Momentaufnahme, Zukunftserinnerung

Nach einigen verhangenen Tagen wurde es endlich wieder schön auf der Insel. Federwolken breiten sich über dem leuchtend blauen Himmel aus wie Engelsflügel. Über dem Kirchturm senkt sich am frühen Abend die Sonne, und es wird nicht mehr lange dauern, bis der Horizont in flammenden Farben erstrahlt.

Es gibt wieder einen Priester auf Langeoog. Der Jesuitenpater ist ein gern gesehener Gast und nicht zum ersten Mal bei uns. Ich schätze seine Predigten, die ebenso intellektuell wie lebensnah sind; mit Sicherheit theologisch fundiert, aber nicht mit der staubigen Erhabenheit reinen Bücherwissens, sondern stets durchzogen von warmen Adern menschlicher Bodenständigkeit. Vor allem mag ich seine Stimme, die tief und rauchig klingt, mit der pointierten Ausdrucksweise eines Berufsredners. Zugegeben: Dieser Pater könnte das Telefonbuch vorlesen und es wäre ein akustisches Fest — umso schöner, dass man ihm aber auch aus anderen Gründen noch gerne zuhört.

Ich bin erleichtert, dass das kirchliche Leben auf Langeoog ausgerechnet mit diesem sympathischen Jesuiten wiederbelebt wird, denn schließlich habe ich auch eine überfällige Beichte nachzuholen. Nach zwei peinlichen Tagen des Sünden-Vorsortierens darf ich endlich den gesammelten Gewissensunrat in seinem Beisein vor Gott kippen. Einmal mehr bewundere ich das Pokerface erfahrener Geistlicher bei der Beichte — es gibt kein Mundwinkelverziehen, keine angehobene Braue. Der Mann hört zu, und erfüllt schließlich seinen Auftrag des Vergebens. Auf Bußwerk verzichtet er, und mir wird klar, dass das, was sich in meinem Herzen nach großer Schuld anfühlte, für einen Priester vermutlich eher noch kleinkalibrig ist. Eventuell waren ihm auch meine Tränen der Scham am Ende Reue genug. Ich weiß es nicht, aber ich bin auch recht froh, dass mir noch genügend Geheimnisse der Sakramente verborgen bleiben. Was ich dagegen weiß, ist: Sie wirken. Und in der Art und Weise, auf die ich diese Wirkung fühle, aber nicht erklären kann, liegt vielleicht auch ihre Heiligkeit.

Die Messen selbst finden noch mit reichlich Abstand, Anmeldung und ohne Gesang statt. Die Kommunion wird auf kleinen Tellerchen gereicht: Jede einzeln. Das bereitstehende Tischchen mit den vielen Tellern erinnert an ein Hotel-Buffet; das weiße Altartuch darauf mindert den Hotel-Eindruck nicht wirklich. 
Aber es ist der Leib Christi, und nach so langer Zeit ohne Eucharistie ist mir fast jede Darreichungsform Recht, solange sie noch halbwegs würdevoll ist. Ich gebe zu: Es hat mir gefehlt. Auch wenn sich die Bistümer und Ordensgemeinschaften unglaublich viel Mühe gaben, die Corona-Durststrecke kreativ zu überbrücken — nichts war wirklich ein Ersatz. Und ich möchte nie wieder so lange ohne priesterlichen Beistand sein.

Vom Balkon aus sehe ich zu, wie sich der Himmel in Pfirsichtönen verfärbt. Die Insel hat sich deutlich gefüllt, aber allmählich kehrt abendliche Ruhe ein. Für Ende Mai ist es noch immer zu kalt, aber der Blütenduft und der Nachtgesang der Vögel lässt mich trotzdem den nahenden Sommer fühlen. Eine gewisse schöne Nostalgie ergreift mich. Ich wühle in meiner Playlist nach Jugendschätzen und grabe das alte Dire-Straits-Album aus. Und obwohl meine Jugend nicht besonders schön war, setzt es auf wundersame Weise sofort gute Gefühle frei. Ich wippe mit den Kopfhörern im Rattansessel und träume mich weit weg:
„I’m going to San Bernardino, ring-a-ding-ding …“

Achja, denke ich, da wäre ich jetzt auch gerne. Die amerikanische Stadt dieses Namens kenne ich zwar nicht, und das zugehörige Lied beschreibt auch nichts Schönes, sondern einen skrupellosen Geschäftsmann, aber an einem Ort, wo man den heiligen Bernhard als Ordensgründer verehrt: Da wäre ich jetzt tatsächlich gern.
Ich sehne mich nach „meinen“ Zisterziensern. Nach dem Frieden im Wald hinter dem Kloster, dem Chorgesang, dem Duft uralter Steine, dem Rascheln langer Chormäntel und dem Anblick von schwarzweiß gewandeten Mönchen, die über den Hof zum Gebet eilen.

Es war ein so schöner Mai in Stiepel, und ein so heilsamer Januar in Heiligenkreuz. Ich weiß nicht, wann ich diese wundervollen Orte wiedersehen kann, aber es tut gut zu wissen, dass es sie überhaupt gibt. Vielmehr: Dass sie teils seit Jahrhunderten bestehen und schon viel mehr überdauert haben als einen Virus.

Doch heute möchte ich an keinen Virus mehr denken. Ich genieße das stille Hereinbrechen der Nacht bei Musik aus vergangenen Tagen und mit all den schönen Erinnerungen, während ich auf die Liebste warte.
Vielleicht können wir hier und jetzt ja auch schöne Erinnerungen für die Zukunft schaffen, denke ich. Stunden und Tage, auf die wir dann irgendwann mit wohltuender Nostalgie und Dankbarkeit zurückblicken — dann, wenn all der Wahnsinn vorbei ist und die Welt ganz neu auf uns wartet.

Momentaufnahme, Übergang

„Damit, dass Strom und Bäche vom Eise befreit sind, ist wohl zu rechnen“ schreibt mir ein Freund aus seinem Osterurlaub; die Postkarte — er schickt immer Postkarten statt E-Mails — zeigt einen alten, ledernen Reisekoffer, aus dem Frühlingsblumen quellen.
Und recht hat er, denn tatsächlich scheint der Winter seit Wochen schon Lichtjahre entfernt zu sein. Es ist das wärmste und sonnigste Osterfest, an das ich mich auf der Insel erinnere, und ich denke nur ungern an das letzte eisige Frühjahr zurück.

Nach emotional wie beruflich anstrengenden Tagen mache ich mich auf zu einem Abendspaziergang ans Meer. Am Strandübergang fotografieren zahlreiche Menschen mit Smartphones den Sonnenuntergang, und ich muss lächelnd an einen brillanten amerikanischen Comic denken, der eine fluchende Sonne zeigt, die sich darüber aufregt, nie mehr unbehelligt ein Nickerchen machen zu dürfen. Zweifelsohne: Hätte ich irgendeinen Apparat dabei, würde ich ebenfalls ein Foto machen.
So aber halte ich den Anblick nur für einen Moment im Herzen fest: Die silbernen, über die Mondlandschaft des Strandes mäandernden Priele, die im Schlick glänzenden Muscheln, Möwen im Gegenlicht, blaue Umrisse großer Frachtschiffe auf Reede, darüber der tiefrote Sonnenball.

Um diese Zeit verändert sich die Insel, insbesondere der Strand, täglich. Mit routiniertem Bienenfleiß werden neue Strandkörbe herangekarrt, Plankenwege verlegt, Spielgeräte installiert. Mit den frisch verlegten Wegen sieht es nun schon aus wie im Sommer, und im Augenwinkel meiner Erinnerung erscheint mir ein Bild vom letzten August. Der Sand war warm unter den Füßen, neben mir ging der Mann, dessen schöne Figur mir im Gedächtnis blieb, mit seinen perfekt sitzenden Polohemden und Chinohosen, die Sandalen in der Hand. Schlanke Finger, Musikerhände. Es war gut, dass er da war, denn sein Besuch machte das vergangene Frühjahr schon etwas weniger kalt. Er ist auch immer noch da, und also besteht kein Grund für Wehmut. Vielleicht sehe ich ihn sogar wieder, irgendwann. „Komm mal zu mir“, sagt er, aber ich weiß nicht, ob er das wirklich meint; seine Stadt suchte ich dennoch auf der Landkarte.

Die Erinnerung an den Sommer tut wohl. Und doch wird auch diesen Sommer die Insel wieder anders sein; es ist ja jetzt schon alles anders: Das neue Hotel, dessen Dachaufbau je nach Perspektive wie ein Zinksarg aussieht, die offenen Baustellen, die mit Steinen zugeschütteten Vorgärten, die pflegeleicht sein sollen, aber aussehen wie Gräber. 
Sogar der schöne Windflüchter, der die Straße zum Strand seit vielen Jahren wie ein Torbogen überspannte, lag die Tage kleingehäckselt neben seinem Stumpf. Er war wohl morsch geworden und stand die letzten Monate schon mit einem Seil ans Haus gebunden, aber schade ist es um ihn doch.
Und so wendet sich, wiewohl ohne Veränderung kein Fortschritt möglich ist, nicht immer alles zum Guten. Auch unter den Menschen auf der Insel liegt zurzeit vieles brach und einige Abgründe offen, in die man lieber nie geblickt hätte.
Wahlen stehen an. Ich betrachte die Muscheln am Strand, wie sie dort liegen, wo sie eben liegen, und denke, dass das im Dorf auch bald wieder wünschenswert wäre: Alle nehmen ihren Platz ein, so gut es eben geht. Einige liegen in Grüppchen, andere einzeln; keiner urteilt. Niemand bringt sich bewusst in Position, niemand drückt einen anderen mutwillig in den Schlick. Einige sind oben, andere unten, und mit der nächsten Welle kann sich das schon wieder ändern. Und zumindest darin, denke ich, ist es mit der Lokalpolitik ja nicht unähnlich: Man muss den Tiden ihren Lauf lassen und sehen, was sie bringen.