Momentaufnahme, Nacht

Jetzt ist es soweit: Ich schreibe, weil ich nicht schreiben darf. Weil ich schreiben möchte, aber alles, was ich fühle, zu kitschig, zu uncool, zu sentimental, zu weich, zu wasweißichwas ist, jedenfalls nichts, was man jenseits der Teenagerjahre in ein Blog hacken könnte. Und dann frage ich mich: Woher dieses Gedankenkorsett? Warum unterliege ich, wie so viele, dem Wahn, wissen zu wollen, was der aufgeklärte, autarke Großstadtbürger im Jahre 2014 ohne Reputationsverlust äußern darf und was er unterlassen sollte, wenn er weiterhin als autark und großstädtisch gelten will? Warum dürfte man über die Bebauungspläne des Tempelhofer Feldes sinnieren, aber nicht über den perfekten Schwung der Lippen desjenigen welchen; über das Beleuchtungskonzept des hippen Clubs, aber nicht über die Art und Weise, wie eine Person auch noch den letzten Neuköllner Schmuddelbunker zum Leuchten bringt? Warum darf man Ängste äußern über Vorgänge in der Weltpolitik, aber nicht bezüglich kleiner Dinge des Alltags, von denen zwar keines die Erde zum Wanken bringt, aber doch vieles um den Schlaf? Warum darf ein Mann ohne Gesichtsverlust damit hadern, dass der BER erst 2035 aufmachen wird, aber nicht damit, dass einen derjenige welche vermutlich auch nicht früher ranlassen wird?

Dass auch zum Eingeständnis von Schwäche Mut gehört, ist keine neue Erkenntnis, aber wer definiert eigentlich, was einen als schwach dastehen lässt, als larmoyant, als weinerlich, als unmännlich?

Ehrlich, mich interessiert der Flughafen einen Scheiß, ich kann mir sowieso kein Ticket leisten, und Tempelhof ist Jottwede. Mich interessiert, warum Augen so unglaublich blau sein können und warum man sich den Arsch aufreißen muss für Dinge, die man hinterhergeworfen bekäme, wenn man aussähe wie James Franco; mich interessiert, warum man aus einigen Menschen gar nicht schlau wird und aus anderen zu sehr, und warum Herz und Vernunft so selten zivilisiert miteinander umgehen — Um nur an der Spitze des Eisberges meiner inneren Themen-Tabuzonen zu kratzen.
Und mich interessiert, warum ich mich schäme, öffentlich über Gefühle nachzudenken, aber nicht für irgendeine intellektuelle Abhandlung, wenn ich mich alle Schaltjahre daran erinnere, dass ich ja mal irgendwann irgendetwas studiert habe und von diesem Wissen Gebrauch mache. Weil das eine durch den vermeintlich privaten Bezug angreifbar macht, aber das andere aus sicherer intellektueller Distanz und damit weniger personenbezogen geschieht? Als ob man nicht auch über Gefühle theoretisieren könne! Natürlich könnte ich über private Dinge schreiben, die ich noch nie gefühlt habe, aus kühlster Distanz (für irgendwas gibt es schließlich das Lyrische Ich), ebenso wie ich all meine wahrhaft empfundene Leidenschaft in eine wissenschaftliche Abhandlung packen könnte. Aber auch hier komme ich nicht weiter, was mich wieder zur Ausgangsfrage bringt:

Inwieweit darf der Mensch also in seiner Verletzlichkeit öffentlich sein, in seinem Sentiment, in seinem Misserfolg? Ich denke: Wenig. Eine geringe Menge macht menschlich, ein Zuviel zieht die gesellschaftliche Verachtung nach sich: „Everybody loves a winner / so nobody loves me“ singt Liza Minelli in „Cabaret“.

Ist es wirklich so einfach, dass ein Zugeben des Nichtgeliebtwerdens automatisch weiteres Nichtgeliebtwerden nach sich zieht? Warum sind Dinge wie Hilflosigkeit oder Einsamkeit ein solches Tabu, von negativ besetzten Emotionen, die sich auch keiner zuzugeben traut, wie Wut, Eifersucht oder Neid, ganz zu schweigen?
Rein evolutionär betrachtet, müssen ja auch derartige Regungen irgendeinen Sinn haben — Ansonsten hätten wir sie nicht.
Ich habe keine Antwort, aber ich weiß sehr genau, wie gut es tut, sich hinter Fremdwörtern und möglichst wissenschaftlichen Formulierungen verstecken zu können, wenn einen im Grunde eher Unwissenschaftliches umtreibt.

Und tatsächlich habe ich es jetzt immerhin geschafft, über Dinge zu schreiben, die ich nicht schreiben darf, weil ich fühle, dass ich sie nicht fühlen sollte: Oder zumindest nicht darüber schreiben.
Das letzte Wort indes überlasse ich Element of Crime:
„Am Ende denk ich immer nur an Dich.“

Gute Nacht.

image

Momentaufnahme, zwischen Orten

Es sind Kaffeeflecken auf dem Holz. Ich wollte das längst neu streichen. Lohnt sich das noch? Ich kratze mit dem Fingernagel daran herum, es wird nur noch dreckiger. Die grüne To-do-Liste bietet sich an: Ich zerre das Papier mit den zur Hälfte abgehakten Kästchen unter der Tastatur hervor und lege es auf den Fleck.

Es ist alles so vertraut. Wie viele Geschichten wurden an diesem Tisch geschrieben, wie viele E-Mails, und bei wie vielen habe ich gelacht, bei wie vielen geweint?
Jemand macht eine Anspielung zu einem Buch, und ich kann aufstehen und blind ins Regal greifen: Da habe ich es. Es ist mein Zuhause, sollte man meinen. Aber ich darf mich nicht auf die letzten Meter noch dran gewöhnen, denn bald muss ich weg.

Meine Sittiche schaukeln im Halbschlaf auf ihrer Stange und ahnen nicht, dass sie bald zu irgendjemanden in Pflege kommen, oder vielleicht für immer. Ich habe die kleinen Viecher lieb, aber mich tröstet, dass sie mich nicht lieben: Sie brauchen einfach nur jemanden, der ihnen Futter und Wasser hinhängt und sie nicht quält. Sie werden es verkraften, und so hat auch unerwiderte Liebe zuweilen etwas Gutes.
Und du? Ob ich dich hier nicht habe oder irgendwo anders nicht, ist auch egal: Sollte man meinen. Wie schön wäre ein neues Leben auf meiner Insel! Ich war so glücklich dort. Das Meer in allen Farben deiner Augen und die Zukunft noch so offen wie die Unendlichkeit des blauen Horizonts, gelotst von einem schwachen Schimmer Hoffnung, dass du mich vielleicht lieben könntest, irgendwann. Es ist zu lange her.

Ich möchte zurück. Aber ich frage mich auch: Will ich wirklich an diesen Ort zurück oder nur zurück zu diesem Gefühl?
Es ist einerlei, ich muss gehen. Und eigentlich müsste ich routiniert sein in solchen Dingen, denn wie oft bin ich umgezogen: Neue Stadt, neue Arbeit, neue Menschen, neue Parks, U-Bahn-Pläne und Cafés. Flexibel muss man sein. Vernünftig. Erwachsen. Sentimentalitäten zahlen einem nicht die Miete.
Aber es ist schwer: Man trauert um das, was hätte sein können, und um das, was man nicht einmal verloren hat, weil man es nie fand. Und es ist schwer, weil ich wieder dieses Wort nicht höre werde, dieses eine Wort: Bleib.

Es ist nur noch eine Frage der Zeit. Dann stehe ich am Hafen, die glitzernden Lichter der Stadt hinter mir, von drinnen die Wärme, das geliebte Lachen, und das Brummen der Autos wird zum Brummen der Schiffsmotoren, die mich wegbringen, zu einem neuen Hafen und neuen Lichtern, auch wenn diese erst ein schwaches Glimmen am Horizont sind. Ich kenne den Ort noch nicht, aber ich spüre die neue Hoffnung auf Heimat, egal wie oft diese schon enttäuscht wurde. Es muss gutgehen. Mein Gepäck ist nicht schwer, aber das, was ich mitnehme, ist wertvoll.
Ich sehe dein hübsches Profil vor mir, als stünde ich gleich draußen vorm Fenster.
Sieh nicht her, denke ich: Ich will mich nicht umdrehen, wenn ich gehe.

Das Schlagen der Uhr reißt mich aus meinen Abschiedszenarien, es ist spät.
Neben der To-do-Liste liegt eine Bewerbung nach Norden:
Die muss ich noch abschicken.

Bildschirmfoto 2014-03-21 um 23.19.28

 

Momentaufnahme, Babel

„Cider?“
Ich nicke und meine weibliche Lieblingsbedienung zapft routiniert das Pint.
Mit dem Glas in der Hand setze ich mich nach draußen; es ist noch mild. Hinter mir lärmen drei native speaker, deren Akzent ich nicht zuordnen kann, in der Ecke sitzt ein Pärchen und um den Tresen herum verteilen sich einzelne Männer.
Der Pub ist also recht leer, und so sehe ich wieder zur Kellnerin. Sie trägt heute Irisch Grün und hat das nussbraune Haar zu einem lockeren Knoten aufgesteckt. Sie ist sehr hübsch, aber ungeschminkt, feminin, aber nicht zerbrechlich, und ich mag ihre resolute Art: Ihre Sprachmelodie, die weit entfernt ist von irgendwelchem Prinzessinnen- oder verhuschte-kleine-Mäuschen-Getue, das mir an Frauen zuwider ist. (An Männern natürlich auch, und ja, das gibt es!)
Verwundert stelle ich fest, dass sie die erste Frau seit Langem ist, die ich wirklich attraktiv finde, weil ich sie genauso gerne in Gummistiefeln und Latzhose beim Treckerreparieren auf einer irischen Schafsweide ansehen würde wie im bodenlangen Abendkleid in der Oper. Und weil ich ihr den gleichen souveränen Umgang mit Rohr- wie Wimpernzange zutraue.

Sie hat lustige braune Augen und ein maskulines Lachen, was sexy ist, von dem Akzent gar nicht erst anzufangen.

Die Typen am Tresen sabbeln sie voll und sie reagiert mit dieser freundlichen, aber unmissverständlichen Art, die jedem, der sich Hirn und Anstand nicht komplett in den Orkus gesoffen hat, sagt: Ich rede mit dir, weil du hier Gast bist, aber komm mir zu nahe und ich reiß dir den Arsch auf bis an den Rand des Empires.

Ich bin ein bisschen verliebt.

Sie schaut kurz rüber und ich merke, dass ich sie anstarre. Beschämt sehe ich weg. Ich will nicht so sein, nicht so einer, der meint, mit seinem billigen Bier die Bedienung gleich mitgekauft zu haben, ihre Aufmerksamkeit, ihr Lächeln.
Davon hat sie hier täglich sicher mehr als genug.

Auf BBC läuft etwas über ein celtic media festival. Die Sendung ist komplett zweisprachig untertitelt und ich sehe fasziniert hin. Menschen erzählen Dinge auf Gälisch und zwischendurch wird Werbung für Gälischkurse gemacht. Die Sprache klingt toll und sieht geschrieben auch so aus, aber ich frage mich, wie diese Girlanden an Konsonanten jemals jemand über die Zunge bekommen soll, der das nicht mit der Muttermilch aufgesogen hat. Und plötzlich erinnere ich, was ich in der Schule als Antwort auf die Frage „Wenn Du einen Wunsch frei hättest, was wäre der?“ in Freundschaftsbücher schrieb. (Für die jüngeren LeserInnen: Das war sowas wie facebook auf Papier.)
„Ich würde gern alle Sprachen der Welt können“ schrieb ich, denn wie schön wäre es, einfach überall herumreisen und sich mit den Leuten anfreunden zu können, egal, wo man ist?
Ich merke, dass ich das immer noch nicht dumm finde. Denn wie oft trifft man jemanden mit einer anderen Muttersprache, spürt eine sofortige Sympathie und stellt dann fest, dass man sich nicht in der Tiefe verständigen kann, wie man es gern hätte; dass einem das fehlt, was einen bei der Benutzung der eigenen Sprache auszeichnet, nämlich der Wortwitz, die Intelligenz, die Sensibilität? Es ist frustrierend, und es ist schade, denn wer sagt denn, dass nicht genau dieser Mensch aus Schottland, Irland, Finnland oder den Niederlanden exakt das Puzzleteilchen ist, das einen sinnvoll ergänzt, ohne einen zu verbiegen?

Ich überlege, ob die irische Kellnerin Gälisch spricht. Ich würde gern hingehen und ihr auf Gälisch sagen, dass sie sehr schön ist, eine tolle Ausstrahlung hat und hier einen tollen Job macht, und außer uns würde das dann keiner verstehen und schon hätte man etwas, das einen verbindet. Aber wahrscheinlich würde sie dann einfach auf Gälisch denken: Ach bitte, nicht noch so einer, kann ich nicht einfach nur in Ruhe arbeiten.

Ich trinke aus und ziehe Leine.

In der Oranienburger Straße stehen zwei Sexarbeiterinnen. Auch sie sind sehr hübsch, und die Blonde hat unglaubliche Beine.

Sie schauen mich an und mich schaudert’s. Denn plötzlich fällt mir ein, dass ich das ja jetzt machen könnte: 30 Euro hinlegen und gucken, ob ich noch irgendwie zu Rande komme mit Frauen, theoretisch, als Mann kann man das ja: Menschen kaufen. Mir wird ein bisschen schlecht, und mir tun die armen Würste Leid, denen das ein Machtgefühl vermittelt. Ich will das nicht. Ich schaue zu Boden und schäme mich schon wieder. Ich will nicht so sein, nicht so einer.

Ich hoffe, dass sie das sehen in meinem Blick, dass ich nicht so bin, nicht die Sorte Mann, aber andererseits machen sie dann mit mir ja auch kein Geschäft.
Wieder fällt mir die Sache mit den Sprachen ein: Was nützten mir alle Sprachen der Welt, wenn man sich oft nichtmal in der eigenen auszudrücken vermag, wenn die Welt voll ist von nonverbalen Gemeinheiten, Unausgesprochenem und Dingen, für die man keine Worte hat? Obendrauf noch all das, was man einfach nicht sagen darf; weil es das Gegenüber nicht hören will oder weil’s sich nicht gehört.
Und ich stehe mittendrin als die Inkarnation des Unsagbaren und Unausgesprochenen. Ich kann ja weder für die Frauen noch für die Männer wirklich Stellung beziehen; ich darf ja weder Männer noch Frauen lieben, weil ich nicht weiß, wie ich mich nähern soll, ohne zu verschwinden. Weil immer der Punkt kommt, an dem ich für andere weder-noch bin; der Punkt, an dem ich unsichtbar werde: Don’t talk to me.

Ich erinnere Tränen auf einem schönen Gesicht. Lauter unerzählte Geschichten, die ich gern wüsste. Ich erinnere das Bedürfnis, trösten zu wollen, aber er sucht nicht den Trost bei mir, sondern bei der Frau neben sich; die ganze Zeit schmust er herum mit dieser Person, obwohl er angeblich schwul ist, und ich muss mir das ansehen und weine nach innen. Den anderen Mann im Raum fasst er auch nicht an, deshalb sollte ich nicht eifersüchtig sein, aber trotzdem, denke ich, trotzdem: Er würde jeden hier lieben, aber nicht mich.
Im Zwischenmenschlichen gibt es nichts Zwischenzeiliges: Das ist offensichtlich. Und ich will auch nichts Zwischenzeiliges sein.

Ich implodiere an all dem Ungesagten im Raum und an all dem, was ich nicht einmal denken darf. An den verschränkten Fingern, die ich nicht sehen will, an den Küssen und an den Worten, die er sagt: zu ihr, und an den Worten, die er nicht hat: für mich.
„Mir ist kalt“ sage ich, weil ich will, dass er mich auch in den Arm nimmt, dass er sie loslässt, um meinen Pullover zu holen, dass er Kaffee macht, oder irgend so etwas. Früher hätte das geklappt. Aber es funktioniert nicht mehr, weil ich jetzt ein Mann bin, und mir wird klar, dass dieses Männer-Frauen-Ding noch viel mehr Sprachen umfasst, als der Mensch wahrhaben möchte.
So ist das also, denke ich. Wenn man viele Wörter kennt und einen trotzdem niemand versteht. Welche Sprache könnte da noch helfen?

Ich trete hinaus in die Nacht und horche in die Stille: Mit Zuhören fängt doch alles an, denke ich; so lernt jedes Kind die Sprache. Zuhören und Nachahmen.
Und vielleicht gibt es dann irgendwann jemanden, der dir antwortet.

 

Bildschirmfoto 2014-04-07 um 02.23.56

Momentaufnahme, Friedhof

Momentaufnahme, Friedhof

Die Vogelscheiße ist hartnäckig auf dem Granit. Ich habe nichts zum Abbürsten dabei, also fische ich ein Knäuel Blumenpapier aus dem Müll, halte es unter den Wasserhahn und schrubbe damit den Grabstein ab, so gut es eben geht. Schnell färben Moos, Staub und Scheiße das feuchte Papier dunkelgrün, bevor es sich in meinen Händen auflöst. Es hat ja lange nicht geregnet.
Eine Schaufel habe ich auch nicht dabei, und es ist schon bescheuert, wenn man sich zwar vornimmt, das Grab der Urgroßeltern auf Hochglanz zu bringen, aber dann alles Wichtige daheim lässt. Also wühle ich mit bloßen Händen Löcher in die staubige Erde und setze Primeln, Stiefmütterchen und Narzissen.
Es ist ein strahlender Frühlingstag. Die zarten Blütenblätter der Zierkirschen spielen im lauen Wind wie roséfarbenes Schneetreiben, in den Bäumen zwitschert so ziemlich alles, was der deutsche Singvogelmarkt hergibt, und ich frage mich, warum es auf einem Friedhof so schön sein darf.
Ist das nicht ein Ort der Trauer? Passen hier nicht Regen und Finsternis? Wäre nicht alles andere zynisch? Ich kenne doch das Gefühl, wenn mich im Frühjahr die Depression überkommt: Die Sonne lacht mich aus, die Menschen essen Eis und verlieben sich, und ich, ich darf nicht traurig sein, weil man das bei schönem Wetter nicht macht und im Sommer sowieso nicht. Wie sehr sehne ich mich dann nach grauem Himmel und kaltem Regen, der an die Fensterscheiben klatscht! Danke Himmel, denke ich dann, danke, dass du mir Beistand leistest.

Es könnte einem Grauen vor dem latenten Zwang zum Frühlingsgefühl, sobald man das erste Mal die Jacke öffnen kann. Dabei ist der Mai der Monat mit der höchsten Selbstmordrate und nicht, wie man vermuten möchte, der dunkle November, wenn Licht und Leben aus dem Jahr weichen. Ich verstehe das: Denn wer fühlt sich schon gern im Inneren tot, was nunmal das Kennzeichen einer Depression ist, wenn sogar die verdammte Natur um einen herum tanzt und liebt und lacht, von den Mitmenschen ganz zu schweigen?
Ich erinnere mich an ein Schultheaterstück, das ich als Kind sah, und von dem mir eine Szene im Gedächtnis blieb: Ein Mädchen sitzt zwischen bunt herausgeputzten Häusern in einer Stadt, in der auf Befehl des Bürgermeisters niemand traurig sein darf, damit sie die schönste Stadt der Welt werde, und weint bitterlich. Auf die Frage nach dem Grund, nein, den Vorwurf des Weinens hin sagt sie: „Ich weine, weil ich nicht weinen darf.“
Das habe ich behalten. Seither denke ich jeden Frühling daran.

Andererseits: Ein Friedhof ist auch ein Ort des Erinnerns, nicht nur des Betrauerns. Ein Ort der Erinnerungen an schöne Zeiten mit den Verstorbenen. An ihr Lachen, an die Marotten, an die dreckigen Witze, die sie erzählten. Kann man da nicht mal lächeln und hoffen, dass ihnen die Blumen gefallen? Und sei ihnen nicht auch der Wechsel der Jahreszeiten vergönnt, das erste Rotkehlchen, das im Frühjahr über die Erde tapst, die Nachtigall in der Hecke und der Fuchs, der zwischen den Grabhügeln nach Mäusen für die Jungen in seinem Bau stromert? Wir wissen ja nicht, was man noch mitbekommt von oben. Als guter Atheist denke ich natürlich: Nichts, tot is tot, der Rest ist Biochemie, und die Seele, mein Gott … Obwohl: an den denke ich dann wohl gerade eher nicht.
Allerdings legte ich meine Hand nicht dafür ins Feuer, und so bin ich wohl doch nur Agnostiker.

Ich blicke hoch. Der Himmel strahlt azurblau wie die Augen des Lieblingsmenschen; ich denke an den Geruch und die Weichheit sonnenwarmer Haut, sein hübsches Gesicht und die kleinen Pigmentflecken, von denen ich mir einrede, das es Sommersprossen seien, obwohl ich weiß, dass es sein Alter ist. Man kann es sich ja nicht schönreden: Auch wir haben die Hälfte herum. Noch 20, 30 Frühlinge, und auch wir zersetzen uns irgendwo, in der Erde oder in der See. Ich werde nicht mitbekommen, ob der Lieblingsmensch vor mir stirbt, denn wahrscheinlich gibt es ihn in meinem Leben dann schon gar nicht mehr, wie so viele, und ich weiß nicht, wer und was dann bleibt. Ich habe kein Händchen für Dinge mit Bestand.
Und die Urgroßeltern? Die kannten mich ja nicht einmal und ich sie nicht. Aber es fließt ja ein wenig Blut davon in mir, und mein Vater erinnert sich noch: Er kennt die Schwarzweißfotos, die er mir zeigte, in Farbe, und dazu Bewegungen, Stimmen, Launen und Gerüche. So lange das in einem Menschen lebt, darf man die Toten nicht vergessen, und ich hoffe, dass auch mir jemand bleibt, der ab und zu mal was Grünes in mein geliebtes Meer wirft, wenn ich dort längst Plankton bin, oder der meine Augenfarbe erinnert.

Eine kleine Spinne hat sich aus dem Busch über mir geseilt und kitzelt an meinem Ohr. Ich mag keine Spinnen, um es vorsichtig auszudrücken.
Da ich mich ausgerechnet auf einem Friedhof aber keines Mordes schuldig machen will, streife ich sie nur ab und sehe dann zu, dass ich schnell fertig werde mit meiner Arbeit.

Meine Hände sind schwarz vor Erde. Am Wasserhahn steht ein kleiner, älterer Herr mit weißem Haar und seiner Gießkanne. Er ist sehr alt, ich schätze ihn auf Ende 80.
„Guten Tag“ sage ich, und er dreht sich um und lächelt freundlich. „Guten Tag“, sagt er. „Möchten Sie auch an das Wasser? Ich kann es Ihnen gern anlassen. Bitte.“ „Ja, vielen Dank. Ich muss mir die Hände waschen“, sage ich und halte meine verdreckten Pfoten in die Höhe. Er lacht. „Sie haben gepflanzt, ja?“ „Ja, bei den Großeltern. Und Sie?“ „Ich gieße nur,“ sagt er, „bei meiner Frau“. Ich murmele „Oh“ und möchte etwas Anteilnahme ausdrückendes sagen, aber wahrscheinlich ist seine Frau schon sehr lange tot, denn der Mann lächelt noch immer und es ist ein herzliches Lächeln, kein tapferes.
Wir wechseln noch ein paar Sätze. Ich bin überrascht über seine ausgesuchte Höflichkeit und das milde Wesen, das im tendenziell ruppigen Berliner Umgangston doch selten ist. Der eher hanseatischen Sprachmelodie und der gepflegten Kleidung nach ist er aber auch kein Berliner, zumindest nicht gebürtig.

Und auf einmal bin ich traurig wegen meiner Gedanken vorhin: Dass auf Friedhöfen kein Frühling sein sollte. Lass den lieben Herrn doch noch Frühlinge haben mit seiner Frau, selbst wenn es hier sein muss. Bestimmt weiß er noch, welche Blumen sie liebte und was sie gern aß an solchen Tagen: Eis vielleicht, oder Erdbeerkuchen. Die haben bestimmt viel zusammen erlebt, denke ich, und mir wird bewusst, wie unendlich wertvoll Erinnerungen sind. Und um wieviel achtsamer man sein sollte, um das zu konservieren, was man mit geliebten Menschen teilt: Denn irgendwann sind die Erinnerungen das Einzige, was bleibt.
Aber ich kann mich ad hoc nicht einmal mehr daran erinnern, wie mein Lieblingsmensch seinen Kaffee trinkt.

Ich kehre zurück zum Grab und richte noch ein paar Feinheiten. Aus den Augenwinkeln sehe ich den Mann auf dem Hauptweg. Ich blicke hoch und er lacht wieder dieses herzliche Lachen und winkt mir, die grüne Gießkanne hängt an seinem Arm und seine schönen weißen Haare leuchten in der Sonne. „Auf Wiedersehen!“ ruft er, „Haben Sie einen schönen Tag!“. „Auf Wiedersehen!“ rufe ich zurück, bedanke mich und winke ebenfalls.

Schmerzlich wird mir bewusst, dass dies vielleicht auch für den netten alten Mann der letzte Frühling ist, und dann gibt es kein Wiedersehen. Das ist der Lauf der Natur, ja.

Aber manchmal wünscht man sich ja doch, die Zeit würde die Blütenblätter noch ein wenig länger an den Zierkirschen lassen, bevor sie auf einen herabrieseln am Friedhofstor und sich mit der Erde vermischen.

Zuhause möchte ich den Lieblingsmenschen zum Kaffee einladen, nur um zu prüfen, ob er Milch und Zucker hineintut oder nicht.

.Bildschirmfoto 2014-04-04 um 00.00.47

Momentaufnahme, Mitte

Glücklich drücke ich das neue Buch an mich, mit dieser Mischung aus Besitzerstolz und Fürsorgeinstinkt, mit der man als Kind ein neues Plüschtier mit sich herumtrug, selig die Nase im weichen Stoff vergrub und es samt spontan erdachter Biografie jedem vorstellte, der sich nicht schnell genug aus dem Weg rettete.
Das freilich mache ich mit meinen Büchern nicht; dennoch bin ich froh, in einer Familie aufgewachsen zu sein, in der Bücher und Zeitungen zu den Grundnahrungsmitteln zählen.
Beim Betteln um Spielzeug und Süßigkeiten biss man meistens auf Granit, aber Bücher? Die gingen immer. Und man kann nicht behaupten, dass ich mit mir selbst heute anders umginge.
Man mag bis zum Monatsende noch 11 Euro besitzen und sich daher jeden nicht zwingend lebensnotwendigen Konsum verkneifen, aber Bücher? Die gehen immer.
Leider geniere ich mich furchtbar beim Feilschen, weshalb ich das Buch für 3 Euro auf dem Flohmarkt am Bodemuseum erstand, obwohl ich weiß, dass mich der Verkäufer dafür verachtet, weil er jedem anderen das Buch für 1,50 verkauft hätte, aber ich kann sowas nunmal nicht, nach einem niedrigeren Preis fragen, und ich wollte es doch so gerne haben.

Dafür kann ich mir dann ja die 5 Euro für das übliche Pint im benachbarten Irish Pub verkneifen, denke ich, dann hätte ich quasi noch 2 Euro Gewinn gemacht. Ich grinse angesichts meiner absurden Rechenoperationen, welche mir zu Recht eine Dauerfünf in Mathematik sowie das wohl schlechteste VWL-Vordiplom in der Geschichte der Universität eingebracht haben, und bewege mich selbstverständlich Richtung Pub. Denn wo kann man sich mehr dem romantischen Ideal des verarmten Dichters nähern als vor der Tür des Oscar Wilde’s, mit einem Pint Cider am hellichten Tage, Füllfederhalter und Notizbuch? — Eben.

Schwatzende Touristen ziehen an mir vorbei, ab und zu quetscht sich jemand hinter mir durch die Bank und späht in das Fenster des Pubs.
Drinnen läuft irgendein Sport mit Bällen, aber ich bleibe draußen und sehe mir lieber die hübschen, vorbeiradelnden Mitte-Boys an.
Dazu lege ich das neue Buch auf den Tisch: Man weiß ja nie.

Aber aus der Boybeobachtung wird nichts. Kaum halte ich das Buch, Jack Londons „Seewolf“, in den Händen, habe ich mich auch schon festgelesen und versinke so schnell in der Geschichte wie der Held mit seinem Kutter.
Obwohl das Buch mit eben diesem Schiffsuntergang in der Bucht von San Francisco beginnt, träume ich mich an die Irische See und stelle mir vor, dass ich es dort in einem echten Irish Pub läse; einem Irish Irish Pub quasi. Das irische Palaver am Nachbartisch hilft dabei, ebenso wie die dezente Musikbeschallung mit keltischem Gefiedel.
Ein tiefes Gefühl der Zufriedenheit macht sich breit, denn was braucht der Mann mehr als ein Pint, einen vollen Bauch und ein gutes Buch? Das Leben ist schön, und ich mittendrin.
In der Nörgelecke meines Unterbewusstseins regt sich Unmut: So findest du nie einen Mann, schallt es, wenn du jedes Meer und jedes Buch jeder Möglichkeit einer Flirtaktivität vorziehst! Leg das Ding weg und guck nach den Männern!
Halts Maul, sage ich: Ich war hier schließlich mit Männern.

Ich erinnere Augen, grün wie die Irische See, und Gespräche, aus denen man locker hätte Romane stricken können! Man kann also doch alles auf einmal haben, wenn man will, und mit dem Richtigen natürlich, den man aber sowieso nicht suchen kann, sondern der eines Tages einfach da ist und sein Pint neben meines stellt.

Die Iren am Nebentisch stimmen „Son of a Preacherman“ an, und angesichts ihres Guiness-Füllstandes singen sie gar nicht mal so schlecht. Ich überlege, ob ich den Text auch noch zusammenbekomme und finde es einmal mehr grandios, was Männer so machen, wenn sie unter sich sind und sich nicht gerade hauen.

Alles in allem ist es ein wunderbarer Sonntag, und es ist schön, sich bei dem Gefühl zu erwischen, das einem eigentlich nichts fehlt. Nicht einmal die 8 Euro, die ich an diesem Tag wieder einmal nicht hatte ausgeben wollen: Der Gegenwert ist unbezahlbar.

Und was den Rest des Monats betrifft, so wird es schon weitergehen, irgendwie:
Irgendwo ist doch immer Land in Sicht.

Bildschirmfoto 2014-03-21 um 15.50.51

Momentaufnahme, Tegel

Der Hund krümmt den Rücken und scheißt, gerade in dem Moment, wo ich hinsehe und mich frage, ob ich ihn süß finde oder nicht. Die Antwort lautet aber ohnehin „nein“, denn er ist eine Art zu kurz geratene Kampftöle, der seine geringe Körpergröße durch einen besonders fiesen Blick wettzumachen versucht: Niedlich ist anders. Ich frage mich, ob der Hund noch ein Welpe oder eine fiese Mischung aus irgendetwas ist und sehe mir das dazugehörige Herrchen an. Eine martialisch anmutende Gestalt, bei der ich es durchaus im Bereich des Möglichen ansiedele, dass er in seiner Freizeit seinen eigenen Pitbull mit dem Chihuaha aus der rosa Plastikhandtasche seiner Freundin kreuzt. Und das Ergebnis kackt mir, wie gesagt, soeben vor die Füße.
Meinen Jutebeutel mit dem „BOYS BOYS BOYS“-Schriftzug trage ich auf der Seite des Kanals, von den Hochhäusern zur Linken abgewandt. Zur Sicherheit drehe ich die Schrift aber noch einmal nach innen. Einmal im Leben von einer prolligen Teeniebande am Tegeler Hafen verbal angefallen worden zu sein, deckt meinen Bedarf daran bis auf Weiteres. Auch wenn davon auszugehen ist, dass mit Fertigstellung der Luxuswohnungen am Hafen und der Komplettsanierung der Hochhäuser die prolligen Teenies demnächst schlechtgelaunten mittelalten Reichen weichen werden.

Bei den Hochhäusern ist unverkennbar Frühling: Ein dickes Teeniepärchen in speckigen Trainingsanzügen knutscht an den maroden Schaukeln des Spielplatzes, versuchsweise auch auf der Schaukel, aber das Mädel passt der Leibesfülle wegen nicht ganz aufs Brett.
Ich mache in Gedanken drei Kreuze, dass ich kein Teenie bin und nicht mehr an unsäglichen Orten wie Bushaltestellen, Spielplätzen und Parkbänken knutschen muss, wo einen dann letztlich doch nur die Schwester (oder deren Freundinnenpatroillie) bei den Eltern verpfeift.
Der Nachteil ist natürlich, dass dafür in fortgeschrittenen Jahren gar keiner mehr mit einem knutscht, und so hält auch dieses Jahr wieder der Frühling Einzug in Berlin, und zwar ohne mich.

Das Wasser glitzert eisblau, als ich den See erreiche, und er hat heute sogar eine nennenswerte Brandung, sodass man beim Schließen der Augen einen Hauch von Meer vernehmen kann — wenn man sich anstrengt.
Aber es ist wahnsinnig laut an diesem ersten warmen Frühlingstag; überall sind Leute, und nicht einmal die Möwen sind da, obwohl es am Ufer reichlich zu Fressen gibt: Dafür schlagen die Schwäne ordentlich beim altbackenden Brot zu, wovon sie traditionell Dünnschiss kriegen und dann ihrerseits in Tegel alles vollkacken: Wer dort öfter ist, kennt das Elend.
Ich versuche, die Menschenmassen auszublenden und mich auf Wasser, Bäume und Vögel zu konzentrieren, auf der Suche nach etwas, das auch mein winterverkrustetes Herz sanft und verlässlich antaut, ohne die üblichen Komplikationen der Zuneigung zu einem menschlichen Wesen mit sich zu bringen. Aber es fällt schwer. Aus dem  Augenwinkel sehe ich etwas aufglänzen und ich schaue vom Wasser weg zur Wiese: Dort liegt ein auffallend schöner junger Mann, auf die Ellbogen gestützt, mit strahlend goldblondem Haar, in einem enganliegenden hellgrauen Shirt auf einer Decke.
Er erinnert mich sehr an jemanden, und vielleicht ist er es sogar, aber ich will das nicht wissen: Zu viele Frühlinge her und zu viele Eisschichten darüber. Ich schaue wieder aufs Wasser und denke, das es auch eigentlich egal ist, ob man sich gerade wegen unbedarfter tintenblauer oder unergründlicher nebelgrauer Augen die eigenen ausheult, letztlich ist es doch immer dasselbe, mit wechselnden Vornamen, und den Frühling haben immer die anderen.
Kanadagänse, zum Beispiel. Die Viecher balzen und brunzen zu meinen Füßen, als ob es kein Morgen gäbe. Ich überdenke meine Vogelliebe kurz, zwinge mich aber dann zurück ins Hier und Jetzt: Es ist schön. So wie es ist. Man hat nunmal keine Wahl zwischen dieser und einer Traumwelt, schon gar nicht, wenn man aus seinem Vorleben weiß, sehr genau weiß, dass vermeintliche Traumwelten gar keine sind: Es ist doch so, dass alles Besondere trivial wird, sobald es Alltag ist. Und dann sitzt man dem so Bewunderten in 2, 3 oder 4 Jahren morgens beim Kaffee gegenüber und hat sich nichts mehr zu sagen: So wird die Liebe erst Gewohnheit und dann lästig. Nein, dann lieber gar nicht erst anfangen.

Inmitten der inneren Feier meiner Abgeklärtheit erreicht mich eine E-Mail: Meine Eltern waren im Theater, mussten die Vorstellung aber verlassen, weil es meiner Mutter nicht gut ging. Ich schlucke. Machte ich mir tatsächlich gerade über irgendwelchen Trivialscheiß Gedanken,  über kackende Hunde, verdauungsgestörte Schwäne oder die Abnutzungsanfälligkeit von Beziehungen? So, als ginge das Leben ewig weiter, als wäre dies nur ein weiterer einer endlosen Reihe von Frühlingen, die es abzusitzen gilt?
Die Frühlinge sind nicht endlos. Mir wird bewusst, dass jeder neue Tag, jedes neue Jahr, ein neuer Tag und ein neues Jahr ohne jemanden sein kann. Jemanden, den man für quasi-selbstverständlich hält, weil er schon das ganze Leben irgendwo herumwuselt. Aber niemand ist selbstverständlich, egal, wie sehr man an ihn oder sie gewöhnt ist. Ich sollte mal wieder bei den Eltern anrufen.
Sollte ich.

Bildschirmfoto 2014-03-21 um 23.03.39

Momentaufnahme, Ostmole

Es wird dunkel. Die Hafenlichter werfen eine Allee goldener Lichtstreifen über das ruhige Wasser. Sonnenreste inszenieren jenseits des westlichen Molenfeuers ein Farbspektakel, von dem man sich auf jedem Gemälde mit Grausen abwenden würde. Inmitten freier Natur, umweht von salziger Seeluft, fällt es indes schwer, das kitschig zu finden. Zumindest ist es nicht die Art von Kitsch, die körperlichen Ekel verursacht; vielmehr legt der Anblick einem jene Sorte bitterschwerer Süße aufs Herz, von der man nicht weiß, ob man sie genießen oder vor ihrer Klebrigkeit Angst haben sollte.
Ich versuche gar nichts zu fühlen und schaue hinaus auf die See.
Das östliche Molenfeuer, unter dem ich stehe, hat gerade zu Leuchten begonnen. Rotes Licht ergießt sich auf glatten Asphalt; die blinkend markierte Hafenausfahrt lotst die Schiffe auf ihren Weg. Bis zum Horizont kann man die Wasserstraße sehen, und ich möchte jetzt auch ein großes Schiff haben, mit dem ich da durchfahren kann, weil es so schön aussieht und weil ich immer wissen möchte, was hinter dem Horizont ist und hinter dem Horizont danach. Aber ich kann ja nicht einmal ein Auto in der Spur halten.
Leise schlägt das Wasser gegen die Wellenbrecher an der Mole. Über mir vernehme ich ein ähnliches Geräusch: Zwei Wildgänse bahnen sich mit ruhigem Flügelschlag ihren Weg in den Westen und liefern vor dem Bild des glutrot versinkenden Sonnenballs die zweite Kitschoffensive des Tages. Wenn es doch nur kitschig wäre. Aber es ist so idyllisch, dass ich weinen muss. Ich sage mir, dass die Tränen vom Wind kommen und von der Kälte. Und wahrscheinlich ist dem auch so.
Irgendwo streiten Möwen um ihren Ruheplatz.

Auf dem Sockel des Leuchtfeuers haben Paare Initialien hinterlassen, Liebesschwüre, Daten.
Ich hinterlasse nichts. Ich schaue mich um, krame den iPod hervor, sitze eine Weile auf den Stufen zum Turm, höre mein Lieblingslied und verschwinde.
Es ist kalt geworden; ich ziehe meinen Troyer zum Rollkragen hoch und strebe den Heimweg an, widerwillig. Immer wieder drehe ich mich um: Ich will hier nicht weg. Ich muss. Die Nacht gehört der See, der Naturgewalt, den Schiffen und ihrer Besatzung. Ich muss hier weg.
Aber es ist so schön.
Am Yachthafen biege ich links zum Hotel. Eine Drossel sitzt auf einem Fahnenmast und singt so klar und kraftvoll ihr Lied in die Dunkelheit, als sänge sie um ihr Leben. Der kleine Vogel ist spät dran. Ich lausche fasziniert.
Was für eine Verschwendung, denke ich. Du singst so wunderschön und machst dir die ganze Nacht zur Bühne. Man hört dich so deutlich, aber niemand antwortet oder hört dir zu. Für die Welt bist du nur irgendein kleiner, unscheinbarer Vogel. Unbedeutend und sterblich.
Sterben wirst du, vom Habicht geholt oder von der Katze, oder vielleicht fällst du auch einfach nur altersschwach vom Mast. Niemand wird sich an dich erinnern oder an dein Lied.
Aber ich, ich mache das jetzt.
Wenn’s dir doch nur nicht scheißegal wäre. Denn auch ich bin für dich nur irgendeine Kreatur, unbedeutend und sterblich. Ich lasse dich allein, auch wenn ich gerne noch länger zugehört hätte.

Im Hotel ist es warm. Die Angestellten sind freundlich und hübsch angezogen. Auch ich habe mich fein gemacht, man will ja nicht auffallen, selbst wenn meine Anziehsachen weniger kosten als ein Abendessen im Haus.
Ich sehe an mir herunter und schäme mich ein bisschen, weil ich kein Geld habe, aber so tue, und die Angestellten auch kein Geld haben, aber denken, dass ich welches hätte. Ich muss raus: Fähre, Warnemünde, Schnaps oder zumindest ein Bier; irgendwo, wo ich gnadenlos overdressed bin und also auch fehl am Platz, aber zumindest in die andere Richtung.

Schon von Weitem sehe ich die hell erleuchtete Fähre vor der beeindruckenden Kulisse der Warnower Werftkräne und des Überseehafens hin- und hertuckern. Ich vermisse sie jetzt schon. Noch diese eine Überfahrt, dann noch eine, und Morgen noch eine. Die liebgewonnene Routine aus dem Hervorkramen von einem Euro dreißig für die Fahrkarte, dem Klingeln des Entwerters, dem mürrischen „Erledigt!“ samt Durchwinkens des grauhaarigen Matrosen. Die kurze Überfahrt, der Seewind, der glatte Stahl der Reling unter meiner Hand. Ich darf nicht dran denken. Nicht an den Lärm, den Moloch, den Dreck, die zu laute Abwesenheit inmitten von zuviel Anwesenheit. Ich will nicht mehr nach Berlin. Was ich liebe, ist hier oder in mir, aber nicht dort. Nicht wirklich.
Warum muss man nur immer so schnell alles loslassen, was man liebt? Warum kann man nicht einmal in Ruhe irgendwen oder irgendetwas fertiglieben, bis man keine Lust mehr hat oder die Luft aus der Sache raus ist? Aber nein, fortgerissen wird man, just in dem Moment, in dem der Mensch aufhört zu fremdeln.
Und wenn man jetzt niemals mit Lieben fertig wird? Ich denke nicht weiter darüber nach.

Die Fähre schließt in Warnemünde die Luken und legt ab. Bald ist sie hier. Auf einem der Pfähle am Anleger sitzt eine Heringsmöwe, ihr Federkleid persilweiß im Licht des Halbmondes. Und schon wieder möchte ich verzweifeln an der Sache mit der Liebe, weil ich das kleine Viech so gern habe und sie es ja doch nicht erwidert. In die Hand nehmen möchte ich sie, das weiche, warme Gefieder streicheln, und dann kann sie schlafen, in meinem Armen, und ich auch.
Aber so würde es nicht laufen. Angst hätte das arme Tier, jämmerlich schreien würde es und sich winden, nach mir hacken und mir die Hände blutig kratzen bei dem Versuch, meiner Liebe zu entkommen. Und ich, ich müsste es ziehen lassen; fort zu irgendwelchen Ufern, die ich nicht kenne und an denen ich nichts verloren habe.
Der Vogel beäugt mich misstrauisch und weicht ein wenig zurück. Ich entschuldige mich im Geiste und die Möwe entspannt sich.

Die Fähre ist jetzt angekommen und ich steige auf. Der Kapitän schaut zu uns herunter; er hat einen weißen Vollbart, wie man sich das so vorstellt, und sieht sehr schick aus in seiner dunkelblauen Uniform. Ich überlege, wie frustrierend es für so einen Kapitän sein muss, tagein, tagaus eine Fähre zu steuern, bei nicht einmal 10 Minuten Überfahrt. Ein bisschen tut er mir Leid, und ich finde, er sieht nett aus. Aber wahrscheinlich ist er das nicht; Leute auf Schiffen sind nie nett, und im Notfall ist das wohl auch besser so.
Ich postiere mich an der Reling neben einem Ding, aus dem warme Luft strömt und schäme mich ein bisschen, weil ich nicht weiß, wie das Ding heißt, obwohl ich denke, dass Männer sowas wissen sollten. Aber man kann ja auch schlecht „Ding auf Schiffen, aus dem warme Luft kommt“ googlen. Jedenfalls sind die Motoren unter mir und das tiefe Brummen überträgt sich über den Schiffsstahl in meinen Körper. Zusammen mit der Wärme der Abluft und dem sanften Schaukeln der Wellen ist das sehr angenehm; fast, als hielte man seinen Liebsten im Arm und spürte dessen Herzschlag und seinen ruhigen Atem. Kurz denke ich an meerwassergrüne Augen, manchmal gewitterwolkengrau oder auch einfach nur blau. Aber das geht vorbei. Eigentlich möchte ich jetzt gar niemanden neben mir, der redet, wenn ich nur den Wind und die See hören möchte, oder der am Strand neben mir läuft und seinen Schatten über meinen wirft.
Wir legen an und ich sehe zu, dass ich Land gewinne. Sämtliche Angler am Passagierkai haben Feierabend. Niemand singt. Die Möwen schlafen auf ihren Pfählen.

Bildschirmfoto 2014-03-21 um 16.29.27

Momentaufnahme, Potsdam

März 2014

Vor dem Platz der Einheit drängelt sich ein hübscher Junge an mir vorbei. Er hat honigbraunes Haar, trägt eine teuer aussehende, nachtblaue Steppjacke und hält ein Paket Eier in der Hand.
Ich sehe zu, wie er mit der grünen Eierschachtel über die Straßenbahngleise flitzt und überlege für einen Sekundenbruchteil, wie es wäre, mit ihm Rühreier zu frühstücken. Irgendwo in der Sonne, auf einem Balkon, er lächelt die ganze Zeit, und hinter uns ist das Meer und all der Scheiß. Er hat bestimmt ein hübsches Lachen.
Ich überlege, wie lange es her ist, dass jemand mit mir gefrühstückt hat, und wie viel länger noch, dass dabei gelächelt wurde.
Der Junge wartet jetzt auf die Tram und ich frage mich, was er überhaupt mit den Eiern will. Warum hat der keine anderen Lebensmittel dabei, eine Tüte oder Tasche? Aber er trägt nur diese kleine, grüne Pappschachtel. Bestimmt hat seine Mutter gesagt: Hol doch noch Eier, bevor du heim kommst. Ich brauche welche. Oder seine Freundin.
Ich stelle mir vor, was wäre, wenn er die Eier fallen ließe, es gäbe eine Sauerei auf dem Bürgersteig, und dann käme er nach Hause, ohne Eier. Die Freundin würde sich mit ihm streiten deswegen, so läuft das nämlich in langen Beziehungen.
Da freut man sich nicht mehr, dass der Liebste nicht von der Straßenbahn überfahren wurde, wenn er heim kommt, sondern man ärgert sich, weil er keine Eier dabei hat.
Man streitet sich; der Eier wegen, wegen des Vergessens, der Nachlässigkeit und der allgemeinen Lieblosigkeit in solchen Dingen, und dann kommt man von den Eiern auf die Socken im Flur, die Telefonrechnung, die Lippenstiftreste im Bad, und dass er nicht mitwill zu den Eltern an Ostern. Und dann sieht man den Menschen an, mit dem man seit Jahren sein Leben teilt, sein schönes, stolzes Profil, und man denkt nicht mehr: Du müsstest in irgendeinem Hollywoodfilm einen Wikingerkönig spielen, schön, wie du bist, sondern nur noch: Alter, du gehst mir total auf den Sack, Betonung auf alt.
Und das ist es dann, das Ideal des Beziehungslebens und der eheähnlichen Zustände.

Ich frage mich: Muss das wirklich immer so enden? Ist es dann vielleicht nicht doch besser, den Angebeteten gar nicht erst bei sich zu haben, auch wenn einen die Leere auf dem Kopfkissen nebenan anbrüllt wie ein Orkan, der mit Windstärke 8 durch verlassene Häuserschluchten fegt?
Auf Rühreier hat jetzt niemand mehr Lust.
Das Klingeln der Straßenbahn reißt mich aus den Gedanken. Der Junge steigt ein; er hält den Eierkarton mit der einen Hand an die Brust gedrückt und sich selbst mit der anderen fest. Wie es aussieht, sind alle noch heil.

Ich denke noch bis zur nächsten Kreuzung an ihn, dann erreiche ich den Hafen.
Er liegt ruhig und verwaist in der nächtlichen Finsternis. Kein Schiff liegt dort vertäut, es wartet kein Ankerplatz auf mich, erst recht kein schöner Seemann. Dennoch ist jeder Schritt in die Dunkelheit ein umarmender, und die Stille ist wunderschön.
Hinter Pier E huscht eine Ratte aus dem Gebüsch. Kleine, schlaue Knopfäuglein und ein vorwitziges, witterndes Näschen sondieren die Lage. Ich warte, bis der Ratz mit seinen Verrichtungen fertig ist und wieder Deckung bezogen hat, ich will nicht stören. Aus den Zweigen ertönt das leise Fiepen seiner Artgenossen. Er ist nicht allein, denke ich, das ist gut.
Am Pier F öffnet sich der Hafen zur Havel; hier liegen die Ruheplätze der Lachmöwen.
Ich sehe die schönen Vogel in ihrem weißen Winterkleid mit dem typischen Ohrfleck als schwarz hingetupfte Silhouetten auf dem Wasser schaukeln. Ein milchiger Mond wirft einen Schleier grünweißen Lichts auf sich wiegendes Schilf, und ich wünschte, ich könnte jetzt auch meinen Kopf in warmes Gefieder stecken, immun gegen die Kälte an meinen Füßen, und schlafen bei meinen Gefährten. Nicht allein, aber jeder für sich, und nur mit dem zum Überleben zwingend Notwendigen an Intelligenz ausgestattet, was einem nächtliche Reflektionen über Eier, Beziehungen und Lachmöwen erspart. Aber ich bin keiner von ihnen, also sehe ich nur noch eine Weile hinüber und gehe.
Von der Brücke aus schaue ich zum letzten Mal aufs Wasser. Irgendwo springt ein Fisch und zerhackt die Spiegelung des Laternenlichts in Scherben.

DSCI0584