Momentaufnahme, Empfang

Ein einsamer Krähenlaut dringt durch die hereinbrechende Nacht. Ich sehe den Vogel, als ich den Kopf zum Himmel hebe. Er fliegt in Richtung Waldrand, wo sich die Wipfel der Fichten schwarz im Dämmerlicht abzeichnen.
Vom Rande des Klostergartens her rauscht der Bach. Grillen zirpen.
Im Haus ist Ruhe eingekehrt; die letzte Messe ist verklungen und die Menschen bereiten sich auf den Schlaf vor. Ich aber möchte mich noch vom heiligen Bernhard verabschieden und suche ein letztes Mal die Kirche auf. Heute leuchten nicht einmal mehr Kerzen, als ich das dunkle Gotteshaus durch die Krypta betrete. Aber ich finde den Weg zum Bernardi-Altar auch so — dem weißen Gewand der Heiligenfigur sei Dank.
Der heilige Bernhard auf dem Altarrelief ist nicht besonders detailreich gearbeitet; mit seinen runden, rosig gepinselten Pausbäckchen und den kleinen, zum Gebet erhobenen Händchen hat die Darstellung etwas Puppenhaftes, wenn nicht gar Niedliches an sich. Man hat den Heiligen auf diesem Relief wohl instinktiv lieb — obwohl mir durchaus bewusst ist, dass ich dort auch einen der glühendsten Verfechter der Kreuzzüge vor mir habe. Kein Licht ohne Schatten; das gilt auch für Heilige. Und natürlich lebte er zu einer Zeit mit einem „leicht“ anderen Verständnis von Völkerrecht als wir es heutzutage pflegen. Im Hier und Jetzt verhilft mir die Fürsprache des Heiligen Bernhard aber zu neuem innerem Frieden.
Denn der Geruch nach uralten Steinen und Kerzen sowie das liebe, rundliche Antlitz der Heiligenfigur beruhigen mich mit wunderbarer Zuverlässigkeit. Hier gebe ich den Tag mit all seinen Erlebnissen und Emotionen zurück in Gottes Hand.

Bereits am Morgen war es noch einmal sehr heiß geworden. Über der Landschaft lag die süßliche Schwere eines intensiven Geruchs nach Fallobst, durchmischt von frischem Grasschnitt. Über Vielerlei nachdenkend, wanderte ich Richtung Wald. Mit jedem Meter wich der penetrante Obstgeruch den Aromen von Harz und Nadelholz, von kühlem Erdreich und dem klaren Wasser der Kyll, die beharrlich wie eine treue Freundin längs des Wanderweges rauschte.
Irgendwann hatte ich einen ordentlichen Anstieg bewältigt; das Tal breitete sich unter mir mit abgeernteten Feldern, gemähten Wiesen und immer wieder kleinen versprengten Inseln von Obstbäumen, deren Äste sich unter den schweren Früchten bogen. Ab und zu ein Haus; am Feldrand ein Ansitz. Dazwischen die Gleise des Eifelexpress.

Ich zückte mein Mobiltelefon, um ein Foto zu machen und erschrak über den Eingang von 47 Nachrichten. Im Ort, zu dem das Kloster gehört, ist keinerlei Empfang; maximal für eine altmodische SMS reicht es. Was einerseits gut ist; denn schließlich sollen dort ja alle Antennen auf GOTT gerichtet sein. Andererseits ist es für jemanden, der sich doch einer gewissen Internetsucht schämen muss, eine große Umstellung. Dort auf der Anhöhe schien es jedenfalls etwas Netz zu geben und natürlich trieb mich die Neugier zur Sichtung der Nachrichten und zum Versand eigener Depeschen. Letztlich waren von 47 Mails aber 46 problemlos delegierbar, und ich dachte über meine bisherige Priorisierung von Angelegenheiten nach. Und auch darüber, welchen Sinn eine ständige Erreichbarkeit denn wirklich hatte. Ich verzichtete darauf, auch noch nachzuschauen, was derweil in der Welt passiert war, steckte das Gerät in die Tasche und ging weiter. Als ich das nächste Waldstück erreichte, brach der Empfang ohnehin wieder zusammen. Inzwischen hatte sich die Sonne durch Wolken und Wipfel gezwängt, es wurde zunehmend wärmer und stickiger. Die Fichten erreichten in diesem Areal eine nahezu furchteinflößende Höhe; ebenso wie die Steilheit der Abgründe. Ich wusste: Wenn ich dort stürzte, wäre ich tot. Und wenn einer dieser Baumriesen auf mich stürzte, auch. Menschen begegnete ich auf der 5 Kilometer langen Strecke keinen — mit Ausnahme zweier Forstarbeiter. Ihre Anwesenheit beruhigte mich, denn sie sorgten mit dem gezielten Holzschlag vermutlich nicht nur für die Wirtschaft in der Region, sondern auch für die Sicherheit wandernder, waldfremder Touristen. Nach dem Passieren der Waldbaustelle wurde es vollkommen einsam um mich. Vor mir der Weg. Rechts Wald und Steilhang, Links Wald und Steilhang. Die Kyll und die Gleise lagen irgendwo ganz weit unten; zur halben Stunde hörte ich den Zug rattern.
Ab und zu wühlte ein Tier im Unterholz; es trippelte, knackte und schnaufte. Bäume in Schräglage ächtzen und stöhnten. Ich sah auf mein Telefon: Keinerlei Netz.
Obwohl der Waldweg eine Art Sonnentunnel bildete, war die gewaltige Ansammlung von Bäumen um mich schon nach wenigen Metern erschreckend finster. Ich war froh, jetzt nicht nach den Stichworten „Wölfe“ und „Waldeifel“ googlen zu können. Was hätte es auch genützt?
Ich sang ein Marienlied; zumindest die zwei Sätze, die ich daraus auswendig konnte, um die merkwürdigen Tierlaute zu übertönen. Der ganze Wald schien mir plötzlich wie ein einziges, riesiges Lebewesen; ein autarker und atmender Organismus, in dessen gewaltigem, schwarzgrünen Bauch ich lediglich geduldet wurde. Er lehrte mich neuen Respekt.
Angekommen an meinem Ziel — einem benachbartem Örtchen, lief ich zum Bahnhof und nahm den nächsten Eifelexpress zurück. In der Bahn saßen Menschen, die sich in einer für mich fremden Sprache unterhielten. Sie klang wie eine Mischung aus Französisch und Niederländisch; ich vermutete Luxemburgisch. Es war seltsam, aus dem Bauch des Waldes in diese nahezu städtische Erfahrung internationalen Flairs katapultiert zu werden. Aber irgendwo genoss ich es auch.

Momentaufnahme, Zukunftserinnerung

Nach einigen verhangenen Tagen wurde es endlich wieder schön auf der Insel. Federwolken breiten sich über dem leuchtend blauen Himmel aus wie Engelsflügel. Über dem Kirchturm senkt sich am frühen Abend die Sonne, und es wird nicht mehr lange dauern, bis der Horizont in flammenden Farben erstrahlt.

Es gibt wieder einen Priester auf Langeoog. Der Jesuitenpater ist ein gern gesehener Gast und nicht zum ersten Mal bei uns. Ich schätze seine Predigten, die ebenso intellektuell wie lebensnah sind; mit Sicherheit theologisch fundiert, aber nicht mit der staubigen Erhabenheit reinen Bücherwissens, sondern stets durchzogen von warmen Adern menschlicher Bodenständigkeit. Vor allem mag ich seine Stimme, die tief und rauchig klingt, mit der pointierten Ausdrucksweise eines Berufsredners. Zugegeben: Dieser Pater könnte das Telefonbuch vorlesen und es wäre ein akustisches Fest — umso schöner, dass man ihm aber auch aus anderen Gründen noch gerne zuhört.

Ich bin erleichtert, dass das kirchliche Leben auf Langeoog ausgerechnet mit diesem sympathischen Jesuiten wiederbelebt wird, denn schließlich habe ich auch eine überfällige Beichte nachzuholen. Nach zwei peinlichen Tagen des Sünden-Vorsortierens darf ich endlich den gesammelten Gewissensunrat in seinem Beisein vor Gott kippen. Einmal mehr bewundere ich das Pokerface erfahrener Geistlicher bei der Beichte — es gibt kein Mundwinkelverziehen, keine angehobene Braue. Der Mann hört zu, und erfüllt schließlich seinen Auftrag des Vergebens. Auf Bußwerk verzichtet er, und mir wird klar, dass das, was sich in meinem Herzen nach großer Schuld anfühlte, für einen Priester vermutlich eher noch kleinkalibrig ist. Eventuell waren ihm auch meine Tränen der Scham am Ende Reue genug. Ich weiß es nicht, aber ich bin auch recht froh, dass mir noch genügend Geheimnisse der Sakramente verborgen bleiben. Was ich dagegen weiß, ist: Sie wirken. Und in der Art und Weise, auf die ich diese Wirkung fühle, aber nicht erklären kann, liegt vielleicht auch ihre Heiligkeit.

Die Messen selbst finden noch mit reichlich Abstand, Anmeldung und ohne Gesang statt. Die Kommunion wird auf kleinen Tellerchen gereicht: Jede einzeln. Das bereitstehende Tischchen mit den vielen Tellern erinnert an ein Hotel-Buffet; das weiße Altartuch darauf mindert den Hotel-Eindruck nicht wirklich. 
Aber es ist der Leib Christi, und nach so langer Zeit ohne Eucharistie ist mir fast jede Darreichungsform Recht, solange sie noch halbwegs würdevoll ist. Ich gebe zu: Es hat mir gefehlt. Auch wenn sich die Bistümer und Ordensgemeinschaften unglaublich viel Mühe gaben, die Corona-Durststrecke kreativ zu überbrücken — nichts war wirklich ein Ersatz. Und ich möchte nie wieder so lange ohne priesterlichen Beistand sein.

Vom Balkon aus sehe ich zu, wie sich der Himmel in Pfirsichtönen verfärbt. Die Insel hat sich deutlich gefüllt, aber allmählich kehrt abendliche Ruhe ein. Für Ende Mai ist es noch immer zu kalt, aber der Blütenduft und der Nachtgesang der Vögel lässt mich trotzdem den nahenden Sommer fühlen. Eine gewisse schöne Nostalgie ergreift mich. Ich wühle in meiner Playlist nach Jugendschätzen und grabe das alte Dire-Straits-Album aus. Und obwohl meine Jugend nicht besonders schön war, setzt es auf wundersame Weise sofort gute Gefühle frei. Ich wippe mit den Kopfhörern im Rattansessel und träume mich weit weg:
„I’m going to San Bernardino, ring-a-ding-ding …“

Achja, denke ich, da wäre ich jetzt auch gerne. Die amerikanische Stadt dieses Namens kenne ich zwar nicht, und das zugehörige Lied beschreibt auch nichts Schönes, sondern einen skrupellosen Geschäftsmann, aber an einem Ort, wo man den heiligen Bernhard als Ordensgründer verehrt: Da wäre ich jetzt tatsächlich gern.
Ich sehne mich nach „meinen“ Zisterziensern. Nach dem Frieden im Wald hinter dem Kloster, dem Chorgesang, dem Duft uralter Steine, dem Rascheln langer Chormäntel und dem Anblick von schwarzweiß gewandeten Mönchen, die über den Hof zum Gebet eilen.

Es war ein so schöner Mai in Stiepel, und ein so heilsamer Januar in Heiligenkreuz. Ich weiß nicht, wann ich diese wundervollen Orte wiedersehen kann, aber es tut gut zu wissen, dass es sie überhaupt gibt. Vielmehr: Dass sie teils seit Jahrhunderten bestehen und schon viel mehr überdauert haben als einen Virus.

Doch heute möchte ich an keinen Virus mehr denken. Ich genieße das stille Hereinbrechen der Nacht bei Musik aus vergangenen Tagen und mit all den schönen Erinnerungen, während ich auf die Liebste warte.
Vielleicht können wir hier und jetzt ja auch schöne Erinnerungen für die Zukunft schaffen, denke ich. Stunden und Tage, auf die wir dann irgendwann mit wohltuender Nostalgie und Dankbarkeit zurückblicken — dann, wenn all der Wahnsinn vorbei ist und die Welt ganz neu auf uns wartet.

Momentaufnahme, Rückkehr

Mit dem Erwachen wähne ich mich noch hinter dicken, weißgetünchten Klostermauern. In der Geborgenheit einer Zelle, deren hohes Kreuzgewölbe das Bett überspannt wie ein Wiegenhimmel, während die riesigen Doppelfenster den Blick auf den echten Himmel öffnen. Dahinter rauschen Bach und Bäume. Doch heute wird mich kein früher Glockenschlag zum Gebet rufen, wird kein vertrautes Rascheln langer, weißer Chormäntel mehr durch die Stille eines beeindruckenden Kreuzganges hallen und ich werde nicht mehr den Duft uralter Steine riechen, die ein atemberaubend schöner Brunnen mit kristallklarem Wasser besprengt.
Der Rest des Traums verfliegt: Ich bin auf Langeoog.
Der Tag empfängt mich recht mitleidslos. Kalter Regen schlägt an die Scheiben und sprüht in Fontänen aus den Ablaufrinnen, das Backsteinpflaster ist nass und dunkel wie altes Blut. Meine Balkonblumen, durch die Milde des bisherigen Winters noch immer blühend, biegen sich mit den Böen in die Waagerechte. Ich sehe hinaus; noch nicht ganz da und doch zuhause. 
Auch unsere Kirche ruft zum Gebet, obwohl sie kein Geläut besitzt: Die Sonntagsmesse steht an. Mechanisch suche ich mein Regenzeug zusammen, den Fahrradschlüssel, das Kollektengeld. St.Nikolaus erwartet mich mit der stoischen Ruhe eines alten Freundes, der schon so einigen Kummer mit mir gewohnt ist.
Heute haben wir sogar zwei Zelebranten, sodass der Kontrast zum klösterlichen Konventamt mit einem halben Dutzend Priestern nicht ganz so hart ist, aber natürlich bin ich spürbar zurück in der Diaspora, denn es wird keine Kommunionbank mehr herbeigetragen und niemand hält einem ein silbernes Tellerchen unters Kinn, falls man mit dem HERRN krümelt. Dass ich dafür wieder Messdiener sein, in der Sakristei herumkramen und Fürbitten vortragen darf, tröstet indes über den Abschiedsschmerz. Denn so sehr ich das festliche, strenge Zeremoniell des Ordens auch liebe — in St.Nikolaus habe ich meinen Platz und bin dankbar für jeden Dienst, den ich mit Gottes Hilfe dort verrichten darf.

Nach dem Verräumen der Altargegenstände trete ich vor die Kirchentür. Die Wolken haben sich verzogen: Nun vergoldet die Sonne die Welt. Die See hat sich zurückgezogen, in der Ferne sehe ich ihr schönes Blau glänzen. Das Meer ist Heimat, es wird nie anders sein.
Und doch mäandert mein Herz noch irgendwo zwischen Flughafen und Bahnhöfen, zwischen uralten Mauern, pittoresken Dörfchen, frostüberzuckerten Bäumen, Barockkirchen und bewaldeten Berghängen. Noch kann der Blick auf die geliebte Insel die Erinnerung nicht übermalen. Noch fühle ich die elegante Kühle der hohen Gewölbe, die beschützende und zugleich befreiende Klarheit von weißen, fast schmucklosen Wänden und die haltgebende Verlässlichkeit, mit der der wunderschöne Chorgesang der Mönche die Kapelle erfüllt. Und dann ist da noch all die Pracht hinter den imposanten Toren, die kostbare Handschriftensammlung, die Bücherregale, die gewaltig dimensionierten Gemälde, das Kerzenlicht und all das Gold. Auch der Mensch, der all die Tage bei mir war, ist nicht fort; ich sehe ihn das Auto mit beruhigender Routine durch Serpentinen steuern, gefährliche Abgründe neben uns und über uns ein strahlender Himmel, der die meiste Zeit nicht gnädiger hätte sein können.
Vom ersten Winken durchs Bahnhofsfenster bis zum Reisesegen am Flugsteig war mir dieser Mensch ein zuverlässiger Quell der Beständigkeit und Freude, mit seinem ansteckend breiten Lächeln und der unprätentiösen Herzlichkeit, dem norddeutschen Humor und den graublauen Augen in der Farbe dunkler, sturmgepeitschter See. Ich kann nicht behaupten, ihn nicht zu vermissen.

Ich hatte Angst vor dem Flug, aber die teure Reise im Schlafwagen hatte ich mir nur für den Hinweg leisten können. Seit 13 Jahren der Fliegerei entwöhnt, fühlte ich mich wie ein Fossil angesichts all der technischen Neuerungen, der schieren Größe des Flugplatzes und der industriellen Abfertigung der Reisenden. Ich wollte noch am Boden zurück ins Kloster, zum Freund, zum Wald. Aber die Triebwerke röhrten bereits. „Halt dich am Rosenkranz fest“, hatte er noch gesagt. Und das machte ich auch.
Die Alpen durchbrachen die Wolkendecke wie Inseln. Schön sah das aus; ebenso wie die kleinen Eisblumen am Fenster, die in der Sonne glitzerten. Ein Hauch von Trost schlich sich ins Herz, denn tatsächlich fehlten mir auch das Meer und die Weite. Dann riss der Himmel auf und die Schäfchenwolken unter mir trieben wie Eisschollen vorüber. Grüne Äcker kamen in Sicht und Dörfer, in denen ich sofort nach dem Kirchturm spähte. Aber ich fand keinen, und so musste ich mich wohl der Wahrheit stellen: Die Welt, in der sich der Alltag nach keinem Geläut mehr richtete, hatte mich wieder.

Momentaufnahme, Grundrauschen

Das Meer schweigt heute. Obwohl für die nächsten Tage Sturmböen vorhergesagt sind, rührt sich kein Hauch. Auf dem Balkon lausche ich in die Stille. Irgendwo brummt ein Gartengerät. Jemand hustet. Wortfetzen von Vorbeiradelnden. Aber das Meer bleibt stumm.
Schlagartig wird mir klar, wie unendlich ich das Meer vermissen würde, wenn ich noch einmal woanders leben müsste. Wenn ich die treue, herrliche Weite der See nicht mehr in fußläufiger Entfernung wüsste. Wenn ich nicht genau wüsste, dass es da ist, selbst wenn ich es einmal nicht höre.
Auch jetzt weiß ich: Ich müsste nur die Straße hinaufgehen und dann läge es vor mir, still und schön, im hellen Grau eines Regentages.
Es regnet nun stärker. Das Wasser fällt in lotrechten Schnüren vom Himmel, ich rieche die nassen Straßen und höre das Rauschen in der hohen Hecke, die mein Haus vom Nachbargrundstück trennt.
Ein Kind kommt in einem winzigen gelben Ostfriesennerz angerannt, die Kapuze unter dem Kinn zusammenhaltend, und verschwindet in einer der Ferienwohnungen.
Ich genieße es, jetzt noch auf dem Balkon sitzen zu können, weil sich aufgrund der Windstille kein Tröpfchen unter das Dach verirrt. Es ist vollkommen trocken an meinem Platz, und ich beobachte die Welt durch einen Vorhang aus Regenschnüren.
Obwohl ich zurzeit nicht gern vor die Tür gehe, überkommt mich starke Sehnsucht nach dem Meer. Ich möchte hingehen und einfach nur nachschauen, ob es noch da ist. Natürlich ist das Blödsinn, weil ich genau weiß, dass es da ist — das Meer ist ja kein Mensch, es verlässt einen nicht.
Und ich möchte es auch nicht verlassen.

Es ist diese Beständigkeit, die mich die See so sehr lieben lässt. Die Gewissheit, dass all die Hektik und das Unbeständige der Menschenwelt die Wellen nicht aus dem Rhythmus zu bringen vermögen, beruhigt meinen Herzschlag schon beim bloßen Gedanken daran.
Dieser uralte Begleiter, keine 200 Meter von meiner Haustür entfernt, könnte mich problemlos töten. Aber er schenkt mir auch Heimat, Geborgenheit und Lebensfreude. Ich erinnere keinen einzigen traurigen Tag, an dem ich nicht getröstet vom Strand zurückkehrte. Und keine Verzweiflung, die ich nicht auf nimmerwiedersehen den Wogen übergeben hätte. Das Meer heilt. Und ich liebe es so unendlich, samt dem Himmel darüber.
Die Wolken sind heute schiefergraue Ballen, aber dort, wo der Strand ist, heben sich ihre dunklen Ränder wie die Volants eines altmodischen Theatervorhangs und machen Platz für das Licht.
Auch über dem Haus reißt der Himmel langsam auf und zeigt ein paar Stückchen Blau; durch einen letzten Hauch Regendunst leuchtet sogar die Sonne.

Dieser Tage machte ich mit einem Freund einen Ausflug. Wir fuhren nach Leer und Ditzum; vor dem Fenster: Deiche, Windräder, Schafe, winzige Dörfer und uralte Warftkirchen. Der Freund wuchs in dieser Gegend auf; wir trafen kaum jemanden, der ihn nicht grüßte oder ein paar Worte mit ihm wechselte. Im Restaurant, wo wir für den Preis einer Langeooger Vorspeise exzellenten Fisch aßen, kannte er die Familie der Kellnerin bis in den kleinsten Zweig beim Vornamen. Gegenüber schaukelten die Masten der Kutter im goldenen Licht eines späten Nachmittags. Es war ein friedvoller Tag und ich genoss es, die Landschaft in aller Privatheit vorm Autofenster vorbeiziehen zu sehen; ohne die Geräusche, Gerüche und Zwischenhalte des Busfahrens. Der Freund fuhr routiniert, aber mit Bedacht; außerdem bekreuzigte er sich vor jedem Anfahren, was mir zusätzlich ein gutes Gefühl gab. Ich hatte keine Angst, und vor dem Fenster lag die Schönheit unserer ostfriesischen Heimat, in der er tatsächlich als eines der wenigen katholischen Kinder großgeworden war.

Bald erreichten wir wieder die Stadt, ein Kirchturm schlug. Überrascht registrierte ich, dass der Freund eine Parkbucht ansteuerte, obwohl wir noch nicht am Ziel waren. „Es ist sechs Uhr!“, sagte er, „Lass uns den Engel des Herrn beten!“ „Ja klar“, sagte ich, wiewohl etwas verdutzt, und zerrte so hastig die Worte aus meinem Gedächtnis, als seien sie Kleider für eine überstürzte Reise. „Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft und sie empfing vom heiligen Geist …“ 
Das Gebet dauerte exakt so lang wie die Glockenschläge, sofort nach dem „Amen“ fuhren wir wieder los. Ich schmunzelte noch eine Weile in mich hinein. Da saßen wir also in einem hochmodernen Auto, das sogar noch recht neu roch, mit Navigationssystem und Smartphones in unseren Taschen, und doch gab nicht all diese Technik den Takt an, sondern ein uraltes Gebet, das schon im 14. Jahrhundert gebetet wurde, zum Angelusläuten um sechs Uhr.
Ich bewunderte den Freund auch um seine Routine in diesen Dingen. Wie beruhigend muss es sein, sein Leben nach einem Stundenbuch durchgetaktet zu wissen und die täglichen Gebetszeiten stärker verinnerlicht zu haben als die Mahlzeiten oder irgendwelche anderen Alltagsdinge? Wie beruhigend ist es zu wissen, dass da etwas ist, das immer viel größer als alles andere war und immer sein wird? Und wie schön ist die Gewissheit, dass diese Gebete bereits Jahrhunderte überdauert haben und, aller Konzile und der Reformation zum Trotz, noch heute den nahezu selben Wortlaut haben?
Nicht grundlos war ich vor einiger Zeit not amused, als sich ein Frauengebetskreis, der auf der Insel gastierte, während einer Andacht sogar am Vaterunser zu schaffen machte.
Ich mag keinen Stillstand. Aber ich liebe Dinge mit Bestand. Ich brauche diese kleinen Stückchen Ewigkeit, um im Getriebe der Welt nicht zermalmt zu werden. In dieser Hinsicht, denke ich, sind der Engel des Herrn, das Vaterunser, das Ave Maria, das Magnificat oder das Salve Regina wie das Meer: Sie waren vor mir da, werden nach mir sein, trösten und beruhigen den Herzschlag wie das stoische Rauschen der Wellen. Ich hoffe, dass auch ich mir irgendwann eine solche Gebetsroutine aneignen kann wie der Freund, denke ich. Denn auch wenn ich nicht vorhabe, jemals vom Meer wegzuziehen, ist es doch schön, noch etwas zu haben, das einen täglichen Haltepunkt im Alltag markiert. Wo man, fernab von jeder Technik und zeitgenössischen Errungenschaft, einfach nur aus dem Herzen lebt; klein vor den Wundern der Schöpfung, aber doch eins mit der Welt.