Momentaufnahme, Bestand

Es ist voll geworden auf der Insel. Die Aggressionen mehren sich. In den Geschäften lange Schlangen und leere Regale, Fahrradstaus und Auffahrunfälle an jeder Ecke, wüstes Geklingel, Beschimpfungen. „Die sind aber unhöflich hier“, sagt ein Kind, „Sie stehen mitten auf der Straße!“ ruft ein Handwerker zornig in eine Gruppe, die ihre Urlaubsplanung auf der Fahrbahn ausdiskutiert, während die Kleinsten mit Stützrädern drumherum Schlangenlinien fahren. Der Mann hat Mühe, seinen beladenen Anhänger von A nach B zu bekommen, wobei ihn in B vermutlich ebenfalls entnervte Menschen empfangen, die Probleme mit der Spülung haben, dem Internet, der klemmenden Tür. „Wir haben das Gefühl, die Einheimischen wollen nur noch unser Geld und sonst interessiert die hier gar nichts mehr“, erzählt traurig ein Gast, der seit Jahrzehnten herkommt. Derweil schreit ein anderer Gast einen armen Kellner an, weil dieser um kurz nach Fünf nicht mehr die komplette Kuchenauswahl bieten kann: „Sie haben das in der Karte, also will ich das essen!“ Der Kellner sieht müde aus. „Tut mir Leid“ sagt er.
Mir tut es auch Leid, dass Leute so sind, denke ich. Ich weiß, was er durchmacht.
Die Gäste sind unzufrieden, die Insulaner kaputtgeschuftet, und es ist noch nicht einmal August. In einigen Restaurants kosten Hauptgerichte mittlerweile um 35 Euro, Vollzeit-Angestellte im Housekeeping gehen in vielen Betrieben dagegen noch immer mit 900 Euro netto heim und wohnen in Verschlägen, die nicht einmal ein Tierheim als adäquat durchgehen ließe.

There’s something rotten in the state of Langeoog. Und ja, es gibt die positiven Gegenbeispiele. Aber die Tendenz ist da. Und sie stimmt mich traurig. 6 Jahre sind keine Zeit auf einer Insel, aber dennoch ahnt man nach rund 2000 Tagen wohl, was natürliche Schwankungen sind — und was die Zukunft bringen wird, sofern niemand gegensteuert.
Die Leute sind frustriert; viele würden lieber früher als heute alles einreißen und komplett neu angehen; nicht zuletzt die Bürgermeisterwahl mit ihrem Ergebnis ganz offensichtlicher Verzweiflung hat dies gezeigt. Was es bringen wird? Ich halte nichts von Kaffeesatzleserei und ziehe es vor, zu schweigen. Aber Strukturen sind schwer zu durchbrechen. Meistens verbiegen sich die Leute letztendlich ja doch oder lassen sich mit Geld und schönen Versprechungen zurechtbiegen, um hineinzupassen. Egal, mit welch aufrechtem Gang sie meinten, hineinzumarschieren. Oder sie verenden darin, sofern sie nicht vorher von selbst flüchten.

Dieser Tage hatte ich einen PR-Menschen zu Gast. Exaltiert, wie etliche PR-Menschen nun einmal sind, machte er angesichts seines allerersten Besuchs auf der Insel gleich wort- und lautstark hehre Pläne. „Wenn ich hier etwas zu sagen hätte, ich würde die Insel komplett umkrempeln! Dann wäre hier nichts mehr wiederzuerkennen!“ Es folgte eine Auflistung möglicher Events und Kampagnen, um Langeoog mehr Profil zu geben und neue Zielgruppen zu erschließen — einige davon sogar recht spannend. Dennoch hatte ich den unmittelbaren Impuls, mich mit ausgebreiteten Armen schützend vor mein Langeoog zu stellen und, ihn an Lautstärke noch übertönend, mit Nachdruck „Finger weg!“ zu rufen.
Ich möchte keine umgekrempelte Insel. Ich liebe alles, was hier Bestand hat. Und ich glaube an die Vernunft, an das Gute, und daran, dass beides sich irgendwann durchsetzt, wenn — ja wenn — nur endlich einmal jemand zuhört. Es gibt sie auch im Dorf, die leisen, aber verständigen Töne. Die Intelligenz, die Kreativität, die Nachsicht und Liebenswürdigkeit. Den Respekt und die Augenhöhe; unter Gästen wie Insulanern, unter Arbeitgebenden wie Angestellten. Langeoog ist nicht verloren. Und außerhalb des Dorfes — in meiner geliebten Natur — soll bitteschön alles so bleiben, wie es ist.

Denn es ist schier unglaublich, wie schnell die atemberaubende Dünenlandschaft all dieses würdelose Klein-Klein unter den Menschen vergessen macht. 10 Jahre Auszeichnung als UNESCO-Weltnaturerbe feiert das Niedersächsische Wattenmeer in diesem Jahr und es ist ein Gottesgeschenk, hier leben zu dürfen.
Das Meer empfängt mich mit an diesem Tage mit märchenhaft schöner Brandung, es ist Flut. In der Nacht hatte es gestürmt, nun aber ist der Himmel aufgeklart und die hohen Wellenberge sprühen ihre Wasserjuwelen in den blauen Himmel. Am Horizont ballen sich letzte Regenwolken zu einer Decke, die ausssehen aus wie ein hastig zurückgeschlagenes, hellgraues Federbett.
Und so wie jemand am Morgen energiegeladen die Decke zurückwirft und aus dem Bett springt, fühle ich mich durch den Anblick plötzlich wundersam belebt.

Hier, genau jetzt und vor mir, ist alles, weswegen ich hier bin. Sogar die vielen Menschen verteilen sich dergestalt über den Strand, dass man auch jetzt noch Ruhe findet. Dass man zumindest minutenweise allein ist mit dem Geschrei der Möwen, dem raschelnden Dünengras, dem Wind in den Ohren und dem Flattern der Volants an den Dächern der Strandkörbe.
Die Strandkörbe wiederum stehen noch krumm und schief auf ihren Plätzen, zum Teil hat sie der Sturm fast eingegraben. Einige hat es ganz umgehauen, sodass die bunt gestreifte Kolonie wirkt wie ein Häuflein bezechter Dorffestheimkehrer.
Es sieht lustig aus, und viele Menschen machen lachend Fotos mit den torkelnden Körben. Hier wohnt sie also, die unbeschwerte Urlaubsfreude, denke ich erleichtert, als ich um mich blicke. Ein Pärchen, das ich zufällig dabei ansehe, lächelt sogar und grüßt, obwohl ich die beiden nicht kenne. Ich biete ihnen an, ein Bild zu machen, und sie strahlen wie glückliche Kinder. 
Der Stress im Dorf ist schon vergessen.

Momentaufnahme, Stadtland

Nachem ich den Hühnerhof an der Straßenecke hinter der Klosterausfahrt passiert habe, öffnet sich der Blick über weite Felder. Es ist Herbst. Auf den abgeernteten Schollen staksen Krähen zwischen den goldenen Stoppeln des Korns auf regenfeuchter, tiefbrauner Erde umher. Wie bei uns im Norden die Möwen, sitzen hier Schwärme von Brieftauben zwischen den Krähen auf den Feldern, welche diese als Konkurrenz aber wohl wenig zu schätzen wissen. Jedenfalls gibt es ab und zu Tumult seitens der Krähen, und dann erhebt sich der Taubenschwarm in beeindruckend synchronisiertem Fluge, entweder heimwärts in den Schlag oder um sich an einer anderen Stelle des Feldes niederzulassen.
Tauben gehören zum Ruhrgebiet wie Möwen an der See, auch mein Vater war als junger Mann Schriftführer im Taubenverband, Gelsenkirchen Buer-Erle.

Denn so sehr mein Herz am Norden hängt: Auch das hier ist Heimat. Vor mir ragen die Türme der Ruhr-Universität aus dem Tal, eingebettet in eine baumreiche Hügellandschaft. Die Campus-Universität ist kein architektonisches Highlight, aber ich mag sie, weil sie die einzige Universität ist, die ich schon als Kind kannte und folglich all meine kindlichen Berufsträume von einem Leben als Naturforscher daran knüpfte. Wenn wir im Botanischen Garten mit den Eltern spazieren gingen, bewunderte ich beispielsweise die großen erleuchteten Gewächshäuser, in denen Botaniker oder andere Wissenschaftler in weißen Kitteln an geheimnisvollen Dingen forschten. Die gelben „Zutritt nur für Angehörige der RUB“-Schilder vor den Arealen mit den Gewächshäusern bescherten mir dann meinen persönlichen Schrödermoment: „Ich will da rein!“ ― Das Rütteln am Zaun freilich sparte ich mir.

Studiert habe ich dann letztlich woanders, da die Zusage der RUB erst kam, als ich mich schon nach einer Alternative umgesehen und dort eingeschrieben hatte, aber noch immer ist es auf irgendeine Weise die Universität des Herzens, hässlich hin oder her.

Ich würde den Botanischen Garten gern wiedersehen, denke ich, es ist viel zu lange her. Vermutlich kommt er mir heute winzig und verfallen vor ― man idealisiert ja viel von früher ― aber sehen möchte ich ihn doch. Jetzt allerdings bleibt nur noch eine Stunde bis zum Mittagsgebet, also biege ich lediglich kurz Richtung Stiepel-Dorf zum Getränkemarkt ab, um mir Cola und Limonade zu kaufen, denn man muss es ja mit der Askese nicht übertreiben im Kloster.

Das frühe Aufstehen um 5:30 Uhr fällt mir nicht leicht, aller frommen Bücher, welche den Wert des Nachtgebets loben, zum Trotz. Aber ich halte es durch und mich wach: Durch Spaziergänge, stilles Gebet, Lektüre, Kontemplation. Gelegentliche Ausflüge ins Internet und Soziale Medien finden statt, aber auch meist ein jähes Ende, sofern der erste Fall von Häme und Bösartigkeit in den Kommentarspalten zutage tritt: Dies soll mir die heiligen Tage hier nicht vergiften. Auseinandersetzung bis zu einem gewissen Punkt: Durchaus, aber sobald es nicht mehr um Austausch geht, sondern nur um Rechthaben und Runtermachen, bin ich raus.
Darüber, wie man so etwas besser erträgt, lässt sich dann immerhin gut mit den Patres reden, denn auch die sind durchaus am Puls der Zeit und tragen ein Smartphone in der Brusttasche ihres Ordenskleides mit sich herum, wie ich zu meinem leisen Amusement feststellte ― wenn auch gut verborgen unter dem darübergebundenen Skapulier.

Notgedrungen denke ich hier viel nach über das, was mich im Leben prägte, über das, was speziell in diesem Jahr passierte, und über die Weggabelung, an der ich mich einmal mehr befinde und über die ich mit Gott und Geistlichen zu verhandeln habe.

Es tut gut, mit der Souveränität des Erwachsenseins noch einmal die Orte der Kindheit zu durchstreifen, dabei beruhigend festzustellen, über wie viele Dinge man nun nicht nur physisch erhaben ist und wie vielen man auf wohltuende Weise in mehrfacher Hinsicht entwuchs. Andere wiederum trägt man als Schatz in seinem Herzen, als Heimat im Inneren.

Auf dem Rückweg zum Kloster werfe ich nochmals einen Blick zurück über die Täler und mir wird klar, was ich an dieser Gegend, die bei vielen nur Grausen und Spott hervorruft, wirklich liebe: Dass hier auch in der Stadt jedes Kind weiß, wo das Essen herkommt, weil man jeden Kohlkopf, jede Rübe auf dem Teller irgendwo zwischen den Städten aus den Ackerfurchen hat lugen sehen; weil der Viehdung zwischen Bochum, Essen, Dormund in die Autofenster zieht, weil Pferde neben der Schnellstraße wiehern, weil hier also nicht nur die Städte selbst, sondern auch Stadt- und Dorfleben nahtlos ineinander übergehen. Bis auf den Autolärm ist es still. Ab und zu keckert eine Krähe; die mit Autoreifen beschwerten Planen über den eingebrachten Heuballen in den Höfen der Landwirte machen leiste Flattergeräusche.
Auch auf dem Kreuz der Klosterkirche sitzt eine Krähe. Bald läuten die Glocken zur Sext und Non.

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