Kunst

Zunächst weiß ich nicht, was ich davon halten soll. Ein Malset zum Geburtstag, für Anfänger und Wiedereinsteiger. Setzte mich das nicht unter Druck, jetzt, da die Schmerzen in meinen Fingern kein kleinteiliges Zeichnen mehr erlaubten, dennoch etwas Kreatives schaffen zu müssen? Hatte es nicht gar etwas Marie-Antoinette-eskes an sich, im Sinne von „Wenn er nicht mehr zeichnen kann, soll er halt malen?“ Hätte es nicht an mir gelegen, mich wieder dafür zu entscheiden? Die Kunst und ich, wir hatten schon eine wesentlich längere Beziehung als die Schenkende und ich, und, bei Gott, es war kompliziert. Fast fühlte ich mich auf unangenehme Weise verkuppelt.

Die überraschende Konfrontation mit dem Thema „Malen“ warf mich unvermittelt in meine Schulzeit zurück; einen Zeitraum, den ich rückblickend verabscheue wie keinen zweiten in meinem Leben. Ich habe die Schule an jedem einzelnen Tag, an den ich mich nicht davor drücken oder schwänzen konnte, gehasst. Außer die Kunststunden. 
Kunst war das einzige Fach, in dem mich die mobbenden Mitschülerinnen in Ruhe ließen und in dem ich nicht der ewige Zweite neben vermeintlich universalbegabten Geschwistern war. Kunst war etwas, das nur mir gehörte; etwas, in das ich mich flüchten konnte und etwas, in dem ich nicht angreifbar war. Kunst war gut, weil ich in Kunst gut war. Der Lehrer gab mir eine Empfehlung für die Kunstakademie in Düsseldorf; kurz darauf fuhr ich zum Tag der offenen Tür hin, betrat die Akademie mit großen Augen und pochendem Herzen als vermeintliches Tor zur Welt meiner Zukunft — und kehrte demütig heim. Ich liebte alles, was ich dort gesehen hatte. Ich liebte die farbbeschmierten Schürzen der Studierenden, die hellen, riesigen Räume; den Esprit, die Kreativität, die alles und jedes winzige Detail und jedes Lebewesen in diesem Gebäude atmete. Ich liebte den Geruch nach Steinstaub, Terpentin und Farben. Aber ich wusste auch: das kann ich nicht. Hier hat der liebe Gott meinem Talent eine deutliche Grenze gesetzt. Die Leute hier an der Akademie waren so, wie ich nie sein würde. Ich trage keinen solchen Geysir an Kreativität in mir und ich besitze weder die Neugier noch die Experimentierfreude oder den Innovationsgeist, um mich in diesem wirklich hart umkämpften Feld durchzusetzen. Und vor allem besitze ich nicht die Frustrationstoleranz, die es für ein Dasein als Berufskünstler braucht; in einem ständig belächelten Berufsfeld, das selbst bei Menschen, die wesentlich talentierter sind als ich, oft kaum die Miete zahlt.
Es folgten Jahre, in denen ich irgendwann nur noch mit Sprache Bilder erschuf. Aber ganz wurde ich die Kunst nicht los. „Man merkt an deinen Texten, dass du viel gemalt hast“, sagte mir eine Sprachdozentin, „,man sieht jedes Detail in Farbe vor sich.“ Bis heute gehört das zu den schönsten Dingen, die mir je jemand in beruflichem Kontext gesagt hat, und ich trug es all die Jahre mit mir wie einen seelischen Notfallproviant — für Zeiten, in denen es wieder dunkel wurde um mich. Letzlich war es aber genau so eine Zeit, in der ich das Malen wieder begann. Genaugenommen: Man zwang mich. In einer Tagesklinik für Menschen mit Depressionen. Dort musste ich kreativ tätig werden, Speckstein schleifen, Malen, Lavendelsäckchen nähen, Basteln, Mosaikkleben, Weben, irgendwas. Ich fürchtete mich davor, weil ich meinen Anspruch an mich selbst fürchtete. Mir war klar, dass diese Tätigkeiten vom Grübeln befreien und der Seele Ausdruck verleihen sollten, wo die Sprache versagte, und auch, dass es dabei nicht um den künstlerischen Wert ging. Aber ich wollte nicht. „Ich war mal ganz gut in sowas“, sagte ich. „Aber irgendwann habe ich eingesehen, dass ich mich nicht mehr steigern kann, egal, wie sehr ich mich anstrenge. Dass mein Talent Grenzen hat. Dass ich nie so gut werden werde, wie ich gern wäre. Das jetzt erneut zu erfahren, zöge mich noch mehr runter.“ Ich glaubte nicht daran, dass es mir helfen würde und fragte, ob ich nicht lieber etwas anderes machen könnte. Ein Beet umgraben, den Sandsack verhauen oder sowas. Es half nichts. Ich musste Malen. Viele Frustrationen und Dutzende Bilder, die ich schamesrot zerknüllte später, zeichnete ich ein Rotkehlchen, das abflugbereit auf dem Rand eines Blumentopfes saß. Die Mitpatienten und Therapeutinnen liebten es und es wurde in den Klinikflur gehängt. Und dann war es kurz zurück: Das Gefühl, dass ich doch irgendetwas konnte.
Es war ein wohliges, duftendes Bad, aus dem mich die nächste toxische Beziehung und der nächste wirtschaftliche Misserfolg aber schnell wieder auskippten. Das Rotkehlchen starb irgendwo allein im Dreck. Es kommt ja nicht nur auf den gelungenen Abflug an. Sondern auch darauf, wo und wie man landet.

Doch das nächste Mal, bei dem ich wieder zu Zeichenstift und Pinsel griff, war erneut mit einem Abflug verbunden. Obwohl ich es damals noch nicht ahnte, leitete ich mit einer Serie von Vogelzeichnungen den Abflug nach Langeoog ein. Es gab Erfolge und Rückschläge mit den Zeichnungen. Verkäufe und Ausstellungen ebenso wie Phasen, in denen kein einziges Bild gelang. Doch das Malen mit Sprache war längst zum ersten, sicheren Standbein geworden: Der Druck, auch mit Pinsel oder Zeichenstift etwas schaffen zu müssen, war weg.

Und nun lag da vor mir dieser Malkasten und der Druck kehrte zurück; ebenso wie alle Erinnerungen. Verschiedene Materialien lagen zum Ausprobieren bereit: Aquarell? Bin ich zu ungeduldig für. Acryl? Riecht und braucht zuviel Platz in der Wohnung. Kohle? Been there, done that. Stoff meiner destruktivsten Teeniephasen. Was eignete sich dafür auch besser als ein Herumsauen in tiefschwarzem Staub? Furchtbare Zeit, weg damit. Ölpastellkreiden? Nur selten gemacht, riecht nicht, trocknet schnell, die Handhaltung bedarf weniger Feinmotorik, also her damit. Tipps bei einer befreundeten Künstlerin mit Expertise in dieser Technik geholt. Freude gehabt. Ergebnisse noch stark ausbaufähig, aber ansehnlich.
Es ging also doch noch ein bisschen. Viele Erinnerungen an Hilfsmittel und Techniken kamen zurück und ich spürte, dass sich ein Dranbleiben lohnen könnte. Und ja, ich hatte das Malen vermisst. Ich hatte vermisst, wie sehr man dabei Raum und Zeit vergessen konnte. Ich hatte vermisst, wie sehr man sich darin verlieren und dabei abschalten konnte, und wie gut es tat, schönen Erinnerungen, Träumen und Phantasien Leben einzuhauchen, indem man sie zu Papier brachte.

Es ist faszinierend zu sehen, wie die Motive im Schaffensprozess eine Eigendynamik entwickeln: wie der Baum, den man im Sommergrün geplant hatte, plötzlich Herbstrot werden möchte; wie das Gewand der Gottesmutter, auf dem Vorlagen-Foto sandfarben, sich fast von alleine Marienblau färbt.
Vor allem aber liebe ich, wie sehr das Malen einen neuen Blick auf Gewohntes ermöglicht. Plötzlich teile ich die Langeooger Dünenlandschaft im Vorbeiradeln in Farbflächen auf. Beobachte Licht und Schatten genauer; überlege, wie ich die Lichtreflexe auf einer Pfütze anlegen könnte oder ihr zartes Wellenspiel. Überlege, wie man welches Motiv abstrahieren könnte. Mit welchen Strukturen man welchen Effekt erzeugen könnte. Knüllen, Kratzen, Streichen? Eine neue Welt öffnet sich, allein dadurch, dass ich jetzt mit diesem neuen — oder wiederbelebten — Blick durch die Gegend fahre. Mir hätte gerade jetzt, zur Pandemiezeit, wo ich nicht reisen und anderswo neue Impulse sammeln kann, eigentlich nichts Besseres passieren können.
Denn auch ich bin inzwischen an einem Punkt, wo ich zugeben muss: Das Reisen fehlt mir. Oft erwische ich mich dabei, wie ich nächtelang im Internet Pauschalreiseangebote anschaue, die ich mir eh nie leisten könnte. Nordlicht-Safari in Norwegen. Thermalquellenbaden auf Island. Ein grasgedecktes Häuschen auf den Färöern: Einsame Landzunge, nur ich, die Seevögel, viele Bücher und der Blick auf winzige Inselchen. Noch mehr Nordlichter. Noch mehr Norwegen: Stabkirchen, Fjorde. Endlose Wälder. Papageientaucher auf schroffen Felsen. Irland, schottische Heide im Nebel und südenglische Küstenromantik. Lavendelfelder irgendwo; der Vatikan und Mont St.Michel. Klöster, uralte Bibliotheken. Freundliche Mönche, die weißen Alben so rein und duftend wie die rosige Unschuld ihrer alterslosen Gesichter. Die Sehnsucht ist groß. Die Unerreichbarkeit auch. Doch nun kann ich all das zu mir holen, indem ich es male. Die ganze Welt ist in uns: Wir müssen sie nur rauslassen. Welche Erkenntnis könnte an Tagen, die sich mit ihren ewiggleichen Routinen zu einer erdrückenden Art von Leere verdichten, denn schöner sein?
Kunst befreit. Kunst heilt. Kunst eröffnet neue Horizonte, ungeachtet der eigenen Talentgrenze. Kunst erweitert das eigene Selbst, wo man sich selbst für limitiert hält: Denn auch ein unter handwerklichen Aspekten schlechtes Bild ist immer noch etwas Selbstgeschaffenes und damit einzigartig und nicht kopierbar — wie eine Menschenseele. Heute kann ich all das bezeugen. Und auch, dass ein auf den ersten Blick falsches Geschenk letzten Endes genau das Richtige sein kann.

Momentaufnahme, Leib und Seele

Von den heißesten Tagen auf Langeoog bekomme ich nichts mit. Der Hochsommer, von den Touristen lange ersehnt, hat endlich Einzug gehalten und Temperaturen um 30°C locken alles, was sich bewegt, in und an die Nordsee.

Ich bewege mich nicht. Ich liege mit Fieber, gegen das die Außentemperatur ein erfrischender Hauch ist, im Bett. Zum Glück hat mich auch diesmal kein Coronavirus niedergestreckt, sondern eine profane Mandelentzündung — ein Spaß ist es trotzdem nicht. Vor allem, weil ich sie viel zu spät als solche wahrnahm. Die tagelange bleierne Müdigkeit? Überarbeitet. Das Gefühl vollkommener Erschöpfung? Psyche. Die Kopfschmerzen, der Stimmverlust, der Kloß im Hals? Psyche. Eine aufziehende depressive Episode, sicherlich: „Hello darkness, my old friend“.

Bei der chronifizierten Form der Depression, die ich seit 30 Jahren hinter mir herziehe wie einen mal mehr, mal weniger schweren Schleppanker, gibt es schon lange nichts mehr an klassischen Symptomen einer Depression wie Traurigkeit oder Gedankenkreiseln. Irgendwann treten an diese Stelle episodisch nur noch Schwere und Leere — in Einheit mit verschiedenen körperlichen Malaisen. Diese psychosomatischen Beschwerden von akuten körperlichen Erkrankungen abzugrenzen fällt, wie ich zu meinem Entsetzen feststellen muss, sogar mir zunehmend schwer. Ansonsten hätte ich mir sicher ein paar Tage früher mal in den Hals geguckt; hätte ich rechtzeitig Antibiotika besorgt; wäre das Fieber nicht so ausgeartet. 
Ja: Hätte.

Indes bringt mich das auf ein Thema, mit dem viele Menschen, die irgendwann in ihrem Leben mal eine psychische Krankheit hatten (oder dauerhaft haben) zwangsläufig konfrontiert werden: Dem Abgestempeltsein als „Psycho“, der sowieso nichts hat außer eben … you name it. Und so hat wohl jeder seine Erlebnisse mit ÄrztInnen, die körperliche Untersuchungen verweigern, weil sie nach Lektüre der Krankenakte grundsätzlich von Psychosomatik ausgehen (der nette Inselarzt sei hier ausdrücklich ausgenommen). Oder mit Versicherungen, die einen als Kundschaft ablehnen, weil man irgendwann im Leben mal eine Therapie gemacht hat — Als sei es gesünder, seelische Probleme unbehandelt zu lassen.
Dass es in Bezug auf seelische Krankheiten für manche Menschen und Behörden noch immer ein Stigma ist, sich ärztliche Hilfe gesucht zu haben, ist für mich ein ausgewachsener Skandal. Würde man einem Menschen applaudieren, der sich ein gebrochenes Bein nicht schienen lässt? Würde man nicht sagen: Du spinnst, ab zum Arzt mit Dir! — Warum also, frage ich mich, funktioniert das nicht auch mit einem gebrochenen Herzen? Warum wird man mit einem Schatten auf der Lunge sofort in die Klinik gescheucht, aber bei einem Schatten auf der Seele kommt „Lach doch mal, ist schönes Wetter?“
Man könnte jetzt leicht „von Hölzken auf Stöcksken“ kommen, wie wir im Ruhrpott sagen: Dass die Tabuisierung psychischer Krankheiten an den ererbten Kriegstraumata liegt, wo man über die massenweisen Verzweiflungssuizide und das Kriegszittern rückkehrender Soldaten auch nicht sprach. Und an einer giergetriebenen, haifischkapitalistischen und sozialdarwinistischen Gesellschaft, die alles, was auch nur ansatzweise nach Psychiatrie riecht, unter „unzurechnungsfähig“, „Minderleister“ und „wirtschaftliche Belastung“ einsortiert. Und so weiter. —  Der Gründe sind viele, und eigentlich verdient jeder davon ausführliche Betrachtung. 
Umso mehr erschüttert mich, dass ich selbst in dieses Muster verfalle: Das bisschen Hals ist so lange psychisch, bis es eitert.

Jedenfalls ist draußen Sommer, was sich an der Geräuschkulisse im Haus und umzu auch deutlich abzeichnet. Da mich rasende Kopfschmerzen am Musikhören oder Fernsehen hindern, die Wohnung wahnsinig hellhörig und das Fenster witterungsbedingt zwangsläufig auf ist, gibt es kaum ein Gespräch, das ich nicht mitbekomme. Die Leute erzählen sich ihre Erlebnisse vom Strand und aus dem Dorf; die lautgestellten Telefone lassen auch gleich Tante Gerdas Antworten am anderen Ende der Leitung auf Langeoog erschallen: Der Cousin hat jetzt auch sein Abitur. Gestern gab es Pfannkuchen. Die Tochter will jetzt auch unbedingt diese Schuhe.
Auch in der Nacht ist es nicht still. Die Menschen sitzen auf ihren Terrassen und Balkonen; im Viertelstundentakt rasen betrunkene Jugendliche auf Rädern vorbei. Aus einer Musikbox dröhnt irgendwas mit Bayern und Deutscher Meister, Mädchen kreischen, Jungs johlen.

 Auf den Genuss einiger ruhiger Minuten auf dem eigenen Balkon muss ich lange warten: Dann aber singen die Grillen und der warme Sommerwind streicht über die schweißfeuchte Haut. Ein unvorstellbarer Luxus.

Ein lieber Freund bringt mir Medikamente und Trost vorbei; mit dem Einsetzen der Wirkung geht es zunehmend bergauf. Nach 5 Tagen in der Wohnung wage ich mich erstmals vors Haus. Das Meer sehe ich leider immer noch nicht. Denn der Strand ist zu weit weg, das instabile Gehen auf Sand einem instabilen Kreislauf vermutlich auch nicht zuträglich, und die zu erwartenden Menschenmassen schrecken mich ebenfalls ab. Also schleiche ich nur ein Stück die Straße hinunter und wieder zurück.
Aber natürlich reicht das auf Langeoog aus, um schon irgendwen zu treffen, der einen kennt. In meinem Falle ist das ein sympathisches älteres Ehepaar, das häufig in der Kirche ist. Sie stammen aus dem ehemaligen Jugoslawien und haben sich hier nach der Flucht vor dem Krieg eine Existenz aufgebaut. Manchmal deutet die Frau an, was sie erlebt hat, und es erschüttert mich. Es sollte nicht sein, dass Krieg (egal welcher) für so viele Menschen noch bittere Realität ist — und nicht nur etwas, wovon die Großeltern sich zu erzählen weigerten. Auf jeden Fall begegnen mir die beiden immer gütig und freundlich und ich habe einen Heidenrespekt vor ihrer Lebensleistung. 
Und was auch schön ist: Sie haben mich vermisst. „Du warst schon lange nicht in der Kirche“, sagt die Frau, „geht es dir nicht gut?“ Ich erkläre ihr meinen Zustand und dass ich es selbst bedauere, es nicht zur Messe zu schaffen zurzeit. Aber auch die Kirche ist noch zu weit, wenn der Körper nicht will. Das ist wohl einer der wenigen Nachteile einer autofreien Insel: Man kann sich kein Taxi nach St. Nikolaus bestellen. Und für das Bestellen der Krankenkommunion fühle ich mich noch nicht krank genug.

Die beiden ziehen nach dem Austausch guter Wünsche ihrer Wege und ich denke darüber nach, was für ein starkes Instrument der sozialen Kontrolle der Kirchgang in früheren Zeiten gewesen sein muss. In dem Fall, dass man sich um jemanden sorgte, der plötzlich nicht mehr kam, war das sicher etwas Gutes. Oder im Fall, dass man Blessuren und blaue Augen an Kindern oder Ehefrauen sichtete oder sonstige Indizien häuslicher Gewalt wahrnahm und ggf. den Pfarrer nachhaken lassen konnte (der ja damals auch noch eine Instanz war). 
Aber sicher nutzten viele die allsonntägliche Gemeindeversammlung auch zum Tratsch: Welche Paare sitzen nicht mehr nebeneinander, wer trägt ein zu gewagtes Kleid oder gar ein ärmliches? Wessen Bauch wölbt sich verdächtig, wer übertüncht seine Schnapsfahne mit billigem Parfum? 
Andere wiederum werden den Kirchgang zum Angeben benutzt haben: Instagramm gab es ja noch nicht. Also wurde der teuerste Sonntagsstaat rausgekramt, der juwelenbesetzte Rosenkranz, das Gotteslob in goldgeprägtem Etui. Die Kinder gebadet und gescheitelt und stocksteif zurechtgesetzt, die Münder so fest geschlossen wie die Knie der anwesenden Damen unter den wadenlangen Röcken. Damit alle sahen: Man hatte sein Leben im Griff und es ganz allgemein geschafft — Zum Thema „Hinter den Kulissen aber …“ sei an dieser Stelle geschwiegen.
Im Idealfall ging man aber damals wie heute schlicht zum Beten hin und betrachtete den Rest der Gemeinde mit aufrichtigem, aber nicht übergriffigen oder Tratschsucht-motivierten Interesse am Nächsten. Zumindest wäre das wünschenswert, und ich hoffe, dass ich es bald auch wieder zur Kirche schaffe.

In der nächsten schlaflosen Nacht zappe ich durch das TV-Programm. Auf EWTN beginnt soeben „Grüß Gott aus Heiligenkreuz“. Die schönen Bilder vom Stift lassen in mir den Januar wieder aufleben, als das Jahr noch in aller Unschuld daherkam. Die Erinnerungen an diese wunderbare Zeit und die kühlen Klostermauern lassen gefühlt auch das Fieber weiter sinken. Gott ist ja überall, tröste ich mich. Und ich freue mich sehr darüber, dass mir nun, da mein Sehnen nach St. Nikolaus nicht erfüllt werden kann, nachts um 3 stattdessen ein ganzes Kloster geschickt wird.

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Momentaufnahme, Dunkel

Es sind leere Tage. Die Osterfeierlichkeiten sind abgeebbt, die Narzissen am Straßenrand verblüht, die Rosen noch nicht geöffnet. Die Kirche ist schön geschmückt; eine weiße Stola, die das Kruzifix schmückt, kündet noch von der Freude der Wiederauferstehung. Einer der Vorteile des Katholischseins ist ja, dass man noch bis Pfingsten Ostern hat, während beim Protestanten schon nach Ostermontag Schluss mit lustig ist.
Dennoch verlässt mich seit einigen Tagen dieses Karsamstagsgefühl nicht: Hello darkness, my old friend. Es herrscht Grabesruhe.
Auch die Wärme der letzten Tage ist abgeklungen, was immerhin den Vorteil mit sich bringt, weniger Pflicht zum Rausgehen zu empfinden, sofern es die Arbeit nicht ohnehin verlangt. Man kann auf dem Bett liegen, erschöpft, schlummernd, sinnierend. Peter Gabriel hörend oder Belle and Sebastian, oder Mendelsson und Bach. Man kann über das Weltgeschehen nachdenken, über Gott, das Leben als solches, die Kunst oder versuchsweise auch einmal über gar nichts.
Freilich gelingt Letzteres kaum, denn die Nachrichtenlage ist desaströs, die Menschheit verkommt, so hat es den Anschein, aller positiven Gegenbeispiele zum Trotz. Selbst in Kirchen wird gemordet. Der Planet überhitzt. Die Menschen erkalten. Schwarz und Weiß. Häme und Hype. Fast nur noch Extreme scheint es zu geben. Und Stille wird zunehmend zum Luxusgut.

Ich denke an Ostern. Ich mag Ostern lieber als Weihnachten; nicht nur, weil es auch kirchlich der höchste Feiertag ist oder wegen der frischen Frühlingsfarben; Nein. Vor allem mag ich es wohl, weil das heilige Triduum die komplette Bandbreite menschlichen Daseins abbildet, mit allen denkbaren Höhen und Tiefen. An Ostern muss man keinen Schwermut verstecken, keiner seine Narben, kein Kreuz, das man zu tragen hatte. An Ostern darf man traurig sein, zumindest bis zum Ostersonntag. Und am Karfreitag und -samstag gebietet es die Pietät sogar, nicht glückssprudelnd über die Wiesen zu turnen. 
Freilich wird auch an vielen anderen Tagen im Kirchenjahr für die Kranken und Alleinstehenden und Ausgeschlossenen gebetet, für die Bespuckten und Geprügelten und Geschändeten dieser Gesellschaft (und einige Betende mögen das sogar ernst meinen), aber wirklich sehen will man diese Leute doch lieber nicht: Man könnte ja selbst dazu gehören, irgendwann. „Ich umgebe mich nicht mit Leuten, die im Leben immer nur Pech haben. Das überträgt sich“, erzählte mir einst eine Person, die später übrigens in der Seelsorge arbeitete.
 Was soll man dazu noch sagen?

An Ostern dagegen muss man hinschauen, zumindest IHN anschauen, wie er da hängt in seinem Leid: Bespuckt, geprügelt, geschändet. Und dann, Karfreitag, kommt der Moment, an dem alles leer wird. Die Kirche wird ausgeräumt. Der Tabernakel, die Stühle, die Pflanzen und Kerzen — alles weg; sogar das Weihwasser wird entleert. Es wäre ein kaum zu ertragender Zustand, mit der Einsamkeit der Jünger und Mariens in fast greifbarer Intensität, wäre da nicht die Hoffnung.
Die Hoffnung auf das Licht.
Am Ostersonntag wird es hereingetragen. Und der Priester befreit den HERRN mit ehrfürchtiger Geste von seiner Umhüllung. Zwar hängt ER auch danach noch am Kreuz, um zu erinnern, was er für uns gab — aber wir wissen, dass er auferstanden ist, dass kein Leid für immer ist; nicht einmal der Tod. Auch der Alleingelassenste erfährt, wie es ist, bedingungslos geliebt zu werden. Und auch der größte Sünder erfährt Vergebung. 
Zur Hoffnung gesellen sich also Liebe und Zuversicht; die Barmherzigkeit. Der Trost und die Gnade. — Alles, was der Welt so oft fehlt.
Die Erinnerung an die immer wieder ergreifende Feier der Osternacht und das Wunder der Auferstehung bringt auch in mich einen Hauch Leben zurück. Und so bringe ich es doch irgendwann fertig, vor die Tür zu gehen: Ein Stück zumindest. Und dann immer weiter.

An den Seen huschen kleine Graugänschen durchs Gras, noch ganz zerrupft wirkende junge Pfuhlschnepfen durchschreiten das stille Wasser, und ich frage mich, ob sie wohl ihr Spiegelbild wahrnehmen, das sich dort deutlich abzeichnet.
Eine Sturmmöwe späht nach Eiern. Strandnelken blühen. In einer Mulde verrottet der Kadaver eines Feldhasen. Es gibt nichts Schönes ohne das Hässliche. Kein Licht ohne Dunkel. Man kann nicht die Augen davor verschließen: Vor beidem nicht.
Mit etwas mehr Licht in der Seele, wiewohl mit bleischweren Gliedern, gehe ich nach Hause. Die Depression ist kein Freund geworden mit all den Jahren. Aber man lernt zu koexistieren. Man lernt zu siegen.

Let me step out of my shell
That’s wrapped in sheets of milky winter disorder
Let me feel the air again, the talk of friends
The mind of someone my equal
I want the world to stop (I want the world to stop)
Give me the morning (Give me the understanding)
I want the world to stop (I want the world to stop)
Give me the morning, give me the afternoon
The night, the night
(Belle and Sebastian, „I want the world to stop“ (C) Sony ATC Music)

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Momentaufnahme, Frohsinn

Es ist ein wunderbarer Tag im Mai. Möwen gleiten lautlos an der Dünenkette vorbei, die im Licht des späten Nachmittags golden aufleuchtet. Kein Wölkchen zeigt sich am makellos blauen Himmel, von dem seit dem frühen Morgen die Sonne strahlt. Jede Ecke bietet an solchen Tagen ein Fotomotiv, das man ohne weitere Bearbeitung auf einen Langeoog-Prospekt drucken könnte, wo es dann dafür sorgte, dass noch mehr Gäste und Investoren auf die Insel kämen, um hier Müll, Geld, noch mehr Baustellen und verwaiste Straßenzüge im Winter zu hinterlassen.
Kein Licht ohne Schatten.

Ich versuche in einem der Strandkörbe zu lesen. Immerhin soviel soziales Denken gibt es auf Langeoog noch, dass die Körbe, sobald die Vermietungsbuden schließen, zum Allgemeingut mutieren: Man kann also ab dem späten Nachmittag darin sitzen, ohne dafür bezahlt zu haben. An der Ostsee werden sie nach dem Feierabend der Vermieter gnadenlos mit Gittern verriegelt. Hier versuchen das einige Privatleute mittlerweile ebenfalls und errichten alberne Barrikaden aus Fahrradschlössern und Wäscheleinen an den Strandkörben, die sie für mehrere Tage gemietet haben. Als säße es sich tagsüber schöner darin, wenn man anderen in Abwesenheit keinen Sitzplatz gönnt.

Nebenan schreit ein Kind in einer so dämonischen Tonart und Intensität, dass man an das angeblich angeborene Gute im Menschen kaum noch glauben mag.
Und tatsächlich ist es doch so, dass einen manche Tage und Wochen schier an der Menschheit verzweifeln lassen, und seien sie meteorologisch auch noch so vollkommen. Und nein, man selbst schließt sich nicht zwingend davon aus, denn wer ist bitteschön noch nicht gelegentlich an sich selbst verzweifelt?
Ich gehe zurück ins Dorf. Auf einer etwas abgelegenen Bank sitzt ein junger Mann unter prachtvoll erblühten Bäumen und weint, ein Telefon am Ohr. Sein Gesicht ist blass und starr vor Kummer. Er lauscht schweigend der Person am anderen Ende der Leitung, die ihm — man kann es nur ahnen — vermutlich soeben eine furchtbare Nachricht überbringt. 
Derweil schieben fröhliche Familien ihre Strandbollerwagen und Buggys vorbei, Hörnchen mit bunten, süßen Eiskugeln in den Händen.

Es gibt keine Garantie auf Glück, nur weil Frühling ist. Und doch scheinen Trauer und Kummer jetzt ein noch größeres Tabu zu sein als sonst. Wer will sich, nach all dem Grau des Winters, schon noch mit dem Grau in andererleuts Seelen befassen?
Die Tage war ich im evangelischen Gottesdienst, weil ich dort dienstlich etwas zu erledigen hatte. Es war der Sonntag Kantate, und der Pfarrer leitete den Gottesdienst, anstatt sofort in jeder Hinsicht ein Loblied zu singen, mit den Worten ein, dass heute trotz des Festtages nicht allen Menschen zum Singen zumute sei. Dass die Laute menschlichen Elends trotz allem durch die Welt hallten. Als Katholik lobt man die Lutheraner ja eher spärlich, aber hier sage ich: Das hat mich beeindruckt.

Die Diktatur des Frohsinns ist nicht nur an Karneval ein Thema für sich. Mit einem engen Vertrauten, der sich mit Depressionen aus eigener Erfahrung auskennt, bin ich mir einig: Das Gefühl, nie traurig sein zu dürfen, weil in unserer Gesellschaft kein Platz dafür ist, macht erst Recht depressiv. Und zuweilen sehr einsam. Denn wer wagt schon an einem strahlend schönen Tag im Mai seine Freunde mit Trübnis zu belästigen? Eben.
„Lach doch mal, ist schönes Wetter.“ „Schau mal, die Sonne lacht auch.“ —Der Mai ist der Monat mit der höchsten Selbstmordrate.

Dennoch: Das Erwachen der Natur ist wunderschön. ich freue mich über jede neue Knospe, über das zarte Grün an den Bäumen, das niemals wieder im Jahr so eine wundervolle Farbe haben wird, über die ersten Stunden inmitten meiner geliebten Blumen auf dem Balkon, über die erste Sonnenbräune, die ersten goldenen Strähnen im Haar. Ich bin froh, dass mir der Frühling jedes Jahr verlässlich zeigt, dass zumindest meteorologisch der Winter vorbei ist, selbst wenn er seelische Eiszeit mitbrachte.

Menschliches Leid hält sich nunmal an keinen Jahreszeitenkalender. Ich kenne Menschen, bei denen ein Elternteil an Weihnachten starb; auch eine Freundin von mir starb am zweiten Weihnachtsfeiertag, meine Eltern verschoben ihre Hochzeit wegen des Todes der Großmutter. Es gibt Menschen, die an einem strahlend schönen Sommertag ihre Arbeit verlieren, verlassen werden, eine Fehlgeburt erleiden oder beim Arzt eine schlimme Diagnose erhalten.
„Lacht doch mal. Ist schönes Wetter.“

Ich erinnere einen Mann, den ich sehr lieb gehabt hatte, und der dann an meinem Geburtstag mit einem anderen vor der Tür stand, kaum halb so alt wie ich. Ich hatte seinem Besuch zum Geburtstag lang entgegengefiebert, hatte Pläne gemacht, geträumt, die Vorfreude in meinem Herzen gehegt wie die Zwiebeln der Frühlingsblumen in meinem Beet: Nicht mehr lange und alles würde erstrahlen in schönsten Farben. Noch war der Winter nicht vorbei, aber in der Kälte hatten mich stets seine lieben Worte gewärmt, die Kontinuität eines vermeintlich beiderseits gewachsenen Gefühls und seine schönen, großen, tiefbraunen Augen, in denen ich mich Schlechtes zu entdecken weigerte.
Jetzt hatten diese Augen einen kalten, gelblichen und unschönen Bernsteinton, der keinerlei Gefühl verriet, umschattet indes von anbetungswürdigen Wimpern. Er sah mich nicht einmal wirklich an, als er den mitgebrachten Jüngling an meinem Geburtstag — einem sonnigen Vorfrühlingstag — über meine Schwelle schob.
Das sei seine neue Muse, sagte der Mann, den ich liebte, und er sei hier doch sicher auch willkommen. Die Muse lächelte schüchtern und mir dämmerte, das er nichts ahnte von dem Ausmaß des seelischen Elends, das sein Auftauchen entfalten sollte.
Also gab ich der Muse die Hand und bemühte mich um Gastfreundlichkeit: Alles, was ich für zwei geplant hatte, modifizierte ich, der Höflichkeit geschuldet, für drei, während eine innere Abrissbirne mein Herz und meine Träume in Trümmer schlug.

In der Bibel mag die Drei eine heilige Zahl sein. In amourösen Dingen ist sie eine Katastrophe. Und dann saß man da und kaute an irgendetwas Teurem, das sich wie Sand anfühlte und sich nicht schlucken ließ, während der von mir noch innig Geliebte in verliebtem Palaver mit dem anderen erblühte, und man selbst verfluchte den Tag und die eigene Geburt, obwohl man diese eigentlich soeben feierte. Eigentlich.
Irgendwann hatte der Albtraum ein Ende, die beiden reisten ab. Hochmütig stieg der Mann über den siechen Rest langjähriger Verbundenheit, ohne sich noch einmal umzudrehen; den schönen Mantel gerafft, damit ihn nichts besudelte.
Derweil trudelten Glückwünsche ein: Ich hoffe, du hattest einen wundervollen Tag. Dankeschön, antwortete ich, natürlich hatte ich das. Wie sollte man seinen wohlmeinenden Freunden auch erklären, dass man an einem Tag, der für die meisten seit frühester Kindheit ein Inbegriff von Glückseligkeit ist, gerade vor Kummer erstickte?
Ich konnte es nicht.

Es zieht mich noch einmal zurück zum Strand. Die Pracht und Vollkommenheit der abendlich stillen Landschaft überwältigt mich. Der Gesang der aus den Dünen steigenden Lerchen wird von keinem Gebrüll mehr übertönt. Leise rauscht Wind durch das frisch gepflanzte Helmgras.
Der meinem Haus naheliegende Strandüberweg wurde für die Saison verbreitert; die frühere Aussichtsplattform wurde abgebaut, die Bänke woanders hingestellt. Das Fernrohr, das dort früher stand, liegt nun, außer Dienst gestellt, mit seinem Betonsockel in den Dünen. Als die Sonne über dem Meer versinkt und sich seine Silhouette gegen den blutrot gefärbten Himmel abzeichnet, sieht es aus wie das Geschütz eines längst verlorenen Krieges.

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Momentaufnahme, Krähen

Das Geschrei der Krähen in den Ästen ist ohrenbetäubend. Die alten Baumkronen sind schwer beladen mit ihren Nestern, an denen, Zweiglein im Schnabel, unermüdlich geflickt wird. Der Widerhall ihres Gekrächzes kleidet das Gewölbe zur Vorburg aus und dringt bis ins Innere der dicken, weißgetünchten Burgmauern.

Hinter diesen beinahe 1000 Jahre alten Mauern stehe ich an einem winzigen Fenster und schiebe die Spitzengardine beiseite; vom Alter patiniert wie die Burg als solche. Die Kammer, in der ich für einige Tage lebe, ist mit den gleichen Möbeln ausgestattet wie sie mein Jugendzimmer aufwies. Das erweckt eine gewisse Nostalgie: Zugleich ist er eigenartig, dieser Stillstand von Jahrzehnten, Jahrhunderten, gar einem Jahrtausend auf so wenig Raum.

Vor dem Fenster fließt ruhig das Wasser im Burggraben. Das Schnattern von Enten mischt sich in das Gezänk der Krähen.

Aber zanken sie überhaupt? Wer weiß, worüber die sich unterhalten, denke ich. Den ganzen Tag geht das so: Kräh, kräh, kräh. Selbst in der Nacht höre ich es vereinzelt noch. Dennoch, das muss ich eingestehen, stresst mich die Dauerberieselung mit dem Geschwätz der Rabenvögel nicht halb so viel wie der Lärm der Welt, vor dem ich hierhin floh.

Die Krähen, denke ich, bewerfen sich in ihrer Kommunikation immerhin nicht mit Dreck. Ihr Geschrei, was auch immer dessen Inhalt sei, beinhaltet eines jedenfalls mit Sicherheit nicht: Neid, Missgunst, Spott, Häme, Verachtung. Da eine Krähe bereits sprichwörtlich der anderen kein Auge aushackt, wird in keinen Laut vorsätzlich Gift gestreut sein; kein Krächzen wird, und sei es auch zuweilen aggressiv, bewusst als verletzende Spitze eingesetzt, es ist, wenn überhaupt, dann ein direkter Angriff ― aber niemals feige, hinterhältig und berechnend. Kein langsam wirkendes Toxin ist darin, kein Kuss eines Verräters, kein kalt lächelnder, schleichender Liebesentzug.
Es wird, so vermute ich, durchaus Besitzanspruch geklärt. Revier verteidigt. Territorium abgesteckt. Das ja. Aber auf eine erholsam durchschaubare, profane, im besten Sinne „bestialische“ Art. Von der Bestie Mensch würde man sich das auch öfter wünschen, resigniere ich, aber da tarnt sich die Aggression doch zu oft hinter falschem Lachen, hinter einem dünnen Mantel an Zivilisation, der weder wirklich zu wärmen noch zu bedecken vermag.  Unter beschwichtigenden Beruhigungen folgt das strategisch geplante Wühlen in Wunden, deren Lage und Tiefe zuvor mit vermeintlich freundschaftlichem Gestus ausgekundschaftet wurde. Man sagt sich: Es ist nicht so schlimm. Es tut bald nicht mehr weh. Es hat auch etwas Gutes.
Doch der nagende Schmerz all der kleinen Demütigungen, die einzeln betrachtet nichtig und in summa vernichtend sind, lässt sich nicht für immer ausblenden. Man wird so müde irgendwann. Zu müde zum Weinen. Zu müde für Wut. Es bleibt nichts bis auf ein in seiner Monotonie narkotisierendes Grundrauschen von Traurigkeit: Einschläfernd, ohne Schlaf zu bringen, lähmend. Ein stilles, sinn- und schmutzloses Verbluten.

Homo homine lupus.

Aber selbst das absichtsloseste Menschengeplauder, fern jeder bösartigen Intention, das Sprechen um des Sprechens willen, weil niemand mehr Stille aushält ― auch daran kann man erkranken, denn irgendwann ist es einfach zu viel, zu schnell, zu laut, zu überall.
Man sehnt sich nach Stille, Inhalt, nach Wahrheit, nach Substanz. Und muss sich doch erst durch den Lärm der eigenen Seele, durch die eigenen Fassaden, durch Schutzwälle, vernarbtes Gewebe, Trümmerreste von Träumen, Sickergruben der Desillusionierung und eine gewaltige Leere wühlen, um auch nur ansatzweise zu finden, was man ersehnt.

Auf der Insel ist die Saison angebrochen, die Karwoche steht kurz bevor. Am Anleger wimmelte es bereits vor Menschen bei meinem Aufbruch. Hier hingegen, in meinem Refugium, wo ich die Terra incognita der Seele im absoluten Nichts des ostfriesischen Niemandslandes zu ergründen suche, liegt die Quote Corvus vs. Homo sapiens bei gefühlten 200:1.
Die abendlichen Lichter in den kleinen, geduckten Friesenhäuschen lassen auf Einwohner schließen, indes: man sieht sie nicht. Auch die Wirtin der Gaststube, in die ich einkehre, huscht wie ein freundliches kleines Gespenst nahezu unsichtbar durch den Raum, zart und blass.
Der einzige andere Gast des Wirtshauses, in dem ich Tee trinke und eine analoge, beruhigend heimelig raschelnde Zeitung lese, entpuppt sich als neu hinzugezogene Pastorin.
Es gibt weit und breit keine katholische Kirche in dieser Ortschaft und auch nicht in den angrenzenden Dörfern, also gehe ich am Palmsonntag zu den Lutheranern und höre mir an, was diese Theologin über Gott zu sagen hat.

Das Haus Gottes steht auf einer Warft und ist so alt wie die Burg; es ist benannt nach einem katholischen Heiligen, aber bereits seit der Reformation evangelisch. Aus dem schiefen, gemauerten Glockenturm schwingt eine gewaltige Bronzeglocke, die bereits seit Jahrhunderten Christen zum Gebet ruft, in Zeiten von Pest, Hunger, Krieg wie auch in Zeiten des Überflusses und prosperierenden Handels.
Die 200 Jahre alte Buche vor der Kirche hat ebenfalls beide Weltkriege überlebt und ist einer der schönsten Bäume, die ich je sah. Zwischen ihrem flechtenüberwachsenen Wurzelwerk verwittern Kreuze und Grabsteine längst profanierter Grabstätten. Schneeglöckchen schmiegen sich zwischen die gewaltigen Lebensadern dieses ehrfurchteinflößenden Gewächses. Wie klein man dagegen ist, wie kurzlebig! Meine ausgespannten Arme könnten kaum ein Fünftel des Stammes umfassen; meine gesamte Lebensspanne ist für die Buche wohl kaum ein Wimpernschlag: ich bin nur eines der Tausenden und Abertausenden Mitgeschöpfe, die im Laufe ihres Lebens unter der perfekt geformten Krone dieses Baumes herumkrochen.
Eine Straße am Rande des Ortes heißt „Galgenhügel“: Über deren Geschichte möchte ich lieber nicht genauer nachdenken. Was ich jedoch spüre ist, dass die Beschäftigung mit der Vergänglichkeit, das Zurechtrücken der eigenen Unwichtigkeit für den Lauf der Welt, dabei hilft, wieder ins Leben zu finden und auch den Lebenswillen zurückzuerlangen.
Was uns eine persönliche Katastrophe erscheint, ist für die Natur: Nichts.
Staub bin ich, Staub werde ich, ebenso wie der Mensch, der mir das Herz brach, und: wie leider alle, die ich geliebt habe, liebe, lieben werde.
Also lohnt sich der Blick aufs Jetzt gar nicht, wenn wir ohnehin fast alle nur eine Randnotiz der Geschichte sind? Doch, denke ich. Das irdische Leben, das Jetzt zu würdigen, bin ich meinem Schöpfer schuldig, nicht nur obwohl, sondern weil ich an das Ewige Leben im Jenseits glaube.

In einem kleinen Wald begegne ich der Ruhe.
Auf einem gefällten Baum sitzt eine Krähe reglos. In ihrem schönen, schwarzen Gewand sieht sie mich an und ich frage mich, ob da nicht doch ein Anflug von List in ihren dunklen Augen blitzt.
Doch den Vogel interessieren meine Fragen nicht. Er wendet den Kopf ab, breitet die Schwingen aus und fliegt mit einer raschen, fließenden Bewegung davon. Ich sehe dem Vogel nach, wie er jetzt hoch oben auf einem Baum thront, näher am Himmel, als ich auf diesem Waldweg sein kann.
Der Flügelschlag verhallt; kurz wähne ich mich in absoluter Stille. Dann füllt das leise Fließen von Wasser die Synkope, das Rascheln von Kleintieren im Unterholz, das ferne Rauschen der Straße. Zuletzt nehme ich auch den omnipräsenten Radau der anderen Krähen wieder wahr.

Es ist noch zu früh für eine Rückkehr in die Welt. An den Wald grenzen Äcker, auf denen sich hungrige Möwen sammeln. Ich werfe ihnen meinen Kummer hin, während ich durch die ausgetretenen Pfade schnüre, als läse ich eine frische Fährte.

BucheDornum

SchlossDornum

Momentaufnahme, Sonnenschein

Ich mag Friedhöfe. Friedhöfe sind die einzigen Orte, an denen man auch bei schönem Wetter weinen kann, ohne schräg angesehen zu werden. Auf Friedhöfen darf man noch fühlen.

In Berlin hatte ich eine depressive Phase; ich weinte ständig grundlos ― kein Schluchtzen oder inneres Erschüttern; nichts, was das Weinen ankündigte: Es lief einfach, wie bei einem undichten Wasserhahn. Dummerweise war zeitgleich Sommer, der berühmte Jahrhundertsommer, oder einer von den Jahrhundertsommern zumindest; die Leute sind angesichts des sonstigen Sauwetters ja immer schnell mit Superlativen. In der Wohnung war es zu heiß, einen Balkon hatte ich nicht, den Gemeinschaftsgarten hielten die Nachbarn mit ihrer Kinderschar besetzt. Wo konnte ich dann noch hin, wenn ich zwar vor die Tür, aber in meinem Zustand nicht weiter auffallen wollte?
Also ging ich jeden Tag auf den Friedhof, weil das der einzige Ort war, an dem man unbehelligt draußen sitzen und auch im Hochsommer weinen konnte. Man suchte sich einfach einen Grabstein, der vom Jahrgang her Eltern oder Partner sein konnte, setzte sich daneben und schon war die Tarnung perfekt. Frische Gräber waren weniger zu empfehlen: Hier bestand immer die Gefahr, auf echte Angehörige zu stoßen.
Außerdem konnte man sich auf dem Friedhof am Wasserhahn für die Friedhofsblumen abkühlen, das war praktisch bei der Hitze, weil man es wegen der Depression ja auch nicht ins Freibad oder an einen See schaffte. Dazu nahm man sich eine Gießkanne, betätigte die Pumpe und ließ einfach mehr Wasser über die Handgelenke als in die Kanne laufen, wahlweise über die Füße, wenn man ohnehin Sandalen trug. Mit dem Rest goß man dann das fremde Grab; so viel Gegenleistung musste sein.
Die Leute die man traf, waren beschäftigt mit ihrer eigenen Trauer oder sonstwo in Gedanken, ab und zu nickte jemand teilnahmsvoll. Aber niemand kam und sagte: „Lach doch mal, ist doch schönes Wetter“, „reiß dich zusammen“ oder bohrte nach, warum man denn bei diesem Wetter alleine sei.
Auf dem Friedhof war ich ein freier Mann, losgeschnürt vom Gute-Laune-Korsett des Sommers.

Heute weine ich in depressiven Phasen nicht mehr, die Chronifizierung meiner Depression hat mir nicht einmal mehr diesen Aktionsradius gelassen. Aber ich gehe nach wie vor gern auf Friedhöfe, unabhängig vom Gemütszustand.
Denn obwohl ich das große Grau (von vielen auch „der schwarze Hund“ genannt) mittlerweile unter Kontrolle habe, irritiert mich nach wie vor, dass alle Welt nur noch Liebe und Lachen und Tralala zuzulassen scheint, sobald es Mai wird und die Temperaturen zweistellige Werte erreichen.
Der Mai ist der Monat mit der höchsten Selbstmordrate. Theorien zufolge liegt das daran, dass depressiven Menschen das Gefangensein in ihrer eigenen, farblosen und ausgebluteten Welt umso mehr bewusst wird, je stärker das Leben der anderen um sie herum zu pulsieren, zu blühen und zu leuchten beginnt. Man kann auf der Parkbank schlecht seine vertraute Düsternis pflegen, wenn nebenan ein Paar knutscht und rosafarbene Blüten auf einen herabrieseln. Sogar die Scheißtauben vögeln in den Zweigen, und man selbst würde schon lange jedes nackte Dessousmodel aus dem Bett werfen, wenn man dafür nur einmal erholsamen Schlaf fände. Depressionen sind Instant-Zölibat.

Bleibt also der Friedhof.

Auf dem Langeooger Dünenfriedhof gibt es hinter der Trauerhalle einen kleinen Teich. Er ist nicht besonders gepflegt, aber in seiner traurigen Ramponiertheit hat er auch wieder etwas Rührendes, und ja: Vertrautes an sich. Ich mag den Teich, er ist ein Freund.
Die danebenstehende Bank haben Vögel vollgekackt; die wenigen Stufen hoch zum Lieferanteneingang der Trauerhalle sind gesprungen und uneben, vermutlich laufen die Sargträger hier Gefahr, mit dem Leichnam zu stolpern. Man müsste das machen lassen, denke ich, während ich mich auf den am wenigsten beschissenen Abschnitt der Bank am Teich setze, ist ja nicht auszumalen, wenn. Also, man muss sich das vorstellen, und dann liegt der Mensch da, aus dem Sarg geplumpst, was für eine Tragödie. Man müsste die Stufen machen lassen, wirklich. Aber vermutlich sind die Langeooger Sargträger längst daran gewöhnt.

Neben dem Teich steht ein Granitblock mit dem berühmten Gedicht Goethes: „Über allen Gipfeln ist Ruh.“ Ein paar Menschen haben Kerzen darunter gestellt, kleine Figuren, Kieselsteine und Muscheln. Aber in den Wipfeln, die den Dünenfriedhof umgeben, ist selten Ruh. Die erwähnten Tauben gurren in den Ästen. Buchfinken durchklauben den mit weichen Nadeln gepolsterten Boden. Ein Fasan marschiert strammen Schrittes durch die Balten-Gedenkstätte und vorbei am Mahnmal für die namenlosen Ertrunkenen, welche im Laufe der Jahrzehnte auf Langeoog angespült wurden. Nachts schreit aus den Bäumen der Kauz.

Der Dünenfriedhof ist der einzige Ort auf der Insel, an dem man in nennenswerter Menge Nadelbäume findet: Auch deshalb mag ich den Friedhof. Ich liebe den Geruch von Nadelholz; die einzigartige Beschaffenheit und das Knistern von Nadelwaldboden.
Die Fichte, welche die Bank beschattet, auf der ich sitze, und von der die Vögel hinunterscheißen, treibt gerade aus. Als Kind konnte ich mich ewig damit beschäftigen, die kleinen, hellbraunen Knopsenhüllen von den zartgrünen Trieben zu ziehen und so quasi deren Geburtshelfer zu spielen. Am Ende waren die Finger klebrig und dufteten vom Harz. Ich ziehe drei oder vier Hüllen ab. Das Gefühl, als erster die jungen, weichen Triebe zu berühren, ist nach wie vor unvergleichlich. Um die Fichte herum befinden sich viele verschiedene Tannen- und Kieferarten. Manche recken die Zweige zum Himmel, flehend, trotzig oder lobpreisend. Andere lassen sie hängen in stiller Gram. Manche stehen einfach da, aufrecht, in unbeugsamer, makelloser Würde: ein letztes Salutieren an die toten Soldaten, welche hier ebenfalls begraben liegen. Kriechkiefern winden sich am Boden im Schmerz. Auf dem Friedhof findet jedes Gefühl in den Bäumen seinen Ausdruck.
Natürlich ist ein Friedhof in erster Linie ein Ort des Trauerns, aber auch Dankbarkeit wird hier empfunden, für die Zeit, die man mit dem Verstorbenen hatte oder für die Gnade Gottes, jemanden nicht lange leiden zu lassen. Und Liebe gibt es auf dem Friedhof. Natürlich: Liebe. Manchmal auch Gram, Wut, ein verzweifeltes: „Warum?“ Aber auf dem Friedhof darf all das sein, hat all dieses Menschliche seinen Platz, egal, wie viel Mai und wie viel Sonnenschein drumherum ist. Und wenn man selbst nicht in der Lage ist, seinen Gefühlen Raum oder auch nur einen Namen zu geben, findet man seinen Trost hier im Anblick des kleinen, beschützenden Nadelwaldes, der die Grabfelder umarmt oder im stoischen Rauschen der See, welche keine 150 Meter entfernt an den Strandabschnitt Gerk-sin-Spoor brandet. Es ist ein friedlicher Ort, selbst während der Hochsaison.

Auch heute bin ich fast allein; nur ein paar Touristen machen Fotos von der Grabstätte Lale Andersens und ziehen sofort wieder ab. Am Teich hinter der Leichenhalle habe ich noch nie jemanden getroffen; er ist mein kleines Refugium, obwohl auch andere hier manchmal herkommen müssen: Die Figürchen und Kerzen unter dem Stein mit dem Goethe-Gedicht belegen es.

Es gibt noch einen zweiten Friedhof auf Langeoog, an der Inselkirche mitten im Dorf. Ich weiß nicht, nach welchen Kriterien von den Insulanern beschlossen wird, wer auf welchem Friedhof landet, aber wenn man schon irgendwann verbuddelt werden muss, so denke ich: Dann bitte hier. Zwischen Gräberfeld und Trauerhalle ist noch Platz; eine sattgrüne Rasenfläche, an deren Rand sich ein paar Kindergräber befinden, erinnert die Lebenden an ihre eigene Vergänglichkeit, das Ziel quasi vor Augen. Und vielleicht, denke ich, wird einigen der Wert des Lebens auch erst hier bewusst.

Ich verlasse den Friedhof. Vor dem schmiedeeisernen Tor am Ausgang hat der Wind Blütenblätter zusammengetrieben. Die Maisonne umhüllt ein Wolkenschleier. Als sich am Ende der Straße mein Haus aus dem Hochnebel schält, lächle ich.
Das Leben hat mich zurück.

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Momentaufnahme, Hier und Jetzt

Es ist die Nacht vor Heiligabend. Erste Orkanböen rütteln am Haus. Ich spähe unter den Decken hervor zur Uhr: Nicht einmal Fünf. Dennoch liege ich wach, eingehüllt in dunkle, warme Geborgenheit, dem soeben vergangenen Traume nachsinnend: Ein wenig irritiert, begleitet von einer diffusen Sehnsucht und einem seltsamen Gefühl grundlosen Glücks. Erneut habe ich von dem Mann geträumt — Und wieder war es ein schöner Traum. Welch Wunder, denke ich, über mich selbst spöttelnd: Natürlich träume ich von diesem Mann noch schön. Er ist noch neu; er hat mich ja auch noch nie verletzt.
Dennoch ist für jemanden, der mit unschöner Regelmäßigkeit von Albträumen und Pavor nocturnus heimgesucht wird, jeder friedliche Schlaf ein kleines Wunder, und also gebe ich mich wohlig der Erinnerung hin.
Der Mann erscheint nie klar konturiert im Traum; in seiner Schemenhaftigkeit zwar ein wenig geisterhaft, aber doch ein Geist, den niemand zu fürchten braucht. Denn seine Haut ist warm und glatt, und ich höre das Schlagen seines Herzens, das menschlicher nicht sein könnte. Auch spricht er wenig, aber wenn, dann mit ruhiger, angenehmer Stimme. Ich fühle mich wohl in seiner Nähe.

Auch im Traum ist es eine Winternacht. Vor dem Fenster bewegen sich Zweige, versilbert vom kühlen Licht eines großen, klaren Mondes. Der Mann ist bei mir, aber er schläft nicht. Genau wie ich liegt er mit offenen Augen wach und lauscht dem Sturm, der an den Fenstern zerrt. Leise summt er ein paar Töne eines Lieds, das ich sofort erkenne: Es ist eines meiner Lieblingslieder. Ich wusste bisher nicht, ob er singen kann, aber es klingt klar und schön, und ich freue mich darüber, weil ich mir einbilde, dass er es für mich summt. Schließlich weiß er, dass auch ich nicht schlafen kann, sondern um diese Uhrzeit immer wachliege, wie fast alle von episodischer Schwermut Geplagten, und so eint uns auch dieses Schicksal: Die Wanduhr zeigt kurz vor Fünf.
Ich küsse ihn in rührseliger Dankbarkeit auf die im Mondlicht fast porzellanartig makellos anmutende, nackte Schulter. „Schön, dass du da bist“, flüstere ich. Der Mann sieht mich an. „Du weißt doch gar nicht, wo ich gerade bin.“
Jetzt bin ich hellwach. Ich richte mich auf, weil mir der Satz kryptisch vorkommt, und auch ein bisschen unheimlich. „Wie meinst du das?“
Aber der Mann lächelt nur und sieht hoch zum Mond, der ihm aus irgendeinem Grund gerade näher zu sein scheint als ich. Das blaue Licht färbt seine Augen und die warmen, honiggoldenen Strähnen in seinen Haaren silbern. Mir fallen Liedzeilen von Franz Ferdinand ein, meiner Lieblingsband als Twentysomething. Gott, ist das lange her. Aber den Text weiß ich bis heute:

Blue light falls upon your perfect skin / falls, and you draw back again / falls, and this is how I fell.

Come on home. 

Er hat Recht, denke ich, resignierend in seinen Arm zurücksinkend. Er ist nicht hier. Er ist irgendwo anders, und womöglich hat er das Lied gar nicht für mich gesummt, wahrscheinlich weiß er gar nicht, dass ich es liebe. Das ist wohl immer die Gefahr, wenn wir uns verlieben, aber den anderen eigentlich noch gar nicht kennen: Wir füllen die Wissenslücken mit Wunschdenken. Wir projezieren unsere Träume auf den anderen. Weil wir möchten, dass er fühlt, was wir fühlen, sieht, was wir sehen. Im Idealfall ist das auch so. Aber die Realität heißt: Wir wissen es nicht.

Nein, resümiere ich also, ich weiß nicht, wo du gerade bist. Aber ich wäre gerne bei dir. Und wenn du es dort nicht aushältst, nehme ich dich mit zu mir ans Meer, oder wir suchen einen Platz, den wir beide ertragen. Aber dafür muss ich wissen, wo ich dich finde. Auch wenn du jetzt neben mir liegst und ich dir physisch näher kaum sein könnte.
Ich sehe zu ihm hoch. Sein Gesicht ist jetzt deutlich als seines erkennbar; er hat charaktervolle, dennoch sanfte Züge, die etwas Verträumtes, zuweilen Verspieltes, umgibt. Ich mag das.
Dennoch bleiben seine Konturen unscharf, was vermutlich nichts damit zu tun hat, dass ich nachts keine Kontaktlinsen trage — zumindest erinnere ich nicht, dass meine Kurzsichtigkeit jemals im Traume ein Thema gewesen wäre. Vielmehr ist es wohl so: Ich mag diesen Menschen. Genug, um von ihm zu träumen. Aber ich kenne ihn nicht genug, um ihn wirklich klar vor mir sehen zu können, was schade ist.
Und so liegt wohl eine gewisse Gefahr darin, wenn man sich nur ein- oder zweimal sieht, die gegenseitige Anziehung begreift, aber den Rest dann nur noch schriftlich oder fernmündlich erledigt. Denn oft kommt es dann so, dass die reale Person irgendwann nur noch eine Art Kerntheorie ist, ein Stichwort, und alles Weitere ein Produkt unserer Phantasie und unseres Wunschdenkens, mitunter sogar eines unseres Narzissmus: Nämlich in jenen Parts, in denen wir wünschen, dass der Significant Other uns möglichst gleicht — Wen der Bauer nicht kennt, liebt er nicht.

Ich will dich aber kennen, rufe ich innerlich in verzweifeltem Trotz, weil ich dich lieben will! Für eine Sekunde fürchte ich, es laut ausgesprochen zu haben, aber der Mann liegt immer noch still und sieht sich den Mond an.
Ich möchte dich sehen, im Hier und Jetzt. Ich möchte bei dir bleiben, bis der Tag deiner im Mondlicht so blassen Gestalt wieder Farbe verleiht, bis dein Gesicht klare Konturen bekommt, bis die aufgehende Sonne das Blau in deine Augen zurückbringt und den Honigton in deine Haare. Und ich möchte, dass auch du mich siehst.
So, wie ich bin. Und trotzdem nicht wegläufst. Und trotzdem all das hier nicht für ein Versehen hältst, mich nicht für einen Lügner und unsere Liebe nicht für ein kleines, schmutziges Geheimnis.
Sieh mich an.
Ich wünschte, ich könnte ihm das sagen. Aber ich schweige.
„Schlaf“, sagt der Mann, und er küsst mich beiläufig, mit abwesendem Blick, so wie jemand, der sich am Bahnhof verabschiedet und mit halbem Herzen dabei schon im zur Abfahrt bereitstehenden Zug sitzt.

Ich muss mich nicht in „Freud“ umbenennen, um zu ahnen, was diese Traumsequenz bedeutet: Es gibt kein Vertrauen ins Jetzt. Vielmehr wähne ich mich das ganze Leben lang zwischen zwei Zügen — entweder noch wartend oder bereits verlassen. Und auch wenn ich nicht immer allein am Gleis stehe, so sind Bahnsteige doch per se ungemütliche Orte: Immer getränkt mit Sehnsucht und Abschied.
Der Traum ist vorbei. Ich stehe auf und mache koffeinfreien Kaffee, in der absurd lächerlichen Hoffnung, danach vielleicht doch noch schlafen zu können, die morgendliche Schwermut begrüßend wie ein altes, gebrechliches Haustier.
Ich denke an das Lied aus dem Traum und spiele es mir vor, aber ich mag es nicht mitsummen, weil meine Stimme nicht mehr schön ist, weil sie verlorenging, irgendwo zwischen Bahnsteig A und B.
Das Reisen ist teuer. Aber nichts ist so wertvoll wie die Ankunft und das Bleiben.

Ich sehe wieder zum Bett, das jetzt leer ist. Gerne hätte ich dem Mann aus meinem Traum noch etwas gesagt.
Nein, denke ich, ich weiß nicht, wo du gerade bist. Und es geht mich auch überhaupt nichts an. Vermutlich sollte ich mich einfach von dem Gedanken befreien, jemanden immer zur Gänze begreifen zu wollen. Denn ist es nicht gerade das Geheimnisvolle, sind es nicht gerade all die kleinen Abwesenheiten in der Anwesenheit, die jemanden begehrenswert machen? Habe ich nicht selbst genug verschwiegen?

Ich denke an die kleine, bunte Inselbahn, und dass der Mann den Kopf einziehen muss, wenn er da ein- und aussteigt, weil er so groß ist. Die Bahn sieht dann noch mehr aus wie ein Spielzeug.
Die Erinnerung an dieses Bild touchiert mein Herz. Es ist nicht wirklich schmerzhaft, aber es reicht, um ein leichtes Ziepen zu verursachen; einhergehend mit dem Wissen, dass Bahnhöfe ja nicht immer nur für Durchreisen und Abschiede stehen. Es gibt auch Wiedersehen. Es gibt Ankünfte. Eine sirupsüße Spur von Hoffnung zieht sich durch das Gemüt.
Vielleicht kommt er ja wieder, denke ich. Vielleicht sind wir dann wirklich zusammen schlaflos. Vielleicht wissen wir dann, wo wir sind.
Und vielleicht kann auch einer von uns bleiben.

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Momentaufnahme, Ratz

Immer, wenn ich mich dem Treppenhaus nähere, ertönt aus dem Keller der schrille Warnpfiff einer Ratte. Wir haben eine WG hier im Winter; außer mir wohnt niemand im Haus von November bis Weihnachten, außer mir und der Ratte. Ich nenne ihn Ratz. Ich weiß nicht, ob die Ratte ein Er ist, aber Ratz ist mein Mitbewohner, also ist er ein Männchen, das habe ich eben beschlossen.

Ist ja gut, Ratz, denke ich, du kennst mich doch schon. Ein weiterer Pfiff, als ich den Wäschekorb in den Hauswirtschaftsraum trage, den ich jetzt offen stehen lassen und nutzen kann, wann ich will. Es ist schließlich niemand da, der meckern könnte, weil alle anderen Wohnungen im Haus Ferienwohnungen sind — Und so ist es nun, als gehörte das Haus nur mir allein.

Ich habe Ratz noch nie gesehen, und auch niemanden seiner Freunde, die er vor mir warnen zu müssen meint, aber ich freue mich, dass er da ist. Denn immerhin gibt es durch ihn jetzt noch ein drittes Lebewesen im Haus an jenen Tagen, an denen ich nicht vor die Tür komme. An jenen Tagen, an denen der schwarze Hund zu Besuch ist.

Ich sah den schwarzen Hund lange nicht, aber ich fürchte ihn auch nicht mehr, den alten Bekannten, überwiegend zahnlos inzwischen, aber noch immer ein Zerberus zwischen mir und dem Licht. Man lernt, zu koexistieren. Und dann sitzt man im Schaukelstuhl und liest Capote und hört Bach und hakt ab, ob man sich geduscht, angezogen und etwas gegessen hat, und wenn ja, war es ein guter Tag. Draußen verwäscht die Wintersonne im bleichkalten Dämmerlicht, bis die Dunkelheit auch über die Insel hereinbricht, gesprenkelt vom Licht der Sterne. An sehr guten Tagen macht man sogar die Wäsche, selbst wenn der Hund hinterhertrottet, und vermutlich verängstigt auch er nur die Ratte im Keller, nicht ich.

Im Gemeinschafts-Hauswirtschaftsraum des Hauses ist alles so, wie ich es vor einiger Zeit verließ; sogar die Leiter steht noch aufgeklappt da, wo ich sie hingestellt hatte, um das Kellerfenster zu schließen, und ich erinnere nicht einmal, dass ich vergessen hatte, sie wegzuräumen.
Ich betrachte die Leiter, ein paar vom Wind hereingefegte Blätter liegen drumherum verstreut. Das Fenster ist gar nicht besonders weit oben, aber ich bin zu klein, und mit einem leichten Gefühl wehmütigen Bedauerns denke ich an den großen Mann, den ich gerne lieb gehabt hätte, weil er das Fenster einfach so hätte schließen können, und aus noch ein paar anderen Gründen auch. Aber auch das sollte nicht sein, noch nicht zumindest, und doch fühle ich Dankbarkeit für diese kurze Ahnung von Sommer, die er brachte, für die Erinnerung an Wärme, für die Erinnerung daran, dass es Menschen gibt, die nicht nur Enttäuschung, Schmerz und Bitternis hinterlassen, sondern neue Farbnuancen in eine verblassende Welt tragen und neue, schöne Melodien in die Stille. Es ist merkwürdig, in dieser Art Liebesvakuum festzustecken. Mit dem einen, für den man die Liebe noch aufsparen muss, und mit dem anderen, an dem man seine Liebe verbraucht hat. Ein dritter wäre vermutlich die Lösung, mit dem man seine im Sirup der Melancholie träge gewordenen Gefühle freiwaschen könnte, aber das Auftauchen eines solchen ist nahezu ausgeschlossen; ist es doch Wunder genug, dass ich nach all den Jahren überhaupt wieder jemanden traf, für den sich mehr als eine projektbezogene Begeisterung in meinem Herzen regte. Der mich sowohl optisch als auch intellektuell und menschlich ansprach, der meinen Humor teilte und ein wunderbares Schriftdeutsch sein eigen nannte — ein nicht unwichtiges Detail für jemanden wie mich, der ausgesprochen ungern telefoniert, ständige physische Anwesenheit scheut wie der Teufel das Weihwasser, und sich dennoch mit dem Significant Other geistigen Austausch jenseits einer Tweet-Länge wünscht.
Ich weiß nicht, ob es mit dem großen Mann noch einen Sommer gibt; ich hieße ihn Willkommen, und wenn nicht, so winkte ich ihm nach wie einem guten Freund, aber ohne Bitternis im Herzen und mit Dankbarkeit für all die kleinen Wunder, die er brachte. Ich denke an diese beneidenswerte Flut bernsteinfarbener Haare und seine Augen, klar und blau wie der Winterhimmel über Langeoog oder die Gletscherseen der Berge, die er liebt.
Es hat nicht sein sollen — oder es soll, aber noch nicht jetzt.
Auch vom Seemannssohn sah ich die Tage seit Langem einmal wieder ein Bild, er war sehr gut getroffen darauf. Er ist und bleibt ein schöner Mann, aber es tat nicht mehr weh, das Bild zu betrachten, und ich wusste, dass ich ihn womöglich noch immer begehren könnte, aber nicht mehr lieben. Ich hatte ihn lange genug geliebt: Es ist gut so, wie es ist.
Wenigstens verlasse ich dieses Jahr ohne Liebeskummer, denke ich, also war es ein gutes Jahr, oder zumindest gar nicht so schlecht. Und so wird die Zeit, die man als ‚zwischen den Jahren‘ bezeichnet, für mich eine Zeit zwischen den Lieben sein, ein für mich ungewohnter Zustand, ging doch bisher ein jeder Liebeskummer nahtlos in eine neue Liebe über. Es ist die richtige Zeit für Stille, innen und außen. Zeit zum Innehalten. Zum Neusortieren.
Ein wenig ratlos blicke ich daher jetzt auf den schwarzen Hund neben dem Schaukelstuhl, weil ich nicht weiß, warum er wieder da ist, jetzt, wo alles besser werden sollte. Leere zieht ihn wohl mehr an als Leid, denke ich, aber er hat gelernt, Platz! zu machen, wenn ich das sage, und ich habe gelernt, ihn zu dulden, auch wenn ich ihn nicht füttere und nicht traurig bin, wenn er wieder geht. Ein Hang zur Melancholie ist für eine Zukunft als freischaffender Künstler toll. Depression ist Mist.
Im Keller ist es trotz des geschlossenen Fensters eiskalt, und ich beeile mich mit dem Herauszerren der Wäsche aus der Maschine. Ein neuer Pfiff ertönt, irgendwo aus den Tiefen der aus rotem Backstein gemauerten Kellergänge. Kurz halte ich inne, um zu hören, ob auf den Rattenpfiff das Trappeln von Füßchen folgt, damit ich den Ratz einmal sehen kann, und weiß, wo er wohnt. Aber es bleibt jetzt still.
Siehst du, denke ich. Wir werden schon klarkommen, wir beide. Hab keine Angst mehr. Und ich weiß nicht, ob ich das wirklich zur Ratte sage oder eher zu mir selbst, aber eigentlich macht das auch keinen Unterschied:
Wir kommen klar.
Während ich Ausschau nach Ratz halte, jagt der schwarze Hund gelangweilt seinen eigenen Schwanz. Lächerlich sieht das aus, wie er da im Kreis herumrennt, immerzu und immerzu. Ich mache das Spielchen nicht mit und gehe zurück zur Wohnung, die zu weit gewordenen Hosen über dem Arm. Aber kurz bevor ich die Tür vor seiner Schnauze zumachen kann, drängt der Hund wieder hinein, und ich sehe resigniert zu, wie er es sich gemütlich macht und mich treudoof aus großen Augen ansieht: Hello Darkness, my old friend. Hier sein heißt nicht gewonnen haben, sage ich streng, und ich weiß, dass er das auch weiß. Es gibt immer ein Danach.

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