Acker

Die ersten Felder sind abgeerntet, das Korn steht in Garben gebündelt, in der Ferne zieht der Trecker seine Bahnen. Ein Schwarm Krähen stiebt aus den Stoppeln wie auf dem berühmten Gemälde Vincent van Goghs — einem seiner letzten. Ein andere Acker wurde bereits umgepflügt. Die Hitze der letzten Tage hat die aufgeworfene Erde staubig werden lassen, grobe Stücke stapeln sich zwischen den Furchen. Der Sommer hat seinen Zenit längst überschritten, die Ernte des Jahres ist eingefahren und nun liegt der Acker brach: Bereit, neues Saatgut aufzunehmen, bereit, sich vom nächsten Regen durchtränken zu lassen, bereit für eine neue Runde Leben.

Ich betrachte das Ganze vom Fenster eines träge vorbeiruckelnden Zuges aus und ich hoffe, dass auch ich so ein Ackerboden bin, jetzt nach bald 8 Wochen in der Klinik. Einmal umgepflügt, und nun wieder zugänglich. Offen für Neues und produktiv. Ich kann wieder Dingen Raum geben; kann sie wachsen lassen und mich gleich mit. Die Kraft ist zurück. Ebenso wie das Licht. Die Zeit in der Klinik geht bald zuende. Der erste Wochenendurlaub steht an, in Kürze dann die Entlassung.
Und tatsächlich: Ich habe Heimweh. Das Schiff ist so voll, dass ich nur unter Deck Platz finde, aber es ist ein schönes Grfühl, nach all den Jahren schon am Fahrgeräusch erkennen zu können, auf welchem Abschnitt der Überfahrt man sich in Etwa befindet, oder in welchem Stadium des Anlegeprozesses die Fähre ist.

Von der Inselbahn aus sehe ich erste bekannte Gesichter. Die Schwalben, die treuen Begleiter sommerlicher Inselbahnfahrten, sehe ich allerdings nicht mehr, ebensowenig wie die duftende Pracht der Kartoffelrosenblüte: Einen Großteil des Inselsommers habe ich verpasst. Eine Weihe kreist über der Weide; die Touristen sind begeistert. „Hast du den Vogel gesehen? Der war riesig!“ Ich schmunzele, denn ich hab mit ebensolcher Faszination hingesehen, auf einmal voll wiederbelebter Liebe zu den Wundern meiner Heimat. Auf einmal kann ich wieder voll nachempfinden, wie es Leuten geht, die nach mehreren Monaten oder gar einem Jahr Abwesenheit das Wiedersehen mit „ihrer“ Insel feiern, und ich freue mich, dass dieses Gefühl zurück ist.
Das hier ist mein Zuhause denke ich. Und dass mir die Freude daran nie wieder jemand nehmen wird. Oder etwas. Keine Depression, kein Mobbing, keine Angst vor explodierenden Lebenshaltungskosten und kalter Wohnung im Winter; keine noch so giftige Gesellschaft oder korrupte „Regierung“. Das hier ist meins. Auf den letzten Metern der Bahnstrecke sauge ich all diese Schönheit in mich auf. Bald werde ich endgültig wieder hiersein. Ich werde bleiben — mit Leib und Seele.

Die Hitze hat auch auf Langeoog gewütet; das bei meiner Abreise noch sattgrüne Gras ist stellenweise verbrannt, ebenso wie die Bienenweide auf meinem Balkon, trotz bestmöglicher Pflege durch liebe Menschen.
Aus dem Briefkasten quillt mir Post entgegen. Werbung, Rechnungen, Postkarten und Zeitschriften. Ich sehe die Sachen nur grob durch. Es ist schön, wieder zuhause zu sein. Die Wohnung erscheint mir kleiner als früher, zugleich aber auch viel schöner. Dinge, an denen ich mich fast sattgesehen hatte, wärmen mir plötzlich wieder das Herz und ich erinnere all die Geschichten hinter den Dingen: Meine Geschichten. Das hier, denke ich, ist kein Zweckbündnis auf Zeit. Das hier bin ich.
Ich möchte wieder hier sein, zwischen meinen eigenen Sachen, bei meinen Pflanzen, in meinem Büro, im eigenen Bett. Und ja, ich freue mich sogar wieder auf die Arbeit.
Der Grauschleier ist fort; diese undurchdingliche Milchglasscheibe zwischen mir und der Welt. Die Depression ist vorbei — wenn auch vielleicht nicht für immer, so doch zumindest fürs Erste. Der Acker ist umgepflügt. Jetzt warte ich auf den nährenden Regen und das erste, kräftige Grün.

Mondlicht, Mönche, Mont, Feld und Färöer

Hier in der Reha kann ich zwar nicht mit meinen gewohnten Farben arbeiten, aber Ölkreiden verschiedener Fabrikate gibt es hier auch. Mit vielen Grüßen möchte ich hier ein paar Bilder zeigen; alle sind mit Ölkreide und/oder Buntstiften angefertigt worden.

Durst

Es war ein kalter, trockener Frühsommer. Die Temperaturen klammerten sich noch Ende Mai an die 10°C-Marke, obwohl die Sonne schier ununterbrochen gegen die Kälte anzuscheinen versuchte. Regen fiel, wenn überhaupt, nur in homoöpathischen Dosen, die gerade ausreichten, um die erschlafften Blüten und Blätter mit ein paar fotogenen Perlen zu benetzen. In den letzten Tagen hat sich zumindest die Trockenheit ein wenig gebessert, aber ich weiß nicht, was dieser Regen zu retten vermag. Die lang ersehnte Feuchtigkeit lockt den Duft der Kartoffelrosen und Maiglöckchen noch einmal hervor; im Morgendunst singen Nachtigallen, irgendwo verborgen im dichten Rosengestrüpp, das schon mit herbstbraunen Blättern durchsetzt ist. Daneben jedoch, als kleiner Hoffnungsschimmer, zeigt sich ganz neu ins Leben geholtes, frisches Grün, das das verdurstete, welke Laub verbirgt.
Nun steht in wenigen Tagen der meteorologische Sommeranfang bevor. Am Strand ist das längst unübersehbar: Die Saisonausstattung ist vollständig. Strandkörbe, Plankenwege, Spielgeräte, Umkleidehäuschen, Duschen, alles da. Austernfischerküken tapsen durchs Gras, die Highland-Rinder säugen zottelige Kälbchen mit honigfarbenem Fell. Durch die Salzwiesen streicht der Wind und enthüllt ihr sommerliches Farbenspiel.
Dahinter liegen die weiten Wattflächen.
Ich sehe mir das alles an und sehe es dabei doch irgendwie nicht; ich sehe diesen Sommer nur mit den Augen. Herz und Seele schweigen. Die Farbenpracht ist wunderschön und die Tierkinder sind entzückend, und ich weiß, was ich bei dem Anblick fühlen sollte, aber ich fühle nichts. Da ist wieder diese Milchglasscheibe und diese Schallschutzmatte zwischen mir und der Welt; hochgezogen von irgendeiner Leibgarde meiner Seele, über die ich nicht befehlen kann. Die Depression ist zurück.
Nun höre ich schon wieder das Geunke, wie ich denn unglücklich sein könne, denn ich hätte doch alles, allem voran eine Wohnung am Meer, aber man kann tatsächlich eine depressive Episode haben, ohne unglücklich zu sein, denn Depressionen sind nunmal eine Krankheit — und kein temporärer Gemütszustand oder gar ein Gefühl. Vielmehr gehen Depressionen mit einer Art Gefühlstaubheit einher; man ist weder traurig noch fröhlich, sondern einfach … gar nicht. Eine atmende Hülle, die nach außen hin noch eine Weile funktioniert, wie sie es trainiert hat, aber auch das ist endlich. Sonst ist da nichts. Und hinter dem Funktionsmodus nur noch Leere.
Alles ist schwer; das Leben wird zähflüssig. Man kämpft sich mit jeder Bewegung durch dicklichen Sirup, der aber nicht süß ist, sondern so farb-, geschmack- und geruchlos wie alles andere, das einen umgibt, und das man aus der Erinnerung noch lieben oder verabscheuen kann, aber in Wirklichkeit ist da gar nichts. Man kann einen Ausflug machen, um sich abzulenken, und minutenweise funktioniert das auch: Man lacht über einen Witz, bewundert einen hübschen Vogel und die zartgrünen Weizenfelder entlang der Birkenalleen. Man sieht die Schönheit: Die Felder gesäumt von schwarzgrünem Wald, die Zweige der Trauerbirken wehen im Abendwind, die roten Fachwerkhäuser stehen von der Abendsonne vergoldet in kleinen, heimeligen Ansammlungen wie alte Freunde. Grün lackierte Scheunentore mit leuchtenden Rosen davor und riesigen Rhododendren mit plüschigen Hummeln in den Blütentrichtern. Aus dem Wald ruft der Kauz; Störche klappern, aus dem Schilf am Teich quakt es. Der treue Mensch weicht nicht von meiner Seite, ist weich und warm und und liebt und lächelt unerschütterlich; baut einen warmen, weichen Kokon aus Geborgenheit. Und dennoch.
Man fällt zurück in den zähen Sirup; alles verhallt und verschwimmt und verblasst — obwohl man weiß, dass es noch da ist. Und obwohl man weiß, dass es schön ist. Wenn man sich dann dabei ertappt, dass man irgendetwas machen wollte und doch nur minutenlang vor sich hingestarrt hat; dass man tagsüber bald irre wird vor Müdigkeit und nachts doch kein Auge zubekommt, weil da zu viel ist, was einen plagt und sorgt, auch wenn die Vernunft im Hintergrund ebenso vergeblich wie ununterbrochen gegen das Plagen und Sorgen anplappert — dann weiß man, dass die Depression wieder da ist, der schwarze Hund, F 33.2. oder wie immer man das Elend nennen mag.

Depression ist ein bisschen wie diese riesige, weite Wattfläche hinter der Salzwiese, denke ich manchmal. Eine graubraune, plane Ödnis. Allerdings ohne das Glitzern der Siele, ohne all die Geräusche, die vom Leben unter dem Schlamm erzählen. Und im Gegensatz zum Watt bietet eine Depression weder Nahrung noch Lebensraum. Im Gegenteil: Depressionen laugen aus; sie saugen Farbe und Leben aus allem und beschneiden die eigene Welt auf ein Minimum an Funktionsradius. Und mit jedem Außenreiz wird es schlimmer. Dann kommen die körperlichen Symptome: Das schrille Pfeifen im Ohr, die Luftnot, die Erschöpfung, die Muskelschmerzen, der Schwindel und die Schlaflosigkeit. Danach funktioniert gar nichts mehr.
Selbstverständlich tue ich dem Watt mit diesen Vergleichen Unrecht, denn das Watt ist ein wundervolles, faszinierendes Ökosystem, in dem, genauer betrachtet, mehr los ist als auf jeder Partymeile — mit unendlich viel Leben in jedem Kubikzentimeter, mit geschäftigem Gewusel, mit Leben und Sterben, Gedeihen und Vergehen. Die vermeintliche Ödnis, die das Watt auf den ersten Blick bietet, hat ihre ganz eigene, unverwechselbare Schönheit und ist von unschätzbarem Wert.
Sicher gilt das auch für die Wüste und vielleicht sogar für die Mondlandschaft, auch wenn ich beides noch nie mit eigenem Auge gesehen habe. Insofern gibt es wohl keine Landschaft, die sich wirklich mit der Seelenlandschaft eines Depressiven vergleichen ließe, aber Betroffene und deren Angehörige wissen, was ich meine.

Leider gibt es da noch die anderen.
30% aller Deutschen halten Depressionen auch im Jahr 2022 noch für eine Charakterschwäche, las ich dieser Tage. Für einen Fall von Faulheit, von „Stell-dich-nicht-so-an“, von „Lach-mal-die-Sonne-lacht-auch“ und „andere-Menschen-haben-echte-Probleme“. Von diesen kommen dann die Kalenderweisheiten und irgendwelcher esoterischer Klimbim der Richtung „Glücklichsein ist eine Entscheidung“; letzteres entspringt vermutlich der Unsitte, dass einige Menschen umgangssprachlich von „depressiv“ reden, wenn sie lediglich „schlecht drauf“ oder „unglücklich“ meinen. Und nein, es geht auch nicht jeder depressiven Episode ein Schicksalsschlag voraus. Längere Phasen von Stress können eine solche begünstigen; traumatische Erlebnisse auch, aber letztlich springen Depressionen doch recht wahllos Menschen an: Auch schöne, erfolgreiche, glückliche. Tote Film-, Literatur- oder Sportstars sind dafür traurige Beweise. Depressionen sind eine Krankheit, mitunter tödlich. Und es muss vorbei damit sein, dass man nicht darüber reden darf. Ist es nicht vollkommen absurd, dass man für jede harmlose Erkältung Mitgefühl bekommt, sich in einer schweren depressiven Episode aber „halt einfach mal mehr bewegen“ soll? Depressive Menschen sind keine undankbaren Jammerlappen, sondern krank. Nicht mehr, nicht weniger, und in den meisten Fällen sogar behandelbar krank. Depressionen sind nicht immer komplett heilbar, aber doch kontrollierbar. Dafür gibt es Fachärzt:innen und Medikamente. Warum ich das hier erzähle, anstelle ausschließlich ein Farbe und Leichtigkeit sprühendes Glitzerbild des Inselalltags zu zeichnen? Weil es Leben retten kann, darüber zu reden. Und weil Depressionen — ja, tatsächlich — auch reisen und schwimmen können.

Hinweis:
Wer sich hier allzu sehr wiedererkennt — ich habe seit mehr als 3 Jahrzehnten Depressionen und kann die Schwere einer Episode mittlerweile halbwegs einschätzen; folglich auch rechtzeitig Hilfe in Anspruch nehmen. Wer das nicht kann: Bitte ruft lieber einmal zuviel als einmal zu wenig eine Fachärztin, einen Seelsorger, den Krisendienst, den Psychosozialen Dienst oder die Telefonseelsorge (0800-1110111) an. Auch die 116 117 hilft. Bei akuten Suizidgedanken wählt bitte den Notruf 112! Bei der Seelsorge oder dem PSD kann man sich auch als Angehörige:r von depressiven Menschen beraten lasen, Hilfe und Ohr finden. Ihr seid nicht alleine — und die Menschheit besteht tatsächlich nicht nur aus den rohen, unzivilisierten, schadenfrohen und gehässigen Arschlöchern, die unter Artikel über Depressionen und Suizide dämliche Lachsmileys pappen. Da draußen ist auch eine Menge Licht — Immer noch. Alles Liebe!

Morgenstund

Schlaflose Nächte sind großer Mist. Aber wenn die Nacht dann endlich vorbei ist, die Dunkelheit weicht und der erste Sonnenstrahl das Zimmer flutet, hat das eine ganz eigene Magie. Zweifelsohne geht Übermüdung auch mit kurzzeitiger Euphorie einher; nicht grundlos wird kontrollierter Schlafentzug ja auch in Fachkliniken bei Depressionen angewandt. Jetzt, wo ich vorm Balkonfenster stehe und sehe, wie meine Hornveilchen leicht im Seewind zittern und der Sonne ihre Gesichter entgegenstrecken, glaube ich aber kaum, dass das Glück, das ich in diesem Moment verspüre, nur einer aus dem Takt geratenen Neurochemie geschuldet ist. Vielmehr ist es wohl eher der seit Goethe berühmte Zauber, der jedem Anfang innewohnt. Was für ein Anfang, mag man sich fragen, denn letztlich ist ja alles wie immer. Es liegt ein gewöhnlicher Arbeitstag vor mir, im gewohnten Umfeld, und auch sonst gibt es nicht viel Neues auf dem Planeten. Zumindest nichts, was sich nicht mit einem geflügelten Wort des Comiczeichners Ralph Ruthe subsumieren ließe, der die täglichen Nachrichten in einem seiner Cartoons mit dem treffenden Satz „Alle bekloppt geworden. Und jetzt das Wetter“ zusammenfasste. Aber letztlich ist einem ja doch ein neuer Tag geschenkt, das Haus wurde einem nicht weggebombt und man ist noch am Leben. All das ist keine Selbstverständlichkeit, denn der grässliche Krieg in Europa hält immer noch an, und nur Gott weiß, wie, wo, ob und wann dieses sinnlose Verheizen von Menschenleben und Menschenträumen endet.

Und jetzt das Wetter. Es ist immer noch bitterkalt auf Langeoog. Trotz hartnäckigen Sonnenscheins in den letzten Wochen, der für fotogene Ansichten und auch die ein oder andere geöffnete Blüte mehr auf dem Balkon sorgte, kriecht die Thermometermarke kaum über 10°C. Aus diesem Grunde stehe ich auch vorm Balkonfenster, und nicht draußen, um mir den Sonennaufgang anzusehen. Inzwischen hat sich auch eine Wolke über den Sonnenball geschoben; über dem Wolkenweiß liegt noch der aprikosenfarbene Schleier der Dämmerung. Aber über dem Meer sind die vereinzelten Wolkenbäusche schon strahlendweiß und treiben auf leuchtendblauer Himmelsleinwand.

Die ersten Menschen, die ich sehe, sind zwei Angestellte eines örtlichen Reinigungsunternehmens auf ihren blauweißen Dienstfahrrädern. Sie sind jung und lachen fröhlich, trotz eines vermutlich sehr anstrengenden Arbeitstags, der vor ihnen liegt. Ich beneide sie ein wenig um diesen Elan zu dieser Uhrzeit, die ich, mea culpa, ohne Schlafstörungen oder Verpflichtungen gar nicht kennen würde.
Die frühen Morgenstunden sind nicht meins.Irgendwo im Haus klappen die ersten Türen.
Langeoog wacht auf.

Ich setze mich mit einem Kaffee an den Tisch und warte. Ich weiß nicht auf was. Aber die Wanduhr, die ich noch immer nicht auf Sommerzeit umgestelt habe, tickt dazu wie ungeduldig trommelnde Finger auf einer Tischplatte.

Morgenrunde

Ich bin viel zu früh wach. Schlaflos im Bett liegend, erwarte ich den Anbruch des Tages. Als endlich Licht durch die Vorhänge sickert, stehe ich auf. Vor dem Fenster breitet sich ein pastellfarbener Morgen. Im Gully rauscht es, ansonsten ist es still. Sogar die Vögel halten sich zurück. Ich sehe ein paar Schwalben in der Luft; weiter hinten keckert irgendwo ein Fasan. Die Luft ist kühl und klar — in diesen Tagen eine Kostbarkeit, ebenso wie die Stille.
Mein Balkon macht mir in diesem Jahr keine rechte Freude, denn auch auf Langeoog spielt das Wetter ein wenig verrückt. Es ist entweder schwül und stickig oder zu kalt und nass, meine Blumen gedeihen nicht. Ich schaue auf die jämmerlichen, braunfleckigen Überreste und fühle mich zugleich schlecht, weil mein Hadern mit den verkümmerten Zierpflanzen zweifelsohne dekadent ist; angesichts der Verheerungen, die das Wetter in anderen Teilen Deutschlands angerichtet hat.
In der Nacht hat es geregnet. Von den reifenden Früchten am Apfelbaum perlen die Tropfen. Auch die ersten Brombeeren sind schon da, und die allgegenwärtigen Kartoffelrosenpflanzen tauschen zunehmend ihre Blütenpracht gegen leuchtendrote Hagebutten ein, obschon an manchen Wegen noch immer Rosenduft über die Insel weht. Der Sommer will noch nicht gehen, aber der Herbst kratzt schon an der Tür.
Ich genieße meinen Kaffee in der Stille, bis der Rest der Insel aufwacht. Die Stunden sind kostbar.

Gegen 8 Uhr mache ich mich auf Richtung Strand. Gestern Nachmittag standen die Räder am Übergang Gerk-sin-Spoor bis zum Friedhof. Immer noch haben zwei große Bundesländer Ferien; Langeoog platzt aus allen Nähten.
Und dann gibt es doch tatsächlich immer noch Leute, die von „einsamer“ Insel reden.

Auch jetzt kommen mir schon reichlich Menschen entgegen, überwiegend Sporttreibende oder Langeooger:innen, die zur Arbeit fahren. Der Spatz, den ich zwischen farbenfrohen Vogelbeeren zu fotografieren versuche, lässt sich glücklicherweise auch von zwei plaudernden Sportfreunden nicht verscheuchen. Er kommuniziert mit Artgenossen, die sich tiefer im Geäst verkrochen haben. Am Strand herrscht noch Ordnung: Die Strandkörbe in Reih und Glied, die Mülleimer geleert. Ein Mitarbeiter der Inselgemeinde kommt mir mit stinkenden, schweren Säcken entgegen — die Ausbeute des vergangenen Ferientags. Eine anstrengende Arbeit, von der meist erst Notiz genommen wird, wenn sie liegen bleibt.

In der Kirche ist bald Anbetung, es ist Herz-Jesu-Freitag. Neben dem Wasserturm sehe ich das vertraute Dach in den blauen Sommerhimmel ragen. Die Monstranz strahlt mit der Morgensonne um die Wette; die Pastoralreferentin singt schön, der Rest schief. Aber immerhin kniet sie heute nicht alleine vorm Allerheiligsten. Im Gegenteil: Immer wieder kommen Menschen herein, die Kerzen anzünden, ins Fürbittbuch schreiben, den Psalmen lauschen oder sich ebenfalls eine Weile vor die Monstranz knien.
Eine junge Frau im Sportdress, groß, schweißglänzend und mit der Figur einer Athletin, joggt in die Kirche, bekreuzigt sich, auf der Stelle weiterjoggend, und zündet, ebenfalls joggend, eine Kerze an. Dann joggt sie wieder hinaus und ich nehme das aus den Augenwinkeln halb amüsiert, halb seltsam berührt zur Kenntnis: Für GOTT ist Zeit. Sogar im täglichen Trainingspensum.

Auf den Dünenwegen hinter der Kirche reift der erste Sanddorn. Ein Ehepaar geht mit Hund und zwei sehr teuer aussehenden Rassekatzen spazieren. Die Frau versucht, einen der Perser herbeizurufen, aber natürlich funktioniert das nur beim Hund. Die Edelkatze lässt ein divenhaftes „Miau“ vernehmen und dreht ihr eigenes Ding.

Man kann doch einige Kuriositäten erleben in der Saison, denke ich, und dass sich die Schlaflosigkeit so zumindest gelohnt hat. Wenig später peitscht wieder Regen an mein Fenster, und so wird es noch lange bleiben.

Kunst

Zunächst weiß ich nicht, was ich davon halten soll. Ein Malset zum Geburtstag, für Anfänger und Wiedereinsteiger. Setzte mich das nicht unter Druck, jetzt, da die Schmerzen in meinen Fingern kein kleinteiliges Zeichnen mehr erlaubten, dennoch etwas Kreatives schaffen zu müssen? Hatte es nicht gar etwas Marie-Antoinette-eskes an sich, im Sinne von „Wenn er nicht mehr zeichnen kann, soll er halt malen?“ Hätte es nicht an mir gelegen, mich wieder dafür zu entscheiden? Die Kunst und ich, wir hatten schon eine wesentlich längere Beziehung als die Schenkende und ich, und, bei Gott, es war kompliziert. Fast fühlte ich mich auf unangenehme Weise verkuppelt.

Die überraschende Konfrontation mit dem Thema „Malen“ warf mich unvermittelt in meine Schulzeit zurück; einen Zeitraum, den ich rückblickend verabscheue wie keinen zweiten in meinem Leben. Ich habe die Schule an jedem einzelnen Tag, an den ich mich nicht davor drücken oder schwänzen konnte, gehasst. Außer die Kunststunden. 
Kunst war das einzige Fach, in dem mich die mobbenden Mitschülerinnen in Ruhe ließen und in dem ich nicht der ewige Zweite neben vermeintlich universalbegabten Geschwistern war. Kunst war etwas, das nur mir gehörte; etwas, in das ich mich flüchten konnte und etwas, in dem ich nicht angreifbar war. Kunst war gut, weil ich in Kunst gut war. Der Lehrer gab mir eine Empfehlung für die Kunstakademie in Düsseldorf; kurz darauf fuhr ich zum Tag der offenen Tür hin, betrat die Akademie mit großen Augen und pochendem Herzen als vermeintliches Tor zur Welt meiner Zukunft — und kehrte demütig heim. Ich liebte alles, was ich dort gesehen hatte. Ich liebte die farbbeschmierten Schürzen der Studierenden, die hellen, riesigen Räume; den Esprit, die Kreativität, die alles und jedes winzige Detail und jedes Lebewesen in diesem Gebäude atmete. Ich liebte den Geruch nach Steinstaub, Terpentin und Farben. Aber ich wusste auch: das kann ich nicht. Hier hat der liebe Gott meinem Talent eine deutliche Grenze gesetzt. Die Leute hier an der Akademie waren so, wie ich nie sein würde. Ich trage keinen solchen Geysir an Kreativität in mir und ich besitze weder die Neugier noch die Experimentierfreude oder den Innovationsgeist, um mich in diesem wirklich hart umkämpften Feld durchzusetzen. Und vor allem besitze ich nicht die Frustrationstoleranz, die es für ein Dasein als Berufskünstler braucht; in einem ständig belächelten Berufsfeld, das selbst bei Menschen, die wesentlich talentierter sind als ich, oft kaum die Miete zahlt.
Es folgten Jahre, in denen ich irgendwann nur noch mit Sprache Bilder erschuf. Aber ganz wurde ich die Kunst nicht los. „Man merkt an deinen Texten, dass du viel gemalt hast“, sagte mir eine Sprachdozentin, „,man sieht jedes Detail in Farbe vor sich.“ Bis heute gehört das zu den schönsten Dingen, die mir je jemand in beruflichem Kontext gesagt hat, und ich trug es all die Jahre mit mir wie einen seelischen Notfallproviant — für Zeiten, in denen es wieder dunkel wurde um mich. Letzlich war es aber genau so eine Zeit, in der ich das Malen wieder begann. Genaugenommen: Man zwang mich. In einer Tagesklinik für Menschen mit Depressionen. Dort musste ich kreativ tätig werden, Speckstein schleifen, Malen, Lavendelsäckchen nähen, Basteln, Mosaikkleben, Weben, irgendwas. Ich fürchtete mich davor, weil ich meinen Anspruch an mich selbst fürchtete. Mir war klar, dass diese Tätigkeiten vom Grübeln befreien und der Seele Ausdruck verleihen sollten, wo die Sprache versagte, und auch, dass es dabei nicht um den künstlerischen Wert ging. Aber ich wollte nicht. „Ich war mal ganz gut in sowas“, sagte ich. „Aber irgendwann habe ich eingesehen, dass ich mich nicht mehr steigern kann, egal, wie sehr ich mich anstrenge. Dass mein Talent Grenzen hat. Dass ich nie so gut werden werde, wie ich gern wäre. Das jetzt erneut zu erfahren, zöge mich noch mehr runter.“ Ich glaubte nicht daran, dass es mir helfen würde und fragte, ob ich nicht lieber etwas anderes machen könnte. Ein Beet umgraben, den Sandsack verhauen oder sowas. Es half nichts. Ich musste Malen. Viele Frustrationen und Dutzende Bilder, die ich schamesrot zerknüllte später, zeichnete ich ein Rotkehlchen, das abflugbereit auf dem Rand eines Blumentopfes saß. Die Mitpatienten und Therapeutinnen liebten es und es wurde in den Klinikflur gehängt. Und dann war es kurz zurück: Das Gefühl, dass ich doch irgendetwas konnte.
Es war ein wohliges, duftendes Bad, aus dem mich die nächste toxische Beziehung und der nächste wirtschaftliche Misserfolg aber schnell wieder auskippten. Das Rotkehlchen starb irgendwo allein im Dreck. Es kommt ja nicht nur auf den gelungenen Abflug an. Sondern auch darauf, wo und wie man landet.

Doch das nächste Mal, bei dem ich wieder zu Zeichenstift und Pinsel griff, war erneut mit einem Abflug verbunden. Obwohl ich es damals noch nicht ahnte, leitete ich mit einer Serie von Vogelzeichnungen den Abflug nach Langeoog ein. Es gab Erfolge und Rückschläge mit den Zeichnungen. Verkäufe und Ausstellungen ebenso wie Phasen, in denen kein einziges Bild gelang. Doch das Malen mit Sprache war längst zum ersten, sicheren Standbein geworden: Der Druck, auch mit Pinsel oder Zeichenstift etwas schaffen zu müssen, war weg.

Und nun lag da vor mir dieser Malkasten und der Druck kehrte zurück; ebenso wie alle Erinnerungen. Verschiedene Materialien lagen zum Ausprobieren bereit: Aquarell? Bin ich zu ungeduldig für. Acryl? Riecht und braucht zuviel Platz in der Wohnung. Kohle? Been there, done that. Stoff meiner destruktivsten Teeniephasen. Was eignete sich dafür auch besser als ein Herumsauen in tiefschwarzem Staub? Furchtbare Zeit, weg damit. Ölpastellkreiden? Nur selten gemacht, riecht nicht, trocknet schnell, die Handhaltung bedarf weniger Feinmotorik, also her damit. Tipps bei einer befreundeten Künstlerin mit Expertise in dieser Technik geholt. Freude gehabt. Ergebnisse noch stark ausbaufähig, aber ansehnlich.
Es ging also doch noch ein bisschen. Viele Erinnerungen an Hilfsmittel und Techniken kamen zurück und ich spürte, dass sich ein Dranbleiben lohnen könnte. Und ja, ich hatte das Malen vermisst. Ich hatte vermisst, wie sehr man dabei Raum und Zeit vergessen konnte. Ich hatte vermisst, wie sehr man sich darin verlieren und dabei abschalten konnte, und wie gut es tat, schönen Erinnerungen, Träumen und Phantasien Leben einzuhauchen, indem man sie zu Papier brachte.

Es ist faszinierend zu sehen, wie die Motive im Schaffensprozess eine Eigendynamik entwickeln: wie der Baum, den man im Sommergrün geplant hatte, plötzlich Herbstrot werden möchte; wie das Gewand der Gottesmutter, auf dem Vorlagen-Foto sandfarben, sich fast von alleine Marienblau färbt.
Vor allem aber liebe ich, wie sehr das Malen einen neuen Blick auf Gewohntes ermöglicht. Plötzlich teile ich die Langeooger Dünenlandschaft im Vorbeiradeln in Farbflächen auf. Beobachte Licht und Schatten genauer; überlege, wie ich die Lichtreflexe auf einer Pfütze anlegen könnte oder ihr zartes Wellenspiel. Überlege, wie man welches Motiv abstrahieren könnte. Mit welchen Strukturen man welchen Effekt erzeugen könnte. Knüllen, Kratzen, Streichen? Eine neue Welt öffnet sich, allein dadurch, dass ich jetzt mit diesem neuen — oder wiederbelebten — Blick durch die Gegend fahre. Mir hätte gerade jetzt, zur Pandemiezeit, wo ich nicht reisen und anderswo neue Impulse sammeln kann, eigentlich nichts Besseres passieren können.
Denn auch ich bin inzwischen an einem Punkt, wo ich zugeben muss: Das Reisen fehlt mir. Oft erwische ich mich dabei, wie ich nächtelang im Internet Pauschalreiseangebote anschaue, die ich mir eh nie leisten könnte. Nordlicht-Safari in Norwegen. Thermalquellenbaden auf Island. Ein grasgedecktes Häuschen auf den Färöern: Einsame Landzunge, nur ich, die Seevögel, viele Bücher und der Blick auf winzige Inselchen. Noch mehr Nordlichter. Noch mehr Norwegen: Stabkirchen, Fjorde. Endlose Wälder. Papageientaucher auf schroffen Felsen. Irland, schottische Heide im Nebel und südenglische Küstenromantik. Lavendelfelder irgendwo; der Vatikan und Mont St.Michel. Klöster, uralte Bibliotheken. Freundliche Mönche, die weißen Alben so rein und duftend wie die rosige Unschuld ihrer alterslosen Gesichter. Die Sehnsucht ist groß. Die Unerreichbarkeit auch. Doch nun kann ich all das zu mir holen, indem ich es male. Die ganze Welt ist in uns: Wir müssen sie nur rauslassen. Welche Erkenntnis könnte an Tagen, die sich mit ihren ewiggleichen Routinen zu einer erdrückenden Art von Leere verdichten, denn schöner sein?
Kunst befreit. Kunst heilt. Kunst eröffnet neue Horizonte, ungeachtet der eigenen Talentgrenze. Kunst erweitert das eigene Selbst, wo man sich selbst für limitiert hält: Denn auch ein unter handwerklichen Aspekten schlechtes Bild ist immer noch etwas Selbstgeschaffenes und damit einzigartig und nicht kopierbar — wie eine Menschenseele. Heute kann ich all das bezeugen. Und auch, dass ein auf den ersten Blick falsches Geschenk letzten Endes genau das Richtige sein kann.

Momentaufnahme, Leib und Seele

Von den heißesten Tagen auf Langeoog bekomme ich nichts mit. Der Hochsommer, von den Touristen lange ersehnt, hat endlich Einzug gehalten und Temperaturen um 30°C locken alles, was sich bewegt, in und an die Nordsee.

Ich bewege mich nicht. Ich liege mit Fieber, gegen das die Außentemperatur ein erfrischender Hauch ist, im Bett. Zum Glück hat mich auch diesmal kein Coronavirus niedergestreckt, sondern eine profane Mandelentzündung — ein Spaß ist es trotzdem nicht. Vor allem, weil ich sie viel zu spät als solche wahrnahm. Die tagelange bleierne Müdigkeit? Überarbeitet. Das Gefühl vollkommener Erschöpfung? Psyche. Die Kopfschmerzen, der Stimmverlust, der Kloß im Hals? Psyche. Eine aufziehende depressive Episode, sicherlich: „Hello darkness, my old friend“.

Bei der chronifizierten Form der Depression, die ich seit 30 Jahren hinter mir herziehe wie einen mal mehr, mal weniger schweren Schleppanker, gibt es schon lange nichts mehr an klassischen Symptomen einer Depression wie Traurigkeit oder Gedankenkreiseln. Irgendwann treten an diese Stelle episodisch nur noch Schwere und Leere — in Einheit mit verschiedenen körperlichen Malaisen. Diese psychosomatischen Beschwerden von akuten körperlichen Erkrankungen abzugrenzen fällt, wie ich zu meinem Entsetzen feststellen muss, sogar mir zunehmend schwer. Ansonsten hätte ich mir sicher ein paar Tage früher mal in den Hals geguckt; hätte ich rechtzeitig Antibiotika besorgt; wäre das Fieber nicht so ausgeartet. 
Ja: Hätte.

Indes bringt mich das auf ein Thema, mit dem viele Menschen, die irgendwann in ihrem Leben mal eine psychische Krankheit hatten (oder dauerhaft haben) zwangsläufig konfrontiert werden: Dem Abgestempeltsein als „Psycho“, der sowieso nichts hat außer eben … you name it. Und so hat wohl jeder seine Erlebnisse mit ÄrztInnen, die körperliche Untersuchungen verweigern, weil sie nach Lektüre der Krankenakte grundsätzlich von Psychosomatik ausgehen (der nette Inselarzt sei hier ausdrücklich ausgenommen). Oder mit Versicherungen, die einen als Kundschaft ablehnen, weil man irgendwann im Leben mal eine Therapie gemacht hat — Als sei es gesünder, seelische Probleme unbehandelt zu lassen.
Dass es in Bezug auf seelische Krankheiten für manche Menschen und Behörden noch immer ein Stigma ist, sich ärztliche Hilfe gesucht zu haben, ist für mich ein ausgewachsener Skandal. Würde man einem Menschen applaudieren, der sich ein gebrochenes Bein nicht schienen lässt? Würde man nicht sagen: Du spinnst, ab zum Arzt mit Dir! — Warum also, frage ich mich, funktioniert das nicht auch mit einem gebrochenen Herzen? Warum wird man mit einem Schatten auf der Lunge sofort in die Klinik gescheucht, aber bei einem Schatten auf der Seele kommt „Lach doch mal, ist schönes Wetter?“
Man könnte jetzt leicht „von Hölzken auf Stöcksken“ kommen, wie wir im Ruhrpott sagen: Dass die Tabuisierung psychischer Krankheiten an den ererbten Kriegstraumata liegt, wo man über die massenweisen Verzweiflungssuizide und das Kriegszittern rückkehrender Soldaten auch nicht sprach. Und an einer giergetriebenen, haifischkapitalistischen und sozialdarwinistischen Gesellschaft, die alles, was auch nur ansatzweise nach Psychiatrie riecht, unter „unzurechnungsfähig“, „Minderleister“ und „wirtschaftliche Belastung“ einsortiert. Und so weiter. —  Der Gründe sind viele, und eigentlich verdient jeder davon ausführliche Betrachtung. 
Umso mehr erschüttert mich, dass ich selbst in dieses Muster verfalle: Das bisschen Hals ist so lange psychisch, bis es eitert.

Jedenfalls ist draußen Sommer, was sich an der Geräuschkulisse im Haus und umzu auch deutlich abzeichnet. Da mich rasende Kopfschmerzen am Musikhören oder Fernsehen hindern, die Wohnung wahnsinig hellhörig und das Fenster witterungsbedingt zwangsläufig auf ist, gibt es kaum ein Gespräch, das ich nicht mitbekomme. Die Leute erzählen sich ihre Erlebnisse vom Strand und aus dem Dorf; die lautgestellten Telefone lassen auch gleich Tante Gerdas Antworten am anderen Ende der Leitung auf Langeoog erschallen: Der Cousin hat jetzt auch sein Abitur. Gestern gab es Pfannkuchen. Die Tochter will jetzt auch unbedingt diese Schuhe.
Auch in der Nacht ist es nicht still. Die Menschen sitzen auf ihren Terrassen und Balkonen; im Viertelstundentakt rasen betrunkene Jugendliche auf Rädern vorbei. Aus einer Musikbox dröhnt irgendwas mit Bayern und Deutscher Meister, Mädchen kreischen, Jungs johlen.

 Auf den Genuss einiger ruhiger Minuten auf dem eigenen Balkon muss ich lange warten: Dann aber singen die Grillen und der warme Sommerwind streicht über die schweißfeuchte Haut. Ein unvorstellbarer Luxus.

Ein lieber Freund bringt mir Medikamente und Trost vorbei; mit dem Einsetzen der Wirkung geht es zunehmend bergauf. Nach 5 Tagen in der Wohnung wage ich mich erstmals vors Haus. Das Meer sehe ich leider immer noch nicht. Denn der Strand ist zu weit weg, das instabile Gehen auf Sand einem instabilen Kreislauf vermutlich auch nicht zuträglich, und die zu erwartenden Menschenmassen schrecken mich ebenfalls ab. Also schleiche ich nur ein Stück die Straße hinunter und wieder zurück.
Aber natürlich reicht das auf Langeoog aus, um schon irgendwen zu treffen, der einen kennt. In meinem Falle ist das ein sympathisches älteres Ehepaar, das häufig in der Kirche ist. Sie stammen aus dem ehemaligen Jugoslawien und haben sich hier nach der Flucht vor dem Krieg eine Existenz aufgebaut. Manchmal deutet die Frau an, was sie erlebt hat, und es erschüttert mich. Es sollte nicht sein, dass Krieg (egal welcher) für so viele Menschen noch bittere Realität ist — und nicht nur etwas, wovon die Großeltern sich zu erzählen weigerten. Auf jeden Fall begegnen mir die beiden immer gütig und freundlich und ich habe einen Heidenrespekt vor ihrer Lebensleistung. 
Und was auch schön ist: Sie haben mich vermisst. „Du warst schon lange nicht in der Kirche“, sagt die Frau, „geht es dir nicht gut?“ Ich erkläre ihr meinen Zustand und dass ich es selbst bedauere, es nicht zur Messe zu schaffen zurzeit. Aber auch die Kirche ist noch zu weit, wenn der Körper nicht will. Das ist wohl einer der wenigen Nachteile einer autofreien Insel: Man kann sich kein Taxi nach St. Nikolaus bestellen. Und für das Bestellen der Krankenkommunion fühle ich mich noch nicht krank genug.

Die beiden ziehen nach dem Austausch guter Wünsche ihrer Wege und ich denke darüber nach, was für ein starkes Instrument der sozialen Kontrolle der Kirchgang in früheren Zeiten gewesen sein muss. In dem Fall, dass man sich um jemanden sorgte, der plötzlich nicht mehr kam, war das sicher etwas Gutes. Oder im Fall, dass man Blessuren und blaue Augen an Kindern oder Ehefrauen sichtete oder sonstige Indizien häuslicher Gewalt wahrnahm und ggf. den Pfarrer nachhaken lassen konnte (der ja damals auch noch eine Instanz war). 
Aber sicher nutzten viele die allsonntägliche Gemeindeversammlung auch zum Tratsch: Welche Paare sitzen nicht mehr nebeneinander, wer trägt ein zu gewagtes Kleid oder gar ein ärmliches? Wessen Bauch wölbt sich verdächtig, wer übertüncht seine Schnapsfahne mit billigem Parfum? 
Andere wiederum werden den Kirchgang zum Angeben benutzt haben: Instagramm gab es ja noch nicht. Also wurde der teuerste Sonntagsstaat rausgekramt, der juwelenbesetzte Rosenkranz, das Gotteslob in goldgeprägtem Etui. Die Kinder gebadet und gescheitelt und stocksteif zurechtgesetzt, die Münder so fest geschlossen wie die Knie der anwesenden Damen unter den wadenlangen Röcken. Damit alle sahen: Man hatte sein Leben im Griff und es ganz allgemein geschafft — Zum Thema „Hinter den Kulissen aber …“ sei an dieser Stelle geschwiegen.
Im Idealfall ging man aber damals wie heute schlicht zum Beten hin und betrachtete den Rest der Gemeinde mit aufrichtigem, aber nicht übergriffigen oder Tratschsucht-motivierten Interesse am Nächsten. Zumindest wäre das wünschenswert, und ich hoffe, dass ich es bald auch wieder zur Kirche schaffe.

In der nächsten schlaflosen Nacht zappe ich durch das TV-Programm. Auf EWTN beginnt soeben „Grüß Gott aus Heiligenkreuz“. Die schönen Bilder vom Stift lassen in mir den Januar wieder aufleben, als das Jahr noch in aller Unschuld daherkam. Die Erinnerungen an diese wunderbare Zeit und die kühlen Klostermauern lassen gefühlt auch das Fieber weiter sinken. Gott ist ja überall, tröste ich mich. Und ich freue mich sehr darüber, dass mir nun, da mein Sehnen nach St. Nikolaus nicht erfüllt werden kann, nachts um 3 stattdessen ein ganzes Kloster geschickt wird.

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Momentaufnahme, Dunkel

Es sind leere Tage. Die Osterfeierlichkeiten sind abgeebbt, die Narzissen am Straßenrand verblüht, die Rosen noch nicht geöffnet. Die Kirche ist schön geschmückt; eine weiße Stola, die das Kruzifix schmückt, kündet noch von der Freude der Wiederauferstehung. Einer der Vorteile des Katholischseins ist ja, dass man noch bis Pfingsten Ostern hat, während beim Protestanten schon nach Ostermontag Schluss mit lustig ist.
Dennoch verlässt mich seit einigen Tagen dieses Karsamstagsgefühl nicht: Hello darkness, my old friend. Es herrscht Grabesruhe.
Auch die Wärme der letzten Tage ist abgeklungen, was immerhin den Vorteil mit sich bringt, weniger Pflicht zum Rausgehen zu empfinden, sofern es die Arbeit nicht ohnehin verlangt. Man kann auf dem Bett liegen, erschöpft, schlummernd, sinnierend. Peter Gabriel hörend oder Belle and Sebastian, oder Mendelsson und Bach. Man kann über das Weltgeschehen nachdenken, über Gott, das Leben als solches, die Kunst oder versuchsweise auch einmal über gar nichts.
Freilich gelingt Letzteres kaum, denn die Nachrichtenlage ist desaströs, die Menschheit verkommt, so hat es den Anschein, aller positiven Gegenbeispiele zum Trotz. Selbst in Kirchen wird gemordet. Der Planet überhitzt. Die Menschen erkalten. Schwarz und Weiß. Häme und Hype. Fast nur noch Extreme scheint es zu geben. Und Stille wird zunehmend zum Luxusgut.

Ich denke an Ostern. Ich mag Ostern lieber als Weihnachten; nicht nur, weil es auch kirchlich der höchste Feiertag ist oder wegen der frischen Frühlingsfarben; Nein. Vor allem mag ich es wohl, weil das heilige Triduum die komplette Bandbreite menschlichen Daseins abbildet, mit allen denkbaren Höhen und Tiefen. An Ostern muss man keinen Schwermut verstecken, keiner seine Narben, kein Kreuz, das man zu tragen hatte. An Ostern darf man traurig sein, zumindest bis zum Ostersonntag. Und am Karfreitag und -samstag gebietet es die Pietät sogar, nicht glückssprudelnd über die Wiesen zu turnen. 
Freilich wird auch an vielen anderen Tagen im Kirchenjahr für die Kranken und Alleinstehenden und Ausgeschlossenen gebetet, für die Bespuckten und Geprügelten und Geschändeten dieser Gesellschaft (und einige Betende mögen das sogar ernst meinen), aber wirklich sehen will man diese Leute doch lieber nicht: Man könnte ja selbst dazu gehören, irgendwann. „Ich umgebe mich nicht mit Leuten, die im Leben immer nur Pech haben. Das überträgt sich“, erzählte mir einst eine Person, die später übrigens in der Seelsorge arbeitete.
 Was soll man dazu noch sagen?

An Ostern dagegen muss man hinschauen, zumindest IHN anschauen, wie er da hängt in seinem Leid: Bespuckt, geprügelt, geschändet. Und dann, Karfreitag, kommt der Moment, an dem alles leer wird. Die Kirche wird ausgeräumt. Der Tabernakel, die Stühle, die Pflanzen und Kerzen — alles weg; sogar das Weihwasser wird entleert. Es wäre ein kaum zu ertragender Zustand, mit der Einsamkeit der Jünger und Mariens in fast greifbarer Intensität, wäre da nicht die Hoffnung.
Die Hoffnung auf das Licht.
Am Ostersonntag wird es hereingetragen. Und der Priester befreit den HERRN mit ehrfürchtiger Geste von seiner Umhüllung. Zwar hängt ER auch danach noch am Kreuz, um zu erinnern, was er für uns gab — aber wir wissen, dass er auferstanden ist, dass kein Leid für immer ist; nicht einmal der Tod. Auch der Alleingelassenste erfährt, wie es ist, bedingungslos geliebt zu werden. Und auch der größte Sünder erfährt Vergebung. 
Zur Hoffnung gesellen sich also Liebe und Zuversicht; die Barmherzigkeit. Der Trost und die Gnade. — Alles, was der Welt so oft fehlt.
Die Erinnerung an die immer wieder ergreifende Feier der Osternacht und das Wunder der Auferstehung bringt auch in mich einen Hauch Leben zurück. Und so bringe ich es doch irgendwann fertig, vor die Tür zu gehen: Ein Stück zumindest. Und dann immer weiter.

An den Seen huschen kleine Graugänschen durchs Gras, noch ganz zerrupft wirkende junge Pfuhlschnepfen durchschreiten das stille Wasser, und ich frage mich, ob sie wohl ihr Spiegelbild wahrnehmen, das sich dort deutlich abzeichnet.
Eine Sturmmöwe späht nach Eiern. Strandnelken blühen. In einer Mulde verrottet der Kadaver eines Feldhasen. Es gibt nichts Schönes ohne das Hässliche. Kein Licht ohne Dunkel. Man kann nicht die Augen davor verschließen: Vor beidem nicht.
Mit etwas mehr Licht in der Seele, wiewohl mit bleischweren Gliedern, gehe ich nach Hause. Die Depression ist kein Freund geworden mit all den Jahren. Aber man lernt zu koexistieren. Man lernt zu siegen.

Let me step out of my shell
That’s wrapped in sheets of milky winter disorder
Let me feel the air again, the talk of friends
The mind of someone my equal
I want the world to stop (I want the world to stop)
Give me the morning (Give me the understanding)
I want the world to stop (I want the world to stop)
Give me the morning, give me the afternoon
The night, the night
(Belle and Sebastian, „I want the world to stop“ (C) Sony ATC Music)

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Momentaufnahme, Frohsinn

Es ist ein wunderbarer Tag im Mai. Möwen gleiten lautlos an der Dünenkette vorbei, die im Licht des späten Nachmittags golden aufleuchtet. Kein Wölkchen zeigt sich am makellos blauen Himmel, von dem seit dem frühen Morgen die Sonne strahlt. Jede Ecke bietet an solchen Tagen ein Fotomotiv, das man ohne weitere Bearbeitung auf einen Langeoog-Prospekt drucken könnte, wo es dann dafür sorgte, dass noch mehr Gäste und Investoren auf die Insel kämen, um hier Müll, Geld, noch mehr Baustellen und verwaiste Straßenzüge im Winter zu hinterlassen.
Kein Licht ohne Schatten.

Ich versuche in einem der Strandkörbe zu lesen. Immerhin soviel soziales Denken gibt es auf Langeoog noch, dass die Körbe, sobald die Vermietungsbuden schließen, zum Allgemeingut mutieren: Man kann also ab dem späten Nachmittag darin sitzen, ohne dafür bezahlt zu haben. An der Ostsee werden sie nach dem Feierabend der Vermieter gnadenlos mit Gittern verriegelt. Hier versuchen das einige Privatleute mittlerweile ebenfalls und errichten alberne Barrikaden aus Fahrradschlössern und Wäscheleinen an den Strandkörben, die sie für mehrere Tage gemietet haben. Als säße es sich tagsüber schöner darin, wenn man anderen in Abwesenheit keinen Sitzplatz gönnt.

Nebenan schreit ein Kind in einer so dämonischen Tonart und Intensität, dass man an das angeblich angeborene Gute im Menschen kaum noch glauben mag.
Und tatsächlich ist es doch so, dass einen manche Tage und Wochen schier an der Menschheit verzweifeln lassen, und seien sie meteorologisch auch noch so vollkommen. Und nein, man selbst schließt sich nicht zwingend davon aus, denn wer ist bitteschön noch nicht gelegentlich an sich selbst verzweifelt?
Ich gehe zurück ins Dorf. Auf einer etwas abgelegenen Bank sitzt ein junger Mann unter prachtvoll erblühten Bäumen und weint, ein Telefon am Ohr. Sein Gesicht ist blass und starr vor Kummer. Er lauscht schweigend der Person am anderen Ende der Leitung, die ihm — man kann es nur ahnen — vermutlich soeben eine furchtbare Nachricht überbringt. 
Derweil schieben fröhliche Familien ihre Strandbollerwagen und Buggys vorbei, Hörnchen mit bunten, süßen Eiskugeln in den Händen.

Es gibt keine Garantie auf Glück, nur weil Frühling ist. Und doch scheinen Trauer und Kummer jetzt ein noch größeres Tabu zu sein als sonst. Wer will sich, nach all dem Grau des Winters, schon noch mit dem Grau in andererleuts Seelen befassen?
Die Tage war ich im evangelischen Gottesdienst, weil ich dort dienstlich etwas zu erledigen hatte. Es war der Sonntag Kantate, und der Pfarrer leitete den Gottesdienst, anstatt sofort in jeder Hinsicht ein Loblied zu singen, mit den Worten ein, dass heute trotz des Festtages nicht allen Menschen zum Singen zumute sei. Dass die Laute menschlichen Elends trotz allem durch die Welt hallten. Als Katholik lobt man die Lutheraner ja eher spärlich, aber hier sage ich: Das hat mich beeindruckt.

Die Diktatur des Frohsinns ist nicht nur an Karneval ein Thema für sich. Mit einem engen Vertrauten, der sich mit Depressionen aus eigener Erfahrung auskennt, bin ich mir einig: Das Gefühl, nie traurig sein zu dürfen, weil in unserer Gesellschaft kein Platz dafür ist, macht erst Recht depressiv. Und zuweilen sehr einsam. Denn wer wagt schon an einem strahlend schönen Tag im Mai seine Freunde mit Trübnis zu belästigen? Eben.
„Lach doch mal, ist schönes Wetter.“ „Schau mal, die Sonne lacht auch.“ —Der Mai ist der Monat mit der höchsten Selbstmordrate.

Dennoch: Das Erwachen der Natur ist wunderschön. ich freue mich über jede neue Knospe, über das zarte Grün an den Bäumen, das niemals wieder im Jahr so eine wundervolle Farbe haben wird, über die ersten Stunden inmitten meiner geliebten Blumen auf dem Balkon, über die erste Sonnenbräune, die ersten goldenen Strähnen im Haar. Ich bin froh, dass mir der Frühling jedes Jahr verlässlich zeigt, dass zumindest meteorologisch der Winter vorbei ist, selbst wenn er seelische Eiszeit mitbrachte.

Menschliches Leid hält sich nunmal an keinen Jahreszeitenkalender. Ich kenne Menschen, bei denen ein Elternteil an Weihnachten starb; auch eine Freundin von mir starb am zweiten Weihnachtsfeiertag, meine Eltern verschoben ihre Hochzeit wegen des Todes der Großmutter. Es gibt Menschen, die an einem strahlend schönen Sommertag ihre Arbeit verlieren, verlassen werden, eine Fehlgeburt erleiden oder beim Arzt eine schlimme Diagnose erhalten.
„Lacht doch mal. Ist schönes Wetter.“

Ich erinnere einen Mann, den ich sehr lieb gehabt hatte, und der dann an meinem Geburtstag mit einem anderen vor der Tür stand, kaum halb so alt wie ich. Ich hatte seinem Besuch zum Geburtstag lang entgegengefiebert, hatte Pläne gemacht, geträumt, die Vorfreude in meinem Herzen gehegt wie die Zwiebeln der Frühlingsblumen in meinem Beet: Nicht mehr lange und alles würde erstrahlen in schönsten Farben. Noch war der Winter nicht vorbei, aber in der Kälte hatten mich stets seine lieben Worte gewärmt, die Kontinuität eines vermeintlich beiderseits gewachsenen Gefühls und seine schönen, großen, tiefbraunen Augen, in denen ich mich Schlechtes zu entdecken weigerte.
Jetzt hatten diese Augen einen kalten, gelblichen und unschönen Bernsteinton, der keinerlei Gefühl verriet, umschattet indes von anbetungswürdigen Wimpern. Er sah mich nicht einmal wirklich an, als er den mitgebrachten Jüngling an meinem Geburtstag — einem sonnigen Vorfrühlingstag — über meine Schwelle schob.
Das sei seine neue Muse, sagte der Mann, den ich liebte, und er sei hier doch sicher auch willkommen. Die Muse lächelte schüchtern und mir dämmerte, das er nichts ahnte von dem Ausmaß des seelischen Elends, das sein Auftauchen entfalten sollte.
Also gab ich der Muse die Hand und bemühte mich um Gastfreundlichkeit: Alles, was ich für zwei geplant hatte, modifizierte ich, der Höflichkeit geschuldet, für drei, während eine innere Abrissbirne mein Herz und meine Träume in Trümmer schlug.

In der Bibel mag die Drei eine heilige Zahl sein. In amourösen Dingen ist sie eine Katastrophe. Und dann saß man da und kaute an irgendetwas Teurem, das sich wie Sand anfühlte und sich nicht schlucken ließ, während der von mir noch innig Geliebte in verliebtem Palaver mit dem anderen erblühte, und man selbst verfluchte den Tag und die eigene Geburt, obwohl man diese eigentlich soeben feierte. Eigentlich.
Irgendwann hatte der Albtraum ein Ende, die beiden reisten ab. Hochmütig stieg der Mann über den siechen Rest langjähriger Verbundenheit, ohne sich noch einmal umzudrehen; den schönen Mantel gerafft, damit ihn nichts besudelte.
Derweil trudelten Glückwünsche ein: Ich hoffe, du hattest einen wundervollen Tag. Dankeschön, antwortete ich, natürlich hatte ich das. Wie sollte man seinen wohlmeinenden Freunden auch erklären, dass man an einem Tag, der für die meisten seit frühester Kindheit ein Inbegriff von Glückseligkeit ist, gerade vor Kummer erstickte?
Ich konnte es nicht.

Es zieht mich noch einmal zurück zum Strand. Die Pracht und Vollkommenheit der abendlich stillen Landschaft überwältigt mich. Der Gesang der aus den Dünen steigenden Lerchen wird von keinem Gebrüll mehr übertönt. Leise rauscht Wind durch das frisch gepflanzte Helmgras.
Der meinem Haus naheliegende Strandüberweg wurde für die Saison verbreitert; die frühere Aussichtsplattform wurde abgebaut, die Bänke woanders hingestellt. Das Fernrohr, das dort früher stand, liegt nun, außer Dienst gestellt, mit seinem Betonsockel in den Dünen. Als die Sonne über dem Meer versinkt und sich seine Silhouette gegen den blutrot gefärbten Himmel abzeichnet, sieht es aus wie das Geschütz eines längst verlorenen Krieges.

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