Band 7 ist da!

Moin,

wenn die Corona-Krise, vegane Hipster-Kondome, der Morallimbo von Donald Trump, die heilige katholische Kirche, Langeooger Insel-Klüngel und die atemberaubende Schönheit des Wattenmeeres zusammen in einem Prosa-Band vorkommen, ahnen geneigte Leserinnen und Leser schon, worum es geht: Richtig, ein neuer Band „Momentaufnahmen“ ist erschienen. Die Geschichten aus diesem Jahr wurden zwangsläufig vom Thema „Virus“ geprägt, es gibt aber auch — wie gewohnt — leichte Plaudereien, idyllische Sprachmalerei und mitunter bissiges Sezieren des Insel-Alltags.
Außer auf Langeoog entstanden auch wieder einige Geschichten unterwegs: Vor allem in der erhabenen Stille uralter Klöster, aber auch auf Ausflügen in urbanes Umfeld.

NEU: Die Episoden sind nicht nur das 2020er-„Best of“ meines Blogs, sondern das Buch umfasst auch acht (8!) bisher unveröffentlichte Texte.

Band 7 HIER kaufen: https://www.bod.de/buchshop/momentaufnahmen-7-mayk-d-opiolla-9783751993838

Klappentext:

Das siebte Jahr auf Langeoog. Mit dem Erwachen des Frühlings bricht die Corona-Krise auch über die Insel herein. Zum ersten Mal erfolgt der große Vogelzug fast unbeobachtet; zum ersten Mal ist es sogar an Ostern so still, dass man die Blütenblätter von den Bäumen fallen hört. Die Touristen sind fort, das Dorf rottet sich zusammen. In der Isolation entsteht neue Nähe, aber es gärt auch Gift im Langeooger Mikrokosmos. Die Zukunft erscheint zerbrechlich, Existenzsorge nagt. Und doch prägt die Prosastücke dieses Bandes keine Verzweiflung, sondern ein lebenshungriger Blick auf die Welt, die Geborgenheit im Glauben sowie das Wunder unverhoffter Liebe. Gezeichnet in eindrucksvollen Sprachbildern führt der Ich-Erzähler über eine Insel im Ausnahmezustand, aber auch an Orte tiefen Friedens. Jenseits von Langeoog bilden u.a. ein uraltes Zisterzienserstift in Niederösterreich, die tiefen Wälder der Südeifel oder die Hansestadt Bremen die Kulisse. 42 neue Geschichten, mit einem Themenspektrum von Liebe bis Weltpolitik.
Die aktuelle Themenauswahl sowie ein farbenprächtiger Erzählstil, schonunglos ehrlich, mit unbestechlichem Blick und garniert mit bissigem Wortwitz, haben der „Momentaufnahmen“-Reihe von Mayk D. Opiolla mittlerweile eine feste Fangemeinde beschert: Auch weit über die Inselgrenzen hinaus. Alle Bände sind unabhängig voneinander lesbar.

Band 7 kann über den Buchshop von BoD sofort bestellt werden. Über den stationären Buchhandel, amazon und Co wird es in wenigen Tagen erhältlich sein.

Hinweis: Beim Direktbezug über BoD bleibt etwas mehr Geld beim Autor, also mir, hängen, da kein Händlerrabatt mehr abgezogen wird. Wer meine Schreiberei auch finanziell unterstützen will, bestellt also bitte da; den lokalen Handel unterstütze ich aber ebenfalls jederzeit gerne! Also keine Hemmungen, falls Euch der Weg in den Buchladen nebenan lieber ist 🙂

Momentaufnahme, Herbstanfang

In das Flussrauschen mischt sich der langezogene Schrei eines Waldkauzes auf der Jagd. Hu-huhuhuhu. Hu-huhuhuhu, wieder und wieder. Durch das weiße Sprossenfenster meiner Klosterzelle schimmert der Abendstern. Bis auf die Eule und das Wasser der Kyll ist kein Laut zu vernehmen, nicht einmal Wind geht. Es ist genau die Art von Stille, nach der ich mich in all dem Trubel der letzten Monate gesehnt habe. Ich höre dem Waldkauz ebenso andächtig zu, wie ich etwas früher am Abend einigen Mönchen unter dem Kirchenfenster beim Singen lauschte. Ein warmes Glücksgefühl durchströmt mich; es ist ein perfekter Moment: Jetzt, hier, an diesem Fenster.
Auch die meteorologische Wärme hat nicht nachgelassen; tagsüber ist es unverändert heiß und auch nachts braucht man gerade einmal einen dünnen Pullover.
Und dennoch kam, quasi über Nacht, der Herbst.

Mit einiger Überraschung stellte ich bei der heutigen Wanderung fest, dass sich die Spitzen der wenigen Laubbäume im Wald bunt verfärbt hatten. Auch das Brombeerlaub entlang der Wege nimmt bereits Herbstfarben an. Nur die unzähligen wilden Orchideen erzählen noch vom Sommer.

Auf Langeoog soll es ebenfalls herbstlich geworden sein, schreibt mir die Freundin, und ich frage mich, wo das Jahr geblieben ist. Dieses Jahr, das wohl für niemanden einfach irgendein Jahr gewesen ist. Das Jahr, das alles veränderte; das Nähe nahm und neue Nähe brachte. Das das Verständnis von Höflichkeitsformen und Distanz teils völlig auf den Kopf stellte und uns neue Prioritäten bei unseren Sozialkontakten setzen ließ.
Lediglich die Nähe zu Gott war noch ohne größeren Aufwand zu bewerkstelligen — freilich auch das nur so lange, wie man im stillen Kämmerlein betete und nicht in die Kirche gehen oder gar die Eucharistie empfangen wollte. Aber auch dafür wurden ja letztlich Lösungen gefunden; und zumindest auf Langeoog waren die Leute mit genug Disziplin bei der Sache, um größere Ausbrüche von Corona-Infektionen zu verhindern.
Obwohl das Jahr noch 2,5 Monate übrig hat, beginne ich schnell mit dem ersten sichtbaren Herbsttag zu bilanzieren. Eine Unsitte vielleicht, denn auch in 2,5 Monaten kann so ein Jahr noch überraschen. Indes bin ich aber froh, diese Bilanz mit einem gesunden Abstand zu Insel, in der Abgeschiedenheit eines 800jährigen Klosters ziehen zu können; wo ich alles, was schön war, Gott zum Dank hinhalten kann — und alles, was nicht schön war, auch. Gott hält das aus.

Die Turmglocke schlägt 22 Uhr: Für Mönche und die anderen Klosterbewohner längst Zeit zum Schlafen. Die Eule schweigt; vermutlich ist sie satt.
Es ist traurig, dass morgen schon der vorletzte Tag anbricht, denke ich. Ich wäre gern noch geblieben: Hätte den Wald in seinem Herbstkleid angeschaut und die schön gewachsenen Obstbäume mit ihren kunstvoll gewundenen Stämmen und knotigen Zweigen. Aber so geht es mir ja in jedem Urlaub — obwohl ich sicher weiß, dass auch der Inselherbst wunderschön sein kann. Noch aber liegt die Insel in weiter Ferne. Noch bin ich hier.

Momentaufnahme, Empfang

Ein einsamer Krähenlaut dringt durch die hereinbrechende Nacht. Ich sehe den Vogel, als ich den Kopf zum Himmel hebe. Er fliegt in Richtung Waldrand, wo sich die Wipfel der Fichten schwarz im Dämmerlicht abzeichnen.
Vom Rande des Klostergartens her rauscht der Bach. Grillen zirpen.
Im Haus ist Ruhe eingekehrt; die letzte Messe ist verklungen und die Menschen bereiten sich auf den Schlaf vor. Ich aber möchte mich noch vom heiligen Bernhard verabschieden und suche ein letztes Mal die Kirche auf. Heute leuchten nicht einmal mehr Kerzen, als ich das dunkle Gotteshaus durch die Krypta betrete. Aber ich finde den Weg zum Bernardi-Altar auch so — dem weißen Gewand der Heiligenfigur sei Dank.
Der heilige Bernhard auf dem Altarrelief ist nicht besonders detailreich gearbeitet; mit seinen runden, rosig gepinselten Pausbäckchen und den kleinen, zum Gebet erhobenen Händchen hat die Darstellung etwas Puppenhaftes, wenn nicht gar Niedliches an sich. Man hat den Heiligen auf diesem Relief wohl instinktiv lieb — obwohl mir durchaus bewusst ist, dass ich dort auch einen der glühendsten Verfechter der Kreuzzüge vor mir habe. Kein Licht ohne Schatten; das gilt auch für Heilige. Und natürlich lebte er zu einer Zeit mit einem „leicht“ anderen Verständnis von Völkerrecht als wir es heutzutage pflegen. Im Hier und Jetzt verhilft mir die Fürsprache des Heiligen Bernhard aber zu neuem innerem Frieden.
Denn der Geruch nach uralten Steinen und Kerzen sowie das liebe, rundliche Antlitz der Heiligenfigur beruhigen mich mit wunderbarer Zuverlässigkeit. Hier gebe ich den Tag mit all seinen Erlebnissen und Emotionen zurück in Gottes Hand.

Bereits am Morgen war es noch einmal sehr heiß geworden. Über der Landschaft lag die süßliche Schwere eines intensiven Geruchs nach Fallobst, durchmischt von frischem Grasschnitt. Über Vielerlei nachdenkend, wanderte ich Richtung Wald. Mit jedem Meter wich der penetrante Obstgeruch den Aromen von Harz und Nadelholz, von kühlem Erdreich und dem klaren Wasser der Kyll, die beharrlich wie eine treue Freundin längs des Wanderweges rauschte.
Irgendwann hatte ich einen ordentlichen Anstieg bewältigt; das Tal breitete sich unter mir mit abgeernteten Feldern, gemähten Wiesen und immer wieder kleinen versprengten Inseln von Obstbäumen, deren Äste sich unter den schweren Früchten bogen. Ab und zu ein Haus; am Feldrand ein Ansitz. Dazwischen die Gleise des Eifelexpress.

Ich zückte mein Mobiltelefon, um ein Foto zu machen und erschrak über den Eingang von 47 Nachrichten. Im Ort, zu dem das Kloster gehört, ist keinerlei Empfang; maximal für eine altmodische SMS reicht es. Was einerseits gut ist; denn schließlich sollen dort ja alle Antennen auf GOTT gerichtet sein. Andererseits ist es für jemanden, der sich doch einer gewissen Internetsucht schämen muss, eine große Umstellung. Dort auf der Anhöhe schien es jedenfalls etwas Netz zu geben und natürlich trieb mich die Neugier zur Sichtung der Nachrichten und zum Versand eigener Depeschen. Letztlich waren von 47 Mails aber 46 problemlos delegierbar, und ich dachte über meine bisherige Priorisierung von Angelegenheiten nach. Und auch darüber, welchen Sinn eine ständige Erreichbarkeit denn wirklich hatte. Ich verzichtete darauf, auch noch nachzuschauen, was derweil in der Welt passiert war, steckte das Gerät in die Tasche und ging weiter. Als ich das nächste Waldstück erreichte, brach der Empfang ohnehin wieder zusammen. Inzwischen hatte sich die Sonne durch Wolken und Wipfel gezwängt, es wurde zunehmend wärmer und stickiger. Die Fichten erreichten in diesem Areal eine nahezu furchteinflößende Höhe; ebenso wie die Steilheit der Abgründe. Ich wusste: Wenn ich dort stürzte, wäre ich tot. Und wenn einer dieser Baumriesen auf mich stürzte, auch. Menschen begegnete ich auf der 5 Kilometer langen Strecke keinen — mit Ausnahme zweier Forstarbeiter. Ihre Anwesenheit beruhigte mich, denn sie sorgten mit dem gezielten Holzschlag vermutlich nicht nur für die Wirtschaft in der Region, sondern auch für die Sicherheit wandernder, waldfremder Touristen. Nach dem Passieren der Waldbaustelle wurde es vollkommen einsam um mich. Vor mir der Weg. Rechts Wald und Steilhang, Links Wald und Steilhang. Die Kyll und die Gleise lagen irgendwo ganz weit unten; zur halben Stunde hörte ich den Zug rattern.
Ab und zu wühlte ein Tier im Unterholz; es trippelte, knackte und schnaufte. Bäume in Schräglage ächtzen und stöhnten. Ich sah auf mein Telefon: Keinerlei Netz.
Obwohl der Waldweg eine Art Sonnentunnel bildete, war die gewaltige Ansammlung von Bäumen um mich schon nach wenigen Metern erschreckend finster. Ich war froh, jetzt nicht nach den Stichworten „Wölfe“ und „Waldeifel“ googlen zu können. Was hätte es auch genützt?
Ich sang ein Marienlied; zumindest die zwei Sätze, die ich daraus auswendig konnte, um die merkwürdigen Tierlaute zu übertönen. Der ganze Wald schien mir plötzlich wie ein einziges, riesiges Lebewesen; ein autarker und atmender Organismus, in dessen gewaltigem, schwarzgrünen Bauch ich lediglich geduldet wurde. Er lehrte mich neuen Respekt.
Angekommen an meinem Ziel — einem benachbartem Örtchen, lief ich zum Bahnhof und nahm den nächsten Eifelexpress zurück. In der Bahn saßen Menschen, die sich in einer für mich fremden Sprache unterhielten. Sie klang wie eine Mischung aus Französisch und Niederländisch; ich vermutete Luxemburgisch. Es war seltsam, aus dem Bauch des Waldes in diese nahezu städtische Erfahrung internationalen Flairs katapultiert zu werden. Aber irgendwo genoss ich es auch.

Momentaufnahme, Anreise

Der Eifelexpress ist ungefähr so „express“ wie der rasende Roland auf Rügen rast, also: Gar nicht. Mit enervierender Langsamkeit schiebt sich der Zug seit meinem Zustieg in Euskirchen durch trostlose Industriegebiete und irgendwas mit Landschaft. Ich bin zu diesem Zeitpunkt schon 5 Stunden unterwegs und habe das gesamte Repertoire an Bahnversagen durch, zu dem dieser Konzern fähig ist — zu meiner Laune schweige ich dementsprechend lieber. Das Dauergeschnatter Mitreisender und die Beschallung mit diversen Serien, YouTube-Videos und Telefonaten, die sich weitere Passagiere via Smartphone (und ohne Kopfhörer) zu Gemüte führen, zerrt zusätzlich an den Nerven. Ich versuche, die Reizüberflutung mit stillen Entspannungsübungen zu bekämpfen, und tatsächlich lassen mich diese Übungen, in Tateinheit mit rein physischer Übermüdung, sogar irgendwann einschlafen.

Als ich aufwache, hat sich die Gegend verändert. Mitreisende sind kaum noch da, und vor dem Fenster türmen sich dicht und dunkel bewaldete Berge. Ich schrecke hoch; in heller Panik, mein Ziel verpasst zu haben. Aber ich habe Glück: Laut Uhr und DB-App sind es noch 20 Minuten bis St.Thomas. An den Bahnhöfen, deren Namen teils länger sind als die Orte, wird längst nur noch bei Bedarf gehalten. Vor meiner Wunschdestination kommt irgendetwas mit Doppelnamen; danach kommt der Zug quietschend am Zielort zum Stehen. Die graue Regenwand der letzten Tage hat sich verflüchtigt. Pünktlich mit meiner Ankunft bricht Sonnenlicht durch die Baumkronen und lässt das Wasser der Kyll glitzern. Kirche und Klostergebäude warten gleich hinter dem Bahnhof wie alte Freunde.
Ich war nie hier, aber ich habe sie augenblicklich lieb. Und die Gegend ist mittlerweile atemberaubend: Wald, Wald, Wald — Das einzige, was mir auf Langeoog schmerzlich fehlt, und von dem ich deshalb im Urlaub gar nicht genug bekommen kann.

Der Mensch, der mich begrüßt, hat klare blaue Augen über seiner Maske und wirkt ruhig und freundlich. Er erklärt alles schnörkellos, dann bin ich im Zimmer. Durch das weiße Sprossenfenster mit den zartgelben Vorhängen sehe ich direkt in den Klostergarten; irgendjemand macht sich dort mit Leiter und Astschere an Obstbäumen zu schaffen. Der Rasen ist leuchtend grün, von nahezu englischer Schönheit, und wird von einer alten Steinmauer gesäumt. Dahinter ragen riesige Fichten in den mittlerweile leuchtend blauen Himmel, ich höre den Fluss rauschen und ansonsten: Nichts.
Ich bin fürs Erste überwältigt. Danke, Gott, denke ich. Und Dank an den lieben Priester, der mir dieses Exerzitenhaus empfahl. Es fühlt sich gut an.

Ich weiß, dass nun der Moment zum Loslassen und Entschleunigen gekommen ist. Also packe ich das Smartphone in den Schrank und schalte den mobilen Datenempfang aus: Es gibt sowieso kaum Netz. Für eine SMS an die Liebste und meinen Vater halte ich das Gerät aus dem Fenster für wenigstens einen Balken E: „Bin da. Superschön hier. Bis dann.“
Das Telefon herunterzufahren habe ich bald darauf geschafft. Mich selbst in den Ruhezustand zu versetzen ist schwieriger. Zwar bin ich körperlich nach wie vor todmüde, aber mein Hirn, mein Geist tun das, woran der Eifelexpress krachend scheiterte: Sie rasen.

Stille, sage ich mir. Ankommen. Ruhe. Aber ich wusele dennoch erst einmal hier und da, entpacke und arrangiere, erkunde das Haus, dusche, ziehe mich um — und stelle fest, wieviel Zeit man plötzlich hat, so ohne Smartphone. Noch immer sind es 1,5 Stunden bis zum ersten Treffen mit der Gruppe und dem offiziellen Start des Exerzitienprogramms.

Zeit für den Garten. Als ich hinaustrete, duftet die Luft nach Lavendel und Rosen, nach reifem Obst und frisch geschnittenem Gras. Und tatsächlich finde ich auch all das vor. Über einer flechtenverzierten Steinbank hängen orange leuchtende Zieräpfel; dahinter ein schön gewachsener Baum mit rotbackigem Boskop, daneben Birnen. Als ich die großen, reifen Birnen bewundere, deren Zweige über die uralte Steineinfriedung des Gartens hängen, huscht eine kleine Eidechse in ein Mauerloch, vor dem sie sich gerade gesonnt hatte. Ich kann mir einen Laut der Begeisterung nicht verkneifen. Eine Eidechse hatte ich zuletzt als Kind irgendwo gesehen; vielleicht im Sauerland, ich weiß es nicht mehr. Hinter dem Garten sind kleine Teiche, die ein plätschernder Zulauf speist. Eine Kapelle lobt die Gottesmutter: Ave, maris stella — Ein bisschen Meer ist wohl überall. Ein hölzernes Tor führt auf einen Waldlehrpfad, den ich mir sehr groß auf die To-do-Liste setze. Mein erster Blick hinein durchstreift eine geheimnisvolle Schlucht mit hölzernen Brücken und einem Bach, ringsum erhebt sich majestätisch der Wald; sonnendurchflutetes Weideland schmiegt sich an seinen Rand.
Auch in der Kirche fühle ich mich sofort wohl: Ein Seitenaltar ist dem heiligen Berhard von Clairvaux gewidmet und ich denke voller Liebe an „meine“ Zisterzienser, für die ich hier gewiss beten werde. Der heilige Bernhard steht hier auch nicht zufällig, denn tatsächlich siedelten in St.Thomas vor vielen Jahrhunderten Zisterzienserinnen. Auch eine Art Besserungsanstalt für straffällig gewordene Priester war einst an diesem Ort, Demeritenhaus genannt — über diesen Teil der Geschichte (und die damit verwobenen Biografien) denke ich aber vorerst lieber nicht nach.
An der Wand links vom heiligen Bernhard stehen — aus Holz gefertigt — gleich zwei Männer mit Kind im Arm: Der heilige Josef und der heilige Antonius, jeweils mit dem Jesusknaben. Mir gefällt diese Darstellung väterlicher und brüderlicher Zuneigung, und so komprimiert habe ich sie auch noch nirgends sonst vorgefunden. Maria mit dem Kinde lieb gibt es aber ebenfalls zur Genüge.

Nach der obligatorischen Kennenlernrunde endet die erste Gruppenzusammenkunft mit dem Satz: „Ab jetzt gilt durchgehendes Schweigen“. Das Schlusslied, mit dem wir ins Schweigen entlassen werden, könnte nicht besser zur Umgebung passen: „Der Mond ist aufgegangen …“

Mittlerweile ist er das auch wirklich; der Mond leuchtet mit sanftem Schein über dem Klostergarten und zieht seine Silberspur über die gepflegten Rasenflächen. „Der Wald steht schwarz und schweiget …“

Momentaufnahme, Besitz

Es ist eine der Nächte, in denen die Natur dem Menschen zeigt, dass sie ihm überlegen ist. Und zwar immer.
Der erste Herbststurm hat die Insel erfasst, obwohl es bis zum meteorologischen Herbstanfang noch ein paar Tage hin ist. Den ganzen Tag lang peitschten Wind und Regen durch die Straßen; das Wasser sammelte sich in zitternden Pfützen vom Ausmaß mittlerer Gartenteiche.
Und nun ist die Nacht hereingebrochen. Angesichts des Tobens, Donnern und Heulens der Naturgewalten vor der Tür sollte man eigentlich nicht mehr das Haus verlassen, aber ich wollte der Freundin den Weg zu mir nicht zumuten — also wage ich mich noch kurz vor Mitternacht hinaus.

Die Dunkelheit verschluckt alles. Zwar habe ich eine Taschenlampe bei mir, aber deren winziger Lichtkegel dient eher dazu, dass mich andere Leute sehen; weniger dazu, dass ich etwas sehe. Auch der Mond nützt mir heute nichts, denn er hängt als schmutziggelbe, schiefe und schmale Sichel zwischen den dunklen Wolkenbergen. Der Wind ist brutal, und ich muss genau gegen ihn anmarschieren. Die Brille wird mir ins Gesicht gedrückt, Tränen laufen, ich komme kaum vorwärts; auch das Luftholen fällt schwer. Dazu das Toben und Brausen in meinen Ohren. Bäume und Sträucher entlang des Weges — sonst vertraut und von pittoresker Harmlosigkeit — umringen mich als bedrohliche, tiefschwarze Gestalten; der Wind lässt die Schatten ihrer Zweige wie Tentakel nach allem fingern, was sich nähert. Obwohl ich sonst die Nächte liebe, wird mir jetzt unheimlich zumute, und ich reiße mir trotz des Regens Kapuze und Mütze vom Kopf, um wenigstens noch irgendetwas hören zu können außer dem Sturm und dem flatternden Stoff an meinen Ohren. Mir wird bewusst, wie hilflos der Mensch wird, wenn man ihm auch nur zwei seiner Sinne zur Orientierung raubt; hier: Das Sehen und Hören. Der Weg zum Haus meiner Freundin erscheint mir ewig, obwohl es unter normalen Wetterbedingungen kaum 5 Minuten zu Fuß sind. Als ich mich gegen die Böen stemme und dabei immer wieder zur Seite und rückwärts gedrückt werde,  bin ich doppelt froh, sie nicht hinausgejagt zu haben bei diesem Wetter, und es beruhigt mich, ihre Fenster von Weitem schon friedlich leuchten zu sehen. Sie sitzt mit einem Buch bei Kerzenlicht und Tee, als ich atemlos hineinpoltere, nach gefühlter Endlosexpedition durch unwirtlichste Welten.

Am nächsten Morgen ist der Spätsommer in aller Pracht zurück. Nur noch ein paar abgerissene Zweige und Pfützenreste erinnern an den Tumult der Nacht; den leuchtend blauen Himmel zieren persilweiße Schönwetterwölkchen. Auch der Wind ist nur noch ein Lüftchen.
Die Freundin ist längst bei der Arbeit, und ich nutze den noch stillen Morgen für einen Ausflug zum Strand. Die Luft ist von herrlich-kühler Frische; Wolken spiegeln sich im Flutsaum, in dem unbeweglich Möwen dösen. Im Priel liegt ein Ast. Drumherum ist absolut nichts. Nicht einmal die See ist noch nennenswert aufgewühlt; sie legt ihre Wellen mit beruhigendem Rauschen ans Ufer. Ich setze mich auf eine verwaiste Schaukel und freue mich über das Wiedersehen mit einer fast verloren geglaubten Liebe. Denn das hier, denke ich, ist das Langeoog, für das ich herzog. Das ist die Insel, in der ich mich spiegele wie der Himmel im Priel, und wo mein Herz sich täglich freischwimmt. Das überlaufene, laute Langeoog des Hochsommers dagegen wird mir zunehmend fremd.

In irgendwelchen Langeoog-Fan-Foren schreiben euphorische Urlaubende oft von „ihrer“ Insel: Unser Langeoog, unser Strand, unser Meer. „Bald bin ich wieder auf meiner Insel.“
Nicht immer behagt mir der Gebrauch dieser Possessivpronomina, weil unter kritischer Betrachtung auch etwas Kolonialistisches dabei mitschwingt, und ich selbst spreche eigentlich nie von „mein“ Langeoog, obwohl ich hier dauerhaft lebe. Aber die Insel gehört mir nicht; auch nicht den Ur-Insulanern, die hier geboren wurden; nicht der Wittmunder Kreisverwaltung, nicht dem Land Niedersachsen, Frau Dr. Merkel oder sonst irgendwem. Langeoog gehört Gott, oder maximal sich selbst, und wir haben lediglich die Gnade, hier wohnen und das Eiland bewirtschaften zu dürfen; für immer oder auf Zeit. Und dass uns die Insel nicht gehört, zeigt uns jede Sturmflut, jeder Orkan und überhaupt jede Naturgewalt, die uns mit Leichtigkeit von diesem Fleckchen Erde kegeln könnte.
Angesichts des galoppierenden Größenwahns in der Gesellschaft (im Großen wie im Kleinen) finde ich es im Übrigen auch nicht verkehrt, ab und zu mal wieder an die eigene Winzigkeit unter dem Himmelzelt erinnert zu werden.

Aber auch wenn ich den Ausdruck nicht mag, so frage ich mich, auf der Schaukel sitzend, jetzt doch: Was ist eigentlich „mein“ Langeoog?
Die permanenten Spannungskopfschmerzen der wuseligen Hochsaisontage verfliegen, als ich meinen Blick über die unberührte, blaue Weite schweifen lasse. Es sind nur wenige Menschen unterwegs; viele allein, einige Paare. Die lärmenden Gruppen sind fort, kein Menschenlaut übertönt mehr die Brandung und das Rufen der Seevögel; die wenigen leisen Gespräche der anderen verweben sich mit der Musik der Natur zu einem harmonischen Grundrauschen.
Es ist kühl genug, um wieder meine geliebten Stricksachen tragen zu können, aber nicht so kalt, das man unterwegs friert. Und nachts kann man sich wieder ein Nest aus kuscheligen Daunendecken bauen; bezogen mit duftendem Leinen oder weichem Flanell, anstatt unter irgendeinem dünnen Laken zu schwitzen. Zum Einschlafen prasselt sanfter Spätsommerregen ans Fenster und morgens weht ein kühler, salziger Duft nach Herbst vom Meer hinein, während Spatzen in Pfützen baden und Finken in fröhlichen Scharen aus den Erlen stieben. Aus den Dünentälern, die jetzt das leuchtende Rotorange von Vogelbeeren und Hagebutten ziert, das satte Grün der Moose und das tiefe Violett der Krähenbeeren, steigt Nebel. Die zunehmenden Temperaturunterschiede zwischen den einzelnen Luftschichten zaubern beeindruckende Quellwolkengebirge; und schon bald badet die Sonne, die jetzt noch wärmt, aber nicht mehr verbrennt, die ganze Landschaft in Gold.

Und das, denke ich, ist dann wohl meine Antwort. Diese friedlichen Spätsommer- und frühen Herbsttage, wenn der Massentorismus ein Ende nimmt und die Natur sich wieder auf ihren berechtigten Thron setzt; wenn man am Strand allein sein kann und wieder eins wird mit der Insel, mit all ihren Gerüchen, Farben und Wundern: Diese Tage zeigen wohl am ehesten „mein“ Langeoog. Ein Langeoog, das ich aber trotzdem nie besitzen möchte, weil es — wie auch wir Menschen — in Freiheit, mit dem nötigen Respekt und aus gesunder Distanz betrachtet — noch immer am Schönsten ist.

Momentaufnahme, Ruhepol

Der Himmel gibt sich heute alle Mühe, um einen nicht vergessen zu lassen, warum es auf Langeoog schön ist. Vor dem Korallenrot und Gold des Sonnenuntergangs präsentieren sich winzige Wölkenflöckchen, schwungvolle Federwolken und Wolkenfelder, die aussehen wie ein Strang ordentlich gekämmter Wolle. Darunter glänzt silbrig die unendliche Weite des Meeres.
Dass sich in den Duft nach Seewasser noch der Diesel der Baufahrzeuge mischt, die zurzeit eine Strandaufspülung bewerkstelligen — geschenkt; ebenso wie das Hämmern und Rumpeln des Sand-Wasser-Gemischs, das durch die ausgelegten Rohre schießt. Die Maßnahme ist nötig, und sie hilft uns allen. Sie verspricht mehr Sicherheit für die nächste Sturmflutsaison und ein noch höheres Maß an Geborgenheit auf der bis dahin hoffentlich etwas einsameren Insel.

Noch immer hat der Saisonbetrieb nicht nachgelassen, obwohl an den Bäumen bereits die ersten Kastanien reifen und auch der Sanddorn bald in voller Pracht steht. An manchen Morgen riecht auch die Luft schon herbstlich, aber die Tage sind immer noch gefühlter Hochsommer. Es ist so heiß, dass man nicht bei geschlossenem Fenster arbeiten oder gar schlafen kann. Lässt man aber die Fenster offen, so dringt unablässig Lärm herein, der an Konzentration und Nerven zerrt. Ich kann nicht behaupten, dass ich diese Zeit genieße. Viele Bekannte machen derzeit auf Langeoog Urlaub, und gerne sähe ich den einen oder die andere davon, aber die Saison raubt mir jede Kraft zum Socializing. „Kommt im Herbst wieder, im Winter oder im Frühjahr“, sage ich dann, und die meisten verstehen das sogar. 
Nicht einmal die Freundin sehe ich zurzeit in nennenswerter Menge, denn zum einen sind unsere Arbeitszeiten reichlich (und reichlich verschieden), und zum anderen möchte man nicht noch unbedingt ein 37°C warmes Lebewesen neben sich im Bett haben, wenn man in der winzigen Wohnung ohnehin schon das Schicksal des heiligen Laurentius teilt, den man bekanntlich lebendig grillte.

Jetzt am Strand aber ist sie bei mir, und sie ist mir die Insel der Ruhe, die Langeoog zurzeit nicht sein kann. Ich bin dankbar für ihre Anwesenheit und sehne den stillen Tagen entgegen, in der mehr Zeit für ein Miteinander bleibt und die ständige Reizüberflutung durch die Vielzahl an Menschen endlich zum Stillstand gelangt.
An manchen Tagen der Hauptsaison fällt es mir schwer, nicht in einen Zustand von Anhedonie zu verfallen; und ja, es gab sogar schon Momente, in denen ich an meinem geliebten Meer stand und fürchtete, dass das mit mir und Langeoog doch irgendwann enden könnte — und zwar auf eine Weise, wie sie Erich Kästner in seinem Gedicht „Sachliche Romanze“ unübertrefflich beschreibt:



„Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen: sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut. (…)“

Aber dann stellte ich mir vor, wie es wäre, wieder kilometerweit vom Meer entfernt zu leben, und jeder Zweifel an der Haltbarkeit meiner Liebe zur Insel war unverzüglich ausgeräumt. Ich habe hier das Beste aller bisherigen Leben, und es ist zweifelsohne eine große Quelle des Unglücks, nur auf das zu schauen, was man nicht hat, anstatt sich seines aktuellen Beschenktseins bewusst zu werden. Die Hauptsaison ist für jemanden mit meinem Naturell schwer auszuhalten; das ist sie jedes Jahr — aber ich erfahre auch immer wieder, dass sich das Aushalten lohnt.

Eines der schönsten Geschenke dieses Jahres klettert soeben über die Rohre im Sand, um zu den Strandkörben zu gelangen, und ich bin froh, dass ich nichts weiter tun muss, als ihr zu folgen. Dass ich nichts haben, nichts sein und nichts beweisen muss, und sie trotzdem bei mir sein will; dass ich für ihre Liebe nichts tun muss, außer zu existieren. Ich war in dieser Lage nicht oft, aber das ist wohl das vielbesungene Wunder der Liebe. Liebe, so denke ich, gibt einem wohl immer exakt das, was man gerade braucht: Liebe bringt Stille in den Lärm, liefert Zerstreuung, wo man angespannt ist, und die gemeinsamen Träume vom Winter bringen sogar etwas Kühlung in diese heißen Tage. Die Liebe ist mein Schutzschild in Zeiten des ständigen Ausgeliefertseins; die Rettungsinsel im Menschenmeer. Auch der heilige Bernhard von Clairvaux, dessen Gedenktag heute gefeiert wurde, hat zum Thema „Liebe als Ruhepol“ etwas sehr Schönes gesagt: 
“Wir finden innere Ruhe bei denen, die wir lieben und schaffen Orte der Ruhe in uns für jene, die uns lieben.“

Die Freundin wird mir fehlen, wenn ich mich für meinen Herbsturlaub alleine in die vollkommene Stille verabschiede, aber es ist ein gutes Gefühl, dass sie mit einer vergleichbaren Unaufdringlichkeit, Anmut und Tiefe auf mich warten wird, wie der Wald, in den ich mich flüchte.

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Momentaufnahme, Post

Ich mag analoge Post. So sehr ich mich über E-Mails, Anrufe und Messenges lieber Mitmenschen auch freue, übertrifft doch wenig die Freude daran, einen „richtigen“ Brief, eine Postkarte oder ein liebevoll geschnürtes Päckchen in den Händen zu halten, das nur wenige Tage vorher noch in den Händen des geschätzten anderen war.
Ohne analoge Post würde ich von kaum einem meiner Freunde die Handschrift kennen. Da gibt es hingeworfene „Sauklauen“ wie meine oder akribisch gemalte Buchstaben; und auch alle Geschlechterklischees werden gern widerlegt: So hat ein Berliner Freund eine ausgemachte „Mädchenschrift“, überaus ordentlich, rund und harmonisch, während einige Freundinnen(w) jedes Apotheker(m)-Vorurteil erfüllen. Handschrift war in der Grundschule mein schlechtestes Fach; meine Schrift ist eine konzeptlose Ansammlung  krakeliger Disharmonien, und oft kann ich sie selbst schon nach wenigen Minuten nicht mehr lesen, sodass ich einzelne Wörter im Notizbuch immer wieder durchstreichen und „ordentlicher“ überschreiben muss, was allerdings auch oft erst im zweiten oder dritten Anlauf gelingt. Mich ärgert das selbst, aber angesichts des Nachlassens der Feinmotorik mit dem Alter und mangelnder Übung im Mit-der-Hand-schreiben, kann ich diesbezüglich wohl wenig Besserung erwarten. Und, zugegeben: Die Erinnerung an die Grundschullehrerinnen-Schimpftiraden bezüglich meiner Sauklaue motivieren auch 40 Jahre später noch nicht unbedingt.
Da ich ansonsten eher pendantisch veranlagt bin und meine Wohnung mitnichten wie meine Handschrift aussieht, wäre ich indes vorsichtig, was Rückschlüsse aus der Schrift über den Charakter angeht. Tatsächlich erinnere ich aber einen Schweizer Verlag, bei dem ich eine Handschriftenprobe mit der Bewerbung einzureichen hatte — für ein graphologisches Gutachten. Freilich war das Anfang der Nullerjahre und ich bezweifle, dass das dort immer noch üblich ist; die Stelle bekam ich jedenfalls nicht.
Auf jeden Fall vermag auch die viehischste Schrift mir nicht die Freude an analoger Post verleiden; weder beim Senden noch beim Empfangen. Denn natürlich verschicke ich selbst gern schöne Dinge, Postkarten, Briefe und kleine Aufmerksamkeiten: Nur wenig schlägt die heimliche Vorfreude darüber, was der oder die Beschenkte wohl dazu sagen wird, und das Schönste ist, dass man diese Vorfreude die ganze Lieferzeit über auskosten kann. Bei Messenges, wo man die Antwort binnen Minuten erhält, ist das natürlich weniger ausgeprägt.

Das Faszinierende am Analogen, denke ich, ist wohl, dass einfach mehr Sinne daran beteiligt sind. So ein Paket zu öffnen, bietet schließlich eine ganze Menge haptischer, audiovisueller und sogar olfaktorischer Reize: Angefangen vom dezenten Zigaretten-Odeur, der noch im Seidenpapier des ketterauchenden Freundes festhängt, bis hin zum versehentlich hinterlassenen Tintenfingerabdruck eines anderen. Auch Lokalzeitungen aus der Heimatregion des Absenders als Paketpolsterung sind immer etwas Herzerwärmendes. Hinzu kommen die Geräusche des Aufschneidens und Kramens, des Entwirrens und Entfaltens und all die Gefühle dabei: Das glatte Klebeband, die grobe Papierwolle, die quietschenden Styroporflocken, die durch Reibungselektrizität an den Fingern haften bleiben. All das entfällt beim Öffnen einer E-Mail.

Die letzten Tage bekam ich überhaupt keine Post, nicht einmal Rechnungen, da ja sogar diese fast nur noch als PDF erhältlich sind — und zu deren Abrufen man sich dann 800 Passwörter für 900 Websites à 150 Zeichen merken muss. Eine Erleichterung für mich als Endkunden sehe ich hier nicht; sehr wohl aber die Portoersparnis für das Unternehmen. Auf jeden Fall machte mich die postlose Zeit so traurig, dass ich nicht nur über das besondere Vergnügen des Empfangens sinnierte, sondern auch über das Versenden. 

Und da fiel mein Blick auf den liturgischen Kalender.

„Jetzt bestellen!“ warb ein Zwischenblatt schon für die Ausgabe 2021; auf der Rückseite waren Linien eingedruckt, in die man die eigene Adresse eintragen konnte, um das Ganze dann im Umschlag zu verschicken. Natürlich: Man hätte vermutlich problemlos auch eine E-Mail-Bestelloption ergooglen können. Oder das Ganze per Telefon erledigen. Aber ich witterte meine Chance, etwas wunderbar Anachronistisches zu machen und bestellte den neuen Kalender per Post. Natürlich ist das, genau überlegt, ein Wahnsinn: Ökologisch wie ökonomisch. Man braucht einen Stift, einen Briefumschlag und eine 80-Cent-Marke. Das Postauto verbrät CO² auf dem Weg, und angekommen im Verlag muss irgendein armes Schwein den Umschlag öffnen, den Zettel hervorkramen, meine Sauklaue entziffern und die Adresse in den Computer tippen, damit der neue Kalender dann irgendwann vorm 31. Dezember den Weg nach Langeoog findet.
Ich erinnere, dass in einer der Werbeabteilungen, in denen ich früher gerabeitet hatte, eigens Praktikanten beschäftigt wurden, die 8 Stunden nichts anderes zu tun bekamen als Adressen auf Gewinnspiel-Postkarten abzutippen, obwohl es meist eh nicht wirklich etwas zu gewinnen gab oder die Gewinner aus Klüngelgründen bereits vorher feststanden. Dass die Praktikanten dabei nichts über Marketing lernten, außer, dass noch viel mehr Beschiss dabei ist, als man schon immer vermutet hatte, steht leider außer Frage. Und vermutlich gereicht die Möglichkeit zur Online-Teilnahme an Gewinnspielen heutigen PraktikantInnen sehr zum Vorteil.

Dennoch hatte das Ausfüllen des Kalender-Bestellzettels für mich etwas Besonderes: Es waren, wie auch beim Empfangen, fast alle Sinne beteiligt (hier sogar inklusive des Geschmacksinnes beim Anlecken der Briefmarke), und man hatte gleich doppelte Spannung: Kommt die Karte an? Und kommt auch der Kalender?
 Zudem sind die Bestelloptionen auf so einem Zettel begrenzt, was auch vor Shopping-Exzessen schützt.
Im Internet hätte ich neben dem Kalender nämlich vermutlich noch Kerzen und Deko und Bücher und Rosenkränze gekauft — der Zettel indes sah genau eine Option vor: „Hiermit bestelle ich __ Exemplare ‚Liturgischer Kalender'“, mit oder ohne Rückwand, Unzutreffendes bitte streichen. That’s all.

Überdies wurden Kindheitserinnerungen wach: Plötzlich hatte ich wieder plastisch vor Augen, wie die ganze Familie früher am Esstisch über dem dicken OTTO-Katalog hockte. Der Bestellzettel dazu hatte vielleicht 15 Zeilen, und das war’s dann: Wenn voll, dann voll, während virtuelle Einkaufswägen bekanntlich das Fassungsvermögen eines Containerschiffes haben. Man musste sich also einschränken und seine Wahl weise treffen; nicht nur des Budgets wegen. Außerdem machte das Eintragen der ewig langen Artikelnummern, Farb- und Größencodes keinen Spaß, sodass auch dieser Punkt beim Zusammenreißen half. Danach verschickte man den Zettel mit der Post oder Muttern gab die Wünsche telefonisch durch; im Anschluss hieß es: Warten. 2-3 Wochen Lieferzeit juckten damals niemanden, während die Leute heute teils schon nach 48 Stunden eskalieren. Es war also nicht alles schlechter ohne Internet, wiewohl ich hier unumwunden zugebe, durchaus auch nostalgisch zu verklären. Auf einer Insel ist man ohne funktionierenden Online-Handel mitunter verloren. Wie sonst bekäme ich hier neue Möbel vor die Tür gestellt, Tinte für meinen Uralt-Drucker oder die von mir besonders begehrten internationalen Süßwaren, die man auf dem Festland maximal im KaDeWe, aber sicher nicht in Ostfriesland findet? Das Internet kann auch ein Segen sein.

Was persönliche Post angeht, möchte ich aber keinesfalls auf alles analoge verzichten, und gute FreundInnen wissen das. Umso mehr freute mich, als nach 3 postlosen Tagen gleich zwei schöne Briefe von den Lieben auf dem Kontinent eintrudelten — dazu eine Rechnung sowie ein Kreditangebot, das mir auf Papier sorgloses Online-Shopping versprach. Ich lehnte dankend ab.

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Momentaufnahme, Leib und Seele

Von den heißesten Tagen auf Langeoog bekomme ich nichts mit. Der Hochsommer, von den Touristen lange ersehnt, hat endlich Einzug gehalten und Temperaturen um 30°C locken alles, was sich bewegt, in und an die Nordsee.

Ich bewege mich nicht. Ich liege mit Fieber, gegen das die Außentemperatur ein erfrischender Hauch ist, im Bett. Zum Glück hat mich auch diesmal kein Coronavirus niedergestreckt, sondern eine profane Mandelentzündung — ein Spaß ist es trotzdem nicht. Vor allem, weil ich sie viel zu spät als solche wahrnahm. Die tagelange bleierne Müdigkeit? Überarbeitet. Das Gefühl vollkommener Erschöpfung? Psyche. Die Kopfschmerzen, der Stimmverlust, der Kloß im Hals? Psyche. Eine aufziehende depressive Episode, sicherlich: „Hello darkness, my old friend“.

Bei der chronifizierten Form der Depression, die ich seit 30 Jahren hinter mir herziehe wie einen mal mehr, mal weniger schweren Schleppanker, gibt es schon lange nichts mehr an klassischen Symptomen einer Depression wie Traurigkeit oder Gedankenkreiseln. Irgendwann treten an diese Stelle episodisch nur noch Schwere und Leere — in Einheit mit verschiedenen körperlichen Malaisen. Diese psychosomatischen Beschwerden von akuten körperlichen Erkrankungen abzugrenzen fällt, wie ich zu meinem Entsetzen feststellen muss, sogar mir zunehmend schwer. Ansonsten hätte ich mir sicher ein paar Tage früher mal in den Hals geguckt; hätte ich rechtzeitig Antibiotika besorgt; wäre das Fieber nicht so ausgeartet. 
Ja: Hätte.

Indes bringt mich das auf ein Thema, mit dem viele Menschen, die irgendwann in ihrem Leben mal eine psychische Krankheit hatten (oder dauerhaft haben) zwangsläufig konfrontiert werden: Dem Abgestempeltsein als „Psycho“, der sowieso nichts hat außer eben … you name it. Und so hat wohl jeder seine Erlebnisse mit ÄrztInnen, die körperliche Untersuchungen verweigern, weil sie nach Lektüre der Krankenakte grundsätzlich von Psychosomatik ausgehen (der nette Inselarzt sei hier ausdrücklich ausgenommen). Oder mit Versicherungen, die einen als Kundschaft ablehnen, weil man irgendwann im Leben mal eine Therapie gemacht hat — Als sei es gesünder, seelische Probleme unbehandelt zu lassen.
Dass es in Bezug auf seelische Krankheiten für manche Menschen und Behörden noch immer ein Stigma ist, sich ärztliche Hilfe gesucht zu haben, ist für mich ein ausgewachsener Skandal. Würde man einem Menschen applaudieren, der sich ein gebrochenes Bein nicht schienen lässt? Würde man nicht sagen: Du spinnst, ab zum Arzt mit Dir! — Warum also, frage ich mich, funktioniert das nicht auch mit einem gebrochenen Herzen? Warum wird man mit einem Schatten auf der Lunge sofort in die Klinik gescheucht, aber bei einem Schatten auf der Seele kommt „Lach doch mal, ist schönes Wetter?“
Man könnte jetzt leicht „von Hölzken auf Stöcksken“ kommen, wie wir im Ruhrpott sagen: Dass die Tabuisierung psychischer Krankheiten an den ererbten Kriegstraumata liegt, wo man über die massenweisen Verzweiflungssuizide und das Kriegszittern rückkehrender Soldaten auch nicht sprach. Und an einer giergetriebenen, haifischkapitalistischen und sozialdarwinistischen Gesellschaft, die alles, was auch nur ansatzweise nach Psychiatrie riecht, unter „unzurechnungsfähig“, „Minderleister“ und „wirtschaftliche Belastung“ einsortiert. Und so weiter. —  Der Gründe sind viele, und eigentlich verdient jeder davon ausführliche Betrachtung. 
Umso mehr erschüttert mich, dass ich selbst in dieses Muster verfalle: Das bisschen Hals ist so lange psychisch, bis es eitert.

Jedenfalls ist draußen Sommer, was sich an der Geräuschkulisse im Haus und umzu auch deutlich abzeichnet. Da mich rasende Kopfschmerzen am Musikhören oder Fernsehen hindern, die Wohnung wahnsinig hellhörig und das Fenster witterungsbedingt zwangsläufig auf ist, gibt es kaum ein Gespräch, das ich nicht mitbekomme. Die Leute erzählen sich ihre Erlebnisse vom Strand und aus dem Dorf; die lautgestellten Telefone lassen auch gleich Tante Gerdas Antworten am anderen Ende der Leitung auf Langeoog erschallen: Der Cousin hat jetzt auch sein Abitur. Gestern gab es Pfannkuchen. Die Tochter will jetzt auch unbedingt diese Schuhe.
Auch in der Nacht ist es nicht still. Die Menschen sitzen auf ihren Terrassen und Balkonen; im Viertelstundentakt rasen betrunkene Jugendliche auf Rädern vorbei. Aus einer Musikbox dröhnt irgendwas mit Bayern und Deutscher Meister, Mädchen kreischen, Jungs johlen.

 Auf den Genuss einiger ruhiger Minuten auf dem eigenen Balkon muss ich lange warten: Dann aber singen die Grillen und der warme Sommerwind streicht über die schweißfeuchte Haut. Ein unvorstellbarer Luxus.

Ein lieber Freund bringt mir Medikamente und Trost vorbei; mit dem Einsetzen der Wirkung geht es zunehmend bergauf. Nach 5 Tagen in der Wohnung wage ich mich erstmals vors Haus. Das Meer sehe ich leider immer noch nicht. Denn der Strand ist zu weit weg, das instabile Gehen auf Sand einem instabilen Kreislauf vermutlich auch nicht zuträglich, und die zu erwartenden Menschenmassen schrecken mich ebenfalls ab. Also schleiche ich nur ein Stück die Straße hinunter und wieder zurück.
Aber natürlich reicht das auf Langeoog aus, um schon irgendwen zu treffen, der einen kennt. In meinem Falle ist das ein sympathisches älteres Ehepaar, das häufig in der Kirche ist. Sie stammen aus dem ehemaligen Jugoslawien und haben sich hier nach der Flucht vor dem Krieg eine Existenz aufgebaut. Manchmal deutet die Frau an, was sie erlebt hat, und es erschüttert mich. Es sollte nicht sein, dass Krieg (egal welcher) für so viele Menschen noch bittere Realität ist — und nicht nur etwas, wovon die Großeltern sich zu erzählen weigerten. Auf jeden Fall begegnen mir die beiden immer gütig und freundlich und ich habe einen Heidenrespekt vor ihrer Lebensleistung. 
Und was auch schön ist: Sie haben mich vermisst. „Du warst schon lange nicht in der Kirche“, sagt die Frau, „geht es dir nicht gut?“ Ich erkläre ihr meinen Zustand und dass ich es selbst bedauere, es nicht zur Messe zu schaffen zurzeit. Aber auch die Kirche ist noch zu weit, wenn der Körper nicht will. Das ist wohl einer der wenigen Nachteile einer autofreien Insel: Man kann sich kein Taxi nach St. Nikolaus bestellen. Und für das Bestellen der Krankenkommunion fühle ich mich noch nicht krank genug.

Die beiden ziehen nach dem Austausch guter Wünsche ihrer Wege und ich denke darüber nach, was für ein starkes Instrument der sozialen Kontrolle der Kirchgang in früheren Zeiten gewesen sein muss. In dem Fall, dass man sich um jemanden sorgte, der plötzlich nicht mehr kam, war das sicher etwas Gutes. Oder im Fall, dass man Blessuren und blaue Augen an Kindern oder Ehefrauen sichtete oder sonstige Indizien häuslicher Gewalt wahrnahm und ggf. den Pfarrer nachhaken lassen konnte (der ja damals auch noch eine Instanz war). 
Aber sicher nutzten viele die allsonntägliche Gemeindeversammlung auch zum Tratsch: Welche Paare sitzen nicht mehr nebeneinander, wer trägt ein zu gewagtes Kleid oder gar ein ärmliches? Wessen Bauch wölbt sich verdächtig, wer übertüncht seine Schnapsfahne mit billigem Parfum? 
Andere wiederum werden den Kirchgang zum Angeben benutzt haben: Instagramm gab es ja noch nicht. Also wurde der teuerste Sonntagsstaat rausgekramt, der juwelenbesetzte Rosenkranz, das Gotteslob in goldgeprägtem Etui. Die Kinder gebadet und gescheitelt und stocksteif zurechtgesetzt, die Münder so fest geschlossen wie die Knie der anwesenden Damen unter den wadenlangen Röcken. Damit alle sahen: Man hatte sein Leben im Griff und es ganz allgemein geschafft — Zum Thema „Hinter den Kulissen aber …“ sei an dieser Stelle geschwiegen.
Im Idealfall ging man aber damals wie heute schlicht zum Beten hin und betrachtete den Rest der Gemeinde mit aufrichtigem, aber nicht übergriffigen oder Tratschsucht-motivierten Interesse am Nächsten. Zumindest wäre das wünschenswert, und ich hoffe, dass ich es bald auch wieder zur Kirche schaffe.

In der nächsten schlaflosen Nacht zappe ich durch das TV-Programm. Auf EWTN beginnt soeben „Grüß Gott aus Heiligenkreuz“. Die schönen Bilder vom Stift lassen in mir den Januar wieder aufleben, als das Jahr noch in aller Unschuld daherkam. Die Erinnerungen an diese wunderbare Zeit und die kühlen Klostermauern lassen gefühlt auch das Fieber weiter sinken. Gott ist ja überall, tröste ich mich. Und ich freue mich sehr darüber, dass mir nun, da mein Sehnen nach St. Nikolaus nicht erfüllt werden kann, nachts um 3 stattdessen ein ganzes Kloster geschickt wird.

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Momentaufnahme: Leben, Tod und Liebe

An einem lauten, trubeligen und schwülwarmen Tag zieht es mich auf den Friedhof. Klar, mag man nun meinen, wo soll man sich inmitten einer depressiven Episode sonst herumtreiben als an einem Ort, den die meisten Menschen mit Trauer, Melancholie oder gar etwas Morbidem verbinden? Dem ist, zumindest in meinem Falle, aber nicht so. In mir weckt der Friedhof Lebensgeister, und das liegt nicht nur daran, dass der Dünenfriedhof eine herrliche Oase der Ruhe in Zeiten der totalen Reizüberflutung durch den Hochsaisonbetrieb ist.

Wenn man den Friedhof betritt, duftet es bereits nach wenigen Metern nach Nadelwald. Verschiedenartige Finken stieben im Schwarm aus den Ästen von Kiefern, Fichten und Tannen; unter den Bäumen sieht man unzählige weitere Vögel, die Leckereien aus dem mit abgefallenen Nadeln und Zapfen gepolsterten Boden klauben. Und aus allen Kronen und Wipfeln singt und zwitschert es, untermalt vom Rauschen des nahen Meeres.
Wenn sich der Blick aufs Gräberfeld öffnet, bietet sich jetzt im Sommer natürlich eine besonders herrliche Blumenpracht. Es ist schön, zu sehen, wieviel Liebe den Toten von Angehörigen oder Freunden — zum Teil auch Jahrzehnte später noch — entgegengebracht wird. Vor der Urnenwand mit den Gedenkplaketten hat jemand Fotos abgestellt: „Wir vermissen Dich“. Weißhaarige Männer lächeln darauf: Irgendjemandes geliebter Mann, Vater, Opa, Bruder, Freund. Oben auf der Wand steht ein Fläschchen Friesengeist, umgeben von kleinen Engeln und Muscheln. Irgendetwas rührt mich an diesem Fläschchen besonders — vermutlich, weil es die auf eine wundervolle Weise kindliche Vorstellung transportiert, dass der Opa sich auch im Himmel noch über seinen Klaren freut. Von einer anderen Grabstelle lächeln einen zwei Wikingerschiffe an, oder eher die Vordersteven der Schiffe, die wie Kamelköpfe gestaltet sind. Sie sehen sehr niedlich aus, und ich denke, dass diese Art von Schiffen dem Verstorbenen sicher etwas bedeutet hat, wenn er sie auch nach dem Tod noch von Angehörigen geschenkt bekommt. Und wer findet nicht gerne ein Lächeln an einem Ort der Trauer?
Denn obwohl auf Friedhöfen sichtbar um Menschen getrauert wird: Ist es nicht die mindestens ebenso sichtbare Liebe, die diesen Ort zugleich zu etwas sehr Lebendigem macht?

Nach einem Gebet für die Verstorbenen zieht es mich in eine besonders ruhige Ecke des Friedhofs, die ich gerne zum Nachdenken aufsuche oder zum inneren Leerwerden in dieser hektischen Zeit. Die Bank hinter der Leichenhalle, an dem winzigen künstlichen Teich unter den Tannen, ist neben der Kirche mein liebster Zufluchtsort, wenn ich Lärm und Menschenmassen und all die unvermeidbar aufgezwungene Nähe (optisch, akustisch, physisch) nicht mehr ertrage. Natürlich sind auch auf dem Friedhof gewisserweise überall Menschen, aber die Toten fürchte ich nicht. Und oft genug wünschte ich, mich würden auch die Lebenden weniger ängstigen.
Auf jeden Fall ist dies ein überaus friedlicher Platz, den ich grundsätzlich seelisch gestärkt wieder verlasse. Gott fühle ich mich dort sehr nah, und tatsächlich ist der Friedhof ein Ort, an dem ich auch die Liebe zum Leben immer wieder neu entdecke — so paradox es auch klingen mag.

Auf der Rückseite der Friedhofskapelle mit der Leichenhalle befindet sich die Wendeschlaufe für die Fuhrwerke. Dort laden die Kutscher die Särge aus. Obwohl es in den letzten Tagen viel geregnet hat, steigt vom Asphalt der Wendeschleife ein leichter Geruch nach Pferdeurin auf, den vermutlich kein Wasser der Welt mehr ganz davonspülen kann. Ich muss darüber ein wenig lächeln, weil einem die Anwesenheit eines lebendigen Organismus an diesem Ort des Todes kaum unverblümter vermittelt werden könnte.

Ich mag es, Friedhöfe zu besuchen, denn es wärmt grundsätzlich mein Herz zu sehen, dass Menschen nicht vergessen sind. Natürlich gibt es auch hier leider Gräber, die niemand mehr pflegt — ein Anblick der traurig stimmt. Aber ich weiß auch, dass es auf der Insel Menschen gibt, die von ihrem privaten Geld gelegentlich Blumen kaufen und diese ehrenamtlich an die Gräber und Gedenksteine der vermeintlich Vergessenen stellen. Ich empfinde dafür große Hochachtung, denn noch mehr als bei guten Werken an Lebenden zeigt sich hier wohl ein besonderes Maß an Altruismus: Die Toten werden sich schließlich kaum erkenntlich zeigen können — auf Gegenleistung zu spekulieren, wäre also vollkommen sinnlos. Aber ich danke diesen Spendern sehr dafür, weil sie mich mit dieser Geste wieder an das Gute und Selbstlose erinnern, das man zuweilen ja doch noch in der Menschheit findet. Auch wenn das laute, egoistische und rohe Gebrüll in der Gesellschaft oftmals alles andere übertönt.

Nach einer Weile kehre ich zurück unter die Lebenden, bzw. in einen Bereich Langeoogs, an dem die Lebenden nicht nur die guten, unsichtbaren Geister sind, die namen- oder angehörigenlosen Toten Blumen spenden.
Auf der Wiese hinter dem alten Hospiz spielt ein junger Vater mit seinem Kind Ball. Beide haben sichtlich Freude daran, doch dann fliegt der Ball in ein dichtes Heckenrosengestrüpp. 
So schön die Langeooger Kartoffelrosen auch aussehen und duften mögen: Ihre Dornen sind eine einzige Qual. Und so kann ich nur staunen, als der Vater tatsächlich in das Gestrüpp steigt, um den geliebten Ball des Kindes zu retten. Natürlich gibt er nicht gerade Laute des Wohlgefühls von sich; seine Arme und Beine sind nackt, und bald reicht ihm das wehrhafte Geäst bis zur Brust. Aber letztlich hat er den Ball, und man sieht ein sehr glückliches Kind mit einem sehr zerkratzten Vater.
„Respekt“, denke ich. Und zugleich: Das ist wohl eine der reinsten Formen von Liebe.

Ich hätte vermutlich einen neuen Ball gekauft, muss ich mir eingestehen, obwohl ich natürlich weiß, wie sehr Kinder um ein bestimmtes Spielzeug trauern können. Und ich weiß, welche Helden Eltern sind, die einem ein geliebtes Spielzeug retten oder dem abgeliebten Plüschtier zum hundertsten Mal die Löcher zunähen oder die abgeplatzten Augen bemalen.
„Für mich der Vater des Jahres“, erkläre ich der Freundin feierlich, und sie stimmt mir zu. Denn bedeutet Liebe nicht immer irgendwie, für den anderen auch einmal in Dornen zu steigen? Und sich für Dinge einzusetzen, die dem geliebten Menschen wichtig sind, obwohl man der Sache selbst vielleicht gar nicht so viel abgewinnen kann? An der Seite des Partners, der Partnerin (wahlweise: Der Eltern, Kinder, besten Freunde) zu stehen, wenn diese von anderen mit Dornen gequält werden? Eine Weile sinniere ich noch über das Erlebte nach und denke, dass dieses Kind bestimmt einmal glücklich wird.

Auch der Franziskanerpater, dem ich später in der Heiligen Messe zuhöre, erzählt in warmen Worten von der Liebe, wenn auch in nochmals anderem Kontext. Und mich erstaunt einmal mehr, in wievielen Formen uns Liebe im Leben begegnen kann.

Momentaufnahme, Grün

Der Sommer ist auf seinem Zenit angelangt. Noch nie sah ich die Wiesen und Deiche um diese Zeit in so einem satten Grün; und noch nie erstrahlte der Dünenbewuchs in so leuchtenden Farben. Die Kartoffelrosen blühen nach wie vor in tiefem, samtigen Purpur, obwohl zwischen den Blüten bereits erste feuerrote Früchte wachsen. Der viele Regen der letzten Wochen und die verhältnismäßig kühlen Temperaturen haben der Natur offenbar gut getan und sie in all ihrer Schönheit bis in den August konserviert. Während der Rest der Republik zeitweise gebacken wurde, schaffte es das Thermometer auf Langeoog kaum über 20°C. Da meine Wohnung keine Zustände zwischen Sauna und Gefrierschrank kennt, bin ich darüber nicht traurig: ich kann weder extreme Hitze noch Kälte besonders gut gebrauchen. Noch mehr als die Wohnqualität, die dieses Sommerwetter mit sich brachte, freut mich allerdings die kraftstrotzende Natur mit all den Pflanzen, die in diesem Jahr nicht verbrannten und verdursteten. Zwar hat Irland den Beinamen „Grüne Insel“ bereits für sich gepachtet, und auf den Ostfriesischen Inseln rühmt sich Spiekeroog damit (beides natürlich nicht zu Unrecht) — aber in diesem Jahr, denke ich, geht auch Langeoog als „Emerald Island“ durch.

„So grün habe ich die Insel noch nie gesehen“, sage ich, als wir staunend am Strand gen Ostende marschieren; den Blick auf den wogenden Strandhafer und das in unzähligen Farben strahlende Naturschutzgebiet gerichtet. „Ich auch nicht“, pflichtet mir die Freundin bei: „Im letzten Jahr war der Deich um diese Zeit ganz braun.“

Später bin ich noch einmal allein unterwegs. Erneut hat es zu regnen begonnen. Ich betrachte einen Blütenkelch, aus dem Tropfen kullern. Er war so schwer davon geworden, dass er sich unter dem Gewicht des Wassers neigte und seine Regenlast der Erde schenkte. Unweit davon laben sich ein paar Drosseln an leicht zugänglichem Gewürm: Auch ihnen gefällt der regensatte Boden, zweifelsohne.

Der Regen ist warm und weich auf der Haut und weder von Donnergrollen noch von übermäßiger Dunkelheit begleitet. Es liegt so gar nichts Furchteinflößendes darin: Nur Leben.
Natürlich weiß ich um die Verheerungen, die starke Regenfälle und Dauerregen mit sich bringen können. Ich weiß von Erdrutschen, Überschwemmungen, Leid und Tod. Und dennoch finde ich den Regen jetzt und hier einfach nur schön.

Ich fahre ein paar Meter weiter, an den Weiden entlang, die nun ebenfalls sattgrün sind. Ein paar Pferde stehen darauf; ihr Fell glänzt in der Sonne, die mit schöner Regelmäßigkeit immer wieder durch die Wolken bricht.

Fast könnte man vergessen, was aktuell noch so los ist in der Welt, denke ich, und ein wenig plagt mich das schlechte Gewissen. Es fällt so leicht, sich auf Langeoog in einer eigenen Welt zu fühlen. Aber die Insel ist keine eigene Welt. Sie ist Niedersachsen, Deutschland, Europa. Auch Langeoog ist Pandemie.
Und wie surreal ist es, denke ich weiter, hier all dieses kraftstrotzende, pralle grüne Leben zu sehen, all das Schöne und Beständige — während der Alltag in weiten Teilen noch immer von einer Krankheit bestimmt wird?
Es ist ein eigenartiger Kontrast, einerseits. Andererseits: Ist nicht genau das der Lauf der Welt? Der ewige Kreislauf von Tod und Geburt, von Krankheit und Genesung? Braucht es nicht die Zeiten des Blühens und Kraftschöpfens, um Zeiten der Schwäche und des Welkens zu ertragen, und sei es nur, um währenddessen von den schönen Erinnerungen zu zehren?
Nun will ich nicht philosophieren; und freilich nützt es jemandem, bei dem in dieser Minute in irgendeiner staubigen Stadt COVID-19 ausbricht, absolut nichts, dass auf Langeoog das Deichgras gerade so schön grün ist. Aber mich bringt der Gedanke einmal mehr zu dem Schluss, dass nichts selbstverständlich ist. Kein Sommer, kein Regen. Und auch keine Gesundheit. Es ist ein Geschenk, all das noch haben zu dürfen. Ich wünsche es jedem.