Zaunkönig

Der Neujahrstag beginnt mit einem lauten Schmettern. Ich höre den Zaunkönig, lange bevor ich ihn sehe. Dann kommt er angeschossen; fliegt an mir vorbei und auf den niedrigen Zaun des Schullandheims zu, den er sich als Kurzzeitthron auserkoren hat. Dort sitzt er dann, das winzige Vögelchen: Kaum größer als meine Handfläche, so leicht wie ein Blatt Papier, in all seiner braungesprenkelten Pracht. Er wippt und hüpft und schmettert munter weiter; ist mal hier, mal dort, lässt sich bewundern und entzieht sich mit der Geschwindigkeit seines Umherflatterns doch jedem Fotografierversuch. Ich kenne das schon, also hebe ich die Kamera nicht einmal mehr an, sondern sehe ihm einfach nur zu, voll Bewunderung für seine königliche Herrlichkeit.

Aufgeplusterte Angeber sind mir in der Regel zuwider, aber Zaunkönige mag ich. Zaunkönige sind klein, rund und niedlich, wobei der Niedlichkeitsfaktor durch das sanft gesprenkelte Gefieder in seinen warmen Braun- und Weißtönen noch erhöht wird. Und doch machen sie jedem, der sie sieht — und hört — klar, dass es sich lohnt, sie nicht zu übersehen. Dass sie jeden Respekt verdienen. Und dass sie König des Zauns sind. Und zwar jeden Zauns: Vom Müllhäuschen bis zur Villa. Bis zu 90 Dezibel kann so ein Zaunkönigskehlchen erzeugen und damit bis zu 500 Meter weit hörbar sein. Der fröhlich zwitschernde Schnabel ist dabei kürzer als mein kleiner Fingernagel. Mein Jahr hätte nicht schöner beginnen können als mit diesem Zaunkönig, mit diesem Paradebeispiel an gesundem Selbstbewusstsein, das mir im Leben so oft fehlte.

Letzteres wird mit den Jahren besser — das kann ich allen Menschen, die jünger als ich sind, zusichern, wiewohl es auch nicht schadet, irgendwann endgültig seine Grenzen zu kennen, samt der Einsicht: Das können andere besser. Dann verzettelt man sich nicht mehr in Hundert Was-wäre-wenn-Versuchen, sondern baut nur noch das aus, was da ist. Und man umgibt sich freiwillig auch nur noch mit Menschen, die einen mit liebevoller Objektivität zu betrachten wissen: Die einen weder verklären und in Höhen jazzen, von denen man zwangsläufig abstürzen muss, noch voreilig vom Zaun schubsen, obwohl man nicht einmal wackelt.

Die Menschen, mit denen ich mich umgeben möchte, akzeptieren, wenn irgendetwas nicht mehr geht. Diese Menschen helfen einem Packen, halten vielleicht die Leiter fest, damit man langsam und vorsichtig selbst vom Zaun steigen kann, und dann gehen sie mit einem weiter, irgendwohin, zu einem neuen Garten, zu einem neuen Zaun. Der ist vielleicht niedriger als der alte, hat eine andere Farbe oder einen andere Form, aber irgendwann hat man sich auch darauf eingerichtet, und dann reichen die Freunde einem die Krone hoch, die sie in der Zeit des Wanderns, der Such- und Betteljahre sorgsam aufbewahrt hatten.

Mein alter Zaun sind meine Zeichenstifte. Den Zaunkönig, den ich nicht zu fotografieren vermochte, wollte ich zeichnen. Ein letztes Mal noch, der zitternden, krampfenden Finger zum Trotz. Aber es geht einfach nicht mehr wie früher. Wie ein Fahrrad, dessen Lenkerschraube verstellt ist, nicht die Spur zu halten vermag, produziert der Stift längst nicht mehr die Linie, die ich ihm vorgebe; macht Schlenker hier und Zacken da, wo eine energische gerade Linie sein sollte, und jegliche feine Rüttelbewegung zur Anlage eines flauschigen Gefieders treibt mir Schmerztränen in die Augen. Es geht nicht mehr, und so ist dieser zitternde, alte und gichtige Zaunkönig der letzte Vogel, den ich zeichne. Und mit ihm packe ich all die Dinge in einen Koffer, die einst so schön waren und sich als kleine Quellteiche der Bestätigung, dass Gott auch mich nicht talentlos erschaffen hat, durch meine Biografie geglitzert hatten: Die Komplimente, die Ausstellungen, die Verkäufe, das Lob. Nun bleibt mir das Malen mit Sprache, für das die Beweglichkeit meiner Finger hoffentlich noch eine Weile ausreichen wird. Das ist mein neuer Zaun.

Nun wird das Zeichnen nicht die einzige Aktivität sein, von der ich mich im Zuge des Alterns verabschieden muss, und ich bin nicht der Einzige, dem es so geht. Ich kenne Menschen, die früher zauberhaft filigrane Dinge bastelten und nun kaum noch die Knöpfe an ihrer Jacke schließen können. Ich kenne Menschen, die früher wieselflink jeden Baum erklommen hätten und sich nun, auf den Rollator gestützt, nur noch in der Erinnerung aus der Baumkrone winken sehen können. Aber ihre eigene Krone — die hat ihnen niemand genommen. Das Talent ist nicht fort. Es wird immer ein Teil von ihnen sein. Es hat sich nur Schlafen gelegt. Und so hoffe auch ich, mit dem fortschreitenden Verlust meiner Fingerfertigkeiten Frieden schließen zu können. Es bleibt ja noch mehr als genug.
Vielleicht werden die Zäune mit dem Alter niedriger, vielleicht werden sie breiter, damit man bequemer drauf sitzen kann. Vielleicht braucht man jetzt öfter eine helfende Hand, um nach oben zu kommen. Und vielleicht braucht es irgendwann sogar eine Rampe. Aber es geht immer noch aufwärts. Immer.
Und niemals, so erinnert mich der kleine Zaunkönig in meiner Straße lautstark, sollte man da, wo man ist, aufhören zu Singen.

Ein neuer Vogel und ein Abschied

Liebe GeflügelfreundInnen,

zunächst einmal möchte ich meine neueste Zeichnung vorstellen. Diesen kleinen Papagei habe ich heute fertiggestellt, nachdem er mehrere Monate halbfertig im Schrank gelegen hat. Tief bewegt über die Brände im Amazonas wollte ich damit all den umgekommenen wunderschönen Tieren des Regenwaldes eine letzte Ehre erweisen.

Das mit der letzten Ehre ist allerdings leider wörtlich zu nehmen, denn der Grund für die lange Pause waren zunehmende Schmerzen und Krämpfe in Fingern und Handgelenk beim Zeichnen. Leider stellte ich soeben fest, dass sich das keineswegs gebessert hat: Im Gegenteil. Die Schmerzen sind sehr schlimm, und das kann ich mir für meinen Hauptjob — das Schreiben —, für den ich meine Finger und Handgelenke ebenso brauche, leider nicht leisten. Insofern wird dieser Papagei mein vorerst letzter Vogel sein, da ich wenig Hoffnung habe, dass sich meine Feinmotorik noch einmal bessern wird.

Natürlich bin ich deswegen traurig, aber auch andere Künstler (weitaus begabtere) mussten so etwas erleben: Monet wurde blind, Beethoven taub. Und Gott hat mir ja zum Glück auch noch ein anderes Talent geschenkt: Das „Malen“ mit Sprache. Ich muss es wohl dabei belassen.

Ich denke, dass ich auf großer Fläche eventuell noch (tendenziell expressionistisch) Malen lernen könnte, da ein Pinselschwung andere Bewegungen erfordert als das kleinteilige Zeichnen von beispielsweise Gefieder oder Laub. Allerdings fehlt mir für die dafür nötigen Utensilien in meiner kleinen Wohnung der Platz. Ich werde mich also eher aufs Anschauen der wundervollen Gemälde und Zeichnungen meiner (Ex-)KollegInnen beschränken.

Postkarten werde ich aus den vorhandenen Vogelmotiven weiter anfertigen lassen und auf Märkten verkaufen, aber ich hege, wie erläutert, wenig Hoffnung, dass in absehbarer Zeit noch Neues hinzukommt. Die Schmerzen sind einfach zu stark. Auftragszeichnungen kann ich daher leider auch nicht mehr annehmen, da ich schon die letzten nicht mehr in zufriedenstellender Qualität anfertigen konnte (auch wenn sie mir zum Glück dennoch abgekauft wurden). Neben dem Corona-bedingten Ausfall von Möglichkeiten zum Buch- und Postkartenverkauf auf Märkten und Lesungen ist das ein weiterer Einkommensverlust, aber man muss auch seine Grenzen erkennen und zu angemessener Zeit die Reißleine ziehen — Gesundheit geht vor. Umso mehr ist mir natürlich mit Buchkäufen geholfen, dem Postkartenkauf und auch gerne dem Ankauf noch vorhandener Original-Zeichnungen. Eine Übersicht davon werde ich in Kürze erstellen.

Herzliche Grüße von Langeoog,

Ihr/Euer Mayk

Papagei 1

 

 

 

Momentaufnahme, Waldgeister

Bald ist es geschafft. Welche Wohltat, beim Heimkommen wieder die ersten dauerhaft verschlossenen Rollläden zu sehen und die Möglichkeit zu haben, am Tage zu schlafen, ohne von infernalischem Gebrüll, Möbelrücken und Klospülungen im Minutentakt aufzuwachen. Endlich kann auch ich mir ein Stück Inselsommer erobern und auf meinem Balkon sitzen, ohne unfreiwilliger Zaungast von fremderleuts Beziehungsleben, Erziehungs- und Essgewohnheiten zu sein. Zwar donnern nachts noch reichlich bezechte Halbstarke mit ihren Lautsprechern Richtung Jugendherberge, und noch steht man mit dem Fahrrad an jeder Kreuzung im Stau, weil irgendwer meint, sich mit seinem Rad dort zum Plausch quer hinstellen oder erst umständlich die Marschroute ausdiskutieren zu müssen. Aber es bessert sich: Im Haus kehrt Ruhe ein und auch die Parkplatzsituation lässt einen zunehmend weniger über das Themenfeld „Überbevölkerung“ nachdenken.
Ab und zu kann man in all dem Gewirr aus Menschenlärm auch wieder einen Vogel hören. Ich nippe in meinem Rattansessel an selbstgemachter Waldmeisterlimonade und sehne mich nach Stille. „Einsame Insel“, denke ich müde, „wenn die Leute wüssten.“ Zumindest nicht im August.

Ich mag den Herbst. Mit jedem Schluck der zartgrünen, sprudelnden Flüssigkeit träume ich mich in die stillen Wälder meiner Kindheit zurück. — Gut, in der Erinnerung still, denn in Wirklichkeit ging das infernalische Gebrüll von damals wahrscheinlich auch von mir aus, aber die Geräuschkulisse habe ich vergessen, die Schönheit des Waldes hingegen: Niemals.
Der Waldmeister wuchs in hellgrünen Teppichen unter mächtigen Buchen; bis tief in den Wald hinein spann sich an schönen Tagen ein Netz aus Sonnenflecken, welches das Waldmeistergrün umso prachtvoller hervorhob. Dazwischen leuchteten all diese winzigen, sternförmigen Blüten. Wir pflückten ein paar Blättchen davon, zerrieben ihn zwischen den Fingern und sogen das schwache Aroma ein, das sich erst mit dem Welken der Pflanze wirklich entfaltet. Ich liebte alles mit Waldmeister; von Brausebonbons bis Wassereis. Und sein leuchtendes Immergrün mitten im Wald war mir stets ein verlässlicher kleiner Frühling, auch wenn die Buchen sich längst herbstlich färbten.
Aber manchmal half auch der nicht.

Am Ende des Waldweges lag eine Wetterhütte. Aus Erwachsenensicht war es vermutlich nicht allzuweit dorthin, aber für ein Kind war der Weg zur Hütte die Querung eines halben Kontinents. In der Regel pausierten wir dort eine Weile, schauten über unseren ausgewickelten Butterbroten ins Tal und machten uns dann auf den Rückweg. Einmal hatte ich ein kleines Stofftier dabei, ich vergaß es in der Hütte und bemerkte sein Fehlen erst, als wir den Wald schon fast wieder verlassen hatten. Natürlich gab es ein großes Geheul, aber meine Eltern hatten keine Lust, zurückzugehen, und so sagten sie mir, ich solle es allein holen gehen, wenn ich es denn so dringend wiederhaben wöllte. Vermutlich war ich nicht mehr ganz klein, das erinnere ich nicht, aber es war auch zu einer Zeit, in der man seine Kinder noch problemlos allein zum Spielen in den Wald schicken konnte, ohne das Jugendamt am Hals zu haben. Wir machten das ja auch sonst ständig, es gab keine Mobiltelefone, die Überwachung im Viertel übernahmen im Fenster liegende Senioren statt GPS-Systeme, Bauer und Förster kannten einen, und heim ging man, wenn die Straßenlaternen leuchteten. Kind allein im Wald war also per se kein Drama und die pädagogische Intention durchaus nachvollziehbar — Aber ich schweife ab, vermutlich aus gutem Grunde.
Denn natürlich brachte ich das Stofftier nicht heim. Nach etwa zwei Dritteln des Weges bekam ich Angst. Merkwürdigerweise nicht einmal mitten im Wald, aber zwischen Wald und Schutzhütte lag noch ein Acker, und irgendwie fürchtete ich mich vor dieser offenen, gleichförmigen Feldfläche mehr als vor der schattigen Umarmung der riesigen Rotbuchen. Es wäre nicht mehr weit bis zur Hütte gewesen, ich konnte ihr Dach aus groben, dunklen Holzstämmen sogar schon sehen, aber ich schaffte es nicht, und so kehrte ich um.
An das Stofftier dachte ich lange noch. Ich stellte mir vor, wie es dort in der Hütte weinte und fror und in der Nacht noch viel mehr Angst hatte als ich, der es so schändlich verraten hatte. Ich hoffte, dass ein anderes Kind es vielleicht gefunden hatte, es trocknete und wärmte und nun liebevoll damit spielte. Zugleich verfolgte mich albtraumhaft das Bild, dass es auch ganz anders sein könnte. Dass das Stofftier dort einsam im Dreck lag und ein Wildschwein seine Hauer in den weichen, wattegefüllten Bauch grub, in den ich so oft trostsuchend meine Nase gedrückt hatte. Dass die klammfeuchten Herbstblätter seine Überreste begruben, dass es dort draußen starb, weil ich es verlassen hatte. Weil ich zu feige gewesen war. Weil ich es nicht gerettet hatte.
Natürlich war es nur ein Stück altes Bettlaken, das meine Mutter mit Watte ausgestopft und mit einem lieben Gesicht bestickt hatte, aber man kennt das: Als Kind sind Stofffreunde für einen lebendig, sie fühlen und leiden. So lernt man wohl Empathie. Und zuweilen auch Abschiednehmen.

Ich fülle die Waldmeisterlimonade auf und denke über Verrat nach und darüber, das man manchmal etwas Schlechtes tun muss, um noch Schlechteres zu verhindern. Ich frage mich: Gibt es überhaupt eine Rechtfertigung dafür, einen früheren Freund zu verraten, ihn auszuliefern, auch wenn er sich der Freundschaft als nicht würdig erwiesen hat; auch wenn er selbst Menschen, die ihn liebten, verriet? 
Auch wenn er etwas sehr Schlimmes getan hat oder kurz davor steht, etwas Schlimmes zu tun? Meine spontane Antwort hätte immer „Nein“ gelautet. Loyalität ist mir heilig. 
Was aber, wenn man an einen Punkt gerät, an dem man einen Menschen verraten muss, um viele andere vor ihm zu schützen? Was, wenn man ihn vor sich selbst schützen muss? 
Es ist eine schwierige Entscheidung, die sich niemals gut anfühlen kann. Man denkt an all das Schöne und Gute, das man einst in diesem Menschen sah, und das vielleicht auch noch immer in ihm ist. Und dann sieht man das Destruktive und all das, was neben dem Schönen und Guten noch gärt und ihn vermutlich längst zu vergiften droht — ein Gift, das auch in sein Umfeld sickert. Es liegt kein Segen darin.
Nach schmerzhaftem Abwägen, Ringen und Hadern geht es dann irgendwann nicht mehr; der Füllfederhalter ist der Dolch, den es aus dem Gewand zu ziehen gilt. Ein Brief erreicht eine Behörde, seinen Vorgesetzten oder eine Institution: Retten Sie ihn. Manchmal muss man Schuld auf sich laden, um Schuld abwenden zu können. Und man wünschte, jemand anderes hätte diesen Drecksjob gemacht.

Dann bin ich wieder auf dem Waldweg, der Freund schläft ahnungslos in der Hütte. Er kennt sich in diesem Wald nicht aus, und ich werde fort sein, wenn er aufwacht. Ich habe ihn nicht gewarnt. Das Tal, das sich unter der Hütte breitet, sieht friedlich aus am Tage, aber nun wird er sich auch der Nacht stellen müssen und all den Kreaturen, die aus dem Dunkel des Waldes nach ihm spähen. 
Der Mann ist erwachsen, denke ich. Er schafft das schon. Er hätte mich ja auch nicht so weit mit hinausnehmen müssen. Und doch verfolgt mich der Verrat wie die geflügelten Ameisen am Rande des Ackers, vor denen mich ekelt, und richtet sich drohend gen Himmel wie die scharfkantigen Grannen des Getreides auf dem Felde.
Kyrie eleison.
Vielleicht war so auch unsere Freundschaft, denke ich, als mein Blick über das sanft wogende Feld streicht: Von Weitem betrachtet weich und golden, fruchtbringend, nährend und voller Geborgenheit, voll von verborgenen Schätzen. Und vom Nahen? Ein auswegloses Dickicht, in das man nie so weit hätte gehen dürfen. Und beim Versuch, sich Licht zu verschaffen, schnitt man sich die Hände blutig und walzte zwangsläufig eine Schneise hinein. Zwischen den goldenen Halmen: Auch nur Dreck und Gewürm, und bei Nacht wühlen die Wildsäue darin. Der Mann ist kein Freund mehr. Wir sind einfach vorbei.

Die Zeit der Ernte naht; danach ist der Acker nackt und alles, was noch an das Getreide erinnert, wird bald untergepflügt sein. Auch der Wald sieht jetzt anders aus, nur einige alte Bäume haben die Zeit überdauert. Ob darunter noch Waldmeister wächst, weiß ich nicht.

Momentaufnahme, Wartesaal

Seit Tagen hüllt sich die Insel in nasses Grau; manchmal stürmt es ein bisschen. Es ist nicht allzu kalt, aber noch weit entfernt davon, warm zu sein. Es ist gerade irgendwie gar nicht.
Langeoog befindet sich auf der Schwelle zum Vorfrühling. In einem Graben schüttelt der Wind Regentropfen von ersten Schneeglöckchen. Möwen balgen sich am Strand um Muscheln.
Ich erschrecke, als ich in viel zu kurzer Entfernung einen Seehund entdecke und entferne mich rasch. So sandfarben, wie er dort lag, und so gedankenverloren, wie ich dort entlangbummelte, hatte ich das Tier beinahe übersehen.
Es ist also keineswegs immer Ignoranz oder Böswilligkeit, wenn Menschen sich den großen Meeressäugern zu sehr nähern: Es passiert auch aus Versehen.
Dennoch tut es mir Leid, und ich hoffe, dass er mich noch nicht gerochen hat. Aber der Seehund bewegt sich kaum, und so zoome ich ihn aus sicherer Entfernung mit der Kamera heran. Seine Hautfarbe sieht nicht gesund aus. Ich glaube, er stirbt.

Man sieht viel Werden und Vergehen dieser Tage, denke ich. Die Natur erneuert sich. Das Alte geht, das Neue ist aber oft noch nicht da. Mir ist, als überspannte der bleigraue Himmel heute einen riesigen Wartesaal.
In einem sehr traurigen französischen Chanson beschreibt jemand das Gefühl, dass auch das Herz zuweilen wie ein Bahngleis ist, an dem niemand mehr Halt macht. So fatalistisch würde ich das nicht sehen, aber man sieht doch, durch zunehmend trübe Scheiben, vielen durchfahrenden Zügen hinterher.
Personenschaden auf der Strecke nach Süden.
Wann es weitergeht? Ungewiss.

„Das Leben betrügt uns mit Schatten“, schreibt Oscar Wilde, „wie ein Marionettenspieler“. Und tatsächlich weiß man manchmal nicht mehr, was real ist und was nicht, und warum so oft im Guten das Böse lauert und umgekehrt. War es ein schlechter Hirte, der mir die Geschichte vom guten Hirten erzählte? War es ein Wolf, der dem Lamm diente? Wem kann man auf dieser Welt noch trauen, und: Wie?

Die Erinnerung zerfließt. Wie der Regen an der Scheibe des zugigen Wartesaals. Wie der Himmel, der sich über unserem Meer spannt.
Über dem wunderschönen, treuen Meer, das mit seinem gleichförmigen Rauschen allen Lärm der Welt befriedet.
Auch den im Inneren.

Es gibt Tage, an denen ich froh bin wie nie zuvor, das Meer vor meiner Haustür zu finden. Diese einzige, große Konstante. Die aus ihrer Urgewalt, ihrer Zerstörungskraft keinen Hehl macht. Aber auch nicht aus ihrer Sanftheit und Schönheit. Die so viel enthüllt und verwirft. Aber auch noch mehr schluckt, erträgt, aushält. Die Leben nimmt und Leben schafft.

Zuhause greife ich zu einem kleinen, bibliophil aufgemachten Gedichtband. Der seidenartige Umschlag zeigt zwei junge Birken mit sonnendurchflutetem Frühlingsgrün. Ich blättere darin herum und erwarte, Unmengen an Lyrik mit der Pracht des erwachenden Lebens darin zu finden, mit Maienreigen und Vogelkonzerten. Aber tatsächlich gibt es erstaunlich viele Dichter, die sich mit dem Phänomen des Vorfrühlings befassen. Mit dieser mitunter trügerisch anmutenden Mischung aus Sonnentagen, welche die ersten Triebe hervorlocken, gefolgt von neuem Aufbäumen des Winters. Mit der Nässe, der Kälte, dem entkräfteten Sterben unter den Knospengewölben tropfnasser Zweige. Und dennoch bleibt sie: Die Gewissheit, dass der Sieger in dieser Sache feststeht; und zwar seit Anbeginn der Schöpfung.
Es ist der Frühling, der den Frost vertreiben wird. Die Wärme gewinnt gegen die Kälte. Die Farben besiegen das Grau.
Der Wolf schnürt auf einsamer Fährte zurück in den Wald, wo der Schnee unter dem dichten Tannendach noch lange liegen bleiben wird.

 

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Du fehlst

Es wird leichter
wenn man selber geht
hieß es und so ging ich
fort von da, wo du
ja doch nie
wirklich warst

und heute ist’s
als wär ich nie
gegangen, als sei
all das kaum
einen wimpernschlag lang
deiner schönen
augen her

als brüllte nicht
das ewige meer
mir unseren kummer
täglich entgegen
als hätte die brandung
nicht längst
unser hilfloses lieben
vertilgt

WetterundMoewen21101805

Für einen Soldaten

Kein Stern ist zu sehen
Nur eine Wolke
legt sich
stumm und schwer
Auf graues Wasser
Watt atmet
aus tausend kleinen Wunden
Brodelndes Schweigen
im kalten Grund
In der Ferne
Berge und See
Der Himmel ist trüb
und voll feindlicher Flieger
Gott schütze Dich
Der Du fortgehst
zu Gräben und Gräbern
Wir sehen uns wohl
Nie wieder

Momentaufnahme, Licht

Nebelfeuchte Luft liegt über den leeren Straßen. Endlich ist es mild geworden, das Thermometer zeigt knapp über 10 Grad.
Zuhause ist es dunkel und sehr still. Ich schalte ein Licht an. Meine Wohnung liegt da wie ein Museum. Alles schaut mich an; hell, sauber und ordentlich. Mir fehlt das Leben darin.
Ich nehme das Kissen an mich, an dem er lehnte. An meinem Tisch, in meinem Leben. Der Stuhl steht, wie er ihn verließ.
Das Kissen riecht noch ein wenig nach ihm. Ich widerstehe dem Drang, es noch fester in die Arme zu schließen, mit in mein Bett zu nehmen, für eine letzte Illusion seiner Anwesenheit, für den verblutenden Traum eines langen, friedlichen Schlafs in seinen Armen. Ungestillte Sehnsucht, nahender Abschied.
Die Stille ist laut.

Das Horn der Spätfähre erschreckt mich. Morgen wird es ihn fortnehmen und ein „Nie wieder“ bringen. Ein einsamer Klagelaut, der bis in meine Wohnung dringt; bis in die zugige Bahnhofshalle meines Herzens. Auf deren verwaisten Gleisen der Inselbahn ein letztes Nachvibrieren seiner Anwesenheit. Geliebter Freund: Leb wohl.

Zugleich wird der morgige Tag ein Tag des Neubeginns. Meine Firmung findet statt. Ich putzte mein Herz so rein wie möglich dafür; so sauber, wie man ein abgewohntes, trauriges Möbel eben kriegt. Der Sonntag Laetare. „Freut Euch!“ heißt das. Ein so viel schönerer Imperativ als das Lebewohl, das folgen wird wie, nunja: Das Amen in der Kirche.

Der Priester wird mir die Hand auflegen und Heiliges Öl auftragen. Ich werde das Haupt senken und den purpurfarbenen Kreppstoff seines Obergewandes sehen, den weißen Lochstickereisaum der Albe, seine Schuhspitzen. Letztlich: Den Boden und Staub, zu dem wir alle wieder werden: Ich dann immerhin als Katholik. 
Ich werde weiters dem Satan und allen Versuchungen abschwören und einen Satz sagen, den ich mit nervöser Hand auf eine Postkarte schrieb, die ich im Osnabrücker Domforum kaufte. Sie zeigt eine schlichte, schöne Statue der Gottesmutter. 
„Ich glaube und bekenne alles, was die heilige, katholische Kirche als Offenbarung Gottes glaubt, lehrt und verkündet.“ — So sei es.

„Gott ist für mich, ich fürchte mich nicht.“ Das ist mein selbstgewählter Firmspruch, Psalm 118,6. Er nährt das Herz, wärmt und stärkt. Die Welt mag gegen mich sein, meine persönliche kleine Welt auseinanderfallen, aber: Gott ist für mich. Gott ist nicht gegen mich. Ich fürchte mich nicht.
Ich habe lange auf diesen Tag hingearbeitet, länger noch auf dieses neue Vertrauen in die Kirche. Ich habe Gott gründlich zugehört: Dein Wille geschehe. Wie in der Freud, so auch im Leid. 

Noch immer ist Buß- und Fastenzeit.

Ich glaube inzwischen fest daran, dass Enthaltsamkeit und Mäßigung mehr ist als ein Opfer, als etwas, womit man sich quält. Lange ließ ich das Übermaß in Allem walten. Wenn Gott mich nun das Sparen und Aufsparen lehrt sowie das Entsagen auch großer Sehnsucht, so nehme ich das an. Leicht ist es freilich nicht.



Ich vermisse meinen lieben tierischen Gefährten und meinen Lieblingsmenschen auf diesem Stück des Weges. Aber so hat Gott uns wohl nur bis zu einem bestimmten Punkt füreinander bestimmt. Oft erkennt man, so erzählte mir der Lieblingsmensch dereinst, das Gute in schmerzhaften Dingen, den Plan Gottes, erst lange nach einem Ereignis. Aber, so sei er sicher, es hätte alles seinen Sinn, so unnötig und bitter einem etwas zunächst auch erscheinen möge.
Ich halte die beiden Freunde in meinem Herzen und in Erinnerung, wie sie waren, als ich sie am Liebsten hatte.

In einem Winkel meiner angegrauten Seele legt Hoffnung einen süß duftenden Blütenteppich übers karge Land. Ein zärtlich flüsterndes „Vielleicht. Doch noch einmal. Irgendwann.“ Doch manchmal wird aus einem „Für immer“, das man ersehnte und an dessen Lichtschein man sich wärmte, eben wirklich ein Abschied für immer.



Ich denke über die Begriffe „Hoffnung“ und „Liebe“ nach, in weltlicher Hinsicht. Wie kann es sein, frage ich mich, dass so etwas Wunderschönes, je nach Kontext und vorgefügtem Adjektiv, zu so etwas Traurigem werden kann?
Vergebliche Hoffnung. Unerwiderte Liebe.


Was kann man dagegen setzen? Glauben natürlich; laut Bibel der Dritte im Bunde dieser Begriffe. Aber auch wieder Hoffnung: Hoffnung auf ein neues Licht am Horizont. Und sogar Liebe: Das Gehenlassen im Guten, das Bewahren von Haltung selbst in unwürdigen Situationen, das unerschütterliche Entgegenbringen von Respekt und Achtung selbst im Streit. Das Nichtverlangen und nicht grollen. Das Beiseiteschieben von Eitelkeit und Zorn. Es fällt nicht immer leicht. Aber auch das zu schaffen, sage ich mir, ist Liebe.

Es ist spät geworden. Der Anzug, den ich tragen werde, ist schwarz. Eine Farbe der Demut, der Trauer, des Abschieds. Es ist ein Freudentag, rufe ich mir die Vorabendpredigt des Priesters in Erinnerung: „Laetare!“.

Das Herz will sich freuen, sich erfüllen lassen von den schönen Gesangsstimmen der Pastoralreferentin und des Priesters. 
Und doch dringt durch die Melodien, den Weihrauch und das Licht der Kirche, dumpf und mahnend das Horn des Schiffes und das schrille Pfeifen der Inselbahn.

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Momentaufnahme, Türspalt

Vor dem Busfenster schält sich Landschaft aus dem Grau. Über dem Feld steht eine Möwe in der Luft, obwohl kaum Wind weht. Aus dem Fenster sieht ein Mensch ohne Hund. Bald zeigt sich ein kleiner Kanal zur Linken; auch das Wasser darin steht still, es ist brackig und trüb. Eine Ente rudert unbeeindruckt mit den Füßen darin, aber man sieht die Füße nicht, weil das Wasser so schlammig ist, man sieht nur die kleinen Wellen, die sie schlagen.
Der Windmühle von 1775, die der Bus als nächstes passiert, fehlen schon lange die Flügel. In der Ferne das erste Hochhaus, danach graue Industriegebiete, die sich wie Tentakeln in die hässliche Stadtperipherie haken. Nach dem Überqueren der Weser plötzlich eine andere Welt: Ein kurzes Aufgleißen hanseatischer Eleganz, die schicken Neubauten mit Eigentumswohnungen und Wasserblick im Stephaniviertel, die Masten der Alexander von Humboldt. Erinnerungen an leichte, unbeschwerte Abende an Bord, an Maienwärme und Bier mit meinem Vater.


Bremen Hauptbahnhof. Aber ich habe keine Zeit für einen Abstecher in die Altstadt mit ihren schönen Läden und ihrem Flair, ich muss weiter nach Osnabrück. Bis zum Zug sind es noch 20 Minuten, ich sollte etwas essen. Nutz die Gelegenheit, sage ich mir, der Bahnhof quillt über vor Delikatessen, die man auf Langeoog nicht bekommt. Sushi. Börek. Pelmeni. Vindaloo. Antipasti. Aber ich kann mich nicht entscheiden. Die Warenfülle erschlägt mich, alles schreit „Hier bin ich! Hier!“, dazu all diese Menschen. Vor der Tür eine Kette Polizeibeamter, lautes Gejohle dahinter: Irgendein Fußballspiel. Bloß weg! Ich habe auf alles Appetit und zugleich auf nichts; ich kaufe ein trockenes Brötchen und schwarzen Kaffee, dann ziehe ich weiter zum Gleis. Ich würde kaputt gehen in einer Stadt, denke ich. Es ist mir nicht mehr erträglich. 
Ich denke an den Hund und bin froh, dass ich ihn nicht hier durchzerren muss, durch das Gewühl, all die Gerüche und den Lärm. Ich ließ ihn bei einem Freund: Wir müssen Abschied lernen. Unsere gemeinsamen Tage sind gezählt.
In all dem Lärm des Bahnhofs stehe ich da und denke an die Stille, die fast fühlbar war, als ich am Morgen der Reise erwachte und keine Pfoten ans Bett trippelten, keine Nase sich zwischen einen angelehnten Türspalt schob, kein Napf gefüllt werden musste. So wird es sein: Gewöhn dich dran.
„Sie können das Haustier von der Rechnung streichen“, erzähle ich dem Hotelangestellten am Telefon, „ich bringe den Hund doch nicht mit“. Unbekümmert sollte das klingen. Aber es ist ein Ende.

In Osnabrück naht ein Anfang: Ich muss zum Bischof, meine Firmung ist bald. Seine Exzellenz wird die Einwilligung geben und einen Festgottesdienst zelebrieren. Es ist eine Ehre, und es sollte ein Freudenfest sein.

Im Hotel angekommen, suche ich im Zimmer nach einem guten Platz für den Hund, bis mir einfällt, dass er nicht da ist. 
Das Haus ist fürchterlich in die Jahre gekommen. Durchs Fenster fällt der Blick auf den Dom mit seinem wunderschönen Kreuzgang und das Dach des Priesterseminars: Ebenfalls ein hübscher, altehrwürdiger Bau mit hohen Decken und langen, hellen Gängen. Gepflegte Grünpflanzen stehen vor weißen Fensterkreuzen. Hier hätte ich eigentlich wohnen sollen. Aber dort hätte ich den Hund nicht mitnehmen können, und so stehe ich nun im Ausweichquartier zwischen abgewetzten Holzvertäfelungen und ockerfarbenem Rauputz und bin trotzdem ohne das Tier.
„Die Weisung des Herrn ist vollkommen“ erinnere ich mich an ein Bibelwort, und mit dem Blick auf den Dom kann ich ja gar nicht anders, als daran zu glauben.


Mit dem Näherrücken der Feier steigt die Aufregung. Ich habe noch nie einen echten Bischof gesehen. Alle anderen Firmlinge sind mit Familie da, aber ich stehe allein an einem Tisch und warte auf Seine Exzellenz, weshalb ein älterer Herr sich mit mir vergesellschaftet und zu ausführlichen autobiografischen Erzählungen ansetzt. Derweil mischt sich der Bischof unters Volk, ich sehe, wie er den Raum betritt, sofort umringt von Menschen. Die Nervosität steigt mit jedem Tisch, an dem er die neuen Schäfchen seiner Kirche einzeln begrüßt; ich kann dem redseligen Senior neben mir kaum noch folgen. Schließlich steht der hochrangige Geistliche auch an meinem Tisch und begrüßt mich mit festem, forschenden Blick und langem Händedruck. Seine Augen sind dunkelbraun und von nicht einzuordnendem Ausdruck.
„So“, sagt er. „Sie kommen also von einer Insel, Langeoog.“ „Ja, Exzellenz.“ „Was machen Sie denn da?“ Ich nenne meinen Beruf ohne jede Ausschmückung und mustere derweil die Soutane mit den magentafarbenen Paspeln und Knöpfen, den Römischen Kragen, das Bischofskreuz, den Ring und frage mich, wie dieses kleine Satinkäppchen wohl hält, das er auf dem Kopf trägt. Während der Bischof noch etwas sagt, suche ich in seinem Haar nach einer Nadel oder irgendeiner anderen Form der Befestigung: Klassische Übersprungshandlung.
Reiß dich zusammen!, schimpfe ich mit mir selbst, jetzt hast du einmal im Leben die Chance, mit einem echten Bischof zu reden und du suchst allen Ernstes nach einer Nadel in seinen Haaren und begutachtest seine Knöpfe? Aber es nützt nichts, ich bin zu nervös. Ich antworte wie ein Automat. Irgendwann gleitet das Gespräch auf eine hinzugetretene Braut Christi über. An die Verabschiedung vom Bischof erinnere ich mich nicht. 
Aber dann heißt es auch schon Aufstellen zum Einzug.


Die Domkantorin singt schön wie ein Engel. Vor uns wabert Weihrauch, ich hefte den Blick auf das prachtvolle Goldkreuz, das man durch den Mittelgang vor uns herträgt. Es ist sehr würdevoll und wunderschön. 
Festlich können Katholiken, werde ich später denken, als ich die Messe nicht mehr wie einen von Nervositätsdunst vernebelten Film wahrnehme, und ich bin froh, bald dazuzugehören. Durch diesen großartigen Dom schreiten und dabei denken zu können: Das ist auch meine Kirche. Ich bin hier nicht bloß zu Besuch.


Irgendwann geht es zum Altar. „Bloß nicht fallen“, denke ich, als ich die unzählig erscheinenden Stufen erklimme, Jahrhunderte unter den Füßen.
Unsere kleine Inselkirche hat eine einzige Stufe zum Altar. Das Lied, welches wir oben im von Messdienern diskret zurechtdirigierten Halbrund singen, kenne ich zum Glück: Magnificat. Ich sang es als Teenager in Taizé. Den Blick in die Gemeinde vermeide ich.
Wir bekennen unseren Willen; die Empfehlungsschreiben unserer Heimatgemeinden liegen gerollt und mit Bändchen verschnürt in Körben auf der Altarplatte. Der Bischof schreitet das Halbrund ab, nimmt unsere Hände, sagt etwas und segnet. Ich putze die schweißfeuchten Hände noch schnell an meiner Hose ab. Die seiner Exzellenz sind trocken; er ist ja auch nicht nervös, erkennt aber vermutlich die Nervosität seiner Firmanwärter. „So“ sagt er dann auch mit der Betonung von „Jetzt haben Sie’s geschafft!“, als er vor mir steht, und ich erwidere seinen Blick, so standhaft wie möglich. Dann folgt der rituelle Spruch, der Segen, das Kreuz auf meine Stirn: So.
Wieder ist ein Wegstück gegangen; es geht heimwärts.
Vom Kreuzgang aus sieht man die Gräber im Innenhof und ich werde mir meiner Endlichkeit bewusst, die heute jedoch wieder etwas näher an die Unendlichkeit gerückt wurde und an das Ewige Leben. Nun werde ich nicht mehr als Heide sterben, denke ich, sondern als Katholik wie ihr. Es ist ein schönes Gefühl.

Irgendwann stehe ich auf der Straße vorm Dom. Sterne leuchten. Das Bild, dass der Bischof jedem von uns schenkte, halte ich im Arm. Es zeigt einen Türgriff des Doms, die Tür ist angelehnt: Sie hat sich für uns geöffnet. 

Der Hund fehlt mir. Ich würde ihm das Bild gern zeigen. „Du wirst ihn nie aus den Augen verlieren“, schreibt mir der Besitzer, an den ich ihn bald zurückgeben muss, „du kannst ihn sehen, so oft du willst.“ Ich glaube es ihm. Aber dennoch ist diese eine, diese besondere Tür, hinter der er mein Hund war, für uns nun geschlossen: Er ist nicht mein Hund. Er wird es nicht werden.

Beim Streifen durch die Altstadt quält mich erneut das Ausmaß der Wahlfreiheit. Man könnte überall und alles essen, überall bummeln und verweilen, man muss ja nicht einmal fragen, ob Hunde dort erwünscht sind. 
Ich gehe in ein Café am Kirchplatz, das wie alle Cafés an Kirchplätzen aussieht und esse den Kuchen, den ich auch auf Langeoog immer esse.

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