Gewöhnung

Nun also: Weihnachten. „Noch in keinem Jahr habe ich mich so wenig weihnachtlich gefühlt wie in diesem“, klage ich einem Freund, und er stimmt mir zu. „Das geht mir genauso“, sagt er, „es ist der 22. Dezember und ich habe noch nichts geschmückt, noch kein einziges Weihnachtslied gehört und bin einfach so gar nicht in Stimmung.“ Lange rätseln wir, woran das liegen könnte. Ist es wieder einmal das Phänomen, dass dieses zweite Pandemie-Jahr nur so dahinzurasen scheint, obwohl zugleich doch so viel Stillstand herrscht? Ist es diese Unplanbarkeit der Dinge, die jede Vorfreude lähmt, weil man nicht weiß, welche der unzähligen Regeln in diesem Kleckerkram deutscher Pandemiebewältigung am Tag X gerade gelten werden? Auch den Freund sähe ich gerne wieder, aber er lebt in Schweden, und wer weiß, ob ich zum fraglichen Zeitpunkt aus meinem Land gelassen werden oder in seins hinein. Oder umgekehrt? „Quarantäne kann ich mir nicht leisten“, sagt die Freundin, und ich mir auch nicht — schon gar nicht im teuren Schweden, dem sein Sonderweg letztlich auch herzlich wenig gebracht hat.
Und so trauen wir uns nicht einmal, die Flüge zu buchen: Zum Freund fliegt zunächst wohl nur unser Traum von unbeschwerter Zeit, warmen Zimtschnecken und winterlichem Stockholm-Zauber.

Nun also: Weihnachten. An Corona hat man sich mittlerweile gewöhnt; in den Jackentaschen stecken FFP2-Masken und Impfnachweis inzwischen so selbstverständlich wie Taschentücher, Portemonnaie und Schlüsselbund. Meine eigenen Impfungen und die meiner Liebsten haben mir einige Ängste vor der Krankheit genommen, und dennoch schwingt eine unterschwellige Ablehnung dem gegenüber mit: Gewöhnen ist grundsätzlich gut, aber will ich das in diesem Fall überhaupt? Will ich, dass die Pandemie sich einfach so in meinem Leben einnistet wie eine weitere lästige Pflichtübung, gleich neben Abwasch, Müllraustragen und Steuererklärung? Ich glaube nicht. Und so bleiben wohl nur die kleinen Alltagsfluchten in vorpandemische Zeiten, in Traditionen und Kindheitserrinerungen. Wie eben: Weihnachten.

Bei der Freundin duftet es nach Vanille; ein Klumpen Keksteig wartet auf unserer Hände Arbeit, um sich nach und nach in duftende Bleche voller Gebäck zu verwandeln, an denen wir uns wenig später hemmungslos überfressen haben werden. Ebenso wie an Ente, Klößen und Rotkohl. Wir machen uns schick für eine halbleere Kirche und füreinander, die Eltern sind geografisch fern, aber im Herzen zugegen. Es ist ein Klammern an diese heimeligen Momente der Idylle in dieser durchorganisierten und -technisierten neuen Corona-Welt. Apps und Bürokratiedeutsch, Testzentrumsöffnungszeiten, Statistiken, Erlasse.
Die neuen Ohrringe der Freundin glitzern im Kerzenlicht, ich streiche bewundernd über das samtige Veloursarmband der Uhr, die sie mir schenkte. Tags darauf sieht die Küche aus, als sei ein Rudel Wölfe dort eingefallen; Entengerippe, Fettpfannen, zerfetztes Papier, dazwischen der Hund, der bei uns Weihnachtsasyl fand. Wir braten die Klöße des Vortags; auch das gehört dazu, zu einem Weihnachten wie ich es von früher kenne, also gefühlt von vor hundert Jahren. Das ursprünglich als romantisch geplante, traditionelle gemeinsame Filmgucken spoilert ein furzender Hund, es stinkt zum Gotterbarmen. Aber auch diese kleinen Malheurs gehören zu Weihnachten, zu einem Weihnachten, als es das große Malheur drumherum noch nicht gab.

Zwischendurch gibt es noch Arbeit, denn der berühmte Spruch „Arbeiten, wo andere Urlaub machen“ bedeutet eben auch, dass man dann arbeitet, wenn andere Urlaub machen. Immerhin, zumindest das Wetter wird wohl im Gedächtnis bleiben von diesem Christfest 2021, denn die Sonne strahlt mit Kerzen und Kinderaugen um die Wette; es könnte kaum schöner sein. Dankbar nehmen wir auch davon mit, was geht, und dann — ist Weihnachten schon wieder vorbei.
Vorbeigerast, als habe man nur eben ein Fotoalbum durchgeblättert; in der Keksdose liegen noch ein paar Krümel, das Jahr hat noch vier Tage.

Ich kann kaum glauben, dass es tatsächlich schon das dritte Pandemie-Jahr ist, in das wir gehen. Wie jedes Jahr, kann ich nur beten, dass mir 2022 keine lieben Menschen genommen werden, das ich im Idealfall selbst nicht sterbe und auch sonst nichts Existenzbedrohendes über uns hineinbricht. Ansonsten bleibt uns nur das Aus- und Durchhalten, wie in den Vorjahren auch. Und ein bisschen erschreckt mich, wie sehr ich mich auch schon daran gewöhnt habe.

Sturm und Eis

In der Nacht fiel der erste Schnee. Als ich die Vorhänge aufziehe, sehe ich den Schneepflug am Ende der Straße werkeln, auf dem Balkon tummeln sich Rotkehlchen und Meisen, die Spatzen drängeln sich als nächste ans Buffet. Es wird nicht viel Zeit bleiben, bis sich das weiße Wunder vor der Tür in hässlichen Schneematsch verwandelt haben wird, also mache ich mich schnell ausgehfertig, um die Pracht noch rechtzeitig mit der Kamera zu verewigen.
Der Sanddorn ist jetzt tieforangefarben und sehr reif; in diesem Zustand wohl auch am Gesündesten, wie mit ein Nationalparkguide einst erzählte. Aber ich ernte die Beeren nicht, sondern erfreue mich nur an dem Anblick ihrer Leuchtpracht unter den glitzernden Schneehäubchen.
Es weht kaum Wind. Vor wenigen Tagen noch brüllte ein Orkan über die Insel; von der Dachwohnung der Freundin aus klang er wie ein donnernder Güterzug. An allen Ecken grollte, riss und fauchte der Wind wie ein wildgewordenes Tier. Auf dem Weg zur Kirche krallten wir aneinander fest; der eine der anderen ein Schleppanker. Stellenweise kam man nur im Froschgang voran oder wurde vom Wind ins Torkeln gebracht wie ein Betrunkener. Natürlich gehört die berühmte „steife Brise“ für viele zum gelungenen Nordseeurlaub dazu, aber Windstärke 12 macht keinen Spaß mehr, das kann ich bei aller Liebe zur Küste versichern.
Nadelspitzer Eisregen grub sich in unsere Gesichter und machte die Brillengläser blind. Was für ein Segen dann, endlich das warme Kerzenlicht aus St. Nikolaus leuchten zu sehen und das offen stehende Kirchenportal.
Wir feierten die heilige Messe zu fünft, der Sturm tobte gegen den Gesang an und rüttelte an den Mauern, aber letztlich gewann das Warme, Schöne, Leuchtende.
Das galt übrigens auch fürs Wetter, denn bereits am nächsten Morgen schien es, als hätte es nie einen Orkan gegeben. Kaum ein Lüftchen regte sich; über dem Meer wölbte sich türkisfarbener Himmel und die Sonne beschien die gewaltigen Rümpfe der Containerriesen, die vermutlich soeben einer entsetzlichen Nacht auf offener Nordsee entkommen waren.
Einzig die noch immer stattliche Brandung, die neuen Abbrüche an der zum Küstenschutz aufgespülten Sandkante und die verteilt liegenden, abgerissenen Zweige und Adventsdekorationen erinnerten an das Unwetter des Vortages.
Ich bin froh über das Menschenwerk aus Deich und Sandkante, das die Insel schützt, und doch einmal mehr gewahr, wie sinnlos dieses Kräftemessen mit der Natur eigentlich ist. Die Natur wird immer stärker sein als der Mensch. Nichts ist zur Gänze beherrschbar. Das mag deprimierend oder pessimistisch klingen, aber mir verhilft dieser Gedanke zu einer gesunden Grundausstattung an Demut. Der Orkan spielt mit mir wie ein Blatt im Wind, ich bin nur eins von Milliarden Pünktchen im Menschengewusel und vieles auf diesem Planeten würde auch ohne Menschen überdauern, wir wären nur eine Spezies im großen Artensterben mehr.
Nun sehe ich vom Fenster aus dem Schnee beim Schmelzen zu und schöpfe Hoffnung aus dem Gedanken, dass die nächste Jahreszeit der Frühling ist: Immerhin auch das ein unabänderliches Naturgesetz.

Blaue Stunde

Die Blaue Stunde kommt früh dieser Tage. Es ist nicht einmal 16 Uhr, als sich eisblaues Licht über die Insel senkt und allem darauf und darum etwas Unnahbares verleiht. So, als betrachte man die Winterdämmerung wie ein Exponat in einer Glasvitrine. Das schwindende Licht lässt alles verwaschen wirken. Die stattliche Brandung mit ihren meterhoch sprühenden Gischtkämmen, die grauen Wolkenwalzen, die wenigen Menschen. Das Leuchtfeuer von Norderney blakt verloren in die viel zu frühe Dunkelheit.
Am Flutsaum sitzt eine Möwe, die sich mit einem glibberigen Happen abquält. Von allen Richtungen nimmt sie das Gebilde in den Schnabel, längs, quer, versucht zu schlucken, spuckt wieder aus … und letztlich hat sie es geschafft: Das Knäuel aus Plastiknetz und Fischresten rutscht die hungrige Kehle hinab, ich kann die Ausbuchtung im Hals von außen sehen. Das war jetzt dumm, Möwe, denke ich. Vermutlich wirst du daran sterben. Zugleich fühle ich mich schlecht, denn ich hätte die Möwe verscheuchen können, als ich durch den Zoom meiner Kamera sah, mit was sie sich da abplagte. Ich habe es nicht getan, ich hätte ein Möwenleben retten können. Sie wäre doch eh sofort wiedergekommen, versuche ich meine Schuldgefühle zu besänftigen. Sie hätte um jeden Preis versucht, das zu essen. Und wenn nicht das, dann den nächsten Plastikmüll. Trotzdem war es falsch, denke ich, ich hätte sie retten können, und sei es auch nur für die nächsten paar Minuten.
Es wird schon zuviel gestorben in diesem November.

In meinem Lieblingsorden musste einer der Mönche viel zu früh heim zum HERRN, Leukämie, entsetzliche Sache. Und täglich sterben Unzählige an Corona; die vierte Welle ist über das Land gebrochen, so kalt und unbarmherzig wie diese Winterdämmerung. In den asozialen Medien sind binnen weniger Minuten Lachsmileys unter solchen Meldungen, Relativierungen und jede Menge anderer Zerebraldurchfall, dabei kann Merkel nicht einmal mehr alles Schuld sein, weil Merkel in Kürze nach 16 Jahren a.D. ist, noch etwas, was dieses Jahr prägt, und natürlich auch mich. Zweifelsohne bin ich ein Kind der Kohl-Ära, ich wuchs mit Birnenwitzen auf. Als Merkel Kanzlerin wurde, eilte ich gerade durch irgendeinen Münchner U-Bahnhof, eine Boulevard-Zeitung titelte: „Es ist ein Mädchen!“ Der Duden schuf unverzüglich Platz für das Wort „Bundeskanzlerin“, „Kapitänin“ folgte ungefähr zeitgleich. Und mittlerweile gibt es wohl Kinder, die fragen, ob auch ein Mann Bundeskanzlerin werden kann. Es war mitnichten alles schlecht.

Nun aber ist endgültig Schicht am Schacht für unsere Bundesphysikerin, die ich aufgrund ihrer uneitlen Unaufgeregtheit meistens mochte, wenn auch nicht ihre Partei. Auf jeden Fall gibt mir auch dieses Ereignis das Gefühl, dass dieses Jahr nur so an mir vorbeigerast ist — in einem Tempo, wie ich es mir von der Deutschen Bahn so manches Mal gewünscht hätte. Kein außerplanmäßiger Halt nirgends, kein Stillstand auf freier Strecke.

Übermorgen ist der Erste Advent. Ich texte die Freundin an, ob sie mir am Strand entgegenkommen möchte, denn auf einmal möchte ich nicht mehr allein sein unter dieser eisblauen Winterglocke, aus der bald alles Licht abgesogen sein wird. Sie hat gerade Feierabend und heute auch noch kein Tageslicht gesehen; seelisch dürstend strecken wir unsere Gesichter den letzten paar Lux vom Himmel entgegen und atmen noch ein paar Lungenvoll klare Meeresluft. Bald setzt nadelspitzer Eisregen ein.

Ich habe der Freundin ein paar Hausschuhe gekauft und sehe auf diese winzigen grünen Filzschläppchen, als ich meine sandverkrusteten Stiefel daneben ausziehe. Vielleicht ist doch nicht alles nur an mir vorbeigerast dieses Jahr, denke ich. Es gibt da ja doch noch etwas, das sich mit einer wärmenden, aber nie anmaßenden Selbstverständlichkeit in meinem Leben ausgebreitet hat; so wie die Wärme, die sich nun über den eingeschalteten Heizkörper in den klammen Zimmerecken verteilt.
Wir haben nun beide zwei Zuhause auf Langeoog, und das ist für mich ein sehr angenehmes Maß von Nähe, die weder besitzt noch einengt, auf die aber dennoch Verlass ist. Ich wusste nicht, ob wir das schaffen. Oder besser: Ob ich das schaffe. In einem großen Areal meiner Seele werde ich wohl immer ein Einzelgänger sein, aber es tut auch gut, dass die wenigen Gesellschaftsräume meines Herzens nun nicht mehr ganz unbewohnt vor sich hinstauben, mit blinden Spiegeln und fadenscheinigen Tüchern über allem darin. Nun aber, nach fast zwei Jahren, wächst das Vertrauen auf etwas, bei dem man zwangsläufig noch einmal an die scheidende Bundeskanzlerin erinnern muss: „Wir schaffen das.“

Ankommen ist eine schöne Sache. Auf dem Bett steht der Karton mit der Adventsdeko, mit der ich die Ankunft des HERRN in diesem Jahr zelebrieren möchte. Etliches habe ich nicht wiedergefunden, denn was Advents- oder Osterdeko angeht, bin ich ein Eichhörnchen: In dieser Kiste fnde ich es ganz sicher wieder. Dieser Platz ist idiotensicher. Ordentlich weggepackt, steht das Zeug dort den Rest des Jahres nicht im Weg herum. Ja, und dann ist der Advent immer wieder zu schnell da und die Kisten sind weg.
Ich wühle in dem, was noch da ist, und schalte die Lichterkette an. Warmweiße Sterne strahlen, die Batterie hat durchgehalten. Im Regal steht die Krippe, ein sehr geliebtes Geschenk meiner Eltern. Maria, Josef mit der Laterne, das Baby, die Schäfchen. Alle haben treu gewartet, alle haben eine Schicht Staub angesetzt, die ich mit einem Mikrofaserlappen vorsichtig abwische.
Deine Welt, HERR, ist ziemlich kaputt, denke ich, als ich den Stall wieder häuslich herrichte. Der Stern am Dachgiebel fällt zwei Mal herunter, als ich den winzigen Holzpin ins Gebälk zu drücken versuche. Aber dann sitzt er: Das Licht wird kommen.
Draußen ist schwarze Nacht.

November

Inzwischen ist es November geworden. Nachts radele ich durch tiefste Dunkelheit und feuchtkalte Nebelschwaden, die der Lichtkegel meiner Fahrradlampe schemenhaft erkennen lässt. Der Nebel hüllt mich ein, nimmt von mir Besitz mit seiner klammen Eisigkeit, und drumherum ist nichts und niemand; irgendwo in der Ferne verrichtet eine einsame Straßenlaterne ihren nahezu nutzlosen Dienst und vermag die schweröldicke Novemberschwärze kaum zu durchdringen. Ich will nur noch nach Hause. Es sind keine 700 Meter zwischen dem einen Zuhause und dem anderen — aber je nach Jahreszeit und Wetter können einem auch diese endlos erscheinen. „Wir bräuchten einen beheizten und beleuchteten Tunnel zwischen unseren Wohnhäusern“, scherzte ich einst mit der Freundin, und in Nächten wie diesen wäre das wirklich eine gelungene Investition.

Es ist eigenartig mit diesem November. Kann man den Insel-Oktober mit seinen Zugvogelscharen, den vielen goldenen und warmen Tagen und der Gästeflut während der Herbstferien noch gefühlt unter „Spätsommer“ verbuchen, so geht das im November plötzlich nicht mehr. November ist Winter, auch auf Langeoog.
Zwar sind auch jetzt noch die Temperaturen an vielen Tagen zweistellig und es gab erst einen größeren Sturm — dennoch sind die Bäume inzwischen zu nackt, die Vögel zu wenige und die Tage zu kurz, um noch irgendeine Sommer- oder Herbstassoziation zu finden. Nein, der November, man muss es sich eingestehen, der November ist Winter.

„Es ist ein schwieriger Monat“, predigen auch die Geistlichen aller Konfessionen dieser Tage, mit all diesen traurigen Tagen, Allerseelen, Totensonntag, dazu diese Dunkelheit. Die stillen Feiertage finde ich wiederum nicht allzu schwierig, denn es ist gut, dass auch das Trauern und die Schwermut einen Platz im Kirchenjahr bekommen: Schließlich ist auch das Leben keineswegs frei davon. Ich finde nicht einmal Allerseelen einen traurigen Tag, denn die beleuchteten Friedhöfe sehen schön aus und zur Gräbersegnung wird auch auf jene Gräber Weihwasser gesprengt, an denen schon lange kein Angehöriger mehr saß. So ist niemand vergessen.

Vergessen habe ich dagegen fast einen Großteil des Jahres und frage mich: Wie konnte ein Jahr, an dem Pandemiebedingt immer noch nicht so viel wie früher passieren konnte, so dergestalt dahinrasen? Wo war der Sommer, die Muße, wo waren die freien, warmen Balkonabende? Auch mein Urlaub im September liegt gefühlt schon Lichtjahre zurück, und der Winter wird gewohnt arbeitsreich: Es gilt, die paar ruhigeren Novembertage für größere Projektvorbereitungen zu nutzen, bevor zum Advent und Jahreswechsel hin die nächste Hauptsaison auf Langeoog lostobt. Andere Langeooger:innen nutzen die Zeit, um selbst in den Urlaub zu fahren. Im Grunde ist der November für die Menschen auf der Insel also ein durchaus ereignisreicher Monat — trotzdem habe ich jedes Jahr das Gefühl, als hielte dieser Monat das Kreisen und Kreiseln der Welt für einen Moment an.

Über dem Meer klart der Himmel jetzt auf. Streifen von Blau weben sich in die bisher dichte, schmutziggraue Wolkendecke. Es ist einem nicht mehr viel Tageslicht geschenkt um dieser Zeit, also werfe ich nur das Nötigste über und radele zum Strand.
Durch die Wolkenlöcher lugt roséfarbener Himmel, der bald in leuchtendes Orange übergeht, und so doch noch mächtig Farbe in diesen — für mich — bisher farblosen Tag bringt. Über dem Festland weisen dunkle Fallstreifen auf ein Unwetter hin; auch das sieht sehr eindrucksvoll aus, wiewohl ich die Menschen auf dem Kontinent nicht um den Regenguss beneide. Hinter den Silhouetten der Strandpaziergänger:innen zeichnet sich die Dünenkette der Nachbarinsel Baltrum ab.
Getröstet stelle ich fest, dass doch noch nicht alle Vögel fort sind, denn eine Formation Gänse zieht mit lautem Rufen Richtung Westen. Auf der Sandbank ruhen sich Möwen aus.
Später zeigt mir ein Freund noch wundervolle Fotos vom Morgennebel im Sonnenaufgang, den ich, meiner Eulen-Natur geschuldet, allerdings verschlafen hatte. Dieser erhabene, mystische und majestätische Anblick der vom Nebel durchwobenen, sonnenvergoldeten Insellandschaft lässt mich den unheimlichen, ungemütlichen Nachtnebel sofort vergessen. Und so verabschiedet sich der Novembertag doch noch mit reichlich Versöhnlichem: Mit Farbe und Schönheit.

Beat

In der Kirche startet ein ambitioniertes Projekt. Dass eine Frau predigt, meine ich damit nicht, denn das kommt bei uns erstens öfter vor und zweitens sorgt es nur noch bei sehr wenigen Schäfchen für ein nervöses Kragenweiten mit ungläubig aufgerissenen Augen. Schließlich sind wir auf Langeoog eine der ersten Gemeinden mit weiblicher Pfarrbeauftragter geworden, und bislang ist deswegen noch kein Deckenbalken brennend zu Boden gestürzt. Kaffee und Kuchen im Pfarrheim ankündigen macht sie allerdings trotzdem auch noch, also können an dieser Stelle auch die Traditionalist:innen zufrieden sein. Aber ich schweife ab.

Das ambitionierte Projekt ist Orgelspiel mit Percussion-Begleitung. Ein junges Musikerduo hat sich dazu eingefunden, und die Idee ist gar nicht mal so schlecht, allein — der Rhythmus hinkt. So ganz finden Orgel und Trommeln nicht zusammen, immer scheint der notwendige Schlag um Sekundenbruchteile zu spät zu ertönen, was die Harmonie ein wenig schmälert. Als kompletter Musikdilettant will ich hier nicht das Maul zu weit aufreißen und auch keineswegs den kreativen Ansatz der Kombination dieser beiden Instrumente schlechtreden; vielmehr erwähne ich es, weil mich dieser eigenartige Missklang sehr an dieses Jahr erinnert. Das Jahr, das sich nun bald schon seinem Ende nähert. Das zweite Jahr Pandemie mit seinen Lockdowns und Wiedereröffnungen; mit seinen Anstürmen urlaubsausgehungerter Tourist:innen, die die Küstenorte bevölkern, als ob es kein Morgen gäbe.

Zurzeit sind Herbstferien und in diesem Kontext muss ich zum Thema „Ansturm“ wohl keine umständliche Überleitung finden. Es ist voll auf der Insel. Sehr voll. Masken und 2- oder 3-G-Regeln gibt es noch; Abstand wird fast nirgends mehr eingehalten. Die arbeitenden Menschen sind bleich und müde und unter den Gästen sind wie jeher sone und solche; in dieser Saison leider mit leichtem Schwerpunkt auf „sone“: Die Aggressiven. Die Dauer-Diskutierenden. Die „Wir-bezahlen-Sie-schließlich“. Und ach, das Bezahlen. Sauteuer ist alles geworden, noch mehr als je zuvor, und da hängen die Langeooger:innen jetzt nun genauso mit drin.
Manchmal weiß ich nicht mehr, wie lange ich mir das Leben hier noch leisten kann.

Nun aber zur Orgel und dem um Sekundenbruchteile hinterherhinkenden Beat. Genau so fühlt sich dieses Jahr an, denke ich. Zumindest, seit kein Lockdown mehr herrscht: Eigentlich ist alles wie früher. Laut, voll, wuselig und teuer. Aber irgendwie eben auch nicht. Irgendwie ist da dieser zeitversetzt ertönende Trommelschlag, der das gewohnte Saisonrauschen aufmischt und es schwer macht, im geforderten Takt mitzusingen, mitzuschwimmen. Es strengt an, mehr denn je.

Und nein, der Insel bin ich nicht überdrüssig. Da sind die Momente, in denen sich weiches Herbstlicht in die Dünentäler ergießt; in denen sich Nebelbänder durch farbenprächtige Vegetation winden, in denen ein unendlicher Himmel aufreißt und die Sonne die sprühende Gischt wie einen Diamantenregen aufleuchten lässt. Da sind die Momente, in denen nach Regen und Meerwasser duftende Wege zum Strand führen, und zu beiden Seiten glänzen die überreifen Hagebutten wie kandierte Äpfel. — Momente, in denen der HERR einem die ganze Pracht Seiner Schöpfung geradezu um die Ohren haut und mich mit tiefer Dankbarkeit für die Gnade hier leben zu dürfen, erfüllt.

Dennoch. Irgendwie ging dieses Jahr anders vorüber. Man könnte ja meinen, dass nach einem komplett absolvierten Pandemie-Jahr das zweite bereits Gewohnheit wäre, aber dem ist nicht so, zumindest für mich nicht. „Wo war denn der Sommer?“, fragt auch die Freundin, ein wenig Ratlosigkeit im Blick, und ich kann ihr darauf nicht antworten. Nur einmal waren wir dieses Jahr richtig im Meer schwimmen; mit den Füßen drin waren es vielleicht ein paar Mal mehr. Ein einziges Mal hatten wir mit Vorsatz die Strandtasche gepackt und uns zwei Stunden genommen, um Inselurlaub zu spielen, und ein einziges Mal saßen wir wie Touristen im Eiscafé am Tisch, anstatt uns lediglich ein schnelles Hörnchen zwischen Termin A und Pflicht B einzuverleiben, aber sonst? Im Hin- und Her ewigen Wetterwechsels raste der Sommer an einem vorbei; flankiert von all den Katastrophenmeldungen über die verheerenden Überschwemmungen, welche wohl jedem nicht ganz empathiebefreiten Menschen die Leichtigkeit sommerlichen Seins raubten.

Und dann: Die Wahlen. Ein einziger Charakterfriedhof. Was nützen da Rosendüfte und goldenes Dünengras, wenn täglich irgendwo auf der Insel stinkende Jauchefässer ins Zwischenmenschliche gekübelt werden? Und bei all dem Modder im Kleinen — wo soll man dann noch Zuversicht im Großen finden? Aber irgendwann war auch die Kommunalwahl durch, dann die Bundestagswahl, beides noch mit einem blauen Auge irgendwie; das „blau“ hier natürlich nicht parteipolitisch zu verstehen. Auf jeden Fall hätte es jeweils schlimmer kommen können; aber man muss wachsam bleiben, damit das große Elend nicht aus der zweiten Reihe vorrückt, denn wachsam (oder besser: lauernd) ist das Elend wohl stets.

Nun also versuche ich dennoch irgendwie in die Melodie zu finden, am schrägen Beat vorbei; mich einfädelnd zwischen Orgel und Trommel mit dem Gesang, und einen Großteil der Zeit klappt es sogar. Der Beat wirft mich nur ganz sporadisch aus der Bahn, denn es ist von Vorteil, dass ich das Lied gut kenne. Und so ist das wohl auch mit dem ganz großen Lied von Langeoog: Ich erschaudere ob all der Misstöne. Aber das Zwitschern der Rotkehlchen im Gesträuch, das Rauschen der Brandung, das halb in den Seewind, halb in meine Jacke geflüsterte „Ich liebe dich“ der Freundin — all das höre ich trotzdem noch.

Herbstschönheiten

Vor Langeoog kreuzt die Gorch Fock. Es ist 6 Jahre her, dass ich den einstigen Stolz der Deutschen Marine zuletzt sah, und — ehrlich gesagt — ich hatte auch nicht daran geglaubt, dass ich sie jemals wiedersehen würde. Doch genauso wie damals in Wilhelmshaven auf dem Weg zum Bontekai, war ich auch jetzt wieder auf seltsame Weise ergriffen von der Erwartung ihres Anblicks: Die letzten Meter zum Strandübergang rannte ich.
Dann, ein weißes Leuchten am Horizont. Ich stellte den Sucher der Kamera scharf und zoomte heran. „Da ist sie!“ entfuhr es mir laut, als sich die unverkennbaren gelben Masten aus dem Dunst schälten, leider abgetakelt. Aber es war so eindeutig die Gorch Fock, als hätte ich erst gestern ihre Planken unter den Füßen gehabt, und als hätte ich gestern erst den damals schon recht lädierten goldenen Albatross am Bug bewundert, durch dessen Auge ich die Hochhäuser am Südstrand im Abendlicht erkennen konnte.
Ein älterer Langeooger kommt mir entgegen, ich kenne ihn nur flüchtig. „Haben Sie die Gorch Fock gesehen?“ frage ich ihn, aufgeregt wie ein Kind, das den Eltern im Spielzeugladen unbedingt etwas ganz Tolles zeigen will. Zum Glück mag er das Schiff. „Ach was, ist die hier?“ fragt er zurück, und ich zeige ihm das Schiff auf dem Kameradisplay. Der Mann holt nun ebenfalls seine Kamera hervor und fertigt seine eigenen Erinnerungen an den schönen Schwan der Weltmeere.

Ich weiß nicht, was dieses Schiff mit mir macht. Die Alexander von Humboldt beispielsweise ist auch ein sehr schöner Großsegler, ebenso die Mircea und die Mir. Aber der Faszination Gorch Fock kann ich mich nicht entziehen, und, Millionengrab hin- oder her, ich bin froh, dass sie wieder schwimmt. Denn eigentlich hatte ich mich von der Bark schon verabschiedet, damals, in Wilhelmshaven. Und nach 6 Jahren Werftaufenthalt mit all dem Streit um die explodierenden Kosten ihrer Großinstandsetzung erst Recht.

Tatsächlich freut mich ihr Wiederauftauchen aber auch aus Pandemie-Gründen, weil so ein kleines Stück heile Welt wiederhergestellt wurde. 2015 sah ich sie zuletzt: Corona-Viren gab es da zwar bereits, aber die Variante, die die Welt — im Großen wie im Kleinen — fast 2 Jahre lähmen lang sollte, war da noch unbekannt. Und nun, 2021, sehe ich die Gorch Fock wieder. Es scheint mir, als läge ein Jahrhundert dazwischen. Und doch bringt es ein Stück weit Unbeschwertheit und Frieden zurück — wie alles, das Bestand hat oder das sich nach schweren Zeiten zumindest auf irgendeine Weise wiederherstellen lässt. Ein bisschen fühlt es sich an wie eine alte Freundschaft, an die man nach langer Funkstille wieder anknüpfen konnte und in der scheinbar dennoch nie etwas verloren gegangen ist.

Im Westen glüht der Himmel jetzt. Auf das Signalrot wird bald ein Blutrot folgen, das in Kürze in der Schwärze der Nacht versickert. Ich beeile mich heimzukommen, bevor ich am Strand und zwischen den hohen Dünen des Pirolatals die Orientierung verliere.

Auch am nächsten Morgen ist das Schiff noch da und fährt so viele Wendemanöver, dass die Aufzeichnung des Fahrweges auf marinetraffic aussieht wie ein Seemannsknoten. Im Gegensatz zum Vorabend, als die Gorch Fock im dämmerigen Dunst nur mit technischen Hilfsmitteln auszumachen war, kann man sie nun auch mit bloßem Auge in der Sonne glänzen sehen, mit hochaufragenden Masten. Es ist und bleibt ein stolzes Schiff, denke ich, wiewohl man bei der Deutschen Marine inzwischen wohl etwas weniger stolz drauf ist.

Ich bewege mich vom Strand in Richtung der Seen. Heute ist Herbstanfang und wohl der letzte durchgehend sonnige Tag dieser Woche. Noch immer halten sich hartnäckig einige Blüten an den Kartoffelrosensträuchern, aber die meisten verlieren bereits die Blätter rund um ihre überreifen Früchte. Auch die Sanddornbeeren sind voll ausgefärbt, ebenso wie die zierlichen Hagebutten der Hundsrosen. Ein gewaltiger Schwarm Stare hat sich soeben an Letzteren vollgefressen und erhebt sich wie auf ein geheimes Stichwort hin in die Luft. Der Schwarm steuert direkt auf den Luftraum über mir zu und ich ahne Böses. Es klatscht links und rechts neben mir aufs Pflaster. Über mir der Lärm Hunderter Flügel und Vogelkehlen. Auf meinem Arm landet ein großer Batzen Scheiße. Es fängt sofort an zu brennen, aber ich radele noch schnell aus der Schuss-(bzw: Schiss)linie, bevor ich anhalte, um ein Taschentuch zu suchen. Auch das gehört wohl zum Inselherbst dazu, seufze ich innerlich, und bin doch froh, dass diese Jahreszeit nun endgültig angebrochen ist.
Der Tourismus ist noch nicht wirklich weniger geworden und auch meine Arbeit nicht; dennoch bringt der Herbst immer etwas mit sich, das den inneren und äußeren Trubel dämpft. Die Welt wird wieder leiser und auch etwas kleiner; nicht nur der häufigen Herbstnebel wegen. Ich mag es, dass man sich im Herbst mit besserem Gewissen zurückziehen kann, ich mag das Beerenobst und dass man nun wieder seine kuscheligen Wollsachen anziehen kann und die weiche Lederjacke, die sich wie eine Umarmung an die Schultern schmiegt. Abends ist es schon deutlich kühler geworden und auch die Dunkelheit breitet ihr Tuch nun immer früher über die Insel. Ich mag den Herbst: Zeit zum Innehalten.

Eile und Ewigkeit

Vor dem Wäschekeller liegt ein mumifizierter Frosch. Als ich fortging, muss er noch gelebt haben, und offenbar haben wenige Tage gereicht, um den Kadaver komplett auszutrocknen. Auch sonst hat sich einiges verändert seit meiner Abreise. Die Hagebutten der Kartoffelrosen sind inzwischen überreif und von blutroter Farbe; die Kreuzspinnen in den Netzen dazwischen sind fett, der Strandkorbbestand dagegen sichtbar ausgedünnt.
Ruhiger geworden ist es auf der Insel, ich bin gottfroh darüber. Der Herbst ist eine schöne Zeit auf Langeoog, auch wenn er zugleich das Ende von so vielem markiert: Einige Kreaturen fallen bald in Winterstarre; darunter die Spinnen. Andere Tiere sterben, Pflanzen verwelken. Ungeerntete Früchte liegen wurmzersetzt im Gras. Das Jahr läutet seinen Abschied ein. Die Läden werben für Weihnachten.

Auch die Stare sind wieder da und sammeln sich in gewaltigen Schwärmen über den Dünenkuppen, auf den Wiesen und dem gusseisernen Kreuz der Inselkirche. Wunderschön sind sie mit ihrem schillernden, gesprenkeltem Gefieder, und ich werde sie sicher vermissen im Winter, der vor uns liegt.
Noch tragen wir T-Shirts und Sonnenschutz, denn in seinen letzten Tagen brachte der Spätsommer noch ordentlich Hitze. Dennoch ist mir, als luge der erste Schnee bereits über die Deichkrone. Alles geht so schnell dieser Tage: Sogar das Innehalten. Und so verging auch mein Urlaub wie im Fluge; selbst die alten Mauern der Abtei und die jahrhundertealten Gesänge der Mönche konnten die Zeit in ihrem Rasen nicht aufhalten. Der Winter wird arbeitsreich.

Dass es sinnlos ist, schönen Momenten ein „Verweile doch!“ hinterherzurufen, weiß ich schon relativ lange; umso wichtiger ist es aber, sich dennoch viele dieser schönen Momente zu schaffen. Schließlich mögen sie zunächst kurzlebig sein; im Herzen indes lässt sich lange davon zehren.

Und so genoss ich doch jeden sonnigen Tag unter den mächtigen Bäumen, auf dem weichen Moos, auf dem sich ein Gitter aus Sonnenflecken mit dem Wind bewegte, oder auf dem staubigen Weg entlang der Maisfelder mit ihren versprengten, dunkelgrünen Waldinseln und den Ketten kugeliger Obstbaumalleen am Horizont.
An den Feldrändern kämpften letzte Mohn- und Kamillenblüten gegen die Spätsommerhitze, umschwirrt von Schmetterlingen.
Auf einem Findling sitzend, beobachtete ich das zu Boden kreiseln der Ahornfrüchte im Schatten der neoromanischen Abteikirche. Vom Autolärm der Straße abgesehen, war es absolut still bis auf das Rauschen des Windes in den Blättern und das gelegentliche Schleifen eines Habitsaums, wenn einer der Mönche über die Steinstufen eilte.
Abends saß ich im Zimmer und malte. Der Nachtwind bauschte die Vorhänge im kleinen Dachgaubenfenster, ohne viel Kühlung zu bringen. Um 5 Uhr morgens setzte das Vollgeläut der Abteikirche ein. Leise Schritte im Kreuzgang, Gewandschleifen, Stille, vor den Buntglasfenstern erste Vögel. Und dann der gregorianische Choral. Die Abtei Gerleve hat eine wunderbare Schola, und auch an der Orgel sitzt offenbar ein begnadeter Mensch, den oder die ich leider nie zu Gesicht bekam. Die Sonne schickte ihre Strahlen in den Chorraum; so scharf gezeichnet, als hätten sie sich in feste Materie verwandelt.

Bald war mein Dachzimmer wieder leer und der Koffer gepackt. Die Tischnachbarin, eine angenehme Person mit offenem, freundlichen Gesicht, wachen Augen hinter einer runden Brille und ebenso wachem Geist, brachte mich zum Bahnhof. „Vielleicht sieht man sich ja mal wieder, irgendwo.“ „Wäre schön, ja.“ „Tschüss“. Ein dreckiges Bahngleis, ein wackelnder Bus, vorbeiziehende Orte, ein- und aussteigende Menschen. Ankommen, Abschied, weitermachen. — Ist so nicht das ganze Leben?

Doch dann, ausgerechnet in einer großen Stadt, bekam ich wieder einen kleinen Eindruck von Ewigkeit und Bestand. Von Dingen, die bleiben.
„Die Liebe hört niemals auf“ steht in der Bremer Propsteikirche an einer Wand, davor ein dickes Buch mit Erinnerungen an Verstorbene. Eine ältere Dame zieht ein gerahmtes Schwarzweißfoto mit einem Trauerflor aus ihrer Tasche. Sie stellt es vor das Zitat aus dem Korintherbrief und macht ein Foto davon. Es zeigt einen älteren Herrn, der sie anlächelt. Die Freundin und ich wenden uns augenblicklich ab um die Frau in diesem intimen Moment nicht zu stören; ich kämpfe mit den Tränen. Auch in den Augen der Freundin glitzert es. Selten sah ich etwas, das so rührend und so traurig zugleich gewesen ist. Ich zog mich diskret zurück, hätte die Frau aber am Liebsten umarmt. „Die Liebe hört niemals auf“: Das sahen wir nun mit eigenen Augen.
„Unsere Ehe wurde im Himmel geschlossen“, sagte mein Opa Anton einmal, als ich ihn bewundernd darauf ansprach, wie glücklich er und seine Frau immer noch wirkten nach all den Jahrzehnten und trotz etlicher Schicksalsschläge: Der Krieg, ein schwerer Arbeitsunfall, der Tod des einzigen Kindes. Inzwischen wird die Ehe beider im Himmel fortgesetzt, und ich glaube ebenfalls daran, dass es so sein wird — wenn es so sein soll. Ich drücke die kleine, weiche Hand meiner Freundin ein wenig fester. Vor uns lächelt der Namenspatron meines Opas gütig von seinem Sockel.

Morgenrunde

Ich bin viel zu früh wach. Schlaflos im Bett liegend, erwarte ich den Anbruch des Tages. Als endlich Licht durch die Vorhänge sickert, stehe ich auf. Vor dem Fenster breitet sich ein pastellfarbener Morgen. Im Gully rauscht es, ansonsten ist es still. Sogar die Vögel halten sich zurück. Ich sehe ein paar Schwalben in der Luft; weiter hinten keckert irgendwo ein Fasan. Die Luft ist kühl und klar — in diesen Tagen eine Kostbarkeit, ebenso wie die Stille.
Mein Balkon macht mir in diesem Jahr keine rechte Freude, denn auch auf Langeoog spielt das Wetter ein wenig verrückt. Es ist entweder schwül und stickig oder zu kalt und nass, meine Blumen gedeihen nicht. Ich schaue auf die jämmerlichen, braunfleckigen Überreste und fühle mich zugleich schlecht, weil mein Hadern mit den verkümmerten Zierpflanzen zweifelsohne dekadent ist; angesichts der Verheerungen, die das Wetter in anderen Teilen Deutschlands angerichtet hat.
In der Nacht hat es geregnet. Von den reifenden Früchten am Apfelbaum perlen die Tropfen. Auch die ersten Brombeeren sind schon da, und die allgegenwärtigen Kartoffelrosenpflanzen tauschen zunehmend ihre Blütenpracht gegen leuchtendrote Hagebutten ein, obschon an manchen Wegen noch immer Rosenduft über die Insel weht. Der Sommer will noch nicht gehen, aber der Herbst kratzt schon an der Tür.
Ich genieße meinen Kaffee in der Stille, bis der Rest der Insel aufwacht. Die Stunden sind kostbar.

Gegen 8 Uhr mache ich mich auf Richtung Strand. Gestern Nachmittag standen die Räder am Übergang Gerk-sin-Spoor bis zum Friedhof. Immer noch haben zwei große Bundesländer Ferien; Langeoog platzt aus allen Nähten.
Und dann gibt es doch tatsächlich immer noch Leute, die von „einsamer“ Insel reden.

Auch jetzt kommen mir schon reichlich Menschen entgegen, überwiegend Sporttreibende oder Langeooger:innen, die zur Arbeit fahren. Der Spatz, den ich zwischen farbenfrohen Vogelbeeren zu fotografieren versuche, lässt sich glücklicherweise auch von zwei plaudernden Sportfreunden nicht verscheuchen. Er kommuniziert mit Artgenossen, die sich tiefer im Geäst verkrochen haben. Am Strand herrscht noch Ordnung: Die Strandkörbe in Reih und Glied, die Mülleimer geleert. Ein Mitarbeiter der Inselgemeinde kommt mir mit stinkenden, schweren Säcken entgegen — die Ausbeute des vergangenen Ferientags. Eine anstrengende Arbeit, von der meist erst Notiz genommen wird, wenn sie liegen bleibt.

In der Kirche ist bald Anbetung, es ist Herz-Jesu-Freitag. Neben dem Wasserturm sehe ich das vertraute Dach in den blauen Sommerhimmel ragen. Die Monstranz strahlt mit der Morgensonne um die Wette; die Pastoralreferentin singt schön, der Rest schief. Aber immerhin kniet sie heute nicht alleine vorm Allerheiligsten. Im Gegenteil: Immer wieder kommen Menschen herein, die Kerzen anzünden, ins Fürbittbuch schreiben, den Psalmen lauschen oder sich ebenfalls eine Weile vor die Monstranz knien.
Eine junge Frau im Sportdress, groß, schweißglänzend und mit der Figur einer Athletin, joggt in die Kirche, bekreuzigt sich, auf der Stelle weiterjoggend, und zündet, ebenfalls joggend, eine Kerze an. Dann joggt sie wieder hinaus und ich nehme das aus den Augenwinkeln halb amüsiert, halb seltsam berührt zur Kenntnis: Für GOTT ist Zeit. Sogar im täglichen Trainingspensum.

Auf den Dünenwegen hinter der Kirche reift der erste Sanddorn. Ein Ehepaar geht mit Hund und zwei sehr teuer aussehenden Rassekatzen spazieren. Die Frau versucht, einen der Perser herbeizurufen, aber natürlich funktioniert das nur beim Hund. Die Edelkatze lässt ein divenhaftes „Miau“ vernehmen und dreht ihr eigenes Ding.

Man kann doch einige Kuriositäten erleben in der Saison, denke ich, und dass sich die Schlaflosigkeit so zumindest gelohnt hat. Wenig später peitscht wieder Regen an mein Fenster, und so wird es noch lange bleiben.

Flut

Auf Langeoog ist das Wetter schön. Regen fällt in dem Maße, wie die Natur es gerade braucht, um ihre Farbenpracht zu erhalten und um die Hagebutten und Äpfel prall und rund werden zu lassen. Die Feriensaison ist in vollem Gange; die Strandkörbe stehen ebenso dicht gedrängt wie die Autos auf dem Parkplatz in Bensersiel, der Fahrradverkehr stockt, die Abstellplätze quellen über. Das Meer plätschert in harmlosem Babyblau vor sich hin. Die Gewalt des Wassers ist kaum zu erahnen.

„Lass uns nach Neviges fahren“, schlug ich der Freundin beim letzten Besuch in meiner Heimatstadt vor, „in diesem Stadtteil gibt es wunderschöne alte Bergische Fachwerk- und Schieferhäuser und zauberhafte kleine Antik- und Devotionalienläden. Und nach Langenberg! Ich kenne dort ein schönes Café, der Bach fließt mittendurch, es ist wirklich idyllisch. Die Gebäude stammen zum Teil noch aus dem 16. Jahrhundert. Fensterläden mit Geranien davor. Wunderbare alte Laternen und Geländer aus Gusseisen. Haustüren mit Messingklopfern. Enge, malerische Gassen.
Aber dann waren zu viele andere Dinge auf der Urlaubs-Agenda, und wir schafften die Stadtteile nicht mehr.

Jetzt hat der Bach die schönen Fachwerkhäuser auseinandergerissen. In einem Fernsehbeitrag sehe ich die Stühle des schönen Cafés im Schlamm. Auch die Blumenkästen mit den Geranien liegen da. Alles ist zerstört. Menschen weinen, die den Dialekt meiner Heimat sprechen.

Auch andere Teile der Republik hat es schlimm erwischt. Eine Freundin sieht ihr Geburtshaus in der Eifel aus den Fluten ragen. Vielleicht wird es zerbrechen, wie so viele andere Häuser, Leben, Träume, Existenzen. Über 100 Menschen sind tot, Hunderte vermisst.
In diesem Sommer erschüttert eine Naturkatastrophe fürchterlichen Ausmaßes das Land und es ist schwer, zwischen all der Ferienidylle vor der Wohnungstür und den schrecklichen Bildern im Fernsehen und in den Zeitungen hin- und herzuschalten.

Immerhin: Die Solidarität und Hilfsbereitschaft ist riesig. Hotels bieten obdachlos gewordenen Menschen kostenfrei Unterbringung an. Baufirmen stellen ihre Fahrzeuge zum Schutträumen zur Verfügung. Unzählige ehrenamtliche Feuerwehrleute, Seelsorger:innen, Sanitätsfachkräfte und Privatleute sind im Einsatz. Natürlich auch THW, DRK, Bundeswehr und alles, was sich mobilisieren lässt. Die Kirchen schicken Geld und Trost, auch auf Langeoog finden etliche Sammel- und Benefizaktionen statt.

Dass einige Unverbesserliche das Elend nun für Wahlkampf instrumentalisieren, für Ideologie aus dem Elfenbeinturm oder für die eigenen Eitelkeiten: Geschenkt. Es verdient keine Aufmerksamkeit — zumindest nicht vor der Wahl. Dass Betrüger:innen mit Spenden durchbrennen: Widerlich. Aber darum soll sich der Herrgott kümmern, wenn diese Leute einst vor ihm stehen.

Für mich sind all diese Bilder und Nachrichten schwer erträglich. Auch der Eifelkreis, in dem ich meinen letzten Herbsturlaub verbrachte, ist schwer getroffen. Der wunderschön glitzernde, kristallklare Fluss mit seinem damals noch so beruhigenden Gurgeln und Glucksen: eine schlammbraune Todesfalle. Die zerstörerische Gewalt von Wasser.
Seit eine liebe Freundin und Redaktionskollegin im Tsunami von 2004 während ihres Thailand-Urlaubs starb, mache ich mir keinerlei Illusionen mehr darüber. Und dennoch schockt es mich immer noch, all diese Trümmer zu sehen und das Leid.

Währenddessen muss ich auf Langeoog dennoch im Ferienmodus funktionieren, ohne zu wissen, wer von den Urlaubenden aus NRW, aus Rheinland-Pfalz, nach seiner Rückkehr noch ein Zuhause hat. Ohne zu wissen, wann meine Eltern ihr Trinkwasser nicht mehr abkochen müssen.
„16 Stunden Sonnenschein sind vorhergesagt, ideale Bedingungen für lange Radtouren und romantische Strandspaziergänge.“
Vor den Strandkörben lacht ein Hochzeitspaar, bunte Drachen steigen in den leuchtend blauen Himmel.
Woanders treiben Familienfotos durch das Hochwasser. Vor den Trümmern eines Hauses liegt ein schlammverkrustetes Kuscheltier.


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Liebe Leser:innen, bitte spendet im Rahmen Eurer Möglichkeiten für die Flutopfer und/oder erkundigt Euch über sinnvolle praktische Hilfsmöglichkeiten. Vergelt’s Gott! Ich werde selbstverständlich auch einen Beitrag leisten und nicht nur Prosa draus machen. Sonst wäre ich ja nicht besser als z.B. einige Personen aus der Politik, die diese Katastrophe für Eigeninteressen ausschlachten.

Mit Geld helfen kann man z.B. hier:

Spendenkonto des Deutschen Roten Kreuzes IBAN: DE63 3702 0500 0005 0233 07 Stichwort: Hochwasser

Spendenkonto Aktion Deutschland Hilft IBAN: DE62 3702 0500 0000 1020 30 Stichwort: Hochwasser Deutschland

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Auszeit

Der Regen wird stärker. Ich stehe am Fenster des alten Bauernhauses und sehe zu, wie die Tropfen auf dem Seerosenteich kleine Krönchen bilden. Allmählich fällt Dunkelheit über das Land; über die blühenden Wiesen, die Weiden und die Felder mit ihren wogenden, goldenen Ähren. Die Pferde haben sich unter den Schutz der Baumdächer gestellt; die Rinder mit ihren Kälbchen drängen sich um ihre Raufe. Und um all das herum breitet sich der schier endlose Nadelwald wie eine duftende, stille Umarmung. Jetzt, in der Nacht, werden ihn Wölfe durchstreifen und andere nachtaktive Tiere ihre Höhlen, Bauten und Nester verlassen. Die Eule kann ich bereits hören.
Auch aus der Wohnung duftet es; die Freundin nimmt ein Vanillebad. Ich rufe sie ans Fenster, damit auch sie die Eule hören kann, und dann stehen auch wir da: In stiller Umarmung. Die Ohren in die Nacht gerichtet; in Vorfreude auf die Tage, die vor uns liegen. Wir haben es tatsächlich gewagt: Wir sind im Urlaub. Wenigstens eine Woche kein Alltag, keine Verpflichtungen, kein Haushalt. Eine Woche neue Impulse, Inspirationen und ein Hauch von Normalität nach all den Restriktionen der Pandemie.

Letzteren können wir indes nicht ganz entfliehen: „Ihr Test ist vier Minuten zu alt“, sagt der Rezeptionist, „es tut mir Leid, aber wir müssen darauf achten“. Ich finde diese Gründlichkeit löblich, erkläre die vier Minuten mit der frühen Schließung der Langeooger Testzentren plus Reisezeit und zeige mich willens, den Test vor Ort zu wiederholen. Aber er drückt ein Auge zu, und dann sind die Formalitäten geschafft: Urlaub.
U-R-L-A-U-B. Man weiß ja kaum noch, wie sich das schreibt.
Am frühen Morgen ist der Ruf der Eule verstummt, sie sitzt irgendwo im Nadelbaumdickicht und hat die schönen Augen geschlossen. Stattdessen setzt ein gewaltiges Vogelkonzert ein. Gewaltiger als alles, was ich je hörte. Der Seerosenteich liegt wieder ruhig da. Ein erster Lichtschimmer lässt die weißen, runden Blüten aufleuchten wie kleine Monde. Es ist atemberaubend schön. Die Tage verbringen wir mit sehr vielen Tieren in der traumhaften Landschaft der Lüneburger Heide, mit Stöbern und Bummeln, mit Pläneschmieden und Freude: An der Natur, aneinander, an allem, was uns auf dieser Welt geschenkt wird. In der Kirche zünden wir Kerzen an, über die eine hölzerne Gottesmutter wacht; davor blüht samtrot ein gewaltiger Rosenstock: Danke für diese Zeit.

Erst auf der Rückfahrt werden mir die Schattenseiten des wiederbelebten Reiseverkehrs und der Urlaubssaison bewusst: Stau in brütender Hitze. Der Anblick furchtbarer Unfälle. Aggressive Verkehrsteilnehmer:innen, die uns am Kofferraum kleben. Lebensmüde Rechtsüberholende. Dazu Asphalt, Leitplanken, LKW, trostlose Rastplätze, Baustellen, noch mehr LKW. Und LKW. — Was für ein grässlicher Kontrast zu all dem Frieden, den Düften und der Schönheit!
Ich war Jahre nicht mehr mit dem Auto im Urlaub; so solange, dass ich nicht einmal wusste, dass heutzutage nicht mehr „Benzin“ an den Zapfsäulen steht, sondern irgendwas mit Super XYZ und ich somit schon mit dem Tanken heillos überfordert wäre. Die Freundin hat all das souverän im Griff, aber auch sie ist erschöpft, als wir nach dem Doppelten der geplanten Reisezeit mit der allerletzten Fähre nach Langeoog zurückkommen.
Auch auf der Insel ballen sich die Urlaubenden; am Haus ist kaum noch ein freier Fahrradparkplatz zu finden. Dennoch stelle ich fest, dass ich nun, da ich selber wieder Tourist war, innerlich etwas mehr Milde walten lasse mit der Gästeschar. Denn ich verstehe ihr Bedürfnis nach Tapetenwechsel, nach Erholung; ebenso wie die euphorische Freude darüber, endlich wieder Neues sehen und erleben zu dürfen; endlich füreinander und für sich selbst Zeit zu haben. Für den Nachmittag verabrede ich mich mit der Freundin zum Waldspaziergang.