Zaunkönig

Der Neujahrstag beginnt mit einem lauten Schmettern. Ich höre den Zaunkönig, lange bevor ich ihn sehe. Dann kommt er angeschossen; fliegt an mir vorbei und auf den niedrigen Zaun des Schullandheims zu, den er sich als Kurzzeitthron auserkoren hat. Dort sitzt er dann, das winzige Vögelchen: Kaum größer als meine Handfläche, so leicht wie ein Blatt Papier, in all seiner braungesprenkelten Pracht. Er wippt und hüpft und schmettert munter weiter; ist mal hier, mal dort, lässt sich bewundern und entzieht sich mit der Geschwindigkeit seines Umherflatterns doch jedem Fotografierversuch. Ich kenne das schon, also hebe ich die Kamera nicht einmal mehr an, sondern sehe ihm einfach nur zu, voll Bewunderung für seine königliche Herrlichkeit.

Aufgeplusterte Angeber sind mir in der Regel zuwider, aber Zaunkönige mag ich. Zaunkönige sind klein, rund und niedlich, wobei der Niedlichkeitsfaktor durch das sanft gesprenkelte Gefieder in seinen warmen Braun- und Weißtönen noch erhöht wird. Und doch machen sie jedem, der sie sieht — und hört — klar, dass es sich lohnt, sie nicht zu übersehen. Dass sie jeden Respekt verdienen. Und dass sie König des Zauns sind. Und zwar jeden Zauns: Vom Müllhäuschen bis zur Villa. Bis zu 90 Dezibel kann so ein Zaunkönigskehlchen erzeugen und damit bis zu 500 Meter weit hörbar sein. Der fröhlich zwitschernde Schnabel ist dabei kürzer als mein kleiner Fingernagel. Mein Jahr hätte nicht schöner beginnen können als mit diesem Zaunkönig, mit diesem Paradebeispiel an gesundem Selbstbewusstsein, das mir im Leben so oft fehlte.

Letzteres wird mit den Jahren besser — das kann ich allen Menschen, die jünger als ich sind, zusichern, wiewohl es auch nicht schadet, irgendwann endgültig seine Grenzen zu kennen, samt der Einsicht: Das können andere besser. Dann verzettelt man sich nicht mehr in Hundert Was-wäre-wenn-Versuchen, sondern baut nur noch das aus, was da ist. Und man umgibt sich freiwillig auch nur noch mit Menschen, die einen mit liebevoller Objektivität zu betrachten wissen: Die einen weder verklären und in Höhen jazzen, von denen man zwangsläufig abstürzen muss, noch voreilig vom Zaun schubsen, obwohl man nicht einmal wackelt.

Die Menschen, mit denen ich mich umgeben möchte, akzeptieren, wenn irgendetwas nicht mehr geht. Diese Menschen helfen einem Packen, halten vielleicht die Leiter fest, damit man langsam und vorsichtig selbst vom Zaun steigen kann, und dann gehen sie mit einem weiter, irgendwohin, zu einem neuen Garten, zu einem neuen Zaun. Der ist vielleicht niedriger als der alte, hat eine andere Farbe oder einen andere Form, aber irgendwann hat man sich auch darauf eingerichtet, und dann reichen die Freunde einem die Krone hoch, die sie in der Zeit des Wanderns, der Such- und Betteljahre sorgsam aufbewahrt hatten.

Mein alter Zaun sind meine Zeichenstifte. Den Zaunkönig, den ich nicht zu fotografieren vermochte, wollte ich zeichnen. Ein letztes Mal noch, der zitternden, krampfenden Finger zum Trotz. Aber es geht einfach nicht mehr wie früher. Wie ein Fahrrad, dessen Lenkerschraube verstellt ist, nicht die Spur zu halten vermag, produziert der Stift längst nicht mehr die Linie, die ich ihm vorgebe; macht Schlenker hier und Zacken da, wo eine energische gerade Linie sein sollte, und jegliche feine Rüttelbewegung zur Anlage eines flauschigen Gefieders treibt mir Schmerztränen in die Augen. Es geht nicht mehr, und so ist dieser zitternde, alte und gichtige Zaunkönig der letzte Vogel, den ich zeichne. Und mit ihm packe ich all die Dinge in einen Koffer, die einst so schön waren und sich als kleine Quellteiche der Bestätigung, dass Gott auch mich nicht talentlos erschaffen hat, durch meine Biografie geglitzert hatten: Die Komplimente, die Ausstellungen, die Verkäufe, das Lob. Nun bleibt mir das Malen mit Sprache, für das die Beweglichkeit meiner Finger hoffentlich noch eine Weile ausreichen wird. Das ist mein neuer Zaun.

Nun wird das Zeichnen nicht die einzige Aktivität sein, von der ich mich im Zuge des Alterns verabschieden muss, und ich bin nicht der Einzige, dem es so geht. Ich kenne Menschen, die früher zauberhaft filigrane Dinge bastelten und nun kaum noch die Knöpfe an ihrer Jacke schließen können. Ich kenne Menschen, die früher wieselflink jeden Baum erklommen hätten und sich nun, auf den Rollator gestützt, nur noch in der Erinnerung aus der Baumkrone winken sehen können. Aber ihre eigene Krone — die hat ihnen niemand genommen. Das Talent ist nicht fort. Es wird immer ein Teil von ihnen sein. Es hat sich nur Schlafen gelegt. Und so hoffe auch ich, mit dem fortschreitenden Verlust meiner Fingerfertigkeiten Frieden schließen zu können. Es bleibt ja noch mehr als genug.
Vielleicht werden die Zäune mit dem Alter niedriger, vielleicht werden sie breiter, damit man bequemer drauf sitzen kann. Vielleicht braucht man jetzt öfter eine helfende Hand, um nach oben zu kommen. Und vielleicht braucht es irgendwann sogar eine Rampe. Aber es geht immer noch aufwärts. Immer.
Und niemals, so erinnert mich der kleine Zaunkönig in meiner Straße lautstark, sollte man da, wo man ist, aufhören zu Singen.

Kleine Welt

„Kleine Welt“ nennen wir es hier in Norddeutschland, wenn Nebel das Land verhüllt und die Fernsicht auf wenige Meter zusammengeschnürt wurde. Im Winter gibt es viele neblige Morgen auf Langeoog, die oft in überraschend klare, strahlende Tage münden. Vom zuweilen enervierenden Tuten des Nebelhorns an der Mole einmal abgesehen, mag ich diese Morgen, an denen sich alles Vertraute nur noch erahnen lässt und sich weiße Bänder dichten Nebels durch einsame Dünentäler weben. Schön ist es, wenn die Sonne, die man anfangs nur in pastellig-verwaschenen Tönen hinter den Wolken erkennt, dann plötzlich hervorbricht und die feuchtglänzende Vegetation vergoldet. Dann vergrößert sich auch die „kleine Welt“ wieder und man kann das vormals verhüllte ganz neu betrachten.

Für manche Menschen hat der Begriff „kleine Welt“ vermutlich auch etwas Klaustrophobisches; zumal in Zeiten der Pandemie. Wenn es nicht mehr um die Frage geht, ob man reisen will, sondern ob man es darf oder ob man es soll. Unter diesem Aspekt ist die Insel aktuell auch ohne Nebel eine kleine Welt, denn verantwortungsbewusste Zweitwohnungsbesitzer kommen zurzeit nicht her — und andere Gäste dürfen es nicht. Es herrscht, von ein paar (erlaubten) Verwandten auf Festtagsbesuch und einsichtsbefreiten BesucherInnen abgesehen, noch immer „Insulaner unner sück“ auf Langeoog — und das sogar an Weihnachten. Normalerweise wäre jetzt Hauptsaison; Hotels und Restaurants würden aus allen Nähten platzen, ebenso wie sämtliche Ferienwohnungen und überhaupt jedes vermietbare Mauseloch.
Ich empfinde glücklicherweise keine Beengung durch die Unmöglichkeit des Reisens, obwohl ich meine Eltern zweifelsohne auch gerne gesehen hätte. Denn ebenso zweifelsohne bin ich durch meinen Erstwohnsitz gesegnet: Angesichts der Weite des menschenleeren Strandes, der See und des sternenübersääten Winterhimmels ist es zumindest mir nahezu unmöglich, mich hier auf irgendeine Weise eingesperrt zu fühlen. Und die ungewohnte Stille hat gerade jetzt, an Weihnachten, eine ganz eigene Magie.

„Ich bin so froh, dass du jetzt jemanden bei dir hast“, sagt meine Mutter am Telefon, und natürlich freut es mich ebenfalls, meine Freundin an den Festtagen bei mir zu haben, die in ihrem eleganten Winterwollkleid wunderschön aussieht.
Aber es wäre nicht schlimm, allein zu sein. Es war all die Jahre für mich nicht schlimm; da war keine menschenförmige Lücke neben mir, die nur danach schrie, mit einem Partner, einer Partnerin besetzt zu werden. Da waren die Heilige Familie und ich, da war das Jesuskind in seiner Krippe, da war der immerwiederkehrende Zauber der Weihnacht. Und, zugegeben, es lauerte in „normalen“ Jahren sowieso immer ein Haufen Arbeit, weil den mein Beruf gerade zu Festzeiten nun einmal mit sich bringt. Wie hätte da Einsamkeit aufkommen können?

Immer wieder denke ich darüber nach, warum es für einige Menschen so ein Tabu ist, an Weihnachten allein zu sein; mitunter an ein Stigma grenzend. Als dürfe man an sämtlichen Tagen im Jahr alleine sein, aber müsse sich doch bitte zumindest an Weihnachten (hinzugenommen: Silvester, Geburtstag) zwingend vergesellschaften, mit wem auch immer. Ich kann dazu nur sagen, dass ich alleine nie einsam war; unter Menschen, mit denen ich mich nicht wohlfühlte, aber sehr. Und in unglücklichen Beziehungen erst Recht.
In diesem Jahr sind vermutlich mehr Menschen an Weihnachten alleine als sonst. Ein lieber Freund ist in Quarantäne; ihn erwischte der Virus pünktlich zum Fest. Wer keine Familie in der Nähe und kein Auto hat, vermeidet ebenso die Reise; allein der öffentlichen Verkehrsmittel wegen. Vielleicht, denke ich, ist das eine der wenigen positiven Begleiterscheinungen der Pandemie: Mehr Leute als sonst werden aus eigener Erfahrung wissen, dass man es überlebt, an Weihnachten alleine zu sein. Und dass es sich durchaus lohnt, auch für sich alleine etwas Feines zu kochen oder sich einfach einmal selbst(!) Zeit zu schenken. Zeit, von der man (ohne die aktuelle Zwangsentschleunigung durch die Pandemie) doch eigentlich immer zu wenig hatte. Freie, unverplante Zeit: Ist das nicht eines der kostbarsten Luxusgüter dieser Tage?
Man kann es sich schön einrichten in seiner kleinen Welt. Und, sobald sich der Nebel gelichtet hat, umso mehr über die Wunder der großen staunen.

Aber ich blende das Leid nicht aus. Es gibt Menschen, die sich jetzt wirklich einsam fühlen. Deren Liebste in Krankenhäusern um ihr Leben ringen oder die bereits gestorben sind. Oder die sich gerne mit anderen Menschen umgeben würden, dies aber aufgrund der Pandemie jetzt nicht können oder einfach, weil sie niemanden haben. Freunde wachsen nicht auf den Bäumen, und es ist nicht immer gerade dann jemand da, wenn man jemanden bräuchte. Oft sind nämlich genau dann gerade alle weg: Ich kenne das. Ich kenne jede Ausprägung von Alleinsein, und ich werde das auch nicht vergessen, nur weil da jetzt wieder jemand ist, der seine kleine Welt an meine anzuknüpfen wagt: Mit einer romantischen Schnittmenge, aber noch immer genügend Freiraum zu beiden Seiten — Anders ginge es für mich auch nicht.

Aber natürlich weiß ich zu würdigen, dass es meine Eltern freut, mich von jemandem geliebt zu wissen, ob nun an Weihnachten oder wann auch immer. Denn irgendwann müssen sie den Staffelstab des Liebens auf dieser Erde ja weiterreichen, das wissen wir alle — leider.
Nicht zuletzt darum wünsche ich mir, obwohl ich die Stille und Reduktion dieser Weihnacht auch sehr zu schätzen weiß, dass sich die kleine Welt in Kürze vielleicht doch wieder ein wenig weitet: Dass man sich sehen kann, wenn es das Herz befiehlt; und nicht nur dann, wenn es gerade erlaubt ist. Die Zeit auf Erden ist begrenzt: Auch das bekommen wir gerade recht deutlich aufs Butterbrot (respektive die Scheibe Christstollen) geschmiert.
Immerhin, denke ich, den Blick auf die Krippe gerichtet, reicht die Pandemie nicht bis in den Himmel.
Deo gratias.

Adventsleuchten

Im Fährhaus sitzt ein Mann mit einem Dinosaurier im Arm. Es ist ein großer Plüschdinosaurier, der aus aufgestickten blauen Augen in die Kälte der leeren Halle lächelt. Vermutlich wartet der Mann hier auf seine Familie, oder er hat den Saurier als Geschenk gekauft und bringt ihn jetzt heim zu seinen Lieben. Weihnachten naht: Das Fest, das man so sehr mit Wärme verbindet, mit Zusammensein, mit Geborgenheit und Freude. Das Fest, an dem man weiche Plüschtiere in erwartungsvoll ausgestreckte Ärmchen drückt, ohne sich dabei um Abstand und Infektionsrisiken Gedanken zu machen. Dieses Jahr wird Weihnachten anders sein.
Langeoog befindet sich inmitten des zweiten Lockdowns; die Infektionszahlen sind bundesweit furchterregend. In anderen Jahren wäre der Advent am Anleger längst spürbar gewesen. Aufgeregte Familien mit großen Taschen voller Pakete. Leuchtende Dekorationen, leuchtende Augen. Menschen, die die klammen Finger an Heißgetränken in der Fährhaus-Gastronomie wärmen und selig aufs dunkle Wasser schauen; die Konturen der Insel bereits erahnend.
Jetzt aber hat die Gastronomie geschlossen. Der Zugang zum Restaurant ist abgesperrt mit Stühlen und Barrikaden. Es ist ungemütlich. Durch die zum Lüften geöffnete Tür ziehen die Nikotinschwaden der Rauchergruppen; feuchte Kälte im Geleit.
Von Urlaubsstimmung ist nichts zu spüren, was aber nicht weiter verwundert: Schließlich sind gar keine Touristen da. Abgesehen von Tagesgästen, ArbeiterInnen und Zweitwohnungsbesitzenden sind die Inselbewohnenden ein zweites Mal in diesem Jahr unter sich.
Der Mann mit dem Saurier hat nun auch seine Frau wiedergefunden. Sie trägt eine große Tasche mit Einkäufen. Beide schauen müde aus ihren gefütterten Krägen und verziehen sich schnell zum Ausruhen unter Deck.
Die meisten hier kennen sich; geredet wird dennoch nicht viel. Die Monitore mit den Reiseinformationen sind ausgeblendet, aber immerhin der Bordkiosk hat geöffnet.
Ich blicke dankbar in einen heißen Becher mit Kaffee, den mir ein unbeirrt freundlicher Mitarbeiter der Schifffahrt über seinen Tresen schiebt. Die sanften Schiffsbewegungen lassen die dunkle Oberfläche erzittern, in der sich die Deckenlampen spiegeln.

Licht. Auch dafür steht Weihnachten, denke ich: Licht. Und zum Glück gibt es auch noch etliche Geschäftstreibende und Privatleute auf Langeoog, die ihre Weihnachtsdeko nicht nur für die Gäste herauskramen, sondern auch für ihre MitinsulanerInnen. Und für sich selbst vermutlich. Auf diese Weise büßt die Insel zumindest optisch nicht viel vom gewohnten vorweihnachtlichen Glanz ein. Irgendeine gute Seele hat sogar die als Solitär wachsende Tanne unweit des Dünenfriedhofs geschmückt — eine Geste, die mich auf eigenartige Weise tief berührte. Auch ich habe meinen Balkon illuminiert, obwohl in meinem Viertel zurzeit so gut wie niemand wohnt. Aber ich mag es, wenn mich die warmen Lichter beim Heimkommen begrüßen und ich mag das warmweiße Flimmern, das ich von innen durch das Balkonfenster sehen kann.

Die Tage sind kurz. Nach einem grauverregneten Tag hat es zum Sonnenuntergang hin noch einmal aufgeklart. Ich nehme die Freundin mit zum Strand und wir beobachten, wie der Himmel zu glühen beginnt. Wie ein Fingerzeig Gottes dringen goldene Sonnenstrahlen zur Erde und zum Meer. Die Strahlen quellen aus bedrohlich-dunklen Wolken, und ich denke, dass man den Sieg des Lichts über die Dunkelheit nicht schöner illustrieren könnte. Jetzt spiegelt sich die Farbe des Abendhimmels auch in den Prielen und in den nassglänzenden Flächen am Flutsaum. Ein einzelner Sanderling flitzt emsig darin hin- und her. Wir wundern uns darüber, weil die kleinen Vögelchen, die nicht grundlos auf Plattdüütsch „Keen Tied“ heißen, sonst immer in Gruppen auftreten. Aber es sind weit und breit keine anderen Sanderlinge zu sehen. „Guck mal, der macht auch social distancing“, sage ich zur Freundin. Es sind seltsame Zeiten. Und ich bin froh, dass da noch jemand ist, dem ich nah sein darf.

In anderen Zeiten hätte man sich jetzt schon gnadenlos an Spekulatius überfressen. In anderen Zeiten hätte ich dienstlich schon so viele Adventsfeiern besuchen müssen, dass ich mich nach einer Stillen Nacht gesehnt hätte. In anderen Zeiten wäre die Kirche so voll gewesen wie die Leute am Glühweinstand und Scharen von Kindern hätten sich dem als Nikolaus verkleideten Kurpriester begeistert ans Gewand gehängt.
In diesem Jahr aber kam sogar ich in den Genuss eines Schokoladen-Bischofs, weil so wenig Kinder da waren, dass der Nikolausdarsteller auch für alle Erwachsenen noch etwas aus dem Sack kramte.
Der Glühweinstand ist verboten wie der Rest an Gastronomie auch. Mancherorts kann man noch Essen mitnehmen. Alles andere geschieht im Privaten. Das öffentliche Leben pausiert.

Zweifelsohne sind all diese Maßnahmen gut und richtig, und es gibt keinen Tag, an dem ich nicht Gott dafür danke, bisher von dem Virus verschont geblieben zu sein. Auch meine Eltern sind nicht erkrankt; ebensowenig wie die Liebste. Aber ich weiß, dass das nicht selbstverständlich ist: Die Einschläge kommen näher; im Freundeskreis gibt es Tote zu beweinen. Ein liebgewordener Bekannter liegt auf der Intensivstation.

Nun mag es schwer erscheinen, in all diesem Leid, in dieser Dunkelheit und dieser Vereinzelung noch Weihnachten zu finden. Freilich, da ist der Adventskranz auf dem Tisch. Da ist die Pastoralreferentin, die schön und klar von der Menschwerdung Christi singt. Da sind die Kerzen und Lichter, die trotz allem an Fenstern und Fassaden drapiert wurden, obwohl sie meistenteils leere Straßen beleuchten. Da sind die in Tüten und Kartons bereitstehenden Geschenke, die bunten Papierrollen und glänzenden Bänder, die festlichen Weihnachtskarten. Und plötzlich frage ich mich, ob genau darin eigentlich nicht noch mehr Weihnachten liegt als sonst.
Denn beinhaltet die Adventszeit nicht die Aussicht auf Erlösung? Die freudige Erwartung besserer Zeiten? Ist der Advent, ist Weihnachten nicht pure, wärmende, wundervolle Hoffnung?
Und Hoffnung gibt es.
Denn auch im Pandemiegeschehen tut sich etwas: Ein Impfstoff ist in Kürze verfügbar; erste Impfzentren werden eingerichtet. Vielleicht naht also auch hier die Erlösung. Vielleicht können wir also auch hier bald besseren Zeiten entgegengehen. Und vielleicht tun wir das sogar mit demütigeren, dankbareren Herzen als zuvor. Weil uns genau das Weihnachten, was so anders war, gezeigt hat, was Weihnachten eigentlich ist.
Und selbst wenn man diese wahrlich frohe Botschaft außer Acht ließe — ist es nicht allein schon tröstlich, dass auch in diesem Jahr Weihnachten ist? Eine herzwärmende Konstante, deren Flamme keine Pandemie, kein Krieg, kein persönliches Leid vernichten kann. Weihnachten ist. Und Weihnachten wird sein.

Absurderweise wird ausgerechnet im Pandemiejahr das erste Weihnachtsfest seit Langem sein, das ich nicht alleine verbringe. Gottes Humor in dieser Angelegenheit verstehe ich zwar manchmal immer noch nicht ganz, aber sicher ist, dass sie ein großes Geschenk war — und noch immer ist mir die Liebe ein tägliches kleines Wunder.
Am späten Abend mache ich mich auf zur Freundin. In nur wenigen Häusern brennt noch Licht; auch die raren Straßenlaternen vermögen kaum die Wege zu erhellen. Vor meiner Fahrradlampe tanzen erste Schneeflöckchen. In einem Baum hat sich ein Schwarm Finken zum Schlafen niedergelassen. Mit ihrem aufgeplusterten Gefieder sitzen sie in den kahlen Zweigen wie Christbaumkugeln. Und am Ende der Straße ist jemand, der auf mich wartet.

Frieden

Es ist der erste Tag nach der Abwahl von Donald Trump und die erste Woche des zweiten Lockdowns. Die Insel leert sich; seit dem 2. November dürfen keine Touristen mehr kommen, nur noch Kurgäste und Menschen mit Zweitwohnsitz sind da und mischen sich unter die saisonerschöpften LangeoogerInnen.
Die USA haben den zweiten katholischen Präsidenten und die erste Vizepräsidentin in ihrer Geschichte, und ich mag die Vielfalt, die dieses interessante Gespann verkörpert. Vor allem mag ich die Hoffnung auf Frieden, die beide mit sich bringen. Die Hoffnung auf neue Einheit oder zumindest eine zivilisierte Debattenkultur — statt Spaltung, Niedertracht und Mobbing. Die Hoffnung auf die Re-Etablierung eines Wertesystems, mit dem ich etwas anfangen kann. Wie sonst sollte man seinen Mitmenschen, seinen Kindern noch vermitteln können, dass es nicht nur altruistisch ist, sondern einem auch selber nützt, wenn man die Welt nicht mit Hass vergiftet, sondern sich um Wahrheit, Fairness und Anstand bemüht? Und dass es von Größe zeugt, wenn man lernt, im schlimmsten Misserfolg noch Würde zu wahren und im größten Triumph noch Demut.
Denn leider ist Donald Trump zumindest unter dem Aspekt „schlechtes Vorbild“ weitaus mehr als ein Psychopath mit einer beschissenen Frisur, dem Wortschatz eines trotzenden Dreijährigen, fehlenden Umgangsformen und grottig sitzenden Anzügen: Er ist gefährlich — bzw. er war es. Und es tut so unendlich gut, jetzt in der Vergangenheitsform von diesem vier Jahre währenden Albtraum sprechen zu können.

Es war schön, an diesem Morgen aufzuwachen. In einer Welt, in der man den amerikanischen Präsidenten wieder ernst nehmen konnte und die USA von meiner persönlichen Reiseland-Boykottliste wieder gestrichen wurden. Es war schön, die Welt langsam, aber sicher heilen zu sehen.
Die Freundin lag neben mir; die sanftgelbe Wintersonne schickte ihr Licht durch die frisch gewaschen weißen Vorhänge. Auch die Straße sah frisch gewaschen aus: Im Morgentau waren noch deutlich die Reifenspuren früher Radler erkennbar, auf den Balkonblumen glitzerte es. Und vor uns glitzerte eine Zukunft, vor der wir nun weniger Angst hatten.
Der Friede auf Langeoogs leeren Straßen passte dabei wunderbar ins Bild, selbst wenn dieser durch den Lockdown gewissermaßen erzwungen worden war. Aber auch dieser Friede tat mir nach den übervollen Tagen der Herbstferienzeit einfach nur gut.

In den Zweigen zwitscherten Rotkehlchen, als wir zu einem Spaziergang ans Meer aufbrachen. Jetzt, wo nicht mehr allgegenwärtiges Gewusel, Geklingel und Geschrei aus den Häusern und von den Straßen drang, trauten sich die Vögel wieder hervor und hüpften ohne Scheu vor uns herum. Sogar ein kleiner Zaunkönig ließ sich blicken. Ein winziger, kugeliger Regent in seinem Vorgarten-Reich; mit wippendem Schwanz auf einem Baumstumpf thronend.
Das Meer leuchtete in einem Babyblau, als hätte es ebenfalls zu ganz neuer Unschuld gefunden. Noch zeichnete die Sonne alles weich, aber schon bald gewannen die wärmenden Strahlen an Kraft und verliehen den Dingen Kontur. Es war wirklich wahr: Ein neuer Tag lag vor uns. Und vielleicht auch eine neue, bessere Welt.

Ich ging zur Kirche. Der Kurpriester, ein überaus sympathischer Mensch mit einer gütigen, warmherzigen Ausstrahlung, predigte über das Erkennen des richtigen Zeitpunkts. Wann war es Zeit für eine Veränderung, wann für einen Kurswechsel, wann für ein Aufstehen und Eintreten für das, woran man glaubt und für das, was einem heilig ist?
Natürlich blieb er dabei nah am Lebensweg Jesu und vermied es, politisch zu werden, aber ich zog dennoch für mich Parallelen.
Der Zeitpunkt für die weltpolitische Kursänderung hätte nicht später kommen dürfen. Es musste ein Zeichen gesetzt werden: Mit so einem Charakter? — Bis hier und nicht weiter. Es ist beruhigend, dass viele wahlberechtigte US-AmerikanerInnen genau so gedacht haben müssen.
Aber natürlich ist eine Entscheidung für etwas auch immer eine Entscheidung gegen etwas. Für mich hieß das, mich endgültig von den letzten Trump-Fans im Bekanntenkreis zu verabschieden. Oder von solchen verabschiedet zu werden — es ist beides kein Verlust. Vielmehr bringt es mir ein Gefühl der Befreiung: Auch das stimmt friedlich.

Frieden ist eine schöne Sache. Ich bade mein Herz in all dieser schönen Hoffnung; ebenso wie in dieser noch immer erstaunlichen Liebe, die mir von dem Menschen an meiner Seite entgegengebracht wird. Denn auch die Freundin ist für mich zu einem Stück Frieden in der oft so lauten, kalten, unübersichtlichen und unverständlichen Welt geworden. Tatsächlich fühle ich mich heute umgeben von lauter kleinen Wundern — es ist ein magischer Tag; ein glücklicher Tag. Vor dem Fenster vergoldet die Sonne die restlichen Herbstfarben auf der Insel, und es wäre leicht, zu vergessen, dass dort draußen noch so viel anderer Unfriede tobt. Zum einen politisch betrachtet; zum anderen durch die Pandemie, welche nun auch unseren kleinen Landkreis fest im Griff hat. Und doch möchte ich all das nun einfach für einen Moment vergessen. Für einen kurzen, glücklichen und magischen Moment des Friedens.
Am Ende der Straße sehe ich die Frau, die aus irgendeinem Grunde nicht mehr von meiner Seite zu weichen plant, auf das Haus zumarschieren. Ihre Haare leuchten im späten Sonnenlicht wie frisch polierte Kastanien. Ich sehe, dass sie lächelt.

Schwarzweiß

Nach einem Telefonat mit einem Freund trete ich auf den Balkon. Mich empfängt eine tiefschwarze, klare Neumondnacht. Ich richte den Blick nach oben: Das Sternenmeer ist gewaltig. Nach und nach identifiziere ich alle mir bekannten Gestirne, die aus Myriaden weiterer strahlen; die trockene Herbstluft verstärkt ihr Funkeln. Das Band der Milchstraße webt sich in die Dunkelheit dieser Zeit wie ein Versprechen. Es werden hellere Zeiten kommen. Es wird Licht.

Ich denke zurück an den Freund. Er war sehr wütend am Telefon; nicht auf mich, dem Herrn sei es gedankt, und der Grund seiner Wut war auch auch nachvollziehbar. Dennoch schmerzte es, ihn so zu erleben, so dermaßen außer sich, und ich wünschte, ich hätte ihn herholen können, um ihn den Himmel zu zeigen. Diesen Himmel.

Wenn man am Tage den Langeooger Himmel betrachtet, kann man gut nachvollziehen, warum die Menschen früher dachten, die Erde sei eine Scheibe: Wolken, deren Unterseite so platt wie das Land wirkt, treiben über endlos weite Landschaft und auch das Meer erstreckt sich, soweit das Auge reicht. In der Nacht aber wird das anders.
Die gewaltige, lackschwarze Kuppel des Langeooger Nachthimmels ist gigantisch; ihr Hineinragen in die Unendlichkeit des Alls nahezu greifbar — und die Winzigkeit der Erdkugel inmitten des Universums ist es auch. Der Anblick des nächtlichen Inselhimmels erdet ebensosehr, wie er die Sehnsucht nach dem Unbekannten nährt: Er ist ein noch immer unbegreifliches Wunder, denn ähnlich viele Geheimnisse wie das All birgt vermutlich nur noch die Tiefsee.
Welche zwischenmenschliche Unappetitlichkeit sollte angesichts solcher Pracht denn nicht irrelevant werden?
Mich beruhigt ein solcher Himmel binnen Sekunden und ich hoffe, dem Freund ginge es auch so.

Mag man sich auf der Insel zu Pandemie-Zeiten auch manchmal eingeschlossen fühlen, so ist es doch der Himmel, der uns immer wieder daran erinnert, miteinander verbunden zu sein, und das meine ich nicht einmal in religiösem Kontext. Die Atmosphäre, die alles auf dieser kleinen rotierenden (präziser: eiernden) Kugel im All am Platz hält, umgibt uns alle gleichermaßen: Die Familie eines anderen lieben Freundes in Neuseeland ebenso wie Menschen in Grönland, die Schildkröten auf Galapagos oder die Möwen auf Langeoog. Wir haben nur das hier. Und wir haben auch nur uns, sofern nicht eines Tages doch noch E.T. vor der Tür steht und sich ein Smartphone ausleihen möchte.

Zugleich frage ich mich, ob einen dieser Gedanke jetzt einsam machen sollte. Denn sympathischer wird mir die Menschheit in diesen überemotionalisierten Zeiten nicht und mehr als einmal verfluchte ich schon den Tag, an dem ich anfing, im Internet Kommentare zu lesen.

Aber es nützt ja nichts. Wir haben nur uns, und so muss man dort Zuflucht suchen, wo man sich noch einigermaßen sicher fühlt vor dem Wahnsinn: In der Kirche, in seinem Zuhause, in der Natur oder einfach in seinen Erinnerungen.

Ich erinnere mich. Ich erinnere mich an die Zeit, als ich dachte, dass ein Wiedersehen mit Freunden im Ausland nur eine Frage von Geld und Urlaubstagen sei. Ich erinnere mich, dass ich ein Wiedersehen für sicher hielt, sobald es die Umstände erlauben. Und nun ist da noch ein Virus; sind da geschlossene oder immer-mal-wieder geschlossene Grenzen; ist da die Gefahr, dass man nach Österreich oder Schweden zwar noch hinein-, aber nicht mehr hinauskommt.

Selbstverständlich sind diese Maßnahmen alle nötig und man reißt sich auch gerne am Riemen, wenn man damit Mitmenschen vor Leid und Tod bewahren kann. Dass das immer leicht fällt, heißt es indes nicht.

Ich krame eines meiner Lieblingsfotos von dem Freund heraus, das ich bei unserem letzten Zusammentreffen machte. Es zeigt ihn nur von hinten, er trägt eine Papiertüte, die zufällig farblich mit seiner Kleidung korrespondiert, und läuft auf eine kleine Kirche zu, deren barocke Zwiebelkuppel über winterkahle Baumwipfel ragt. Ihre Turmfenster sind freundliche, schläfrige Augen.
Das Bild strahlt viel Frieden aus und hat etwas wunderbar Aus-der-Zeit-Gefallenes. Ich erinnere mich gerne an den Tag der Aufnahme; wir hatten die Papiertüte in einem kleinen Kunsthandelsgeschäft bekommen, sie enthielt ein paar schöne Andenken. In der Kirche beteten wir für unsere Familien; auf dem Weg dorthin ließ ich mich unauffällig zurückfallen, damit ich den Freund unbemerkt fotografieren konnte: Gestellte Fotos mag ich nicht.

Ich hatte das Foto damals in Schwarzweiß gesetzt, um das Zeitlose und die Kontraste der Winterlandschaft zu betonen, doch nun hat das Schwarzweiß etwas Bitteres. Ich arbeite ansonsten wenig mit Schwarzweiß; fast alle anderen Schwarzweißfotos in meiner Wohnung stammen aus früheren Jahrzehnten und zeigen Menschen, die nicht mehr leben: Meine Großeltern, einen Urgroßonkel, Schnauzer „Struppi“, den mein Vater als Kind hielt. Ein Foto von 1929 zeigt die Straße vor unserem Berliner Haus. Die heute mächtigen Eichen sind auf dem Bild noch zarte Bäumchen; auf dem Kopfsteinpflaster dampfen Pferdeäpfel. Heute sieht man das Kopfsteinpflaster nur noch durch ein paar Löcher in der schlampig geteerten Asphaltdecke; darauf parken SUV vor klobigen Neubauten, deren Besitzer sich jeden Herbst über die Spuren der fallenden Eicheln im Autolack beklagen. Unser Gründerzeithaus hält dazwischen die Stellung, und ich hoffe, das es dort noch viele Jahrzehnte überdauert: Dinge mit Bestand sind mir Fixsterne in einer sich viel zu schnell drehenden Welt.

Das Foto mit dem Freund und der Kirche ist noch kein Jahr alt, aber nun erinnert mich seine Farbgebung umso deutlicher daran, dass es im Grunde ebenfalls aus einem anderen Zeitalter stammt. Aus der Prä-Pandemie-Ära. Als es noch selbstverständlich war, Freunden zur Begrüßung die Hand zu geben, nachdem man aus einem überfüllten Zug gestiegen war — an der Landesgrenze gänzlich unbehelligt — und froh war, endlich klare, niederösterreichische Winterluft zu atmen. Vorbei.

An einem Haken neben der Tür baumelt ein Mundschutz mit dem Werbeaufdruck des Klosters, das ich damals besuchte. Denn auch vor dessen heiligen Hallen machte der Virus nicht halt.

Der Sternenhimmel hat nichts an Pracht eingebüßt als ich, aus der Gedankenversunkenheit erwacht, das nächste Mal nach oben blicke.

Band 7 ist da!

Moin,

wenn die Corona-Krise, vegane Hipster-Kondome, der Morallimbo von Donald Trump, die heilige katholische Kirche, Langeooger Insel-Klüngel und die atemberaubende Schönheit des Wattenmeeres zusammen in einem Prosa-Band vorkommen, ahnen geneigte Leserinnen und Leser schon, worum es geht: Richtig, ein neuer Band „Momentaufnahmen“ ist erschienen. Die Geschichten aus diesem Jahr wurden zwangsläufig vom Thema „Virus“ geprägt, es gibt aber auch — wie gewohnt — leichte Plaudereien, idyllische Sprachmalerei und mitunter bissiges Sezieren des Insel-Alltags.
Außer auf Langeoog entstanden auch wieder einige Geschichten unterwegs: Vor allem in der erhabenen Stille uralter Klöster, aber auch auf Ausflügen in urbanes Umfeld.

NEU: Die Episoden sind nicht nur das 2020er-„Best of“ meines Blogs, sondern das Buch umfasst auch acht (8!) bisher unveröffentlichte Texte.

Band 7 HIER kaufen: https://www.bod.de/buchshop/momentaufnahmen-7-mayk-d-opiolla-9783751993838

Klappentext:

Das siebte Jahr auf Langeoog. Mit dem Erwachen des Frühlings bricht die Corona-Krise auch über die Insel herein. Zum ersten Mal erfolgt der große Vogelzug fast unbeobachtet; zum ersten Mal ist es sogar an Ostern so still, dass man die Blütenblätter von den Bäumen fallen hört. Die Touristen sind fort, das Dorf rottet sich zusammen. In der Isolation entsteht neue Nähe, aber es gärt auch Gift im Langeooger Mikrokosmos. Die Zukunft erscheint zerbrechlich, Existenzsorge nagt. Und doch prägt die Prosastücke dieses Bandes keine Verzweiflung, sondern ein lebenshungriger Blick auf die Welt, die Geborgenheit im Glauben sowie das Wunder unverhoffter Liebe. Gezeichnet in eindrucksvollen Sprachbildern führt der Ich-Erzähler über eine Insel im Ausnahmezustand, aber auch an Orte tiefen Friedens. Jenseits von Langeoog bilden u.a. ein uraltes Zisterzienserstift in Niederösterreich, die tiefen Wälder der Südeifel oder die Hansestadt Bremen die Kulisse. 42 neue Geschichten, mit einem Themenspektrum von Liebe bis Weltpolitik.
Die aktuelle Themenauswahl sowie ein farbenprächtiger Erzählstil, schonunglos ehrlich, mit unbestechlichem Blick und garniert mit bissigem Wortwitz, haben der „Momentaufnahmen“-Reihe von Mayk D. Opiolla mittlerweile eine feste Fangemeinde beschert: Auch weit über die Inselgrenzen hinaus. Alle Bände sind unabhängig voneinander lesbar.

Band 7 kann über den Buchshop von BoD sofort bestellt werden. Über den stationären Buchhandel, amazon und Co wird es in wenigen Tagen erhältlich sein.

Hinweis: Beim Direktbezug über BoD bleibt etwas mehr Geld beim Autor, also mir, hängen, da kein Händlerrabatt mehr abgezogen wird. Wer meine Schreiberei auch finanziell unterstützen will, bestellt also bitte da; den lokalen Handel unterstütze ich aber ebenfalls jederzeit gerne! Also keine Hemmungen, falls Euch der Weg in den Buchladen nebenan lieber ist 🙂

Momentaufnahme, Herbstanfang

In das Flussrauschen mischt sich der langezogene Schrei eines Waldkauzes auf der Jagd. Hu-huhuhuhu. Hu-huhuhuhu, wieder und wieder. Durch das weiße Sprossenfenster meiner Klosterzelle schimmert der Abendstern. Bis auf die Eule und das Wasser der Kyll ist kein Laut zu vernehmen, nicht einmal Wind geht. Es ist genau die Art von Stille, nach der ich mich in all dem Trubel der letzten Monate gesehnt habe. Ich höre dem Waldkauz ebenso andächtig zu, wie ich etwas früher am Abend einigen Mönchen unter dem Kirchenfenster beim Singen lauschte. Ein warmes Glücksgefühl durchströmt mich; es ist ein perfekter Moment: Jetzt, hier, an diesem Fenster.
Auch die meteorologische Wärme hat nicht nachgelassen; tagsüber ist es unverändert heiß und auch nachts braucht man gerade einmal einen dünnen Pullover.
Und dennoch kam, quasi über Nacht, der Herbst.

Mit einiger Überraschung stellte ich bei der heutigen Wanderung fest, dass sich die Spitzen der wenigen Laubbäume im Wald bunt verfärbt hatten. Auch das Brombeerlaub entlang der Wege nimmt bereits Herbstfarben an. Nur die unzähligen wilden Orchideen erzählen noch vom Sommer.

Auf Langeoog soll es ebenfalls herbstlich geworden sein, schreibt mir die Freundin, und ich frage mich, wo das Jahr geblieben ist. Dieses Jahr, das wohl für niemanden einfach irgendein Jahr gewesen ist. Das Jahr, das alles veränderte; das Nähe nahm und neue Nähe brachte. Das das Verständnis von Höflichkeitsformen und Distanz teils völlig auf den Kopf stellte und uns neue Prioritäten bei unseren Sozialkontakten setzen ließ.
Lediglich die Nähe zu Gott war noch ohne größeren Aufwand zu bewerkstelligen — freilich auch das nur so lange, wie man im stillen Kämmerlein betete und nicht in die Kirche gehen oder gar die Eucharistie empfangen wollte. Aber auch dafür wurden ja letztlich Lösungen gefunden; und zumindest auf Langeoog waren die Leute mit genug Disziplin bei der Sache, um größere Ausbrüche von Corona-Infektionen zu verhindern.
Obwohl das Jahr noch 2,5 Monate übrig hat, beginne ich schnell mit dem ersten sichtbaren Herbsttag zu bilanzieren. Eine Unsitte vielleicht, denn auch in 2,5 Monaten kann so ein Jahr noch überraschen. Indes bin ich aber froh, diese Bilanz mit einem gesunden Abstand zu Insel, in der Abgeschiedenheit eines 800jährigen Klosters ziehen zu können; wo ich alles, was schön war, Gott zum Dank hinhalten kann — und alles, was nicht schön war, auch. Gott hält das aus.

Die Turmglocke schlägt 22 Uhr: Für Mönche und die anderen Klosterbewohner längst Zeit zum Schlafen. Die Eule schweigt; vermutlich ist sie satt.
Es ist traurig, dass morgen schon der vorletzte Tag anbricht, denke ich. Ich wäre gern noch geblieben: Hätte den Wald in seinem Herbstkleid angeschaut und die schön gewachsenen Obstbäume mit ihren kunstvoll gewundenen Stämmen und knotigen Zweigen. Aber so geht es mir ja in jedem Urlaub — obwohl ich sicher weiß, dass auch der Inselherbst wunderschön sein kann. Noch aber liegt die Insel in weiter Ferne. Noch bin ich hier.

Momentaufnahme, Empfang

Ein einsamer Krähenlaut dringt durch die hereinbrechende Nacht. Ich sehe den Vogel, als ich den Kopf zum Himmel hebe. Er fliegt in Richtung Waldrand, wo sich die Wipfel der Fichten schwarz im Dämmerlicht abzeichnen.
Vom Rande des Klostergartens her rauscht der Bach. Grillen zirpen.
Im Haus ist Ruhe eingekehrt; die letzte Messe ist verklungen und die Menschen bereiten sich auf den Schlaf vor. Ich aber möchte mich noch vom heiligen Bernhard verabschieden und suche ein letztes Mal die Kirche auf. Heute leuchten nicht einmal mehr Kerzen, als ich das dunkle Gotteshaus durch die Krypta betrete. Aber ich finde den Weg zum Bernardi-Altar auch so — dem weißen Gewand der Heiligenfigur sei Dank.
Der heilige Bernhard auf dem Altarrelief ist nicht besonders detailreich gearbeitet; mit seinen runden, rosig gepinselten Pausbäckchen und den kleinen, zum Gebet erhobenen Händchen hat die Darstellung etwas Puppenhaftes, wenn nicht gar Niedliches an sich. Man hat den Heiligen auf diesem Relief wohl instinktiv lieb — obwohl mir durchaus bewusst ist, dass ich dort auch einen der glühendsten Verfechter der Kreuzzüge vor mir habe. Kein Licht ohne Schatten; das gilt auch für Heilige. Und natürlich lebte er zu einer Zeit mit einem „leicht“ anderen Verständnis von Völkerrecht als wir es heutzutage pflegen. Im Hier und Jetzt verhilft mir die Fürsprache des Heiligen Bernhard aber zu neuem innerem Frieden.
Denn der Geruch nach uralten Steinen und Kerzen sowie das liebe, rundliche Antlitz der Heiligenfigur beruhigen mich mit wunderbarer Zuverlässigkeit. Hier gebe ich den Tag mit all seinen Erlebnissen und Emotionen zurück in Gottes Hand.

Bereits am Morgen war es noch einmal sehr heiß geworden. Über der Landschaft lag die süßliche Schwere eines intensiven Geruchs nach Fallobst, durchmischt von frischem Grasschnitt. Über Vielerlei nachdenkend, wanderte ich Richtung Wald. Mit jedem Meter wich der penetrante Obstgeruch den Aromen von Harz und Nadelholz, von kühlem Erdreich und dem klaren Wasser der Kyll, die beharrlich wie eine treue Freundin längs des Wanderweges rauschte.
Irgendwann hatte ich einen ordentlichen Anstieg bewältigt; das Tal breitete sich unter mir mit abgeernteten Feldern, gemähten Wiesen und immer wieder kleinen versprengten Inseln von Obstbäumen, deren Äste sich unter den schweren Früchten bogen. Ab und zu ein Haus; am Feldrand ein Ansitz. Dazwischen die Gleise des Eifelexpress.

Ich zückte mein Mobiltelefon, um ein Foto zu machen und erschrak über den Eingang von 47 Nachrichten. Im Ort, zu dem das Kloster gehört, ist keinerlei Empfang; maximal für eine altmodische SMS reicht es. Was einerseits gut ist; denn schließlich sollen dort ja alle Antennen auf GOTT gerichtet sein. Andererseits ist es für jemanden, der sich doch einer gewissen Internetsucht schämen muss, eine große Umstellung. Dort auf der Anhöhe schien es jedenfalls etwas Netz zu geben und natürlich trieb mich die Neugier zur Sichtung der Nachrichten und zum Versand eigener Depeschen. Letztlich waren von 47 Mails aber 46 problemlos delegierbar, und ich dachte über meine bisherige Priorisierung von Angelegenheiten nach. Und auch darüber, welchen Sinn eine ständige Erreichbarkeit denn wirklich hatte. Ich verzichtete darauf, auch noch nachzuschauen, was derweil in der Welt passiert war, steckte das Gerät in die Tasche und ging weiter. Als ich das nächste Waldstück erreichte, brach der Empfang ohnehin wieder zusammen. Inzwischen hatte sich die Sonne durch Wolken und Wipfel gezwängt, es wurde zunehmend wärmer und stickiger. Die Fichten erreichten in diesem Areal eine nahezu furchteinflößende Höhe; ebenso wie die Steilheit der Abgründe. Ich wusste: Wenn ich dort stürzte, wäre ich tot. Und wenn einer dieser Baumriesen auf mich stürzte, auch. Menschen begegnete ich auf der 5 Kilometer langen Strecke keinen — mit Ausnahme zweier Forstarbeiter. Ihre Anwesenheit beruhigte mich, denn sie sorgten mit dem gezielten Holzschlag vermutlich nicht nur für die Wirtschaft in der Region, sondern auch für die Sicherheit wandernder, waldfremder Touristen. Nach dem Passieren der Waldbaustelle wurde es vollkommen einsam um mich. Vor mir der Weg. Rechts Wald und Steilhang, Links Wald und Steilhang. Die Kyll und die Gleise lagen irgendwo ganz weit unten; zur halben Stunde hörte ich den Zug rattern.
Ab und zu wühlte ein Tier im Unterholz; es trippelte, knackte und schnaufte. Bäume in Schräglage ächtzen und stöhnten. Ich sah auf mein Telefon: Keinerlei Netz.
Obwohl der Waldweg eine Art Sonnentunnel bildete, war die gewaltige Ansammlung von Bäumen um mich schon nach wenigen Metern erschreckend finster. Ich war froh, jetzt nicht nach den Stichworten „Wölfe“ und „Waldeifel“ googlen zu können. Was hätte es auch genützt?
Ich sang ein Marienlied; zumindest die zwei Sätze, die ich daraus auswendig konnte, um die merkwürdigen Tierlaute zu übertönen. Der ganze Wald schien mir plötzlich wie ein einziges, riesiges Lebewesen; ein autarker und atmender Organismus, in dessen gewaltigem, schwarzgrünen Bauch ich lediglich geduldet wurde. Er lehrte mich neuen Respekt.
Angekommen an meinem Ziel — einem benachbartem Örtchen, lief ich zum Bahnhof und nahm den nächsten Eifelexpress zurück. In der Bahn saßen Menschen, die sich in einer für mich fremden Sprache unterhielten. Sie klang wie eine Mischung aus Französisch und Niederländisch; ich vermutete Luxemburgisch. Es war seltsam, aus dem Bauch des Waldes in diese nahezu städtische Erfahrung internationalen Flairs katapultiert zu werden. Aber irgendwo genoss ich es auch.

Momentaufnahme, Anreise

Der Eifelexpress ist ungefähr so „express“ wie der rasende Roland auf Rügen rast, also: Gar nicht. Mit enervierender Langsamkeit schiebt sich der Zug seit meinem Zustieg in Euskirchen durch trostlose Industriegebiete und irgendwas mit Landschaft. Ich bin zu diesem Zeitpunkt schon 5 Stunden unterwegs und habe das gesamte Repertoire an Bahnversagen durch, zu dem dieser Konzern fähig ist — zu meiner Laune schweige ich dementsprechend lieber. Das Dauergeschnatter Mitreisender und die Beschallung mit diversen Serien, YouTube-Videos und Telefonaten, die sich weitere Passagiere via Smartphone (und ohne Kopfhörer) zu Gemüte führen, zerrt zusätzlich an den Nerven. Ich versuche, die Reizüberflutung mit stillen Entspannungsübungen zu bekämpfen, und tatsächlich lassen mich diese Übungen, in Tateinheit mit rein physischer Übermüdung, sogar irgendwann einschlafen.

Als ich aufwache, hat sich die Gegend verändert. Mitreisende sind kaum noch da, und vor dem Fenster türmen sich dicht und dunkel bewaldete Berge. Ich schrecke hoch; in heller Panik, mein Ziel verpasst zu haben. Aber ich habe Glück: Laut Uhr und DB-App sind es noch 20 Minuten bis St.Thomas. An den Bahnhöfen, deren Namen teils länger sind als die Orte, wird längst nur noch bei Bedarf gehalten. Vor meiner Wunschdestination kommt irgendetwas mit Doppelnamen; danach kommt der Zug quietschend am Zielort zum Stehen. Die graue Regenwand der letzten Tage hat sich verflüchtigt. Pünktlich mit meiner Ankunft bricht Sonnenlicht durch die Baumkronen und lässt das Wasser der Kyll glitzern. Kirche und Klostergebäude warten gleich hinter dem Bahnhof wie alte Freunde.
Ich war nie hier, aber ich habe sie augenblicklich lieb. Und die Gegend ist mittlerweile atemberaubend: Wald, Wald, Wald — Das einzige, was mir auf Langeoog schmerzlich fehlt, und von dem ich deshalb im Urlaub gar nicht genug bekommen kann.

Der Mensch, der mich begrüßt, hat klare blaue Augen über seiner Maske und wirkt ruhig und freundlich. Er erklärt alles schnörkellos, dann bin ich im Zimmer. Durch das weiße Sprossenfenster mit den zartgelben Vorhängen sehe ich direkt in den Klostergarten; irgendjemand macht sich dort mit Leiter und Astschere an Obstbäumen zu schaffen. Der Rasen ist leuchtend grün, von nahezu englischer Schönheit, und wird von einer alten Steinmauer gesäumt. Dahinter ragen riesige Fichten in den mittlerweile leuchtend blauen Himmel, ich höre den Fluss rauschen und ansonsten: Nichts.
Ich bin fürs Erste überwältigt. Danke, Gott, denke ich. Und Dank an den lieben Priester, der mir dieses Exerzitenhaus empfahl. Es fühlt sich gut an.

Ich weiß, dass nun der Moment zum Loslassen und Entschleunigen gekommen ist. Also packe ich das Smartphone in den Schrank und schalte den mobilen Datenempfang aus: Es gibt sowieso kaum Netz. Für eine SMS an die Liebste und meinen Vater halte ich das Gerät aus dem Fenster für wenigstens einen Balken E: „Bin da. Superschön hier. Bis dann.“
Das Telefon herunterzufahren habe ich bald darauf geschafft. Mich selbst in den Ruhezustand zu versetzen ist schwieriger. Zwar bin ich körperlich nach wie vor todmüde, aber mein Hirn, mein Geist tun das, woran der Eifelexpress krachend scheiterte: Sie rasen.

Stille, sage ich mir. Ankommen. Ruhe. Aber ich wusele dennoch erst einmal hier und da, entpacke und arrangiere, erkunde das Haus, dusche, ziehe mich um — und stelle fest, wieviel Zeit man plötzlich hat, so ohne Smartphone. Noch immer sind es 1,5 Stunden bis zum ersten Treffen mit der Gruppe und dem offiziellen Start des Exerzitienprogramms.

Zeit für den Garten. Als ich hinaustrete, duftet die Luft nach Lavendel und Rosen, nach reifem Obst und frisch geschnittenem Gras. Und tatsächlich finde ich auch all das vor. Über einer flechtenverzierten Steinbank hängen orange leuchtende Zieräpfel; dahinter ein schön gewachsener Baum mit rotbackigem Boskop, daneben Birnen. Als ich die großen, reifen Birnen bewundere, deren Zweige über die uralte Steineinfriedung des Gartens hängen, huscht eine kleine Eidechse in ein Mauerloch, vor dem sie sich gerade gesonnt hatte. Ich kann mir einen Laut der Begeisterung nicht verkneifen. Eine Eidechse hatte ich zuletzt als Kind irgendwo gesehen; vielleicht im Sauerland, ich weiß es nicht mehr. Hinter dem Garten sind kleine Teiche, die ein plätschernder Zulauf speist. Eine Kapelle lobt die Gottesmutter: Ave, maris stella — Ein bisschen Meer ist wohl überall. Ein hölzernes Tor führt auf einen Waldlehrpfad, den ich mir sehr groß auf die To-do-Liste setze. Mein erster Blick hinein durchstreift eine geheimnisvolle Schlucht mit hölzernen Brücken und einem Bach, ringsum erhebt sich majestätisch der Wald; sonnendurchflutetes Weideland schmiegt sich an seinen Rand.
Auch in der Kirche fühle ich mich sofort wohl: Ein Seitenaltar ist dem heiligen Berhard von Clairvaux gewidmet und ich denke voller Liebe an „meine“ Zisterzienser, für die ich hier gewiss beten werde. Der heilige Bernhard steht hier auch nicht zufällig, denn tatsächlich siedelten in St.Thomas vor vielen Jahrhunderten Zisterzienserinnen. Auch eine Art Besserungsanstalt für straffällig gewordene Priester war einst an diesem Ort, Demeritenhaus genannt — über diesen Teil der Geschichte (und die damit verwobenen Biografien) denke ich aber vorerst lieber nicht nach.
An der Wand links vom heiligen Bernhard stehen — aus Holz gefertigt — gleich zwei Männer mit Kind im Arm: Der heilige Josef und der heilige Antonius, jeweils mit dem Jesusknaben. Mir gefällt diese Darstellung väterlicher und brüderlicher Zuneigung, und so komprimiert habe ich sie auch noch nirgends sonst vorgefunden. Maria mit dem Kinde lieb gibt es aber ebenfalls zur Genüge.

Nach der obligatorischen Kennenlernrunde endet die erste Gruppenzusammenkunft mit dem Satz: „Ab jetzt gilt durchgehendes Schweigen“. Das Schlusslied, mit dem wir ins Schweigen entlassen werden, könnte nicht besser zur Umgebung passen: „Der Mond ist aufgegangen …“

Mittlerweile ist er das auch wirklich; der Mond leuchtet mit sanftem Schein über dem Klostergarten und zieht seine Silberspur über die gepflegten Rasenflächen. „Der Wald steht schwarz und schweiget …“

Momentaufnahme, Besitz

Es ist eine der Nächte, in denen die Natur dem Menschen zeigt, dass sie ihm überlegen ist. Und zwar immer.
Der erste Herbststurm hat die Insel erfasst, obwohl es bis zum meteorologischen Herbstanfang noch ein paar Tage hin ist. Den ganzen Tag lang peitschten Wind und Regen durch die Straßen; das Wasser sammelte sich in zitternden Pfützen vom Ausmaß mittlerer Gartenteiche.
Und nun ist die Nacht hereingebrochen. Angesichts des Tobens, Donnern und Heulens der Naturgewalten vor der Tür sollte man eigentlich nicht mehr das Haus verlassen, aber ich wollte der Freundin den Weg zu mir nicht zumuten — also wage ich mich noch kurz vor Mitternacht hinaus.

Die Dunkelheit verschluckt alles. Zwar habe ich eine Taschenlampe bei mir, aber deren winziger Lichtkegel dient eher dazu, dass mich andere Leute sehen; weniger dazu, dass ich etwas sehe. Auch der Mond nützt mir heute nichts, denn er hängt als schmutziggelbe, schiefe und schmale Sichel zwischen den dunklen Wolkenbergen. Der Wind ist brutal, und ich muss genau gegen ihn anmarschieren. Die Brille wird mir ins Gesicht gedrückt, Tränen laufen, ich komme kaum vorwärts; auch das Luftholen fällt schwer. Dazu das Toben und Brausen in meinen Ohren. Bäume und Sträucher entlang des Weges — sonst vertraut und von pittoresker Harmlosigkeit — umringen mich als bedrohliche, tiefschwarze Gestalten; der Wind lässt die Schatten ihrer Zweige wie Tentakel nach allem fingern, was sich nähert. Obwohl ich sonst die Nächte liebe, wird mir jetzt unheimlich zumute, und ich reiße mir trotz des Regens Kapuze und Mütze vom Kopf, um wenigstens noch irgendetwas hören zu können außer dem Sturm und dem flatternden Stoff an meinen Ohren. Mir wird bewusst, wie hilflos der Mensch wird, wenn man ihm auch nur zwei seiner Sinne zur Orientierung raubt; hier: Das Sehen und Hören. Der Weg zum Haus meiner Freundin erscheint mir ewig, obwohl es unter normalen Wetterbedingungen kaum 5 Minuten zu Fuß sind. Als ich mich gegen die Böen stemme und dabei immer wieder zur Seite und rückwärts gedrückt werde,  bin ich doppelt froh, sie nicht hinausgejagt zu haben bei diesem Wetter, und es beruhigt mich, ihre Fenster von Weitem schon friedlich leuchten zu sehen. Sie sitzt mit einem Buch bei Kerzenlicht und Tee, als ich atemlos hineinpoltere, nach gefühlter Endlosexpedition durch unwirtlichste Welten.

Am nächsten Morgen ist der Spätsommer in aller Pracht zurück. Nur noch ein paar abgerissene Zweige und Pfützenreste erinnern an den Tumult der Nacht; den leuchtend blauen Himmel zieren persilweiße Schönwetterwölkchen. Auch der Wind ist nur noch ein Lüftchen.
Die Freundin ist längst bei der Arbeit, und ich nutze den noch stillen Morgen für einen Ausflug zum Strand. Die Luft ist von herrlich-kühler Frische; Wolken spiegeln sich im Flutsaum, in dem unbeweglich Möwen dösen. Im Priel liegt ein Ast. Drumherum ist absolut nichts. Nicht einmal die See ist noch nennenswert aufgewühlt; sie legt ihre Wellen mit beruhigendem Rauschen ans Ufer. Ich setze mich auf eine verwaiste Schaukel und freue mich über das Wiedersehen mit einer fast verloren geglaubten Liebe. Denn das hier, denke ich, ist das Langeoog, für das ich herzog. Das ist die Insel, in der ich mich spiegele wie der Himmel im Priel, und wo mein Herz sich täglich freischwimmt. Das überlaufene, laute Langeoog des Hochsommers dagegen wird mir zunehmend fremd.

In irgendwelchen Langeoog-Fan-Foren schreiben euphorische Urlaubende oft von „ihrer“ Insel: Unser Langeoog, unser Strand, unser Meer. „Bald bin ich wieder auf meiner Insel.“
Nicht immer behagt mir der Gebrauch dieser Possessivpronomina, weil unter kritischer Betrachtung auch etwas Kolonialistisches dabei mitschwingt, und ich selbst spreche eigentlich nie von „mein“ Langeoog, obwohl ich hier dauerhaft lebe. Aber die Insel gehört mir nicht; auch nicht den Ur-Insulanern, die hier geboren wurden; nicht der Wittmunder Kreisverwaltung, nicht dem Land Niedersachsen, Frau Dr. Merkel oder sonst irgendwem. Langeoog gehört Gott, oder maximal sich selbst, und wir haben lediglich die Gnade, hier wohnen und das Eiland bewirtschaften zu dürfen; für immer oder auf Zeit. Und dass uns die Insel nicht gehört, zeigt uns jede Sturmflut, jeder Orkan und überhaupt jede Naturgewalt, die uns mit Leichtigkeit von diesem Fleckchen Erde kegeln könnte.
Angesichts des galoppierenden Größenwahns in der Gesellschaft (im Großen wie im Kleinen) finde ich es im Übrigen auch nicht verkehrt, ab und zu mal wieder an die eigene Winzigkeit unter dem Himmelzelt erinnert zu werden.

Aber auch wenn ich den Ausdruck nicht mag, so frage ich mich, auf der Schaukel sitzend, jetzt doch: Was ist eigentlich „mein“ Langeoog?
Die permanenten Spannungskopfschmerzen der wuseligen Hochsaisontage verfliegen, als ich meinen Blick über die unberührte, blaue Weite schweifen lasse. Es sind nur wenige Menschen unterwegs; viele allein, einige Paare. Die lärmenden Gruppen sind fort, kein Menschenlaut übertönt mehr die Brandung und das Rufen der Seevögel; die wenigen leisen Gespräche der anderen verweben sich mit der Musik der Natur zu einem harmonischen Grundrauschen.
Es ist kühl genug, um wieder meine geliebten Stricksachen tragen zu können, aber nicht so kalt, das man unterwegs friert. Und nachts kann man sich wieder ein Nest aus kuscheligen Daunendecken bauen; bezogen mit duftendem Leinen oder weichem Flanell, anstatt unter irgendeinem dünnen Laken zu schwitzen. Zum Einschlafen prasselt sanfter Spätsommerregen ans Fenster und morgens weht ein kühler, salziger Duft nach Herbst vom Meer hinein, während Spatzen in Pfützen baden und Finken in fröhlichen Scharen aus den Erlen stieben. Aus den Dünentälern, die jetzt das leuchtende Rotorange von Vogelbeeren und Hagebutten ziert, das satte Grün der Moose und das tiefe Violett der Krähenbeeren, steigt Nebel. Die zunehmenden Temperaturunterschiede zwischen den einzelnen Luftschichten zaubern beeindruckende Quellwolkengebirge; und schon bald badet die Sonne, die jetzt noch wärmt, aber nicht mehr verbrennt, die ganze Landschaft in Gold.

Und das, denke ich, ist dann wohl meine Antwort. Diese friedlichen Spätsommer- und frühen Herbsttage, wenn der Massentorismus ein Ende nimmt und die Natur sich wieder auf ihren berechtigten Thron setzt; wenn man am Strand allein sein kann und wieder eins wird mit der Insel, mit all ihren Gerüchen, Farben und Wundern: Diese Tage zeigen wohl am ehesten „mein“ Langeoog. Ein Langeoog, das ich aber trotzdem nie besitzen möchte, weil es — wie auch wir Menschen — in Freiheit, mit dem nötigen Respekt und aus gesunder Distanz betrachtet — noch immer am Schönsten ist.