Kleine Welt

„Kleine Welt“ nennen wir es hier in Norddeutschland, wenn Nebel das Land verhüllt und die Fernsicht auf wenige Meter zusammengeschnürt wurde. Im Winter gibt es viele neblige Morgen auf Langeoog, die oft in überraschend klare, strahlende Tage münden. Vom zuweilen enervierenden Tuten des Nebelhorns an der Mole einmal abgesehen, mag ich diese Morgen, an denen sich alles Vertraute nur noch erahnen lässt und sich weiße Bänder dichten Nebels durch einsame Dünentäler weben. Schön ist es, wenn die Sonne, die man anfangs nur in pastellig-verwaschenen Tönen hinter den Wolken erkennt, dann plötzlich hervorbricht und die feuchtglänzende Vegetation vergoldet. Dann vergrößert sich auch die „kleine Welt“ wieder und man kann das vormals verhüllte ganz neu betrachten.

Für manche Menschen hat der Begriff „kleine Welt“ vermutlich auch etwas Klaustrophobisches; zumal in Zeiten der Pandemie. Wenn es nicht mehr um die Frage geht, ob man reisen will, sondern ob man es darf oder ob man es soll. Unter diesem Aspekt ist die Insel aktuell auch ohne Nebel eine kleine Welt, denn verantwortungsbewusste Zweitwohnungsbesitzer kommen zurzeit nicht her — und andere Gäste dürfen es nicht. Es herrscht, von ein paar (erlaubten) Verwandten auf Festtagsbesuch und einsichtsbefreiten BesucherInnen abgesehen, noch immer „Insulaner unner sück“ auf Langeoog — und das sogar an Weihnachten. Normalerweise wäre jetzt Hauptsaison; Hotels und Restaurants würden aus allen Nähten platzen, ebenso wie sämtliche Ferienwohnungen und überhaupt jedes vermietbare Mauseloch.
Ich empfinde glücklicherweise keine Beengung durch die Unmöglichkeit des Reisens, obwohl ich meine Eltern zweifelsohne auch gerne gesehen hätte. Denn ebenso zweifelsohne bin ich durch meinen Erstwohnsitz gesegnet: Angesichts der Weite des menschenleeren Strandes, der See und des sternenübersääten Winterhimmels ist es zumindest mir nahezu unmöglich, mich hier auf irgendeine Weise eingesperrt zu fühlen. Und die ungewohnte Stille hat gerade jetzt, an Weihnachten, eine ganz eigene Magie.

„Ich bin so froh, dass du jetzt jemanden bei dir hast“, sagt meine Mutter am Telefon, und natürlich freut es mich ebenfalls, meine Freundin an den Festtagen bei mir zu haben, die in ihrem eleganten Winterwollkleid wunderschön aussieht.
Aber es wäre nicht schlimm, allein zu sein. Es war all die Jahre für mich nicht schlimm; da war keine menschenförmige Lücke neben mir, die nur danach schrie, mit einem Partner, einer Partnerin besetzt zu werden. Da waren die Heilige Familie und ich, da war das Jesuskind in seiner Krippe, da war der immerwiederkehrende Zauber der Weihnacht. Und, zugegeben, es lauerte in „normalen“ Jahren sowieso immer ein Haufen Arbeit, weil den mein Beruf gerade zu Festzeiten nun einmal mit sich bringt. Wie hätte da Einsamkeit aufkommen können?

Immer wieder denke ich darüber nach, warum es für einige Menschen so ein Tabu ist, an Weihnachten allein zu sein; mitunter an ein Stigma grenzend. Als dürfe man an sämtlichen Tagen im Jahr alleine sein, aber müsse sich doch bitte zumindest an Weihnachten (hinzugenommen: Silvester, Geburtstag) zwingend vergesellschaften, mit wem auch immer. Ich kann dazu nur sagen, dass ich alleine nie einsam war; unter Menschen, mit denen ich mich nicht wohlfühlte, aber sehr. Und in unglücklichen Beziehungen erst Recht.
In diesem Jahr sind vermutlich mehr Menschen an Weihnachten alleine als sonst. Ein lieber Freund ist in Quarantäne; ihn erwischte der Virus pünktlich zum Fest. Wer keine Familie in der Nähe und kein Auto hat, vermeidet ebenso die Reise; allein der öffentlichen Verkehrsmittel wegen. Vielleicht, denke ich, ist das eine der wenigen positiven Begleiterscheinungen der Pandemie: Mehr Leute als sonst werden aus eigener Erfahrung wissen, dass man es überlebt, an Weihnachten alleine zu sein. Und dass es sich durchaus lohnt, auch für sich alleine etwas Feines zu kochen oder sich einfach einmal selbst(!) Zeit zu schenken. Zeit, von der man (ohne die aktuelle Zwangsentschleunigung durch die Pandemie) doch eigentlich immer zu wenig hatte. Freie, unverplante Zeit: Ist das nicht eines der kostbarsten Luxusgüter dieser Tage?
Man kann es sich schön einrichten in seiner kleinen Welt. Und, sobald sich der Nebel gelichtet hat, umso mehr über die Wunder der großen staunen.

Aber ich blende das Leid nicht aus. Es gibt Menschen, die sich jetzt wirklich einsam fühlen. Deren Liebste in Krankenhäusern um ihr Leben ringen oder die bereits gestorben sind. Oder die sich gerne mit anderen Menschen umgeben würden, dies aber aufgrund der Pandemie jetzt nicht können oder einfach, weil sie niemanden haben. Freunde wachsen nicht auf den Bäumen, und es ist nicht immer gerade dann jemand da, wenn man jemanden bräuchte. Oft sind nämlich genau dann gerade alle weg: Ich kenne das. Ich kenne jede Ausprägung von Alleinsein, und ich werde das auch nicht vergessen, nur weil da jetzt wieder jemand ist, der seine kleine Welt an meine anzuknüpfen wagt: Mit einer romantischen Schnittmenge, aber noch immer genügend Freiraum zu beiden Seiten — Anders ginge es für mich auch nicht.

Aber natürlich weiß ich zu würdigen, dass es meine Eltern freut, mich von jemandem geliebt zu wissen, ob nun an Weihnachten oder wann auch immer. Denn irgendwann müssen sie den Staffelstab des Liebens auf dieser Erde ja weiterreichen, das wissen wir alle — leider.
Nicht zuletzt darum wünsche ich mir, obwohl ich die Stille und Reduktion dieser Weihnacht auch sehr zu schätzen weiß, dass sich die kleine Welt in Kürze vielleicht doch wieder ein wenig weitet: Dass man sich sehen kann, wenn es das Herz befiehlt; und nicht nur dann, wenn es gerade erlaubt ist. Die Zeit auf Erden ist begrenzt: Auch das bekommen wir gerade recht deutlich aufs Butterbrot (respektive die Scheibe Christstollen) geschmiert.
Immerhin, denke ich, den Blick auf die Krippe gerichtet, reicht die Pandemie nicht bis in den Himmel.
Deo gratias.

Momentaufnahme, Distanz

Distanz misst man in Kilometern, sagt man. Zur Überbrückung nimmt man ein Auto, einen Zug, ein Flugzeug, ein Schiff, von mir aus auch ein Raumfahrzeug. Jedenfalls: Irgendwann ist man da. Und dann ist die Ferne plötzlich nur noch das, in was man gemeinsam sieht, worin man Pläne macht, auf gemeinsamem Grund stehend, am Strand, auf einem Berg. Die Zukunft im Blick oder zumindest ein Ziel, das Erleben eines Augenblicks, das Gefühl eines Momentes; Irgendetwas, das man teilt, ohne dass man es zuvor zerlegen, sezieren und in Worte rahmen muss, bevor man es auf eine kilometerlange Reise schickt. Man ersehnt den Tag, an dem die geografische Distanz verschwindet, in der man all diese Datenleitungen für ein paar Tage kappen und neu aneinander anknüpfen kann.

„Make ends meet“ heißt es im Englischen. Aber was, wenn man die Enden nicht wiederfindet, die Anknüpfungspunkte? Man mag es erneut versuchen, anders. Vielleicht geht es dann trotzdem weiter, vielleicht sogar besser. Fester. Vielleicht ist man, um bei diesem Bild zu bleiben, aber auch falsch verbunden. War es vielleicht die ganze Zeit. 
The person you are calling ist temporarily not available. Kein Anschluss unter dieser Nummer. 
Und schlimmstenfalls war das Kappen der geografischen Distanz das Kappen des Taus, das zwei Boote im Sog der Meeresströmung aneinanderhielt. Man glaubte, sie schwömmen gemeinsam, ein Verbund, stark und sicher. Nun steckt aber schon im Wort „Überwassereinheit“ nur die Zahl Eins. Eine wie auch immer geartete Verbundenheit macht keine Zweiheit daraus.

Direkte Kommunikation ist ein Ideal, der Mensch gilt nunmal als soziales Wesen. Und wo könnten Worte besser wirken als in Tateinheit mit Blicken, Körpersprache, Gesten: Da, wo man sie unmittelbar dem Gegenüber in Herz und Hände legt, ohne sie in Schriftform zu pressen oder auch nur durch ein Telefonkabel jagen zu müssen?
Aber kann es, andererseits, nicht auch sein, dass auf Papier oder Display platzierte Worte präziser Informationen übertragen, gerade weil sie all diese Hürden nehmen müssen, die vis-a-vis dabei wegfallen? Rutschen beim lebendigen Gegenüberstehen und -sitzen denn die Worte nicht allzu oft ab an der Weichheit eines Körpers, bleiben hängen an einem Blick, fallen zu Boden mit einer unbedarften Geste, tauen und verlieren sich in der Wärme, verheddern sich irgendwo, an einem stoffbezogenen Knopf, den Fransen eines Schals, wiegen sich allzu geborgen in den weichen Schwüngen glänzender Wimpern?

In der Spüle stehen zwei leere Bierflaschen. Davor steht der Mensch und blickt etwas ratlos auf dieses unschuldige Ensemble: Stumme Zeugen viel zu schnell verronnener Zeit. Das Jetzt, das man so lange ersehnte, ist längst wieder Vergangenheit.
 Wäre die Leere in uns doch einmal so messbar wie in diesem Behältnis, denke ich. Gedankenverloren streiche ich über den Flaschenrand, den seine Lippen berührten. Das Herz sucht am Grunde nach Irgendetwas.

Die Nacht wird noch einmal kalt, aber allenthalben reden sie schon vom Frühling. 
Auf der Nordsee treiben Eisschollen. Erstarrter Meeresschaum türmt sich zu abstrakten Gebilden. Es ist der stärkste Frost, den ich bislang auf der Insel erlebte. Beeindruckend und in seiner Lebensfeindlichkeit abschreckend zugleich. Die Sonenuntergänge sind klar, farbenprächtig und schön — für den, der sie sich anschauen kann, einen Hund oder menschlichen Gefährten an der Seite; die Glücklicheren haben beides. Kein Versenden eines Fotos tut Not, keine Notiz daran: Schau mal, wie schön. Man steht einfach gemeinsam, schaut, und es ist schön.
Der Hund schnüffelt derweil an einer im Frost verendeten Bekassine. Gestorben an Erschöpfung, allein.
Die Reise war wohl zu weit.

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Momentaufnahme, Am Schönsten

Hinter dem Fenster zeigt sich schemenhaft ein Gesicht. Ein Hauch bewegt die Gardine, dann huscht ein Schatten durchs Zimmer. Anderswo sieht ein lesender Mensch auf von seinem Buch und späht in die Dunkelheit. Es ist kurz vor Sonnenaufgang.

Die Straßen mögen einsam sein auf der Insel im Januar und vielleicht auch die Menschen. Aber nichts passiert unbesehen; kaum etwas unkommentiert.



Es ist seltsam mit den Menschen, denke ich, als ich vorsichtig einen Fuß nach dem anderen auf das noch tauglatte Pflaster setze, die Blicke von drinnen spürend, obwohl meine Schritte nicht laut sind. Immer sind sie wachsam, alles wollen sie mitbekommen, stets auf der Suche nach Neuem, nach den großen und kleinen Skandälchen des Lebens, manche auch nur auf der Suche nach einer guten Geschichte, die sie beim Tee erzählen können. Manche aus Neugier, manche zum Zeitvertreib, manche aus Klatschsucht. Einige mögen auch aus Vorsicht die Straße beobachten, aus Angst vor Einbrechern, Vandalen und Dieben.
Und doch, denke ich weiter, sperren sie sich oft zugleich gegen das Neue, gegen den Wandel, gegen einen Richtungswechsel der Gedanken oder der tradierten Rollenmuster. Manchen, so scheint es, ist sogar ein tragisches Schicksal lieber als ein ungewisses; eine langweilige Gewohnheit lieber als ein spannendes Abenteuer. Und dennoch ist da dieses Dranbleibenwollen an der Welt, die ewige Suche nach der Nachricht des Tages. Wie geht das zusammen? 


Der Hund scharrt in einem Vorgarten; Rindenmulch fliegt in hohem Bogen auf das Trottoir. Ich kehre den Mulch notdürftig mit dem Fuß zusammen und schiebe ihn zurück in die Rabatte. Hoffentlich hat uns keiner gesehen, murmele ich, und ziehe den Hund weiter zur Kreuzung. Hinter uns ragt der Turm von St. Nikolaus in den Himmel. Auch Gott sieht alles, natürlich.


Der graue Morgenhimmel erbläut. Unschuldig weiße Stratocumuli wachsen wie Stockrosenranken in den Äther, das Meer brandet sanft ans immer gleiche und doch niemals gleich aussehende Ufer. 
Auch der Winter ging sanft um mit der Insel dieses Jahr; unvorstellbar, dass sich vor 39 Jahren während eines schweren Kälteeinbruchs hier der Schnee bis unter die Dachrinnen türmte. Die Insel war damals von der Welt abgeschnitten, und glücklich, wer etwas oder jemanden hatte, der wärmte. 
„Die Entbindungsstationen waren voll neun Monate später“ berichtet schmunzelnd eine Bekannte; auch ihr Sohn ist ein Kind dieses Schneewinters.



Mich wärmt der Gedanke an lieben Besuch. Noch sind die Knospen gerade einmal eine zarte Wölbung unter der Rinde der Sträucher. Wenn er da ist, denke ich, sieht man vielleicht schon etwas Grün. Und wenn er doch nicht kommt?

Es lohnt sich ja immer, das Warten auf den Frühling, versuche ich mich zu trösten: Das Beste hoffend, für das Schlimmste wappnend. 
Es lohnt sich, wiederhole ich im Inneren mit Inbrunst, auch wenn jeder Mensch wohl mit den Jahren lernt, dass es zuweilen zynisch erscheint, das Erblühen und Erstrahlen um einen herum, während man selbst welkt Jahr um Jahr.
Warum nur, hadere ich, ist man physisch zu einem Zeitpunkt am Schönsten, an dem man es meist charakterlich noch nicht ist und das Leben als solches auch nicht?


Im Dorf sehe ich mein Spiegelbild in den Scheiben der geschlossenen Geschäfte und Restaurants; schemenhaft erkennt man die Stühle auf den Tischen, die Renovierungsutensilien neben ausgeräumten Regalen. Die Fassade kann den Blick nicht von der Leere ablenken. 
Die Zeiten sind vorbei, denke ich: Man muss nehmen, was da ist. Man kann nur beten, dass es reicht; das man noch irgendwo genügt. Dass er noch irgendetwas sieht, wo man für ihn am Schönsten ist.
In der Ferne ertönt das Signal der Inselbahn.

Ja, auch dieser Zug fährt ab, resigniere ich. Ein Schwarm Gänse stiebt lautstark aus den Feldern, zurzeit ruhen viele am Bahnübergang, unweit des Andreaskreuzes. Der durchfahrende Zug scheucht sie auf; danach sammeln sie sich erneut, bis der Aufbruch naht zu ihrer Reise.

Sie werden ihm vielleicht entgegen fliegen.

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