Momentaufnahme, Wachtraum

Ich schleiche durch die schmuddelige Unterführung zurück, den Kragen des Mantels hochgeschlagen. Mein Hund folgt mir. Es ist schwarze, nasskalte Nacht, und es war eine beschissene Idee, herzukommen. Ich wusste das vorher. Und doch stand ich da, an der abgeblätterten Hauswand, wohl wissend, dass du rauskommen würdest auf den Balkon; bei jemandem, der so viel raucht wie du, ist das nur eine Frage der Zeit.
Ich weiß nicht, was ich da wollte. Rein jedenfalls nicht.
Dann warst Du da, und du sahst mich. Es war alles so grau in grau; nur einzelne Farbtupfer sprenkelten das Partyvolk, das hinter dir aus der Wohnung quoll, sich umarmend, lachend, und natürlich war auch sie da, die furchtbare Person, wenn auch in den Armen eines anderen.

Ich floh, als du lächeltest. Es passte nicht ins Bild.

Du hast überhaupt keinen Balkon, und ich erwachte zwischen den weiß bezogenen, weichen Decken meiner Berliner Wohnung. Kein Hund zu meinen Füßen, denn auch den besitze ich nicht in Wirklichkeit. Den Wecker verschlief ich.

„Komm zu S.“ schreibt jemand, „es gibt Austern“. „Nein“, sage ich, wohlwissend, dass du dort sein könntest, „Ich hasse Austern. Aber grüße bitte.“
„Er ist auch hier“, schreibt der jemand, „er hat mich gerade sehr nett begrüßt“, und ich finde das eine gänzlich überflüssige Information.
„Es bringt nichts, auf heile Welt zu machen“, sagt der jemand, und ich beende die Konversation.

Richtig. Macht man denn sowas?

Ich versuche den Ärger darüber zu verdrängen; wirklich liebe Telefonate, Gespräche und Schriftwechsel erinnernd, mit Freunden, von denen viele auch deine Freunde sind, sich aber nicht damit brüsten, im sicheren Hafen zu zechen, während ich noch Wasser schöpfe aus dem leckgeschlagenen Boot, irgendwo weit draußen.
Freunde, die bleiben, egal, wo man gerade ist, und vor allem: mit wem.

Ich versuche, zu lieben, was ich hier noch habe: Es gibt genug.
Doch die Nacht holt sich, was man verdrängt.
Und so träumt man von dir, eine ganze Nacht lang, zwei, drei, und man kann nicht anders, als dich in allen Straßen zu sehen, schreibend an dem Tisch, an dem ich auch mit dir schrieb, lachend, verliebt, weinend. Und dann nicht mehr.

„Vergangenheit ist, wenn es nicht mehr wehtut“, schrieb Mark Twain, und ich bade mein Herz in diesen Zeilen: Wenigstens einer, der mich versteht.

Es wird Zeit für Reinschiff. Es sind Pakete zu schnüren und aufzugeben. Ich weiß nicht, wo du bist. Es geht mich ja auch nichts mehr an.
Und da ist es wieder, dieses Berlin-Gefühl, treibend auf dem lackschwarzen Ozean ohne Kompass und Sextant, mit zu vielen Verlockungen an den Ufern, zu vielen Gefahren dazwischen, und kein Hafen mehr, der mich aufnähme in die Obhut seiner warmen Lichter.

Komm, sage ich dem Hund, während mir der nasskalte Regen über das Gesicht rinnt. Komm, sage ich, und zerre ein bisschen an der Leine. Wir müssen weiter.

Momentaufnahme, Unterwegs

Als ich mein Spiegelbild in den vergoldeten Fahrstuhltüren entdecke, fasse ich mir instinktiv an die Brust. Verdammt, ich hab mein Namensschild vergessen! Dann fällt mir ein: Ich bin ja nicht im Dienst. Dies ist ein anderes Hotel, und ich nur zu Gast. Ich versinke in dem luxuriösen weichen Teppich des Foyers, umweht vom Flair der Dekadenz, und bewundere die schönen Uniformen der Angestellten, zugleich jedoch denkend: Das muss im Sommer doch schweinewarm sein darin.
Man kann wohl nirgends mehr neutraler Gast sein, wenn man einmal auf der anderen Seite gearbeitet hat.

Der Blick aus der 7. Etage auf den Hafen ist atemberaubend. Endlich angekommen. Der Abschied von Langeoog fiel schwer. „Es sind doch nur 5 Tage“ schalt ich mich, aber offenkundig wurde ich zu sehr daran gewöhnt, etwas, das ich liebe, nie wiederzusehen, sobald ich es einmal verließ, und also fand mein Herz keinen Trost.

Als ich das letzte Mal von Langeoog wegfuhr, warst du noch bei mir. Natürlich verließ ich auch damals die Insel ungern, aber mit jedem Kilometer wurden die Lieder fröhlicher, die ich hörte, allesamt gesungen von dir, weil ich wusste: ich habe dich wieder.
Und dann warst du da, gestikulierend mit den Muschelschalen in deinen Fingern, die Augen jadegrün und deine schönen Lippen mit ihrem Sphinxlächeln glänzend vom Sud. Aufmerksam zuhörend, obwohl dich meine Vogelexkursionsgeschichten sicher nicht wirklich interessierten. Es war warm für Oktober, das erinnere ich. Später saßen wir auf dem stillgelegten Straßenbahngleis, unweit des hässlichen Mauerparks, Pappbecher mit Kaffee in der Hand, und ich fand das den romantischsten Ort der Welt.
Ich hätte Berlin lieben gelernt in diesem Moment.
Ich erinnere nicht, was wir sprachen, aber ich erinnere, wie sehr ich dich liebte an diesem Tag.
Warum weigert sich die Liebe nur so viel hartnäckiger, zu verschwinden, als alles, was mich an dir stört? Der Abschied: Irgendetwas Schlammig-Diffuses im Nebel. Das kurze Glück: So klar und strahlend wie dieser Tag, als wir die Muscheln aßen und du mich küsstest auf dem von Tauben zugeschissenen Bahnsteig der U2. Somewhere, beyond the sea.

Jetzt gibt es dich nicht mehr, nicht für mich zumindest, und das Bahngleis ist nur eines von vielen.
Muscheln aß ich noch keine in diesem Jahr.

Statt in jadegrüne Augen sehe ich nun in die ebenso schwer ergründlichen Wasser des Jade-Weser-Ports und befehle mich einmal mehr ins Hier und Jetzt. Ich schaue mir die Museumsschiffe an, die Ausstellungen und all die Sachen, die dich ohnehin gelangweilt hätten. „Das sind ja keine romantischen Schiffe“ höre ich dich noch sagen, als ich durch den Zerstörer klettere, und die Präzision dieser so unschuldig daherkommenden Aussage lässt mich seltsam berührt lächeln. Nein, meine kleine Nachtigall, denke ich, das hier ist Krieg.
Und wie viel lieber hätte ich Frieden. Mit dir und in mir.

Zurück im Hotel gehen die Lichter über dem Hafen und der Kaiser-Wilhelm-Brücke an. Die Aufbauten des Zerstörers und des Minenjagdbootes kann man gut dahinter sehen. Es gibt heute keinen Sonnenuntergang, der zu erwähnen wäre; die Dämmerung schleicht sich einfach heran, aber die bunten Lichter ankern das Jetzt in die Finsternis.

Es sind nur noch wenige Stunden bis Berlin. Gern bliebe ich noch, wenigstens an meiner Nordsee, wenn schon nicht auf der Insel. Aber ich muss. Die Nachricht eines lieben Freundes erreicht mich: Er wird da sein. Mit seinem herzerwärmenden Lachen und all seiner nonchalanten Hilfsbereitschaft wird er am Gleis stehen; fern von jenem altruistischen Narzissmus, der mir an vielen nur scheinbar hilfsbereiten Menschen so ungeheuer auf den Sack geht. Ihm indes glaube ich das. Ich freue mich wirklich.

Angst habe ich trotzdem. Vor diesem Wir, das hätte sein können, und das jetzt nur noch ein du und ich ist, du irgendwo, und ich … nunja.

Die Menschen an der Rezeption sind sehr freundlich, als ich die Rechnung bezahle. Ich möchte nicht packen, und frage mich einmal mehr, warum uns die Zeit immer dort wegrennt, wo wir glücklich sind, und sich zugleich hartnäckig in dem verhakt, was wir vergessen wollen oder was uns schmerzt. Warum fliegen 6 Monate Langeoog und 2 Tage Wilhelmshaven nur so dahin, aber nicht die Erinnerung an dich?

Ich darf nicht mehr an dich denken. Ablenkung suchend, betrete ich den Balkon und betrachte noch einmal die Museumsschiffe hinter dem eleganten Bogen der KW-Brücke:
Es sind ja schließlich keine romantischen Schiffe.

image

image

image

Momentaufnahme, Stille

Ich hasse Mützen.
Es gibt einfach keine Kopfbedeckung, mit der ich nicht aussehe wie eine Omma aus der Kolchose, aber es ist kühl geworden, also kaufe ich eine. Schließlich will man nicht als Tourist gelten, der den Wind des Nordens unterschätzt.
Das fleecegefütterte Wollteil auf den Ohren, mache ich mich auf den Weg zum Strand. Schon auf dem Weg durch die sattgrünen Dünen des Pirolatals höre ich die Brecher toben: Der Anblick der hochschlagenden Wellen ist atemberaubend.
Eine Surferin wirft ihr Board in die Flut; Ehrgeiz im Blick. Es nötigt mir Respekt ab.
Man kann viel bezwingen, wenn man kämpft, denke ich. Man sollte nur wissen, wann es lohnt. Und wann Kapitulation der größere Sieg ist.

Es tut gut, wieder diese Leichtigkeit zu spüren. Am Meer zu stehen, die klare Luft zu atmen und zuzuhören, wie Wind und Wellen dein Schweigen übertönen.

In zwei Wochen  muss ich nach Berlin. Zurück in die Fremde, die meine Heimat werden sollte, und wo ich nur dich als meinen Hafen fand.
Der Gedanke daran schmerzt immer noch.
Wie wird es sein, ohne dich? Ich habe dort auch andere Menschen geliebt, schelte ich mich, lange, bevor ich ihn kannte! Berlin ist nicht nur er. Ich habe dort Freunde. Und Bücher!
Dennoch. Ich erinnere die Wärme, die einem entgegenschlug, wenn man aus der Winterkälte kam, die edlen Lilien auf dem Tresen, all das Gold, die Musik, und mittendrin der schöne Seemannssohn, den ich liebte.
„Schreib“ hast du gesagt, „du musst schreiben“. Einst mochtest du, was ich schrieb. Und nun versanden all meine Worte vor dir in Stille.

Es fällt leicht, sich der schönen Dinge zu erinnern. Das Ende zu akzeptieren fällt schwer.

If I made you feel second best
Boy, I’m sorry I was blind

Sing das für mich, denke ich. Sing das und lass mich noch einmal in deinem Hafen ertrinken. Lass mich noch einmal deine Stimme hören anstelle deines Schweigens. Ich liebe deine Stimme, und ich will diese Stille nicht. Schreib mir. Rede!
Aber es wäre ja nicht wie früher.
Und singen wird er sowieso: Es ist halt sein verdammter Job.

Der Seewind frischt auf. Unter besonderer Berücksichtigung des Wörtchens „Restwürde“ zerre ich mich aus meiner Sehnsucht und schlage den Kragen meiner nachtblauen Wolljacke hoch; mich der omnipräsenten Funktionskleidung nach wie vor standhaft verweigernd. Da meine Jacke aus dem Bestand der Deutschen Marine stammt, kann ich so immerhin noch ein wenig Matrose spielen: Auch ohne mich in irgendwelchen Häfen zu betrinken.

Auf dem Strand liegt der halbskelettierte Kadaver eine Seevogels und ich ärgere mich darüber, dass ich ihn nicht sofort identifizieren kann. Mit der Schuhspitze schiebe ich den Schädel zurecht, damit ich den Schnabel sehen und ggf. zuordnen kann, aber ich weiß es wirklich nicht.
Immer noch grübelnd kicke ich ein paar Feuersteine herum, die heute in Mengen aufzufinden sind, und erinnere einen Tag meiner Kindheit: Eine Art Forschungscamp im Neandertal, wo kleine Hobbyarchäologen u.a. lernten, wie man mit solchen Steinen Feuer macht, wo man Fossilien findet und so weiter. Es ist eine sehr schöne Erinnerung, denn eigentlich wollte ich immer Forscher werden. In meinen Kindheitsträumen sah ich mich im weißem Kittel täglich durch meine Präparatekammer stromern, wenn ich nicht gerade irgendwo draußen durch die Botanik kroch oder Artikel für Fachzeitschriften schrieb. Ich weiß nicht, warum nichts daraus wurde. Wahrscheinlich waren meine Mathematiknoten einfach zu schlecht.
Heute erforsche ich nur noch die menschliche Natur: offenkundig mit ähnlich überschaubarem Erfolg.

Als ich das nächste Mal aus meinen Erinnerungen auftauche, bin ich schon weit gelaufen; der Strandaufgang ist kaum noch zu sehen, der Sand vor mir menschenleer. Aber mich ängstigt hier nichts. Das grüne Band der Dünen ist mein Ariadnefaden, an dem ich sicher nach Hause finde. Außer dem Rauschen des Windes und der Brandung ist kein Geräusch zu hören. Ab und zu ruft ein Seevogel.

Das hier, denke ich, liebe ich noch mehr als dich. Weil die Stille hier schön ist.

image

image

image

Momentaufnahme, Brandung

Die Flut kommt heute schneller als sonst. Als ich zurückwate, ist der Priel bereits knietief, und nichts hätte darauf schließen lassen. Die tintenblaue See brandet unter einem makellosen Spätsommerhimmel in geradezu poetischer Sanftheit an die Sandbank. Was für eine unberechenbare Schönheit, denke ich: Eine gefährliche Geliebte.

„Deswegen bist du also hier“ fragt die Freundin und ich nicke berührt. Sie muss es gesehen haben, die Ergriffenheit in meinen Augen. Und all die Liebe. Wir stehen am Strandaufgang und betrachten das Wasser.
„Ja, sage ich. Das ist alles, was ich liebe. Das hier ist Glück.“
Sie schweigt, und erst einige hundert Meter später traue mich mich zu fragen, ob sie es nicht mehr liebt, hier. Doch, sagt sie. Wie könnte man das nicht lieben.

Und dann ist da plötzlich wieder jemand, der dir vertraut und seine Spuren neben deine setzt. Ich erzähle ihr von dir und von der Liebe zur Insel, die größer ist, trotz deiner Allgegenwärtigkeit. Er hat so viele Augenfarben, sage ich, und zeige ihr alle Stellen am Himmel und im Meer, die mich daran erinnern. Sie hat auch einen dich, und so erzählen wir von Liebe und Freundschaft bis weit ins Pirolatal. Auch ihre Augen sind grünblau wie die See und ihr Haar glänzt in diesem strahlenden Weizenblond, wie es nur gebürtige Friesinnen haben.
Ich würde mich nicht schämen, wenn uns jemand der anderen Strandspaziergängerinnen für ein Paar hielte.

Der Zauber des Anfangs. Es ist ein schönes Gefühl zu spüren, dass ein Mensch ein Freund sein möchte. Dass sie Dinge erzählt, die ich missbrauchen könnte, wenn ich ein Arschloch wäre, aber ich bin ja keins; zumindest bemühe ich mich darum.
Dennoch werde ich traurig, je mehr ich sie ins Herz schließe. Denn wie oft hat man auch Freundschaften über irgendwelchem Trivialscheiß enden sehen? Natürlich tut es nicht auf die selbe Weise weh, einen Freund oder eine Freundin zu verlieren, wie von jemandem verstoßen zu werden, den man geliebt hat, aber egal ist mir sowas nicht. Kurz erinnere ich ein, zwei Freunde, bei denen ich es immer noch schade finde, aber dann gab es ja auch genug Personen, die ich nicht mehr in meinem Leben wollte, und so macht man halt weiter: everybody hurts sometimes.

Trotzdem ist sie wieder da, die Angst vor dem Ende noch vor dem Anfang.
Zulassen, sage ich: Der Augenblick zählt. Aber es fällt schwer, immer wieder.
Fast haben wir das Ende der Insel erreicht. Schau, denke ich, es gibt einen Menschen, der mit dir ans Ende der Welt läuft. Der das angebetete Foto desjenigen welchen mit einem unbeeindruckten „ich finde, der sieht eingebildet aus“ zurückgibt und ihn allein dafür hasst, dass er dir wehtut.
Freunde sind toll. Und ich wünschte, ich wäre vom Leben nicht so versaut.

Sie geht den ganzen Weg mit mir zurück.

Am nächsten Tag stehe ich alleine am Meer. Auf dem ipod höre ich deine schöne, warme Stimme, während die Brandung meine Füße umspielt und der Priel glitzert wie das Perlmutt in den herumliegenden Muschelschalen. Du singst ein Lied von einem Juwelier, der nachts Münzen poliert. Auch das ist wahnsinnig poetisch:

The coins are often very old by the time they reach the jeweller
With his hands and ashes he will try the best he can
He knows that he can only shine them, cannot repair the scratches
He knows that even new coins have scars
So he just smiles

Und ich lächele, auch wenn mich deine Stimme traurig machen sollte. Sie tut es nicht. Denn eines habe ich aus allen zerbrochenen Freundschaften und Beziehungen gelernt: Es gibt immer irgendetwas Schönes, das bleibt.
Und sei es nur die Erinnerung an das Glück des Anfangs.

image

Momentaufnahme, Schuld

Die Regengüsse der vergangenen Nacht haben das bunte Herbstlaub an die Erde des Feldweges geheftet, und schon bald wird die vor wenigen Tagen noch im Wind tanzende, raschelnde Blätterpracht Teil dieser Erde sein, im ewigen Kreislauf von Entstehen und Vergehen, von Leben und Tod. Dazwischen graue Steine und ein wenig Moos.

Als ich mit dem Fahrrad um die Ecke biege, kann ich einem besonders großen Stein nicht mehr ausweichen und richte mich auf ein Straucheln des Vorderrades ein. Aber der Stein ist weich, als ihn das Rad berührt, und auch nicht grau, sondern schwarzweiß mit Stacheln: Ein Igel, der sich erschreckt zusammenballlt und weder vor- noch zurückweiß.
Ich bremse scharf. Auch das noch. Dass man mit einem Auto im Herbst Igel überfährt: Tragisch genug, aber mit einem Fahrrad? Ich starre die stachelige Kugel ängstlich an: Hoffentlich kommt kein Blut.
Nach ein paar Sekunden entknäult sich der knopfäugige Geselle jedoch wieder und humpelt von dannen, offenkundig nicht schwer verletzt. Ich warte schuldbewusst, bis er den Weg überquert hat und im Gebüsch verschwunden ist. Zum Glück können sogenannte primitivere Kreaturen nicht hassen; ansonsten wäre ich bei dem Tier jetzt wohl unten durch.

Was aber wäre gewesen, wenn ich ihn verletzt hätte? Wie tötet man einen Igel, wenn es denn sein muss? Ich erinnere eine andere Geschichte, kaum zwei Monate her.

Über dem Leergutlager des Hotels nisten Schwalben in der Regenrinne. Wie sehr habe ich mich darüber gefreut, bei der doch eher eintönigen Arbeit des Flaschensortierens von deren fröhlichen Tschilpen und Zwitschern umgeben zu sein, gefolgt von den ersten neugierigen Schwalbenkinderköpfchen, die aus ihrem Nest lugten, kurz vor den ersten Flugversuchen.

Und dann dieser sonnige Morgen, an dem eines tot zwischen den Kästen lag. Der Himmel strahlend blau, und hier dieser kleine Vogel, der niemals dahin aufsteigen wird, weil er sich zu früh aus dem Nest wagte. Du hättest es schön gehabt, denke ich, als ich den gefiederten Leichnam aufs Kehrblech lade, so ein wunderbarer Sommer.
Der Koch findet mich in betrübter Betrachtung. „Da drüben ist noch einer, aber der lebt noch“, sagt er, und mich schaudert. Denn natürlich trifft „lebt kaum noch“ die Sache eher. „Warum habt ihr ihn denn nicht umgebracht?“ schimpfe ich, als ich erfahre, dass sich das Tierchen dort schon seit Stunden quält und man ihn nur außer Sichtweite schob, um sein Leiden nicht mitansehen zu müssen. „Ich kann keine Tiere töten“, heißt es. „Aber leiden sehen?“ Der Koch schweigt. Mich quält letzteres mehr, und so beschließe ich, das Unvermeidliche zu tun und lasse mir den Vogel zeigen.
Es ist so ein hübsches kleines Schwälbchen. Das Gefieder schon voll ausgebildet, schleppt es sich mit gebrochenem Rückgrat über den schmutzigen Hof, von Fliegen verfolgt, die den nahen Tod riechen.
Vorsichtig nehme ich den kleinen Vogel auf, er tschilpt leise. die Kollegen umringen mich. „Geht doch weg, bitte. Niemand soll dabei zugucken“ sage ich den Leuten; sie schleichen sich ohne Widerspruch.
Es ist nicht schön, der Henker eines Lebewesens zu sein, das man lieb hat, und so streichele ich dem Schwälbchen mit einem Finger noch durchs Gefieder und murmele eine Entschuldigung, bevor ich ihn mit aller Kraft auf die Steine knalle. Stirbt bitte, flehe ich, ich will das nicht nochmal machen müssen.
Der Vogel ist tot.
Die Kollegen murmeln Bewunderndes, als ich das Tierchen zur Mülltonne trage. Als niemand hinsieht, pflücke ich eine Blume aus dem Kübel neben dem Müllhäuschen und wickele sie zusammen mit der Schwalbe in ein Papier — kurz überlegend, ob das jetzt Biomüll ist und mich zugleich für diese Überlegung scheltend: Es ist eine Beerdigung, sage ich mir, soviel Würde muss sein.
Ich klappe die Tonne zu und muss den Vogel vergessen, ebenso wie meine Schuld. Er wäre sowieso gestorben, sage ich mir. Ihn hätte auch ein Tierarzt nicht retten können. Er hätte niemals in den Himmel aufsteigen können, nicht in den irdischen zumindest.

Dennoch passt auch kein Euphemismus wie „Erlösen“ oder „Retten“. Ich habe den Vogel nicht gerettet. Ich habe ihn umgebracht, das macht mich zum Mörder. Und zwar per definitionem mehr als jene, die dem Schwalbenkind nur beim Sterben zugesehen hätten. Aber vielleicht ist es gerade das Gefühl der Schuld, das einem auch ein Stück weit Absolution erteilt? Ich weiß es nicht.
Ist im gesellschaftlichen Konsenz ein Tierarzt, der einen leidenden Hund einschläfert, schuldig, selbst wenn er dabei vielleicht gar keine Schuld mehr empfindet, sondern nur seinen Job macht, weil das Töten von Tieren nunmal leider dazugehört?
Und haben wir als Kinder nicht alle mal ausprobiert, wieviel man von einem Regenwurm abschneiden kann, ohne dass er verendet, oder so ein Tier angezündet? Und gleichzeitig ums erste alterschwach dahingeschiedene Haustier geweint?
Man macht sich wohl ständig schuldig an irgendeinem Mitwesen, und von den Menschen will ich dabei gar nicht erst anfangen.
Jetzt also auch noch der Igel, beinahe.

Im Wäschekeller sitzt eine Spinne an der Wand. Klein genug, dass ich noch ohne Schnappatmung den Raum betreten kann, aber groß genug, um mir Unbehagen zu bereiten.
Friss Mücken, sage ich dem Viech. Dann taugst du wenigstens was, wenn du schon scheiße aussiehst. Ansonsten … mein Blick gleitet zum Kehrblech mit seiner glatten, schlagfesten Unterseite.

Draußen regnet es wieder. Ein schmales Rinnsal tropft die Kellerstiege herab und breitet sich zu einer kleinen Lache. Vielleicht ertrinkt sie ja, denke ich, die warme, duftende Wäsche aus dem Trockner zerrend. Dann mache ich mir zumindest nicht die Hände schmutzig.

Ich lasse die Spinne leben.

image

image

Momentaufnahme, Abendspaziergang

Das Weinlaub an den Friesenhäuschen leuchtet bereits so dunkelrot, dass es vor den Klinkersteinen kaum noch auszumachen wäre, gäbe es nicht auch die hübschen weißen Holzgiebel, an denen es sich dekorativ entlangschlängelt, der Sonne entgegen. Auf den Bürgersteigen wandern welke Blätter mit der unmissverständlichen Botschaft: Es istP Herbst. De facto schreiben wir den 18. September, aber es ist noch so warm, dass man das Gefühl hat, der Sommer klammere sich mit aller Gewalt an dieses Jahr wie ein Mensch an seinen abtrünnigen Geliebten.

Ich freue mich auf den Herbst. Ich mag seine Gerüche und Farben, die Zugvogelschwärme, und natürlich mag ich auch das Ende der Hauptsaison, wenn man auf der Hauptstraße wieder anständig Fahrrad fahren kann anstatt lediglich im Schneckenslalom um Touristen herumzueiern und einen die Menschen auf dem Deich wieder grüßen.

Zuhause. Noch nie gab es einen Ort, an dem ich mich in mir und mit mir so wohl gefühlt habe wie auf Langeoog, und das Schönste ist, das hier alles gerade erst anfängt, egal, wie sehr vom Lebensalter her schon Halbzeit ist.
Und so trauere ich dem dahinscheidenden Sommer nicht hinterher, sondern halte ihn lediglich für den ersten in einer Reihe von wunderbaren Sommern, die ich allesamt lieben werde.

Lieben.
Ich werde jetzt keine Kalendersprüche abseihen von der Art, dass man nur geliebt wird, wenn man sich selbst lieben lernt und so weiter — denn dazu wurden wohl schon genug kitschige Geschenkratgeber geschrieben.
Über genau so einen stolpere ich indes in der Buchhandlung auf dem Weg zum Strand. Normalerweise meide ich diese eher, da sie in der Regel zu eng und zu voll ist, aber heute schaue ich mir zumindest die Körbe mit den bunten Geschenkbüchern vor der Tür an. „Gib auf, was dich klein macht“ heißt eines; ein billig produzierter Pappband mit Spiralbindung und trutschigem Layout. — Die Art Büchlein, die einem gutmeinende Tanten oder Ergotherapeutinnen nach einer Depressionstherapie zum Abschied schenken. Ich riskiere einen Blick hinein. Ein Fragebogen, natürlich: Was mögen Sie an sich am meisten?

Lächerlich. Ich werfe das Buch verärgert zurück. Was nützt mir, was ich an mir mag, wenn du das alles Scheiße findest. Ich marschiere zügig weiter zum Meer. Das Sonnenuntergangsspektakel hat schon begonnen, und ich möchte noch einen freien Strandkorb, oder, besser noch, eine leere Schaukel.

Auf dem ipod habe ich dänische Musik. Ein Lied handelt von der Unmöglichkeit einer Liebe; von Menschen, die eigentlich gar nicht zusammenpassen, aber dennoch: Du er den jeg elsker. Letztendlich bist du es, den ich liebe. Die alte Erkenntnis also: Es ist, was es ist.

Natürlich dachte ich bei diesem Lied bislang immer an dich, aber heute denke ich: Warum bin ich das eigentlich nicht selbst?
Natürlich klingt es immer furchtbar vermessen, im Zusammenhang mit sich selbst von Liebe zu sprechen; für Menschen mit tendenziell schwachem Selbstwertgefühl ist das wohl auch zeitlebens unmöglich, aber ich schaue in den wunderbaren Sonnenuntergang und denke: Es reicht doch auch, mit sich selbst befreundet zu sein. Nett zu sich zu sein, oder sich selbst zumindest nicht beschissener zu behandeln als die Umwelt das schon zuweilen tut. Sich gut zu nähren, schön zu kleiden, aufmerksam zu sein gegenüber seinen Bedürfnissen. Wenn wir das bei anderen Freunden hinkriegen — warum misslingt das so oft bei einem selbst?
Würden wir unsere Freunde permanent kritisieren und hinterfragen, ihnen kein Eis erlauben, wenn sie gern eines hätten oder ein paar Mußeminute in der Sonne? Warum sind wir dann mit uns selbst so streng?
Ich muss besser auf mich aufpassen, denke ich, mich beschützen, wie ich einen Freund beschützen würde, egal, wie multipel das jetzt klingt.
Und wenn du jetzt also Dinge an mir hasst, die ich an mir mag, dann passen wir eben nicht zusammen, egal, was mein Hormonhaushalt dazu sagt, und es wäre nicht der erste Punkt, an dem unser Sinn für Stil getrennte Wege geht.
Der Rest ist Biochemie, und die geht, nunja, den Weg alles Irdischen, nämlich vobei. Ach, Liebe.

Aber Freundschaft: Ist sie nicht ohnehin beständiger als Liebe, mit ihrer respektvollen, aber stets verantwortungsbewussten Distanz? Nun willst du auch mein Freund nicht sein und könntest es auch gar nicht. Aber ich — kann ich mein Freund sein? Hält man sich selbst aus, wie man einen anderen aushalten würde?
Ja, denke ich, von plötzlicher Erkenntniseuphorie übermannt: Ich bin mein Freund, und ich bin glücklich,  so wie ich hier stehe, das ungeschminkte Gesicht im Wind. Ich bin endlich ich selbst und alles, was ich immer sein wollte. Nein, ich bin nicht so schön, wie ich gern wäre, nicht so begabt in vielen Dingen, und ich bin niemand, den du begehrst. Aber ich mag mich. Und manchmal bin sogar ich schön. Es ist nur schade, dass du das nicht siehst.

Bullshlit, funkt der Sadist in mir dazwischen. Komm, wir machen Fotos: Beschissen siehst du aus, und alt obendrein, ein alterndes Es, und niemand liebt dich, außer deinen Eltern vielleicht, aber Eltern lieben auch Mörder, wenn’s sein muss.
Los! Erinnere dich, wie du die Ame um ihn legtest, und er sich vertrauensvoll an dich lehnte, los! Erinnere! Den Kuss in seinen weichen Nacken, das sanfte Lächeln. Damals, damals, als noch irgendwas glänzte im Verborgenen und er sich noch nicht wand in deinen Armen. Erinnere dich!
Wäre es jetzt nicht schöner, hier im Watt, barfuß, noch einmal so mit ihm zu stehen, die Reflektion der untergehenden Sonne in seinen meergrauen Augen? Seien wir doch ehrlich: Du müsstest nicht krampfhaft versuchen, dich selbst zu lieben, wenn er es noch täte! Billiger Ersatz und Selbstbeschiss ist das; ein erbärmliches Trostpflaster für die Übriggebliebenen!

Ich seufze resignierend. Nein, sage ich dem Sadisten. Nein. Es wäre nicht schöner. Es wäre nur anders. Ich versuche mir uns barfuß im Watt vorzustellen und weiß nicht einmal mehr, wie deine Füße aussehen, außer, dass sie klein sind wie meine: Vergessen ist manchmal etwas Wunderbares.

Und plötzlich fällt mir auch ein, was ich an mir am meisten mag:
Es ist die nicht totzukriegende Fähigkeit zu Träumen, trotz aller Enttäuschungen. Wie anders könnte ich sonst hier stehen? Dass ich hier bin, verdanke ich allein mir selbst — wie könnte ich da nicht mein Freund sein?

Ich denke noch ein Mal an meine Liebe und lasse den Vogel frei. Irgendwo zwischen Berlin und Langeoog, oder vielleicht auch nah der dänischen Grenze. „Birds of passage, you and me, we fly instinctively“ singen ABBA: „When all is said and done“.

Auf der Insel wird es Herbst. Vor dem letzten verglimmenden Sonnenrest steigt ein Schwarm Sanderlinge in den Himmel.

Momentaufnahme, 11. September

In der Inselkirche auf Baltrum steht ein Votivschiff. Das eindrucksvolle Modell eines Schoners ist dem alten Küstenbrauch geschuldet, dass Seeleute, wenn sie gerettet wurden, Gott zum Dank (oder als eine Art Opfergabe, daher auch die Herleitung vom lateinischen „votum“) ein Schiff schenkten, und so schmücken viele dieser Schiffe die Kirchen auf den ostfriesischen Inseln.
Ich bin kein gläubiger Mensch oder habe zumindest mit dem Bodenpersonal des Herrn so meine Schwierigkeiten, aber da es auf Baltrum sonst nicht viel zu sehen gibt, betrete ich die Kirche und schaue mir das Schiff an.
Hier stehe ich also, im Jahre des Herrn 2014, zwischen hellblau lackierten Kirchenbänken, vor dem winzigen Altar mit Blumen, Kreuz und Schiff. Es riecht nach Kerzen und alten Büchern und man versteht auch als Agnostiker, warum so ein Ort noch immer manchen Menschen Trost spendet, selbst wenn diese mit Gott möglicherweise genauso hadern wie ich.
Und ich hadere. Denn wie wohl viele andere, weiß auch ich noch genau, wo ich heute vor 13 Jahren war.

„Kommt schnell zum Fernseher, in Amerika ist etwas ganz Schlimmes passiert!“ ruft meine Mutter aus dem Bügelzimmer. Mein Vater und ich kommen eine Etage tiefer gerade zur Tür rein und ich habe es nicht eilig, weil in Amerika doch dauernd irgendwas Schlimmes passiert. Das sage ich auch so, aber Muttern setzt ein „wirklich schlimm“ hinterher, und also gehen wir pflichtschuldig gucken. Im Fernsehen brennt das World Trade Center, und ein Mann schreit „Oh my god, there’s another plane!“
Ich kann nicht begreifen, dass der in sich zusammensackende Turm die Wirklichkeit ist, ebenso wenig wie das Flugzeug, das gerade in den zweiten gleitet, als sei er aus Butter statt Stahl und Glas.
Ich sehe all das Papier und die schwarzen Punkte, die schneller zu Boden fallen als das Papier aus den Büros, und irgendeine Ecke meines Unterbewusstsein sagt: Das sind keine Menschen, nein. Sag, dass das keine Menschen sind. Nicht jetzt und nicht wirklich. Film. Ein Film, ja.
Es ist kein Film, die Nachrichten berichten nichts anderes und wochenlang arbeiten sich Experten ab an dem Warum, vermutlich bis heute. Ich verstehe nichts von Amerika, bis auf dass ich einige Staaten auf der Landkarte zuordnen kann, und also sage ich zu dem Grauen jetzt nicht Kluges, aber ich stehe auf Baltrum vor Gott und frage auch ihn_sie dieses: Warum. In Deinem Namen.

Schau, das Schiff. Dankbare Menschenleben, die Du gerettet hast. Die anderen auf dem Meeresgrund? Eine verblasste Inschrift auf dem Friedhof, oder nirgends. Manchmal gehe ich auf Soldatenfriedhöfe und versuche mir zumindest ein, zwei Namen zu merken, weil Vergessen fast noch schlimmer ist als ein sinnloser Tod. Es gelingt selten.

Wahrscheinlich gibt es Gott nicht, denn wie soll jemand, der soviel Sinn für Schönes besitzt und eine so großartige Natur erschafft mit all ihrer detailverliebten Perfektion, gleichzeitig soviel Grauen, soviel Hässlichkeit in der Welt zulassen können? Weil die Natur per se grausam ist, mag der aufgeklärte Geist antworten, und weil keine Schönheit ohne Hässlichkeit existieren kann, oder zumindest nähmen wir sie dann nicht als solche wahr. Der schöne Vogel frisst den schönen Schmetterling, und die Blumen verrotten irgendwann zum selben stinkenden Morast wie du und jeder, den du liebst. Und aus dem Morast wächst dann etwas neues Schönes. Und so weiter.
Ja, aber, magst du rufen, und jeder weiß, was dieses aber ist: Warum soviel Grauen in Deinem Namen?

Denk mal darüber nach, sage ich Gott und verlasse sein Haus, das jetzt leer ist, ohne mich, den zweifelnden Geist darin, und ich denke, dass Er manchmal ganz schön einsam sein muss, sofern Er nicht doch nur ein Konstrukt ist, eine jahrtausendelang und kulturübergreifend bewährte Ausrede für die Auswüchse menschlicher Grausamkeit, die sich mit nichts anderem rechtfertigen lassen als mit der, nunja, per se grausamen Natur des Homo manchmal-nicht-ganz-so-sapiens: Homo homine lupus.

Auf der Rückfahrt von Baltrum schlafe ich auf den sanft schaukelnden Wellen in der Sonne ein. Es ist so ein schöner Tag, auch wenn einem das unschöne Datum die überbordende Freude daran verbietet.
Im Langeooger Inseldorf gibt der Shantychor ein Konzert. Von Schiffbrüchigen wird gesungen, von Armut und vergeblich wartenden Matrosenmüttern. The cold arms of the deep.
Ich löffele warmes Zimtpflaumenkompott mit Vanilleeis, erneut nicht ohne schlechtes Gewissen ob solch oberflächlicher Freuden an so einem Tag, und denke an den letzten Berliner Winter: Als du es noch warst, der mir im Hafen traurige Seemannslieder sang.
Nun bin ich sicher in einem anderen Hafen, nicht schiffbrüchig, und losgebunden vom Mast.
Ich stifte Gott kein Votivschiff dafür. Aber vielleicht kaufe ich eines für die Fensterbank.

Robert Frost schrieb:

In three words I can sum up everything I have learned about life: It goes on.

Vergessen muss man ja trotzdem nicht.

R.I.P.

(Anm. d. Verf.: Das Votivschiff „Jefta“ steht in der großen ev.-luth. Kirche auf Baltrum. Ich verlegte es aus athmosphärischen Gründen aber in die Alte Kirche, welche auf den Fotos zu sehen ist.)

image

image

image

Momentaufnahme, Kutter

Von den feingekräuselten Wellen des graugrünen Ozeans spritzt mir Gischt ins Gesicht. An den sonnenwarmen Schiffsstahl gelehnt, genieße ich die Erfrischung und lasse mich auf dem Hintergrundrauschen aus Motorenbrummen und Touristengeplänkel treiben. Es ist schön, hier zu sein, umgeben vom Meer, das ich liebe, unweit des Heimathafens: Zuhause.

Dennoch sind die Gedanken rastlos. Denn wie könnte ich mich auf einem Schiff befinden, ohne an dich zu denken, den Seemannssohn, die Stimme rau wie das grobe Tauwerk zu meinen Füßen und mit ihrer warmen Tiefe dasselbe wohlige Vibrieren auslösend wie die alten Schiffsmaschinen unter Deck.
In ein paar Wochen muss ich wieder nach Berlin: Nicht aufschiebbare Behördenangelegenheiten, deren seelenlose Kälte einen umsomehr sticht, je mehr man sich innerlich sträubt zu fahren. Ich will nicht in ein Berlin ohne dich in meinem Leben.
Sicher: Meine Sachen. Die Freunde. Der Irish Pub, den ich liebte. IKEA und indisches Essen. Supermärkte ohne Mondpreise.
Dennoch: Es ist zu früh.

Neben mir kuschelt ein Pärchen an der Reling. Ich wende den Blick ab.
Manchmal denke ich noch an deine Hand in meinem Haar, und der Seewind ist kein adäquater Ersatz.
Die Fähre kommt uns entgegen. An Bord lauter Menschen, Urlauber die meisten, auf dem Kontinent einkaufende Insulaner, oder vielleicht jemand wie ich: Mit der Hoffnung, dass es leichter würde, wenn man es selbst ist, der geht. Das ist es nicht. Denn man erwischt sich ja doch nur ständig dabei, wie man die neue Liebe mit der alten betrügt, auch wenn es sich bei der neuen Liebe nur um eine Insel handelt.

Ich sehe das anfängliche warme Lächeln in deinen Augen und all die Farben und die Weite des Ozeans darin: Zumindest war es das, was ich sah, sehen wollte. Und wie es dem wich, was blieb: Einer grauen Masse Nichts.
Tschüss.
Ich ging. Und du bliebst mit dieser Person, die ich hasste, stellvertretend für dich, weil es immer leichter ist, jemanden zu verabscheuen, der einem scheißegal ist, als jemanden, den man liebt, selbst wenn es möglicherweise den Falschen trifft.
„Das Leben ist niemals fair, und für die meisten von uns ist das auch gut so“, schrieb Oscar Wilde.
Life is never fair, und es ist hart, zu verlieren, wenn man nicht einmal würdige Gegner hat. Wenn der Krieg kein Krieg ist, sondern absurdes Theater, Impro dazu.
Also räumt man das Feld noch vor dem Spielende; ohne Kapitulation, aber mit Bitternis; fassungslos ob dieser Lächerlichkeit, mit jenem teerartigen, zähen und schwarzen Giftgefühl im Herzen, das immer nur die anderen gewinnen lässt.

Der Anker fällt und gräbt mich mitsamt dem Kutter in die Heimaterde. Kein Wegdriften mehr in Untiefen, durch die ich nicht steuern kann, um an Klippen zu zerschellen, von denen dein süßer Sirenengesang hallt.
Ich bin hier.

Im zügig hochgehievten Netz glitzert die Beute. Während die Krabben kochen, bestaunen die Touris den Beifang. Eine kleine Scholle schwimmt im weißen Plastebecken; immer wieder reckt sie das niedliche Köpfchen mit den Seitenaugen zum Rand, als wolle sie darüberlugen. „Wie süß“, rufen die Kinder und nehmen die Scholle aus dem Becken, auf der flachen Hand herumzeigend, in der Begeisterung vergessend, dass so ein Fischlein an Land nicht atmen kann. Immer wieder wirft man sie ins Becken zurück und zerrt sie heraus, und ich möchte was sagen, aber traue mich nicht.
Bald rührt sich die kleine Scholle nicht mehr. Platt liegt sie auf dem Wannenboden; die zarten Flossen zerfetzt, die Kiemen in kaum noch merklicher Bewegung.
„Die stellt sich nur tot, oder, Mama?“ Na, wenigstens einer merkt was. Ich werfe der Mutter einen vielsagenden Blick zu.
„Ja“, sagt die Mutter, und sie weiß, dass ich weiß, dass sie lügt, und das Kind auch. „Mörder“, denke ich, man kann das Kind ja ruhig mal beim Namen nennen, im Wortsinne. Angesichts meines ansonsten nicht unbeträchtlichen Appetits auf Scholle Finkenwerder Art mit Butterkartoffeln halte ich aber lieber die Fresse und pule noch eine frischgekochte Krabbe.
Ich kann das wieselflink, harter Lehrjahre im Chinarestaurant sei Dank, obwohl ich es freilich hasste, kiloweise Garnelen den Kopf abzureißen und die Scheiße aus dem Arsch zu wischen, während gefühlt jeder andere in meinem Alter durch die Clubs zog und ein Leben hatte.
Arbeit, Arbeit.

So ist das also, denke ich. Niemand hatte die Absicht, eine Scholle zu ermorden. „Schau mal, wie süß!“ Und dann will man das Lebewesen, das man ins Herz schloss, stolz herumzeigen, ohne zu merken, wie sehr man es mit seiner Liebe erschlägt. So ist das also.

Ich wende den Blick ab. Der Schiffsjunge kippt den Beifang ins Meer: Zumindest bekommt der kleine Fisch eine hübsche Seebestattung.
Bald sind wir wieder im Hafen. In meinem, nicht in deinem, wo ich wohl keinen Liegeplatz mehr bekommen werde. Und also werde ich Trockenfallen im Oktober, irgendwo weit draußen, wo ich dich nicht singen hören kann: Kein Lied von Wiederkehr und keins vom Leben.

Dabei will ich doch gar nicht bleiben. Aber manchmal wäre es schon schön, wenigstens zwei Mal gehen zu dürfen.

image

image

image

Momentaufnahme, Freundschaft

Jetzt ist er weg, der Freund, und man sieht ihn als winzigen Punkt auf dem Achterdeck der Fähre im Wolkengrau verschwinden. Er winkt noch, und ich weiß, dass er es hasst, von Schiffen zu winken, so wie er Abschiede hasst als solche, aber er macht es trotzdem, weil mich das freut und weil er ein Freund ist.
Ich stehe auf dem Kai, aufs Geländer gestützt, als sei dies meine Reling, und meine Insel hält mich, aber es fällt dennoch schwer, nicht zu weinen.
Und schon wieder lasse ich jemanden am Hafen zurück, nur bin diesmal ich es, der bleibt. Auf dem noch ankernden Ausflugsdampfer nebenan verschwindet gerade die erste Offizierin im Steuerhaus; sie ist sehr nett und hübsch, und sie winkt mir, als sie mich sieht, irgendwelche Schiffsgerätschaften in der Hand, das schöne goldblonde Haar zum Knoten gewickelt. Ich mag sie sehr gern und jetzt weine ich wirklich, weil auf der Insel schon so viel vertraut ist, aber auf dem am Horizont verschwindenden Fährschiff eben auch.

Auf dem geliebten Boden, auf dem ich endlich wurzeln will, setze ich meinen Weg fort zum Süderdeich. Erstes Sonnenlicht bricht durch die Regenwolken und lässt das Schlickwatt am Flinthörn silbrig erstrahlen. Große Brachvögel und all die anderen üblichen Verdächtigen stochern und staksen; das Boot der Seerettung flitzt vorbei, hoffentlich nur auf Routinefahrt.
Zwei Austernfischer rufen sich etwas zu und ich muss lachen, weil ich mich an die schönen Tage erinnere, all die Geschichten, die wir erfanden, und weil es schön ist, einen Freund zu haben ohne all das Komplizierte, was Liebe nun einmal mit sich bringt.
Mit dem man in menschenleeren Dünen Handstand machen und Räder schlagen kann, auch wenn man dabei gerade einmal noch den Arsch in die Höhe bekommt oder prompt auf nämlichem landet. Der einen wirklich festhält und das nicht nur behauptet. Und der einen auch noch mag, wenn man peinlich ist oder zum Hundersten Male von ihm quakt, dem einen, demjenigen, welchen, den man ebenfalls zurückließ am  Hafen oder der einen fortschickte, wie auch immer.

Jedenfalls schaut man ihn an, den Freund, er ist sehr schön, und man fragt sich: Warum ist eigentlich nicht er derjenige, welche? Gründe gibt es nicht wirklich. Aber manchmal ist eben auch ein Traummann nur ein Freund, und ich bin heilfroh darüber.
Wieviel Urvertrauen, wieviel mehr Ungezwungenheit liegt in einer Liebe, der dieses bedrohliche Knistern fehlt, das einen Anfang einläuten mag, aber wieviel oft mehr ein Ende.

Dennoch bin ich traurig. Das Schiff ist kaum noch zu erahnen. Sicher ist er schon auf dem Festland, auf den Koffer wartend, auf dem Weg zurück in sein Leben, das andere, aus dem ich aber auch nicht fort bin nach all den Jahren, und das ist schön.
So bleibt ein Teil von ihm hier, und ich werde ihn lachend am Sanddornbusch Beeren pflücken sehen, auch wenn längst der Schnee auf den dornigen Zweigen liegt.

Im Gebüsch liegt ein platter Wasserball mit dem Werbeaufdruck einer Apotheke. Noch ein Relikt vegangener Urlaubsfreuden, dem Verfall anheimgegeben. Ich denke an den nahenden Herbst. Wenn Millionen von Zugvögeln hier Rast einlegen, bis auch sie die Insel wieder verlassen. Einige werden nicht wiederkehren.

Doch die anderen kommen wieder, und sie verlassen mich nicht ohne Hoffnung auf Frühling.

image

image

image

Momentaufnahme, Pflicht

 

Vor meiner Nase baumelt ein Zuckerstreuer. „Haben Sie Zucker?“ Ich starre den Mann, der das fragt, entgeistert an. „Zuk-ker?“ versucht er es noch einmal langsam und deutlich, wahrscheinlich hält er mich für die polnische Küchenhilfe. Ich murmele irgendetwas Dienstleistungsorientiertes und verschwinde in der Küche. Durch das Bullauge in der Schwingtür starre ich weiter.
Er steht im Restaurant und wartet: Mit kurzem silberfarbenen Haar, grauen Augen, skandinavischem Gesichtsschnitt und genau jenem energischen Zug ums Kinn, der dafür sorgt, dass er trotz seiner kleinen, kompakten Statur nicht kindlich wirkt.
Der Mann sieht aus wie du. Nicht im Detail. Aber ähnlich genug, um dem zielgerichteten Befüllen eines Zuckerstreuers den Schwierigkeitsgrad einer Marsexpedition zu verleihen. Ich bringe ihm den Zucker und er setzt sich zu Frau und Kind in die Sonne.

In der Pause radele ich die Hafenstraße herunter. Es ist ein Tag von enervierender Makellosigkeit. Links von den Gleisen der bunten Inselbahn stehen zwei Haflinger auf der Weide wie Schleich-Tiere in einer Modelleisenbahnlandschaft. Die Natur explodiert in Blüten und Farben. Am wolkenlosen Himmel jagen Schwalben in flirrender Formation. Auch das Hafenbecken, das hinter der Hügelkuppe in Sicht kommt, offeriert heute die perfekte Idylle. Möwen stochern friedlich im Schlick und in den Masten der Segelboote singt der warme Sommerwind leise ein sanft klingendes Lied.
Es ist so schön, dass man kotzen möchte.
Ich will schneller fahren, aber dauernd springt der Gang raus an meinem alten Rad und ich trete schmerzhaft durch. Muße, sage ich mir, fahr doch langsam. Genieße. Aber ich will das heute nicht; ich will dass einmal etwas in meinem Tempo geschieht, ich will dann wegkommen, wenn ich weg will, und zwar so schnell, wie ich will.
Wenn man doch nur Dinge beliebig beschleunigen könnte. Vergessen zum Beispiel.

Der hübsche blonde Kellner in der Teestube mag mich heute auch nicht erheitern. Was ist das bitte für eine Scheiße mit der Liebe?
Ich verliere mich in kitschigen Träumen: Was wäre, wenn ich deine Familie wäre und das hübsche Reetdachhaus hinter mir unseres? Ich käme von der Arbeit und würde dich im Garten werkelnd vorfinden, oder lesend auf der blau lackierten Friesenbank vorm Haus (wir strichen sie zusammen), den Hund zu deinen Füßen. Wir tränken Tee zusammen, aus Tassen in Friesisch Blau natürlich, und du würdest mir alle Neuigkeiten der Nachbarschaft erzählen, du, der sich so viel besser auf Socialising versteht als ich. Jeden Tag stolz wäre ich auf dich, und jeden Nanometer würde ich an dir lieben: Dein raues Seemannslachen, die Gartenerde an deinen Fingern und diese niedliche, winzige Zahnlücke zwischen deinen Schneidezähnen. Täglich legten die Schiffe vor unserem Fenster an und ab, aber wir, wir blieben, weil du mein Hafen wärst und ich deiner.

Die Realität lässt das spießige Haustürschild aus Ton mit unserem Namen darauf auf dem Boden der Tatsachen zerschellen.
Du magst keinen Tee. Und zum Thema Gartenarbeit habe ich dich nie befragt. Einmal mehr schäme mich für das, was ein lieber Freund einst so treffend „Laura-Ashley-Traum“ nannte: Ich, der doch immer so autark sein will. Ein Mann, eine Insel.

Noch eine Frage drängelt sich dazwischen, in perfider Hässlichkeit: Die Frage, ob ich eigentlich wirklich dich liebe oder nur das, was du mir sein könntest.
Wenn ich dich aber nun nicht wirklich liebe, sondern nur eine Illusion von dir, warum leide ich dann? Verzweifeln werde ich noch an diesem gottverdammten Thema, und heute hasse ich den Sommer.

Mein Tee ist kalt geworden, das Essen aß ich irgendwann, ich erinnere es nicht. So viel wertvolles Hier und Jetzt verschwendet auf ins Nichts führende Gedanken und Fragen, die seit Monaten um sich selbst kreisen wie ein Tier im Käfig.

Ich muss zurück zur Arbeit.
Der Himmel zieht einen violetten Triumphbogen aus Wolken über einen Horizont aus seidig-orange-pinken Streifen. Eingebettet darin die untergehende Sonne.
„Schau mal, wie schön!“ Der Kollege lockt mich nach draußen, damit ich mir das anschauen kann, und ein goldener Lichtschimmer legt sich auf sein junges, unschuldiges Gesicht. Ich pflichte der Begeisterung dankbar bei und wir vergessen für ein paar Sekunden die Tabletts auf unseren Armen.
Die Hierarchiebene darüber sieht unsere meteorologischen Betrachtungen weniger gern. Was wir denn dort schauen würden, die Gäste säßen woanders. Gesenkten Hauptes gehen wir wieder ans Werk. Kein Stück Himmel gönnt man uns, denke ich, und der Satz lässt mich beinahe weinen.

An der Rezeption steht der Mann mit dem Zuckerstreuer. Er müsse vorzeitig abreisen. Schade, sage ich und erstelle die Rechnung.
Du fehlst mir.

image

image