Schwarzweiß

Nach einem Telefonat mit einem Freund trete ich auf den Balkon. Mich empfängt eine tiefschwarze, klare Neumondnacht. Ich richte den Blick nach oben: Das Sternenmeer ist gewaltig. Nach und nach identifiziere ich alle mir bekannten Gestirne, die aus Myriaden weiterer strahlen; die trockene Herbstluft verstärkt ihr Funkeln. Das Band der Milchstraße webt sich in die Dunkelheit dieser Zeit wie ein Versprechen. Es werden hellere Zeiten kommen. Es wird Licht.

Ich denke zurück an den Freund. Er war sehr wütend am Telefon; nicht auf mich, dem Herrn sei es gedankt, und der Grund seiner Wut war auch auch nachvollziehbar. Dennoch schmerzte es, ihn so zu erleben, so dermaßen außer sich, und ich wünschte, ich hätte ihn herholen können, um ihn den Himmel zu zeigen. Diesen Himmel.

Wenn man am Tage den Langeooger Himmel betrachtet, kann man gut nachvollziehen, warum die Menschen früher dachten, die Erde sei eine Scheibe: Wolken, deren Unterseite so platt wie das Land wirkt, treiben über endlos weite Landschaft und auch das Meer erstreckt sich, soweit das Auge reicht. In der Nacht aber wird das anders.
Die gewaltige, lackschwarze Kuppel des Langeooger Nachthimmels ist gigantisch; ihr Hineinragen in die Unendlichkeit des Alls nahezu greifbar — und die Winzigkeit der Erdkugel inmitten des Universums ist es auch. Der Anblick des nächtlichen Inselhimmels erdet ebensosehr, wie er die Sehnsucht nach dem Unbekannten nährt: Er ist ein noch immer unbegreifliches Wunder, denn ähnlich viele Geheimnisse wie das All birgt vermutlich nur noch die Tiefsee.
Welche zwischenmenschliche Unappetitlichkeit sollte angesichts solcher Pracht denn nicht irrelevant werden?
Mich beruhigt ein solcher Himmel binnen Sekunden und ich hoffe, dem Freund ginge es auch so.

Mag man sich auf der Insel zu Pandemie-Zeiten auch manchmal eingeschlossen fühlen, so ist es doch der Himmel, der uns immer wieder daran erinnert, miteinander verbunden zu sein, und das meine ich nicht einmal in religiösem Kontext. Die Atmosphäre, die alles auf dieser kleinen rotierenden (präziser: eiernden) Kugel im All am Platz hält, umgibt uns alle gleichermaßen: Die Familie eines anderen lieben Freundes in Neuseeland ebenso wie Menschen in Grönland, die Schildkröten auf Galapagos oder die Möwen auf Langeoog. Wir haben nur das hier. Und wir haben auch nur uns, sofern nicht eines Tages doch noch E.T. vor der Tür steht und sich ein Smartphone ausleihen möchte.

Zugleich frage ich mich, ob einen dieser Gedanke jetzt einsam machen sollte. Denn sympathischer wird mir die Menschheit in diesen überemotionalisierten Zeiten nicht und mehr als einmal verfluchte ich schon den Tag, an dem ich anfing, im Internet Kommentare zu lesen.

Aber es nützt ja nichts. Wir haben nur uns, und so muss man dort Zuflucht suchen, wo man sich noch einigermaßen sicher fühlt vor dem Wahnsinn: In der Kirche, in seinem Zuhause, in der Natur oder einfach in seinen Erinnerungen.

Ich erinnere mich. Ich erinnere mich an die Zeit, als ich dachte, dass ein Wiedersehen mit Freunden im Ausland nur eine Frage von Geld und Urlaubstagen sei. Ich erinnere mich, dass ich ein Wiedersehen für sicher hielt, sobald es die Umstände erlauben. Und nun ist da noch ein Virus; sind da geschlossene oder immer-mal-wieder geschlossene Grenzen; ist da die Gefahr, dass man nach Österreich oder Schweden zwar noch hinein-, aber nicht mehr hinauskommt.

Selbstverständlich sind diese Maßnahmen alle nötig und man reißt sich auch gerne am Riemen, wenn man damit Mitmenschen vor Leid und Tod bewahren kann. Dass das immer leicht fällt, heißt es indes nicht.

Ich krame eines meiner Lieblingsfotos von dem Freund heraus, das ich bei unserem letzten Zusammentreffen machte. Es zeigt ihn nur von hinten, er trägt eine Papiertüte, die zufällig farblich mit seiner Kleidung korrespondiert, und läuft auf eine kleine Kirche zu, deren barocke Zwiebelkuppel über winterkahle Baumwipfel ragt. Ihre Turmfenster sind freundliche, schläfrige Augen.
Das Bild strahlt viel Frieden aus und hat etwas wunderbar Aus-der-Zeit-Gefallenes. Ich erinnere mich gerne an den Tag der Aufnahme; wir hatten die Papiertüte in einem kleinen Kunsthandelsgeschäft bekommen, sie enthielt ein paar schöne Andenken. In der Kirche beteten wir für unsere Familien; auf dem Weg dorthin ließ ich mich unauffällig zurückfallen, damit ich den Freund unbemerkt fotografieren konnte: Gestellte Fotos mag ich nicht.

Ich hatte das Foto damals in Schwarzweiß gesetzt, um das Zeitlose und die Kontraste der Winterlandschaft zu betonen, doch nun hat das Schwarzweiß etwas Bitteres. Ich arbeite ansonsten wenig mit Schwarzweiß; fast alle anderen Schwarzweißfotos in meiner Wohnung stammen aus früheren Jahrzehnten und zeigen Menschen, die nicht mehr leben: Meine Großeltern, einen Urgroßonkel, Schnauzer „Struppi“, den mein Vater als Kind hielt. Ein Foto von 1929 zeigt die Straße vor unserem Berliner Haus. Die heute mächtigen Eichen sind auf dem Bild noch zarte Bäumchen; auf dem Kopfsteinpflaster dampfen Pferdeäpfel. Heute sieht man das Kopfsteinpflaster nur noch durch ein paar Löcher in der schlampig geteerten Asphaltdecke; darauf parken SUV vor klobigen Neubauten, deren Besitzer sich jeden Herbst über die Spuren der fallenden Eicheln im Autolack beklagen. Unser Gründerzeithaus hält dazwischen die Stellung, und ich hoffe, das es dort noch viele Jahrzehnte überdauert: Dinge mit Bestand sind mir Fixsterne in einer sich viel zu schnell drehenden Welt.

Das Foto mit dem Freund und der Kirche ist noch kein Jahr alt, aber nun erinnert mich seine Farbgebung umso deutlicher daran, dass es im Grunde ebenfalls aus einem anderen Zeitalter stammt. Aus der Prä-Pandemie-Ära. Als es noch selbstverständlich war, Freunden zur Begrüßung die Hand zu geben, nachdem man aus einem überfüllten Zug gestiegen war — an der Landesgrenze gänzlich unbehelligt — und froh war, endlich klare, niederösterreichische Winterluft zu atmen. Vorbei.

An einem Haken neben der Tür baumelt ein Mundschutz mit dem Werbeaufdruck des Klosters, das ich damals besuchte. Denn auch vor dessen heiligen Hallen machte der Virus nicht halt.

Der Sternenhimmel hat nichts an Pracht eingebüßt als ich, aus der Gedankenversunkenheit erwacht, das nächste Mal nach oben blicke.

Momentaufnahme, Stillstand

Das Wetter ist nahezu statisch. Seit drei Wochen gibt es kaum eine Änderung. Die Sonne scheint aus einem wolkenlosen, beinahe absurd blauen Himmel. Der Wind ist unspektakulär; an den letzten Regen kann ich mich kaum erinnern. All das bietet eine wundervolle Kulisse für Fotos erwartungsfroher Strandkörbe, niedlicher Jungtiere und roséfarbener Blütenpracht. Die späte Sonne zaubert mit warmgoldenem Glanz den Menschen Jahre aus dem Gesicht, erste Surfer gleiten pittoresk durch silberschimmernde See.
Mir macht der ausbleibende Regen indes ein wenig Sorgen: Lässt nicht schon das erste zartgrüne Kastanienlaub wieder Anzeichen von Schlaffheit erkennen, kaum, dass sich die Blätter entfaltet haben? Färbt sich der Deich mit seinem märchenhaften Gänseblümchenteppich nicht schon langsam braun? Und die Tiere, finden sie genug Süßwasser?
Der Stillstand beim Wetter kann nicht ewig andauern: Die Folgen wären fatal.

Ähnliches gilt für den Corona-bedingten Stillstand des Tourismus auf den Inseln und an den Küstenorten. Erste ernstzunehmende Hilferufe werden laut; auch eigentlich wohlhabende Menschen müssen inzwischen anfangen zu rechnen. In Personalgesprächen werden Existenzen verhandelt; die Behörden ersticken unter Hilfsanträgen. Unnötige Käufe werden vermieden; Fixkosten summiert, Geldreserven geprüft. Dahinter die bange Frage: Wie lange noch? 
Ein Freund, der ansonsten ein leuchtendes Beispiel für Optimismus und kreative Schaffenskraft ist und daher gleich mehrere wirtschaftliche Standbeine unterhält, traut sich als erster aus dem nahen Umfeld, mit einem klaren Wort an die Öffentlichkeit zu gehen: „Wir können nicht mehr“, posted er.
— Es bricht mir das Herz. Schließlich war es genau dieser Freund, der mich über viele Sommer hinweg mit enormer Großzügigkeit bei Kost und Logis bedachte, ebenso wie mit freigiebiger Unterstützung meines eigenen Kunstschaffens. Und nun kann ich nicht viel mehr für ihn tun, als ein paar Dinge im Onlineshop seines Lädchens zu kaufen, so wie ich auch bei anderen Freunden hier und da etwas kaufe, um wenigstens einen Hauch von Not zu mildern, wiewohl auch mein Finanzpolster mehr denn je geradezu fadenscheinig dünn ist. Aber wenn wir als Kleinunternehmer und Künstler nicht genau jetzt zusammen halten — wann dann?

Und immerhin, so denke ich mit einer Art leisen Beschämtseins, geht es bei uns ja nur um die wirtschaftliche Existenz. In Nachbarländern geht es um viel mehr. Dort müssen Ärztinnen und Ärzte entscheiden, wer das letzte Beatmungsgerät bekommt; deutlicher ausgedrückt: Wen sie sterben lassen müssen. Zoos denken über Notschlachtungen nach. Was für ein Gefühl muss es für einen Tierpfleger sein, seinem Elefanten, den er vielleicht seit 30 Jahren pflegt, dem er vielleicht einst eine große Milchflasche ins graue Mäulchen schob, bevor der Elefant zu einem stattlichen Bullen heranwuchs — was für ein Gefühl muss es für einen Pfleger sein, ein letztes Mal in die langbewimperten, weisen Augen dieses Tieres zu sehen, bevor der Tierarzt mit dem Giftpfeil kommt? Um mir die Situation der Entscheidung über ein Menschenleben näher auszumalen, fehlt mir die Kraft. Ich ertrage es nicht. Und weiß doch um die Menschen, die es vielleicht genau in dieser Minute ertragen müssen: Die Schuld. Die Ohnmacht. Die Trauer der Angehörigen. Die Wut. Die Hoffnung der Menschen, deren Angehöriger weiterleben darf.

Es muss weitergehen. Auch in meinem Bekanntenkreis gibt es nun die ersten Infizierten; in Schweden betrauert ein Freund seinen Schwiegervater. Aus dem ersten Infektionsfall in Deutschland — an die Berichterstattung erinnere ich mich, als sei es gestern gewesen — sind mittlerweile 140.000 Fälle geworden. Wenn dieser Text als Buch erscheint, sind wir mit den Zahlen Gottweißwo. Aber hoffentlich noch am Leben.

Die Insel habe ich nun seit zwei Monaten nicht verlassen. Mir macht das nichts aus, denn noch immer sind wir — bin ich — auf Langeoog überaus privilegiert. Die Natur bietet genügend Auslauf, um sogar einen Mindestabstand von einem Kilometer einzuhalten, wo nötig. Die Läden sind zur Genüge bestückt. Ich beziehe noch mein reguläres Gehalt, wenn auch auf mittlerweile dünnem Eis. ich habe eine Wohnung, in der ich mich wohlfühle und einen Menschen bei mir, der mir in all dem Surrealen täglich ein Gefühl von Wirklichkeit zurückgibt; der mich von innen und außen wärmt und mir nahe ist. 
Auch die Kirche ist nach wie vor geöffnet und streckt mir die weit aufgesperrten Türflügel entgegen wie die Arme eines Freundes: porta patet, cor magis.
Diesen Leitspruch der Zisterzienser hat unsere Pfarrbeauftragte auf einem Schild in die Kirche gestellt — Die Tür steht offen, das Herz noch mehr.

Die Erinnerung an diesen Orden wiederum lässt mein Herz aufgehen wie die Blüten der Kirschbäume in den Gärten rund um St.Nikolaus. So weit weg scheint mir die Erinnerung an den tiefen Frieden im Januar, als ich mein Heil zwischen altehrwürdigen Klostermauern fand; nichtsahnend, in was sich die Welt nur wenig später verwandelt haben würde. Inzwischen ist natürlich auch dort der Ausnahmezustand eingetreten, dem man bestmöglichst und mit tiefem Gottvertrauen entgegenwirkt — aber in meiner Erinnerung ist der Anblick schwarzweißer Gewänder, der Widerhall eilender Schritte und flatternder Chormäntel, der Klang der Stiftsglocken und der Geruch nach Kerzen und uralten Steinen noch immer verknüpft mit einem Gefühl von Klarheit, Geborgenheit, Zuversicht und einer ungeahnt reinen Form von Liebe. Und über all dem liegt diese heilende, nährende Form von Stille, die von dem furchteinflößenden, beunruhigenden und gespenstischen Stillstand des Jetzt nicht weiter entfernt sein könnte.

Ich vermisse meine Eltern und meine Freunde. Es macht einen Unterscheid, ob man sich Monate nicht sieht, weil man gerade keine Zeit oder kein Geld hat, aber es theoretisch könnte — oder ob es schlicht unmöglich ist.
Ein noch recht neuer Freund, den ich aber sehr liebgewonnen habe, hängt seit einigen Wochen quarantänebedingt in Niedersachsen fest. Normalerweise wohnt er wesentlich weiter weg. Nun aber könnte ich sogar für einen Tagesausflug bei ihm sein, wenn nicht der Virus zwischen uns stünde, eine angeordnete Kontaktbeschränkung und eine nichtfahrende Bahn und ein nichtfahrender Bus. Alles vernünftige Maßnahmen, zweifelsohne, aber trotzdem fühlt es sich absurd an. Denn nun ist da diese Sehnsucht. Nach Normalität im Allgemeinen, dem Freund im Besonderen, und ich wünschte, ich könnte mit ihm in Teetassen rühren und über die wolligen Schafe am Deich lachen, mir sein Gesicht in Erinnerung rufen und seine Stimme. Natürlich kann man telefonieren, was wir auch tun; man kann über die sozialen Medien Kontakt halten, auch das geschieht. Dennoch ist da die diffuse Angst, dass die Erinnerung an gemeinsam verbrachte Tage, das freundschaftliche Gefühl gar, nach und nach verschwimmt wie ein Aquarell und sein liebes Gesicht mit dem schlemischen Grinsen bald nur noch eine Ahnung im längst entpackten Reiseköfferchen ist. Womöglich, denke ich, ist alles, was irgendwann von ihm bleibt, diese Zeile aus einem alten Roxette-Song: „All I knew / your eyes so velvet blue.“

Auf der Insel gibt es derweil zaghafte Schritte voran. Einige Läden öffnen für ein paar Stunden, erste Restaurants bieten wieder Essen zum Mitnehmen und Abholen an. Man kann Blumen kaufen und Eishörnchen. Die Plankenwege werden am Strand ausgelegt, als wäre das Schiff mit der ersten Fuhre Tagestouristen schon unterwegs zum Hafen. Fröhlichbunte Strandkörbe werden von Inselbewohnenden probegesessen. „Das ist wie Urlaub“, sagt meine Freundin, als wir auf meinem Balkon in der Sonne Kaffee trinken und sie ihr hübsches Gesicht den wärmenden Strahlen entgegenstreckt. Das Vogelkonzert aus dem Nachbarsgarten dröhnt geradezu in die Stille des Morgens. Ja, denke ich: Es tut gut, für einen Moment zu vergessen, dass das hier keineswegs Urlaub ist.
Und so planen wir eine Zukunft, die mehr als ungewiss ist; abends sehe ich mir im Internet eine Modestrecke und schönes Interieur an. Ich weiß nicht, ob ich mich dafür schämen muss, aber ich spüre, dass mir diese Oasen der oberflächlichen Unbekümmertheit gerade jetzt guttun. An Urlaub denken, an schöne Kleidung und neue Ideen für die Wohnung. Daran, dass ich all das vielleicht bald nicht mehr bezahlen kann, denke ich diesmal nicht.

Momentaufnahme, Nähe

Ich habe Langeoogs Straßen schon leer gesehen. Die Geschäfte geschlossen, der Strand eine einzige, gewaltige freie Fläche. Nur ist dann meistens November. Auf den abgetakelten Caféterassen sammelt sich Regen, über den Dünen liegt kalter Winteratem.
Jetzt aber tobt das Leben. Zumindest alles, was nicht-menschlicher Natur ist, denn die Corona-Krise hat die Insel mitten im herrlichsten Frühling erwischt; bei einem Wetter, wo sich Langeoog im Vorjahr schon gebogen hätte vor Tagesausflüglern und Osterferien-Anreisen. Es ist ein bisschen surreal, denn sogar das Traditionscafé, das sonst praktisch immer auf hat — zuweilen als einziges Etablissement neben der Kneipe am Wasserturm — hat nun zu; und die Kneipe natürlich ebenfalls. Und so radele ich durch absolut stille Straßen, gesäumt von einem Narzissenmeer, überschattet von blütenschweren Zweigen und überdacht von einem leuchtenden, königsblauen Himmel. Ein bisschen fühle ich mich wie in einer Filmkulisse kurz vor Drehbeginn: Vermutlich stehen sie noch im Depot, die vielen Kutschen, und die vielen Menschen mit Rollkoffern, Rädern und Bollerwagen warten nur auf das „Und … Bitte!“ der Regisseurin. Aber niemand kommt. Die Insel ist dicht. Etliche Insulaner sind’s vermutlich auch, aber sie saufen zumindest nicht mehr da, wo man sie durch ein Fenster mit dem Kopf auf dem Tresen sehen kann.

Ich gehe der Arbeit nach, die ich auch sonst mache, abzüglich der Veranstaltungsbesuche. Insofern hat sich mein Alltag wenig verändert. Und für gewöhnlich liebe ich ja Stille — warum sonst hätte ich die Stadt verlassen und auf einer Insel leben wollen? Dass auf Langeoog in der Hochsaison teils ein Lärmpegel herrscht wie im Neuköllner Prinzenbad am Samstagnachmittag, hatte ich mir trotz etlicher Urlaube indes nicht vorstellen können. Angesichts des ernsten Hintergrunds mit zu erwartenden dramatischen sozialen und wirtschaftlichen Folgen scheint es ungehörig; dennoch erwische ich mich dabei, diese pittoreske Einsamkeit der Insel zumindest unter ästhetischen und akustischen Aspekten sehr zu genießen.

Die Tiere verlieren zunehmend ihre Scheu. Zwei Fasanenhähne ledern sich mitten auf der Straße um irgendein gefiedertes Weibsbild — ich erwähnte es: Es ist Frühling. Ein Rotkehlchen trinkt aus einer kleinen Pfütze, keinen halben Meter von meinem Fuß entfernt. Ich sehe Arten aus nächster Nähe, die ich noch nie oder zumindest noch nie ohne Fernglas gesehen habe. Rotdrosseln, Wiesenpieper, Steinschmätzer. Die ersten Löffler lassen ihren strahlend weißen Federschopf entlang der Bahngleise im Wind wehen. Die Bahn fährt jetzt nur noch selten; mit überwiegend schweigender Fracht. 
Es herrscht keinerlei Mangel. Die Supermärkte sind reich bestückt, man hatte sich schon auf den Frühlingsansturm vorbereitet. Sogar das weiße Rollengold, um das sich auf dem Kontinent mit einer Brachialgewalt gestritten wird, als hätte die Menschheit nie den Waschlappen erfunden, gibt es in ausreichender Menge. Seife auch.

Aber je näher die Tiere kommen — auch unzählige Zugvögel sind bereits wieder angereist — desto mehr Abstand halten die Menschen. Nicht unbedingt von den Tieren (das wäre gerade in der Brut- und Setzzeit sehr wünschenswert), aber voneinander; der von der Regierung auferlegten Hygieneregeln wegen. Das ist auch gut und vernünftig, aber tatsächlich fällt sogar mir die Umstellung etwas schwer. Zwar gehört es ohnehin nicht zur norddeutschen Mentalität, sich über Gebühr abzubusseln oder Körperkontakt zu suchen; traditionell gibt man sich auf Langeoog sogar grundsätzlich nicht die Hand. Zuneigung wird über verschiedene Betonungen von „Moin“ ausgedrückt, die von „Gott sei mit dir, du schönstes aller Geschöpfe auf diesem zauberhaften Erdenrund“ bis „Verpiss dich, du Arschgeige“ alles bedeuten können. Im Falle des schönen Geschöpfes nickt man als Höchstmaß an Sympathiebekundung noch dazu. Das war’s dann aber auch.

Allerdings gibt es Ausnahmen, die eine gewisse Unbeholfenheit mit sich bringen. Eine von mir sehr geschätzte Bekannte hatte Geburtstag. Ich kaufte ein kleines Geschenk und eine Postkarte; beides plante ich ihr in den Briefkasten zu werfen: Social distancing, you know. Nun kam sie mir aber per Zufall auf der Straße entgegen. Ihre Jacke leuchtete mit den Frühlingsblumen auf meiner Karte und ihrem Lächeln um die Wette; sie zog einen Handwagen mit Kartons hinter sich her. „Ich hab was für dich“ sagte ich, tölpelhaft wie ein Schuljunge, und wedelte mit den Präsenten in ihre Richtung. „Danke“ klang es aus Sicherheitsabstand zurück. Ich hätte ihr die Sachen gerne gegeben, aber da war ja noch was (social distancing, you know), und Handgeben oder Umarmen ging deswegen schon gar nicht — nun also: wohin damit? Und wie gratulieren? Ich warf das Geschenk in meiner Verlegenheit mit Schwung und „Herzlichen Glückwunsch“ in den Bollerwagen, radelte mit einem überforderten „Ich muss dann mal weiter“ zurück und kam mir selten bescheuert vor. An meinem Geburtstag war sie noch als Überraschungsbesuch zum Tee gekommen: Kalendarisch feiern wir im selben Monat. Dieses Jahr tun wir das in Parallelwelten.

Morgen werde ich nach langer Zeit eine liebe Freundin wiedertreffen. Sie war im Urlaub, ich gestresst, und so sahen wir uns lange nicht. Es wird mir absurd vorkommen, sie nicht oder nur mit schlechtem Gewissen zur Begrüßung umarmen zu können. Schließlich wimmeln die Sozialen Medien bereits vor Denunziationsfotos von Menschen, die sich nicht um die Gebote des physischen Abstandhaltens scheren. Ich schere mich zweifelsohne darum; der Ernst der Lage ist mir bewusst. Absurd anfühlen wird es sich trotzdem, wenn das Selbstverständliche — einen lang vermissten Menschen in die Arme zu schließen — plötzlich nicht mehr selbstverständlich sein darf.

Als Person, die leider Gottes einige Erfahrung darin hat, in Liebesdingen nur heimlich verbandelt zu sein, weiß ich allerdings auch, dass es durchaus möglich ist, sich auch ohne Berührungen nah zu sein. Es ist möglich, jemanden nur mit Blicken zu streicheln und all seine Hingabe in ein Lächeln zu packen, wenn der geliebte Mensch nicht offiziell zu einem stehen kann oder will.
Und so müssen wir wohl auch jetzt, in diesen Zeiten notgedrungener Distanz, neue Formen der Nähe finden. Wir müssen unsere Liebe durch eine Telefonleitung jagen, unsere Zuneigung in unsere Texte flechten und die Wärme unserer Hände in unsere Gedanken. Ich bin sicher: Irgendetwas wird auch davon ankommen.

Momentaufnahme, Skellig

Der Hochsommer hält die Insel in glühenden Zangen. Zwei große Bundesländer haben gleichzeitig Schulferien, die Insel biegt sich vor Touristen.
Die Regale der Lebensmittelgeschäfte sind leer, die Restaurants voll. Vor der Bäckerei, den Eiscafés und Fischbuden bilden sich meterlange Schlangen. Wer auf der Insel lebt und kein Privatier ist, ackert bis zum Umfallen. Es ist laut, es ist wuselig, fast nirgends im Dorf oder an den dorfnahen Strandabschnitten finden Augen und Ohr noch Ruhe. Statt einsamem Vogelruf und Brandungsrauschen: Trotzgebrüll, Ehekrach, wildes Fahrradklingeln und dröhnende Lautsprecher.
Nachts findet man der Wärme wegen kaum Schlaf, und morgens geht es sehr früh mit den Aktivitäten der menschlichen Mitbewohner rund. Ich kann nicht behaupten, dass dies meine Lieblingszeit auf Langeoog wäre.

„Ich fühle mich wie ein Strandspielzeug, bei dem man die Luft rausgelassen hat“, klage ich am Morgen einem Freund, und tatsächlich schleppe ich mich reichlich geplättet durch den Tag: Uninspiriert und übermüdet.
Urlaub muss her. Also genehmige ich mir einen halben freien Tag, miete ein Pedelec und mache mich auf ans Ostende.

Schon kurz vor dem Deich zerrt heftiger Gegenwind an mir, was mich für das treue Summen des Hilfsmotors an meinem Rad überaus dankbar sein lässt. Auf diese Weise ist die Fahrt nicht anstrengend; dennoch ist der Wind unangenehm. Ich blende sein ohrenbetäubendes Rasen aus, indem ich mir die Ohren mit Musik verstöpsele. Loreena McKennitt soll mich begleiten, bis die Langeooger Zivilisation außer Sicht- und Hörweite ist. Die zeitlose Melancholie der Melodien und Texte lässt mich von kühlenden Regennächten, taufeuchter, grüner Weite und schattigen Wäldern träumen, von rauen Klippen, tosender See, von Loyalität, Mut und Gottvertrauen.

Many a year was I
Perched out upon the sea
The waves would wash my tears,
The wind my memory

Vor den Schloppseen mache ich Halt. Das Wasser gleißt tintenblau unter einem makellosen Himmel. Der große Schlopp liegt eingebettet in ein wogendes Blüten- und Schilfmeer wie in einem bunt bezogenen Federkissen. Gänse ziehen vorbei, auf dem Absperrdraht am Ufer reihen sich Schwalben wie eine schwarzglänzende Perlenkette.
Unweit davon ruht ein Turmfalke auf einem Pfosten. Einige Menschen sind mit großen Objektiven nah an ihn herangerobbt, aber es beeindruckt den eleganten Vogel nicht. Mit seinen schönen, dunklen Augen blickt er um sich, aufrecht und würdevoll. Gegenüber, in den Salzwiesen, kreisen Austernfischereltern warnend über ihrem Nachwuchs.

I’d hear the ocean breathe
Exhale upon the shore
I knew the tempest’s blood
Its wrath I would endure

Das Lied, das mich derweil in seinen Bann zieht, heißt „Skellig“ wie die Felseninsel vor Irland, die einst ein Kloster beherbergte. Heute wohnen dort nur noch Seevögel, die Mönche sind seit Jahrhunderten fort. Eine liebe Freundin war einst dort, sie zeigte mir Fotos des schwarzglänzenden Gesteins, der Ruinen des Klosterfriedhofs und Bilder der Papageientaucher, die aus dem Dunst über dem Boot auftauchten. Ihre Erzählungen dazu ließen mich die kalte Gischt auf der Haut spüren, den Schiffsdiesel riechen und die eigenartig unmelodischen Schreie der clownesken Alkenvögel hören. Ich spürte die Erschütterungen der Wellen und ihren dumpfen Aufschlag am Bootsrumpf; die Freundin drehte sich zu mir um und lachte, aber in Wirklichkeit saßen wir gar nicht zusammen im Boot vor Skellig, sondern nur auf ihrem Sofa.

And so the years went by
Within my rocky cell
With only a mouse or bird
My friend, I loved them well
Am Vogelwärterhaus wird es Zeit für eine Rast. Die schönen Kiefern hinter dem Haus beschatten die Aussichtsplattform; hinter der Vogelkiekerwand baden Nilgänse, Möwen und etliche Entenarten in einem Tümpel.
Der Ranger ist gerade dabei, sein Büro abzuschließen, ich sitze mit ihm noch eine Weile vorm Haus.
Vor uns liegen Salzwiese und Vogelkolonie, die allgegenwärtigen Schwalben nisten in der Dachkonstruktion über uns und fliegen zwitschernd ein- und aus. „Das erinnert mich an meine Kindheit“, erzählt der Ranger, „aber wer kennt das heute schon noch.“ Ich lächele und nicke.
Der Menschenlärm ist verstummt, auch der Wind hat nachgelassen. Und so plaudern der Ranger und ich noch ein wenig in die Stille des späten Nachmittags; uns gegenseitig darin bestätigend, welch Glück es ist, hier leben zu dürfen.
Vor dem Abschied verrät mir der Naturexperte noch eine Stelle, an der ich auf Sumpfohreulen treffen könnte. Ich bedanke mich und setze meinen Weg fort.
Über dem Rainfarn links und rechts des Weges tanzen winzige blaue Schmetterlinge, Spatzen klammern sich an üppig erblühte Stauden von Schafgarbe, die schweren Blütendolden taumeln im Wind.

Hinter der Meierei finde ich mehrere Möwenkadaver. Vielleicht vom Hund gerissen, vielleicht vom Habicht. Aber auch das ist Natur. Die Wiese leuchtet derweil in ihren schönsten Farben. Auch hier sind die Schwalben, sie begleiten mich in beeindruckender Geschwindigkeit auf meinem Weg. Ich muss an den heiligen Franziskus denken, wie er den Vögeln predigte, denn auch ich könnte das jetzt problemlos tun, weil die gefiederte Gemeinde ja förmlich an meinen Reifen hängt. Indes: Mir fehlt die Heiligkeit, also erfreue ich mich nur leise an meinen kleinen Weggefährten.

Als ich den Osterhook erreiche, herrscht brüllende Hitze. Ich fühle meine Unterarme verbrennen, aber noch ist der Schatten weit. Es herrscht Niedrigwasser, auf den verschlickten Wattflächen sammeln sich Lemikolen, am Strand liegt der Überrest eines angespülten Schleppnetzes. Dass der Mensch auch überall seine Spuren hinterlassen muss, denke ich traurig. Das Nylonnetz wird noch intakt sein, wenn ich längst verwest bin. Und ist es nicht seltsam? — So vieles erschaffen wir für die Ewigkeit. Und gleichzeitig machen wir so viel kaputt. Und das nicht nur in der Natur, sondern auch in uns. Und zwischen uns.
Die Zeitungen waren voll von Abscheulichkeiten in der letzten Zeit, Hass und Elend überall, und nicht einmal die Kirche ist frei davon. Verglichen mit anderen Ländern und früheren Zeiten geht es uns immer noch verdammt gut, das ja — aber manchmal hege ich Zweifel, ob das so bleibt. Wir sollten in nichts zu sicher sein.

In der Wetterhütte am Osterhook sitzen einige erschöpfte Menschen, ich stelle mich dankbar unter das schattenspendende Dach. Spiekeroog liegt nur ein schmales Seegatt von mir entfernt, ich kann die katholische Kirche der Nachbarinsel von hier aus sehen.

Zwischen St. Peter und mir, auf einer Sandbank im Gatt, scharen sich Möwen um ein angespültes Wrackteil. Auf einer weiteren Sandbank haben sich Segler trockenfallen lassen. Ich bleibe, bis die anderen Menschen gegangen sind. Dann bin ich allein. Nichts ist zu hören außer dem Wind, der durchs Schilfrohr streift, den Lauten der Vögel und der See. Durch meine Zehen quillt Sand, die unzähligen kleinen Muschelschalen schmerzen etwas unter den Sohlen, ebenso wie die sonnenverbrannte Haut. Aber es macht mir nichts aus. Denn hier ist sie: meine ersehnte Einsiedelei, meine Kirche, mein Kloster. My little Skellig. Der Heimweg hat Zeit.

O light the candle, John
The daylight’s almost gone
The birds have sung their last
The bells call all to mass
(Liedzeilen entnommen aus: Loreena McKennitt, „Skellig“. Album: „The Book of Secrets“, 1997. ©Quinlan Road)

 

Momentaufnahme, Krone

Der Wetterbericht verspricht einen heißen Tag. Nach einer langen Periode des Regens sind die Menschen ausgehungert nach Sonne, und so birst die Insel bereits ab Mittag unter Myriaden an Tagesgästen, zusätzlich zu all jenen Menschen, die einen längeren Urlaub auf Langeoog verbringen. 
Wiewohl sich das Laub der Bäume bereits herbstlich zu färben beginnt und kaum noch eine Heckenrosenblüte zwischen all den leuchtend roten Hagebutten dem Lauf der Dinge trotzt, so ist es doch spürbar Hochsaison auf der Insel.

An solchen Tagen findet man nur am frühen Morgen Frieden. Nicht so früh, dass einem die letzten bezechten Teenager am Strand entgegentorkeln, aber früh genug, dass sich der Schwall lärmender Schulklassen erst später die Dünenübergänge hinab und auf den Strand ergießt. In diesem kurzen Zeitfenster ist man allein mit der Schöpfung: Mit dem Rauschen der Brandung, dem Gluckern des Wassers in den Prielen, dem Gezänk der Möwen, dem sehnsüchtigen „Tüü-lüü“ der Rotschenkel. 
Irgendwo schlägt ein Hund an; dazu beruhigendes Gemurmel des Besitzers.
Ich lasse den Blick über die Weite schweifen, Baltrum im Morgendunst. Davor ein Frachter.
Es ist ein Königreich. 
Wir sind gekrönt von Gott, hieß es letztens in einer Andacht. Mit unserer Taufe erhielten wir diese Krone, wir mussten sie nicht erarbeiten, nicht erben, nicht mit Kriegen erstreiten, nicht durch Intrigen an uns reißen. Wir waren ihrer würdig, einfach so. Gott traut uns dieses Amt zu, jedem von uns, von Anfang an. 
Das ist ein schönes Bild, denke ich. Aber es bringt auch viel Verantwortung mit sich. Und es birgt Gefahren.

Über diesen Satz nachdenkend, wandere ich den noch menschenleeren Strand entlang. Schlick quillt zwischen meinen nackten Zehen hervor, danach folgt wieder trockener Sand. Ich passiere eine hübsche gestreifte Feder, ein Stück Müll, ein Büschel Algen. Ein Fender, den ein Schiff verloren hat, treibt heimatlos und grau im Priel.
Da, der Müll, denke ich. Passiert nicht genau das, wenn man suggeriert bekommt, man sei die Krone der Schöpfung? Neigt man dadurch nicht zu eben dieser „Nach-uns-die-Sintflut“-Haltung, zu Hochmut und Verschwendungsucht, schmeißt man nicht genau deswegen seinen Abfall in die Botanik, weil man meint, dass das eigene Leben dem von Krebsen, Algen, Möwen überlegen wäre, dass einem der Rest der Schöpfung untertan sei und man folglich darin wüten könne, wie man wolle?
 Aber das ist nicht königlich, denke ich weiter, zumindest nicht in meinem Verständnis von Königlichkeit.
Wir mögen diese Krone tragen, aber wir sollten sie mit Würde tragen, um nicht zu sagen: Mit Demut. Gerade, weil sie uns in solch bedingungslosem Vertrauen geschenkt wurde, und die ganze wunderbare Erde dazu, auf der wir leben und die uns nährt.

Ich bin froh, dass mir dieser Satz erst heute zur Reflektion gegeben wurde, wo ich ihn mit einer gewissen Reife (und einem Maß an Erfahrung im Scheitern) betrachten kann, und nicht etwa in Jahren juveniler Überheblichkeit. Hätte mich früher an der Königlichkeit nicht zuvörderst der Palast geblendet, der Schmuck, die prachtvollen Gewänder? 
Dabei liegt der eigentliche Schatz doch in dem, was man zunächst als Nachteil an einem hohen Amt begreifen könnte: In der Verantwortung, in der Fürsorgepflicht. Es ist keine Bürde, sich mit liebevoller Hingabe um das zu kümmern, was einem von Gott anvertraut wurde — Es ist ein Geschenk.

Erneut schweift mein Blick in die Weite, und ich weiß, dass ich diese Welt liebe, endlich zu lieben gelernt habe, nachdem mir das Leben so lange eine Last war — und ich so weit entfernt von allem: Von der Schöpfung, von mir selbst. 
Ich denke an die Zeit von Taufe und Konfirmation zurück und dass ich damals nicht in der Lage war, die mir angebotene Krone zu erkennen, anzunehmen und zu tragen. Ich hätte mich ihrer auch nicht für würdig befunden. 
Unter dem Flügelschlag eines sich in die Lüfte erhebenden Seevogels sprüht das Wasser wie fallende Juwelen. Das Licht der Morgensonne lässt die zitternde Wasseroberfläche des Priels aufgleißen.

Rührung überkommt mich: Gott, so weiß ich, hat meine Krone all die Jahre für mich aufgehoben. Bis ich ihren Wert erkannt habe und meinen eigenen dazu. 
Aber das tat ich nicht allein. Denn er schickte mir diesen Menschen, der sie mir wiederbeschaffte. Der seine schönen Gewänder raffte und durch den Schlick watete, um sie zu bringen; ohne Furcht, sich auf dem Weg zu mir dreckig zu machen. Der mir die Königlichkeit vorlebte, so, wie ich glaube, dass sie sich unser Schöpfer für uns Menschen gedacht hat: Mit Würde statt Hochmut. Mit der Absicht, Menschen im Glauben zu einen statt zu trennen. Und der mir zeigte, wie Kirche gemeint ist. 
Zitternd streckte ich meine Hände aus: ich würde wieder in die Kirche eintreten und die Krone tragen, und dabei nach bestem Bemühen aufrecht sein in Haltung, Worten und Taten: Denn wie sonst wollte ich verhindern, dass sie erneut herunterfiele?

Um mich herum erstrahlt nun der Morgen am Meer in voller Schönheit. 
Es ist unmöglich, vier Jahre hier zu leben und nicht wieder an Gott zu glauben, denke ich, tagtäglich umgeben von so viel Pracht, wie sie kein Mensch erschaffen könnte. 
Ich weiß nicht, ob ich der Sache dieses Mal gerecht werde, aber ich bin willens, es zu versuchen. Denn dieses Mal, denke ich, weiß ich zumindest eines sicher: Dass ich die uns Menschen als „Untertan“ anvertraute Schöpfung von Herzen liebe. Und dass es keine Schande für einen König ist, zu dienen.

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Momentaufnahme, Vielleicht

Das Wetter ist unschlüssig die Tage.
Am Strand in Schals und Sweatshirts gehüllte Menschen, die untenherum nur Badehosen tragen; in den Strandkörben liegen Wolldecken neben der Sonnenmilch. Im Dorf zerren Windböen an Kleiderbügeln, auf denen maritim gestreifte Urlaubsmode hängt, das metallische Klirren der Bügel mischt sich ins Kampfgeschrei der Möwen auf dem Dachfirst. Der Himmel ist in zwei Streifen zerschnitten: Ein blaues Band markiert den Horizont, darüber ballt sich steingrau das nächste Gewitter, und man weiß nicht, ob der blaue Streifen den grauen trägt oder ob der graue den blauen niederdrückt.
 Dem Monat nach ist es Sommer, aber ich fühle den Herbst.
Am Strandüberweg reift der Sanddorn. Auch die Brombeersträucher tragen erste Früchte, nebenan noch späte Blüten. Im Garten würgt eine große Möwe am Kadaver eines Staren, der in der Choreografie des Schwarmes über den Weiden am Deich nun eine Lücke lässt. Ich betrachte all das mit seltsamer Reglosigkeit. Der Sommer geht, aber wie soll man Abschied nehmen von etwas, das man gar nicht erst hatte?
 Sicher: Es waren mitunter schöne Tage, aber es gab keine Phasen andauernder Sommerhitze, es gab keinen Tag, der warm genug gewesen wäre, dass ich in der Nordsee hätte tauchen können, das Zusammenschlagen der Wellen über mir fühlend, den wirbelnden Sand unter mir, um mich herum nichts als grünblaue Unendlichkeit, das Meer: Meine irdische Ewigkeit.

Ich sehe in den Spiegel. Die Bräune der Sonnenstunden verblasst, die Wimpern dagegen sind nahezu weißgeblichen. Auch hier weiß ich: Der Sommer endet, aber noch ist nicht Herbst. Ich bin der einzige, der mir heute in die Augen schaut; an vielen Tagen ist das so, aber ich kann nicht aus dem Fenster sehen und darauf warten, dass jemand, der mich ansehen mag, dort mit dem Koffer steht, mit seinem Leben — die Insel ist weit, ich muss mir selbst genügen.

„Wir sind im Zenit des Sommers, finde ich, es beginnt gerade zu kippen“, schreibt der Lieblingsmensch, und mir wird angst, dass er uns beide meint und nicht das Wetter. Es gibt Gründe, sich auf den Herbst zu freuen, auch auf den Winter, wenn im Herzen die Hoffnung auf Frühling keimt. Wenn es Pläne gibt, konkrete Dinge, auf die man sich freut, aber man kann seine Träume nicht ewig am Leben halten, irgendwann verliert auch das schönste Bild seine Farben und der Heiligenschein des einst Verehrten ist nur noch ein Lichtglanz auf einer Regenpfütze, dessen Quelle sich kaum noch eruieren lässt.
Fluch und Segen der Ferne. Wieviele Freundschaften wären schon gestorben, mitunter gar nie entstanden ohne das Internet, das uns so schnell Distanz vergessen lässt? Ich erinnere die Brieffreundschaften meiner Jugend, wo man mitunter eine Woche auf Antwort warten musste und nicht, wie heute, oft nur Minuten, aber dafür hatte man dann etwas Greifbares, das man in eine Schachtel legen konnte; man sah am Schriftbild, wie es dem Freund wirklich ging; manchmal waren Tränen auf dem Papier, manchmal lag ein getrockneter Halm darin, von der Wiese, von der er gerade schrieb.
Und heute? Ich denke an die in unzähligen Mails gewachsene Innigkeit, an all den wunderbaren Austausch. Und dass all das vernichtet werden könnte mit zwei Mausklicks: „Möchtest du diese Unterhaltung wirklich löschen?“ — Nein, das möchte ich nicht. 
Aber dann fällt das Netz für ein paar Tage aus, so ist das halt auf einer Insel, und man subsummiert, was eigentlich von ihm bleibt: Zwei Postkarten, zwei Bücher, ein Bild, das man ausdruckte. Immerhin. 
Dennoch frage ich mich, wie lange das halten kann, diese Zweidimensionalität einer Verbindung. Ist sie nicht irgendwann zu groß, die Sehnsucht nach der Stimme zu all den schönen Worten, nach dem Gesicht, das man lesen möchte, zusätzlich zu seinen Mails? Wie nah kann man jemandem kommen, wenn man ihn nicht fühlt, nicht riecht; nicht sieht, wie und wer er ist im Alltag? Natürlich: Alltag kann auch schnell desillusionieren. Aber irgendwann ist sie zu groß, die Diskrepanz zwischen all den Geheimnissen, die man voneinander kennt, und all den Trivialitäten, die man nie teilte. Dieser Mensch, denke ich, weiß um meine Zweifel, meine Scham und Sünden. Es ist so viel von Wert zwischen uns. Aber ich möchte eines Tages einfach nur stumm an seiner Seite gehen, mit ihm Zeit verbringen, beisammen sitzen, am Meer, im Wald. Ich will ihn schweigend verstehen, ihn für einen Moment wenigstens im Arm halten — ihn, der mir so lange Freund ist — wie könnte ich das denn mit einer E-Mail, einem Blatt Papier? Es ist schön, mit ihm über Lyrik zu schreiben und all das Vergeistigte — aber ich möchte ihn eines Tages auch ganz einfach nur fragen, was er zum Frühstück will. Und ich frage mich: Kann eine Freundschaft oder wie auch immer geartete Verbindung zweier Menschen wirklich sein, wenn es kaum oder keine analogen Erinnerungen gibt, die man teilt?

 Es ist besser als nichts, mag man denken, denn man weiß: Hinter seinem Rechner sitzt ja dieser Mensch, er ist warm, er atmet, und nur die Art der Kommunikation ist virtuell, nicht aber seine Seele, nicht sein Vertrauen, nicht die Verbundenheit. Und 900 Kilometer sind nunmal kein Tagesausflug.

Aber es ist schwer, und man hat Angst vor dem Tag, an dem man fühlt: Es kippt, auch wenn man es nicht ausspricht. Sofern man sich nicht wegen irgendeinem Unfug zerstreitet und damit das Ende der Freundschaft ad hoc provoziert wie mit einem Einmarsch auf fremdes Terrain, kann man dann zusehen, wie die Sache langsam ausblutet, die Mails weniger werden, von Besuch keine Rede mehr ist, Vertrauen und Nähe schwinden und man schließlich in den Status von Bekannten wechselt, bis am Ende einer schweigend fort ist oder nur noch Karteileiche auf facebook.

„Sei nicht so weibisch“, schimpfe ich mit mir selbst, während ich mich aus diesem Gedankenkreisel herausreiße, „natürlich meint er das Wetter.“ Diese 30 Ebenen Subtext, das machen Männer doch nicht. Weder als Sender einer Botschaft, noch als deren Empfänger. Oder? Aber, wie eigentlich überall im Leben, bringen einen Stereotype hier nicht weiter.

Vor dem Fenster ist es jetzt wieder blau. Man muss vertrauen, sage ich mir: Darauf, dass es wieder wärmer wird, und sei es erst im nächsten Sommer. Darauf, dass auf einen grau verhangenen Morgen immer noch ein strahlender Tag folgen kann.
Über dem Deich formatiert sich der reduzierte Starenschwarm und verdunkelt mit atemberaubenden, flirrenden Sausen für einen Moment den Himmel. Die Vögel ziehen weiter, aber die meisten von ihnen kommen zurück. Und so sorgt zumindest dieser Abschied nur für ein kurzes, wehmütiges Ziehen im Herzen, das spätestens mit dem Frühjahr vergessen sein wird.
Vertrauen und Loslassen, denke ich, gehören wohl untrennbar zueinander, vermutlich bedingen sie einander sogar. Die Zugvögel finden ihren Weg, solange man sie nicht einsperrt. Sie mögen unterwegs rasten, Halt machen anderswo. Aber irgendwann sind sie wieder hier, das funktioniert seit Jahrmillionen. 
Natürlich sind Menschen keine Zugvögel, und unsere Wege kennt nur Gott, ebenso wie die Irrpfade und Sackgassen auf denen wir wandeln und uns zuweilen verrennen. Manchmal müssen wir alleine durch, manchmal bekommen wir liebe Begleiter, und sei es nur für ein Stück des Weges. Es ist wichtig, dass der bange Blick in eine Zukunft, die wir nicht kennen, nicht den Wert des Jetzt schmälert. 

Es wird kälter, sagt der Wetterbericht, während ich das Display meines Mobiltelefons vor den plötzlich hervorgebrochenen Sonnenstrahlen abschirme. Auf dem Dünenfriedhof hat jemand die Glocke geschlagen.

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