Momentaufnahme, Ostmole

Es wird dunkel. Die Hafenlichter werfen eine Allee goldener Lichtstreifen über das ruhige Wasser. Sonnenreste inszenieren jenseits des westlichen Molenfeuers ein Farbspektakel, von dem man sich auf jedem Gemälde mit Grausen abwenden würde. Inmitten freier Natur, umweht von salziger Seeluft, fällt es indes schwer, das kitschig zu finden. Zumindest ist es nicht die Art von Kitsch, die körperlichen Ekel verursacht; vielmehr legt der Anblick einem jene Sorte bitterschwerer Süße aufs Herz, von der man nicht weiß, ob man sie genießen oder vor ihrer Klebrigkeit Angst haben sollte.
Ich versuche gar nichts zu fühlen und schaue hinaus auf die See.
Das östliche Molenfeuer, unter dem ich stehe, hat gerade zu Leuchten begonnen. Rotes Licht ergießt sich auf glatten Asphalt; die blinkend markierte Hafenausfahrt lotst die Schiffe auf ihren Weg. Bis zum Horizont kann man die Wasserstraße sehen, und ich möchte jetzt auch ein großes Schiff haben, mit dem ich da durchfahren kann, weil es so schön aussieht und weil ich immer wissen möchte, was hinter dem Horizont ist und hinter dem Horizont danach. Aber ich kann ja nicht einmal ein Auto in der Spur halten.
Leise schlägt das Wasser gegen die Wellenbrecher an der Mole. Über mir vernehme ich ein ähnliches Geräusch: Zwei Wildgänse bahnen sich mit ruhigem Flügelschlag ihren Weg in den Westen und liefern vor dem Bild des glutrot versinkenden Sonnenballs die zweite Kitschoffensive des Tages. Wenn es doch nur kitschig wäre. Aber es ist so idyllisch, dass ich weinen muss. Ich sage mir, dass die Tränen vom Wind kommen und von der Kälte. Und wahrscheinlich ist dem auch so.
Irgendwo streiten Möwen um ihren Ruheplatz.

Auf dem Sockel des Leuchtfeuers haben Paare Initialien hinterlassen, Liebesschwüre, Daten.
Ich hinterlasse nichts. Ich schaue mich um, krame den iPod hervor, sitze eine Weile auf den Stufen zum Turm, höre mein Lieblingslied und verschwinde.
Es ist kalt geworden; ich ziehe meinen Troyer zum Rollkragen hoch und strebe den Heimweg an, widerwillig. Immer wieder drehe ich mich um: Ich will hier nicht weg. Ich muss. Die Nacht gehört der See, der Naturgewalt, den Schiffen und ihrer Besatzung. Ich muss hier weg.
Aber es ist so schön.
Am Yachthafen biege ich links zum Hotel. Eine Drossel sitzt auf einem Fahnenmast und singt so klar und kraftvoll ihr Lied in die Dunkelheit, als sänge sie um ihr Leben. Der kleine Vogel ist spät dran. Ich lausche fasziniert.
Was für eine Verschwendung, denke ich. Du singst so wunderschön und machst dir die ganze Nacht zur Bühne. Man hört dich so deutlich, aber niemand antwortet oder hört dir zu. Für die Welt bist du nur irgendein kleiner, unscheinbarer Vogel. Unbedeutend und sterblich.
Sterben wirst du, vom Habicht geholt oder von der Katze, oder vielleicht fällst du auch einfach nur altersschwach vom Mast. Niemand wird sich an dich erinnern oder an dein Lied.
Aber ich, ich mache das jetzt.
Wenn’s dir doch nur nicht scheißegal wäre. Denn auch ich bin für dich nur irgendeine Kreatur, unbedeutend und sterblich. Ich lasse dich allein, auch wenn ich gerne noch länger zugehört hätte.

Im Hotel ist es warm. Die Angestellten sind freundlich und hübsch angezogen. Auch ich habe mich fein gemacht, man will ja nicht auffallen, selbst wenn meine Anziehsachen weniger kosten als ein Abendessen im Haus.
Ich sehe an mir herunter und schäme mich ein bisschen, weil ich kein Geld habe, aber so tue, und die Angestellten auch kein Geld haben, aber denken, dass ich welches hätte. Ich muss raus: Fähre, Warnemünde, Schnaps oder zumindest ein Bier; irgendwo, wo ich gnadenlos overdressed bin und also auch fehl am Platz, aber zumindest in die andere Richtung.

Schon von Weitem sehe ich die hell erleuchtete Fähre vor der beeindruckenden Kulisse der Warnower Werftkräne und des Überseehafens hin- und hertuckern. Ich vermisse sie jetzt schon. Noch diese eine Überfahrt, dann noch eine, und Morgen noch eine. Die liebgewonnene Routine aus dem Hervorkramen von einem Euro dreißig für die Fahrkarte, dem Klingeln des Entwerters, dem mürrischen „Erledigt!“ samt Durchwinkens des grauhaarigen Matrosen. Die kurze Überfahrt, der Seewind, der glatte Stahl der Reling unter meiner Hand. Ich darf nicht dran denken. Nicht an den Lärm, den Moloch, den Dreck, die zu laute Abwesenheit inmitten von zuviel Anwesenheit. Ich will nicht mehr nach Berlin. Was ich liebe, ist hier oder in mir, aber nicht dort. Nicht wirklich.
Warum muss man nur immer so schnell alles loslassen, was man liebt? Warum kann man nicht einmal in Ruhe irgendwen oder irgendetwas fertiglieben, bis man keine Lust mehr hat oder die Luft aus der Sache raus ist? Aber nein, fortgerissen wird man, just in dem Moment, in dem der Mensch aufhört zu fremdeln.
Und wenn man jetzt niemals mit Lieben fertig wird? Ich denke nicht weiter darüber nach.

Die Fähre schließt in Warnemünde die Luken und legt ab. Bald ist sie hier. Auf einem der Pfähle am Anleger sitzt eine Heringsmöwe, ihr Federkleid persilweiß im Licht des Halbmondes. Und schon wieder möchte ich verzweifeln an der Sache mit der Liebe, weil ich das kleine Viech so gern habe und sie es ja doch nicht erwidert. In die Hand nehmen möchte ich sie, das weiche, warme Gefieder streicheln, und dann kann sie schlafen, in meinem Armen, und ich auch.
Aber so würde es nicht laufen. Angst hätte das arme Tier, jämmerlich schreien würde es und sich winden, nach mir hacken und mir die Hände blutig kratzen bei dem Versuch, meiner Liebe zu entkommen. Und ich, ich müsste es ziehen lassen; fort zu irgendwelchen Ufern, die ich nicht kenne und an denen ich nichts verloren habe.
Der Vogel beäugt mich misstrauisch und weicht ein wenig zurück. Ich entschuldige mich im Geiste und die Möwe entspannt sich.

Die Fähre ist jetzt angekommen und ich steige auf. Der Kapitän schaut zu uns herunter; er hat einen weißen Vollbart, wie man sich das so vorstellt, und sieht sehr schick aus in seiner dunkelblauen Uniform. Ich überlege, wie frustrierend es für so einen Kapitän sein muss, tagein, tagaus eine Fähre zu steuern, bei nicht einmal 10 Minuten Überfahrt. Ein bisschen tut er mir Leid, und ich finde, er sieht nett aus. Aber wahrscheinlich ist er das nicht; Leute auf Schiffen sind nie nett, und im Notfall ist das wohl auch besser so.
Ich postiere mich an der Reling neben einem Ding, aus dem warme Luft strömt und schäme mich ein bisschen, weil ich nicht weiß, wie das Ding heißt, obwohl ich denke, dass Männer sowas wissen sollten. Aber man kann ja auch schlecht „Ding auf Schiffen, aus dem warme Luft kommt“ googlen. Jedenfalls sind die Motoren unter mir und das tiefe Brummen überträgt sich über den Schiffsstahl in meinen Körper. Zusammen mit der Wärme der Abluft und dem sanften Schaukeln der Wellen ist das sehr angenehm; fast, als hielte man seinen Liebsten im Arm und spürte dessen Herzschlag und seinen ruhigen Atem. Kurz denke ich an meerwassergrüne Augen, manchmal gewitterwolkengrau oder auch einfach nur blau. Aber das geht vorbei. Eigentlich möchte ich jetzt gar niemanden neben mir, der redet, wenn ich nur den Wind und die See hören möchte, oder der am Strand neben mir läuft und seinen Schatten über meinen wirft.
Wir legen an und ich sehe zu, dass ich Land gewinne. Sämtliche Angler am Passagierkai haben Feierabend. Niemand singt. Die Möwen schlafen auf ihren Pfählen.

Bildschirmfoto 2014-03-21 um 16.29.27

Momentaufnahme, Potsdam

März 2014

Vor dem Platz der Einheit drängelt sich ein hübscher Junge an mir vorbei. Er hat honigbraunes Haar, trägt eine teuer aussehende, nachtblaue Steppjacke und hält ein Paket Eier in der Hand.
Ich sehe zu, wie er mit der grünen Eierschachtel über die Straßenbahngleise flitzt und überlege für einen Sekundenbruchteil, wie es wäre, mit ihm Rühreier zu frühstücken. Irgendwo in der Sonne, auf einem Balkon, er lächelt die ganze Zeit, und hinter uns ist das Meer und all der Scheiß. Er hat bestimmt ein hübsches Lachen.
Ich überlege, wie lange es her ist, dass jemand mit mir gefrühstückt hat, und wie viel länger noch, dass dabei gelächelt wurde.
Der Junge wartet jetzt auf die Tram und ich frage mich, was er überhaupt mit den Eiern will. Warum hat der keine anderen Lebensmittel dabei, eine Tüte oder Tasche? Aber er trägt nur diese kleine, grüne Pappschachtel. Bestimmt hat seine Mutter gesagt: Hol doch noch Eier, bevor du heim kommst. Ich brauche welche. Oder seine Freundin.
Ich stelle mir vor, was wäre, wenn er die Eier fallen ließe, es gäbe eine Sauerei auf dem Bürgersteig, und dann käme er nach Hause, ohne Eier. Die Freundin würde sich mit ihm streiten deswegen, so läuft das nämlich in langen Beziehungen.
Da freut man sich nicht mehr, dass der Liebste nicht von der Straßenbahn überfahren wurde, wenn er heim kommt, sondern man ärgert sich, weil er keine Eier dabei hat.
Man streitet sich; der Eier wegen, wegen des Vergessens, der Nachlässigkeit und der allgemeinen Lieblosigkeit in solchen Dingen, und dann kommt man von den Eiern auf die Socken im Flur, die Telefonrechnung, die Lippenstiftreste im Bad, und dass er nicht mitwill zu den Eltern an Ostern. Und dann sieht man den Menschen an, mit dem man seit Jahren sein Leben teilt, sein schönes, stolzes Profil, und man denkt nicht mehr: Du müsstest in irgendeinem Hollywoodfilm einen Wikingerkönig spielen, schön, wie du bist, sondern nur noch: Alter, du gehst mir total auf den Sack, Betonung auf alt.
Und das ist es dann, das Ideal des Beziehungslebens und der eheähnlichen Zustände.

Ich frage mich: Muss das wirklich immer so enden? Ist es dann vielleicht nicht doch besser, den Angebeteten gar nicht erst bei sich zu haben, auch wenn einen die Leere auf dem Kopfkissen nebenan anbrüllt wie ein Orkan, der mit Windstärke 8 durch verlassene Häuserschluchten fegt?
Auf Rühreier hat jetzt niemand mehr Lust.
Das Klingeln der Straßenbahn reißt mich aus den Gedanken. Der Junge steigt ein; er hält den Eierkarton mit der einen Hand an die Brust gedrückt und sich selbst mit der anderen fest. Wie es aussieht, sind alle noch heil.

Ich denke noch bis zur nächsten Kreuzung an ihn, dann erreiche ich den Hafen.
Er liegt ruhig und verwaist in der nächtlichen Finsternis. Kein Schiff liegt dort vertäut, es wartet kein Ankerplatz auf mich, erst recht kein schöner Seemann. Dennoch ist jeder Schritt in die Dunkelheit ein umarmender, und die Stille ist wunderschön.
Hinter Pier E huscht eine Ratte aus dem Gebüsch. Kleine, schlaue Knopfäuglein und ein vorwitziges, witterndes Näschen sondieren die Lage. Ich warte, bis der Ratz mit seinen Verrichtungen fertig ist und wieder Deckung bezogen hat, ich will nicht stören. Aus den Zweigen ertönt das leise Fiepen seiner Artgenossen. Er ist nicht allein, denke ich, das ist gut.
Am Pier F öffnet sich der Hafen zur Havel; hier liegen die Ruheplätze der Lachmöwen.
Ich sehe die schönen Vogel in ihrem weißen Winterkleid mit dem typischen Ohrfleck als schwarz hingetupfte Silhouetten auf dem Wasser schaukeln. Ein milchiger Mond wirft einen Schleier grünweißen Lichts auf sich wiegendes Schilf, und ich wünschte, ich könnte jetzt auch meinen Kopf in warmes Gefieder stecken, immun gegen die Kälte an meinen Füßen, und schlafen bei meinen Gefährten. Nicht allein, aber jeder für sich, und nur mit dem zum Überleben zwingend Notwendigen an Intelligenz ausgestattet, was einem nächtliche Reflektionen über Eier, Beziehungen und Lachmöwen erspart. Aber ich bin keiner von ihnen, also sehe ich nur noch eine Weile hinüber und gehe.
Von der Brücke aus schaue ich zum letzten Mal aufs Wasser. Irgendwo springt ein Fisch und zerhackt die Spiegelung des Laternenlichts in Scherben.

DSCI0584