Momentaufnahme, Leitplanke

Der kleine Foxterrier sitzt neben der Leitplanke und genießt die Sonne. Herrchen oder Frauchen kommt ja bald wieder, denkt er, bestimmt besorgen sie nur kurz was und bringen mir was Leckeres mit. Und dann kraulen sie mir übers Fell und wir fahren nach Hause. Da ist es warm, und ich kann herumtollen, spielen und schlafen, weil ich weiß, dass mir morgen wieder jemand Futter und Wasser hinstellt und mich liebhat. Das haben sie gesagt. Und ich vertraue ihnen.
Aber langsam wird es heiß und ich habe Durst. Für kleine Terrier muss ich auch. Das Halsband nervt. Warum ist auch die Leine so kurz? Ich würde doch nicht weglaufen. Das wissen sie doch. Es heißt ja nicht umsonst „hündisch loyal“. Siehste.

Aber niemand kommt. Außer der Nacht, dem Regen, der Kälte, noch einer Nacht und noch einer. Irgendwann hat jemand den Tierschutz gerufen. Dann sind da plötzlich Menschen in komischen Anzügen; mit Netzen und Handschuhen. Der Terrier schnappt. Angst hat er, fast wahnsinnig vor Hunger und Durst. Was für ein bösartiges Vieh, denken die Leute, am Besten gleich einschläfern.
Und dann kommt er ins Heim und hat Angst vor dem nächsten Menschen, der sagt: Hab keine Angst. Ich kümmere mich um dich. Bei mir hast du’s schön. Du hübsches, kluges, liebes Kerlchen.

Im Heim ist es laut und stinkt. Und es ist voll mit anderen Hunden, die irgendjemand einmal begeistert an sich gedrückt hatte; nicht selten im Glanze von Adventskerzen. Denen man über das schöne Fell strich mit süßen Worten; die man zu lieben versprach bis sie Bedürfnisse hatten, die nicht in die Agenda passten, nicht zur Handtasche, bis einer auf die Haute Couture schiss oder alt wurde oder krank oder hässlich.

„Das nutzlose Vieh oder ich!“ gellte die Frau. „Nur noch ein Stör- und Kostenfaktor“ hallte es aus der zugeknallten Tür. Der Hund roch das Böse in der Luft, er wurde ganz still. Vielleicht biss er auch ein letztes Mal, bellte verzweifelt, damit man ihn ansah, in sein Herz sah.
Aber niemand sah hin. Niemand hörte zu.
Dann versprach man einen letzten Ausflug. Alles wird gut. Komm. Nur wir beide. Bei mir ist es schön.
Ich warte auf dich. Ich bleibe.

Nichts von alledem. Und jetzt ist er in diesem Heim und hat Angst vor der Liebe und dem Zauber, der dem Anfang innewohnt.

Wir wollen Sie unbedingt. Sie sind eine Belastung. Wir schaffen das. Tschüss. Du inspirierst mich. Du laberst nur Scheiße. Komm mit. Hau ab. Wir trauen Ihnen das zu. Sie sind eine Enttäuschung. Ich kann mir das gut vorstellen mit uns. Ich bin nicht bisexuell. Du bist hochintelligent. Du kannst gar nichts. Ich will dich unbedingt kennenlernen. Ich habe kein Interesse an dir. Wir stellen Sie ein. Wir legen Ihnen keine Steine in den Weg, wenn Sie gehen. Ich fahre 3 Stunden, um 10 Minuten bei dir zu sein. Ich will dich nie wieder sehen. Ich freue mich jeden Tag auf deine Mails. Sie können dem Nutzer keine Nachrichten mehr senden.

Und dann sitzt man auf dem gepackten Koffer, als Enttäuschung, mal wieder. Und das Leben erscheint einem wie ein gottverdammtes Universum aus Labyrinthen, wo die Tür des einen nur ins nächste führt und der Himmel nichts als ein blaues Stück Pappe ist — irgendwo hingehängt von einem sadistischen Gott oder einem mit falsch verstandenem Mitleid. Aber die Illusion, heißt es dann. Die Illusion. Laut Hilde Knef das Schönste auf der Welt. Wieviele Luftspiegelungen von Oasen haben denn schon Verdurstenden letzte Kraft für den Weg durch die Wüste verliehen, wieviele schöne Worte und noch schönere Augen haben Dichter beflügelt, denen das leere Blatt Papier Verstand und Existenz zu rauben drohte?

Und dann ist er wieder da, zuckt noch unter den nackten Füßen, und man weiß nicht mehr, ob er im Sterben liegt oder gerade wieder zum Leben erwacht: Der süße Vogel Hoffnung.
Und man wischt sie sich aus dem Gesicht, die eklige Spinne der Larmoyanz, wickelt den Koffer aus ihren Fäden und rettet den Vogel. Schwach ist er, aber sein Gefieder glänzt noch so schön, und man küsst es und sagt: Es tut mir Leid. Wir kriegen das hin. Komm mit. Bei mir ist es schön.

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Momentaufnahme, Sommer

 

Es ist einer jener nicht enden wollender Sommertage, an denen es außerhalb der Vorstellungskraft liegt, dass es jemals wieder kühler werden könnte. Wie ein Krokodil möchte man den ganzen Tag im Wasser liegen, sodass nur noch Augen und Nasenlöcher herausschauen, wenn man nicht gerade träge nach einem Happen zu essen schnappt.
Genauso mache ich das gerade. Ausgestreckt im badewannenwarmen Priel liegend, schaufele ich Häufchen von Sand auf meinen vor mir treibenden Flipflop und warte darauf, dass das Ding kentert: Ab vier Handvoll ist es soweit. Ich schäme mich nicht für dieses kindliche Vergnügen; ich will nicht wissen, wieviele der burgenbauenden Väter und Mütter um mich herum das auch zur eigenen Kurzweil tun, mit dem Kind als Ausrede.
Aber, denke ich, du bist Intellektueller! Denk doch wenigstens was dabei! Na gut, gehorche ich, eigentlich ist das doch wie das Leben. Man häuft sich zuviel Last auf oder bekommt sie ungefragt aufgeladen. Eine Führungsposition, die man nicht will, eine, die man will, aber nicht ausfüllen kann, zuviel Arbeit, zuwenig Arbeit, Schicksalsschläge, Beziehungsgedöns, you name it. Und dann kentert man, aber irgendwie treibt man ja meistens doch wieder oben, irgendwann, trotz allem. Die Frage ist nur: Kieloben oder kielunten? Und wird man fremdgesteuert oder hat man das Ruder selbst in der Hand? Und unter wessen Flagge segelt der Mensch?
Was für ein plattes Gleichnis, schalt der Korrektor in mir, das kannst du nicht verwenden im Blog, so eine phantasielose Kacke. Na gut, schmollt der Dichter, dann denke ich halt wieder an ihn, denjenigen welchen, ihr wisst schon. Was gibt denn das Leben schon her außer Philosophie und Liebe? Jenseits von dreckigen Tellern, versteht sich.
Also sitze ich da und denke an dich. Ich frage mich, welche Farbe deine Augen jetzt hätten, wenn du hier wärst. Wahrscheinlich grau mit einem Schleier milchigen Grüns darin; so wie die Sandbank, die am Horizont allmählich unter dem auflaufenden Wasser verschwindet. Ich fühle dich nah, ich weiß noch, wie du riechst, aber du wärst weit weg, schrecklich weit weg, selbst wenn du so nah wärst, dass ich das Salzwasser auf deiner Haut mäandern sähe und die Sandkörner in deinem Bart, silbrig auf deiner sonnengegerbten Haut wie das Perlmutt in einer Auster. Die Erinnerung an deine wunderschöne Stimme verwebt sich mit dem Rauschen der Brandung zur traurigsten Melodie, die ich niemals hören werde.
Ich lasse eine Träne frei. Nur eine von vielen in dem See verbotener Gefühle, der quälend gegen die bröckelige Talsperre namens Vernunft und Restwürde in meinem Inneren drückt. Ein Tropfen warmen Salzwassers mehr, der in die Nordsee rinnt: was macht das schon.

„Hast du Krebse gesehen?“
Bitte? Eilig schaufele ich mir Wasser ins Gesicht; man sitzt nicht im Hochsommer im Priel und weint, man weint überhaupt nicht bei schönem Wetter, natürlich sterben Menschen auch im Juli oder verlassen einen im August oder man wird arbeitslos im Mai, aber im strahlenden Sonnenschein? Wer darf da schon trauern.
Ein kleiner Junge steht vor mir, hübsch, und mit dichtem Haar von diesem ins Messing spielenden Goldblond, aus dem sich später einmal ein sattes Braun entwickeln wird, so blond, wie du als Kind warst. In der Hand hält er einen Kescher. „Ich suche Krebse! Hast du welche gesehen?“ Ich schaue pflichtschuldig um mich. Nein, keine Krebse. Tut mir Leid.

Der kleine Junge bleibt eine Weile in meiner Nähe und fischt konzentriert. Ich bewege mich wenig, weil ich noch gut weiß, wie sehr ich es hasste, wenn trampelige Erwachsene meinen kindlichen Forscherdrang torpedierten. Vor allem, wenn man gerade dabei war, sich mit einem Tier anzufreunden oder auch nur eine besonders schöne Muschel ins Herz zu schließen. Und dann kam dieser tollpatschige große Fuß daher und verscheuchte das Tier und die Muschel verschwand im Sand, im Nirgends des Ozeans, bevor man ihr einen Namen geben und Tschüss sagen konnte.

Im regungslosen Liegen sehe ich ein winziges, perfekt getarntes, sandfarbenes Fischchen durch meine Finger flitzen. Ich überlege, ob ich es dem Jungen zeige, aber nachher kriegt man Ärger mit den Eltern, von wegen „was quatschen Sie mein Kind an“, man muss ja vorsichtig sein heutzutage. Und ich sollte mir als Kind ja auch nie kleine Tiere von Fremden zeigen lassen, und anderes schon gar nicht.

Idyllen sind leicht zu zerstören. Neben mir badet jetzt eine Möwe ihr Gefieder: Das Fischchen macht wohl ohnehin sein Testament.

Ich mauere eine weitere Schicht Steine auf die Talsperre der Vernunft und schleppe mich widerwillig unter die Stranddusche: Arbeit ruft.
Die Silhouette des Kleinen mit dem Kescher verschwimmt im Gleißen des platinfarbenen Priels. Die Möwe fliegt auf.

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Momentaufnahme, Kindheit

Der ältere Mann steht da mit dem bunten Spielzeuglaster in der Hand. Etwas unschlüssig. Aber dann stellt er den Laster behutsam auf die Sitzbank des Strandkorbes; es folgen ein kleiner Eimer und eine Frisbeescheibe. Er ist wirklich sehr alt und bewegt sich nur langsam. Seine Familie sitzt jetzt sicher beim Frühstück, denke ich, und er war hier mit den Enkeln am Vortag und räumt jetzt allein die Sachen auf.  Irgendwas an der Szene rührt mich. Es ist nicht nur die liebevolle Sorgfalt, mit der er die Spielzeuge ordnet und den schweren Strandkorb neu ausrichtet. Es ist einmal mehr die Vergänglichkeit.

Ich sehe den Herrn mit dem Spielzeug in der Hand und frage mich, ob er wirklich nur überlegt, wo er den Laster hinstellen soll, oder ob er daran denkt, wie er selbst als kleiner Junge mit einem Spielzeugauto am Strand gestanden hat. Gut, vielleicht denkt er auch gerade nur „Aua, mein Rücken, und die Gören könnten ihren Kram ja wirklich mal selbst …“, aber nun habe ich dieses Bild im Kopf und denke eben stellvertretend für ihn daran.

Die Zeit vergeht schnell, und oft ist das auch verdammt gut so, aber es ist schade, dass von einem Leben oft nur Zahlen und Zeugnisse bleiben, aber nicht solche Dinge, die Geschichte Farbe verleihen und Menschen menschlich machen. Ich erinnere meinen Vater, der als 1942 geborenes Kind noch in Bombentrichtern spielte. Nach ein paar Regengüssen waren die Trichter voller Wasser und später konnten die Kinder sogar Fische darin ärgern: Das Grausame war dem Schönen gewichen. Oder ihm zumindest für einen Moment unterlegen. Ich erinnere die Geschichten meiner Mutter, die Puppenstuben aus Kartons und allem, was man so fand, baute, weil es sonst nichts gab. Und die deshalb auch uns Kindern noch das schönste Spielzeug improvisieren konnte. Es gibt lustige Geschichten über in Jauchegruben gefallene Geschwister oder mit geklauten Fahrrädern samt Bäuerin umgenietete Milchkannen, und ich bin froh, dass ich diese Geschichten noch hören kann.

Weiter erinnere ich einen ehemaligen Bekannten, der außer Party und Großstadttrubel nichts im Kopf zu haben schien; man fand so recht nichts zum Unterhalten, doch dann kam irgendwie das Thema auf, dass man auf Grashalmen auch pfeifen kann. Ach ja, natürlich: Plötzlich wurden die so hart, zynisch und verlebt wirkenden Augen weich, und ich sah ihn 30 Jahre früher auf den Bergwiesen seiner Heimat sitzen, auf Grashalmen pfeifen und den Hang runterkullern. Ich mag diese Geschichten, in denen wir als Kinder doch irgendwie alle gleich sind, mit der Scheiße, die wir bauten, und den Dingen, die uns Freude machten. Es eint und versöhnt und lässt Geschichte eben mehr sein als nackte Zahlen ohne jede Sinnlichkeit.

Ich sehe wieder aufs Meer. Heute habe ich überraschend frei, was mir nicht passt, weil ich dich vermisse: Ablenkung täte Not. Die See ist grau und sehr weit weg; nur langsam kommt die Fähre vorwärts. Vorgestern brachte sie mich zu einem der Häfen deiner Kindheit. Es war ein strahlend schöner Tag und ich kam nicht umhin, mir vorzustellen, wie du als Kind mit dem Fahrrad durch diese Straßen geflitzt bist, sicher das ein oder andere Mal hingeflogen, und auf dasselbe Wasser geschaut hast, auf das ich jetzt schaue: Noch mit zarthäutigem und stupsnasigem Kindergesicht, das dichte Haar goldglänzend braun statt grau, aber mit denselben meerfarbenen Augen, denen ich fast 40 Jahre später in einem Berliner Irish Pub verfallen sollte. Ich wünschte, ich hätte dich länger in meinem Leben gehabt.

Der Mann hat jetzt einen kleinen Handfeger und macht die Strandspielzeuge eines nach dem anderen sauber; auch den Strandkorb bürstet er ab. In Reih und Glied stehen sie da, wie in der Auslage eines Spielwarenladens, aber er nimmt sie gleich wieder weg und verstaut eines nach dem anderen in einer großen Tasche. Noch einmal dreht er sich um, betrachtet das Werk und schaut aufs Meer.
Seine Familie wartet sicher schon auf ihn. Ihr könnt stolz sein auf den Opa, denke ich, so ordentlich müssten alle Touristen ihre Körbe verlassen.
Ich beginne den Mann zu mögen. Aber als ich das nächste Mal aufblicke, ist er fort.

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Momentaufnahme, Baumarkt

Die Tischlampe heißt Anthony und ist eher hässlich.
Aber Anthony ist billig, und deshalb zerre ich ihn aus dem Regal und werfe ihn in den Einkaufswagen, auf dass er in Zukunft meine Nachtlektüre und Schreibarbeiten beleuchte. Gleichzeitig frage ich mich, warum Alltagsgegenstände eigentlich Vornamen bekommen und wer sich was warum dabei denkt. Ich stelle mir eine Lampendesignerin vor oder irgendeine arme Sau aus dem Produktmarketing, die den Auftrag bekommt: Benamsen Sie doch mal Lampenmodell A3875Z, das ist dem Kunden sonst zu unemotional. Und dann setzt sie sich hin und denkt, achja, meine Sandkastenliebe, der Anthony. Oder: Das Teil ist so hässlich. Wem wische ich denn jetzt damit eins aus? Achja, Anthony, dieser Arsch, der mir in der Schule immer das Brot geklaut und die Tonne umgedreht im Busch versenkt hat. Natürlich: A3875Z heißt jetzt Anthony. Und ich erinnere meine Schwedischlehrerin, die meinte, es sei ein Gräuel, zu IKEA zu fahren, sobald man Schwedisch verstünde, der bescheuerten Produktnamen wegen. Aha. Waschtisch „Godmorgon“ leuchtet dabei noch ein, obwohl mein Waschtisch um 6 Uhr morgens wohl eher „Leck mich am Arsch“ heißen sollte, aber ich will nicht abschweifen. Bett „Umeå“ ergibt von mir aus auch noch Sinn, wenn der Designer, das Holz oder Produktbenamser dort her ist. Aber ein Vorname?

Natürlich bringt mich das auf das Thema, warum es wohl in der Natur des Menschen liegt, anderen ein Denkmal setzen zu wollen, oder zur Not auch sich selbst. Wenn man das Glück hat und sich ein Goethe, ein Wilde oder ein Hemingway (unglücklich) in einen verliebt, endet man im Idealfall in der Weltliteratur. Ist der Verehrer oder die Verehrerin indes Produktbenamser beim Hagebaumarkt, so findet man sich dagegen halt als Tischlampe Anthony, Übertopf Ursula oder Fußmatte Hinrich wieder. Und natürlich regt sich in mir das schlechte Gewissen, weil ich in meinen Texten schließlich selbst am laufenden Meter denjenigen welchen verewige sowie andere Menschen, die mich auf irgendeine Weise inspirierten oder beschäftigen, und sei es nur für einen Moment. Aber das bleibt bei der Schaffung von Prosa wohl nicht aus. Natürlich lässt sich eine Person in fiktiven Texten verfremden oder aus mehreren Bekannten zusammenschustern, was allein aus juristischen Gründen schon sinnvoll ist, aber irgendeine reale Person wird wohl immer darin stecken — gut oder schlecht verborgen, je nach schriftstellerischem Talent und Bösartigkeit.

Woher also dieses Bedürfnis des Denkmalbauens? Ich erinnere meine vorletzte Liebe. Ein Mensch, so wunderschön, das man ihn nur hätte marmorfarben übertünchen müssen, um ihn in der Münchner Glyptothek auszustellen oder im Louvre. Oscar Wilde hätte beim Verfassen des Bildnis des Dorian Gray keines Alfred Douglas gedacht, sondern seiner, und ich … ich bin kein Wilde und also blieb ich stumm, aber das Bedürfnis des Verewigens war da, ja. Danach kamst du. Du bist, objektiv betrachtet, nicht ganz so schön, aber der Umstand, dass ich dich liebte, verfrachtete dich ebenfalls in die Gefilde des Verewigt-werden-sollens. (Wer hier eine gelogene Vergangenheitsform findet, darf sie behalten.) Unglücklicherweise war es aber nunmal auch du, der mich wieder zum Schreiben brachte, und so weiß jeder Lesende meiner Hinterhofprosa jetzt von deinen Augen, die nie die gleiche Farbe haben, sondern manchmal hellgrün sind wie Jade oder leichte, erfrischende Gischt, manchmal von unergründlichem, tiefen Blaugrün wie die irische See, manchmal eisgrau wie ein Bergmassiv, bedrohlich dunkelgrau wie der nachts aufziehende Seenebel über den Sandbänken oder von so unschuldig-schlichtem Blau wie der noch wolkenlose Morgenhimmel über Friesland. Irrelevant für jeden, der dich nicht liebt, und für die Lesenden nur ein paar Farbsteinchen im Mosaik meiner prosaischen Ergüsse, aber für mich: Nun ja. Du bist einfach ein bisschen weniger weg, wenn ich das schreibe. Und das ist dann wohl auch die Antwort.

Ich überlege, ob ich meinen Eltern eine Bank kaufe, an meinem Lieblingsaussichtspunkt, wenn sie mal nicht mehr sind, damit sie trotzdem noch bei mir sind und immer sehen können, was ich liebe. Oder ob ich möchte, dass das jemand für mich macht. Ja, auch das wäre schön. Es will doch jeder bleiben, irgendwie. Man kann das machen, es gibt hier solche Bänke, und sowas ist doch weniger trostlos als nur ein Stein auf irgendeinem Kirchhof, auf den ein Atheist wie ich ohnehin nur schlechten Gewissens schleicht. Und mir selbst, mir will ich ja gleich das größte Denkmal von allen errichten: Die ganze See soll meins sein, mein geliebtes Meer, in das ich gestreut werden will, zu Asche verbrannt, bevor sich irgendwelches Gewürm an mir die Plautze vollhaut. Und über mir die Möwen, weit draußen auf dem blauen Meer.Tanzen würde ich auf den Wogen und eins werden mit all den wunderbaren Farben und Gezeiten, den Seewind als treuen Geliebten bis in alle Ewigkeit.

Aber ich will nicht kitschig werden. Die Pause ist um, es ist noch eine Spülmaschine zu entkalken im Hotel. In der Wohnung ist es bereits dunkel geworden, und so schreibe ich im Licht der neuen Lampe, Verzeihung: Anthonys. Beiläufig schalte ich Anthony aus und denke ein letztes Mal an dich: Froh sein soll er, denke ich. Ich hätte ja auch Produktdesigner werden können.

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Momentaufnahme, Frühstück

Sie möchte kein Brot essen. Es ist sehr gutes Brot und sehr frisch, der Inselbäcker backt es selbst. Sie will es nicht. Auch nicht eine der drei Brötchensorten, die noch übrig sind. Aber sie will das Brötchen, das nicht da ist. Genau dieses Brötchen will sie, die Frau, die 5 Minuten vor Ende der Frühstückszeit erscheint und zetert, weil sie Brot essen soll statt dessen. Brot. Man stelle sich vor. Die andere zerrt an der Kaffeemaschine und schreit, weil sie Frühstück will, jetzt und sofort. Und es sei ihr egal, dass man das erst ab 8 anböte, andere Hotels hätten auch ab 7, das müsse jawohl gehen. Beeilen solle man sich halt oder früher aufstehen, sie habe das schließlich bezahlt. Wo man denn seine Ausbildung gemacht hätte bei dem Service, ach, aber man habe ja sicher keine und einen Schulabschluss auch nicht.

Ich richte das Buffet und denke, dass ich nicht denken soll, was ich denke, als guter Dienstleister, aber ich denke es doch, denn es drängt sich auf: Verzogene dekadente Kühe. Ich weiß, was die Nacht hier kostet, ja. Aber andere Menschen haben gar kein Brot. Und wir Angestellten essen morgens das, was ihr uns übrig lasst. Frühstücksplatten wachsen nicht über Nacht. Menschen stehen dafür früh auf und beeilen sich, um sie pünktlich und appetitlich fertig zu haben. Oft noch müde von der Nachtschicht. Und jetzt soll sie Brot essen. Gutes, frisches Brot. Was für ein Luxusproblem.

Ein anderer Satz drängt sich auf: „Wir mussten Sie zurückholen.“ Der Arzt sagt mir das, die Schwester hat sich nicht getraut. Eine allergische Reaktion bei der Narkose. Dramatisch, leider, aber Sie werden keine bleibenden Schäden haben. Aha, denke ich. Jetzt war ich also tot, so ist das also. Man wacht auf und der Hals tut einem weh und die Klamotten sind weg, weil man sich übergeben und eingeschissen hat, als man krepierte, und jetzt ist man wieder da und weiß von nichts. Schämt sich natürlich. Und die größte Sorge vorher war, ob man von dem harmlosen Eingriff eine Narbe zurückbehält.
So stirbt man also. Nicht sauber und frisch gewaschen im weißen Hemd, mit sich und der Welt im Reinen. Nicht pünktlich, planbar und hübsch angerichtet. Man stirbt. Einfach so, heute, demnächst oder irgendwann: Zack, weg.
Ich sehe dich am Krankenbett sitzen. Ich freue mich so, dass du da bist. Und dann habe ich dieses verdammte Nasenbluten und kann nicht reden mit dir und dich nicht küssen, und es sollte so ganz anders sein, aber, ach scheiße, ich blute, ich lebe, ich bin noch da, und du auch.
Wenn ich das nächste Mal sterbe, bist du weg. Vielleicht bist du dann auch schon tot; auf jeden Fall wird es keine Versöhnung vorab geben, keine Lieder, kein Es-tut-mir-so-Leid-ich-kann-dich-nicht-vergessen. Das gibt es nur im Film, oder vielleicht in anderen Leben; nicht in meinem. Du wirst dich meiner nicht einmal mehr erinnern, und ich werde vielleicht auch schon zwei, drei Lieben weiter sein und denken: So toll war er nun auch wieder nicht. Dann gibt es einen anderen dich, aber was macht das für einen Unterschied.

Jedenfalls kommt der Tod nicht erst, wenn man sich am Buffet des Lebens sattgefressen hat und zufrieden sagt: Jetzt kannste. Und nach Wunsch belegt wird auch nicht. Angst hat man. Nicht vor dem eigenen, den kriegt man ja nicht mit oder nur so halb; darüber nachdenken kann man jedenfalls nicht mehr und sich fragen: Wie war’s denn so? Aber den der anderen fürchtet man. Weil man weiß, dass der Tod der Lieben in das eigene Leben brechen wird wie ein Tsunami, inmitten all die Trivialitäten des Alltags.
Vielleicht blockt man einen Anruf tags zuvor noch ab, beantwortet eine Mail nicht, weil man gerade ein Eishörnchen in der Hand hält, weil man zu müde ist zum Tippen, weil man die Sonne untergehen sehen will, anstatt auf ein Smartphone zu starren. Dieselbe Sonne, die man morgen nochmal sehen wird, aber der geliebte Mensch nicht. Den man nicht mehr zurückrufen kann, der noch als E-Mail-Postfach eine Weile existiert, aber keine Mails mehr beantworten wird. Ein paar Monate gibt es ihn noch als facebook-Profil, als Stimme auf dem Anrufbeantworter. Und dann irgendwann gar nicht mehr.

Und die Frau will kein Brot essen. Reich ist sie, sehr jung, und sie hat rosige Pausbacken wie ihre Kinder, denen sie wohl immer genug zu essen kaufen können wird. Ich trage ihr dreckiges Geschirr in die Spülküche. Hier unten ist kein Empfang und die Maschinen sind laut. Ich würde das Telefon nicht mal hören, wenn jetzt jemand anriefe, den ich liebe. Vielleicht zum letzten Mal. Nach dem Abwasch nehme mir von dem verschmähten Brot. Es schmeckt sehr gut. Man muss statt dessen keinen Kuchen essen.
Wirklich nicht.

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Momentaufnahme, Schietwedder

Der plötzlich einsetzende Starkregen hämmert Salven golfballgroßer Löcher in den Sand und die See tobt in Furor, mit weiß aufspritzender Gischt als würfe ein cholerischer Bäcker Tassen mit Mehl an die graue Wand des ostfriesischen Schietwedderhimmels. Ich sitze, ins Ölzeug geschnürt, mit Thermoskanne und Decke im Strandkorb, an dem der Wind zerrt und rüttelt, als habe ich Sterblicher hier nichts verloren: Vom Platze verwiesen von der Natur, deren Macht ich hier stärker spüre als je zuvor. Aber ich bleibe und schaue mir das Spektakel an.

Es dauert nicht lange. Schon schiebt sich zartes Blau zwischen die gewaltigen Wolkenberge, und erste Möwen verlassen den Schutz der Dünen auf der Suche nach vom Regen freigespülten Muscheln und Wattwürmern. Kurz darauf treffen erste Sonnenstrahlen meinen Strandkorb und mir wird warm unter dem Ölzeug.
„Auf Regen folgt Sonne“ — Wie sehr habe ich diesen Spruch als billigen, platten Trost immer gehasst, ja geradezu verachtet! Und wie sehr ist er hier wahr, und vor allem: Wie schnell. Dinge ändern sich, aber wohl kaum etwas in so rasender Geschwindigkeit und mit solcher Inbrunst wie das friesische Wetter: Es regnet, als wolle die Welt untergehen, und wenn die Sonne scheint, dann tut sie das in ans Langweilige grenzender Makellosigkeit auf knallblauer Leinwand.

Ich habe heute frei, und der Nachteil davon, im Kopf mal nicht zwischen 1001 Gästewünschen sowie allen im Hotel anfallenden Routinen hin- und herschalten zu müssen, ist, dass der Kopf Zeit hat, im Herzen Erkundigungen anzustellen: Nach dem Befinden, zum Beispiel. Und anstatt dass das Ding die Fresse hält, nutzt es dreist die Gelegenheit und schickt gleich Bilder von da unten rauf ins Hirn; anbei die Notiz: Vermisst.
Ich sehe meinen Lieblingspub. Ein Pint, ein kaltes Pint Strongbow, ja. Bitte. Die schöne irische Kellnerin fällt mir ein und ich bereue, sie nie nach ihrem Namen gefragt zu haben. Ich brauche einen Frauennamen, einen schönen irischen Frauennamen, damit ich mich zumindest in der Erinnerung mit ihr anfreunden kann, Gael, Moira, Cinead, irgendwie sowas. Ich frage mich, ob sie jetzt dort arbeitet und ob sie Irland vermisst, das Grün, die Weite, die Irische See.
In einem Langeooger Laden sah ich ein zartes Armband mit einem winzigen Steuerrad als Anhänger, wahlweise mit einem Anker, und ich könnte ihr das schenken, damit es silbrig aufglänzt an ihrem Handgelenk, immer, wenn sie sich das weiche nussbraune Haar aus dem Gesicht streicht. Ich vermisse ihr bildschönes Lachen und den süßen irischen Akzent, aber sie kennt mich ja nur als Gast, und also wird sie keine Armbänder von mir tragen und auch nicht herkommen, um mit mir im Seewind zu sitzen, dazu noch an meinem Meer, nicht an ihrem.

Meine Gedanken bleiben im Pub. Ich erinnere ein erstes Date, die aufkeimende Wut wegen des Wartens vor der Tür („Für wen hält dieser alte Sack sich eigentlich?“), den ersten Eindruck („Meine Güte, ist der klein!“) sowie die Überlegung, ob ich ihn attraktiv finden soll oder nicht. Ob die etwas zu kleinen, hellen Augen mit ihrer ständig wechselnden Farbe und dem intelligenten, aber lauernden Ausdruck darin ihm nicht etwas Reptilienhaftes verleihen. Oder ob das sexy ist. Ob sein klar gezeichnetes, unverkennbar nordisches Gesicht charaktervoll ist oder einfach nur verbraucht. Ob er schön ist oder es nur war. Um dann schon beim zweiten Pint nach seiner Hand zu greifen und am Ende des Tages festzustellen, dass ich ihn lieben könnte; dass ich sein Freund sein möchte, trotz oder obwohl er so ganz anders ist als die 26jährigen Puppenjungen mit ihrer samtweichen Schönheit, die ich zuvor ausschließlich zu begehren glaubte. Wie gesagt: Dinge ändern sich. Moira, Ailean oder Brighid war auch da an diesem Tag. „Where is your friend?“ fragte sie, als es ans Bezahlen ging und ich allein zur Kasse an ihrem Tresen schnürte. „He’s taking a wee, I guess“ sagte ich betont lässig, und sie lachte, aber heute denke ich: Das wüsste ich auch gerne. He’s not here. Not my friend anymore, I guess.

Die Sonne ist zurück und der friesische Himmel erstrahlt in frischgebadeter Unschuld. Das Fahrrad ist bereits getrocknet. Ich setze meinen freien Tag auf der Bank vor der Teestuv am Hafen fort und sehe den Schiffen hinterher: Hafen. Hafen. „Es gibt da noch eine Kneipe dieses Namens“ frohlockt mein Herz in sentimental-masochistischem Schwelgen: Doch ich hab genug für heute und konzentriere mich auf die anlegenden Schiffe, nicht auf die ablegenden. Ein hübscher Junge kommt aus der Teestube und fragt mich, ob ich einen Tee möchte oder ob ich gleich wieder weiter muss. „Ja, gern“ sage ich.

Ich bleibe.

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Momentaufnahme, Strandkorb

Zu meinem Strandkorb führen Möwenspuren; mit einer Schleifspur zwischen den Fußabdrücken. Aha, denke ich, sicher eine Möwe, die ihre Beute im Schutze des Strandkorbes hastig verschlingen wollte, bevor die Konkurrenz darauf aufmerksam wird. Und tatsächlich: Es gibt weitere Spuren von rechts, eine tumultverdächtige Ansammlung von Spuren in der Mitte sowie die Überreste eines kleinen Krebses. Krawall ist wohl überall.
In mir indes herrscht tiefer Frieden. Ich bin zuhause. Endlich. Und immer noch überwältigt mich die Schönheit dieser Insel, dass es mir die Tränen in die Augen treibt, wenn ich die Holzbohlen zum Strand hochlaufe und auf die in der Abendsonne glitzernden, mäandernden Priele vor der am Horizont brandenden Nordsee blicke. Ich fühle mich umarmt von der Weite des friesischen Himmels mit seinen unglaublichen Wolken, von der Stille, dem Vogelkonzert in den Dünen, dem Brausen des Seewindes und der würzigen Luft. Man wird so schnell eins mit dieser Natur, und ich will hier nie wieder weg.

Natürlich denke ich manchmal noch an andere Orte, die mein Zuhause werden sollten. An meine Sittiche, die ich zurücklassen musste, an all meine schönen Sachen, die ich nicht mitnehmen konnte. Und natürlich denke ich noch an dich. Dann sitze ich im Strandkorb und stelle mir vor, mich in den weichen Stoff deiner meergrünen Kapuzenjacke zu kuscheln, die du so liebst, und den warmen Duft deiner Haut daraus einzuatmen. Ich stelle mir vor, du würdest hier ruhig mit mir sitzen, du, der mich so sehr an die See erinnert, nicht nur deiner Augenfarbe wegen, die alle Nuancen des Meeres anzunehmen im Stande ist.In geborgenem Schweigen säßen wir, und irgendwann würdest du ein Lied summen oder etwas erzählen, und ich würde in deiner schönen Stimme versinken wie in einem weichen Federkissen. Aber so liefe das nicht. Alle 3 Minuten würdest du dir eine neue Zigarette anzünden, alle 2 auf den iPhone schauen, als Lautäußerung lediglich ein missgelauntes Grollen deiner nordischen Stoffeligkeit, und dann würdest du gehen, weil du es hier hasst: Zu ruhig, zu wenig Menschen, und es gibt nicht einmal Schnaps.Ich sehe dir in meiner Vorstellung noch eine Weile hinterher, deiner kleinen Gestalt, und du verschwindest, irgendwo hinter Baltrum. Es fällt nicht allzu schwer. „Ich bin traurig, leide nicht“ sang Grönemeyer mal, und das trifft die Sache ziemlich genau. Für einen ist im Strandkorb sowieso viel mehr Platz.

Ich lehne mich zurück und genieße die tägliche Naturshow nach Feierabend. Majestätische Austernfischerschwärme, deren Formation bei jeder Drehung mal silberfarben, mal schwarz aufleuchtet, je nachdem, ob gerade das weiße Bauchgefieder oder der schwarze Rücken zu sehen ist. Es ist ein atemberaubender Anblick. Was immer mich traurig macht: Langeoog tröstet.Denn diese Liebe ist hier; sie bleibt, sie überschüttet mich mit ihrer Schönheit mit endloser Nachsicht. Denn auch wenn die See sich einmal grau verfärbt und tobt: Ich weiß, sie verlässt mich nicht. Natürlich zieht sie sich zurück bei Ebbe, aber ich weiß, sie kommt wieder.Morgen wird sie wieder blau sein, und sie wird ihre Wellen ruhig ans Ufer legen, mit einem beruhigenden, sanften Rauschen, das mich still schlafen lässt in meinem Strandkorb, eingekuschelt in die Wärme der letzten Sonnenstrahlen. Doch auch vom Sonnenlicht kann ich mich ruhig verabschieden. Denn ich weiß: Ich muss hier nicht weg.Schon morgen wird alles, was ich liebe, zurück sein, und die Sonne wird wieder aufgehen: Irgendwo hinter Baltrum.

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Momentaufnahme, Alexanderplatz

Du bist nicht mehr da. Irgendwie gelange ich in die U-Bahn, sie endet vorzeitig am Alexanderplatz. Außerplanmäßiger Halt, noch einer. Es ist dunkel und nieselt, aber ich friere nicht, ich fühle gar nichts, aber ich weiß auch nicht wirklich, wo ich bin, als ich von mürrischen BVG-Angestellten die Treppe hochgescheucht werde. Mühsam orientiere ich mich an den Hochhäusern; irgendwie muss ich zur Straßenbahn. Da hinten, irgendwo.  Automatisiert steuere ich durch Gassen, durch die ich mich nachts noch nie getraut habe. Ist doch eh alles egal. Jetzt. Du wirst an keiner Ecke mehr auf mich warten, oder, den hübschen Kopf über dein iPhone gesenkt, versehentlich an mir vorbeilaufen, und niemand von uns wird mehr darüber lachen: Denn wenn du das nächste Mal an mir vorbeiläufst, erkennst du mich vielleicht nicht mehr — und zwar mit Absicht.
Ich erinnere wenig oder verdränge viel: Ein Wespennest, in das ich stach, ich weiß nicht welches, die blauen Augen binnen Sekunden grau wie dräuende Gewitterwolken, und deine Liebe irgendwo, wo ich sie nicht mehr erreichen und nicht mehr verstehen kann. Das Lachen verschwunden, die Arme verschränkt statt haltend, und das Gesicht nur noch ein stummes: Nein.

So enden Dinge. Monatelang lernt man Biografien, Namen, Verwandte, Vorlieben und Details, um all das dann plötzlich als nutzloses Wissen vorzufinden, weil das Gegenüber beschließt, zu fehlen, oder weil man ihm keine Wahl lässt: Der Mensch ist nicht unfehlbar.
Man inspiriert und bereichert sich, und plötzlich ist all das auf dem Müllhaufen der Geschichte, weil der Zauber, dem Anfang innewohnend, mit dem Gefühl nicht Stand halten konnte; mit dem Gefühl des einen, das einsam wurde, vom anderen überrannt oder ermordet, oder das so einfach starb.
Und der andere steht dann da mit seinem eigenen, jetzt überflüssigen und nutzlosen Gefühl in der Hand, wo die Hand des anderen sein sollte, und vermisst.
Man erinnert diese Hand, die feinen Furchen, die Fingernägel, die nie wirklich sauber waren, aber von der anpackenden Bodenständigkeit zeugten, die man begehrte; die Finger, die man immer ein bisschen plump fand, und die man plötzlich genau deshalb wie wahnsinnig liebt, jetzt, wo sie sich nie wieder um die eigenen schließen oder sich diesen entziehen werden. Jetzt hält man nur noch: Nichts.

So enden Dinge, jeden Tag, jede Stunde, irgendwo, bei irgendwem, und man fragt sich, wie ein so trivialer Schmerz so zerreißend sein kann, und wie eine Abwesenheit so laut. Der Schlaf wird zum Feind, er entzieht sich; dafür ein rebellierender Magen, steinschwere Lungen und ein jagendes Herz, das so wummert, dass man seine Brust festhalten muss und sich fragt, ob es rauswill zum Streik, weil es die Nummer schon kennt und so dermaßen Leid ist.

Und dann ist man allein mit diesem großen Nichts, kann nicht weinen, noch nicht, und taumelt entlang am ölschwarzen Fluß, in dem sich kein geliebtes Gesicht mehr spiegeln wird; zumindest nicht neben einem.

Nach Hause? Es gibt bald ein neues Zuhause, tröste ich mich, ein schöneres, mit lauter Möwen, klarer Luft und dem Meer. Mit einer schönen Arbeit in schönen Anziehsachen und einem verbläuten Herzen, das heilen wird, heilen muss, ein Mal noch, wie schon so oft zuvor, das so viel erträgt und noch mehr erschlägt mit seiner ungezügelten Liebe darin oder dem, was sich dafür hält: Liebe ist ja nicht nur manchmal der schlimmste Widersacher ihrer selbst.

Ich werde glücklich sein auf der Insel. Ich werde dir Fotos schicken wollen und erzählen. Ich sehe dich schon, wie du lachst und fragst und kommentierst. Ich freue mich so sehr, dass du das mit mir erleben willst, egal, wie viele Kilometer zwischen uns liegen. Aber dann fällt mir ein: Du bist nicht mehr da.
Unsere Leben haben ihre Schnittmenge verloren. Und so werde ich am Hafen stehen, auf dem Deich, mit all dem Glück in meiner Brust, und es Wind und Wellen feilbieten.
Ein verunglückter Abschied, ein Wort zu viel, ein falsches Gefühl, zu laut geäußert, und dann: Stille.
Sehnsüchtig erwarte ich das Brandungsrauschen, das die Stille durchdringt. Drehe das Kreuz in den Wind, den Blick nach vorn, und flehe das Meer an, das geliebte Meer: Nur einmal. Hab nur bitte einmal nicht die Farbe seiner Augen.

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Momentaufnahme, Nacht

Jetzt ist es soweit: Ich schreibe, weil ich nicht schreiben darf. Weil ich schreiben möchte, aber alles, was ich fühle, zu kitschig, zu uncool, zu sentimental, zu weich, zu wasweißichwas ist, jedenfalls nichts, was man jenseits der Teenagerjahre in ein Blog hacken könnte. Und dann frage ich mich: Woher dieses Gedankenkorsett? Warum unterliege ich, wie so viele, dem Wahn, wissen zu wollen, was der aufgeklärte, autarke Großstadtbürger im Jahre 2014 ohne Reputationsverlust äußern darf und was er unterlassen sollte, wenn er weiterhin als autark und großstädtisch gelten will? Warum dürfte man über die Bebauungspläne des Tempelhofer Feldes sinnieren, aber nicht über den perfekten Schwung der Lippen desjenigen welchen; über das Beleuchtungskonzept des hippen Clubs, aber nicht über die Art und Weise, wie eine Person auch noch den letzten Neuköllner Schmuddelbunker zum Leuchten bringt? Warum darf man Ängste äußern über Vorgänge in der Weltpolitik, aber nicht bezüglich kleiner Dinge des Alltags, von denen zwar keines die Erde zum Wanken bringt, aber doch vieles um den Schlaf? Warum darf ein Mann ohne Gesichtsverlust damit hadern, dass der BER erst 2035 aufmachen wird, aber nicht damit, dass einen derjenige welche vermutlich auch nicht früher ranlassen wird?

Dass auch zum Eingeständnis von Schwäche Mut gehört, ist keine neue Erkenntnis, aber wer definiert eigentlich, was einen als schwach dastehen lässt, als larmoyant, als weinerlich, als unmännlich?

Ehrlich, mich interessiert der Flughafen einen Scheiß, ich kann mir sowieso kein Ticket leisten, und Tempelhof ist Jottwede. Mich interessiert, warum Augen so unglaublich blau sein können und warum man sich den Arsch aufreißen muss für Dinge, die man hinterhergeworfen bekäme, wenn man aussähe wie James Franco; mich interessiert, warum man aus einigen Menschen gar nicht schlau wird und aus anderen zu sehr, und warum Herz und Vernunft so selten zivilisiert miteinander umgehen — Um nur an der Spitze des Eisberges meiner inneren Themen-Tabuzonen zu kratzen.
Und mich interessiert, warum ich mich schäme, öffentlich über Gefühle nachzudenken, aber nicht für irgendeine intellektuelle Abhandlung, wenn ich mich alle Schaltjahre daran erinnere, dass ich ja mal irgendwann irgendetwas studiert habe und von diesem Wissen Gebrauch mache. Weil das eine durch den vermeintlich privaten Bezug angreifbar macht, aber das andere aus sicherer intellektueller Distanz und damit weniger personenbezogen geschieht? Als ob man nicht auch über Gefühle theoretisieren könne! Natürlich könnte ich über private Dinge schreiben, die ich noch nie gefühlt habe, aus kühlster Distanz (für irgendwas gibt es schließlich das Lyrische Ich), ebenso wie ich all meine wahrhaft empfundene Leidenschaft in eine wissenschaftliche Abhandlung packen könnte. Aber auch hier komme ich nicht weiter, was mich wieder zur Ausgangsfrage bringt:

Inwieweit darf der Mensch also in seiner Verletzlichkeit öffentlich sein, in seinem Sentiment, in seinem Misserfolg? Ich denke: Wenig. Eine geringe Menge macht menschlich, ein Zuviel zieht die gesellschaftliche Verachtung nach sich: „Everybody loves a winner / so nobody loves me“ singt Liza Minelli in „Cabaret“.

Ist es wirklich so einfach, dass ein Zugeben des Nichtgeliebtwerdens automatisch weiteres Nichtgeliebtwerden nach sich zieht? Warum sind Dinge wie Hilflosigkeit oder Einsamkeit ein solches Tabu, von negativ besetzten Emotionen, die sich auch keiner zuzugeben traut, wie Wut, Eifersucht oder Neid, ganz zu schweigen?
Rein evolutionär betrachtet, müssen ja auch derartige Regungen irgendeinen Sinn haben — Ansonsten hätten wir sie nicht.
Ich habe keine Antwort, aber ich weiß sehr genau, wie gut es tut, sich hinter Fremdwörtern und möglichst wissenschaftlichen Formulierungen verstecken zu können, wenn einen im Grunde eher Unwissenschaftliches umtreibt.

Und tatsächlich habe ich es jetzt immerhin geschafft, über Dinge zu schreiben, die ich nicht schreiben darf, weil ich fühle, dass ich sie nicht fühlen sollte: Oder zumindest nicht darüber schreiben.
Das letzte Wort indes überlasse ich Element of Crime:
„Am Ende denk ich immer nur an Dich.“

Gute Nacht.

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Momentaufnahme, zwischen Orten

Es sind Kaffeeflecken auf dem Holz. Ich wollte das längst neu streichen. Lohnt sich das noch? Ich kratze mit dem Fingernagel daran herum, es wird nur noch dreckiger. Die grüne To-do-Liste bietet sich an: Ich zerre das Papier mit den zur Hälfte abgehakten Kästchen unter der Tastatur hervor und lege es auf den Fleck.

Es ist alles so vertraut. Wie viele Geschichten wurden an diesem Tisch geschrieben, wie viele E-Mails, und bei wie vielen habe ich gelacht, bei wie vielen geweint?
Jemand macht eine Anspielung zu einem Buch, und ich kann aufstehen und blind ins Regal greifen: Da habe ich es. Es ist mein Zuhause, sollte man meinen. Aber ich darf mich nicht auf die letzten Meter noch dran gewöhnen, denn bald muss ich weg.

Meine Sittiche schaukeln im Halbschlaf auf ihrer Stange und ahnen nicht, dass sie bald zu irgendjemanden in Pflege kommen, oder vielleicht für immer. Ich habe die kleinen Viecher lieb, aber mich tröstet, dass sie mich nicht lieben: Sie brauchen einfach nur jemanden, der ihnen Futter und Wasser hinhängt und sie nicht quält. Sie werden es verkraften, und so hat auch unerwiderte Liebe zuweilen etwas Gutes.
Und du? Ob ich dich hier nicht habe oder irgendwo anders nicht, ist auch egal: Sollte man meinen. Wie schön wäre ein neues Leben auf meiner Insel! Ich war so glücklich dort. Das Meer in allen Farben deiner Augen und die Zukunft noch so offen wie die Unendlichkeit des blauen Horizonts, gelotst von einem schwachen Schimmer Hoffnung, dass du mich vielleicht lieben könntest, irgendwann. Es ist zu lange her.

Ich möchte zurück. Aber ich frage mich auch: Will ich wirklich an diesen Ort zurück oder nur zurück zu diesem Gefühl?
Es ist einerlei, ich muss gehen. Und eigentlich müsste ich routiniert sein in solchen Dingen, denn wie oft bin ich umgezogen: Neue Stadt, neue Arbeit, neue Menschen, neue Parks, U-Bahn-Pläne und Cafés. Flexibel muss man sein. Vernünftig. Erwachsen. Sentimentalitäten zahlen einem nicht die Miete.
Aber es ist schwer: Man trauert um das, was hätte sein können, und um das, was man nicht einmal verloren hat, weil man es nie fand. Und es ist schwer, weil ich wieder dieses Wort nicht höre werde, dieses eine Wort: Bleib.

Es ist nur noch eine Frage der Zeit. Dann stehe ich am Hafen, die glitzernden Lichter der Stadt hinter mir, von drinnen die Wärme, das geliebte Lachen, und das Brummen der Autos wird zum Brummen der Schiffsmotoren, die mich wegbringen, zu einem neuen Hafen und neuen Lichtern, auch wenn diese erst ein schwaches Glimmen am Horizont sind. Ich kenne den Ort noch nicht, aber ich spüre die neue Hoffnung auf Heimat, egal wie oft diese schon enttäuscht wurde. Es muss gutgehen. Mein Gepäck ist nicht schwer, aber das, was ich mitnehme, ist wertvoll.
Ich sehe dein hübsches Profil vor mir, als stünde ich gleich draußen vorm Fenster.
Sieh nicht her, denke ich: Ich will mich nicht umdrehen, wenn ich gehe.

Das Schlagen der Uhr reißt mich aus meinen Abschiedszenarien, es ist spät.
Neben der To-do-Liste liegt eine Bewerbung nach Norden:
Die muss ich noch abschicken.

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