Frühlingshauch

Schon am Morgen ist die Insel von einem prächtigen Blau überwölbt. Ein klarer, sonniger Tag steht bevor, und es ist so mild, dass ich endlich wieder meinen geliebten Übergangsmantel anziehen kann anstelle der voluminösen Winterdaunen. In der Straße nebenan turnen Schwanzmeisen an herabhängenden Erlenzweigen; erste Kätzchen stehen kurz vor der Blüte. Und auch das Jelängerjelieber, das sich durch nahezu sämtlichen Dünenbewuchs und viele Hecken der Insel rankt, reckt erste hellgrüne Blätter und zahlreiche Knospen in die Sonne.

Über den Wiesen und Weiden treiben jetzt kleine Quellwolken im Blau. Die Wintersonne hat links und rechts blasse Nebensonnen ausgebildet; eine Folge der Eiskristalle in der Luft. Ich weiß, dass es in Kürze wieder Schneien wird, aber noch erscheint das vollkommen unwirklich. Denn es liegt bereits eine Menge Frühling in der Luft.
Auf der Weide tummeln sich eine Menge taubengroßer Vögel, und obwohl sie von Weitem noch nicht genau zu erkennen sind, lässt ihr charakteristisches, akrobatisches Flugbild keinen Zweifel: Die Kiebitze sind wieder da. Dutzende; wenn nicht gar über Hundert der hübschen Häubchenträger. Sie plantschen in den Tauwasserseen, die sich nach dem letzten Schneefall in den Ackermulden gesammelt haben und durchforsten das saftige Grün nach Insekten.
Ich sehe ihnen eine Weile fasziniert zu; nur selten muss ich dabei anderen Menschen Platz machen. Ich denke an den letzten Frühling; das erste vollkommen stille Osterfest im Lockdown und die soeben erblühte Liebe, die nun auch schon ein Jahr währt. Und nun steht der nächste Frühling unmissverständlich vor der Tür. Zugleich ist mir klar, dass ein Frühling im Januar nicht mehr sein kann als eine schöne Vorahnung, oder vielmehr: Eine Erinnerung. Daran, dass jeder Winter endlich ist. Und jede Dunkelheit und Kälte auch.
Ich sehe mich an dem leuchtenden Blau des Himmels, den Kiebitzen, den friedlich grasenden Rindern und den Schwärmen von Grau- und Weißwangengänsen noch eine Weile satt; dann fahre ich heim und warte auf den Schnee.

Der Schnee kommt nicht sanft. Ich erwache davon, dass grober Eisregen hart gegen die Fensterscheiben klatscht und Sturmböen am Haus rütteln. Erst ganz allmählich werden die Laute sanfter. Ich habe mich noch nicht überwunden, aus dem Fenster zu sehen, aber dem Geräusch nach sind es jetzt wohl nur noch große Schneeflocken, die der Wind an die Fenster treibt. Letztlich öffne ich doch die Vorhänge: Der kräftige Südostwind schickt gerade eine große Ladung Schnee vom Dach gegenüber direkt auf meinen Balkon. Wäre die Tür geöffnet gewesen, hatte ich die Schneewehe wohl voll ins Gesicht bekommen. Eine Amsel macht sich über das am Vortag ausgelegte Fettfutter her. Sie ist so hungrig, dass sie sich weder von mir noch von den Windböen beim Fressen stören lässt. Einige Handwerker kämpfen sich fluchend mit Rädern, Anhängern und Handkarren durch die ansonsten einsamen Straßen. In der Nähe meiner Wohnung kratzt eine Schneeschaufel gegen den ununterbrochenen Schneefall an. Eine Sisyphosarbeit.

„Raus!“ sage ich mir irgenwann mit aller Vehemenz, „Raus!“ Denn auch ich muss arbeiten. Die Fotos für den Wetterbericht müssen gemacht werden; das ist nicht delegierbar. Und in zwei Stunden würde es wieder dunkel. Ich steige in die Thermounterwäsche, in Jeans, Pullover, Mütze und Handschuhe; in dicke Socken und Trekkingschuhe, dazu den Kunstdaunenmantel, in den ich die Kamera einknöpfe wie einen Säugling.
Der Schnee vor meinem Haus ist noch vollkommen jungfräulich, obwohl es bereits auf zwei Uhr zugeht. Die Zweitwohnungsbesitzenden, die trotz aller Warnungen der Bundesregierung in den letzten Wochen noch im Haus gewesen waren, sind offenkundig doch wieder abgereist. Die ersten Fußspuren, die sich an diesem Tag in den Schnee vorm Haus graben, sind meine.

Mich führt der Weg zum Dünenfriedhof. Tief verschneit habe ich den Friedhof noch nie betreten, aber heute zieht es mich vor Allem wegen der Nadelbäume hin. Es gibt für mich kaum etwas Schöneres als den Anblick und den Geruch schneebedeckter Kiefern und Tannen. Das Gräberfeld liegt ruhig und weit unter der weißen Decke, und mir fällt plötzlich das Gedicht Kurt Tucholskys über den wunderschönen jüdischen Friedhof in Weißensee ein:

„ (…) Es tickt die Uhr. Dein Grab hat Zeit,
drei Meter lang, ein Meter breit.
Du siehst noch drei, vier fremde Städte,
du siehst noch eine nackte Grete,
noch zwanzig–, dreißigmal den Schnee –
Und dann:
Feld P.“

So ist das Leben. Es hat nichts Beängstigendes in diesem Augenblick, daran zu denken, dass die Male, die ich noch den Schnee sehen kann, von Gott längst abgezählt sind. Aber es ist mir Mahnung, den Anblick zu würdigen. Wie auch den ganzen Winter, der gerade erst Anlauf nimmt.
Manchmal plagt mich fast ein schlechtes Gewissen, wie gut ich bisher durch diese Pandemie gekommen bin. Keine gravierenden Sorgen, und alle, die ich liebe, sind gesund. Nicht einmal die heilige Eucharistie ist mir verwehrt, denn in unserer winzigen Kirchengemeinde dürfen weiter Messen stattfinden, wenn auch unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen. Der Kurpriester ist ein sympathischer Prämonstratensermönch; eine natürliche Demut und Würde ausstrahlend, die man nicht einstudieren kann. Sein Ordensgewand ist weiß wie der Schnee.

Auch das Ruhen des Tourismus auf der Insel macht mir nichts, im Gegenteil. Es ist schön, ab und zu wieder ganz alleine unterwegs zu sein: Mit den Vögeln, dem Wind und dem Knirschen der weißen Pracht unter den Schuhen. Von Ferne dringt Kinderlachen an mein Ohr: Langeooger Familien, die jetzt Zeit haben, mit ihren Kleinen auf den Hängen hinter der Wohnsiedlung zu rodeln, anstatt gestresst von A nach B zu hetzen. Wenn man von den wirtschaftlichen Aspekten absieht — die zweifelsohne für viele Menschen eine Katastrophe bedeuten — hat der Virus-induzierte Stillstand durchaus auch Gutes.
Und es liegt ja nicht nur die Hoffnung auf Frühling in der Luft: Die ersten Impfungen auf der Insel sind erfolgt; schon bald werden die Neuansteckungszahlen sinken. Auch die Pandemie wird zur Ruhe kommen, da bin ich zuversichtlich. Wir müssen nur warten. Und unseren Beitrag leisten.

Auf den Wetterseiten, die ich für meinen eigenen Wetterbericht sichte, finde ich historische Daten über den Winter 1942. Mein Vater wurde in diesem Jahr geboren; die Temperaturen fielen im Januar dieses Jahres fast im ganzen Land auf -30°C; auch in Gelsenkirchen, seiner Geburtsstadt. 1942 war Krieg; die Menschen mitunter ausgebombt, an der Front oder im KZ. Dazu diese grässliche Kälte. Lebensmittelknappheit obendrein, viele hungerten. Was könnte man -30°C da schon entgegensetzen? In diesen Winter wurde mein Vater geboren. Und heute, im Januar 2021, fühlen sich Menschen von einem Stück Stoff vor Mund und Nase an Leib und Leben bedroht. Manchmal würde schon ein kurzer Blick in die Gechichtsbücher helfen, um sein Weltbild zurechtzurücken. Oder auch nur ein Blick in historische Wetterdaten.
Auf Langeoog wird es am Wochenende maximal -4°C kalt. Die Sonne wird ganztags scheinen; in Europa ist Frieden.

Frieden

Es ist der erste Tag nach der Abwahl von Donald Trump und die erste Woche des zweiten Lockdowns. Die Insel leert sich; seit dem 2. November dürfen keine Touristen mehr kommen, nur noch Kurgäste und Menschen mit Zweitwohnsitz sind da und mischen sich unter die saisonerschöpften LangeoogerInnen.
Die USA haben den zweiten katholischen Präsidenten und die erste Vizepräsidentin in ihrer Geschichte, und ich mag die Vielfalt, die dieses interessante Gespann verkörpert. Vor allem mag ich die Hoffnung auf Frieden, die beide mit sich bringen. Die Hoffnung auf neue Einheit oder zumindest eine zivilisierte Debattenkultur — statt Spaltung, Niedertracht und Mobbing. Die Hoffnung auf die Re-Etablierung eines Wertesystems, mit dem ich etwas anfangen kann. Wie sonst sollte man seinen Mitmenschen, seinen Kindern noch vermitteln können, dass es nicht nur altruistisch ist, sondern einem auch selber nützt, wenn man die Welt nicht mit Hass vergiftet, sondern sich um Wahrheit, Fairness und Anstand bemüht? Und dass es von Größe zeugt, wenn man lernt, im schlimmsten Misserfolg noch Würde zu wahren und im größten Triumph noch Demut.
Denn leider ist Donald Trump zumindest unter dem Aspekt „schlechtes Vorbild“ weitaus mehr als ein Psychopath mit einer beschissenen Frisur, dem Wortschatz eines trotzenden Dreijährigen, fehlenden Umgangsformen und grottig sitzenden Anzügen: Er ist gefährlich — bzw. er war es. Und es tut so unendlich gut, jetzt in der Vergangenheitsform von diesem vier Jahre währenden Albtraum sprechen zu können.

Es war schön, an diesem Morgen aufzuwachen. In einer Welt, in der man den amerikanischen Präsidenten wieder ernst nehmen konnte und die USA von meiner persönlichen Reiseland-Boykottliste wieder gestrichen wurden. Es war schön, die Welt langsam, aber sicher heilen zu sehen.
Die Freundin lag neben mir; die sanftgelbe Wintersonne schickte ihr Licht durch die frisch gewaschen weißen Vorhänge. Auch die Straße sah frisch gewaschen aus: Im Morgentau waren noch deutlich die Reifenspuren früher Radler erkennbar, auf den Balkonblumen glitzerte es. Und vor uns glitzerte eine Zukunft, vor der wir nun weniger Angst hatten.
Der Friede auf Langeoogs leeren Straßen passte dabei wunderbar ins Bild, selbst wenn dieser durch den Lockdown gewissermaßen erzwungen worden war. Aber auch dieser Friede tat mir nach den übervollen Tagen der Herbstferienzeit einfach nur gut.

In den Zweigen zwitscherten Rotkehlchen, als wir zu einem Spaziergang ans Meer aufbrachen. Jetzt, wo nicht mehr allgegenwärtiges Gewusel, Geklingel und Geschrei aus den Häusern und von den Straßen drang, trauten sich die Vögel wieder hervor und hüpften ohne Scheu vor uns herum. Sogar ein kleiner Zaunkönig ließ sich blicken. Ein winziger, kugeliger Regent in seinem Vorgarten-Reich; mit wippendem Schwanz auf einem Baumstumpf thronend.
Das Meer leuchtete in einem Babyblau, als hätte es ebenfalls zu ganz neuer Unschuld gefunden. Noch zeichnete die Sonne alles weich, aber schon bald gewannen die wärmenden Strahlen an Kraft und verliehen den Dingen Kontur. Es war wirklich wahr: Ein neuer Tag lag vor uns. Und vielleicht auch eine neue, bessere Welt.

Ich ging zur Kirche. Der Kurpriester, ein überaus sympathischer Mensch mit einer gütigen, warmherzigen Ausstrahlung, predigte über das Erkennen des richtigen Zeitpunkts. Wann war es Zeit für eine Veränderung, wann für einen Kurswechsel, wann für ein Aufstehen und Eintreten für das, woran man glaubt und für das, was einem heilig ist?
Natürlich blieb er dabei nah am Lebensweg Jesu und vermied es, politisch zu werden, aber ich zog dennoch für mich Parallelen.
Der Zeitpunkt für die weltpolitische Kursänderung hätte nicht später kommen dürfen. Es musste ein Zeichen gesetzt werden: Mit so einem Charakter? — Bis hier und nicht weiter. Es ist beruhigend, dass viele wahlberechtigte US-AmerikanerInnen genau so gedacht haben müssen.
Aber natürlich ist eine Entscheidung für etwas auch immer eine Entscheidung gegen etwas. Für mich hieß das, mich endgültig von den letzten Trump-Fans im Bekanntenkreis zu verabschieden. Oder von solchen verabschiedet zu werden — es ist beides kein Verlust. Vielmehr bringt es mir ein Gefühl der Befreiung: Auch das stimmt friedlich.

Frieden ist eine schöne Sache. Ich bade mein Herz in all dieser schönen Hoffnung; ebenso wie in dieser noch immer erstaunlichen Liebe, die mir von dem Menschen an meiner Seite entgegengebracht wird. Denn auch die Freundin ist für mich zu einem Stück Frieden in der oft so lauten, kalten, unübersichtlichen und unverständlichen Welt geworden. Tatsächlich fühle ich mich heute umgeben von lauter kleinen Wundern — es ist ein magischer Tag; ein glücklicher Tag. Vor dem Fenster vergoldet die Sonne die restlichen Herbstfarben auf der Insel, und es wäre leicht, zu vergessen, dass dort draußen noch so viel anderer Unfriede tobt. Zum einen politisch betrachtet; zum anderen durch die Pandemie, welche nun auch unseren kleinen Landkreis fest im Griff hat. Und doch möchte ich all das nun einfach für einen Moment vergessen. Für einen kurzen, glücklichen und magischen Moment des Friedens.
Am Ende der Straße sehe ich die Frau, die aus irgendeinem Grunde nicht mehr von meiner Seite zu weichen plant, auf das Haus zumarschieren. Ihre Haare leuchten im späten Sonnenlicht wie frisch polierte Kastanien. Ich sehe, dass sie lächelt.

Momentaufnahme, Besitz

Es ist eine der Nächte, in denen die Natur dem Menschen zeigt, dass sie ihm überlegen ist. Und zwar immer.
Der erste Herbststurm hat die Insel erfasst, obwohl es bis zum meteorologischen Herbstanfang noch ein paar Tage hin ist. Den ganzen Tag lang peitschten Wind und Regen durch die Straßen; das Wasser sammelte sich in zitternden Pfützen vom Ausmaß mittlerer Gartenteiche.
Und nun ist die Nacht hereingebrochen. Angesichts des Tobens, Donnern und Heulens der Naturgewalten vor der Tür sollte man eigentlich nicht mehr das Haus verlassen, aber ich wollte der Freundin den Weg zu mir nicht zumuten — also wage ich mich noch kurz vor Mitternacht hinaus.

Die Dunkelheit verschluckt alles. Zwar habe ich eine Taschenlampe bei mir, aber deren winziger Lichtkegel dient eher dazu, dass mich andere Leute sehen; weniger dazu, dass ich etwas sehe. Auch der Mond nützt mir heute nichts, denn er hängt als schmutziggelbe, schiefe und schmale Sichel zwischen den dunklen Wolkenbergen. Der Wind ist brutal, und ich muss genau gegen ihn anmarschieren. Die Brille wird mir ins Gesicht gedrückt, Tränen laufen, ich komme kaum vorwärts; auch das Luftholen fällt schwer. Dazu das Toben und Brausen in meinen Ohren. Bäume und Sträucher entlang des Weges — sonst vertraut und von pittoresker Harmlosigkeit — umringen mich als bedrohliche, tiefschwarze Gestalten; der Wind lässt die Schatten ihrer Zweige wie Tentakel nach allem fingern, was sich nähert. Obwohl ich sonst die Nächte liebe, wird mir jetzt unheimlich zumute, und ich reiße mir trotz des Regens Kapuze und Mütze vom Kopf, um wenigstens noch irgendetwas hören zu können außer dem Sturm und dem flatternden Stoff an meinen Ohren. Mir wird bewusst, wie hilflos der Mensch wird, wenn man ihm auch nur zwei seiner Sinne zur Orientierung raubt; hier: Das Sehen und Hören. Der Weg zum Haus meiner Freundin erscheint mir ewig, obwohl es unter normalen Wetterbedingungen kaum 5 Minuten zu Fuß sind. Als ich mich gegen die Böen stemme und dabei immer wieder zur Seite und rückwärts gedrückt werde,  bin ich doppelt froh, sie nicht hinausgejagt zu haben bei diesem Wetter, und es beruhigt mich, ihre Fenster von Weitem schon friedlich leuchten zu sehen. Sie sitzt mit einem Buch bei Kerzenlicht und Tee, als ich atemlos hineinpoltere, nach gefühlter Endlosexpedition durch unwirtlichste Welten.

Am nächsten Morgen ist der Spätsommer in aller Pracht zurück. Nur noch ein paar abgerissene Zweige und Pfützenreste erinnern an den Tumult der Nacht; den leuchtend blauen Himmel zieren persilweiße Schönwetterwölkchen. Auch der Wind ist nur noch ein Lüftchen.
Die Freundin ist längst bei der Arbeit, und ich nutze den noch stillen Morgen für einen Ausflug zum Strand. Die Luft ist von herrlich-kühler Frische; Wolken spiegeln sich im Flutsaum, in dem unbeweglich Möwen dösen. Im Priel liegt ein Ast. Drumherum ist absolut nichts. Nicht einmal die See ist noch nennenswert aufgewühlt; sie legt ihre Wellen mit beruhigendem Rauschen ans Ufer. Ich setze mich auf eine verwaiste Schaukel und freue mich über das Wiedersehen mit einer fast verloren geglaubten Liebe. Denn das hier, denke ich, ist das Langeoog, für das ich herzog. Das ist die Insel, in der ich mich spiegele wie der Himmel im Priel, und wo mein Herz sich täglich freischwimmt. Das überlaufene, laute Langeoog des Hochsommers dagegen wird mir zunehmend fremd.

In irgendwelchen Langeoog-Fan-Foren schreiben euphorische Urlaubende oft von „ihrer“ Insel: Unser Langeoog, unser Strand, unser Meer. „Bald bin ich wieder auf meiner Insel.“
Nicht immer behagt mir der Gebrauch dieser Possessivpronomina, weil unter kritischer Betrachtung auch etwas Kolonialistisches dabei mitschwingt, und ich selbst spreche eigentlich nie von „mein“ Langeoog, obwohl ich hier dauerhaft lebe. Aber die Insel gehört mir nicht; auch nicht den Ur-Insulanern, die hier geboren wurden; nicht der Wittmunder Kreisverwaltung, nicht dem Land Niedersachsen, Frau Dr. Merkel oder sonst irgendwem. Langeoog gehört Gott, oder maximal sich selbst, und wir haben lediglich die Gnade, hier wohnen und das Eiland bewirtschaften zu dürfen; für immer oder auf Zeit. Und dass uns die Insel nicht gehört, zeigt uns jede Sturmflut, jeder Orkan und überhaupt jede Naturgewalt, die uns mit Leichtigkeit von diesem Fleckchen Erde kegeln könnte.
Angesichts des galoppierenden Größenwahns in der Gesellschaft (im Großen wie im Kleinen) finde ich es im Übrigen auch nicht verkehrt, ab und zu mal wieder an die eigene Winzigkeit unter dem Himmelzelt erinnert zu werden.

Aber auch wenn ich den Ausdruck nicht mag, so frage ich mich, auf der Schaukel sitzend, jetzt doch: Was ist eigentlich „mein“ Langeoog?
Die permanenten Spannungskopfschmerzen der wuseligen Hochsaisontage verfliegen, als ich meinen Blick über die unberührte, blaue Weite schweifen lasse. Es sind nur wenige Menschen unterwegs; viele allein, einige Paare. Die lärmenden Gruppen sind fort, kein Menschenlaut übertönt mehr die Brandung und das Rufen der Seevögel; die wenigen leisen Gespräche der anderen verweben sich mit der Musik der Natur zu einem harmonischen Grundrauschen.
Es ist kühl genug, um wieder meine geliebten Stricksachen tragen zu können, aber nicht so kalt, das man unterwegs friert. Und nachts kann man sich wieder ein Nest aus kuscheligen Daunendecken bauen; bezogen mit duftendem Leinen oder weichem Flanell, anstatt unter irgendeinem dünnen Laken zu schwitzen. Zum Einschlafen prasselt sanfter Spätsommerregen ans Fenster und morgens weht ein kühler, salziger Duft nach Herbst vom Meer hinein, während Spatzen in Pfützen baden und Finken in fröhlichen Scharen aus den Erlen stieben. Aus den Dünentälern, die jetzt das leuchtende Rotorange von Vogelbeeren und Hagebutten ziert, das satte Grün der Moose und das tiefe Violett der Krähenbeeren, steigt Nebel. Die zunehmenden Temperaturunterschiede zwischen den einzelnen Luftschichten zaubern beeindruckende Quellwolkengebirge; und schon bald badet die Sonne, die jetzt noch wärmt, aber nicht mehr verbrennt, die ganze Landschaft in Gold.

Und das, denke ich, ist dann wohl meine Antwort. Diese friedlichen Spätsommer- und frühen Herbsttage, wenn der Massentorismus ein Ende nimmt und die Natur sich wieder auf ihren berechtigten Thron setzt; wenn man am Strand allein sein kann und wieder eins wird mit der Insel, mit all ihren Gerüchen, Farben und Wundern: Diese Tage zeigen wohl am ehesten „mein“ Langeoog. Ein Langeoog, das ich aber trotzdem nie besitzen möchte, weil es — wie auch wir Menschen — in Freiheit, mit dem nötigen Respekt und aus gesunder Distanz betrachtet — noch immer am Schönsten ist.

Momentaufnahme, Stillstand

Das Wetter ist nahezu statisch. Seit drei Wochen gibt es kaum eine Änderung. Die Sonne scheint aus einem wolkenlosen, beinahe absurd blauen Himmel. Der Wind ist unspektakulär; an den letzten Regen kann ich mich kaum erinnern. All das bietet eine wundervolle Kulisse für Fotos erwartungsfroher Strandkörbe, niedlicher Jungtiere und roséfarbener Blütenpracht. Die späte Sonne zaubert mit warmgoldenem Glanz den Menschen Jahre aus dem Gesicht, erste Surfer gleiten pittoresk durch silberschimmernde See.
Mir macht der ausbleibende Regen indes ein wenig Sorgen: Lässt nicht schon das erste zartgrüne Kastanienlaub wieder Anzeichen von Schlaffheit erkennen, kaum, dass sich die Blätter entfaltet haben? Färbt sich der Deich mit seinem märchenhaften Gänseblümchenteppich nicht schon langsam braun? Und die Tiere, finden sie genug Süßwasser?
Der Stillstand beim Wetter kann nicht ewig andauern: Die Folgen wären fatal.

Ähnliches gilt für den Corona-bedingten Stillstand des Tourismus auf den Inseln und an den Küstenorten. Erste ernstzunehmende Hilferufe werden laut; auch eigentlich wohlhabende Menschen müssen inzwischen anfangen zu rechnen. In Personalgesprächen werden Existenzen verhandelt; die Behörden ersticken unter Hilfsanträgen. Unnötige Käufe werden vermieden; Fixkosten summiert, Geldreserven geprüft. Dahinter die bange Frage: Wie lange noch? 
Ein Freund, der ansonsten ein leuchtendes Beispiel für Optimismus und kreative Schaffenskraft ist und daher gleich mehrere wirtschaftliche Standbeine unterhält, traut sich als erster aus dem nahen Umfeld, mit einem klaren Wort an die Öffentlichkeit zu gehen: „Wir können nicht mehr“, posted er.
— Es bricht mir das Herz. Schließlich war es genau dieser Freund, der mich über viele Sommer hinweg mit enormer Großzügigkeit bei Kost und Logis bedachte, ebenso wie mit freigiebiger Unterstützung meines eigenen Kunstschaffens. Und nun kann ich nicht viel mehr für ihn tun, als ein paar Dinge im Onlineshop seines Lädchens zu kaufen, so wie ich auch bei anderen Freunden hier und da etwas kaufe, um wenigstens einen Hauch von Not zu mildern, wiewohl auch mein Finanzpolster mehr denn je geradezu fadenscheinig dünn ist. Aber wenn wir als Kleinunternehmer und Künstler nicht genau jetzt zusammen halten — wann dann?

Und immerhin, so denke ich mit einer Art leisen Beschämtseins, geht es bei uns ja nur um die wirtschaftliche Existenz. In Nachbarländern geht es um viel mehr. Dort müssen Ärztinnen und Ärzte entscheiden, wer das letzte Beatmungsgerät bekommt; deutlicher ausgedrückt: Wen sie sterben lassen müssen. Zoos denken über Notschlachtungen nach. Was für ein Gefühl muss es für einen Tierpfleger sein, seinem Elefanten, den er vielleicht seit 30 Jahren pflegt, dem er vielleicht einst eine große Milchflasche ins graue Mäulchen schob, bevor der Elefant zu einem stattlichen Bullen heranwuchs — was für ein Gefühl muss es für einen Pfleger sein, ein letztes Mal in die langbewimperten, weisen Augen dieses Tieres zu sehen, bevor der Tierarzt mit dem Giftpfeil kommt? Um mir die Situation der Entscheidung über ein Menschenleben näher auszumalen, fehlt mir die Kraft. Ich ertrage es nicht. Und weiß doch um die Menschen, die es vielleicht genau in dieser Minute ertragen müssen: Die Schuld. Die Ohnmacht. Die Trauer der Angehörigen. Die Wut. Die Hoffnung der Menschen, deren Angehöriger weiterleben darf.

Es muss weitergehen. Auch in meinem Bekanntenkreis gibt es nun die ersten Infizierten; in Schweden betrauert ein Freund seinen Schwiegervater. Aus dem ersten Infektionsfall in Deutschland — an die Berichterstattung erinnere ich mich, als sei es gestern gewesen — sind mittlerweile 140.000 Fälle geworden. Wenn dieser Text als Buch erscheint, sind wir mit den Zahlen Gottweißwo. Aber hoffentlich noch am Leben.

Die Insel habe ich nun seit zwei Monaten nicht verlassen. Mir macht das nichts aus, denn noch immer sind wir — bin ich — auf Langeoog überaus privilegiert. Die Natur bietet genügend Auslauf, um sogar einen Mindestabstand von einem Kilometer einzuhalten, wo nötig. Die Läden sind zur Genüge bestückt. Ich beziehe noch mein reguläres Gehalt, wenn auch auf mittlerweile dünnem Eis. ich habe eine Wohnung, in der ich mich wohlfühle und einen Menschen bei mir, der mir in all dem Surrealen täglich ein Gefühl von Wirklichkeit zurückgibt; der mich von innen und außen wärmt und mir nahe ist. 
Auch die Kirche ist nach wie vor geöffnet und streckt mir die weit aufgesperrten Türflügel entgegen wie die Arme eines Freundes: porta patet, cor magis.
Diesen Leitspruch der Zisterzienser hat unsere Pfarrbeauftragte auf einem Schild in die Kirche gestellt — Die Tür steht offen, das Herz noch mehr.

Die Erinnerung an diesen Orden wiederum lässt mein Herz aufgehen wie die Blüten der Kirschbäume in den Gärten rund um St.Nikolaus. So weit weg scheint mir die Erinnerung an den tiefen Frieden im Januar, als ich mein Heil zwischen altehrwürdigen Klostermauern fand; nichtsahnend, in was sich die Welt nur wenig später verwandelt haben würde. Inzwischen ist natürlich auch dort der Ausnahmezustand eingetreten, dem man bestmöglichst und mit tiefem Gottvertrauen entgegenwirkt — aber in meiner Erinnerung ist der Anblick schwarzweißer Gewänder, der Widerhall eilender Schritte und flatternder Chormäntel, der Klang der Stiftsglocken und der Geruch nach Kerzen und uralten Steinen noch immer verknüpft mit einem Gefühl von Klarheit, Geborgenheit, Zuversicht und einer ungeahnt reinen Form von Liebe. Und über all dem liegt diese heilende, nährende Form von Stille, die von dem furchteinflößenden, beunruhigenden und gespenstischen Stillstand des Jetzt nicht weiter entfernt sein könnte.

Ich vermisse meine Eltern und meine Freunde. Es macht einen Unterscheid, ob man sich Monate nicht sieht, weil man gerade keine Zeit oder kein Geld hat, aber es theoretisch könnte — oder ob es schlicht unmöglich ist.
Ein noch recht neuer Freund, den ich aber sehr liebgewonnen habe, hängt seit einigen Wochen quarantänebedingt in Niedersachsen fest. Normalerweise wohnt er wesentlich weiter weg. Nun aber könnte ich sogar für einen Tagesausflug bei ihm sein, wenn nicht der Virus zwischen uns stünde, eine angeordnete Kontaktbeschränkung und eine nichtfahrende Bahn und ein nichtfahrender Bus. Alles vernünftige Maßnahmen, zweifelsohne, aber trotzdem fühlt es sich absurd an. Denn nun ist da diese Sehnsucht. Nach Normalität im Allgemeinen, dem Freund im Besonderen, und ich wünschte, ich könnte mit ihm in Teetassen rühren und über die wolligen Schafe am Deich lachen, mir sein Gesicht in Erinnerung rufen und seine Stimme. Natürlich kann man telefonieren, was wir auch tun; man kann über die sozialen Medien Kontakt halten, auch das geschieht. Dennoch ist da die diffuse Angst, dass die Erinnerung an gemeinsam verbrachte Tage, das freundschaftliche Gefühl gar, nach und nach verschwimmt wie ein Aquarell und sein liebes Gesicht mit dem schlemischen Grinsen bald nur noch eine Ahnung im längst entpackten Reiseköfferchen ist. Womöglich, denke ich, ist alles, was irgendwann von ihm bleibt, diese Zeile aus einem alten Roxette-Song: „All I knew / your eyes so velvet blue.“

Auf der Insel gibt es derweil zaghafte Schritte voran. Einige Läden öffnen für ein paar Stunden, erste Restaurants bieten wieder Essen zum Mitnehmen und Abholen an. Man kann Blumen kaufen und Eishörnchen. Die Plankenwege werden am Strand ausgelegt, als wäre das Schiff mit der ersten Fuhre Tagestouristen schon unterwegs zum Hafen. Fröhlichbunte Strandkörbe werden von Inselbewohnenden probegesessen. „Das ist wie Urlaub“, sagt meine Freundin, als wir auf meinem Balkon in der Sonne Kaffee trinken und sie ihr hübsches Gesicht den wärmenden Strahlen entgegenstreckt. Das Vogelkonzert aus dem Nachbarsgarten dröhnt geradezu in die Stille des Morgens. Ja, denke ich: Es tut gut, für einen Moment zu vergessen, dass das hier keineswegs Urlaub ist.
Und so planen wir eine Zukunft, die mehr als ungewiss ist; abends sehe ich mir im Internet eine Modestrecke und schönes Interieur an. Ich weiß nicht, ob ich mich dafür schämen muss, aber ich spüre, dass mir diese Oasen der oberflächlichen Unbekümmertheit gerade jetzt guttun. An Urlaub denken, an schöne Kleidung und neue Ideen für die Wohnung. Daran, dass ich all das vielleicht bald nicht mehr bezahlen kann, denke ich diesmal nicht.

Momentaufnahme, Skellig

Der Hochsommer hält die Insel in glühenden Zangen. Zwei große Bundesländer haben gleichzeitig Schulferien, die Insel biegt sich vor Touristen.
Die Regale der Lebensmittelgeschäfte sind leer, die Restaurants voll. Vor der Bäckerei, den Eiscafés und Fischbuden bilden sich meterlange Schlangen. Wer auf der Insel lebt und kein Privatier ist, ackert bis zum Umfallen. Es ist laut, es ist wuselig, fast nirgends im Dorf oder an den dorfnahen Strandabschnitten finden Augen und Ohr noch Ruhe. Statt einsamem Vogelruf und Brandungsrauschen: Trotzgebrüll, Ehekrach, wildes Fahrradklingeln und dröhnende Lautsprecher.
Nachts findet man der Wärme wegen kaum Schlaf, und morgens geht es sehr früh mit den Aktivitäten der menschlichen Mitbewohner rund. Ich kann nicht behaupten, dass dies meine Lieblingszeit auf Langeoog wäre.

„Ich fühle mich wie ein Strandspielzeug, bei dem man die Luft rausgelassen hat“, klage ich am Morgen einem Freund, und tatsächlich schleppe ich mich reichlich geplättet durch den Tag: Uninspiriert und übermüdet.
Urlaub muss her. Also genehmige ich mir einen halben freien Tag, miete ein Pedelec und mache mich auf ans Ostende.

Schon kurz vor dem Deich zerrt heftiger Gegenwind an mir, was mich für das treue Summen des Hilfsmotors an meinem Rad überaus dankbar sein lässt. Auf diese Weise ist die Fahrt nicht anstrengend; dennoch ist der Wind unangenehm. Ich blende sein ohrenbetäubendes Rasen aus, indem ich mir die Ohren mit Musik verstöpsele. Loreena McKennitt soll mich begleiten, bis die Langeooger Zivilisation außer Sicht- und Hörweite ist. Die zeitlose Melancholie der Melodien und Texte lässt mich von kühlenden Regennächten, taufeuchter, grüner Weite und schattigen Wäldern träumen, von rauen Klippen, tosender See, von Loyalität, Mut und Gottvertrauen.

Many a year was I
Perched out upon the sea
The waves would wash my tears,
The wind my memory

Vor den Schloppseen mache ich Halt. Das Wasser gleißt tintenblau unter einem makellosen Himmel. Der große Schlopp liegt eingebettet in ein wogendes Blüten- und Schilfmeer wie in einem bunt bezogenen Federkissen. Gänse ziehen vorbei, auf dem Absperrdraht am Ufer reihen sich Schwalben wie eine schwarzglänzende Perlenkette.
Unweit davon ruht ein Turmfalke auf einem Pfosten. Einige Menschen sind mit großen Objektiven nah an ihn herangerobbt, aber es beeindruckt den eleganten Vogel nicht. Mit seinen schönen, dunklen Augen blickt er um sich, aufrecht und würdevoll. Gegenüber, in den Salzwiesen, kreisen Austernfischereltern warnend über ihrem Nachwuchs.

I’d hear the ocean breathe
Exhale upon the shore
I knew the tempest’s blood
Its wrath I would endure

Das Lied, das mich derweil in seinen Bann zieht, heißt „Skellig“ wie die Felseninsel vor Irland, die einst ein Kloster beherbergte. Heute wohnen dort nur noch Seevögel, die Mönche sind seit Jahrhunderten fort. Eine liebe Freundin war einst dort, sie zeigte mir Fotos des schwarzglänzenden Gesteins, der Ruinen des Klosterfriedhofs und Bilder der Papageientaucher, die aus dem Dunst über dem Boot auftauchten. Ihre Erzählungen dazu ließen mich die kalte Gischt auf der Haut spüren, den Schiffsdiesel riechen und die eigenartig unmelodischen Schreie der clownesken Alkenvögel hören. Ich spürte die Erschütterungen der Wellen und ihren dumpfen Aufschlag am Bootsrumpf; die Freundin drehte sich zu mir um und lachte, aber in Wirklichkeit saßen wir gar nicht zusammen im Boot vor Skellig, sondern nur auf ihrem Sofa.

And so the years went by
Within my rocky cell
With only a mouse or bird
My friend, I loved them well
Am Vogelwärterhaus wird es Zeit für eine Rast. Die schönen Kiefern hinter dem Haus beschatten die Aussichtsplattform; hinter der Vogelkiekerwand baden Nilgänse, Möwen und etliche Entenarten in einem Tümpel.
Der Ranger ist gerade dabei, sein Büro abzuschließen, ich sitze mit ihm noch eine Weile vorm Haus.
Vor uns liegen Salzwiese und Vogelkolonie, die allgegenwärtigen Schwalben nisten in der Dachkonstruktion über uns und fliegen zwitschernd ein- und aus. „Das erinnert mich an meine Kindheit“, erzählt der Ranger, „aber wer kennt das heute schon noch.“ Ich lächele und nicke.
Der Menschenlärm ist verstummt, auch der Wind hat nachgelassen. Und so plaudern der Ranger und ich noch ein wenig in die Stille des späten Nachmittags; uns gegenseitig darin bestätigend, welch Glück es ist, hier leben zu dürfen.
Vor dem Abschied verrät mir der Naturexperte noch eine Stelle, an der ich auf Sumpfohreulen treffen könnte. Ich bedanke mich und setze meinen Weg fort.
Über dem Rainfarn links und rechts des Weges tanzen winzige blaue Schmetterlinge, Spatzen klammern sich an üppig erblühte Stauden von Schafgarbe, die schweren Blütendolden taumeln im Wind.

Hinter der Meierei finde ich mehrere Möwenkadaver. Vielleicht vom Hund gerissen, vielleicht vom Habicht. Aber auch das ist Natur. Die Wiese leuchtet derweil in ihren schönsten Farben. Auch hier sind die Schwalben, sie begleiten mich in beeindruckender Geschwindigkeit auf meinem Weg. Ich muss an den heiligen Franziskus denken, wie er den Vögeln predigte, denn auch ich könnte das jetzt problemlos tun, weil die gefiederte Gemeinde ja förmlich an meinen Reifen hängt. Indes: Mir fehlt die Heiligkeit, also erfreue ich mich nur leise an meinen kleinen Weggefährten.

Als ich den Osterhook erreiche, herrscht brüllende Hitze. Ich fühle meine Unterarme verbrennen, aber noch ist der Schatten weit. Es herrscht Niedrigwasser, auf den verschlickten Wattflächen sammeln sich Lemikolen, am Strand liegt der Überrest eines angespülten Schleppnetzes. Dass der Mensch auch überall seine Spuren hinterlassen muss, denke ich traurig. Das Nylonnetz wird noch intakt sein, wenn ich längst verwest bin. Und ist es nicht seltsam? — So vieles erschaffen wir für die Ewigkeit. Und gleichzeitig machen wir so viel kaputt. Und das nicht nur in der Natur, sondern auch in uns. Und zwischen uns.
Die Zeitungen waren voll von Abscheulichkeiten in der letzten Zeit, Hass und Elend überall, und nicht einmal die Kirche ist frei davon. Verglichen mit anderen Ländern und früheren Zeiten geht es uns immer noch verdammt gut, das ja — aber manchmal hege ich Zweifel, ob das so bleibt. Wir sollten in nichts zu sicher sein.

In der Wetterhütte am Osterhook sitzen einige erschöpfte Menschen, ich stelle mich dankbar unter das schattenspendende Dach. Spiekeroog liegt nur ein schmales Seegatt von mir entfernt, ich kann die katholische Kirche der Nachbarinsel von hier aus sehen.

Zwischen St. Peter und mir, auf einer Sandbank im Gatt, scharen sich Möwen um ein angespültes Wrackteil. Auf einer weiteren Sandbank haben sich Segler trockenfallen lassen. Ich bleibe, bis die anderen Menschen gegangen sind. Dann bin ich allein. Nichts ist zu hören außer dem Wind, der durchs Schilfrohr streift, den Lauten der Vögel und der See. Durch meine Zehen quillt Sand, die unzähligen kleinen Muschelschalen schmerzen etwas unter den Sohlen, ebenso wie die sonnenverbrannte Haut. Aber es macht mir nichts aus. Denn hier ist sie: meine ersehnte Einsiedelei, meine Kirche, mein Kloster. My little Skellig. Der Heimweg hat Zeit.

O light the candle, John
The daylight’s almost gone
The birds have sung their last
The bells call all to mass
(Liedzeilen entnommen aus: Loreena McKennitt, „Skellig“. Album: „The Book of Secrets“, 1997. ©Quinlan Road)

 

Momentaufnahme, Da-Sein

Den Sonnenuntergang, dessen Farbenpracht heute durch eine dünne Wolkenschicht gedämpft wird, betrachte ich durch die formschönen Kronen üppig begrünter Linden. Darunter steht eine Bank; der Blick dehnt sich von dort aus über hügelige Wiesen mit der ungemähten Blütenpracht eines Frühlings auf seinem Zenit. Der Weizen auf den Feldern gegenüber der Straße ist hochgeschossen. Noch wogt der Wind durch sein helles Grün, und doch trägt er schon das Versprechen der Ernte in sich. Wenn sich das Grün in Gold wandelt, werde ich schon wieder fort sein von diesem herrlichen Fleckchen Land. Welche Ernte ich dann zurück auf die Insel trage, wird sich zeigen. Vorm Füllen der Speicher denke ich aber zunächst ans Leerwerden.

Durch den Klostergarten schleicht der Fuchs. Ich sehe zu, wie das edle Tier seine Runden zieht, aufmerksam und witternd um sich blickend. Ich dagegen muss meine Sinne erst wieder schärfen. Ich kam erschöpft, ausgelaugt, emotional vollgemüllt — Universen entfernt von der erstrebten, heilsamen Leere, die sich mit neuem Wissen, Schönheit und Liebe füllen lässt.

„Warum macht man woanders Urlaub, wenn man auf Langeoog eine Wohnung hat?“ — Ehrlich gesagt: Ich kann diese Frage nicht mehr hören. Der Tag, an dem ich keine Loblieder auf die Schönheit unsere Insel mehr singen kann, wird nicht kommen. Ebenso wenig wie  der Tag, an dem ich nicht von Herzen gerne nach Langeoog zurückkehre oder der Tag, an dem mich der Anblick des Meeres in keinen Freudentaumel mehr versetzt.

Dennoch muss man auch zwischen die größte Liebe und sich selbst gelegentlich ein paar Kilometer bringen: Alltagsflucht gelingt nicht auf täglichen Wegen, zumindest mir nicht.

Auch hier, im Kloster, gibt es vom ersten Tag an Routine und der Radius für Ausflüge zwischen den Stundengebeten ist begrenzt. Aber es ist eine Routine, die nicht mehr von mir verlangt als das pure Da-Sein. Die Hingabe an Gott. „Das Aufweichen von Herzverkrustungen“, wie es einer der Patres hier treffend formulierte.

Am ersten Tag ist noch alles schwer. Beim Versuch, all den gesammelten Seelenmüll vor Gott zu kippen, meldet sich das schlechte Gewissen. Kann man den HERRN wirklich damit belasten? Ist SEINE Kirche nicht viel zu schön, zu rein, zu hell für all den Dreck? (Und nein, wir reden hier nicht von der Institution, in der es zweifelsohne nicht nur eine Schmuddelecke gibt, aber dies soll an dieser Stelle nicht Thema sein.)

Die Mönche sind hilfreich: Man kann. Nach einem längeren Seelsorgegespräch mit einem der Patres lasse ich die ersten Fuhren los. Es rührt mich, dass ein fremder Mensch um meine Heilung betet. Die Hände, die er dabei über meinen Kopf hält, strahlen Wärme ab. Natürlich, mag der rationale Mensch hier einwerfen: Das ist Biologie, und die Gesten und Worte dazu lernt man im Priesterseminar. Ich weiß das auch. Und dennoch ist es mir heilig,  ist dieser Moment heilig, und ich glaube daran. Einhergehend mit der Verpflichtung: Ich will’s nicht versauen. Im Widerschein des Ewigen Lichts ist Geborgenheit. Und einer, der alles Vertrauen verdient. GOTT ist da. Er ist verschwiegen, aber er schweigt nicht. Es tut so wohl, wieder hier zu sein.

Es ist lange her, dass ich irgendwo, in späten Sonnenlicht und unter Bäumen, ein vis-a-vis-Gespräch ohne ein bestimmtes Anliegen, ohne Zweck und Auftrag mit jemandem führte. Wann bleibt im Alltag schon Zeit dafür? Bis auf den Mönch und mich ist der Pilgerplatz vor der Kirche leer; die Sonne steht so, dass nicht einmal das große Kreuz einen Schatten darauf wirft. Und genau so, denke ich, will ich leben: Mit viel Raum um mich, aber nicht allein, beschützt, aber nicht im Schatten. Umgeben von all dieser wunderbaren Natur, die ich bis an die Schmerzgrenze liebe. In Gesellschaft intellektueller Feingeister, die auch zum Schweigen befähigt sind und für die Kunst einen Wert hat. Für die das Beschaffen von Geld nur eine Notwendigkeit ist statt eines Lebenszwecks. Für die Liebe kein exklusiver Besitz ist.

Ich könnte und dürfte kein Ordensleben führen, aber ich bin froh, dass es Menschen gibt, die das tun und andere zumindest für eine Weile daran teilhaben lassen. Für einige mögen Klöster ein überflüssiger Anachronismus sein und ihre Bewohner an der Welt Scheiternde — Für mich aber beruhigt das unablässige Gebet dieser Männer (und Ordensfrauen anderswo) den Puls der Welt ebenso wie meinen Herzschlag. Ich bin froh, dass es sie gibt. Und es hält mich am Leben.

Bevor sich die Anlage in völlige Dunkelheit hüllt und sogar das Licht im Büro des immer fleißigen Priors verlischt, schnüre ich, wiewohl weniger elegant als der Fuchs, ein letztes Mal am Waldrand entlang. Aus den Wipfeln schreit eine Eule. Der noch immer warme Wind legt den weißen Stoff der Ordensbanner an der Kirche in weiche Wellen. Der Anblick lässt mich ans Meer denken und an die Wellen, die unsere treue Fähre an stillen Tagen ins Hafenbecken pflügt.

Ich vermisse die Insel. Und doch ist es gut, jetzt hier zu sein. Genau hier: Mit der Eule, dem Fuchs, den Mönchen, den Linden und dem Weizenfeld. Und mit dem, der alle unsere Wege kennt.

 

 

Momentaufnahme, Goldenes Handwerk

Der volle Mond wirft seinen Lichtschein durch eine dünne Schicht kleiner Schäfchenwolken, die sich um den Erdtrabanten drängen wie eine Wärme suchende Herde. Das Licht bricht sich an den zirkulierenden Eiskristallen der Atmosphäre in bunten Spektralfarben.
Einige Luftschichten tiefer, auf der Erde, ist es für Dezember recht warm.
In zwei Tagen ist Heiligabend.

Die Insel füllt sich; viele verwaiste Ferienwohnungen sind nun abends wieder beleuchtet. Auch in den Regalen der Lebensmittelmärkte wurde erneut aufgerüstet. Für die Angestellten auf Langeoog zieht der Stress nun wieder an, aber dennoch scheint die Welt kurz vor Weihnachten immer auf eine wundersame Weise stillzustehen.

Der Advent ist, wenn auch für die meisten nicht mehr als Bußzeit, so doch als Wartezeit erspürbar. Zumindest, wenn man sich, wie ich, relativ geruhsam auf die Feiertage vorbereiten kann.

Auf den Baustellen wurde die Arbeit jetzt niedergelegt. Etliche Gerüste wurden abgebaut; Halbfertiges festgezurrt und abgesperrt. Letzte Handwerker machen sich mit ihren Werkzeugkoffern auf zur Fähre, während die Welt die Ankunft des wohl bekanntesten Zimmermanns erwartet.

Ich denke an die historisch ziemlich unbeleuchteten, jungen Erwachsenenjahre Jesu — bevor er als Wanderprediger bekannt wurde — und frage mich, wie es IHM heute als Zimmermann auf Langeoog wohl ergehen würde. Würde man ihn mit Respekt behandeln, pünktlich bezahlen, würde ein Kollege vielleicht seine Pausenration mit ihm teilen, ein Bauherr ihm bei Schietwedder mal einen Kaffee zum Wärmen der Finger ausgeben? Würde er eine bezahlbare Bleibe finden?

Ich frage mich, wie es ihm wohl wirklich ergangen ist, damals in Galiläa. Vielleicht hatte er einen Esel dabei, um Baumaterial, Lot, Wasserwaage und Werkzeug zu den Baustellen zu transportieren. Vielleicht hatte er einen Handkarren, vielleicht auch nur eine Schulterkiepe. Ein Stück Stoff mit eingewickeltem Proviant: Brot, Obst, Trockenfleisch oder -fisch. Einen Wasserkrug. „Jesus war in Allem Mensch, außer in der Sünde“ las ich einmal irgendwo.

Ich stelle mir den Heiland vor, wie er in der Arbeitspause auf einem niedrigen Mäuerchen sitzt. Seine Kollegen werden Zoten gerissen haben, wie auf allen Baustellen Zoten gerissen werden, möglicherweise gab es auch Bier oder dünnen Wein. Jesus schalt sie aber sicher nicht dafür, solange es nicht bösartig wurde, denke ich, vermutlich saß er einfach nur dabei und lächelte nachsichtig. Aber wenn es gemein wurde, dann griff er mit Sicherheit ein.

Ich erinnere mich aus meiner eigenen Kindheit an einen Kindergottesdienst, bei dem ein Kind gefragt hat, ob Jesus auch aufs Klo gegangen sei. Und noch deutlicher erinnere ich, wie die anwesenden Erwachsenen bei dieser Frage scharf die Luft einsogen. Nervöses Stottern war die Folge. 
„Getrunken und gegessen hat er“, presste schließlich jemand mutig hervor, „Das steht zumindest recht eindeutig in der Bibel.“ Und dass man sich den Rest dann wohl denken könne.
Heute denke ich, dass es doch irgendwie schön ist, wie unbefangen sich Kinder der Materie nähern. Für Kinder gibt es noch keine ungehörigen Fragen. Und auch ich fand die Frage damals eigentlich nicht schlimm.
Im Gegenteil: Ich fand es als junger Mensch immer schön, Jesus als echten Freund zu sehen. Als Gott zum Anfassen. Den man immer hatte, auch wenn man niemanden sonst hatte. Der verstand, verzieh und niemals petzte. Der einen so sah, wie man von Gott gemeint war.
Den Heiligen Geist, GOTT, die Dreifaltigkeit: All das begriff ich erst später. Aber dass Jesus Mensch war wie wir, nur ohne miese Eigenschaften — das hingegen verstand ich sofort.

Wie war Jesus als Teenager? Bestimmt auch mal aufsässig oder unmotiviert. Aber er mobbte oder versetzte mit Sicherheit niemanden. Wie war Jesus als Schüler? Vielleicht nur mittelprächtig. Und doch verstand er mehr als jeder andere. Und als Arbeiter, als Zimmermann? Ich stelle ihn mir sehr zuverlässig vor, sehr gründlich. Aber niemals verbissen. Und kein Karrierist. Ich denke, wenn Jesus einfache Tische und Bänke für eine Taverne zimmerte, nahm er den Auftrag genauso ernst wie den, einen Palast auszubauen. Freundlich wird er gewesen sein, bescheiden, aber bestimmt. Jemand, der nichts und niemanden ausnutzte, der sich aber auch nicht ausnutzen ließ. Ein Vorbild durch alle Zeit, bis heute.

Und nun feiern rund 2,2 Milliarden Christinnen und Christen in zwei Tagen seine Geburt, weltweit: Seine heutigen Handwerkskollegen feiern ihn, der Papst feiert ihn, arme Menschen und reiche, manche allein, andere in Gesellschaft. Es gibt Darstellungen, die das Christuskind in Königsgewändern zeigen, mit allem Prunk und Gold. Es gibt Darstellungen, die das Christuskind in absoluter Armut zeigen: Im Stall, mit einem Lumpen als Windel; seine Eltern als einfache Leute, ohne Gold, ohne Heiligenschein. Und tatsächlich mag ich beide Betrachtungsweisen.
Ich finde es schön, in dem armen Kind den Himmelskönig zu sehen. Und in dem König das arme Kind.

Ich bin kein Theologe. Ich weiß mich nicht besonders schlau zu Weihnachten zu äußern, tatsächlich bin ich nicht einmal besonders bibelfest und schnorre mir mein Wissen bislang bedarfsweise bei befreundeten Theologen zusammen. Aber das Schöne an genau diesem Weihnachten ist, dass ich es vielleicht nicht besser verstehe, aber doch mehr fühle als alle anderen Weihnachtsfeste zuvor. Es liegt so etwas Beruhigendes darin, so ein Frieden. Ja: Ich fühle mich weihnachtlich.
Ich fühle die Hoffnung, die dieses arme Kindlein uns immer wieder aufs Neue bringt. Das arme Kind, dass damals für so viele ein Nichts gewesen ist. Und das heute für so viele Alles ist. Ich fühle die Erlösung, die Gnade und Vergebung, die uns das Fest verheißt: Gott ist barmherzig, auch wenn es die Menschen nicht sind. Und Weihnachten bringt auch dem Traurigsten, der an die Botschaft glaubt, einen Grund zur Freude, denn niemand ist allein, der Jesus einen Platz frei hält. Nicht einmal die eigene arme Hütte muss einen da beschämen — denn diesbezüglich ist ER, der sein Leben in einer Krippe begann, ja nun wirklich alles gewohnt. Was sollte IHN da eine billig möblierte Einzimmerwohnung stören oder ein Würstchen mit Kartoffelsalat statt Festmenü?

Vielleicht ist meine Vorstellung von Jesus noch immer kindlich. Aber ich glaube daran, dass er dort gerne einkehrt, wo er willkommen ist und wo man ihn freundlich empfängt. Und ich mag die zentrale Botschaft Christi, die radikale Nächstenliebe, selbst wenn ich oft weit davon entfernt bin.
Tatsächlich finden auch etliche meiner eher kirchenfernen Freunde — sogar jene, die sich als Atheisten bezeichnen würden — : Dieser Jesus, das war ein Guter.
Vermutlich hätten sie ihm, damals auf der Baustelle, auch mal einen ausgegeben.Bildschirmfoto 2018-12-22 um 20.42.20

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern, allen Freundinnen und Freunden gesegnete Weihnachtstage und einen gesunden Start ins neue Jahr!

Momentaufnahme, Stadtland

Nachem ich den Hühnerhof an der Straßenecke hinter der Klosterausfahrt passiert habe, öffnet sich der Blick über weite Felder. Es ist Herbst. Auf den abgeernteten Schollen staksen Krähen zwischen den goldenen Stoppeln des Korns auf regenfeuchter, tiefbrauner Erde umher. Wie bei uns im Norden die Möwen, sitzen hier Schwärme von Brieftauben zwischen den Krähen auf den Feldern, welche diese als Konkurrenz aber wohl wenig zu schätzen wissen. Jedenfalls gibt es ab und zu Tumult seitens der Krähen, und dann erhebt sich der Taubenschwarm in beeindruckend synchronisiertem Fluge, entweder heimwärts in den Schlag oder um sich an einer anderen Stelle des Feldes niederzulassen.
Tauben gehören zum Ruhrgebiet wie Möwen an der See, auch mein Vater war als junger Mann Schriftführer im Taubenverband, Gelsenkirchen Buer-Erle.

Denn so sehr mein Herz am Norden hängt: Auch das hier ist Heimat. Vor mir ragen die Türme der Ruhr-Universität aus dem Tal, eingebettet in eine baumreiche Hügellandschaft. Die Campus-Universität ist kein architektonisches Highlight, aber ich mag sie, weil sie die einzige Universität ist, die ich schon als Kind kannte und folglich all meine kindlichen Berufsträume von einem Leben als Naturforscher daran knüpfte. Wenn wir im Botanischen Garten mit den Eltern spazieren gingen, bewunderte ich beispielsweise die großen erleuchteten Gewächshäuser, in denen Botaniker oder andere Wissenschaftler in weißen Kitteln an geheimnisvollen Dingen forschten. Die gelben „Zutritt nur für Angehörige der RUB“-Schilder vor den Arealen mit den Gewächshäusern bescherten mir dann meinen persönlichen Schrödermoment: „Ich will da rein!“ ― Das Rütteln am Zaun freilich sparte ich mir.

Studiert habe ich dann letztlich woanders, da die Zusage der RUB erst kam, als ich mich schon nach einer Alternative umgesehen und dort eingeschrieben hatte, aber noch immer ist es auf irgendeine Weise die Universität des Herzens, hässlich hin oder her.

Ich würde den Botanischen Garten gern wiedersehen, denke ich, es ist viel zu lange her. Vermutlich kommt er mir heute winzig und verfallen vor ― man idealisiert ja viel von früher ― aber sehen möchte ich ihn doch. Jetzt allerdings bleibt nur noch eine Stunde bis zum Mittagsgebet, also biege ich lediglich kurz Richtung Stiepel-Dorf zum Getränkemarkt ab, um mir Cola und Limonade zu kaufen, denn man muss es ja mit der Askese nicht übertreiben im Kloster.

Das frühe Aufstehen um 5:30 Uhr fällt mir nicht leicht, aller frommen Bücher, welche den Wert des Nachtgebets loben, zum Trotz. Aber ich halte es durch und mich wach: Durch Spaziergänge, stilles Gebet, Lektüre, Kontemplation. Gelegentliche Ausflüge ins Internet und Soziale Medien finden statt, aber auch meist ein jähes Ende, sofern der erste Fall von Häme und Bösartigkeit in den Kommentarspalten zutage tritt: Dies soll mir die heiligen Tage hier nicht vergiften. Auseinandersetzung bis zu einem gewissen Punkt: Durchaus, aber sobald es nicht mehr um Austausch geht, sondern nur um Rechthaben und Runtermachen, bin ich raus.
Darüber, wie man so etwas besser erträgt, lässt sich dann immerhin gut mit den Patres reden, denn auch die sind durchaus am Puls der Zeit und tragen ein Smartphone in der Brusttasche ihres Ordenskleides mit sich herum, wie ich zu meinem leisen Amusement feststellte ― wenn auch gut verborgen unter dem darübergebundenen Skapulier.

Notgedrungen denke ich hier viel nach über das, was mich im Leben prägte, über das, was speziell in diesem Jahr passierte, und über die Weggabelung, an der ich mich einmal mehr befinde und über die ich mit Gott und Geistlichen zu verhandeln habe.

Es tut gut, mit der Souveränität des Erwachsenseins noch einmal die Orte der Kindheit zu durchstreifen, dabei beruhigend festzustellen, über wie viele Dinge man nun nicht nur physisch erhaben ist und wie vielen man auf wohltuende Weise in mehrfacher Hinsicht entwuchs. Andere wiederum trägt man als Schatz in seinem Herzen, als Heimat im Inneren.

Auf dem Rückweg zum Kloster werfe ich nochmals einen Blick zurück über die Täler und mir wird klar, was ich an dieser Gegend, die bei vielen nur Grausen und Spott hervorruft, wirklich liebe: Dass hier auch in der Stadt jedes Kind weiß, wo das Essen herkommt, weil man jeden Kohlkopf, jede Rübe auf dem Teller irgendwo zwischen den Städten aus den Ackerfurchen hat lugen sehen; weil der Viehdung zwischen Bochum, Essen, Dormund in die Autofenster zieht, weil Pferde neben der Schnellstraße wiehern, weil hier also nicht nur die Städte selbst, sondern auch Stadt- und Dorfleben nahtlos ineinander übergehen. Bis auf den Autolärm ist es still. Ab und zu keckert eine Krähe; die mit Autoreifen beschwerten Planen über den eingebrachten Heuballen in den Höfen der Landwirte machen leiste Flattergeräusche.
Auch auf dem Kreuz der Klosterkirche sitzt eine Krähe. Bald läuten die Glocken zur Sext und Non.

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