Herbstausklang


Der Herbst ist bereits weit fortgeschritten. Die Hagebutten der Hundsrosen leuchten aus immer kahleren Zweigen und letzte Zugvogelschwärme sammeln sich für die Reise in ihr Winterquartier. Am Strand entdecke ich erste Sanderlinge: Die winzigen Vögelchen sind Wintergäste auf Langeoog und ein Anblick, der das Kommen der Kälte eindeutig versüßt. Aber noch ist es nicht kalt auf Langeoog. Die Luft ist noch immer warm und es tut gut, sich davon mit tiefen Atemzügen beleben zu lassen, während die Natur sich immer mehr zur Ruhe bettet. Die Sturmböen der vergangenen Tage haben das Meer aufgewühlt, von den Wellenkämmen sprüht die Gischt in langen Fontänen. Sogar der flache Priel, an dem die kleinen Sanderlinge nach Futter suchen, zeigt einen beachtlichen Wellengang. Ich gehe ein Stück am Flutsaum entlang. In der Ferne lassen Familien Drachen steigen. Ich spüre den kräftigen Westwind im Rücken und weiß, dass ich ihn auf dem Rückweg verfluchen werde, aber in diesem Moment tut er einfach nur gut. Er schiebt mich sanft voran auf meinem Weg, treibt den Sand neben mir her und ich freue mich über diese friedlichen Begleiter sowie über jeden Meter, den ich vom Inseldorf weiter Richtung Ostende gelange. Weg von Hektik und Eitelkeiten, weg von Stress und Streit. Hinein ins Königreich der Vögel, des Windes und der Wellen: Den einzig legitimen Herrscherinnen hier auf dieser Insel, deren Schönheit und natürlicher Autorität aller Respekt und jede Ehre gebührt. Allein: Die Natur braucht keinen roten Teppich. Auch hamstert sie keine Pracht, sondern verschenkt all ihren Reichtum täglich. Und wir, die wir diese Großzügigkeit kaum noch verdienen, brauchen nichts weiter tun, als ihn anzunehmen. Nun ist es mit der Natur aber oft nicht anders als mit den Menschen untereinander: Wer einen Finger gereicht bekommt, langt all zu oft nach dem ganzen Arm. Mich macht der Gedanke traurig, dass all das hier irgendwann nicht mehr da sein könnte, weil einige Leute oder ganze Nationen den Hals nicht vollkriegen können. Klimawandel, Meeresvermüllung, you name it. Und doch interessieren diese globalen Fragen, auf die es auch nur globale Antworten geben kann, meist weniger als das tägliche Kleinklein, und ich nehme mich davon nicht unbedingt aus.
Das ornithologische Kleinklein in Form der Sanderlinge flitzt weiter längs am Priel entlang und ich bleibe stehen, um ihnen zuzusehen. Morgen beginnen die Zugvogeltage und ich erinnere mich an die Jahre, in denen ich als Urlauber daran teilnahm. Herrlich war es, denn ganzen Tag nichts anderes zu machen, als unter fachkundiger Anleitung durch diese herrliche Landschaft zu stromern und all diese kleinen gefiederten Wunder durch riesige Spektive zu bewundern, die wir den ganzen Weg über auf den Fahrrädern mitschleppten. Abends fiel man, ebenso glücklich wie erschöpft, in einen Stuhl in irgendeinem Restaurant und ließ sich etwas Leckeres servieren, bevor man in der Ferienwohnung den Tag bei einer Tasse Tee beendete. Voller Vorfreude auf den nächsten Sonnenaufgang und den Fasan, der mit kupferglänzendem Gefieder meckernd durch den Vorgarten schritt.
Ich mache mich auf den Heimweg, denn nun, im Alltag auf der Insel, wartet noch anderes auf mich als Essen, Ausruhen und Fasane. Über der Dünenlandschaft steht ein Turmfalke nahezu starr in der Luft, unterbrochen von kurzen Rüttelflügen und einem Hinabstürzen ins Dünengras, sobald er ein Beutetier entdeckt. Ich bewundere den eleganten Jäger für seine Beharrlichkeit, denn es sieht nicht so aus, als würde er nach jedem Sturzflug etwas erlegen. Aber er steigt immer wieder auf, späht immer wieder aufs Neue hinab: Der Hunger muss gestillt werden, bevor der Winter kommt.
Etwas ratlos betrachte ich das Jahr, das nun schon wieder zuende gehen will, kaum, dass man es in Händen hielt. Und dann reden die Menschen von Entschleunigung auf Langeoog, denke ich. Schön wär’s. Aber letztlich sind es ja doch diese kurzen Momente des Innehaltens, die uns wieder Atmen lassen und das Rotieren der Welt ein bisschen bremsen: Der rüttelnde Turmfalke, die emsigen Sanderlinge, die leuchtenden Hagebutten. Ich steige aufs Rad und stemme mich mit frischen Kräften gegen den Wind.

Tankstelle

Und plötzlich ist mir adventlich zumute. Am Wetter liegt es nicht, denn obwohl es Anfang September ist, zeigt das Thermometer heute 28°C an und die Wohnung der Freundin mit ihren Südfenstern ist eine Sauna. Auch liegt es nicht an den ersten Weihnachtssüßigkeiten, die wir dieser Tage in einem Supermarkt sichteten, denn das ist um diese Zeit ja nun wirklich keine Überraschung mehr. Doch nun ist da dieser Katalog eines spirituellen Buch- und Geschenkehandels, durch den ich blättere, während die Freundin irgendetwas in der Küche hantiert. Ich sehe hübsch dekorierte Kerzen, Backutensilien, Schwibbögen, Engelchen und all diese Dinge, die die Geborgenheit eines weihnachtlich geschmückten Zuhauses ausstrahlen. Derweil zieht der Duft von Tee zu mir rüber. Die Freundin setzt sich, und plötzlich wünsche ich, es wäre Advent. Ich sehe uns Plätzchen und Klöße formen, knusprige Ente aus dem Ofen ziehen und nach Nelken duftende Wildpastete essen; ich sehe glänzendes Geschenkpapier mit zarten Bändern vor mir, ebenso glänzende Augen und rote Wangen vom Strandspaziergang. Wir würden kuschelige Stricksachen tragen und uns aneinander wärmen, während die drückende Sommerschwüle kristallklarer Winterluft gewichen ist. Zweifelsohne würde ich mich zugleich über die Scheißkälte beschweren und vom nächsten Frühling in luftigen T-Shirts und Stoffhosen träumen, von den bunten fröhlichen Farben des Osterfestes und all den Verheißungen eines noch jungen Jahres. Und doch frage ich mich, woher sie kommt, diese plötzliche Weihnachtssehnsucht, jetzt, wo nicht einmal etwas vom Herbst zu spüren ist. Vermutlich, denke ich, ist es eher die Sehnsucht nach dem Innehalten, nach dem heimeligen Kokon des Privaten, nach der Schönheit der Insel in der Winterstille.
Die letzten Tage waren das Gegenteil von Innehalten, denn leider gilt auch bei der Urlaubsplanung: Zeit ist Geld. Wenn man sich nicht viele Tage leisten kann, bedeutet das also, in kurzer Zeit möglichst viel herumkommen zu wollen, und so bereisten wir in 5 Tagen 5 Orte. Schön war das schon; wir sahen zauberhafte Architektur, Natur und Tiere, sogar alte Freunde waren mit im Programm. Und doch war alles so schnell wieder vorbei wie ein schnell geträumter Traum während eines Mittagssschlafs. Und es ist ja nicht nur die Urlaubszeit, die vielleicht ein wenig zu vollgepackt war. Das ganze Jahr ist gefühlt ein wenig zu voll gepackt mit all seinen Hiobsbotschaften von Krieg und Energiekrise, von Inflation, Rezession, Dürre und Waldbränden und all dem. Ist es da verwunderlich, wenn auf der anderen Seite die Sehnsucht nach einem Heile-Welt-Nest wächst?

Ich erinnere mich an eine Zeit „vor vielen, vielen Monden“, wie es mein Freund H. formulieren würde, als ich unter grässlichem Liebeskummer litt. Aus allem war die Farbe gewichen; kein Ort, an den ich gehen konnte, wo nicht auf irgendeine Weise eine Lücke mit der Kontur des so elendig vermissten Menschen klaffte. Und in genau dieser Zeit hatte ich einmal einen Traum: Nicht vom Kummer, sondern vom Gegenteil. Im Traum wohnte ich mit diesem Menschen in einem wunderschönen Landhaus, wir verstanden uns wortlos; alles war vertraut und unverkrampft. Wir lasen Zeitung und tranken Tee, während die Dahlien im Garten vorm Fenster der Wohnküche ihre Köpfe im warmen Herbstwind wiegten. Unweit davon spiegelte das Meer weiches Sonnenlicht. Das Aufwachen aus diesem Traum und das Realisieren, in welcher grauen und kalten Wirklichkeit ich mich befand, war, man ahnt es womöglich, eher unerfreulich. Ein Freund, dem ich damals davon erzählte, nannte es mit seiner lakonischen Ader einen „Laura-Ashley-Traum“und das war so treffend, dass ich ihm nicht einmal im Ansatz deswegen böse sein könnte. Bedienten die romantischen, heimeligen Landhaus-Designs des ehemals britischen Unternehmens nicht genau solche Cottage-Sehnsüchte stressgeplagter Städter:innen?

Auf Langeoog im Allgemeinen und mit meiner zukünftigen Ehefrau im Besonderen bin ich, dem Herrn sei es gedankt, zwar in weiten Teilen in einer Laura-Ashley-Realität angelangt, aber dennoch denke ich rückblickend, dass dieser Traum damals wichtig und notwendig war, um meiner kummergeplagten Seele eine Pause zu ermöglichen. Und so ist es wohl auch mit meinem plötzlichen Anfall von Weihnachtssehnsucht. Es ist wohl weniger das Fest selbst oder gar die Sehnsucht nach dem Winter als das Verlangen nach einer Pause für die Seele, nach „Einmal Volltanken mit Frieden, Geborgenheit und Wärme, bitte.“ Von dieser Tankfüllung lässt sich dann, mit Glück, auch bis Ostern zehren.

Hoffnung

„Die Gewalt, der Terror und der Hass werden ein Ende haben“, verspricht der Priester, und er strahlt dabei so vereinnahmend, dass man ihm das nur zu gerne glauben möchte. Das sei Jesu Botschaft: Die Hoffnung auf Frieden. Das Leben in Fülle. Auch und gerade in Zeiten, wo dieser grässliche Krieg unser Europa fest im Griff hat und wir alle dessen Auswirkungen langsam zu spüren bekommen, auch wenn unser Haus nicht in der Ukraine steht. Doch die Hoffnung und Zuversicht auf ein Ende des Elends sei das, was uns durchhalten helfe. Jesu Trost und Versprechen an uns. „Credo!“, möchte ich unverzüglich ausrufen, „credo!“ — Wenn es nicht so schwer fiele. Dabei ist auch der nette Priester keinesfalls weltfremd, vielmehr sitzen die Kriegsgräuel im Wortsinne täglich bei ihm am Tisch, denn er hat Dutzende ukrainische Geflüchtete bei sich im Priesterseminar aufgenommen und wird deren Geschichten mit Sicherheit anhören.
Ich gebe zu, dass ich kaum noch schaffe, mich bezüglich des Krieges auf dem Laufenden zu halten; ich kann mich schlicht nicht überwinden, all diese Artikel über so viel Leid zu lesen, auch wenn ich das als mündiger Bürger müsste. Das meiste bekomme ich nur noch über unermüdlich engagierte Freunde mit, denen an dieser Stelle meine ganze Bewunderung gilt. Ich bin so leider nicht. Ich bin feige.
Und dennoch kann ich nicht weglaufen, denn einflatternde Rechnungen für Strom und Gas in absurder Höhe sowie verschiedene, kriegsinduzierte Lieferschwierigkeiten im Warenverkehr erinnern mich täglich daran, dass der Krieg seine hässlichen Krallen längst auch um Deutschland gelegt hat. Die Freundin ist nicht mit in der Kirche. Sie spült nach Feierabend noch in einem Freizeitheim, der Preissteigerungen wegen. Damit wir zumindest tageweise noch Urlaub machen können oder überhaupt mal irgendeine Form von Lustkauf drin ist. Und dass, obwohl sie einen systemrelevanten Hauptjob hat, der der Gesellschaft aber letztlich doch nur Worthülsen und hohlhändigen Applaus wert ist. Auch meine Einkünfte werden von den Fixkosten fast gänzlich gefressen und es wäre mehr als traurig, wenn der Inseltraum nach so vielen glücklichen Jahren letztlich am Geld scheitern müsste. Ich denke, dass es keinem Ort, keiner Insel und keiner Region guttäte, zu einem Reichenbiotop zu verkommen, wo man die Angestellten nach Feierabend in irgendwelche Vororte, wahlweise aufs Festland, abschiebt, und ich hoffe, dass Langeoog nicht so endet.

Der Himmel über der Insel ist strahlend blau. Schwalben umschwirren die Kirche, als ich ins Freie trete. Nachts höre ich das Meer rauschen und danke Gott, dass dieses ferne Rauschen wirklich das Meer ist und keine Straße, dass ich morgens nicht von Hupen und Autotürenknallen geweckt werde, dass sich keine Besoffenen nächtens anschreien und in die Vorgärten kotzen. Ich bin froh, an einem Ort zu leben, der es einem leicht macht, an ein gutes Ende von allem Elend zu glauben.
Aber macht es nicht vielleicht auch leichtsinnig, an so einem Ort zu leben? Not, Armut, Kriminalität und Gewalt sind zumindest auf den ersten Blick so weit weg, auch wenn es das auf Langeoog, obschon in kleinen Dosen, natürlich ebenfalls gibt, die Inselpolizei wird es bestätigen können.
Und doch ist die Gefahr groß, sich von dieser Schönheit und zumindest oberflächlichen Unschuld verführen zu lassen und zu denken: Solange ich hier bin, bin ich in Sicherheit. Alles Schlechte ist so weit weg, wie könnte es an so einen Ort gelangen? Ebenso verführt das strahlende Lächeln des Priesters dazu, ihm alles zu glauben was er sagt; alles, was er von Jesus erzählt, und davon, dass alles gut wird. Ich will ihm glauben. Jedes seiner Worte über Hoffnung, Frieden, Fülle und Zuversicht. Und doch ist nicht nur der Krieg längst um uns, sondern auch das Artensterben, der Klimawandel sowie ein umsichgreifender Egoismus und Sozialdarwinismus, der einen nicht nur aus den Kommentarspalten im Internet täglich anbrüllt.
Indes: Was bliebe uns vom Leben ohne Hoffnung? Wäre das nicht mindestens so trostlos wie ein Schottergarten ohne Blumen und Schmetterlinge, wie abgemagerte Eisbären auf schmelzendem Eis, wie sterbende Wälder und Monokulturen? Auf einem Bild aus der Ukraine sehe ich ein Paar, das zwischen Trümmern heiratet. Die haben Hoffnung, denke, ich, sonst würde man das nicht machen. Über den zerbombten grauen Häusern sieht man ein Stück Himmel.

Furcht

Irgendwo in den Tiefen des www freut sich jemand über seinen baldigen Umzug nach Langeoog. „Herzlich willkommen“, schreibe ich. „Der Inselkoller kommt schon noch“, unkt jemand anderes. Ich ärgere mich über diese Miesmacherei, erinnere ich mich doch gut an die Euphorie der ersten Inseltage. Kann man das jemanden nicht einfach mal gönnen? Zugleich ziehe ich innerlich Bilanz. Hatte ich ihn wirklich nie, diesen berüchtigten Inselkoller, der laut des Kommentierenden ja zu kommen hat wie das brühmte Amen in der Kirche? Die Antwort ist auch nach acht Jahren auf Langeoog ein rundum überzeugtes Nein.
Zweifelsohne gibt es Momente, in denen es nervt, nicht jede Einkaufsoption und nicht jede kulinarische Richtung an Restaurants verfügbar zu haben; keine Auswahl an Kinos, keine größere Bandbreite Kleinkunst, keinen Botanischen Garten und keinen Nadelwald.
Aber ein Gefühl der Enge, des Eingeschlossenseins oder gar der Langeweile? Nein. Enge sind für mich graue Häuserschluchten; verloren fühle ich mich in den blinkenden, lärmenden und nimmermüden Straßen einer Großstadt; einsam in anonymen Menschenmassen. Weite geben mir das Meer, die vom späten Sonnenlicht vergoldete Dünenkette, die Zugvogelschwärme im Frühjahr und Herbst. Die Stille im Winter, wenn man am Strand nur das Knacken der dünnen Eisschicht unter den Schuhsohlen, den Wind und das Zwitschern der Schneeammern hört, gibt mir Seelenfrieden. Auch dass die besten Freunde Hunderte Kilometer entfernt leben, empfinde ich nur gelegentlich als Fluch; viel öfter aber als Segen. Schließlich ist die physische Distanz ein Garant dafür, dass man bei diesen Freunden unzensiert über die Undelikatessen des Insel-Alltags reden kann, weil sie kein Teil des Langeooger Mikrokosmos sind und man nicht erst Nachforschungen anstellen muss, wer mit wem alles verwandt ist und ergo befangen sein könnte. Es ist ein schönes Leben.

Trotz allem möchte ich ein Insulanerdasein nicht pauschal empfehlen, denn es ist wohl vor allem eine Typfrage, ob man auf Langeoog dauerhaft leben kann oder nicht. Oder eine Frage der persönlichen Bindung an die Insel, denn wer hier quasi schon immer lebte oder viel Familie vor Ort hat, hat natürlich noch einmal einen ganz anderen Bezug (und einen anderen Alltag) als jemand, der neu hinzukommt und sich erst einmal durch das Dickicht gesellschaftlicher Verflechtungen und Tabuthemen fräsen muss, bevor er oder sie überhaupt seinen eigenen Platz finden kann. 
Was ich jedoch pauschal empfehlen kann, ist, sich Neuem ohne Angst zu stellen und an seinen Träumen festzuhalten. Es lohnt sich. Sofern sie nicht in Leichtsinn umschlägt, lohnt sich Furchtosigkeit eigentlich immer. Sei es bei einem Insel-Umzug oder in der Liebe.

Meine Liebe ärgert sich gerade über eine querfliegende Haarsträhne, als ich mit ihr an den Strand eile, um den letzten Rest Sonnenuntergang einzufangen. Die Luft ist weich und warm; die Priele füllen sich mit glitzerndem Wasser und über allem liegt der Dunst eines Spätsommertages. In der Nähe ankert ein hell erleuchtetes Arbeitsschiff, und ich denke an die Leute, deren Übergangsheimat nun dieses Schiff ist. Vielleicht essen sie gerade, machen ein Spiel oder unterhalten sich irgendwo in den engen Räumen; vielleicht sucht auch jemand Luft und Ruhe an der Reling und schaut auf den Strand, so, wie ich jetzt auf dieses Schiff schaue. Und dann steht da dieses Pärchen am Wasser, eins von vielen, und das sind wir.

In diesem Jahr hat sich auch die Natur ein gutes Stück Strand erobert. Büschel von rosablühendem Meersenf spießen zwischen den Strandkörben und ich bin froh, dass sie niemand untergepflügt hat. Dass es oft gut ist, Dingen einfach ihren Lauf zu lassen, zeigt sich aber nicht nur am Meersenf. Denn auch die Frau an meiner Seite wäre nicht ebenda, wenn wir uns auf das Wagnis „Zweisamkeit“ nicht eingelassen hätten. Und die Versuchung, es einfach wieder zu lassen, war groß. Zu sehr hatten wir uns im Alleinsein eingerichtet; zu schlecht waren frühere Erfahrungen mit der Einsamkeit zu Zweit. Und ich muss zugeben, dass die Angst vor diesem Wagnis wesentlich größer war als die vor dem Umzug nach Langeoog, denn hier gab es keinen Plan B und keine Probezeit. Auf die Liebe, das war mir klar, müsste ich mich in diesem Fall ganz einlassen — oder gar nicht.

Den Verlobungsring meiner Freundin ziert ein kleiner Stern aus Brillantsplittern, und ich mag es, wie sein Glitzern wiederum viele kleine Sterne erzeugt, ebenso wie die Wellen im Priel, die das Sonnenlicht spiegeln. Ein Leuchten und Funkeln, obwohl darunter und drumherum soviel Dunkelheit ist, soviele Gefahren — und soviel, von dem wir nichts wissen und das uns wohl immer fremd bleiben wird. 
Die Tage durchforsteten wir die Bibel nach einem Trauspruch, denn auch wenn uns unsere Kirche schmerzlicherweise das Sakrament verweigert, soll uns doch zumindest eine kleine, private Segensfeier vor Gott einen. 
„Furcht gibt es in der Liebe nicht. Die vollkommene Liebe vertreibt die Furcht“, heißt es im Johannes-Evangelium, und wir wussten sofort: Der ist es.

Furcht ist, das kann ich wirklich bezeugen, fast immer ein schlechter Ratgeber, und das sage ich als jemand, der eigentlich alles andere als risikofreudig ist, der Rückzugsräume braucht und immer etwas, das Halt und Heimat gibt. Wo aber genug Liebe ist — die zum Meer, die zu einem Menschen — da ist die Furcht nicht. Und sollte sie sich doch einmal wieder als brummendes Hintergrundgeräusch bemerkbar machen, so lässt sie sich trefflich vom Seewind übertönen.

Insel-Inseln

Wieviel Inselsommer mir in diesem Jahr wirklich entgangen ist, merke ich erst, als ich nach der Messe ins Freie trete. Hinter der Kirche hat sich die Sonne bereits tief gesenkt und den Himmel mit pastellfarbenem Dunst überzogen. Ich beeile mich, um von St. Nikolaus ans Meer zu kommen, denn auch den Strand und die wunderbare Weite der offenen Nordsee sah ich lange nicht. Zwar liegt auch die Stadt meines Klinikaufenthaltes im Norden, aber man hat von dort aus lediglich Blick über einen Meerbusen — auch das durchaus hübsch, aber nicht wirklich mit einem Inselstrand vergleichbar. Auch die Luft erscheint mir weicher auf Langeoog; glücklich atme ich ein paar tiefe Züge und genieße das Abendlicht am Flutsaum.
Hinter mir kuschelt sich die Kirche St. Nikolaus in ihr Dünennest. Auch sie hatte ich vermisst wie einen alte Freundin. Nach dem abendlichen Marsch durchs Dorf, wo ich viele Fremde und einige Fremdgebliebene traf, von denen niemand grüßte, öffnete ich mit dem Kirchentor einen Hort der Geborgenheit. Schon von Weitem sah ich unzählige Opferkerzen brennen; fast kein einziger Steckplatz war mehr frei. So viele Gebete, so viel Dank für ein paar schöne Tage auf der Insel, aber natürlich auch: Flehende Bitten, um Trost, Heilung, Zuflucht. Mich rührt jedes Mal, wie gut die Kerzen angenommen werden, an diesem schönen Kirchenstandort zwischen Land und Meer.
Drinnen winkte mir die Organistin und strahlte, bevor sie mit geübter Hand die Königin der Instrumente erklingen ließ. Auch der Kurpriester erkannte mich wieder und nickte beim Einzug, ebenso die Gemeindechefin. Es war schön, vermisst worden zu sein; diese vertrauten, wohlgesonnenen Menschen zu sehen und ihre vertrauten Stimmen zu hören. Mein zweites Zuhause: Ich hege keinen Zweifel daran. Der Priester trug eine bunte Stola mit Langeooger Motiven über seiner Franziskanerkutte: Der Wasserturm war darauf, ein Austernfischer und natürlich das Meer. Auch das brachte ein Gefühl sommerlicher Leichtigkeit. Die letzten Wochen waren nicht leicht. Und auch die nächsten Wochen, Monate werden es vielleicht nicht, aber dennoch wurde ich mir in diesem Moment einmal mehr des Privilegs bewusst, in diesem Naturparadies leben zu dürfen. Mit meinen ganz eigenen, langsam gewachsenen kleinen Inseln der Geborgenheit darauf; so nah am Meer und im Bewusstsein, dort und nirgendwo sonst hinzugehören.

Die See liegt ruhig an diesem Abend und hat sich weit zurückgezogen. Bald ist das letzte Licht des Tages erloschen. Nur mit Mühen kann ich noch die weiße Gischt erkennen. Menschen sind kaum noch unterwegs. Auch der Mensch, der zu mir gehört, ist an diesem Wochenende nicht da, aber wie die Flut wird auch sie wiederkommen, und so gräme ich mich nicht darüber, denn alles, was ich liebe, ist hier — so oder so.

Acker

Die ersten Felder sind abgeerntet, das Korn steht in Garben gebündelt, in der Ferne zieht der Trecker seine Bahnen. Ein Schwarm Krähen stiebt aus den Stoppeln wie auf dem berühmten Gemälde Vincent van Goghs — einem seiner letzten. Ein andere Acker wurde bereits umgepflügt. Die Hitze der letzten Tage hat die aufgeworfene Erde staubig werden lassen, grobe Stücke stapeln sich zwischen den Furchen. Der Sommer hat seinen Zenit längst überschritten, die Ernte des Jahres ist eingefahren und nun liegt der Acker brach: Bereit, neues Saatgut aufzunehmen, bereit, sich vom nächsten Regen durchtränken zu lassen, bereit für eine neue Runde Leben.

Ich betrachte das Ganze vom Fenster eines träge vorbeiruckelnden Zuges aus und ich hoffe, dass auch ich so ein Ackerboden bin, jetzt nach bald 8 Wochen in der Klinik. Einmal umgepflügt, und nun wieder zugänglich. Offen für Neues und produktiv. Ich kann wieder Dingen Raum geben; kann sie wachsen lassen und mich gleich mit. Die Kraft ist zurück. Ebenso wie das Licht. Die Zeit in der Klinik geht bald zuende. Der erste Wochenendurlaub steht an, in Kürze dann die Entlassung.
Und tatsächlich: Ich habe Heimweh. Das Schiff ist so voll, dass ich nur unter Deck Platz finde, aber es ist ein schönes Grfühl, nach all den Jahren schon am Fahrgeräusch erkennen zu können, auf welchem Abschnitt der Überfahrt man sich in Etwa befindet, oder in welchem Stadium des Anlegeprozesses die Fähre ist.

Von der Inselbahn aus sehe ich erste bekannte Gesichter. Die Schwalben, die treuen Begleiter sommerlicher Inselbahnfahrten, sehe ich allerdings nicht mehr, ebensowenig wie die duftende Pracht der Kartoffelrosenblüte: Einen Großteil des Inselsommers habe ich verpasst. Eine Weihe kreist über der Weide; die Touristen sind begeistert. „Hast du den Vogel gesehen? Der war riesig!“ Ich schmunzele, denn ich hab mit ebensolcher Faszination hingesehen, auf einmal voll wiederbelebter Liebe zu den Wundern meiner Heimat. Auf einmal kann ich wieder voll nachempfinden, wie es Leuten geht, die nach mehreren Monaten oder gar einem Jahr Abwesenheit das Wiedersehen mit „ihrer“ Insel feiern, und ich freue mich, dass dieses Gefühl zurück ist.
Das hier ist mein Zuhause denke ich. Und dass mir die Freude daran nie wieder jemand nehmen wird. Oder etwas. Keine Depression, kein Mobbing, keine Angst vor explodierenden Lebenshaltungskosten und kalter Wohnung im Winter; keine noch so giftige Gesellschaft oder korrupte „Regierung“. Das hier ist meins. Auf den letzten Metern der Bahnstrecke sauge ich all diese Schönheit in mich auf. Bald werde ich endgültig wieder hiersein. Ich werde bleiben — mit Leib und Seele.

Die Hitze hat auch auf Langeoog gewütet; das bei meiner Abreise noch sattgrüne Gras ist stellenweise verbrannt, ebenso wie die Bienenweide auf meinem Balkon, trotz bestmöglicher Pflege durch liebe Menschen.
Aus dem Briefkasten quillt mir Post entgegen. Werbung, Rechnungen, Postkarten und Zeitschriften. Ich sehe die Sachen nur grob durch. Es ist schön, wieder zuhause zu sein. Die Wohnung erscheint mir kleiner als früher, zugleich aber auch viel schöner. Dinge, an denen ich mich fast sattgesehen hatte, wärmen mir plötzlich wieder das Herz und ich erinnere all die Geschichten hinter den Dingen: Meine Geschichten. Das hier, denke ich, ist kein Zweckbündnis auf Zeit. Das hier bin ich.
Ich möchte wieder hier sein, zwischen meinen eigenen Sachen, bei meinen Pflanzen, in meinem Büro, im eigenen Bett. Und ja, ich freue mich sogar wieder auf die Arbeit.
Der Grauschleier ist fort; diese undurchdingliche Milchglasscheibe zwischen mir und der Welt. Die Depression ist vorbei — wenn auch vielleicht nicht für immer, so doch zumindest fürs Erste. Der Acker ist umgepflügt. Jetzt warte ich auf den nährenden Regen und das erste, kräftige Grün.

Durst

Es war ein kalter, trockener Frühsommer. Die Temperaturen klammerten sich noch Ende Mai an die 10°C-Marke, obwohl die Sonne schier ununterbrochen gegen die Kälte anzuscheinen versuchte. Regen fiel, wenn überhaupt, nur in homoöpathischen Dosen, die gerade ausreichten, um die erschlafften Blüten und Blätter mit ein paar fotogenen Perlen zu benetzen. In den letzten Tagen hat sich zumindest die Trockenheit ein wenig gebessert, aber ich weiß nicht, was dieser Regen zu retten vermag. Die lang ersehnte Feuchtigkeit lockt den Duft der Kartoffelrosen und Maiglöckchen noch einmal hervor; im Morgendunst singen Nachtigallen, irgendwo verborgen im dichten Rosengestrüpp, das schon mit herbstbraunen Blättern durchsetzt ist. Daneben jedoch, als kleiner Hoffnungsschimmer, zeigt sich ganz neu ins Leben geholtes, frisches Grün, das das verdurstete, welke Laub verbirgt.
Nun steht in wenigen Tagen der meteorologische Sommeranfang bevor. Am Strand ist das längst unübersehbar: Die Saisonausstattung ist vollständig. Strandkörbe, Plankenwege, Spielgeräte, Umkleidehäuschen, Duschen, alles da. Austernfischerküken tapsen durchs Gras, die Highland-Rinder säugen zottelige Kälbchen mit honigfarbenem Fell. Durch die Salzwiesen streicht der Wind und enthüllt ihr sommerliches Farbenspiel.
Dahinter liegen die weiten Wattflächen.
Ich sehe mir das alles an und sehe es dabei doch irgendwie nicht; ich sehe diesen Sommer nur mit den Augen. Herz und Seele schweigen. Die Farbenpracht ist wunderschön und die Tierkinder sind entzückend, und ich weiß, was ich bei dem Anblick fühlen sollte, aber ich fühle nichts. Da ist wieder diese Milchglasscheibe und diese Schallschutzmatte zwischen mir und der Welt; hochgezogen von irgendeiner Leibgarde meiner Seele, über die ich nicht befehlen kann. Die Depression ist zurück.
Nun höre ich schon wieder das Geunke, wie ich denn unglücklich sein könne, denn ich hätte doch alles, allem voran eine Wohnung am Meer, aber man kann tatsächlich eine depressive Episode haben, ohne unglücklich zu sein, denn Depressionen sind nunmal eine Krankheit — und kein temporärer Gemütszustand oder gar ein Gefühl. Vielmehr gehen Depressionen mit einer Art Gefühlstaubheit einher; man ist weder traurig noch fröhlich, sondern einfach … gar nicht. Eine atmende Hülle, die nach außen hin noch eine Weile funktioniert, wie sie es trainiert hat, aber auch das ist endlich. Sonst ist da nichts. Und hinter dem Funktionsmodus nur noch Leere.
Alles ist schwer; das Leben wird zähflüssig. Man kämpft sich mit jeder Bewegung durch dicklichen Sirup, der aber nicht süß ist, sondern so farb-, geschmack- und geruchlos wie alles andere, das einen umgibt, und das man aus der Erinnerung noch lieben oder verabscheuen kann, aber in Wirklichkeit ist da gar nichts. Man kann einen Ausflug machen, um sich abzulenken, und minutenweise funktioniert das auch: Man lacht über einen Witz, bewundert einen hübschen Vogel und die zartgrünen Weizenfelder entlang der Birkenalleen. Man sieht die Schönheit: Die Felder gesäumt von schwarzgrünem Wald, die Zweige der Trauerbirken wehen im Abendwind, die roten Fachwerkhäuser stehen von der Abendsonne vergoldet in kleinen, heimeligen Ansammlungen wie alte Freunde. Grün lackierte Scheunentore mit leuchtenden Rosen davor und riesigen Rhododendren mit plüschigen Hummeln in den Blütentrichtern. Aus dem Wald ruft der Kauz; Störche klappern, aus dem Schilf am Teich quakt es. Der treue Mensch weicht nicht von meiner Seite, ist weich und warm und und liebt und lächelt unerschütterlich; baut einen warmen, weichen Kokon aus Geborgenheit. Und dennoch.
Man fällt zurück in den zähen Sirup; alles verhallt und verschwimmt und verblasst — obwohl man weiß, dass es noch da ist. Und obwohl man weiß, dass es schön ist. Wenn man sich dann dabei ertappt, dass man irgendetwas machen wollte und doch nur minutenlang vor sich hingestarrt hat; dass man tagsüber bald irre wird vor Müdigkeit und nachts doch kein Auge zubekommt, weil da zu viel ist, was einen plagt und sorgt, auch wenn die Vernunft im Hintergrund ebenso vergeblich wie ununterbrochen gegen das Plagen und Sorgen anplappert — dann weiß man, dass die Depression wieder da ist, der schwarze Hund, F 33.2. oder wie immer man das Elend nennen mag.

Depression ist ein bisschen wie diese riesige, weite Wattfläche hinter der Salzwiese, denke ich manchmal. Eine graubraune, plane Ödnis. Allerdings ohne das Glitzern der Siele, ohne all die Geräusche, die vom Leben unter dem Schlamm erzählen. Und im Gegensatz zum Watt bietet eine Depression weder Nahrung noch Lebensraum. Im Gegenteil: Depressionen laugen aus; sie saugen Farbe und Leben aus allem und beschneiden die eigene Welt auf ein Minimum an Funktionsradius. Und mit jedem Außenreiz wird es schlimmer. Dann kommen die körperlichen Symptome: Das schrille Pfeifen im Ohr, die Luftnot, die Erschöpfung, die Muskelschmerzen, der Schwindel und die Schlaflosigkeit. Danach funktioniert gar nichts mehr.
Selbstverständlich tue ich dem Watt mit diesen Vergleichen Unrecht, denn das Watt ist ein wundervolles, faszinierendes Ökosystem, in dem, genauer betrachtet, mehr los ist als auf jeder Partymeile — mit unendlich viel Leben in jedem Kubikzentimeter, mit geschäftigem Gewusel, mit Leben und Sterben, Gedeihen und Vergehen. Die vermeintliche Ödnis, die das Watt auf den ersten Blick bietet, hat ihre ganz eigene, unverwechselbare Schönheit und ist von unschätzbarem Wert.
Sicher gilt das auch für die Wüste und vielleicht sogar für die Mondlandschaft, auch wenn ich beides noch nie mit eigenem Auge gesehen habe. Insofern gibt es wohl keine Landschaft, die sich wirklich mit der Seelenlandschaft eines Depressiven vergleichen ließe, aber Betroffene und deren Angehörige wissen, was ich meine.

Leider gibt es da noch die anderen.
30% aller Deutschen halten Depressionen auch im Jahr 2022 noch für eine Charakterschwäche, las ich dieser Tage. Für einen Fall von Faulheit, von „Stell-dich-nicht-so-an“, von „Lach-mal-die-Sonne-lacht-auch“ und „andere-Menschen-haben-echte-Probleme“. Von diesen kommen dann die Kalenderweisheiten und irgendwelcher esoterischer Klimbim der Richtung „Glücklichsein ist eine Entscheidung“; letzteres entspringt vermutlich der Unsitte, dass einige Menschen umgangssprachlich von „depressiv“ reden, wenn sie lediglich „schlecht drauf“ oder „unglücklich“ meinen. Und nein, es geht auch nicht jeder depressiven Episode ein Schicksalsschlag voraus. Längere Phasen von Stress können eine solche begünstigen; traumatische Erlebnisse auch, aber letztlich springen Depressionen doch recht wahllos Menschen an: Auch schöne, erfolgreiche, glückliche. Tote Film-, Literatur- oder Sportstars sind dafür traurige Beweise. Depressionen sind eine Krankheit, mitunter tödlich. Und es muss vorbei damit sein, dass man nicht darüber reden darf. Ist es nicht vollkommen absurd, dass man für jede harmlose Erkältung Mitgefühl bekommt, sich in einer schweren depressiven Episode aber „halt einfach mal mehr bewegen“ soll? Depressive Menschen sind keine undankbaren Jammerlappen, sondern krank. Nicht mehr, nicht weniger, und in den meisten Fällen sogar behandelbar krank. Depressionen sind nicht immer komplett heilbar, aber doch kontrollierbar. Dafür gibt es Fachärzt:innen und Medikamente. Warum ich das hier erzähle, anstelle ausschließlich ein Farbe und Leichtigkeit sprühendes Glitzerbild des Inselalltags zu zeichnen? Weil es Leben retten kann, darüber zu reden. Und weil Depressionen — ja, tatsächlich — auch reisen und schwimmen können.

Hinweis:
Wer sich hier allzu sehr wiedererkennt — ich habe seit mehr als 3 Jahrzehnten Depressionen und kann die Schwere einer Episode mittlerweile halbwegs einschätzen; folglich auch rechtzeitig Hilfe in Anspruch nehmen. Wer das nicht kann: Bitte ruft lieber einmal zuviel als einmal zu wenig eine Fachärztin, einen Seelsorger, den Krisendienst, den Psychosozialen Dienst oder die Telefonseelsorge (0800-1110111) an. Auch die 116 117 hilft. Bei akuten Suizidgedanken wählt bitte den Notruf 112! Bei der Seelsorge oder dem PSD kann man sich auch als Angehörige:r von depressiven Menschen beraten lasen, Hilfe und Ohr finden. Ihr seid nicht alleine — und die Menschheit besteht tatsächlich nicht nur aus den rohen, unzivilisierten, schadenfrohen und gehässigen Arschlöchern, die unter Artikel über Depressionen und Suizide dämliche Lachsmileys pappen. Da draußen ist auch eine Menge Licht — Immer noch. Alles Liebe!

Gans

Vor dem Haus gegenüber sitzen Menschen neben ihren gepackten Koffern in der Sonne. Eine Handkarre steht zum Abtransport bereit; die Leute tragen Strohhüte, sind gebräunt und lachen. Nicht einmal die Teenager darunter klingen missgelaunt. Eine entspannte Urlaubswoche geht zuende, sagt dieses Bild. Tschüss, schönes Langeoog! Bis zum nächsten Mal.
Dann wird das Ferienhaus abgeschlossen, zeitnah wieseln flinke Putzgeister darin herum und dann wird sich die Tür, die vorn nach Süden zeigt und hinten das Meer hat, für die nächsten Urlauber:innen öffnen.
Für Menschen, die hier im Weltnaturerbe Wattenmeer ihre Seele frei entfalten können, Neues entdecken, die wunderbare Seeluft riechen und all die Artenvielfalt bewundern.

Ich ertappe mich dabei, wie ich diese Menschen beneide. Natürlich war mir schon immer klar, dass „Arbeiten, wo andere Urlaub machen“ eben nicht bedeutet, dass man selber im Dauerurlaub ist. Und das Alltag im Naturparadies, genau wie überall sonst, eben trotzdem Müll wegbringen, dreckige Wäsche, abgehetztes Einkaufen nach anstrengendem Arbeitstag und eine nie endende To-do-Liste bedeutet. Doch zu all diesen unvermeidbaren Stressfaktoren gesellen sich auf Langeoog zunehmend Dinge, die in einem Mikrokosmos „Dorf“ zwar ebenfalls nicht ungewöhnlich sind, sich auf einer Insel mangels Ausweichmöglichkeit aber besonders schnell zu größeren Unappetitlichkeiten aufblähen.

Im Garten blüht jetzt der Apfelbaum. An der weißroséfarbenen Pracht laben sich Schmetterlinge und plüschige Bienchen. Eine Formation Gänse zieht übers Haus, laut rufend. Weicht da jemand vom Kurs ab? Streiten die? Oder quakt da nur jemand den neuesten Gossip durch den Schwarm? Auch die verlassen Langeoog, denke ich. Aber sie kommen immer wieder. Und manchmal ziehen sie über der Insel auch einfach nur ihre Kreise, halten Ausschau, was es sonst noch so gibt und bleiben dann doch, wo sie sind. Manchmal werden sie auch von einer echten oder vermeintlichen Bedrohung aufgeschreckt: Von einem kläffenden Tier, von Menschen, die in ihr Territorum dringen. Ich weiß nicht, mit welchem Stadium „Gans“ ich mich gerade am meisten identifiziere; aber das Kläffen, Zetern und Missachten von Territorien ist nicht unüblich in der Lokalpolitik dieser Tage — und unter all jenen, die sich bissig und gierig um ein paar abfallende Krümel Macht streiten wie die Enten der Barkhausenstraße um dreckiges Brot und breitgetretene Fischbrötchenreste. Quakquakquak. Die kleinen Äuglein blitzen, die Zähne winzige Sägeblätter im orangefarbenen Schnabel. „Wie niedlich“, sagt ein Kind und läuft auf die Enten zu. Die Ente schnappt nach dem Ärmel. Das Kind heult.
„Das hat die Ente nicht mit Absicht gemacht“, tröstet der Vater. Das ist richtig, denke ich. Aber Gier macht blind, bei Mensch und Tier. Und der Mensch — nun. Er schnappt zuweilen auch mit Absicht. Oder sie.

Und nun kam, nach 8 Jahren Inselglück, das erste Mal der Moment, in dem ich ans Fortziehen dachte. Da ich Rechnungen zu bezahlen hatte, wurde mir die Relation der mittlerweile ins Absurde gesteigerten Lebenshaltungskosten in aller Unschönheit vor Augen geführt; ein Grund, warum ich den Blick ins Konto, wo es nur geht, vermeide. Ich bemühte interessehalber eine Suchmaschine um Arbeits- und Wohnungsangebote in küstennahen, nicht zu großen Städten. Man hätte soviel mehr Geld übrig. Für Urlaube, gutes Essen und schöne Dinge. Man hätte Kulturangebote in der Nähe, Wochenmärkte, Discounter, Fleischereifachgeschäfte, Biohöfe und einen Fernbahnhof.
Was man dafür nicht mehr hätte: Die brustzuschnürende Enge eines Dorfes, in dem alle vermeintlich alles und dabei doch kaum etwas über die anderen wissen; es oftmals nicht einmal wissen wollen. Den Neid, die Missgunst, die Denunziation und die Dauerbeobachtung. Das Fingerzeigen, den Tratsch und den engen Horizont etlicher Protagonist:innen, der in so einem krassen Missverhältnis steht zu der unendlichen Weite der Natur. Aber man hätte eben auch kein Meer vor der Tür; mit Glück hätte man noch ein Hafenbecken oder irgendeinen schmutzigen Zulauf, der eher der Industrieschifffahrt als der Vogelwelt dient. Es gäbe keine Austernfischer auf dem Dach, keine farbenprächtigen Dünen. Und Autoabgase statt Seeluft. Meine Wohnung auf Langeoog wäre dann nur noch eine der unzähligen seelenlosen Ferien- und Wochenendbehausungen, aus denen im tiefen Winter kein Lichtlein dringt … und ich? Auch nur noch jemand, der von der Teetasse Langeoog (um mal ein ostfriesisches Bild zu bemühen) nur noch den süßen Rahm abschöpft, ohne ins Dunkle, Bittere vorzudringen. Doch muss man sich nicht beidem stellen, wenn man hier wirklich leben will?

Es gibt Leute, die, gelinde gesagt, unwirsch werden, wenn man als Langeooger öffentlich zugibt, dass auch hier nicht alles Gold ist, schöne Natur hin oder her. Und dass der zwischenmenschliche Müll auf der Insel nicht anders stinkt als der in Wuppertal oder Cappeln. Das würde die Gäste vergraulen, die schließlich wegen der schönen Illusion kämen; nur dass nicht einmal die Illusion als solche bezeichnet werden dürfe. Da frage ich mich schon, ob man die Gäste damit nicht arg unterschätzt. 
Natürlich will niemand, der sich hier vom Alltagsstress erholt, in irgendwelchen lokalpolitischen Beef oder sonstige Provinzpossen hineingezogen werden. Natürlich will man an seinem Urlaubsort auch ein Stück weit schöne Illusion. Aber so zu tun, als wäre hier Wolkenkuckucksheim? Jeder hat einen goldscheißenden Esel im Garten und alle haben sich lieb? Mon Dieu.
Zumindest ich halte unsere Gäste nicht für bescheuert.

Ich erinnere mich, dass ich vor vielen Jahren einmal in einem beliebten Ausflugslokal auf dem Festland saß. Alles drumherum war herrlich, aber dann hörte ich eine der Kellnerinenn weinen. „Lasst mich in Ruhe“ flehte sie ihre Kolleg:innen an, „Ich halte das nicht mehr aus. Ich will hier doch einfach nur arbeiten!“ 
Natürlich löste diese Situation in mir ein gewisses Unbehagen aus. Die Frau tat mir leid, ohne zu wissen, was vorgefallen war; aber alles an der Situation schrie: Mobbing. Nun passte das natürlich gar nicht zu den gut gelaunten Gästen, den plätschernden Springbrunnen und dem Sonnenschein. Aber deswegen zu glauben, dass es an diesem Ort kein Mobbing, keine Intrigen, kein Hetzen und keine Bösartigkeiten gibt? Das wäre doch zu absurd gewesen.

Nun frage ich mich, ab wann man sich durch das Ausharren im schönen Schein, das Rundschleifen und Weichspülen von Ereignissen eigentlich mitschuldig macht an dem, was einzelnen Personen, einer Gemeinschaft und letztlich der ganzen Insel angetan wird. Ab wann drückt man nur noch krampfhaft den goldenen Deckel auf ein hübsch verziertes Fass voll überquellender Scheiße? Man darf nicht so blind sein, denke ich. Denn, ja: Da ist noch das Gold. Aber da ist auch die Scheiße. Und irgendwann muss man sich dem einfach stellen. Will man das Fass öffnen, gibt es zunächst eine stinkende Fontäne. Alles kommt raus, in aller Ekelhaftigkeit. Aber dann ist das Fass leer. Man kann es ausspülen, schrubben, und letztendlich neu befüllen. Mit etwas, das nicht so schnell zu Unrat vergärt. Oder das zumindest zu etwas Nützlichem fermentiert. Und es braucht Leute, die sich immer wieder trauen, den Deckel abzuheben, um mit klarem Blick nachzuschauen, wo wir stehen: Ob da überhaupt noch ein „Wir“ ist. Oder ob das „Ich“ eines Einzelnen, einer Einzelnen, alles zum Umkippen bringt wie einen verseuchten Teich, aus dem der glücklichere Teil der Tiere noch flieht, und der andere bald mit dem Bauch nach oben schwimmt — Mundtot gemacht und an den Rand geschwemmt.

Auf der Suche nach dem Schönem, Lebendigen und allem Lebens- und Liebenswertem auf der Insel mach ich mich auf Richtung Ostende. Der See schläft still und tintenblau zwischen den Dünen; auf der Aussichtsdüne genießen Menschen den Blick in die Weite. In die Weite, die zwischen den Menschen oft fehlt. Ich sehe den Gänsen zu, die sich entlang des Weges in den Salzwiesen niederlassen. Einige von ihnen werden immer wiederkommen. Andere verlassen die Insel für immer. Wiederum andere bleiben. Die Gänse gehorchen doch nur ihrem Instinkt, mag man sagen. Und vermutlich machen sie das einfach genau richtig.

Morgenstund

Schlaflose Nächte sind großer Mist. Aber wenn die Nacht dann endlich vorbei ist, die Dunkelheit weicht und der erste Sonnenstrahl das Zimmer flutet, hat das eine ganz eigene Magie. Zweifelsohne geht Übermüdung auch mit kurzzeitiger Euphorie einher; nicht grundlos wird kontrollierter Schlafentzug ja auch in Fachkliniken bei Depressionen angewandt. Jetzt, wo ich vorm Balkonfenster stehe und sehe, wie meine Hornveilchen leicht im Seewind zittern und der Sonne ihre Gesichter entgegenstrecken, glaube ich aber kaum, dass das Glück, das ich in diesem Moment verspüre, nur einer aus dem Takt geratenen Neurochemie geschuldet ist. Vielmehr ist es wohl eher der seit Goethe berühmte Zauber, der jedem Anfang innewohnt. Was für ein Anfang, mag man sich fragen, denn letztlich ist ja alles wie immer. Es liegt ein gewöhnlicher Arbeitstag vor mir, im gewohnten Umfeld, und auch sonst gibt es nicht viel Neues auf dem Planeten. Zumindest nichts, was sich nicht mit einem geflügelten Wort des Comiczeichners Ralph Ruthe subsumieren ließe, der die täglichen Nachrichten in einem seiner Cartoons mit dem treffenden Satz „Alle bekloppt geworden. Und jetzt das Wetter“ zusammenfasste. Aber letztlich ist einem ja doch ein neuer Tag geschenkt, das Haus wurde einem nicht weggebombt und man ist noch am Leben. All das ist keine Selbstverständlichkeit, denn der grässliche Krieg in Europa hält immer noch an, und nur Gott weiß, wie, wo, ob und wann dieses sinnlose Verheizen von Menschenleben und Menschenträumen endet.

Und jetzt das Wetter. Es ist immer noch bitterkalt auf Langeoog. Trotz hartnäckigen Sonnenscheins in den letzten Wochen, der für fotogene Ansichten und auch die ein oder andere geöffnete Blüte mehr auf dem Balkon sorgte, kriecht die Thermometermarke kaum über 10°C. Aus diesem Grunde stehe ich auch vorm Balkonfenster, und nicht draußen, um mir den Sonennaufgang anzusehen. Inzwischen hat sich auch eine Wolke über den Sonnenball geschoben; über dem Wolkenweiß liegt noch der aprikosenfarbene Schleier der Dämmerung. Aber über dem Meer sind die vereinzelten Wolkenbäusche schon strahlendweiß und treiben auf leuchtendblauer Himmelsleinwand.

Die ersten Menschen, die ich sehe, sind zwei Angestellte eines örtlichen Reinigungsunternehmens auf ihren blauweißen Dienstfahrrädern. Sie sind jung und lachen fröhlich, trotz eines vermutlich sehr anstrengenden Arbeitstags, der vor ihnen liegt. Ich beneide sie ein wenig um diesen Elan zu dieser Uhrzeit, die ich, mea culpa, ohne Schlafstörungen oder Verpflichtungen gar nicht kennen würde.
Die frühen Morgenstunden sind nicht meins.Irgendwo im Haus klappen die ersten Türen.
Langeoog wacht auf.

Ich setze mich mit einem Kaffee an den Tisch und warte. Ich weiß nicht auf was. Aber die Wanduhr, die ich noch immer nicht auf Sommerzeit umgestelt habe, tickt dazu wie ungeduldig trommelnde Finger auf einer Tischplatte.

Was ich nicht schreiben wollte

Vor meinen Fenstern ist Frühling und das Ostergeschäft in vollem Gange. Am Fahrradverleih gegenüber bilden sich lange Schlangen; bunte Luftballons am Gartenzaun weisen auf den ersten Freiluft-Kreativmarkt des Jahres hin. Menschen erstehen fröhlich Souvenirs, befühlen Selbstgestricktes, halten Marmeladengläser in die Höhe. Ich sah viel durch meine Fenster dieser Tage; es ist der Ausschnitt Welt, der mir zurzeit bleibt, wenn man von den Monitoren meines Fernsehers und der internetfähigen Geräte einmal absieht.
Ich sah eisige Hagelschauer an die Fenster peitschen, ich sah Möwen im Sonnenschein kreisen, sah meine Bienenweide im Hochbeet keimen und meine Primeln vor Blüten nahezu explodieren. Ich sah, wie die Fenster durch abwechselnd Pollen, Regen und Sand immer blinder wurden und die Welt davor eintrübten.
Drinnen bemühte ich mich, die Trübnis fernzuhalten.

Ich wollte diese Geschichte nicht schreiben. Ich habe den Virus, trotz Impfung, Booster und aller Vorsicht. Es war eine Frage der Zeit; die 7-Tage-Inzidenz im Landkreis lag kurzzeitig bei fast 4200 und kriecht nur langsam abwärts. Wo ich ihn herhabe? Ich vermute eine Reise ans Festland vor bald zwei Wochen, mit Bus und Bahn und vielen Menschen, die das mit der Maskenpflicht schon längst nicht mehr ernstnahmen. War es das dauerhustende Kind im Abteil, das an meiner Rückenlehne herumkletterte? War es der Proseccoselig lärmende Damen-Kegelclub auf dem Weg nach Norderney? War es irgendein verantwortungsbewusster Mensch, der sich an alles gehalten hatte, aber dessen Test falsch-negativ war und deshalb jetzt dennoch andere ansteckte? Ich weiß es nicht, und es ist auch müßig, darüber nachzudenken. Der Virus ist in meinem Körper und damit ist er auch mein Problem. Ein Schuldiger würde ihn nicht herausspülen können. Das kann nur ich selbst, mit Gottes Hilfe.
Am Morgen nach meiner Rückkehr wachte ich mit einem fiebrigen Gefühl und Halsschmerzen auf, besorgte mir einen Test — noch guter Dinge, mich lediglich auf dem zugigen Bahngleis im Schneesturm erkältet zu haben — und starrte wenig später auf die sich abzeichnenden beiden Striche.
Dann fror ich, vor allem an Händen und Füßen. So sehr, dass ich meine Hände in heißes Wasser tauchen musste, um die Kälte ertragen zu können. Schüttelfrost, Stundenlang, ohne dass sich das fiebertypische Schwitzen anschloss. Ich legte alles bereit: Handtücher, stapelweise frische Kleidung, ließ mir von unserem guten Getränke-Liefergeist „Zisch-Express“ ein paar Kästen Erfrischungen vor die Tür stellen und gab allen, die mir wichtig waren, und die ich in den letzten Tagen hätte infiziert haben können, Bescheid. Die Freundin hängte Geschenke an meine Türklinke und ich sah ihre wehende Mantelspitze aus den Augenwinkeln. Öffnen konnte ich ihr nicht. Und dann war ich allein mit dem unbekannten Dritten in meiner Blutbahn, gegen den es bislang noch kein Heilmittel gibt. An Tag 4 war die Isolation nicht mehr freiwillig, ein PCR-Test bestätigte das Ergebnis. Im Internet schäumte ich über das dumme Zeug notorischer Corona-Leugner:innen und dachte, dass sich der Virus für eine Erfindung von Merkel, Gates und den Illuminaten ein wenig zu real anfühlt. Alle weiterführenden Gedanken im Kontext mit „jemandem etwas an den Hals wünschen“ verbot ich mir. Nichtsdestotrotz wurden mir die Sozialen Medien mit ihren Chat- und Sprachnachrichtsoptionen ein wichtiger Draht zur Welt, denn so konnte ich die Stimme der Freundin und die Stimmen von anderen lieben Menschen hören. Mein lieber Freund aus Stockholm sprach mir etwas so Lustiges aufs Band (oder wie immer man das Smartphone-Pendant dazu nennt), dass ich an dem durchs Lachen ausgelösten Hustenanfall fast kollabierte. Aber immerhin war all das Bellen und Röcheln und Keuchen so mal nicht völlig sinnlos. An Tag 5 beschaffte ich mir Codein, um meinen vor Husten komplett schmerzenden Körper zur Ruhe bringen zu können. „Trink doch lieber erst einmal Tee!“ — der wohlmeinenden Tipps gab es viele. Ich rang um Gelassenheit, ebenso wie um Atem. Im Hals schmeckte ich Blut.
Auf meinem Balkon strahlte die Sonne; leider machte mir die parallel stattfindende Birkenblüte einen längeren Aufenthalt dort nicht möglich. Sich als schwerer Pollenallergiker und Asthmatiker Corona zeitgleich zur Hochblüte des ärgsten Feinds in der Langeooger Flora einzufangen, war äußerst ungeschickt. Ich sah zum Dünenfriedhof und dachte, dass ich ohne Impfung womöglich schon den Blick in umgekehrte Richtung „genießen“ könnte. Ich hatte alles getan. Nun musste ich das wohl annehmen.
Die Hilfsbereitschaft meiner Umgebung war groß, was den Glauben an die Nicht-nur-Arschlöchrigkeit der Langeooger Dorfgemeinschaft restaurierte; vor der Tür standen Geschenktüten gänzlich unerwarteter Absender und Gläser mit selbstgemachter Hühnerbrühe. Und tatsächlich, ab Tag 6, 7 oder 8 (irgendwann ging mir das Zeitgefühl verloren) bemerkte ich eine leichte Besserung.

Meine Isolation ist noch nicht zuende, in 3 Tagen ist erstmals Freitesten möglich, und ich frage mich, wer diesen Text in 50 Jahren eigentlich noch versteht, mit all diesem Pandemie-Vokabular, das für uns inzwischen Alltag ist, aber irgendwann hoffentlich wieder Vergangenheit sein wird. 
Noch weiter draußen vor der Tür tobt ein entsetzlicher Krieg, in Frankreich hetzt sich die nächste Rechtspopulistin an die Macht.
Ich lasse die Nachrichtensendungen sein und schaue Tierdokus. Nicht einmal meine geliebten „Vikings“ mag ich gerade ansehen bei all dem echten Gemetzel da draußen. Ein Freund postet das Foto eines blutigen Kuscheltieres auf einem Bahnsteig in der Ukraine; Splitter drumherum. Mein Tag ist gelaufen und mehr muss man über den Krieg auch nicht sagen.
Es nützt absolut niemandem und ausbaden müssen es immer die, die den Scheiß weder wollten noch angefangen haben.

Die Freundin ist am Strand und ich weiß, wie sie da aussieht, den Wind in den Haaren, die ersten Sommersprossen, ein kleiner stiller Fels in der Brandung. Ich würde mich gerne anlehnen, aber es geht nicht. 
Sie hätte zum Balkon kommen können und von da mit mir reden, aber wir wissen beide, dass die Sehnsucht zu groß würde. Dann lieber gar nicht sehen.

Am Tag meiner möglichen Freitestung ist Karfreitag. Gerne würde auch ich mich zum Osterfest wieder vom Lager erheben können, aber das liegt in Gottes Hand. Wenn einen der Virus etwas lehrt, dann ist es Geduld.
Indes weiß ich nicht, wie Leute es in Quarantäne schaffen, Brot zu backen, eine neue Sprache oder ein Handwerk zu erlernen oder auch nur Langeweile zu haben. Mich erschöpfte alles dieser Tage. Ich wollte malen, aber beließ es beim Zusammensuchen der Utensilien. Ich wollte schreiben, aber nach dem Anlegen des Dokumentes konnte ich schon nicht mehr. Ich kochte Unmengen Tee, den ich dann wieder zu trinken vergaß. Ich kochte Essen und hatte schon beim Herdausschalten keinen Appetit mehr. Die Freundin ließ ich schokolierte Kalorienbomben bringen, die Waage zeigte 62 kg.

Fühle ich mich einsam? Nein. Aber ich fühle mich unnütz. Ich produziere gerne. Fotos, Geschichten und Bilder. Ich habe am Ende des Tages gern irgendetwas geschafft. Und sei es nur der Geschirrberg. Mit dem Virus geht das nicht. Der Körper schickt mir ein deutliches „Lass MICH in Ruhe arbeiten!“, wenn ich mich mit zuviel Zeugs abzulenken versuche.

Und so werde ich noch etwas länger die Welt durch meinen Fensterausschnitt sehen. Wenn der Wind günstig steht, dringt etwas Meeresrauschen an mein Ohr.