Blaue Stunde

Die Blaue Stunde kommt früh dieser Tage. Es ist nicht einmal 16 Uhr, als sich eisblaues Licht über die Insel senkt und allem darauf und darum etwas Unnahbares verleiht. So, als betrachte man die Winterdämmerung wie ein Exponat in einer Glasvitrine. Das schwindende Licht lässt alles verwaschen wirken. Die stattliche Brandung mit ihren meterhoch sprühenden Gischtkämmen, die grauen Wolkenwalzen, die wenigen Menschen. Das Leuchtfeuer von Norderney blakt verloren in die viel zu frühe Dunkelheit.
Am Flutsaum sitzt eine Möwe, die sich mit einem glibberigen Happen abquält. Von allen Richtungen nimmt sie das Gebilde in den Schnabel, längs, quer, versucht zu schlucken, spuckt wieder aus … und letztlich hat sie es geschafft: Das Knäuel aus Plastiknetz und Fischresten rutscht die hungrige Kehle hinab, ich kann die Ausbuchtung im Hals von außen sehen. Das war jetzt dumm, Möwe, denke ich. Vermutlich wirst du daran sterben. Zugleich fühle ich mich schlecht, denn ich hätte die Möwe verscheuchen können, als ich durch den Zoom meiner Kamera sah, mit was sie sich da abplagte. Ich habe es nicht getan, ich hätte ein Möwenleben retten können. Sie wäre doch eh sofort wiedergekommen, versuche ich meine Schuldgefühle zu besänftigen. Sie hätte um jeden Preis versucht, das zu essen. Und wenn nicht das, dann den nächsten Plastikmüll. Trotzdem war es falsch, denke ich, ich hätte sie retten können, und sei es auch nur für die nächsten paar Minuten.
Es wird schon zuviel gestorben in diesem November.

In meinem Lieblingsorden musste einer der Mönche viel zu früh heim zum HERRN, Leukämie, entsetzliche Sache. Und täglich sterben Unzählige an Corona; die vierte Welle ist über das Land gebrochen, so kalt und unbarmherzig wie diese Winterdämmerung. In den asozialen Medien sind binnen weniger Minuten Lachsmileys unter solchen Meldungen, Relativierungen und jede Menge anderer Zerebraldurchfall, dabei kann Merkel nicht einmal mehr alles Schuld sein, weil Merkel in Kürze nach 16 Jahren a.D. ist, noch etwas, was dieses Jahr prägt, und natürlich auch mich. Zweifelsohne bin ich ein Kind der Kohl-Ära, ich wuchs mit Birnenwitzen auf. Als Merkel Kanzlerin wurde, eilte ich gerade durch irgendeinen Münchner U-Bahnhof, eine Boulevard-Zeitung titelte: „Es ist ein Mädchen!“ Der Duden schuf unverzüglich Platz für das Wort „Bundeskanzlerin“, „Kapitänin“ folgte ungefähr zeitgleich. Und mittlerweile gibt es wohl Kinder, die fragen, ob auch ein Mann Bundeskanzlerin werden kann. Es war mitnichten alles schlecht.

Nun aber ist endgültig Schicht am Schacht für unsere Bundesphysikerin, die ich aufgrund ihrer uneitlen Unaufgeregtheit meistens mochte, wenn auch nicht ihre Partei. Auf jeden Fall gibt mir auch dieses Ereignis das Gefühl, dass dieses Jahr nur so an mir vorbeigerast ist — in einem Tempo, wie ich es mir von der Deutschen Bahn so manches Mal gewünscht hätte. Kein außerplanmäßiger Halt nirgends, kein Stillstand auf freier Strecke.

Übermorgen ist der Erste Advent. Ich texte die Freundin an, ob sie mir am Strand entgegenkommen möchte, denn auf einmal möchte ich nicht mehr allein sein unter dieser eisblauen Winterglocke, aus der bald alles Licht abgesogen sein wird. Sie hat gerade Feierabend und heute auch noch kein Tageslicht gesehen; seelisch dürstend strecken wir unsere Gesichter den letzten paar Lux vom Himmel entgegen und atmen noch ein paar Lungenvoll klare Meeresluft. Bald setzt nadelspitzer Eisregen ein.

Ich habe der Freundin ein paar Hausschuhe gekauft und sehe auf diese winzigen grünen Filzschläppchen, als ich meine sandverkrusteten Stiefel daneben ausziehe. Vielleicht ist doch nicht alles nur an mir vorbeigerast dieses Jahr, denke ich. Es gibt da ja doch noch etwas, das sich mit einer wärmenden, aber nie anmaßenden Selbstverständlichkeit in meinem Leben ausgebreitet hat; so wie die Wärme, die sich nun über den eingeschalteten Heizkörper in den klammen Zimmerecken verteilt.
Wir haben nun beide zwei Zuhause auf Langeoog, und das ist für mich ein sehr angenehmes Maß von Nähe, die weder besitzt noch einengt, auf die aber dennoch Verlass ist. Ich wusste nicht, ob wir das schaffen. Oder besser: Ob ich das schaffe. In einem großen Areal meiner Seele werde ich wohl immer ein Einzelgänger sein, aber es tut auch gut, dass die wenigen Gesellschaftsräume meines Herzens nun nicht mehr ganz unbewohnt vor sich hinstauben, mit blinden Spiegeln und fadenscheinigen Tüchern über allem darin. Nun aber, nach fast zwei Jahren, wächst das Vertrauen auf etwas, bei dem man zwangsläufig noch einmal an die scheidende Bundeskanzlerin erinnern muss: „Wir schaffen das.“

Ankommen ist eine schöne Sache. Auf dem Bett steht der Karton mit der Adventsdeko, mit der ich die Ankunft des HERRN in diesem Jahr zelebrieren möchte. Etliches habe ich nicht wiedergefunden, denn was Advents- oder Osterdeko angeht, bin ich ein Eichhörnchen: In dieser Kiste fnde ich es ganz sicher wieder. Dieser Platz ist idiotensicher. Ordentlich weggepackt, steht das Zeug dort den Rest des Jahres nicht im Weg herum. Ja, und dann ist der Advent immer wieder zu schnell da und die Kisten sind weg.
Ich wühle in dem, was noch da ist, und schalte die Lichterkette an. Warmweiße Sterne strahlen, die Batterie hat durchgehalten. Im Regal steht die Krippe, ein sehr geliebtes Geschenk meiner Eltern. Maria, Josef mit der Laterne, das Baby, die Schäfchen. Alle haben treu gewartet, alle haben eine Schicht Staub angesetzt, die ich mit einem Mikrofaserlappen vorsichtig abwische.
Deine Welt, HERR, ist ziemlich kaputt, denke ich, als ich den Stall wieder häuslich herrichte. Der Stern am Dachgiebel fällt zwei Mal herunter, als ich den winzigen Holzpin ins Gebälk zu drücken versuche. Aber dann sitzt er: Das Licht wird kommen.
Draußen ist schwarze Nacht.

November

Inzwischen ist es November geworden. Nachts radele ich durch tiefste Dunkelheit und feuchtkalte Nebelschwaden, die der Lichtkegel meiner Fahrradlampe schemenhaft erkennen lässt. Der Nebel hüllt mich ein, nimmt von mir Besitz mit seiner klammen Eisigkeit, und drumherum ist nichts und niemand; irgendwo in der Ferne verrichtet eine einsame Straßenlaterne ihren nahezu nutzlosen Dienst und vermag die schweröldicke Novemberschwärze kaum zu durchdringen. Ich will nur noch nach Hause. Es sind keine 700 Meter zwischen dem einen Zuhause und dem anderen — aber je nach Jahreszeit und Wetter können einem auch diese endlos erscheinen. „Wir bräuchten einen beheizten und beleuchteten Tunnel zwischen unseren Wohnhäusern“, scherzte ich einst mit der Freundin, und in Nächten wie diesen wäre das wirklich eine gelungene Investition.

Es ist eigenartig mit diesem November. Kann man den Insel-Oktober mit seinen Zugvogelscharen, den vielen goldenen und warmen Tagen und der Gästeflut während der Herbstferien noch gefühlt unter „Spätsommer“ verbuchen, so geht das im November plötzlich nicht mehr. November ist Winter, auch auf Langeoog.
Zwar sind auch jetzt noch die Temperaturen an vielen Tagen zweistellig und es gab erst einen größeren Sturm — dennoch sind die Bäume inzwischen zu nackt, die Vögel zu wenige und die Tage zu kurz, um noch irgendeine Sommer- oder Herbstassoziation zu finden. Nein, der November, man muss es sich eingestehen, der November ist Winter.

„Es ist ein schwieriger Monat“, predigen auch die Geistlichen aller Konfessionen dieser Tage, mit all diesen traurigen Tagen, Allerseelen, Totensonntag, dazu diese Dunkelheit. Die stillen Feiertage finde ich wiederum nicht allzu schwierig, denn es ist gut, dass auch das Trauern und die Schwermut einen Platz im Kirchenjahr bekommen: Schließlich ist auch das Leben keineswegs frei davon. Ich finde nicht einmal Allerseelen einen traurigen Tag, denn die beleuchteten Friedhöfe sehen schön aus und zur Gräbersegnung wird auch auf jene Gräber Weihwasser gesprengt, an denen schon lange kein Angehöriger mehr saß. So ist niemand vergessen.

Vergessen habe ich dagegen fast einen Großteil des Jahres und frage mich: Wie konnte ein Jahr, an dem Pandemiebedingt immer noch nicht so viel wie früher passieren konnte, so dergestalt dahinrasen? Wo war der Sommer, die Muße, wo waren die freien, warmen Balkonabende? Auch mein Urlaub im September liegt gefühlt schon Lichtjahre zurück, und der Winter wird gewohnt arbeitsreich: Es gilt, die paar ruhigeren Novembertage für größere Projektvorbereitungen zu nutzen, bevor zum Advent und Jahreswechsel hin die nächste Hauptsaison auf Langeoog lostobt. Andere Langeooger:innen nutzen die Zeit, um selbst in den Urlaub zu fahren. Im Grunde ist der November für die Menschen auf der Insel also ein durchaus ereignisreicher Monat — trotzdem habe ich jedes Jahr das Gefühl, als hielte dieser Monat das Kreisen und Kreiseln der Welt für einen Moment an.

Über dem Meer klart der Himmel jetzt auf. Streifen von Blau weben sich in die bisher dichte, schmutziggraue Wolkendecke. Es ist einem nicht mehr viel Tageslicht geschenkt um dieser Zeit, also werfe ich nur das Nötigste über und radele zum Strand.
Durch die Wolkenlöcher lugt roséfarbener Himmel, der bald in leuchtendes Orange übergeht, und so doch noch mächtig Farbe in diesen — für mich — bisher farblosen Tag bringt. Über dem Festland weisen dunkle Fallstreifen auf ein Unwetter hin; auch das sieht sehr eindrucksvoll aus, wiewohl ich die Menschen auf dem Kontinent nicht um den Regenguss beneide. Hinter den Silhouetten der Strandpaziergänger:innen zeichnet sich die Dünenkette der Nachbarinsel Baltrum ab.
Getröstet stelle ich fest, dass doch noch nicht alle Vögel fort sind, denn eine Formation Gänse zieht mit lautem Rufen Richtung Westen. Auf der Sandbank ruhen sich Möwen aus.
Später zeigt mir ein Freund noch wundervolle Fotos vom Morgennebel im Sonnenaufgang, den ich, meiner Eulen-Natur geschuldet, allerdings verschlafen hatte. Dieser erhabene, mystische und majestätische Anblick der vom Nebel durchwobenen, sonnenvergoldeten Insellandschaft lässt mich den unheimlichen, ungemütlichen Nachtnebel sofort vergessen. Und so verabschiedet sich der Novembertag doch noch mit reichlich Versöhnlichem: Mit Farbe und Schönheit.

Beat

In der Kirche startet ein ambitioniertes Projekt. Dass eine Frau predigt, meine ich damit nicht, denn das kommt bei uns erstens öfter vor und zweitens sorgt es nur noch bei sehr wenigen Schäfchen für ein nervöses Kragenweiten mit ungläubig aufgerissenen Augen. Schließlich sind wir auf Langeoog eine der ersten Gemeinden mit weiblicher Pfarrbeauftragter geworden, und bislang ist deswegen noch kein Deckenbalken brennend zu Boden gestürzt. Kaffee und Kuchen im Pfarrheim ankündigen macht sie allerdings trotzdem auch noch, also können an dieser Stelle auch die Traditionalist:innen zufrieden sein. Aber ich schweife ab.

Das ambitionierte Projekt ist Orgelspiel mit Percussion-Begleitung. Ein junges Musikerduo hat sich dazu eingefunden, und die Idee ist gar nicht mal so schlecht, allein — der Rhythmus hinkt. So ganz finden Orgel und Trommeln nicht zusammen, immer scheint der notwendige Schlag um Sekundenbruchteile zu spät zu ertönen, was die Harmonie ein wenig schmälert. Als kompletter Musikdilettant will ich hier nicht das Maul zu weit aufreißen und auch keineswegs den kreativen Ansatz der Kombination dieser beiden Instrumente schlechtreden; vielmehr erwähne ich es, weil mich dieser eigenartige Missklang sehr an dieses Jahr erinnert. Das Jahr, das sich nun bald schon seinem Ende nähert. Das zweite Jahr Pandemie mit seinen Lockdowns und Wiedereröffnungen; mit seinen Anstürmen urlaubsausgehungerter Tourist:innen, die die Küstenorte bevölkern, als ob es kein Morgen gäbe.

Zurzeit sind Herbstferien und in diesem Kontext muss ich zum Thema „Ansturm“ wohl keine umständliche Überleitung finden. Es ist voll auf der Insel. Sehr voll. Masken und 2- oder 3-G-Regeln gibt es noch; Abstand wird fast nirgends mehr eingehalten. Die arbeitenden Menschen sind bleich und müde und unter den Gästen sind wie jeher sone und solche; in dieser Saison leider mit leichtem Schwerpunkt auf „sone“: Die Aggressiven. Die Dauer-Diskutierenden. Die „Wir-bezahlen-Sie-schließlich“. Und ach, das Bezahlen. Sauteuer ist alles geworden, noch mehr als je zuvor, und da hängen die Langeooger:innen jetzt nun genauso mit drin.
Manchmal weiß ich nicht mehr, wie lange ich mir das Leben hier noch leisten kann.

Nun aber zur Orgel und dem um Sekundenbruchteile hinterherhinkenden Beat. Genau so fühlt sich dieses Jahr an, denke ich. Zumindest, seit kein Lockdown mehr herrscht: Eigentlich ist alles wie früher. Laut, voll, wuselig und teuer. Aber irgendwie eben auch nicht. Irgendwie ist da dieser zeitversetzt ertönende Trommelschlag, der das gewohnte Saisonrauschen aufmischt und es schwer macht, im geforderten Takt mitzusingen, mitzuschwimmen. Es strengt an, mehr denn je.

Und nein, der Insel bin ich nicht überdrüssig. Da sind die Momente, in denen sich weiches Herbstlicht in die Dünentäler ergießt; in denen sich Nebelbänder durch farbenprächtige Vegetation winden, in denen ein unendlicher Himmel aufreißt und die Sonne die sprühende Gischt wie einen Diamantenregen aufleuchten lässt. Da sind die Momente, in denen nach Regen und Meerwasser duftende Wege zum Strand führen, und zu beiden Seiten glänzen die überreifen Hagebutten wie kandierte Äpfel. — Momente, in denen der HERR einem die ganze Pracht Seiner Schöpfung geradezu um die Ohren haut und mich mit tiefer Dankbarkeit für die Gnade hier leben zu dürfen, erfüllt.

Dennoch. Irgendwie ging dieses Jahr anders vorüber. Man könnte ja meinen, dass nach einem komplett absolvierten Pandemie-Jahr das zweite bereits Gewohnheit wäre, aber dem ist nicht so, zumindest für mich nicht. „Wo war denn der Sommer?“, fragt auch die Freundin, ein wenig Ratlosigkeit im Blick, und ich kann ihr darauf nicht antworten. Nur einmal waren wir dieses Jahr richtig im Meer schwimmen; mit den Füßen drin waren es vielleicht ein paar Mal mehr. Ein einziges Mal hatten wir mit Vorsatz die Strandtasche gepackt und uns zwei Stunden genommen, um Inselurlaub zu spielen, und ein einziges Mal saßen wir wie Touristen im Eiscafé am Tisch, anstatt uns lediglich ein schnelles Hörnchen zwischen Termin A und Pflicht B einzuverleiben, aber sonst? Im Hin- und Her ewigen Wetterwechsels raste der Sommer an einem vorbei; flankiert von all den Katastrophenmeldungen über die verheerenden Überschwemmungen, welche wohl jedem nicht ganz empathiebefreiten Menschen die Leichtigkeit sommerlichen Seins raubten.

Und dann: Die Wahlen. Ein einziger Charakterfriedhof. Was nützen da Rosendüfte und goldenes Dünengras, wenn täglich irgendwo auf der Insel stinkende Jauchefässer ins Zwischenmenschliche gekübelt werden? Und bei all dem Modder im Kleinen — wo soll man dann noch Zuversicht im Großen finden? Aber irgendwann war auch die Kommunalwahl durch, dann die Bundestagswahl, beides noch mit einem blauen Auge irgendwie; das „blau“ hier natürlich nicht parteipolitisch zu verstehen. Auf jeden Fall hätte es jeweils schlimmer kommen können; aber man muss wachsam bleiben, damit das große Elend nicht aus der zweiten Reihe vorrückt, denn wachsam (oder besser: lauernd) ist das Elend wohl stets.

Nun also versuche ich dennoch irgendwie in die Melodie zu finden, am schrägen Beat vorbei; mich einfädelnd zwischen Orgel und Trommel mit dem Gesang, und einen Großteil der Zeit klappt es sogar. Der Beat wirft mich nur ganz sporadisch aus der Bahn, denn es ist von Vorteil, dass ich das Lied gut kenne. Und so ist das wohl auch mit dem ganz großen Lied von Langeoog: Ich erschaudere ob all der Misstöne. Aber das Zwitschern der Rotkehlchen im Gesträuch, das Rauschen der Brandung, das halb in den Seewind, halb in meine Jacke geflüsterte „Ich liebe dich“ der Freundin — all das höre ich trotzdem noch.

Herbstschönheiten

Vor Langeoog kreuzt die Gorch Fock. Es ist 6 Jahre her, dass ich den einstigen Stolz der Deutschen Marine zuletzt sah, und — ehrlich gesagt — ich hatte auch nicht daran geglaubt, dass ich sie jemals wiedersehen würde. Doch genauso wie damals in Wilhelmshaven auf dem Weg zum Bontekai, war ich auch jetzt wieder auf seltsame Weise ergriffen von der Erwartung ihres Anblicks: Die letzten Meter zum Strandübergang rannte ich.
Dann, ein weißes Leuchten am Horizont. Ich stellte den Sucher der Kamera scharf und zoomte heran. „Da ist sie!“ entfuhr es mir laut, als sich die unverkennbaren gelben Masten aus dem Dunst schälten, leider abgetakelt. Aber es war so eindeutig die Gorch Fock, als hätte ich erst gestern ihre Planken unter den Füßen gehabt, und als hätte ich gestern erst den damals schon recht lädierten goldenen Albatross am Bug bewundert, durch dessen Auge ich die Hochhäuser am Südstrand im Abendlicht erkennen konnte.
Ein älterer Langeooger kommt mir entgegen, ich kenne ihn nur flüchtig. „Haben Sie die Gorch Fock gesehen?“ frage ich ihn, aufgeregt wie ein Kind, das den Eltern im Spielzeugladen unbedingt etwas ganz Tolles zeigen will. Zum Glück mag er das Schiff. „Ach was, ist die hier?“ fragt er zurück, und ich zeige ihm das Schiff auf dem Kameradisplay. Der Mann holt nun ebenfalls seine Kamera hervor und fertigt seine eigenen Erinnerungen an den schönen Schwan der Weltmeere.

Ich weiß nicht, was dieses Schiff mit mir macht. Die Alexander von Humboldt beispielsweise ist auch ein sehr schöner Großsegler, ebenso die Mircea und die Mir. Aber der Faszination Gorch Fock kann ich mich nicht entziehen, und, Millionengrab hin- oder her, ich bin froh, dass sie wieder schwimmt. Denn eigentlich hatte ich mich von der Bark schon verabschiedet, damals, in Wilhelmshaven. Und nach 6 Jahren Werftaufenthalt mit all dem Streit um die explodierenden Kosten ihrer Großinstandsetzung erst Recht.

Tatsächlich freut mich ihr Wiederauftauchen aber auch aus Pandemie-Gründen, weil so ein kleines Stück heile Welt wiederhergestellt wurde. 2015 sah ich sie zuletzt: Corona-Viren gab es da zwar bereits, aber die Variante, die die Welt — im Großen wie im Kleinen — fast 2 Jahre lähmen lang sollte, war da noch unbekannt. Und nun, 2021, sehe ich die Gorch Fock wieder. Es scheint mir, als läge ein Jahrhundert dazwischen. Und doch bringt es ein Stück weit Unbeschwertheit und Frieden zurück — wie alles, das Bestand hat oder das sich nach schweren Zeiten zumindest auf irgendeine Weise wiederherstellen lässt. Ein bisschen fühlt es sich an wie eine alte Freundschaft, an die man nach langer Funkstille wieder anknüpfen konnte und in der scheinbar dennoch nie etwas verloren gegangen ist.

Im Westen glüht der Himmel jetzt. Auf das Signalrot wird bald ein Blutrot folgen, das in Kürze in der Schwärze der Nacht versickert. Ich beeile mich heimzukommen, bevor ich am Strand und zwischen den hohen Dünen des Pirolatals die Orientierung verliere.

Auch am nächsten Morgen ist das Schiff noch da und fährt so viele Wendemanöver, dass die Aufzeichnung des Fahrweges auf marinetraffic aussieht wie ein Seemannsknoten. Im Gegensatz zum Vorabend, als die Gorch Fock im dämmerigen Dunst nur mit technischen Hilfsmitteln auszumachen war, kann man sie nun auch mit bloßem Auge in der Sonne glänzen sehen, mit hochaufragenden Masten. Es ist und bleibt ein stolzes Schiff, denke ich, wiewohl man bei der Deutschen Marine inzwischen wohl etwas weniger stolz drauf ist.

Ich bewege mich vom Strand in Richtung der Seen. Heute ist Herbstanfang und wohl der letzte durchgehend sonnige Tag dieser Woche. Noch immer halten sich hartnäckig einige Blüten an den Kartoffelrosensträuchern, aber die meisten verlieren bereits die Blätter rund um ihre überreifen Früchte. Auch die Sanddornbeeren sind voll ausgefärbt, ebenso wie die zierlichen Hagebutten der Hundsrosen. Ein gewaltiger Schwarm Stare hat sich soeben an Letzteren vollgefressen und erhebt sich wie auf ein geheimes Stichwort hin in die Luft. Der Schwarm steuert direkt auf den Luftraum über mir zu und ich ahne Böses. Es klatscht links und rechts neben mir aufs Pflaster. Über mir der Lärm Hunderter Flügel und Vogelkehlen. Auf meinem Arm landet ein großer Batzen Scheiße. Es fängt sofort an zu brennen, aber ich radele noch schnell aus der Schuss-(bzw: Schiss)linie, bevor ich anhalte, um ein Taschentuch zu suchen. Auch das gehört wohl zum Inselherbst dazu, seufze ich innerlich, und bin doch froh, dass diese Jahreszeit nun endgültig angebrochen ist.
Der Tourismus ist noch nicht wirklich weniger geworden und auch meine Arbeit nicht; dennoch bringt der Herbst immer etwas mit sich, das den inneren und äußeren Trubel dämpft. Die Welt wird wieder leiser und auch etwas kleiner; nicht nur der häufigen Herbstnebel wegen. Ich mag es, dass man sich im Herbst mit besserem Gewissen zurückziehen kann, ich mag das Beerenobst und dass man nun wieder seine kuscheligen Wollsachen anziehen kann und die weiche Lederjacke, die sich wie eine Umarmung an die Schultern schmiegt. Abends ist es schon deutlich kühler geworden und auch die Dunkelheit breitet ihr Tuch nun immer früher über die Insel. Ich mag den Herbst: Zeit zum Innehalten.

Eile und Ewigkeit

Vor dem Wäschekeller liegt ein mumifizierter Frosch. Als ich fortging, muss er noch gelebt haben, und offenbar haben wenige Tage gereicht, um den Kadaver komplett auszutrocknen. Auch sonst hat sich einiges verändert seit meiner Abreise. Die Hagebutten der Kartoffelrosen sind inzwischen überreif und von blutroter Farbe; die Kreuzspinnen in den Netzen dazwischen sind fett, der Strandkorbbestand dagegen sichtbar ausgedünnt.
Ruhiger geworden ist es auf der Insel, ich bin gottfroh darüber. Der Herbst ist eine schöne Zeit auf Langeoog, auch wenn er zugleich das Ende von so vielem markiert: Einige Kreaturen fallen bald in Winterstarre; darunter die Spinnen. Andere Tiere sterben, Pflanzen verwelken. Ungeerntete Früchte liegen wurmzersetzt im Gras. Das Jahr läutet seinen Abschied ein. Die Läden werben für Weihnachten.

Auch die Stare sind wieder da und sammeln sich in gewaltigen Schwärmen über den Dünenkuppen, auf den Wiesen und dem gusseisernen Kreuz der Inselkirche. Wunderschön sind sie mit ihrem schillernden, gesprenkeltem Gefieder, und ich werde sie sicher vermissen im Winter, der vor uns liegt.
Noch tragen wir T-Shirts und Sonnenschutz, denn in seinen letzten Tagen brachte der Spätsommer noch ordentlich Hitze. Dennoch ist mir, als luge der erste Schnee bereits über die Deichkrone. Alles geht so schnell dieser Tage: Sogar das Innehalten. Und so verging auch mein Urlaub wie im Fluge; selbst die alten Mauern der Abtei und die jahrhundertealten Gesänge der Mönche konnten die Zeit in ihrem Rasen nicht aufhalten. Der Winter wird arbeitsreich.

Dass es sinnlos ist, schönen Momenten ein „Verweile doch!“ hinterherzurufen, weiß ich schon relativ lange; umso wichtiger ist es aber, sich dennoch viele dieser schönen Momente zu schaffen. Schließlich mögen sie zunächst kurzlebig sein; im Herzen indes lässt sich lange davon zehren.

Und so genoss ich doch jeden sonnigen Tag unter den mächtigen Bäumen, auf dem weichen Moos, auf dem sich ein Gitter aus Sonnenflecken mit dem Wind bewegte, oder auf dem staubigen Weg entlang der Maisfelder mit ihren versprengten, dunkelgrünen Waldinseln und den Ketten kugeliger Obstbaumalleen am Horizont.
An den Feldrändern kämpften letzte Mohn- und Kamillenblüten gegen die Spätsommerhitze, umschwirrt von Schmetterlingen.
Auf einem Findling sitzend, beobachtete ich das zu Boden kreiseln der Ahornfrüchte im Schatten der neoromanischen Abteikirche. Vom Autolärm der Straße abgesehen, war es absolut still bis auf das Rauschen des Windes in den Blättern und das gelegentliche Schleifen eines Habitsaums, wenn einer der Mönche über die Steinstufen eilte.
Abends saß ich im Zimmer und malte. Der Nachtwind bauschte die Vorhänge im kleinen Dachgaubenfenster, ohne viel Kühlung zu bringen. Um 5 Uhr morgens setzte das Vollgeläut der Abteikirche ein. Leise Schritte im Kreuzgang, Gewandschleifen, Stille, vor den Buntglasfenstern erste Vögel. Und dann der gregorianische Choral. Die Abtei Gerleve hat eine wunderbare Schola, und auch an der Orgel sitzt offenbar ein begnadeter Mensch, den oder die ich leider nie zu Gesicht bekam. Die Sonne schickte ihre Strahlen in den Chorraum; so scharf gezeichnet, als hätten sie sich in feste Materie verwandelt.

Bald war mein Dachzimmer wieder leer und der Koffer gepackt. Die Tischnachbarin, eine angenehme Person mit offenem, freundlichen Gesicht, wachen Augen hinter einer runden Brille und ebenso wachem Geist, brachte mich zum Bahnhof. „Vielleicht sieht man sich ja mal wieder, irgendwo.“ „Wäre schön, ja.“ „Tschüss“. Ein dreckiges Bahngleis, ein wackelnder Bus, vorbeiziehende Orte, ein- und aussteigende Menschen. Ankommen, Abschied, weitermachen. — Ist so nicht das ganze Leben?

Doch dann, ausgerechnet in einer großen Stadt, bekam ich wieder einen kleinen Eindruck von Ewigkeit und Bestand. Von Dingen, die bleiben.
„Die Liebe hört niemals auf“ steht in der Bremer Propsteikirche an einer Wand, davor ein dickes Buch mit Erinnerungen an Verstorbene. Eine ältere Dame zieht ein gerahmtes Schwarzweißfoto mit einem Trauerflor aus ihrer Tasche. Sie stellt es vor das Zitat aus dem Korintherbrief und macht ein Foto davon. Es zeigt einen älteren Herrn, der sie anlächelt. Die Freundin und ich wenden uns augenblicklich ab um die Frau in diesem intimen Moment nicht zu stören; ich kämpfe mit den Tränen. Auch in den Augen der Freundin glitzert es. Selten sah ich etwas, das so rührend und so traurig zugleich gewesen ist. Ich zog mich diskret zurück, hätte die Frau aber am Liebsten umarmt. „Die Liebe hört niemals auf“: Das sahen wir nun mit eigenen Augen.
„Unsere Ehe wurde im Himmel geschlossen“, sagte mein Opa Anton einmal, als ich ihn bewundernd darauf ansprach, wie glücklich er und seine Frau immer noch wirkten nach all den Jahrzehnten und trotz etlicher Schicksalsschläge: Der Krieg, ein schwerer Arbeitsunfall, der Tod des einzigen Kindes. Inzwischen wird die Ehe beider im Himmel fortgesetzt, und ich glaube ebenfalls daran, dass es so sein wird — wenn es so sein soll. Ich drücke die kleine, weiche Hand meiner Freundin ein wenig fester. Vor uns lächelt der Namenspatron meines Opas gütig von seinem Sockel.

Morgenrunde

Ich bin viel zu früh wach. Schlaflos im Bett liegend, erwarte ich den Anbruch des Tages. Als endlich Licht durch die Vorhänge sickert, stehe ich auf. Vor dem Fenster breitet sich ein pastellfarbener Morgen. Im Gully rauscht es, ansonsten ist es still. Sogar die Vögel halten sich zurück. Ich sehe ein paar Schwalben in der Luft; weiter hinten keckert irgendwo ein Fasan. Die Luft ist kühl und klar — in diesen Tagen eine Kostbarkeit, ebenso wie die Stille.
Mein Balkon macht mir in diesem Jahr keine rechte Freude, denn auch auf Langeoog spielt das Wetter ein wenig verrückt. Es ist entweder schwül und stickig oder zu kalt und nass, meine Blumen gedeihen nicht. Ich schaue auf die jämmerlichen, braunfleckigen Überreste und fühle mich zugleich schlecht, weil mein Hadern mit den verkümmerten Zierpflanzen zweifelsohne dekadent ist; angesichts der Verheerungen, die das Wetter in anderen Teilen Deutschlands angerichtet hat.
In der Nacht hat es geregnet. Von den reifenden Früchten am Apfelbaum perlen die Tropfen. Auch die ersten Brombeeren sind schon da, und die allgegenwärtigen Kartoffelrosenpflanzen tauschen zunehmend ihre Blütenpracht gegen leuchtendrote Hagebutten ein, obschon an manchen Wegen noch immer Rosenduft über die Insel weht. Der Sommer will noch nicht gehen, aber der Herbst kratzt schon an der Tür.
Ich genieße meinen Kaffee in der Stille, bis der Rest der Insel aufwacht. Die Stunden sind kostbar.

Gegen 8 Uhr mache ich mich auf Richtung Strand. Gestern Nachmittag standen die Räder am Übergang Gerk-sin-Spoor bis zum Friedhof. Immer noch haben zwei große Bundesländer Ferien; Langeoog platzt aus allen Nähten.
Und dann gibt es doch tatsächlich immer noch Leute, die von „einsamer“ Insel reden.

Auch jetzt kommen mir schon reichlich Menschen entgegen, überwiegend Sporttreibende oder Langeooger:innen, die zur Arbeit fahren. Der Spatz, den ich zwischen farbenfrohen Vogelbeeren zu fotografieren versuche, lässt sich glücklicherweise auch von zwei plaudernden Sportfreunden nicht verscheuchen. Er kommuniziert mit Artgenossen, die sich tiefer im Geäst verkrochen haben. Am Strand herrscht noch Ordnung: Die Strandkörbe in Reih und Glied, die Mülleimer geleert. Ein Mitarbeiter der Inselgemeinde kommt mir mit stinkenden, schweren Säcken entgegen — die Ausbeute des vergangenen Ferientags. Eine anstrengende Arbeit, von der meist erst Notiz genommen wird, wenn sie liegen bleibt.

In der Kirche ist bald Anbetung, es ist Herz-Jesu-Freitag. Neben dem Wasserturm sehe ich das vertraute Dach in den blauen Sommerhimmel ragen. Die Monstranz strahlt mit der Morgensonne um die Wette; die Pastoralreferentin singt schön, der Rest schief. Aber immerhin kniet sie heute nicht alleine vorm Allerheiligsten. Im Gegenteil: Immer wieder kommen Menschen herein, die Kerzen anzünden, ins Fürbittbuch schreiben, den Psalmen lauschen oder sich ebenfalls eine Weile vor die Monstranz knien.
Eine junge Frau im Sportdress, groß, schweißglänzend und mit der Figur einer Athletin, joggt in die Kirche, bekreuzigt sich, auf der Stelle weiterjoggend, und zündet, ebenfalls joggend, eine Kerze an. Dann joggt sie wieder hinaus und ich nehme das aus den Augenwinkeln halb amüsiert, halb seltsam berührt zur Kenntnis: Für GOTT ist Zeit. Sogar im täglichen Trainingspensum.

Auf den Dünenwegen hinter der Kirche reift der erste Sanddorn. Ein Ehepaar geht mit Hund und zwei sehr teuer aussehenden Rassekatzen spazieren. Die Frau versucht, einen der Perser herbeizurufen, aber natürlich funktioniert das nur beim Hund. Die Edelkatze lässt ein divenhaftes „Miau“ vernehmen und dreht ihr eigenes Ding.

Man kann doch einige Kuriositäten erleben in der Saison, denke ich, und dass sich die Schlaflosigkeit so zumindest gelohnt hat. Wenig später peitscht wieder Regen an mein Fenster, und so wird es noch lange bleiben.

Flut

Auf Langeoog ist das Wetter schön. Regen fällt in dem Maße, wie die Natur es gerade braucht, um ihre Farbenpracht zu erhalten und um die Hagebutten und Äpfel prall und rund werden zu lassen. Die Feriensaison ist in vollem Gange; die Strandkörbe stehen ebenso dicht gedrängt wie die Autos auf dem Parkplatz in Bensersiel, der Fahrradverkehr stockt, die Abstellplätze quellen über. Das Meer plätschert in harmlosem Babyblau vor sich hin. Die Gewalt des Wassers ist kaum zu erahnen.

„Lass uns nach Neviges fahren“, schlug ich der Freundin beim letzten Besuch in meiner Heimatstadt vor, „in diesem Stadtteil gibt es wunderschöne alte Bergische Fachwerk- und Schieferhäuser und zauberhafte kleine Antik- und Devotionalienläden. Und nach Langenberg! Ich kenne dort ein schönes Café, der Bach fließt mittendurch, es ist wirklich idyllisch. Die Gebäude stammen zum Teil noch aus dem 16. Jahrhundert. Fensterläden mit Geranien davor. Wunderbare alte Laternen und Geländer aus Gusseisen. Haustüren mit Messingklopfern. Enge, malerische Gassen.
Aber dann waren zu viele andere Dinge auf der Urlaubs-Agenda, und wir schafften die Stadtteile nicht mehr.

Jetzt hat der Bach die schönen Fachwerkhäuser auseinandergerissen. In einem Fernsehbeitrag sehe ich die Stühle des schönen Cafés im Schlamm. Auch die Blumenkästen mit den Geranien liegen da. Alles ist zerstört. Menschen weinen, die den Dialekt meiner Heimat sprechen.

Auch andere Teile der Republik hat es schlimm erwischt. Eine Freundin sieht ihr Geburtshaus in der Eifel aus den Fluten ragen. Vielleicht wird es zerbrechen, wie so viele andere Häuser, Leben, Träume, Existenzen. Über 100 Menschen sind tot, Hunderte vermisst.
In diesem Sommer erschüttert eine Naturkatastrophe fürchterlichen Ausmaßes das Land und es ist schwer, zwischen all der Ferienidylle vor der Wohnungstür und den schrecklichen Bildern im Fernsehen und in den Zeitungen hin- und herzuschalten.

Immerhin: Die Solidarität und Hilfsbereitschaft ist riesig. Hotels bieten obdachlos gewordenen Menschen kostenfrei Unterbringung an. Baufirmen stellen ihre Fahrzeuge zum Schutträumen zur Verfügung. Unzählige ehrenamtliche Feuerwehrleute, Seelsorger:innen, Sanitätsfachkräfte und Privatleute sind im Einsatz. Natürlich auch THW, DRK, Bundeswehr und alles, was sich mobilisieren lässt. Die Kirchen schicken Geld und Trost, auch auf Langeoog finden etliche Sammel- und Benefizaktionen statt.

Dass einige Unverbesserliche das Elend nun für Wahlkampf instrumentalisieren, für Ideologie aus dem Elfenbeinturm oder für die eigenen Eitelkeiten: Geschenkt. Es verdient keine Aufmerksamkeit — zumindest nicht vor der Wahl. Dass Betrüger:innen mit Spenden durchbrennen: Widerlich. Aber darum soll sich der Herrgott kümmern, wenn diese Leute einst vor ihm stehen.

Für mich sind all diese Bilder und Nachrichten schwer erträglich. Auch der Eifelkreis, in dem ich meinen letzten Herbsturlaub verbrachte, ist schwer getroffen. Der wunderschön glitzernde, kristallklare Fluss mit seinem damals noch so beruhigenden Gurgeln und Glucksen: eine schlammbraune Todesfalle. Die zerstörerische Gewalt von Wasser.
Seit eine liebe Freundin und Redaktionskollegin im Tsunami von 2004 während ihres Thailand-Urlaubs starb, mache ich mir keinerlei Illusionen mehr darüber. Und dennoch schockt es mich immer noch, all diese Trümmer zu sehen und das Leid.

Währenddessen muss ich auf Langeoog dennoch im Ferienmodus funktionieren, ohne zu wissen, wer von den Urlaubenden aus NRW, aus Rheinland-Pfalz, nach seiner Rückkehr noch ein Zuhause hat. Ohne zu wissen, wann meine Eltern ihr Trinkwasser nicht mehr abkochen müssen.
„16 Stunden Sonnenschein sind vorhergesagt, ideale Bedingungen für lange Radtouren und romantische Strandspaziergänge.“
Vor den Strandkörben lacht ein Hochzeitspaar, bunte Drachen steigen in den leuchtend blauen Himmel.
Woanders treiben Familienfotos durch das Hochwasser. Vor den Trümmern eines Hauses liegt ein schlammverkrustetes Kuscheltier.


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Liebe Leser:innen, bitte spendet im Rahmen Eurer Möglichkeiten für die Flutopfer und/oder erkundigt Euch über sinnvolle praktische Hilfsmöglichkeiten. Vergelt’s Gott! Ich werde selbstverständlich auch einen Beitrag leisten und nicht nur Prosa draus machen. Sonst wäre ich ja nicht besser als z.B. einige Personen aus der Politik, die diese Katastrophe für Eigeninteressen ausschlachten.

Mit Geld helfen kann man z.B. hier:

Spendenkonto des Deutschen Roten Kreuzes IBAN: DE63 3702 0500 0005 0233 07 Stichwort: Hochwasser

Spendenkonto Aktion Deutschland Hilft IBAN: DE62 3702 0500 0000 1020 30 Stichwort: Hochwasser Deutschland

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Auszeit

Der Regen wird stärker. Ich stehe am Fenster des alten Bauernhauses und sehe zu, wie die Tropfen auf dem Seerosenteich kleine Krönchen bilden. Allmählich fällt Dunkelheit über das Land; über die blühenden Wiesen, die Weiden und die Felder mit ihren wogenden, goldenen Ähren. Die Pferde haben sich unter den Schutz der Baumdächer gestellt; die Rinder mit ihren Kälbchen drängen sich um ihre Raufe. Und um all das herum breitet sich der schier endlose Nadelwald wie eine duftende, stille Umarmung. Jetzt, in der Nacht, werden ihn Wölfe durchstreifen und andere nachtaktive Tiere ihre Höhlen, Bauten und Nester verlassen. Die Eule kann ich bereits hören.
Auch aus der Wohnung duftet es; die Freundin nimmt ein Vanillebad. Ich rufe sie ans Fenster, damit auch sie die Eule hören kann, und dann stehen auch wir da: In stiller Umarmung. Die Ohren in die Nacht gerichtet; in Vorfreude auf die Tage, die vor uns liegen. Wir haben es tatsächlich gewagt: Wir sind im Urlaub. Wenigstens eine Woche kein Alltag, keine Verpflichtungen, kein Haushalt. Eine Woche neue Impulse, Inspirationen und ein Hauch von Normalität nach all den Restriktionen der Pandemie.

Letzteren können wir indes nicht ganz entfliehen: „Ihr Test ist vier Minuten zu alt“, sagt der Rezeptionist, „es tut mir Leid, aber wir müssen darauf achten“. Ich finde diese Gründlichkeit löblich, erkläre die vier Minuten mit der frühen Schließung der Langeooger Testzentren plus Reisezeit und zeige mich willens, den Test vor Ort zu wiederholen. Aber er drückt ein Auge zu, und dann sind die Formalitäten geschafft: Urlaub.
U-R-L-A-U-B. Man weiß ja kaum noch, wie sich das schreibt.
Am frühen Morgen ist der Ruf der Eule verstummt, sie sitzt irgendwo im Nadelbaumdickicht und hat die schönen Augen geschlossen. Stattdessen setzt ein gewaltiges Vogelkonzert ein. Gewaltiger als alles, was ich je hörte. Der Seerosenteich liegt wieder ruhig da. Ein erster Lichtschimmer lässt die weißen, runden Blüten aufleuchten wie kleine Monde. Es ist atemberaubend schön. Die Tage verbringen wir mit sehr vielen Tieren in der traumhaften Landschaft der Lüneburger Heide, mit Stöbern und Bummeln, mit Pläneschmieden und Freude: An der Natur, aneinander, an allem, was uns auf dieser Welt geschenkt wird. In der Kirche zünden wir Kerzen an, über die eine hölzerne Gottesmutter wacht; davor blüht samtrot ein gewaltiger Rosenstock: Danke für diese Zeit.

Erst auf der Rückfahrt werden mir die Schattenseiten des wiederbelebten Reiseverkehrs und der Urlaubssaison bewusst: Stau in brütender Hitze. Der Anblick furchtbarer Unfälle. Aggressive Verkehrsteilnehmer:innen, die uns am Kofferraum kleben. Lebensmüde Rechtsüberholende. Dazu Asphalt, Leitplanken, LKW, trostlose Rastplätze, Baustellen, noch mehr LKW. Und LKW. — Was für ein grässlicher Kontrast zu all dem Frieden, den Düften und der Schönheit!
Ich war Jahre nicht mehr mit dem Auto im Urlaub; so solange, dass ich nicht einmal wusste, dass heutzutage nicht mehr „Benzin“ an den Zapfsäulen steht, sondern irgendwas mit Super XYZ und ich somit schon mit dem Tanken heillos überfordert wäre. Die Freundin hat all das souverän im Griff, aber auch sie ist erschöpft, als wir nach dem Doppelten der geplanten Reisezeit mit der allerletzten Fähre nach Langeoog zurückkommen.
Auch auf der Insel ballen sich die Urlaubenden; am Haus ist kaum noch ein freier Fahrradparkplatz zu finden. Dennoch stelle ich fest, dass ich nun, da ich selber wieder Tourist war, innerlich etwas mehr Milde walten lasse mit der Gästeschar. Denn ich verstehe ihr Bedürfnis nach Tapetenwechsel, nach Erholung; ebenso wie die euphorische Freude darüber, endlich wieder Neues sehen und erleben zu dürfen; endlich füreinander und für sich selbst Zeit zu haben. Für den Nachmittag verabrede ich mich mit der Freundin zum Waldspaziergang.

Sommerahnung

Es ist Mitte Juni und ich bin das erste Mal in diesem Jahr im Meer. Mit den Füßen. Dass weniger verfrorene Naturen wie beispielsweise meine Freundin schon ganz drin waren: Geschenkt. Für mich war es bisher noch entschieden zu kalt, denn der Sommer ließ sich extrem viel Zeit in diesem Jahr — als hätte die Pandemie auch die Jahreszeiten zum Stillstand gebracht.
Dabei geht es in Sachen Pandemie sogar seit einiger Zeit wieder vorwärts, in positivem Sinne. Die Inzidenzwerte sinken erfreulich, der Tourismus läuft wieder an, das ganz große Chaos blieb dabei aus. Dennoch bedarf auch das wieder einer gewissen Eingewöhnung, nach sovielen Monaten der Stille, und zumindest auf den olfaktorischen Beitrag zur sommerlichen Wiederbelebung der Barkhausenstraße — einer Mischung aus Schweiß, Sonnencreme und Fischfrittierfett — hätte ich gerne ganz verzichtet.

Direkt am Flutsaum, wo ich nun auf Tuchfühlung mit der noch kühlen Nordsee gehe, sind Lärm und Menschengerüche zum Glück noch weit weg. Es ist noch verhältnismäßig früh am Morgen und es sind erst wenige Menschen unterwegs. 
Am Strandübergang bei der Kirche turnt eine Kinderkurgruppe. Die Rettungsschwimmer beziehen ihre bunten Wachhäuschen und rollen die Fahnen aus.
Hier im Westen der Insel riecht das Wasser noch ein wenig schlickig und ist von graubrauner Farbe. Die See steht ruhig, die Brandung umspielt gerade einmal meine Knöchel. Je weiter ich nach Osten laufe, desto mehr stellt sich ein Urlaubsgefühl ein. Der Untergrund wird weißer, das Meer blauer. Erste Familien stellen ihre Strandmuscheln auf. Kleine Kinder, um Längen mutiger als ich, rennen begeistert in die Fluten; wachsame Elternteile hintendran. Wie schön das wäre, denke ich, jetzt auch einfach zur Gänze hiersein zu dürfen. Mit Kopf und Herz. Ohne Termine. Ohne Haushalt. Ohne Verflichtungen und ohne Sorgen: Urlaub auf Langeoog. Einst gehörte ich hier auch zu den Touristen. Mit einem leisen Erschrecken stelle ich fest, dass die Erinnerung an diesen Zustand schon beinahe verblasst ist — in meinem achten Inseljahr.
Das Feriengefühl durchströmt mich nur wenige wohltuende Sekunden lang. Dann aber wird mir klar, dass ich, wie immer während der Saison, nur mit den Füßen im Wasser bin. Meine Gedanken sind längst bei all den noch unabgehakten Kästchen auf der To-Do-Liste, mein Herz indes unter dem Dach eines Hauses, das ich bereits vom Strandübergang sehen kann, auf den ich nun zusteuere. Die Freundin ist krank und schaut mit ihrem Schniefnäschen elend unter der Decke hervor. Durch ihre Südfenster knallt eine unbarmherzige Sonne, die am Strand noch so wunderschön gewesen war. Auch das gehört zum Inselalltag dazu: Man hat hier eben nicht nur gute Zeiten. Aber man leidet zweifelsohne in schöner Umgebung.

Später am Tage gehe ich noch einmal zum Strand. Jetzt feiert auch die kurze Hose Premiere, die bald ein Jahr im Souterrain meines Kleiderschrankes vergraben war. Ich errinere, dass in meiner Kindheit manche ältere Leute noch „Spielhosen“ zu Shorts sagten, weil es diesen Anglizismus damals einfach noch nicht gab. Spielhose. Ich muss schmunzeln; schließlich steckt nicht weniger als ein 45jähriger darin. Andererseits gefällt mir der Begriff, denn er verleiht meinem Strandoutfit erneut diesen wohltuenden Hauch sommerlicher Leichtigkeit.
Es ist voll geworden. Strandkörbe und Schaukeln sind besetzt; ein Meer farbenfroher Strandzelte zittert im Wind. Ich muss lange warten, bis der Plankenweg am Strandübergang frei für ein Foto ist; die Kolonne von Urlaubenden, die mir wie auf einer Rolltreppe entgegenbefördert wird, ist lang und reißt kaum ab. Möwen kreisen über der Szenerie, der Himmel ist leuchtend blau.
Lediglich ein paar weiße Wolkenschleier künden von der prognostizierten Rückkehr zur Kälte heute Nacht. Ich kehre bald wieder um.

Entlang der Wanderwege haben sich die Kartoffelrosen in vornehm-samtiges Bischofspurpur gekleidet. Ihr Duft webt sich durch die Dünentäler, und über allem liegt der Gesang der Lerchen. Unzählige der zierlichen Vögelchen sehe ich in die Lüfte steigen, und abends singt hier, verborgen in dichtem, dornigen Gestrüpp, die Nachtigall.

Es war ein seltsames Frühjahr, beinahe würde ich sagen: Der Frühling 2021 fiel auf der Insel aus. Klar: Es gab ein paar sonnige Tage. Es gab blühende Bäume. Es gab aprikosenfarbene Morgen, an denen die Luft erfüllt war vom Gesang der Schwarzkehlchen und eine Ahnung von Sommer mit dem Meer um die Wette glitzerte. Aber die meisten Tage war es kalt und grau, und wenn es nicht grau war, war es trotzdem kalt. Sogar dann, als der Rest der Republik (und angrenzende Länder) bereits bei weit über 25°C buk. Mit eingeschalteter Heizung und unter einem Berg Daunendecken schaute ich mir das Foto eines Freundes aus Österreich an: Er stand lachend am frischbefüllten Pool in seinem Garten und hielt eine Hand ins Wasser; Sommersprossen und erste Bräune im Gesicht. Ich freute mich für ihn; dennoch kam es mir vor, als befände er sich in einem Paralleluniversum.

Doch nun ist das große Frieren wohl fürs Erste vorbei. Der nächste Kälteeinbruch währt nur kurz und die Sonne wird unbeirrt vom Inselhimmel leuchten. Vergnügte Kinder werden sich in den Wellen tummeln, Genervte Radfahrende sich auf übervollen Straßen anblöken; vor den Fischbrötchenbuden und Eisdielen wird es lange Schlangen geben und gierige Möwen werden mit ebendiesen Leckereien kurzen Prozess machen. Ich werde vielleicht irgendwann bis zu den Knien ins Wasser gehen; irgendwann, in irgendeiner dem Alltag abgerungenen Stunde. Die Freundin wird wieder gesund und in ihrem neuen Badekleidchen schon weit rausgeschwommen sein. Ich werde die auf ihrer Haut glitzernden, aber eiskalten Wassertropfen ebenso fürchten wie wunderschön finden. Sand auf der Decke, Sand in den Haaren, Sand überall. Ein strahlendes Lachen, zu warme Getränke und wärmendes Glück. Für einen Moment werden wir dabei aussehen wie ganz normale Urlaubende. Und wenn wir Glück haben, fühlen wir uns sogar so.

Mai

Schon wieder muss ich den Wandkalender umblättern. Es ist Mai; das neue Blatt zeigt blühende Kirschbäume. Es fühlt sich nicht an wie Mai. Seit Wochen kletterte das Thermometer nicht über 10°C; kein Abend, an dem mir nicht die Fingergelenke vor Kälte schmerzen und ich nicht in Decken gewickelt im Büro sitze. Die Heizung meiner kleinen Räume kommt gegen die in den Wänden festsitzende Kälte des Hauses nicht an, in dem alle Wohnungen außer meiner seit Monaten leerstehen. Vor der Heizkostenrechnung graut mir jetzt schon. Aber es ist nicht nur die meteorologische Kälte, die mich dieser Tage erschauern lässt. Der Ton im Netz ist von einer Verrohung, sozialdarwinistischen Brutalität, Missgunst, Neid und Häme geprägt, die ich kaum noch ertragen kann; und zunehmend schwappt auch all das ins Analoge. In der Langeooger Lokalpolitik mehren sich die Unappetitlichkeiten, und es braucht sehr viel Gottvertrauen, um noch daran zu glauben, dass sich daran mit den nächsten Kommunalwahlen etwas bessert. Indes fallen mir außer „Exorzismus“ auch nicht mehr viele Lösungsansätze zu diesem Desaster ein, und der Rest der Welt ist auch nicht unbedingt ein Trost: Das Internet erwähnte ich ja bereits.
Dazu all die kleinen und großen persönlichen Dramen und Schicksalsschläge. Eine liebe Freundin weint um ihren Hund und ich mit ihr. Etliche sensible Seelen in meinem Kreis resignieren und ziehen sich komplett zurück: Depressionen, Ängste, Schlafstörungen, wohin man blickt und horcht. Mir Freund gewordene Geistliche sehen sich in den immer berohlicher brodelnden Sumpf von Missbrauch und Missbrauchsvertuschung hineingezogen: Generalverdacht, Sippenhaft, pauschale Verurteilung eines ganzen Berufsstandes; der Kirche rennen mehr Leute davon als sich Austrittsformulare drucken lassen. Mir selbst schwimmen die finanziellen Felle davon; die Preise für Lebenshaltung steigen ins Absurde, für meine Kunst findet sich keine Bühne, und kaum haben ein paar trotz Pandemie verkaufte Bilder oder Bücher das gröbste Loch gestopft, wird die nächste Rechnung fällig.
Natürlich bin ich noch immer vergleichsweise weich gebettet und darf zumindest an einem wunderschönen und weitgehend virenfreien Ort vor mich hinleiden, aber für etliche meiner Mitmenschen geht es dieser Tage wohl nur noch ums Durchhalten und Überleben statt um irgendwelche Maienwonnen.
Nichtsdestotrotz hat sich irgendjemand erbarmt und im Dorf die Laternenpfähle mit Kreppblumen geschmückt; vor einem geschlossenen Restaurant stehen ein paar Leute unter einem improvisierten Maibaum in einer improvisierten Normalität und lachen. Einen großen Maibaum gibt es in diesem Jahr nicht.
Was bleibt einem auch sonst. Und doch sind diese bunten Farbtupfer, ist dieses Lachen kaum mehr als ein Tropfen Wasser im Ozean. Die Pandemie ist noch längst nicht vorbei und alle anderen Seuchen und Pestilenzgestänke, die diese Zeit so mit sich — und auch auf die Insel bringt—, sind es auch nicht.

Meine Balkonblumen, bisher eine sichere Bank für farbenfrohe Lichtblicke noch im schietigsten Frühjahrswetter, sterben einsam vor sich hin. Es ist viel zu kalt, um draußen zu sein und oft vergesse ich sie deswegen einfach. Ab und zu sehe nehme ich Notiz von den bräunlichen Blättern, den hängenden Köpfchen. Dann denke ich, dass ich jetzt endlich was machen muss und mache es doch nicht. So ist es doch oft auch mit Freunden oder Verwandten, denke ich. Man hat sie ja schon lieb irgendwo und denkt, dass man sich morgen aber wirklich mal meldet, ein Lebenszeichen sendet, eine Frage nach dem Befinden, irgendwas. Und dann ist morgen schon wieder ein Jahr vorbei, in dem man es doch nicht gemacht hat, und dann stirbt der Verwandte oder der Freund hat sich schon längst innerlich verabschiedet. Vielleicht kommt noch irgendwas Höfliches zurück oder auch gar nichts, und die Welt dreht sich weiter.
Mir tun meine Blumen Leid. Aber ich kann ihnen auch keine Wärme bringen. Am Liebsten ist mir die Welt zurzeit mit zugezogenen Vorhängen.

Ich habe mir neue gekauft; sie sind nachtblau mit einem stilisierten Sternenhimmel darauf; sie vergrößern meine kleine Welt auf gewisse Weise, selbst wenn ich den Rest der Welt da draußen lasse. „Es gibt Vieles, das der Welt zurzeit die Farbe nimmt“, predigte unser Weihbischof dieser Tage, und tröstete im Anschluss mit der Heilsbotschaft und mit den Möglichkeiten, die wir als Christen dennoch haben, um Farbe zu bringen und Farbe zu sein. Ich bin wirklich froh, in dieser Zeit noch glauben zu können.

Tatsächlich stellte ich dieser Tage fest, dass in meinem Leben im letzten Jahr mehr Farbe eingezogen ist, als ich für möglich gehalten hatte; und nichts davon war geplant. Nach jahrelangem Zeichnen in Graustufen male ich jetzt mit bunten Kreiden, die ihre Leuchtkraft im Halbdunkel besonders eindrucksvoll entfalten. Und nach vielen Jahren, in denen mir zarte Streifen das Maximum an erträglichen Mustern waren, bedeckt nun ein farbenfroher ausgemusterter Sarong in Grün, Rot und Gold meinen Tisch und ich finde ihn wirklich schön. Ich weiß nicht, woran das liegt. Ist es der Kontrast zur Farblosigkeit des Pandemie-Alltags; zur fehlenden Möglichkeit, Neues zu entdecken? Ist es die Sehnsucht nach einem echten Frühling, in dem die gleißende Sonne nicht nur wie ein Dekoartikel am preußischblauen Himmel hängt, sondern wirklich wärmt? Ist es das Verlangen nach dem Anblick aller Facetten kraftvollen Lebens statt der traurigen Realität halbwelker Blüten mit erfrorenen Rändern? Am Strandübergang wehen die Federreste eines ausgerissenen Möwenflügels im Wind, und kaum ein Symbol beschreibt die Lethargie dieser Tage wohl treffender: Flügellahm, am Boden, grau und leblos.

An der Kirche hat die Felsenbirne ihre zarte Pracht entfaltet, aber der Strandhafer ist noch gelb, das Grün blieb irgendwo auf halbem Wege stecken. „Ungefähr einen Monat hinkt die Natur hinterher im Vergleich mit meinen Fotos vom Vorjahr“, doziere ich der Freundin bei einem Spaziergang, auf dem wir mit kalten Nasen das Stagnieren des Frühlings betrachten. Vermutlich ist sie es auch, die mehr Farbe in mein Leben brachte, denke ich, während ich ihr puppenhaftes Profil mit dem winzigen Näschen und den rosigen, weichen Wangen betrachte. Als uns der Weihbischof von der farblosen Zeit erzählt, sitzt sie in einem leuchtend grünen Pulli neben mir. Im goldenen Kelch spiegelt sich das warme Licht der Altarkerzen, daneben liegt der violette Bischofspileolus. Der Herr ist mein Licht und mein Heil.

Vielleicht, denke ich, ist Liebe Farbe. Und vielleicht habe ich nun mehr Mut zur Farbe, weil auch diese Partnerschaft mehr Mut als cleanes Understatement erforderte. Und doch bin ich froh, es gewagt zu haben. Zweifelsohne war ich auch ohne sie glücklich und gut eingerichtet in meiner Welt, aber nun kenne ich auch noch eine andere Art von Glück. Und eine andere Art von Einrichtung. Und beides hat mich, deo gratias, nicht überrannt, sondern sich mit einer Sanftheit eingenistet, dass ich all diese Neuerungen mir zu eigen machen konnte. Es lag kein Überrennen darin, kein Überstülpen.
Und nun ist es wohl wichtig, sich auch von der neuen Zeit nicht überrennen zu lassen. Standhalten muss man gegen den Ungeist der Zeit; sich keine Rohheiten überstülpen lassen, keine Häme, und dem tumben Populismus den Weg versperren — Mit dem, was man eben so hat, kann und schafft. Für eine bessere Zeit. Für einen neuen Mai.