Blaue Stunde

Die Blaue Stunde kommt früh dieser Tage. Es ist nicht einmal 16 Uhr, als sich eisblaues Licht über die Insel senkt und allem darauf und darum etwas Unnahbares verleiht. So, als betrachte man die Winterdämmerung wie ein Exponat in einer Glasvitrine. Das schwindende Licht lässt alles verwaschen wirken. Die stattliche Brandung mit ihren meterhoch sprühenden Gischtkämmen, die grauen Wolkenwalzen, die wenigen Menschen. Das Leuchtfeuer von Norderney blakt verloren in die viel zu frühe Dunkelheit.
Am Flutsaum sitzt eine Möwe, die sich mit einem glibberigen Happen abquält. Von allen Richtungen nimmt sie das Gebilde in den Schnabel, längs, quer, versucht zu schlucken, spuckt wieder aus … und letztlich hat sie es geschafft: Das Knäuel aus Plastiknetz und Fischresten rutscht die hungrige Kehle hinab, ich kann die Ausbuchtung im Hals von außen sehen. Das war jetzt dumm, Möwe, denke ich. Vermutlich wirst du daran sterben. Zugleich fühle ich mich schlecht, denn ich hätte die Möwe verscheuchen können, als ich durch den Zoom meiner Kamera sah, mit was sie sich da abplagte. Ich habe es nicht getan, ich hätte ein Möwenleben retten können. Sie wäre doch eh sofort wiedergekommen, versuche ich meine Schuldgefühle zu besänftigen. Sie hätte um jeden Preis versucht, das zu essen. Und wenn nicht das, dann den nächsten Plastikmüll. Trotzdem war es falsch, denke ich, ich hätte sie retten können, und sei es auch nur für die nächsten paar Minuten.
Es wird schon zuviel gestorben in diesem November.

In meinem Lieblingsorden musste einer der Mönche viel zu früh heim zum HERRN, Leukämie, entsetzliche Sache. Und täglich sterben Unzählige an Corona; die vierte Welle ist über das Land gebrochen, so kalt und unbarmherzig wie diese Winterdämmerung. In den asozialen Medien sind binnen weniger Minuten Lachsmileys unter solchen Meldungen, Relativierungen und jede Menge anderer Zerebraldurchfall, dabei kann Merkel nicht einmal mehr alles Schuld sein, weil Merkel in Kürze nach 16 Jahren a.D. ist, noch etwas, was dieses Jahr prägt, und natürlich auch mich. Zweifelsohne bin ich ein Kind der Kohl-Ära, ich wuchs mit Birnenwitzen auf. Als Merkel Kanzlerin wurde, eilte ich gerade durch irgendeinen Münchner U-Bahnhof, eine Boulevard-Zeitung titelte: „Es ist ein Mädchen!“ Der Duden schuf unverzüglich Platz für das Wort „Bundeskanzlerin“, „Kapitänin“ folgte ungefähr zeitgleich. Und mittlerweile gibt es wohl Kinder, die fragen, ob auch ein Mann Bundeskanzlerin werden kann. Es war mitnichten alles schlecht.

Nun aber ist endgültig Schicht am Schacht für unsere Bundesphysikerin, die ich aufgrund ihrer uneitlen Unaufgeregtheit meistens mochte, wenn auch nicht ihre Partei. Auf jeden Fall gibt mir auch dieses Ereignis das Gefühl, dass dieses Jahr nur so an mir vorbeigerast ist — in einem Tempo, wie ich es mir von der Deutschen Bahn so manches Mal gewünscht hätte. Kein außerplanmäßiger Halt nirgends, kein Stillstand auf freier Strecke.

Übermorgen ist der Erste Advent. Ich texte die Freundin an, ob sie mir am Strand entgegenkommen möchte, denn auf einmal möchte ich nicht mehr allein sein unter dieser eisblauen Winterglocke, aus der bald alles Licht abgesogen sein wird. Sie hat gerade Feierabend und heute auch noch kein Tageslicht gesehen; seelisch dürstend strecken wir unsere Gesichter den letzten paar Lux vom Himmel entgegen und atmen noch ein paar Lungenvoll klare Meeresluft. Bald setzt nadelspitzer Eisregen ein.

Ich habe der Freundin ein paar Hausschuhe gekauft und sehe auf diese winzigen grünen Filzschläppchen, als ich meine sandverkrusteten Stiefel daneben ausziehe. Vielleicht ist doch nicht alles nur an mir vorbeigerast dieses Jahr, denke ich. Es gibt da ja doch noch etwas, das sich mit einer wärmenden, aber nie anmaßenden Selbstverständlichkeit in meinem Leben ausgebreitet hat; so wie die Wärme, die sich nun über den eingeschalteten Heizkörper in den klammen Zimmerecken verteilt.
Wir haben nun beide zwei Zuhause auf Langeoog, und das ist für mich ein sehr angenehmes Maß von Nähe, die weder besitzt noch einengt, auf die aber dennoch Verlass ist. Ich wusste nicht, ob wir das schaffen. Oder besser: Ob ich das schaffe. In einem großen Areal meiner Seele werde ich wohl immer ein Einzelgänger sein, aber es tut auch gut, dass die wenigen Gesellschaftsräume meines Herzens nun nicht mehr ganz unbewohnt vor sich hinstauben, mit blinden Spiegeln und fadenscheinigen Tüchern über allem darin. Nun aber, nach fast zwei Jahren, wächst das Vertrauen auf etwas, bei dem man zwangsläufig noch einmal an die scheidende Bundeskanzlerin erinnern muss: „Wir schaffen das.“

Ankommen ist eine schöne Sache. Auf dem Bett steht der Karton mit der Adventsdeko, mit der ich die Ankunft des HERRN in diesem Jahr zelebrieren möchte. Etliches habe ich nicht wiedergefunden, denn was Advents- oder Osterdeko angeht, bin ich ein Eichhörnchen: In dieser Kiste fnde ich es ganz sicher wieder. Dieser Platz ist idiotensicher. Ordentlich weggepackt, steht das Zeug dort den Rest des Jahres nicht im Weg herum. Ja, und dann ist der Advent immer wieder zu schnell da und die Kisten sind weg.
Ich wühle in dem, was noch da ist, und schalte die Lichterkette an. Warmweiße Sterne strahlen, die Batterie hat durchgehalten. Im Regal steht die Krippe, ein sehr geliebtes Geschenk meiner Eltern. Maria, Josef mit der Laterne, das Baby, die Schäfchen. Alle haben treu gewartet, alle haben eine Schicht Staub angesetzt, die ich mit einem Mikrofaserlappen vorsichtig abwische.
Deine Welt, HERR, ist ziemlich kaputt, denke ich, als ich den Stall wieder häuslich herrichte. Der Stern am Dachgiebel fällt zwei Mal herunter, als ich den winzigen Holzpin ins Gebälk zu drücken versuche. Aber dann sitzt er: Das Licht wird kommen.
Draußen ist schwarze Nacht.

Momentaufnahme, Lichtpunkte

Niemand hat die mystische Stimmung im Wattenmeer mit all dem Leben darin wohl schöner beschrieben als Theodor Storm in seinem Gedicht „Meeresstrand“, von dem hier nur zwei Strophen wiedergegeben werden sollen:

„Graues Geflügel huschet
Neben dem Wasser her
Wie Träume liegen die Inseln
Im Nebel auf dem Meer

Ich höre des gärenden Schlammes
Geheimnisvollen Ton
Einsames Vogelrufen —
So war es immer schon.“

(Th. Storm, 1817-1888)

All die geheimnisvollen Laute, das Brodeln, Zischen und Flüstern verwandeln Watt und Salzwiese schon am Tage in eine Wunderwelt — für den, der innehält. Wo anfangs nichts als Stille zu sein scheint; nichts, als endlose Weite von wogendem Gras, Strandnelken und der glänzenden graubraunen Schlickflächen, zeigt sich dem Wandernden schnell die ganze Fülle der Schöpfung.
Wie sehr aber potenziert sich dieses Erleben erst bei Nacht?

Ich war noch nie nachts im Watt, als nicht-lebensmüder Mensch ohne kompetente Begleitung sollte man das auch tunlichst unterlassen, aber bereits ein später Abendspaziergang entlang des alten Sommerdeiches zeigt, was dieses erstaunliche Stück Natur erst im Dunkeln offenbart.

Viele Menschen haben Angst im Dunkeln: Vor allem Kinder, aber auch noch viele Erwachsene. Evolutionär erklärt sich das leicht. Der Mensch sieht im Dunkeln schlecht und ist insbesondere im Schlaf hilflos. Umso mehr schärft die Nacht dann die anderen Sinne, damit man dennoch zügig vor Gefahr gewarnt ist. Und so kommt es, dass einige beim kleinsten Geräusch, das sie tagsüber nicht bedrohlich fänden oder bei einem fremden Geruch, den sie im Hellen nicht einmal wahrnähmen, aufschrecken: Manchmal sogar in Panik.
Hinzu kommen die Geräusche der nachtaktiven Tiere: Der Schrei einer Eule. Das Flügelschlagen umherflitzender Fledermäuse. Und wer jemals einen Fuchs nachts schreien hörte, weiß, was wirklich gruselig ist.
Auch der Wind, der das leichte Holz der Holunderbüsche zum Knarren und Seufzen bringt, kann mitunter unheimlich klingen, ebenso wie der Gardinensaum, den ein Luftzug über den Boden schleift.

Wie beruhigend ist es dann, dass die Nacht auch Phänomene kennt, welche die Dunkelheit erträglicher machen und im Wortsinne Lichtpunkte setzen, die uns Halt und Orientierung geben.
„Der Mond ist aufgegangen / die goldnen Sternlein prangen / am Himmel klar und schön.“ — Wer kennt es nicht, dieses wunderbare Wiegenlied von Matthias Claudius (1740-1815)? Ich erinnere, dass ich als Kind eine Spieluhr hatte, in Form eines Plüschmondes. Sie spielte dieses Lied, und ich liebte sie sehr.

Kultur- und Epochenübergreifend liebten die Menschen Mond und Sterne, teils fürchteten sie diese aber auch: Vor allem den Vollmond, der in den Legenden so allerlei dämonische Kreatur zum Leben erweckte und Menschen in den Wahnsinn trieb. Fast alle Kulturen kannten Mondgottheiten, die sie verehrten: Vor allem für Fruchtbarkeit und gute Ernten, denn in den meisten Sprachräumen ist der Mond weiblich konnotiert. Viele Jahrtausende lang bestimmte der Mondkalender die Zeit.

Auch auf Langeoog kann man sich der Faszination „Vollmond“ kaum entziehen. Oft erscheint er hier sehr hell und riesig, sodass die ganze Landschaft wie in ein Silberbad getaucht wirkt. Bäume und Dünengras werfen ihre nachtblauen Schatten in die Stille, während die Windräder auf dem Festland gegenüber rot in den Himmel blinken.

Der Neumondhimmel auf Langeoog dagegen ist, fern jeder Lichtverschmutzung, tintenschwarz. Umso prächtiger sieht man dann dort die Sterne.
Ich denke an einen Menschen, der mir sehr lieb geworden ist. Sein Gesicht zieren viele kleine Leberflecke. Ich weiß nicht, ob sie ihn stören, aber ich finde diese Flecken schön, denn auch sie erinnern mich an den Sternenhimmel. Sofern ich den Blick von seinen klugen Augen abwenden kann, sehe ich mir gerne jeden einzelnen davon an. Manchmal verbinde ich sie dabei zu imaginären Sternbildern: Von der Nase über seine schmalen Wangen bis zum Ohr und hinab zu den schönen, weich konturierten Lippen. Sogar am unteren Wimpernkranz hat er ein solches Pigmentmal, das einer Träne ähnelt und ihm immer etwas Melancholisches verleiht, obwohl er oft lächelt. Und wenn er lacht, tanzen die Sterne.
Ich sehe ihn vor mir, in seinem Garten neben einem uralten Rosenstock, und denke, dass beide so etwas Schönes, Ewiges und Stilles an sich haben: Der beharrlich blühende Rosenstock, dieser Mann mit seiner sanften Intellektualität — und auch unser Wattenmeer.

„Du bist wie Watt und Salzwiese“ ist wohl nichts, was man sofort als Kompliment einstufen würde, aber bei mir ist es das. Und „Du bist wie der Himmel über dem Watt bei Nacht“ wäre dann wohl die Steigerungsform davon.

 

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