wie nie zuvor auf Langeoog.
Kaum kann ich glauben, dass wir vor wenigen Tagen noch über die gefrorene Gischt am Strand kletterten; die zu Eis erstarrten Wellen schlängelten sich am Flutsaum entlang wie ein eilig drapiertes Bettlaken.
Nun aber sitze ich schon am frühen Morgen auf dem Balkon in der Sonne. Gestern schrubbte ich dort drei Stunden lang alle Spuren des Winters fort, begrub die im Frost verstorbenen Blumen, schnitt mir die Hände an in der Kälte zersprungenen Töpfen blutig, wusch die von Sand und Salz blind gewordenen Fenster und schuf Platz für Neues. Der Rosenstock zeigt bereits winzige Knospen.
Bis die Frühblüher in den Kästen leuchten, wird es noch dauern: Noch immer ist Pandemie, noch immer ist Lockdown und die Gartencenter bleiben geschlossen. Ich könnte traurig darüber sein, aber passenderweise ist ja ohnehin die Buß- und Fastenzeit angebrochen: Verzicht tut Not und Aushalten ist Tugend. Der Priester bestreute die Freundin und mich mit Asche, die uns später im Regen in schwarzen Schlieren vom Scheitel lief.
Nun aber ist auch das bereits wieder eine Weile her und der Tag schreit nach Vergnügung. Mit rund 15°C sind die Temperaturen beinahe tropisch zu nennen und mich ergreift eine leise Sehnsucht nach dem Sommer.

Natürlich gilt diese Sommersehnsucht nicht Lärm und Gewühl — an den zeitweisen Massentourismus auf Langeoog werde ich mich wohl nie gewöhnen — aber ich sehne mich nach dem schier endlosen Draußensein. Nach lauschigen Nächten auf dem Balkon, frühen Vogelkonzerten zum Kaffee und einer Zeit, in der man sich vom Strandkorb aus den Sonnenuntergang über dem Meer anschauen kann.
Ich vermisse die Farbenpracht blühender Salzwiesen und das Grün der Bäume; den Duft in der Sonne getrockneter Wäsche und die kühlen Nordseewellen an den nackten Knöcheln. Mir fehlt die Unkompliziertheit des Lebens, welche der Sommer mit sich bringt, ebenso wie die verschwenderische Fülle an Tageslicht. Natürlich fehlt mir auch die Unbeschwertheit pandemiefreier Tage: Spontane Überfahrten und Urlaube, das Flanieren durch pittoreske Dörfer und Altstädte, das Sitzen im Café, das Bummeln durch Kunstgalerien und liebevoll ausgestattete Lädchen. Ein Sommer ganz ohne das alles würde seltsam. Aber noch ist ja Zeit, tröste ich mich, wiewohl die wieder ansteigenden Infektionsraten durchaus die ein oder andere Kakophonie in die süße Melodie der Hoffnung schraddeln. Aber es wird geimpft, es geht voran. Irgendwas muss ja voran gehen. Muss.

Heute aber gibt es kein Muss. Der Tag liegt in glitzernder Pracht vor mir, noch nahezu unberührt. Ich mache mich auf zur Mole, es herrscht Niedrigwasser. Seevögel stochern im verschlickten Teil des Hafenbeckens; es riecht nach Watt. Über dem wogenden, noch wintergoldenen Gras am Flinthörn kreist eine Weihe. Verblühter Rainfarn streckt sich im Vordergrund.
Es sind relativ viele Menschen unterwegs; vermutlich halten sie den plötzlichen Frühlingseinbruch für ein ähnlich fragiles Konstrukt wie ich. Jederzeit kann die Kälte zurückkommen; jeder weiß das. Umso kostbarer ist jetzt die Wärme, ist jetzt das Draußensein. Die erwachende Natur tut gut. All das sich regende Leben — die balzenden Vögel, die ersten Bündel von Schneeglöckchen und Krokussen auf den Wiesen, die Knospen der Sträucher — zeigt, dass es voran geht. Zeigt, dass sich irgendwas bewegt, auch wenn sich der Lockdown für viele wie ein endloser Stillstand anfühlt. Das einzige, was sich definitiv bewegt, ist der Kontostand: Und zwar abwärts — ein mir ebenfalls sehr vertrautes Phänomen in der Pandemie. Aber im Sarg nützt mir das Geld auch nichts, sage ich mir, und mache also das, was man als Katholik halt so tut in der Fastenzeit: Ich übe Verzicht und ertrage.
Und träume heimlich von der Fülle des Sommers.

Entlang des spiegelglatt glitzernden Wassers, entlang des Seedeichs, der Dünen und Weiden geht es allmählich wieder heimwärts. Ich pausiere auf sonnenwarmen Steinen; die Jacke zusammengerollt unter dem Kopf. Es wird wieder voran gehen, denke ich, und schaue zu, wie sich zarte Wolkenbänder durch das Himmelsblau weben. In der Ferne höre ich das Pfeifen der Großen Brachvögel und das Trillern der Austernfischer. Möwen gleiten über den Sielen. Am Wegesrand sehe ich auch etliche Kadaver: Einen Austernfischer, dem ein anderes Tier das Herz aus der Brust gefressen hat. Einen kopflosen Fasan. Eine halbskelettierte Elster und einen abgerissenen Vogelfuß, von wem auch immer. Aus einem ausgerenkten Flügel ragt ein Knochen. Diese Tiere haben den Winter nicht geschafft, und der Hunger derer, die ihn schafften, ist groß.

So ist auch der Hunger der Menschen: Wenn nicht nach Essen, dann nach der Unbeschwertheit einer Zeit ohne Coronavirus. Nach Reisen, nach unverhüllten Gesichtern, nach Sommer. Die Fastenzeit verlangt einiges in diesem Jahr. Aus christlicher Sicht dient das Fasten der Reinigung und Buße, der Rückbesinnung auf Wege und Werte, damit man das Strahlen des österlichen Lichts umso freudiger empfangen kann. Es ist verständlich, wenn der Lockdown mit all seinen Verpflichtungen zum Maßhalten und Sozialfasten, zum Warten und Erdulden, mitunter sehr an den Nerven zerrt: Zumal es ja nicht einmal ein selbstgewählter Verzicht ist und damit auch kein Vergleich zum christlichen Fasten aus freier Entscheidung. Aber, ebenso wie das Osterlicht, wird auch das Licht des Sommers kommen und eine Zeit nach dem großen Verzicht — Über das Ausmaß der danach zu erwartenden Völlerei sprechen wir lieber an anderer Stelle.

Winterliebe

Es ist ein traumhaft schöner Wintertag. Nach einem eher unsanften Auftakt mit heftigem Schneefall, steingrauem Himmel und rabiaten Windböen, zeigt sich die verschneite Insel nun in voller Pracht. Der Schneefall ist zum Erliegen gekommen; das Grau am Himmel ist einem satten, leuchtenden Blau gewichen, durch das nur noch vereinzelt Wolken treiben. Die Müdigkeit der vielen dunklen Tage sitzt mir noch in den Knochen, und ohne berufliche Verpflichtungen hätte ich mich an diesem Tage wohl kaum weit vor die Tür begeben. Doch nun mache ich mich auf zum Hafen, ein Auftrag wartet. Ich hefte die Augen fest auf die Straße, um nicht hinzufallen, und halte immer wieder an, um mir den Winterzauber rechts und links des Weges anzusehen. Nur gedämpft hört man das Schnattern der Graugänse auf den Weiden; sie haben sich in die Nähe schützender Sträucher und Gebäude zurückgezogen.
Ein großer Greifvogel gleitet über mich hinweg; ich kann noch sein dunkelbraunes Gefieder erkennen; vermutlich ein Mäusebussard. Der Greif lässt sich auf einem hohen Baum nieder und späht von diesem Ansitz aus nach Beute.
Je mehr ich mich Hafen und Seedeich nähere, umso mehr Stimmen dringen an mein Ohr: Stimmen, bei denen sich mein Herz öffnet. Ich höre das Trillern von Austernfischern, die wehmütigen Laute Großer Brachvögel, das Piepsen der niedlichen Sanderlinge, dazu Entengeschnatter und natürlich: Möwen. Aus den Bäumen melden sich Rotkehlchen und Meisen; eine Drossel labt sich an letzten Hagebutten.
Die nackten Zweige der Bäume erheben sich majestätisch in den Himmel, der sich am späten Nachmittag schon in Rosé und Apricot färbt. Aber die Sonne hat noch Kraft; ich öffne meine Jacke und lasse mich von Licht und Vogellauten beschenken.
Liebe erfüllt mich: Zu dieser wunderbaren Natur, zu diesem Tag, zu diesem Leben. Und auch in die Insel verliebe ich mich wieder neu, als wäre es nicht schon mein achtes Jahr hier. Beinahe fühle ich wieder die Anfangseuphorie von 2014, als ich in jeder freie Minute in die Natur radelte und dabei jede Farbe, jede Pflanze, jedes Tier mit einer Innigkeit ins Herz schloss, als würden sie mir tags darauf wieder fortgenommen. Nun war bis zu meiner Insel-Ankunft mein Leben auch nicht durch Beständigkeit ausgezeichnet, und so war diese Verlustangst und dieses Gefühl von „Mitnehmen, was geht, solange es nur geht“ vermutlich nur natürlich. Auch heute möchte ich die Insel freilich nicht hergeben, aber es sind mir doch einige Ängste genommen: Die Wohnung ist fest und auch beruflich fühle ich mich endlich angekommen und angenommen. Die Kirche gibt meiner Seele Halt. Es ist ein gutes Leben.

Ich stelle mein Fahrrad in der Nähe des Zugangs zur Deichkrone ab. Das Schloss benutze ich nicht, denn außer mir, Hunderten von Vögeln und ein paar anderen Tieren ist hier niemand. Ich setze meine Fußspur in die eines Feldhasen, der scheinbar ordnungsgemäß den schmalen Weg auf dem Deich entlanggehoppelt ist, ohne auch nur den kleinsten Haken zu schlagen. Doch lange kann ich seine Spur ohnehin nicht verfolgen, weil ich den Blick nicht mehr senken kann: Vor mir breitet sich das Paradies. Zuletzt sah ich Deich, Watt und Salzwiese irgendwann im Herbst aus dieser Richtung. Im Schnee war ich tatsächlich noch nicht hier. Und nun liegt dieser atemberaubend schöne Teil Langeoogs in so traumhaften Farben vor mir, dass ich mich automatisch in die Tundra oder ins sommerliche Spitzbergen versetzt fühle. Tatsächlich erstreckt sich das Weiß des Schnees nicht über die gesamte Landschaft. Ein bisschen grünes Deichgras ist zu sehen, dazwischen die warmen Gelb- und Rottöne der Salzwiese; das tiefe Blau des Meeres und das Graubraun der Schlickflächen. Im Hintergrund erhebt sich die Dünenkette Richtung Ostende; mit ihrer Schneehaube sieht sie aus wie ein stattliches Gebirge. Alles, was in den letzten Tagen, Monaten, Jahren anstrengend und hässlich war auf der Insel, fällt von mir ab, und ich spüre, dass ich diese Euphorie des Frischverliebtseins lange vermisst habe. Ein Verliebtsein, das die Neugier mit sich bringt, immer mehr Facetten am Gegenüber entdecken zu wollen, von denen dann eine schöner als die andere zu Leuchten beginnt. Ich habe das 2014er-Langeooggefühl vermisst. Und nun ist es zurück, als sich die Insel mir an diesem Tage noch einmal ganz neu zeigt.

„Dein Bild in der Hand, träum’ ich vom Schnee / Und nichts tut mehr weh“, singt Ulla Meinecke in dem Lied „Hafencafé“, und ich muss unwillkürlich Lächeln, als mir diese Liedzeile einfällt. Nicht nur, weil sie mich tatsächlich an eine alte Schwärmerei erinnerte — an jemanden, in den ich mich einst während eines Winterurlaubs verguckte und der mir damit sehr über eine andere, äußerst schmerzhafte Erfahrung hinweghalf — sondern auch, weil ich wusste, dass diese Zeile mir auch künftig helfen würde.
Denn immer, wenn mir das Inselleben eine hässliche Seite enthüllen würde — zwischenmenschlichen Unrat oder sonst etwas Gärendes und Faules — würde ich ab jetzt an diesen Satz und an diesen Tag denken. An diesen Anblick. An den schneebedeckten Deich mit der Hasenspur, an die wundervollen Tundra-Farben, an die Sonnenwärme und ans glitzernd vereiste Watt. Und die Rufe der Brachvögel würden mir sagen, dass alles gut wird. Weil alles gut ist.