Durst

Es war ein kalter, trockener Frühsommer. Die Temperaturen klammerten sich noch Ende Mai an die 10°C-Marke, obwohl die Sonne schier ununterbrochen gegen die Kälte anzuscheinen versuchte. Regen fiel, wenn überhaupt, nur in homoöpathischen Dosen, die gerade ausreichten, um die erschlafften Blüten und Blätter mit ein paar fotogenen Perlen zu benetzen. In den letzten Tagen hat sich zumindest die Trockenheit ein wenig gebessert, aber ich weiß nicht, was dieser Regen zu retten vermag. Die lang ersehnte Feuchtigkeit lockt den Duft der Kartoffelrosen und Maiglöckchen noch einmal hervor; im Morgendunst singen Nachtigallen, irgendwo verborgen im dichten Rosengestrüpp, das schon mit herbstbraunen Blättern durchsetzt ist. Daneben jedoch, als kleiner Hoffnungsschimmer, zeigt sich ganz neu ins Leben geholtes, frisches Grün, das das verdurstete, welke Laub verbirgt.
Nun steht in wenigen Tagen der meteorologische Sommeranfang bevor. Am Strand ist das längst unübersehbar: Die Saisonausstattung ist vollständig. Strandkörbe, Plankenwege, Spielgeräte, Umkleidehäuschen, Duschen, alles da. Austernfischerküken tapsen durchs Gras, die Highland-Rinder säugen zottelige Kälbchen mit honigfarbenem Fell. Durch die Salzwiesen streicht der Wind und enthüllt ihr sommerliches Farbenspiel.
Dahinter liegen die weiten Wattflächen.
Ich sehe mir das alles an und sehe es dabei doch irgendwie nicht; ich sehe diesen Sommer nur mit den Augen. Herz und Seele schweigen. Die Farbenpracht ist wunderschön und die Tierkinder sind entzückend, und ich weiß, was ich bei dem Anblick fühlen sollte, aber ich fühle nichts. Da ist wieder diese Milchglasscheibe und diese Schallschutzmatte zwischen mir und der Welt; hochgezogen von irgendeiner Leibgarde meiner Seele, über die ich nicht befehlen kann. Die Depression ist zurück.
Nun höre ich schon wieder das Geunke, wie ich denn unglücklich sein könne, denn ich hätte doch alles, allem voran eine Wohnung am Meer, aber man kann tatsächlich eine depressive Episode haben, ohne unglücklich zu sein, denn Depressionen sind nunmal eine Krankheit — und kein temporärer Gemütszustand oder gar ein Gefühl. Vielmehr gehen Depressionen mit einer Art Gefühlstaubheit einher; man ist weder traurig noch fröhlich, sondern einfach … gar nicht. Eine atmende Hülle, die nach außen hin noch eine Weile funktioniert, wie sie es trainiert hat, aber auch das ist endlich. Sonst ist da nichts. Und hinter dem Funktionsmodus nur noch Leere.
Alles ist schwer; das Leben wird zähflüssig. Man kämpft sich mit jeder Bewegung durch dicklichen Sirup, der aber nicht süß ist, sondern so farb-, geschmack- und geruchlos wie alles andere, das einen umgibt, und das man aus der Erinnerung noch lieben oder verabscheuen kann, aber in Wirklichkeit ist da gar nichts. Man kann einen Ausflug machen, um sich abzulenken, und minutenweise funktioniert das auch: Man lacht über einen Witz, bewundert einen hübschen Vogel und die zartgrünen Weizenfelder entlang der Birkenalleen. Man sieht die Schönheit: Die Felder gesäumt von schwarzgrünem Wald, die Zweige der Trauerbirken wehen im Abendwind, die roten Fachwerkhäuser stehen von der Abendsonne vergoldet in kleinen, heimeligen Ansammlungen wie alte Freunde. Grün lackierte Scheunentore mit leuchtenden Rosen davor und riesigen Rhododendren mit plüschigen Hummeln in den Blütentrichtern. Aus dem Wald ruft der Kauz; Störche klappern, aus dem Schilf am Teich quakt es. Der treue Mensch weicht nicht von meiner Seite, ist weich und warm und und liebt und lächelt unerschütterlich; baut einen warmen, weichen Kokon aus Geborgenheit. Und dennoch.
Man fällt zurück in den zähen Sirup; alles verhallt und verschwimmt und verblasst — obwohl man weiß, dass es noch da ist. Und obwohl man weiß, dass es schön ist. Wenn man sich dann dabei ertappt, dass man irgendetwas machen wollte und doch nur minutenlang vor sich hingestarrt hat; dass man tagsüber bald irre wird vor Müdigkeit und nachts doch kein Auge zubekommt, weil da zu viel ist, was einen plagt und sorgt, auch wenn die Vernunft im Hintergrund ebenso vergeblich wie ununterbrochen gegen das Plagen und Sorgen anplappert — dann weiß man, dass die Depression wieder da ist, der schwarze Hund, F 33.2. oder wie immer man das Elend nennen mag.

Depression ist ein bisschen wie diese riesige, weite Wattfläche hinter der Salzwiese, denke ich manchmal. Eine graubraune, plane Ödnis. Allerdings ohne das Glitzern der Siele, ohne all die Geräusche, die vom Leben unter dem Schlamm erzählen. Und im Gegensatz zum Watt bietet eine Depression weder Nahrung noch Lebensraum. Im Gegenteil: Depressionen laugen aus; sie saugen Farbe und Leben aus allem und beschneiden die eigene Welt auf ein Minimum an Funktionsradius. Und mit jedem Außenreiz wird es schlimmer. Dann kommen die körperlichen Symptome: Das schrille Pfeifen im Ohr, die Luftnot, die Erschöpfung, die Muskelschmerzen, der Schwindel und die Schlaflosigkeit. Danach funktioniert gar nichts mehr.
Selbstverständlich tue ich dem Watt mit diesen Vergleichen Unrecht, denn das Watt ist ein wundervolles, faszinierendes Ökosystem, in dem, genauer betrachtet, mehr los ist als auf jeder Partymeile — mit unendlich viel Leben in jedem Kubikzentimeter, mit geschäftigem Gewusel, mit Leben und Sterben, Gedeihen und Vergehen. Die vermeintliche Ödnis, die das Watt auf den ersten Blick bietet, hat ihre ganz eigene, unverwechselbare Schönheit und ist von unschätzbarem Wert.
Sicher gilt das auch für die Wüste und vielleicht sogar für die Mondlandschaft, auch wenn ich beides noch nie mit eigenem Auge gesehen habe. Insofern gibt es wohl keine Landschaft, die sich wirklich mit der Seelenlandschaft eines Depressiven vergleichen ließe, aber Betroffene und deren Angehörige wissen, was ich meine.

Leider gibt es da noch die anderen.
30% aller Deutschen halten Depressionen auch im Jahr 2022 noch für eine Charakterschwäche, las ich dieser Tage. Für einen Fall von Faulheit, von „Stell-dich-nicht-so-an“, von „Lach-mal-die-Sonne-lacht-auch“ und „andere-Menschen-haben-echte-Probleme“. Von diesen kommen dann die Kalenderweisheiten und irgendwelcher esoterischer Klimbim der Richtung „Glücklichsein ist eine Entscheidung“; letzteres entspringt vermutlich der Unsitte, dass einige Menschen umgangssprachlich von „depressiv“ reden, wenn sie lediglich „schlecht drauf“ oder „unglücklich“ meinen. Und nein, es geht auch nicht jeder depressiven Episode ein Schicksalsschlag voraus. Längere Phasen von Stress können eine solche begünstigen; traumatische Erlebnisse auch, aber letztlich springen Depressionen doch recht wahllos Menschen an: Auch schöne, erfolgreiche, glückliche. Tote Film-, Literatur- oder Sportstars sind dafür traurige Beweise. Depressionen sind eine Krankheit, mitunter tödlich. Und es muss vorbei damit sein, dass man nicht darüber reden darf. Ist es nicht vollkommen absurd, dass man für jede harmlose Erkältung Mitgefühl bekommt, sich in einer schweren depressiven Episode aber „halt einfach mal mehr bewegen“ soll? Depressive Menschen sind keine undankbaren Jammerlappen, sondern krank. Nicht mehr, nicht weniger, und in den meisten Fällen sogar behandelbar krank. Depressionen sind nicht immer komplett heilbar, aber doch kontrollierbar. Dafür gibt es Fachärzt:innen und Medikamente. Warum ich das hier erzähle, anstelle ausschließlich ein Farbe und Leichtigkeit sprühendes Glitzerbild des Inselalltags zu zeichnen? Weil es Leben retten kann, darüber zu reden. Und weil Depressionen — ja, tatsächlich — auch reisen und schwimmen können.

Hinweis:
Wer sich hier allzu sehr wiedererkennt — ich habe seit mehr als 3 Jahrzehnten Depressionen und kann die Schwere einer Episode mittlerweile halbwegs einschätzen; folglich auch rechtzeitig Hilfe in Anspruch nehmen. Wer das nicht kann: Bitte ruft lieber einmal zuviel als einmal zu wenig eine Fachärztin, einen Seelsorger, den Krisendienst, den Psychosozialen Dienst oder die Telefonseelsorge (0800-1110111) an. Auch die 116 117 hilft. Bei akuten Suizidgedanken wählt bitte den Notruf 112! Bei der Seelsorge oder dem PSD kann man sich auch als Angehörige:r von depressiven Menschen beraten lasen, Hilfe und Ohr finden. Ihr seid nicht alleine — und die Menschheit besteht tatsächlich nicht nur aus den rohen, unzivilisierten, schadenfrohen und gehässigen Arschlöchern, die unter Artikel über Depressionen und Suizide dämliche Lachsmileys pappen. Da draußen ist auch eine Menge Licht — Immer noch. Alles Liebe!

Gans

Vor dem Haus gegenüber sitzen Menschen neben ihren gepackten Koffern in der Sonne. Eine Handkarre steht zum Abtransport bereit; die Leute tragen Strohhüte, sind gebräunt und lachen. Nicht einmal die Teenager darunter klingen missgelaunt. Eine entspannte Urlaubswoche geht zuende, sagt dieses Bild. Tschüss, schönes Langeoog! Bis zum nächsten Mal.
Dann wird das Ferienhaus abgeschlossen, zeitnah wieseln flinke Putzgeister darin herum und dann wird sich die Tür, die vorn nach Süden zeigt und hinten das Meer hat, für die nächsten Urlauber:innen öffnen.
Für Menschen, die hier im Weltnaturerbe Wattenmeer ihre Seele frei entfalten können, Neues entdecken, die wunderbare Seeluft riechen und all die Artenvielfalt bewundern.

Ich ertappe mich dabei, wie ich diese Menschen beneide. Natürlich war mir schon immer klar, dass „Arbeiten, wo andere Urlaub machen“ eben nicht bedeutet, dass man selber im Dauerurlaub ist. Und das Alltag im Naturparadies, genau wie überall sonst, eben trotzdem Müll wegbringen, dreckige Wäsche, abgehetztes Einkaufen nach anstrengendem Arbeitstag und eine nie endende To-do-Liste bedeutet. Doch zu all diesen unvermeidbaren Stressfaktoren gesellen sich auf Langeoog zunehmend Dinge, die in einem Mikrokosmos „Dorf“ zwar ebenfalls nicht ungewöhnlich sind, sich auf einer Insel mangels Ausweichmöglichkeit aber besonders schnell zu größeren Unappetitlichkeiten aufblähen.

Im Garten blüht jetzt der Apfelbaum. An der weißroséfarbenen Pracht laben sich Schmetterlinge und plüschige Bienchen. Eine Formation Gänse zieht übers Haus, laut rufend. Weicht da jemand vom Kurs ab? Streiten die? Oder quakt da nur jemand den neuesten Gossip durch den Schwarm? Auch die verlassen Langeoog, denke ich. Aber sie kommen immer wieder. Und manchmal ziehen sie über der Insel auch einfach nur ihre Kreise, halten Ausschau, was es sonst noch so gibt und bleiben dann doch, wo sie sind. Manchmal werden sie auch von einer echten oder vermeintlichen Bedrohung aufgeschreckt: Von einem kläffenden Tier, von Menschen, die in ihr Territorum dringen. Ich weiß nicht, mit welchem Stadium „Gans“ ich mich gerade am meisten identifiziere; aber das Kläffen, Zetern und Missachten von Territorien ist nicht unüblich in der Lokalpolitik dieser Tage — und unter all jenen, die sich bissig und gierig um ein paar abfallende Krümel Macht streiten wie die Enten der Barkhausenstraße um dreckiges Brot und breitgetretene Fischbrötchenreste. Quakquakquak. Die kleinen Äuglein blitzen, die Zähne winzige Sägeblätter im orangefarbenen Schnabel. „Wie niedlich“, sagt ein Kind und läuft auf die Enten zu. Die Ente schnappt nach dem Ärmel. Das Kind heult.
„Das hat die Ente nicht mit Absicht gemacht“, tröstet der Vater. Das ist richtig, denke ich. Aber Gier macht blind, bei Mensch und Tier. Und der Mensch — nun. Er schnappt zuweilen auch mit Absicht. Oder sie.

Und nun kam, nach 8 Jahren Inselglück, das erste Mal der Moment, in dem ich ans Fortziehen dachte. Da ich Rechnungen zu bezahlen hatte, wurde mir die Relation der mittlerweile ins Absurde gesteigerten Lebenshaltungskosten in aller Unschönheit vor Augen geführt; ein Grund, warum ich den Blick ins Konto, wo es nur geht, vermeide. Ich bemühte interessehalber eine Suchmaschine um Arbeits- und Wohnungsangebote in küstennahen, nicht zu großen Städten. Man hätte soviel mehr Geld übrig. Für Urlaube, gutes Essen und schöne Dinge. Man hätte Kulturangebote in der Nähe, Wochenmärkte, Discounter, Fleischereifachgeschäfte, Biohöfe und einen Fernbahnhof.
Was man dafür nicht mehr hätte: Die brustzuschnürende Enge eines Dorfes, in dem alle vermeintlich alles und dabei doch kaum etwas über die anderen wissen; es oftmals nicht einmal wissen wollen. Den Neid, die Missgunst, die Denunziation und die Dauerbeobachtung. Das Fingerzeigen, den Tratsch und den engen Horizont etlicher Protagonist:innen, der in so einem krassen Missverhältnis steht zu der unendlichen Weite der Natur. Aber man hätte eben auch kein Meer vor der Tür; mit Glück hätte man noch ein Hafenbecken oder irgendeinen schmutzigen Zulauf, der eher der Industrieschifffahrt als der Vogelwelt dient. Es gäbe keine Austernfischer auf dem Dach, keine farbenprächtigen Dünen. Und Autoabgase statt Seeluft. Meine Wohnung auf Langeoog wäre dann nur noch eine der unzähligen seelenlosen Ferien- und Wochenendbehausungen, aus denen im tiefen Winter kein Lichtlein dringt … und ich? Auch nur noch jemand, der von der Teetasse Langeoog (um mal ein ostfriesisches Bild zu bemühen) nur noch den süßen Rahm abschöpft, ohne ins Dunkle, Bittere vorzudringen. Doch muss man sich nicht beidem stellen, wenn man hier wirklich leben will?

Es gibt Leute, die, gelinde gesagt, unwirsch werden, wenn man als Langeooger öffentlich zugibt, dass auch hier nicht alles Gold ist, schöne Natur hin oder her. Und dass der zwischenmenschliche Müll auf der Insel nicht anders stinkt als der in Wuppertal oder Cappeln. Das würde die Gäste vergraulen, die schließlich wegen der schönen Illusion kämen; nur dass nicht einmal die Illusion als solche bezeichnet werden dürfe. Da frage ich mich schon, ob man die Gäste damit nicht arg unterschätzt. 
Natürlich will niemand, der sich hier vom Alltagsstress erholt, in irgendwelchen lokalpolitischen Beef oder sonstige Provinzpossen hineingezogen werden. Natürlich will man an seinem Urlaubsort auch ein Stück weit schöne Illusion. Aber so zu tun, als wäre hier Wolkenkuckucksheim? Jeder hat einen goldscheißenden Esel im Garten und alle haben sich lieb? Mon Dieu.
Zumindest ich halte unsere Gäste nicht für bescheuert.

Ich erinnere mich, dass ich vor vielen Jahren einmal in einem beliebten Ausflugslokal auf dem Festland saß. Alles drumherum war herrlich, aber dann hörte ich eine der Kellnerinenn weinen. „Lasst mich in Ruhe“ flehte sie ihre Kolleg:innen an, „Ich halte das nicht mehr aus. Ich will hier doch einfach nur arbeiten!“ 
Natürlich löste diese Situation in mir ein gewisses Unbehagen aus. Die Frau tat mir leid, ohne zu wissen, was vorgefallen war; aber alles an der Situation schrie: Mobbing. Nun passte das natürlich gar nicht zu den gut gelaunten Gästen, den plätschernden Springbrunnen und dem Sonnenschein. Aber deswegen zu glauben, dass es an diesem Ort kein Mobbing, keine Intrigen, kein Hetzen und keine Bösartigkeiten gibt? Das wäre doch zu absurd gewesen.

Nun frage ich mich, ab wann man sich durch das Ausharren im schönen Schein, das Rundschleifen und Weichspülen von Ereignissen eigentlich mitschuldig macht an dem, was einzelnen Personen, einer Gemeinschaft und letztlich der ganzen Insel angetan wird. Ab wann drückt man nur noch krampfhaft den goldenen Deckel auf ein hübsch verziertes Fass voll überquellender Scheiße? Man darf nicht so blind sein, denke ich. Denn, ja: Da ist noch das Gold. Aber da ist auch die Scheiße. Und irgendwann muss man sich dem einfach stellen. Will man das Fass öffnen, gibt es zunächst eine stinkende Fontäne. Alles kommt raus, in aller Ekelhaftigkeit. Aber dann ist das Fass leer. Man kann es ausspülen, schrubben, und letztendlich neu befüllen. Mit etwas, das nicht so schnell zu Unrat vergärt. Oder das zumindest zu etwas Nützlichem fermentiert. Und es braucht Leute, die sich immer wieder trauen, den Deckel abzuheben, um mit klarem Blick nachzuschauen, wo wir stehen: Ob da überhaupt noch ein „Wir“ ist. Oder ob das „Ich“ eines Einzelnen, einer Einzelnen, alles zum Umkippen bringt wie einen verseuchten Teich, aus dem der glücklichere Teil der Tiere noch flieht, und der andere bald mit dem Bauch nach oben schwimmt — Mundtot gemacht und an den Rand geschwemmt.

Auf der Suche nach dem Schönem, Lebendigen und allem Lebens- und Liebenswertem auf der Insel mach ich mich auf Richtung Ostende. Der See schläft still und tintenblau zwischen den Dünen; auf der Aussichtsdüne genießen Menschen den Blick in die Weite. In die Weite, die zwischen den Menschen oft fehlt. Ich sehe den Gänsen zu, die sich entlang des Weges in den Salzwiesen niederlassen. Einige von ihnen werden immer wiederkommen. Andere verlassen die Insel für immer. Wiederum andere bleiben. Die Gänse gehorchen doch nur ihrem Instinkt, mag man sagen. Und vermutlich machen sie das einfach genau richtig.

Morgenstund

Schlaflose Nächte sind großer Mist. Aber wenn die Nacht dann endlich vorbei ist, die Dunkelheit weicht und der erste Sonnenstrahl das Zimmer flutet, hat das eine ganz eigene Magie. Zweifelsohne geht Übermüdung auch mit kurzzeitiger Euphorie einher; nicht grundlos wird kontrollierter Schlafentzug ja auch in Fachkliniken bei Depressionen angewandt. Jetzt, wo ich vorm Balkonfenster stehe und sehe, wie meine Hornveilchen leicht im Seewind zittern und der Sonne ihre Gesichter entgegenstrecken, glaube ich aber kaum, dass das Glück, das ich in diesem Moment verspüre, nur einer aus dem Takt geratenen Neurochemie geschuldet ist. Vielmehr ist es wohl eher der seit Goethe berühmte Zauber, der jedem Anfang innewohnt. Was für ein Anfang, mag man sich fragen, denn letztlich ist ja alles wie immer. Es liegt ein gewöhnlicher Arbeitstag vor mir, im gewohnten Umfeld, und auch sonst gibt es nicht viel Neues auf dem Planeten. Zumindest nichts, was sich nicht mit einem geflügelten Wort des Comiczeichners Ralph Ruthe subsumieren ließe, der die täglichen Nachrichten in einem seiner Cartoons mit dem treffenden Satz „Alle bekloppt geworden. Und jetzt das Wetter“ zusammenfasste. Aber letztlich ist einem ja doch ein neuer Tag geschenkt, das Haus wurde einem nicht weggebombt und man ist noch am Leben. All das ist keine Selbstverständlichkeit, denn der grässliche Krieg in Europa hält immer noch an, und nur Gott weiß, wie, wo, ob und wann dieses sinnlose Verheizen von Menschenleben und Menschenträumen endet.

Und jetzt das Wetter. Es ist immer noch bitterkalt auf Langeoog. Trotz hartnäckigen Sonnenscheins in den letzten Wochen, der für fotogene Ansichten und auch die ein oder andere geöffnete Blüte mehr auf dem Balkon sorgte, kriecht die Thermometermarke kaum über 10°C. Aus diesem Grunde stehe ich auch vorm Balkonfenster, und nicht draußen, um mir den Sonennaufgang anzusehen. Inzwischen hat sich auch eine Wolke über den Sonnenball geschoben; über dem Wolkenweiß liegt noch der aprikosenfarbene Schleier der Dämmerung. Aber über dem Meer sind die vereinzelten Wolkenbäusche schon strahlendweiß und treiben auf leuchtendblauer Himmelsleinwand.

Die ersten Menschen, die ich sehe, sind zwei Angestellte eines örtlichen Reinigungsunternehmens auf ihren blauweißen Dienstfahrrädern. Sie sind jung und lachen fröhlich, trotz eines vermutlich sehr anstrengenden Arbeitstags, der vor ihnen liegt. Ich beneide sie ein wenig um diesen Elan zu dieser Uhrzeit, die ich, mea culpa, ohne Schlafstörungen oder Verpflichtungen gar nicht kennen würde.
Die frühen Morgenstunden sind nicht meins.Irgendwo im Haus klappen die ersten Türen.
Langeoog wacht auf.

Ich setze mich mit einem Kaffee an den Tisch und warte. Ich weiß nicht auf was. Aber die Wanduhr, die ich noch immer nicht auf Sommerzeit umgestelt habe, tickt dazu wie ungeduldig trommelnde Finger auf einer Tischplatte.

Was ich nicht schreiben wollte

Vor meinen Fenstern ist Frühling und das Ostergeschäft in vollem Gange. Am Fahrradverleih gegenüber bilden sich lange Schlangen; bunte Luftballons am Gartenzaun weisen auf den ersten Freiluft-Kreativmarkt des Jahres hin. Menschen erstehen fröhlich Souvenirs, befühlen Selbstgestricktes, halten Marmeladengläser in die Höhe. Ich sah viel durch meine Fenster dieser Tage; es ist der Ausschnitt Welt, der mir zurzeit bleibt, wenn man von den Monitoren meines Fernsehers und der internetfähigen Geräte einmal absieht.
Ich sah eisige Hagelschauer an die Fenster peitschen, ich sah Möwen im Sonnenschein kreisen, sah meine Bienenweide im Hochbeet keimen und meine Primeln vor Blüten nahezu explodieren. Ich sah, wie die Fenster durch abwechselnd Pollen, Regen und Sand immer blinder wurden und die Welt davor eintrübten.
Drinnen bemühte ich mich, die Trübnis fernzuhalten.

Ich wollte diese Geschichte nicht schreiben. Ich habe den Virus, trotz Impfung, Booster und aller Vorsicht. Es war eine Frage der Zeit; die 7-Tage-Inzidenz im Landkreis lag kurzzeitig bei fast 4200 und kriecht nur langsam abwärts. Wo ich ihn herhabe? Ich vermute eine Reise ans Festland vor bald zwei Wochen, mit Bus und Bahn und vielen Menschen, die das mit der Maskenpflicht schon längst nicht mehr ernstnahmen. War es das dauerhustende Kind im Abteil, das an meiner Rückenlehne herumkletterte? War es der Proseccoselig lärmende Damen-Kegelclub auf dem Weg nach Norderney? War es irgendein verantwortungsbewusster Mensch, der sich an alles gehalten hatte, aber dessen Test falsch-negativ war und deshalb jetzt dennoch andere ansteckte? Ich weiß es nicht, und es ist auch müßig, darüber nachzudenken. Der Virus ist in meinem Körper und damit ist er auch mein Problem. Ein Schuldiger würde ihn nicht herausspülen können. Das kann nur ich selbst, mit Gottes Hilfe.
Am Morgen nach meiner Rückkehr wachte ich mit einem fiebrigen Gefühl und Halsschmerzen auf, besorgte mir einen Test — noch guter Dinge, mich lediglich auf dem zugigen Bahngleis im Schneesturm erkältet zu haben — und starrte wenig später auf die sich abzeichnenden beiden Striche.
Dann fror ich, vor allem an Händen und Füßen. So sehr, dass ich meine Hände in heißes Wasser tauchen musste, um die Kälte ertragen zu können. Schüttelfrost, Stundenlang, ohne dass sich das fiebertypische Schwitzen anschloss. Ich legte alles bereit: Handtücher, stapelweise frische Kleidung, ließ mir von unserem guten Getränke-Liefergeist „Zisch-Express“ ein paar Kästen Erfrischungen vor die Tür stellen und gab allen, die mir wichtig waren, und die ich in den letzten Tagen hätte infiziert haben können, Bescheid. Die Freundin hängte Geschenke an meine Türklinke und ich sah ihre wehende Mantelspitze aus den Augenwinkeln. Öffnen konnte ich ihr nicht. Und dann war ich allein mit dem unbekannten Dritten in meiner Blutbahn, gegen den es bislang noch kein Heilmittel gibt. An Tag 4 war die Isolation nicht mehr freiwillig, ein PCR-Test bestätigte das Ergebnis. Im Internet schäumte ich über das dumme Zeug notorischer Corona-Leugner:innen und dachte, dass sich der Virus für eine Erfindung von Merkel, Gates und den Illuminaten ein wenig zu real anfühlt. Alle weiterführenden Gedanken im Kontext mit „jemandem etwas an den Hals wünschen“ verbot ich mir. Nichtsdestotrotz wurden mir die Sozialen Medien mit ihren Chat- und Sprachnachrichtsoptionen ein wichtiger Draht zur Welt, denn so konnte ich die Stimme der Freundin und die Stimmen von anderen lieben Menschen hören. Mein lieber Freund aus Stockholm sprach mir etwas so Lustiges aufs Band (oder wie immer man das Smartphone-Pendant dazu nennt), dass ich an dem durchs Lachen ausgelösten Hustenanfall fast kollabierte. Aber immerhin war all das Bellen und Röcheln und Keuchen so mal nicht völlig sinnlos. An Tag 5 beschaffte ich mir Codein, um meinen vor Husten komplett schmerzenden Körper zur Ruhe bringen zu können. „Trink doch lieber erst einmal Tee!“ — der wohlmeinenden Tipps gab es viele. Ich rang um Gelassenheit, ebenso wie um Atem. Im Hals schmeckte ich Blut.
Auf meinem Balkon strahlte die Sonne; leider machte mir die parallel stattfindende Birkenblüte einen längeren Aufenthalt dort nicht möglich. Sich als schwerer Pollenallergiker und Asthmatiker Corona zeitgleich zur Hochblüte des ärgsten Feinds in der Langeooger Flora einzufangen, war äußerst ungeschickt. Ich sah zum Dünenfriedhof und dachte, dass ich ohne Impfung womöglich schon den Blick in umgekehrte Richtung „genießen“ könnte. Ich hatte alles getan. Nun musste ich das wohl annehmen.
Die Hilfsbereitschaft meiner Umgebung war groß, was den Glauben an die Nicht-nur-Arschlöchrigkeit der Langeooger Dorfgemeinschaft restaurierte; vor der Tür standen Geschenktüten gänzlich unerwarteter Absender und Gläser mit selbstgemachter Hühnerbrühe. Und tatsächlich, ab Tag 6, 7 oder 8 (irgendwann ging mir das Zeitgefühl verloren) bemerkte ich eine leichte Besserung.

Meine Isolation ist noch nicht zuende, in 3 Tagen ist erstmals Freitesten möglich, und ich frage mich, wer diesen Text in 50 Jahren eigentlich noch versteht, mit all diesem Pandemie-Vokabular, das für uns inzwischen Alltag ist, aber irgendwann hoffentlich wieder Vergangenheit sein wird. 
Noch weiter draußen vor der Tür tobt ein entsetzlicher Krieg, in Frankreich hetzt sich die nächste Rechtspopulistin an die Macht.
Ich lasse die Nachrichtensendungen sein und schaue Tierdokus. Nicht einmal meine geliebten „Vikings“ mag ich gerade ansehen bei all dem echten Gemetzel da draußen. Ein Freund postet das Foto eines blutigen Kuscheltieres auf einem Bahnsteig in der Ukraine; Splitter drumherum. Mein Tag ist gelaufen und mehr muss man über den Krieg auch nicht sagen.
Es nützt absolut niemandem und ausbaden müssen es immer die, die den Scheiß weder wollten noch angefangen haben.

Die Freundin ist am Strand und ich weiß, wie sie da aussieht, den Wind in den Haaren, die ersten Sommersprossen, ein kleiner stiller Fels in der Brandung. Ich würde mich gerne anlehnen, aber es geht nicht. 
Sie hätte zum Balkon kommen können und von da mit mir reden, aber wir wissen beide, dass die Sehnsucht zu groß würde. Dann lieber gar nicht sehen.

Am Tag meiner möglichen Freitestung ist Karfreitag. Gerne würde auch ich mich zum Osterfest wieder vom Lager erheben können, aber das liegt in Gottes Hand. Wenn einen der Virus etwas lehrt, dann ist es Geduld.
Indes weiß ich nicht, wie Leute es in Quarantäne schaffen, Brot zu backen, eine neue Sprache oder ein Handwerk zu erlernen oder auch nur Langeweile zu haben. Mich erschöpfte alles dieser Tage. Ich wollte malen, aber beließ es beim Zusammensuchen der Utensilien. Ich wollte schreiben, aber nach dem Anlegen des Dokumentes konnte ich schon nicht mehr. Ich kochte Unmengen Tee, den ich dann wieder zu trinken vergaß. Ich kochte Essen und hatte schon beim Herdausschalten keinen Appetit mehr. Die Freundin ließ ich schokolierte Kalorienbomben bringen, die Waage zeigte 62 kg.

Fühle ich mich einsam? Nein. Aber ich fühle mich unnütz. Ich produziere gerne. Fotos, Geschichten und Bilder. Ich habe am Ende des Tages gern irgendetwas geschafft. Und sei es nur der Geschirrberg. Mit dem Virus geht das nicht. Der Körper schickt mir ein deutliches „Lass MICH in Ruhe arbeiten!“, wenn ich mich mit zuviel Zeugs abzulenken versuche.

Und so werde ich noch etwas länger die Welt durch meinen Fensterausschnitt sehen. Wenn der Wind günstig steht, dringt etwas Meeresrauschen an mein Ohr.

Widersprüche

Es ist ein Inselfrühling wie aus dem Bilderbuch. Wie in einer Werbeanzeige für irgendeine Familienversicherung sitze ich im Innenhof in der Sonne und putze mein schönes, neues, zitronenfaltergelbes Fahrrad, dessen fröhliche Farbe alles Wintergrau vertreibt. Meine zukünftige Ehefrau trägt eine salbeigrüne Bluse mit Tulpenmotiv, darüber ein zartes Strickjäckchen in Petrolblau und strahlt; schön wie Nachbars Schneeglöckchen in ihrem Sonnenfleck. Es weht kaum Wind; Möwen kreisen im Himmelsblau und man hört die Austernfischer vom Dach, die ihre Brutplätze beziehen.
Ein paar hundert Kilometer weiter liegt jemandes Ehefrau auf dem Asphalt, zerrissen von Granatsplittern. Die beiden Kinder ebenfalls, alle sind tot, sie haben die Flucht über eine Brücke nahe Kiew nicht geschafft. In den Redaktionen gab es lange Streit darum, ob man solche Bilder zeigen darf, aber der Ehemann und Vater, jetzt Witwer, hat zugestimmt. Man sollte das sehen.
In Europa ist Krieg und meine älteren Verwandten, die das schon mindestens einmal durchhaben, werden von ihren Erinnerungen heimgesucht; 90jährige, die nicht gedacht hätten, dass ihnen das Grauen noch einmal so nahe käme.
Ich habe keine Ahnung von Osteuropa; weder von Russland noch von der Ukraine, vom Üblichen an historischer und kultureller Allgemeinbildung einmal abgesehen. Aber dass es noch nie eine gute Idee war, irgendwo einzumarschieren, sollte sich doch nun wirklich inzwischen herumgesprochen haben. Und dass dabei immer die am meisten leiden, die am wenigstens Schuld tragen.
Und so schaue ich, wie alle anderen auch, mit Entsetzen, Trauer und Fassungslosigkeit auf zerbombte Häuser, Tote, Verletzte und Flüchtlingsströme. Ebenso mit einem warmen Gefühl im Herzen auf eine ungeheure Welle der Hilfsbereitschaft. Dennoch: Es zerreißt einen förmlich, es ist so nah, und man merkt einmal mehr, wie unglaublich fragil dieses Konstrukt „Frieden“ ist und dass es immer neu verhandelt und ausgehandelt werden muss, ebenso wie Demokratie. Sonst schlägt früher oder später immer die Stunde der Despotinnen und Despoten und jenes Teils des Volkes, der einfach nur regiert werden will, egal wie. Der Teil des Volkes, der noch schweigt, wenn es um Minderheitenrechte geht und sich dann wundert, wenn plötzlich jeder in seinen Rechten beschnitten wird, denn so fängt es nunmal an: Menschenrechte sind kein Luxusgut und kein Almosen, das eine Gesellschaft netterweise auch den Randfiguren hinwirft, wenn’s gerade mal läuft. Man kann diese Menschenrechte auch nicht einfach jederzeit wieder einsammeln, wenn man mal wieder Sündenböcke braucht oder Testkaninchen dafür, was das Volk so alles schluckt, solange es nicht die eigene Gruppierung trifft. Und doch geschieht genau das immer wieder.

Nun sitze ich hier in meinem kleinen nestwarmen Inselglück und weiß nicht, ob man das jetzt einfach noch so darf, kann, sollte: Glücklich sein. „Den anderen geht es nicht besser, wenn man jetzt keine Feste mehr feiert oder sich freut“, sagte mir eine liebe Bekannte dieser Tage, und natürlich: Das Unglück macht vor niemandem Halt, das Glück aber auch nicht. Und oft genug hat beides einen denkbar seltsamen Zeitpunkt. Mein Vater wurde 1942 bei Bombenalarm geboren, und zugleich mit der Angst, dass die neue Familie gleich zusammen mit dem Krankenhaus in Trümmern liegen könnte, wird bei Opa O. sicher dennoch auch eine Schnapsflasche oder Zigarrenbox gekreist sein oder womit auch immer man damals die Geburt von so einem Würmchen mitten im Krieg feierte. Vielleicht hat sogar noch jemand Blumen verkauft für die werdende Mutter, irgendwo zwischen dem Schutt einer zerbombten, grauen Stadt.

Dennoch brummt das schlechte Gewissen mit, wenn man sich dieser Tage freut; man spendet und hilft im Rahmen seiner Möglichkeiten, man schaut mit Angst auf all die Prophezeiungen bezüglich Preissteigerung, nährt seine Existenzangst damit, fürchtet sich vor kalten Wintern mit Heizkörpern nicht über 16°C, obwohl es einem doch immer noch so gottverdammt gut geht, weil man überhaupt noch ein Zuhause hat, das man heizen kann und darf und weil man Dreckflecken vom Fahrrad wischt anstatt Blut von den Wänden.

Vermutlich muss ich diesen Widerspruch einfach aushalten: Hinter mir liegt der schönste Jahresbeginn, an den ich mich erinnern kann. Wundervolle Urlaube, ein ewiges Versprechen im denkbar schönsten Setting, dazu dann — endlich — eine seelenstreichelnde Reihe milder Sonnentage auf der Insel und das stete Glück eines Zuhause am Meer. Für unser armes Europa, für die Menschen in der Ukraine ist es ein furchtbarer Frühling. Der Blick in die Welt tut weh.

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Blogger:innen mit vernünftiger Reichweite und passenden Themenbereichen können gerne nach einem Rezensionsexemplar fragen, ebenso wie Redakteur:innen. Da ich die Bücher selbst bezahlen muss und keine Unsummen damit verdiene, kann ich damit aber nicht allzu freigiebig sein und bitte um Verständnis! Weitere Kooperationsvorschläge für Lesungen etc. nehme ich jederzeit gerne entgegen.
(Bei Interesse: Siehe „Kontakt“)

Momentaufnahmen 8: Vom Ruhen und Rasen
Autor: Mayk D. Opiolla
Paperback, 164 Seiten, 15 €
ISBN-13: 9783754324233
Verlag: Books on Demand
Erscheinungsdatum: 01.02.2022

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Ich selbst habe noch keine Exemplare, da Kund:innenbestellungen vom Verlag priorisiert ausgeliefert werden — vor Autorenbestellungen, was mir aber auch Recht ist.

Ich freue mich sehr, das neue Buch jetzt präsentieren zu dürfen: Erstmals mit Fotos im Innenteil!

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Klappentext:

Das zweite Pandemie-Jahr auf Langeoog.
Ein langer, ruhiger Winter im Lockdown und ein zähes Warten auf den Frühling. Im Sommer schließlich: Die Wiederbelebung des Tourismus. Und plötzlich rast die Zeit nur so davon …
Band 8 der „Momentaufnahmen“ liefert 28 neue, stimmungsvolle Prosastücke zu einem breitem Themenspektrum: Mit vielen Insel-Impressionen, aber immer auch mit wachem Blick in die Welt.
Erzählt wird von Lethargie und Hoffnung, von Frühlingserwachen und Dunkelheit, von Naturkatastrophen und Neubeginn.
Die bildgewaltigen Naturbetrachtungen, welche das Tosen der Brandung, das Trillern der Brachvögel und den Duft der Dünenrosen beim Lesen lebendig werden lassen, zeichnen diese Buchreihe in besonderem Maße aus. NEU: Jetzt auch mit zahlreichen s/w-Fotografien und Zeichnungen. (Fotos und Illustrationen: Mayk D. Opiolla)

Farbe und Gefühl

Dieser Tage war ich mit der Liebsten in einem großen Drogeriemarkt. Eine Weile schlenderte ich neben ihr her und versuchte mich an der Beratung zu Haargummis, in deren Auswahl sie sich aber nachvollziehbarerweise nicht von mir reinquatschen ließ. Dann trennten sich unsere Einkaufs-Wege und ich begab mich auf die Suche nach dem Regal mit den Männerprodukten, um mich durch Duschgel-Neuheiten zu schnuppern. Ich fand es in Form einer schwarzgrauen Wand, mit frischen Akzenten von Dunkelbraun und Nachtblau, ein Tupfer gewagtes Rot dazwischen, und dachte mir: Wtf?! — Um es neudeutsch auszudrücken.
Nun ist die farbliche Einöde bei Produkten für die Zielgruppe „ganzer Kerl“ ja eigentlich nichts Neues, und mich als Ex-Werber dürfte mich das schon gar nicht mehr schockieren, aber tatsächlich nahm ich es das erste Mal sei Langem wieder komprimiert so wahr, wie es da vor mir stand: In seiner geballten Schmucklosigkeit.

Warum, fragte ich mich, ist es 2022 eigentlich immer noch so, dass der Mann angeblich nichts kauft, was nicht schwarz, dunkelblau, autofelgengrau und eckig oder sonstwie dynamisch geformt ist? Warum labern einen die Etiketten der Pflegeprodukte für Männer immer noch ausschließlich mit Schlagworten wie „Energie“, „Frische-Kick“, „dynamisch“, „markant“, „maskulin“, „herb“ zu, während für Frauen entwickelte Produkte auch sinnlich, zartmachend, duftend, wärmend, einhüllend sein dürfen? Klar, bei den Frauenprodukten nervt dafür ein Überhang an Rosa, Schnörkeln und Niedlichkeiten; Schwarzgraudunkelblau kommt dafür fast gar nicht vor, wenn man von High-End-Kosmetika mal absieht, wo schwarz mit Logo das Corporate Design ist. Im Luxussegment findet man zuweilen auch puristisches japanisches Design ohne genderstereotypen Grobfug, aber nun war ich eben in einem handelsüblichen Drogerie-Discounter und musste mich mit dem dortigen Angebot und seiner fragwürdigen Klischeehaftigkeit auseinandersetzen. Immerhin, eines stellte ich bei näherer Betrachtung fest: Mit „unwiderstehlich“ protzen Produkte für sämtliche Geschlechtsidentitäten — als kaufte man den Kram nicht vorwiegend für sich selbst.

Was meinen persönlichen Geschmack betrifft, so kann man mich sowohl mit eckig-dynamisch-herb jagen wie auch mit rosa-glitzer-süß, und — das muss ich gerechterweise anfügen — es hat sich auf dem Markt in Sachen Unisex-Design und -Duft auch schon eine Menge getan. Denn man kann sich durchaus seiner Geschlechtsidentität als Mann zu 100% sicher sein und trotzdem nicht ausschließlich nach Moschus und Leder riechen wollen, und auch nicht jede biologisch weibliche Person, die sich auch als solche identifiziert, hat das Bedürfnis, eine Duftschleppe aus Vanille, Kokos und Kinderkaugummi hinter sich herzuziehen.
Für Menschen, die genderfluid oder non-binär empfinden, kann ich nicht sprechen, aber letztlich geht es mich ja nun auch nichts an: jedem Tier sein Plaisier. Da steht auch einer Person im rosa Glitzerkostümchen ein Moschus-Odeur zu, und wenn der alphamännliche Bauarbeiter halt mal Lust auf Kokosvanillekaugummi hat: Ja nun, why not? Unfreiwillige Geschlechtsangleichungen aufgrund falscher Kosmetikauswahl sind mir zumindest noch nicht untergekommen.

Ich mache mir aus allen Extremen nichts. Ich bevorzuge harmonische Formen, Naturfarben, -materialien und Düfte, die an sonnenbetupfte Waldseen, frischgemähte Wiesen, Farn, Efeu, wilde Beeren und Wintertage an der See erinnern. Mit Flakons, die nicht zu verspielt sind, die an Seeglas erinnern oder an poliertes Treibholz, im Zweifelsfall auch einfach an nostalgische Apothekenfläschchen, kriegt man mich.

Nun frage ich mich aber dennoch, warum die Zielgruppe „Mann“ zumindest im Allerweltskosmetiksegment noch immer so stereotyp bespielt wird. Klar, es ist kaum eine Generation her, als jedes Interesse am eigenen Aussehen noch als „unmännlich“ galt; als „geckenhaft“, wie es damals so schön hieß. Und jeder Mann, der sich schonmal einen Nagel gefeilt hatte, geriet vermutlich gleich unter Homosexualitätsverdacht. Duschen? Kalt, Kernseife und unter drei Minuten, bitteschön, oder will hier jemand verweichlichen? Der Geruch des Geldes zählte, wenn man beim Weibsvolk was reißen wollte, nicht der der Achseln.

Nun war und ist das natürlich Bullshit, denn ich kann mir nicht einmal eine Neanderthalerfrau vorstellen, die für erotische Aktivitäten einen frisch gebadeten Mann mit halbwegs intaktem Gebiss nicht einem stinkenden Pendant mit fauligen Zähnen vorgezogen hätte. Indes weiß ich aber auch nicht — denn da klafft bei mir aus biografischen Gründen eine Sozialisierungslücke — wie es ist, sich als Junge für Dinge zu begeistern, die als „unmännlich“ gelten und dafür gemobbt und diskriminiert zu werden. Ich kann nur ahnen, dass es schwer ist, Dinge wie Eiskunstlauf, Reden über Gefühle, Augencrèmes, Puppen oder von mir aus sogar die Farbe Rosa toll zu finden, wenn man als männlich gelesen wird und sich auch ebenso identifiziert. Aus meiner Jugend in den 90ern erinnere ich mich, dass sich einige Klassenkameraden keinen Ohrring stechen ließen (obwohl es damals modisch der letzte Schrei war), weil sie nicht mehr wussten, ob der Spruch dazu „links cool, rechts schwul“ oder umgekehrt hieß, so groß war die Angst, vom heteronormativen Männlichkeitsideal abzuweichen. Darüber, wieviel Homophobie in all diesem Blödsinn steckt und wie eng Homophobie und Frauenfeindlichkeit eigentlich verzahnt sind, wurden inzwischen ganze Bücher geschrieben, aber ich will an dieser Stelle nicht zu weit abschweifen. Und ja, auch Mädchen, die lieber Physik als Ponys und Fußball statt Fingernageldesign mögen und weder vom Heiraten noch von der Mutterschaft träumen, haben es bis heute nicht leicht, aber das ist nochmal eine andere Baustelle.
Denn, beim Nachdenken über das dynamisch-herbe und blauschwarzgraue Regal und über all die Dinge, die bis heute als „unmännlich“ besetzt sind, wird mir auf einmal auch wieder klar, wieviel der Hälfte der Menschheit dabei eigentlich entgeht. Warum muss ein Mann, wie ihn sich die Mainstream-Kosmetikwerbung vorstellt, sich immer noch abgrenzen wollen von allem, was weich, zart, wärmend, ist, was ein Gefühl von Geborgenheit vermittelt oder ganz einfach „schön“ und angenehm ist? Ich lasse mir das nicht nehmen. Gott liebt Vielfalt, und zwar in jedem einzelnen kleinen Detail seiner Schöpfung. Er erschuf uns „männlich und weiblich“, steht in der Bibel, diese genauere Übersetzung ist mittlerweile unumstritten. Dieses „und“ steckt in jedem von uns, da bin ich sicher. Man kann es annehmen, ohne sich dafür zu schämen. Die Gesellschaft ist nicht soweit? Dann muss sie es endlich werden. Zeit dafür ist längst.

(Geschrieben im flauschigen Bademantel beim Flackern einer Duftkerze der Note „Sandelholz-Patchouli“. Immerhin: Der Mantel ist dunkelblau — darauf ein Bier aus der Flasche!)

Unter dem Sand

Die Straßen sind noch vereist, aber der Vogelgesang am Morgen klingt schon verdächtig nach Frühling. Die Luft ist klar und salzig, der Himmel blau und wolkenlos. Durch die Morgenstille dringt Meeresrauschen. Jetzt, nach Dreikönig, hat sich die Insel geleert; nun gibt die Natur im Wortsinne wieder den Ton an, nicht der Menschenlärm.

Die Hagebutten der Hundsröschen leuchten feuerrot an ihren nackten Zweigen und ich freue mich auf den Tag, an dem daran wieder zartes Laub ergrünen und die winzigen rosafarbenen Blüten sich öffnen werden. Der Februar ist kurz. Vielleicht noch ein letzter Schnee im März, der kam fast jedes Jahr. Aber danach, denke ich, danach ist endlich Frühling. Das Rot ist schön vor dem leuchtend blauen Himmel und ich bin froh über diesen Farbtupfer in den leeren Straßen mit ihren wintermüden Gesichtern, von denen ich die meisten jetzt wieder kenne. Die Weihnachtsbäume sind abgetakelt und abtransportiert; in den Läden rüstet man auf für den Frühling.

Das vor Kurzem noch so makellos rein vor einem liegende neue Jahr hat bereits seine ersten Lackschäden durch persönliches, politisches und allgemeines Ungemach, die neue Jahreszahl kommt einem schon flüssig über die Lippen, und so ist man kurz nach Neujahr schon irgendwie wieder mittendrin in Allem.

Einzig der Strand erweckt jetzt wieder die Illusion eines unbeschriebenen Blattes, mit dem noch alles möglich ist. In endloser Weite erstreckt sich die Sandfläche, die Priele glitzern, darüber ein Schwarm Schneeammern im Fluge. Möwen ruhen am Flutsaum oder kreisen bedächtig über dem golden wogenenden Strandhafer; Menschen sind kaum unterwegs.

Doch auch diese Idylle ist, natürlich, eine Illusion. Ich entdecke einen kleinen Hügel im Sand und steuere darauf zu. Es ist ein toter Seehund mit cremefarbenem Fell, farblich vom Sand kaum zu unterscheiden. Das Fell glänzt in der Sonne wie mit Silberfäden durchwirkt und ich verstehe, warum es einst bei Robbenjägern begehrte Ware war. Dem Impuls, darüberzustreicheln, widerstehe ich allerdings. Ich stupse das Tier mit dem Fuß an. Es scheint noch nicht lange tot. Bis auf ein bisschen Darm, das die Leichengase aus dem Anus des Tieres gepresst haben, sind noch nicht viele Verwesungsanzeichen da. Ich vermute den Kopf des Seehundes im Sand verschüttet, aber als ich die Schuhspitze unter den Hals schiebe, um ihn anzuheben, ist da kein Kopf. Wer zum Henker, denke ich, enthauptet denn bitte einen Seehund? Jemand, der sich das eindrucksvolle Gebiss in die Vitrine stellen möchte? Veterinäre zu Untersuchungszwecken? Oder ist einfach ein anderes Raubtier mit dem Schädel auf und davon? Ich entferne mich von dem glücklosen Geschöpf und frage mich, ob Seehunde eine Seele haben und ob er jetzt in irgendeiner himmlischen Nordsee planscht. Oder ob dieses schöne Geschöpf mit seinem glänzenden Fell jetzt einfach nichts ist außer anderertiers Fressen, dem Verfall anheimgegeben,und irgendwann nur noch ein bleicher Seehundknochenrest im Sand. Nachdenklich blicke ich auf meine Schuhe. Ein fischiger Geruch steigt auf vom freiliegenden, frischen Seehundfleisch, wo der Kopf hätte sein sollen, und das ich mit dem Fuß berührte. Mir wird ein wenig schlecht.
Ein händchenhaltendes Paar kommt auf mich zu und strahlt verliebt. Sie ahnen nichts von der Tragödie. Das ist auch besser so, denke ich, denn kurz ist bekanntlich auch die Zeit, in der sich die Liebe frei von Drama zeigt. Und dass es wohl besser ist, wenn man sich diesbezüglich möglichst lange die Illusion einer makellosen, freien Fläche erhält; ohne Leichen im Sand — oder im sprichwörtlichen Keller.
Die Sonne steht jetzt hoch am Horizont und zwingt mir einen Dialog mit meinem Schatten auf. Nahezu absurd langbeinig steht er vor mir, eine aufgeblasene Größße, die wenig mit der Realität zu tun hat.

Anstrich

Mit dem neuen Jahr wächst die Lust auf Farbe. Beim Heimkommen schaue ich auf den glitzernden Weihnachtskranz an der Tür, den ich vor wenigen Wochen noch glücklich dorthin gehängt hatte. Nun bin ich ob seines Anblicks zwiegespalten: Wunderschön, einerseits. Andererseits mag ich ihn nicht mehr sehen. Seit wenigen Stunden ist das neue Jahr da, noch makellos und unzerknittert liegt es vor mir wie ein frisch gemangeltes Bettuch. Und die nächste Jahreszeit ist der Frühling. Weihnachten ist so 2021, denke ich. Weihnachten ist Dezember. Januar dagegen ist doch irgendwie schon kurz vor März. Und danach ist fast schon Mai. Maximal eine richtige Schnee- und Kälteperiode ist jetzt noch zu ertragen auf Langeoog — dann kommen die Krokusse, kommen die Narzissen, kommen die Zugvögel. Warum sollte dieser Kranz also noch bleiben und bei jedem Türöffnen ein wenig Altjahr mit in die Wohnung tragen? „Frühlingskranz kaufen“, google ich wenig später, denn ganz ehrlich: Es reicht mir schon wieder mit Winter.

Der Katholik in mir weiß natürlich ebenfalls, dass Weihnachten eigentlich noch bis Maria Lichtmess ist, mindestens aber bis Dreikönig, und so lasse ich dem Weihnachtskranz noch eine angemessene Schonfrist, bevor er durch irgendwas mit Tulpen, Sonnengelb und Grün ersetzt wird. Auf den Einkaufseiten des Vertrauens setze ich meine Suche fort: Vorhänge, Teppiche, Wandfarbe, Kissen. Ein frühlingshafter Frabenrausch, so bunt, wie ich es früher nie ertragen hätte — und doch habe ich nahezu Herzklopfen bei der Vorstellung, wie sehr diese Farben meine Wohnung beleben würden. Und wie sehr allein die Vorfreude auf Licht, Blumen und Frühling auch mich belebt.
Dass die Phase kommt, in der ich alles Farbige aus meiner Wohnung wieder eliminiere und es durch Reinweiß oder maximal ein paar helle Erdtöne ersetze, ist wahrscheinlich. Diese Phase kommt immer dann, wenn um mich herum zu viel Aufruhr ist, zuviel Lärm und Gewusel, außen wie innen. Dann brauche ich Klarheit, Geradlinigkeit und Struktur um mich, um all der Reizüberflutung zumindest in meinen vier Wänden zu entkommen. Aber jetzt kommt sie erst einmal nicht. Noch nicht.
Doch an ein „später“ will ich nicht denken. Ja, nach dem Winter ist vor dem Winter, auf Sonne folgt Regen, und so weiter. Aber jetzt nicht. Denn jetzt ist beinahe schon nach dem Winter. Und bald kommt die Sonne.

Warm und sonnig ist es auch heute am Neujahrstag. Natürlich wird es noch immer viel zu früh dunkel, aber der Sonnenuntergang lässt ebenfalls bereits jetzt den Frühling erhoffen, denn man kann ihn schon ohne Handschuhe und Mütze genießen und fotografieren, ohne dass man den Akku des Telefons dazwischen warmhalten muss wie ein Baby.
Das Meer liegt ruhig und die Sonne schickt ihre letzten Strahlen über die Dünenkuppen; mit der Art von „Corona“, die man gerne sieht. Strahlend weiße Wolken mit leuchtenden Rändern schieben sich ins Himmelblau. Von der Sandbank und den weiten Wattflächen mit ihren glänzenden Rippeln rufen die Seevögel.

Die Freundin strahlt und ich bin froh, dass ich auch diesen Lichtblick an meiner Seite habe und all die schönen Pläne und Träume, die wir teilen.
Wieviele wir davon verwirklichen können, wird sich zeigen, aber es ist schön, dass ein weiteres gemeinsames Jahr vor uns liegt und wir das alte ohne größere Blessuren verabschieden konnten.
Es ist ein schönes Neujahrsgefühl in diesem Moment, aller Pandemie und sonstigen Unappetitlichkeiten dieser Zeiten zum Trotz.

Eigentlich, sage ich mir, ist auch Neujahr doch nur ein weiteres Umblättern im Kalender. Diese Zäsur passiert ja nicht einmal zeitgleich, Australier:innen zum Beispiel sind ja schon viel früher fertig mit Silvester als wir. Und in China wird der kalendarische Wechsel maximal zur Kenntnis genommen, das große innere und äußere Brimborium erfolgt auch heute noch zum Chinesischen Neujahr rund zwei Monate später.
Aber es ist eben doch nicht nur ein Umblättern, denn all die schönen Kalender, an denen man sich ein Jahr lang erfreut hatte, werden jetzt von der Wand genommen und durch andere, auf deren Aufhängen man sich schon wochenlang vorgefreut hatte, ersetzt. Einer meiner neuen Kalender zeigt die Uhus vom Hildesheimer Dom; es sind entzückende Bilder. Mit der Freundin schaue ich den Kalender an und wir lachen über die vergnügten, skeptischen, gähnenden und anderweits unterhaltsamen Eulen in den Mauern der Domkirche, an denen auch ein tausendjähriger Rosenstock rankt. Den Rosenstock, denke ich, tangierte so ein Jahreswechsel vermutlich nicht mehr wirklich, wenn er darüber nachdenken könnte. Was dieses Pflänzchen wohl alles gesehen, erlebt hat? Selbst wenn er nicht, wie längst vermutet wird, wirklich 1000 Jahre alt ist, sondern „nur“ ein paar Jahrhunderte — wie winzig ist doch unsere Zeitspanne auf Erden dagegen. Also gönnen wir uns doch den Farbenrausch! Hat denn nicht schon die Bibel das „Leben in Fülle“ versprochen?
Vermutlich wird 2022 nicht mehr oder weniger aufregend oder anstrengend als andere Jahre. Dennoch mag ich das Gefühl, für eine Zeit beliebig den Pinsel schwingen zu können, auf dieser noch makellosen, frisch gemangelten Leinwand eines unbescholtenen Jahres. Ich mag dieses Neujahrsgefühl. Und, tatsächlich, auch das Leben.

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Danke 2021. Hallo 2022! Allen Leser:innen ein gesegnetes und gesundes neues Jahr!