Halleluja

Es ist ein eisiges Osterfest. Sturmböen peitschen Hagel durch die Straßen, am Strand zeigt eine brüllende See ihr Drama vor leeren Rängen. Zwischendurch eine kurze Illusion von Frühling: Leuchtende Himmelsbläue, zart hingetupftes Wolkiges. Goldene Strahlen, die sich aus schwarzen Gewitterfäusten zwängen, bevor der nächste Platzregen einsetzt. Verirrte Schneeflocken tanzen über frierenden Narzissen. So geht das drei Tage lang, und eigentlich, denke ich, passt dieses Bilderbuch-Aprilwetter auch perfekt zum heiligen Triduum mit seiner Abfolge aus Erstarrung, Trauer, Leere, Hoffnung und Freude. Zum Spazierengehen hätte ich mir indes etwas anderes gewünscht, denn schön ist das Sauwetter nicht. Die Fotos für die Arbeit mache ich mit halb zugekniffenen Augen, immer auf der Hut, dass die Kamera nicht zuviel Sand frisst. Der Wind ist grob; er schubst und schlägt und zerrt an Allem. Heruntergehen zum Meer? Unmöglich. Kommt der Sturm von vorn, drückt es mir die Brust zusammen und ich kann kaum atmen. Selbst zu Fuß geht es nicht voran.
Auf den Bildern sieht es wildromantisch aus: Der tiefblaue Himmel mit seinen majestätischen Quellwolken. Dünenkämme, auf denen sich lauter kleine Sandwirbelstürme bilden, sodass es scheint, als würden sie dampfen. Und natürlich: Das Meer mit seinen gewaltigen Wogen, die sich teerschwarz unter sprühend weißer Gischt aufbäumen und an den Strand donnern. In den Herzen der Tourist:innen, die jetzt gerne auf der Insel gewesen wären, regt sich Sehnsucht: Ach, wie gerne würde man sich da jetzt die Seele freipusten lassen. Wie schön das raue Nordseewetter doch ist.
In der Tat hat das zweifelsohne seinen Reiz. Von drinnen betrachtet, mit einer heißen Tasse Tee.
Ich jedenfalls bin erst einmal froh, als die Kirchentür hinter mir zufällt.
Lumen Christi.
Deo gratias.

Die Osterkerzen leuchten warm; ein letztes Heulen des Sturms verklingt mit dem Einsetzen der Orgel: Halleluja, Jesus lebt!

Auf die Freundin und mich regnet Weihwasser zum Taufgedächtnis; rechtzeitig haben wir die Brillen abgesetzt und halten sie in den Händen. Der Priester zielt gut mit dem Aspergil. Es ist ein junger Mann mit Elan, dem man das Halleluja glaubt.
Und es ist gut, dass er da ist.

Das Licht durchdringt alles, und plötzlich kann man sie fast greifen: Die Hoffnung. Die Freude, die Zuversicht. Es wird eine Zeit kommen nach dem Virus — oder zumindest eine Zeit nach der Durchimpfung. Es wird weitere Osterfeste geben. Das nächste vielleicht schon ohne Masken. Oder mit Gemeindegesang. Und das übernächste ist dann vielleicht sogar wie vor Corona.
Die letzte Osternacht feierte ich allein mit dem Gotteslob und einer Kerze vor dem Rechner. Während unser Bischof tapfer im einsamen Dom vor der Webcam zelebrierte, pries ich den HERRN in schiefen Tönen. Aber das Haus war leer in der Pandemie, wen sollte das dann stören?

Es ist schön, dass es in diesem Jahr wieder Präsenzgottesdienste gibt, wenn auch unter strengsten Bedingungen und mit halbleeren Bänken. Fast unwirklich scheint jetzt die Erinnerung an die letzte Osternacht vor der Pandemie, in der die Kirche so voll war, dass wir sämtliche Notsitze an den Bänken ausgezogen hatten und trotzdem nicht alle Menschen sitzen konnten. Ich kniete recht unsanft auf dem Lüftungsgitter; den Rest der drei Stunden stand ich. Aber auch das sorgte für bleibende Erinnerungen.

„Frohe Ostern!“ ruft der junge Geistliche der Freundin und mir nach, als wir die Kirche verlassen. Seine golddurchwirkte Stola strahlt mit ihm um die Wette. Vor uns liegt die Schwärze der Inselnacht.
Am nächsten Morgen sitzen die Freundin und ich beim Osterfrühstück. Wir haben die Eier gemeinsam gefärbt, es ist unser zweites gemeinsames Ostern. Ich sehe sie an und kann gar nicht glauben, dass dieser Mensch nun schon so lange an meiner Seite ausharrt. Die Zeit rast, obwohl doch objektiv betrachtet kaum etwas passiert durch die Corona-Beschränkungen: Man kann nicht groß etwas erleben, nicht verreisen, sich nur mit einer kleinen Auswahl an Dingen ablenken. Natürlich machen wir schon Pläne für „Danach“: Suchen Unterkünfte, die längst noch geschlossen sind, planen Elternbesuche, Museen-, Zoo- und Einkaufsbummel; träumen von Reisen, die wir uns ohnehin nicht leisten können. Aber wir leben auch gut im Jetzt; genießen die leere Insel und die überschaubare Arbeitsbelastung. Es ist ein gutes Leben. Und wir hatten verdammt viel Glück.

Dieser Tage räumte ich meinen Posteingang auf; löschte jahrealte E-Mails von irgendwelchen Menschen, denen ich einst auf höchst ungesunde Weise verfallen war und noch mehr Mails, in denen ich mich bei Familie und Freunden über diese Menschen ausheulte; über all die Machtspielchen, die emotionale Erpressung und das Leid; all diesen toxischen Scheißdreck, den ich nie als solchen erkannt hatte. Der Fairness halber sei erwähnt, dass ich aber auch all den toxischen Scheißdreck, den ich selbst angerichtet hatte, selten als solchen erkannt hatte. Vielmehr wähnte ich mich stets als den allein aufrichtig Liebenden; als den einzigen, dem in dieser Beziehung Unrecht geschah; als den, den man für sein Lieben kurz über lang immer grausam bestrafte.
Nun aber, mit vielen Jahren bis Jahrzehnten Abstand, las ich all diese Sachen und schämte mich sehr. Wie sehr hatte ich mich ausnutzen, manipulieren, demütigen und bloßstellen lassen, nur damit mir jemand ein paar Krümel Anerkennung, einen Anflug von Zärtlichkeiten hinwarf oder mich überhaupt zur Kenntnis nahm? Von „Liebe“ mag ich gar nicht reden. Ich schämte mich dafür, wie bedürftig ich mich anderen gezeigt hatte — und wie nackt. Und wie oft ich selbst dabei Grenzen übersehen und übertreten hatte; im Verlangen nach Gegenliebe, die mir vermeintlich zustand, weil ich dafür doch alles getan hatte. Aber ein „Lieb mich gefälligst!“ funktioniert nicht. Liebe ist kein Imperativ. Man kann sich Liebe nicht erarbeiten, nicht verdienen. Liebe lässt sich auch nicht einfordern. Sie ist da oder nicht.
Und wie unspektakulär sich Liebe anschleichen kann, hatte ich bisher auch nicht gewusst.

Ich hatte immer auf das große Feuerwerk gewartet und dabei übersehen, dass eine sanft leuchtende Kerzenflamme viel länger Bestand hat. Kein Getöse, keine Flamboyanz. Doch nun sehe ich diese sanft leuchtende Flamme, und drumherum ist eine warme Stube aus Geborgenheit mit der Ahnung, das ich dort bleiben kann.
Ich muss nichts besitzen und nichts darstellen. Ich muss einfach nur sein. — Musste ich wirklich 45 werden, um zu begreifen, dass es Menschen gibt, denen das reicht?
„We’re just two lost souls swimming in a fish bowl“, habe ich Pink Floyd im Ohr, und vielleicht ist das auch so, aber auf jeden Fall schwimmen wir in noch immer in wohltuend ruhigem, klaren Wasser, das von dem Paket an Verletzungen, das wohl jeder in unserem Alter mit sich herumschleppt, nur selten getrübt wird.

„So, so you think you can tell
Heaven from Hell
Blue skies from pain
Can you tell a green field
From a cold steel rail?
A smile from a veil?
Do you think you can tell?“

— So geht das Lied weiter, und nein: I don’t think I can tell.
Man kann nur erahnen, wünschen, hoffen. Man muss vertrauen. Aber gerade das fällt oft schwer.

Tatsächlich komme ich damit zurück zur Osterbotschaft, denn auch die Jünger mussten vertrauen, dass Jesus wirklich auferstehen würde. Dass Leid und Tod überwunden würden. Qui tollis peccata mundi. Und dann gab es den ungläubigen Thomas, der erst in der Wunde herumstochern musste, um zu glauben. Und ich? Ich musste erst glauben, nein: wie Thomas begreifen, dass Christus tatsächlich auch mich nicht aus den Augen verloren hatte, dass er da war, dass ich bei IHM Trost und Liebe fand. Liebe, die ich mir nicht erst erarbeiten oder verdienen musste und die ER nicht als Almosen aus Mitleid oder als Leckerli fürs Gehorchen verteilte, sondern die er einfach so gab: Im Vertrauen; aus Vertrauen. Christus, dem ich nichts präsentieren musste, was ich nicht war. Und der mich gesehen und angesehen hatte, ohne dass ich mich dafür auf irgendeine entwürdigende Weise hatte entblößen müssen. Er sah mich an, bevor ich es selber konnte. Damit ich es konnte.

„Sehen Sie sich in erster Linie Mal als Christ, dann erst als Katholik“, sagte einst ein Beichtvater, als ich im Kontext mit „Liebe“ mal wieder mit dem Lehramt haderte, „denn Liebe kommt immer von Gott. Egal, wo — und bei wem — sie uns trifft.“ Was man dann daraus mache, könne zwar von Gott entfernen — hier verwies er auf die ignatianische Unterscheidung der Geister —, aber die Liebe als solche? Das Empfinden von Zuneigung, Schmetterlinge im Bauch, die Freude am anderen, dem anderen eine Freude sein? Göttlichen Ursprungs, immer.

Und doch bleibt die Liebe wohl ein Geheimnis, dem man sich mit dem menschlichen Verstand nicht nähern kann. Man muss vertrauen: auch hier.
Man muss vertrauen, dass weder Gott noch die Freundin eine Kartei nach Flensburger Vorbild führen; mit der Liebe als „Lappen“. Zuviele Sündenpunkte? Lappen weg, Liebesentzug, wochenlanges Anschweigen und das Bettzeug auf dem Sofa. Und ja, ich hatte solche Beziehungen: War Schrott, um bei den Auto-Metaphern zu bleiben.
Dass Gott keine derartige Kartei in Flensburg führt, durfte ich inzwischen überreichlich erfahren. Mit Vorsatz durchs Leben pflügen wie die berühmte gesengte Sau sollte man natürlich trotzdem nicht.
Und die Freundin? Hat gerade anderes zu tun. Sie entzündet die Osterkerze, die wir in der Kirche geschenkt bekamen. Ich sehe den warmen Widerschein der Flamme in ihren Pupillen und Brillengläsern.
Lumen Christi.
„Unser zweites Ostern“, sagt sie. Ja, sage ich: Zu ihr. Zu Gott. Zu uns.
Deo gratias.

Winterliebe

Es ist ein traumhaft schöner Wintertag. Nach einem eher unsanften Auftakt mit heftigem Schneefall, steingrauem Himmel und rabiaten Windböen, zeigt sich die verschneite Insel nun in voller Pracht. Der Schneefall ist zum Erliegen gekommen; das Grau am Himmel ist einem satten, leuchtenden Blau gewichen, durch das nur noch vereinzelt Wolken treiben. Die Müdigkeit der vielen dunklen Tage sitzt mir noch in den Knochen, und ohne berufliche Verpflichtungen hätte ich mich an diesem Tage wohl kaum weit vor die Tür begeben. Doch nun mache ich mich auf zum Hafen, ein Auftrag wartet. Ich hefte die Augen fest auf die Straße, um nicht hinzufallen, und halte immer wieder an, um mir den Winterzauber rechts und links des Weges anzusehen. Nur gedämpft hört man das Schnattern der Graugänse auf den Weiden; sie haben sich in die Nähe schützender Sträucher und Gebäude zurückgezogen.
Ein großer Greifvogel gleitet über mich hinweg; ich kann noch sein dunkelbraunes Gefieder erkennen; vermutlich ein Mäusebussard. Der Greif lässt sich auf einem hohen Baum nieder und späht von diesem Ansitz aus nach Beute.
Je mehr ich mich Hafen und Seedeich nähere, umso mehr Stimmen dringen an mein Ohr: Stimmen, bei denen sich mein Herz öffnet. Ich höre das Trillern von Austernfischern, die wehmütigen Laute Großer Brachvögel, das Piepsen der niedlichen Sanderlinge, dazu Entengeschnatter und natürlich: Möwen. Aus den Bäumen melden sich Rotkehlchen und Meisen; eine Drossel labt sich an letzten Hagebutten.
Die nackten Zweige der Bäume erheben sich majestätisch in den Himmel, der sich am späten Nachmittag schon in Rosé und Apricot färbt. Aber die Sonne hat noch Kraft; ich öffne meine Jacke und lasse mich von Licht und Vogellauten beschenken.
Liebe erfüllt mich: Zu dieser wunderbaren Natur, zu diesem Tag, zu diesem Leben. Und auch in die Insel verliebe ich mich wieder neu, als wäre es nicht schon mein achtes Jahr hier. Beinahe fühle ich wieder die Anfangseuphorie von 2014, als ich in jeder freie Minute in die Natur radelte und dabei jede Farbe, jede Pflanze, jedes Tier mit einer Innigkeit ins Herz schloss, als würden sie mir tags darauf wieder fortgenommen. Nun war bis zu meiner Insel-Ankunft mein Leben auch nicht durch Beständigkeit ausgezeichnet, und so war diese Verlustangst und dieses Gefühl von „Mitnehmen, was geht, solange es nur geht“ vermutlich nur natürlich. Auch heute möchte ich die Insel freilich nicht hergeben, aber es sind mir doch einige Ängste genommen: Die Wohnung ist fest und auch beruflich fühle ich mich endlich angekommen und angenommen. Die Kirche gibt meiner Seele Halt. Es ist ein gutes Leben.

Ich stelle mein Fahrrad in der Nähe des Zugangs zur Deichkrone ab. Das Schloss benutze ich nicht, denn außer mir, Hunderten von Vögeln und ein paar anderen Tieren ist hier niemand. Ich setze meine Fußspur in die eines Feldhasen, der scheinbar ordnungsgemäß den schmalen Weg auf dem Deich entlanggehoppelt ist, ohne auch nur den kleinsten Haken zu schlagen. Doch lange kann ich seine Spur ohnehin nicht verfolgen, weil ich den Blick nicht mehr senken kann: Vor mir breitet sich das Paradies. Zuletzt sah ich Deich, Watt und Salzwiese irgendwann im Herbst aus dieser Richtung. Im Schnee war ich tatsächlich noch nicht hier. Und nun liegt dieser atemberaubend schöne Teil Langeoogs in so traumhaften Farben vor mir, dass ich mich automatisch in die Tundra oder ins sommerliche Spitzbergen versetzt fühle. Tatsächlich erstreckt sich das Weiß des Schnees nicht über die gesamte Landschaft. Ein bisschen grünes Deichgras ist zu sehen, dazwischen die warmen Gelb- und Rottöne der Salzwiese; das tiefe Blau des Meeres und das Graubraun der Schlickflächen. Im Hintergrund erhebt sich die Dünenkette Richtung Ostende; mit ihrer Schneehaube sieht sie aus wie ein stattliches Gebirge. Alles, was in den letzten Tagen, Monaten, Jahren anstrengend und hässlich war auf der Insel, fällt von mir ab, und ich spüre, dass ich diese Euphorie des Frischverliebtseins lange vermisst habe. Ein Verliebtsein, das die Neugier mit sich bringt, immer mehr Facetten am Gegenüber entdecken zu wollen, von denen dann eine schöner als die andere zu Leuchten beginnt. Ich habe das 2014er-Langeooggefühl vermisst. Und nun ist es zurück, als sich die Insel mir an diesem Tage noch einmal ganz neu zeigt.

„Dein Bild in der Hand, träum’ ich vom Schnee / Und nichts tut mehr weh“, singt Ulla Meinecke in dem Lied „Hafencafé“, und ich muss unwillkürlich Lächeln, als mir diese Liedzeile einfällt. Nicht nur, weil sie mich tatsächlich an eine alte Schwärmerei erinnerte — an jemanden, in den ich mich einst während eines Winterurlaubs verguckte und der mir damit sehr über eine andere, äußerst schmerzhafte Erfahrung hinweghalf — sondern auch, weil ich wusste, dass diese Zeile mir auch künftig helfen würde.
Denn immer, wenn mir das Inselleben eine hässliche Seite enthüllen würde — zwischenmenschlichen Unrat oder sonst etwas Gärendes und Faules — würde ich ab jetzt an diesen Satz und an diesen Tag denken. An diesen Anblick. An den schneebedeckten Deich mit der Hasenspur, an die wundervollen Tundra-Farben, an die Sonnenwärme und ans glitzernd vereiste Watt. Und die Rufe der Brachvögel würden mir sagen, dass alles gut wird. Weil alles gut ist.

Momentaufnahme, Zirkel

Der letzte heiße Tag des Jahres liegt hinter mir. In den letzten Stunden des Augusts zeigte das Thermometer noch einmal über 30°C. In der gemütlichen Dachwohnung hinter dem Deich, in die mich Freunde auf dem Festland einquartierten, ist es brütend warm. Sie gehört zu einem wundervoll hergerichteten alten Bauerngut, in dessen Hof heute ein Fest stattgefunden hat. Vor kaum einer Stunde sind die letzten Töne der Musik verklungen, ich lauschte der Band vom Dachfenster aus. Die Stimmen der Gäste zerstreuten sich rasch. Dann wurde es still.
Im letzten Licht der Abenddämmerung sehe ich Windräder blinken. Ich kann bis weit über den Deich sehen, die Silhouette Langeoogs zeichnet sich noch am Horizont ab. Mächtige Pappeln rahmen den Hof meiner Freunde ein, sie stehen Spalier wie freundliche Soldaten, es geht überhaupt nichts Bedrohliches von ihnen aus. An den Hof grenzt ein Acker, dahinter ist ein Campingplatz. Die meisten der Wohnmobile sind beleuchtet und ich leide mit den Menschen, die dort in ihren Blechbüchsen gesotten werden. Der heilige Laurentius möge ihnen beistehen, denke ich, und bete, wie vermutlich viele an diesem Tage, um das lang erwartete Gewitter.
Doch noch dringt durch das weit geöffnete Fenster kein Lüftchen. Um keine Insekten anzulocken, habe ich kein Licht in der Wohnung gemacht. Nun sickert die Schwärze der Nacht hinein und verteilt sich im Raum wie immer dichter werdender Nebel. Ich lege mich aufs Bett und lausche ins Dunkel. Eine Eule schreit, der elegante Jäger muss ganz in der Nähe wohnen. Dann endlich fährt die erste Windboe in die Pappeln. Ich höre das Rascheln der Blätter, die Eule schreit nochmals. Die Fensterscheiben beginnen zu vibrieren, ein gewaltiger Donner erschüttert das Gemäuer, Blitze zucken. Nun kann es nicht mehr lange dauern, denke ich. Aber der Regen lässt sich Zeit.
Ein paar einzelne Tropfen klopfen ans Dach. In den Pappeln rauscht der Wind nun stärker. Und dann rauscht auch das Wasser. Ein letztes Mal höre ich die Eule schreien, ihr Ruf verhallt im Strömen des Regens, und ich sehe sie vor mir, wie sie in einer Asthöhle in den Pappeln Schutz sucht, mit den schönen großen Augen immer wieder zaghaft hervorlugend, sicher noch hungrig. Auch ich stehe nochmals auf und luge aus meiner Höhle. Die Fenster schließe ich bis auf einen Spalt; groß genug, dass die Gewitterluft noch Kühlung bringen kann. 
Als die Raumtemperatur endlich absinkt, schlafe ich unverzüglich ein, obwohl der Sturm an den Dachschindeln reißt und immer wieder lauter Donner die Nacht durchdringt. Ich denke noch einmal an die Eule in ihrer Höhle und daran, was für ein Privileg es ist, bei diesem Wetter ein warmes Bett zu haben und ein Dach, das dichthält. Nicht alles, was der Mensch schafft, ist schlecht. Die Fähigkeit, sich selbst oder anderen ein Zuhause zu bauen, ist gut. Schutz ist es. Und Geborgenheit auch.

Am nächsten Morgen ist die Temperatur stark gefallen, aber der Boden hat den Regen beinahe schon wieder aufgesogen. Ich mache einen frühen Spaziergang über den Deich, die Pappeln haben nichts von ihrer Erhabenheit eingebüßt, aber ein paar kleinere Bäume haben Äste gelassen. Ein Greifvogel kreist, vermutlich ein Falke. Hinter einem Gatter schauen ein paar Schafe träge zu mir hoch und kauen.
Über den Inseln am Horizont hat sich die Sonne schon Bahn gebrochen. Ich stelle mir vor, wie sie nun durch mein Wohnzimmerfenster scheint und alles, was ich liebe, mit ihrem Licht streichelt. Meine Bücher, meine Kissen und Decken, den kleinen Hausaltar und die neu erworbenen, leuchtend grünen Zimmerpflanzen in ihren hübschen Ampeln. 
Für nochmals eine Woche werde ich heute zurückfahren; dann werde ich länger fort sein und meine Wohnung eine Weile nicht sehen. Insofern war es ein bisschen unsinnig, noch all diese Pflanzen zu kaufen, obwohl sich eine Freundin gut darum kümmern wird. Aber mir war eines Tages, als bräuchte ich mit dem scheidenden Jahr, mit dem ruhenden Leben vor meiner Haustür, unbedingt noch etwas mehr Leben im Inneren, und eigentlich beantwortete mir das auch sehr genau die Frage, warum ich diese Pflanzen kaufte: Ich klammerte mich ans Leben.
Ein Krankenhausaufenthalt steht bevor, und nach einer grässlich missratenen Narkose vor einiger Zeit gehe ich nicht mehr unbefangen daran. „Wir mussten Sie wiederholen“, sagte der Arzt, und ich hatte lange gebraucht, bis mir die Tragweite des Ganzen bewusst worden war: So schnell kann es also gehen. Und dann war es das halt.

Und nun liege ich, einige Stunden nachdem ich den Hof der Freunde verließ, wieder auf dem eigenen Bett und sehe einer sich prächtig entwickelnden Efeutute zu, wie sie aus ihrer Ampel sanft schaukelnde Schatten auf meine weiße Tagesdecke wirft. Liebe erfüllt mich zu dieser Pflanze. Zu dieser Wohnung. Zum Meer am Ende der Straße. Und zu meinem Leben.
Ich will nicht sterben. Auch dieser Satz ist für mich noch wie ein ungewohntes Kleidungsstück, denn sehr lange hing ich keineswegs an meinem Leben: die meiste Zeit meiner Jugend hasste ich es. Und danach war es mir egal. Man lebte halt seine Jahre ab, bis die statistischen 86kommanochwas voll waren. Aber nun bin ich frei, nun habe ich das Meer, nun habe ich Gott. Und jetzt will ich leben. 
Aber ich frage mich, ob zwischen „ich will leben“ und „ich will nicht sterben“ nicht noch ein Unterschied ist. Ist Todesangst nicht gar ein Zeichen von Kleingläubigkeit? Soll man als Christ nicht freudig folgen, wenn der HERR einen heimruft?
Ich fragte vor einiger Zeit einen jungen Mönch danach, an einem warmen Abend im Mai, der nicht schöner hätte sein können. Er sagte, die Angst sei menschlich. Und dass man Vertrauen haben müsse. Über uns rauschte der warme Wind durch sattgrüne Lindenblätter. Der Mönch sah aus sanften Augen in die Ferne. Ich weiß nicht, was er über den Tod dachte. Aber er segnete mich und es war gut, dass er da war.

In den letzten Tagen habe ich viel darüber nachgedacht, wie es wäre, wenn dies nun wirklich der letzte Sommer war, der letzte Herbstanfang. Würde ich in panische Geschäftigkeit verfallen? Noch schnell einen Kredit aufnehmen, um ein paar Reisewünsche zu bezahlen? Irgendjemandem irgendetwas sagen, was er oder sie nicht eh schon wüsste? Aber je mehr ich darüber nachdachte, desto ruhiger wurde ich. Es war alles gut so, wie es ist. Und wie immer es kommen mochte.
Eine kräftige Windboe lässt den kleinen Glasengel am gekippten Fenster gegen die Scheibe schlagen. Das Geräusch holt mich aus den Gedanken, zeitgleich bekomme ich eine Nachricht: „Wir haben Sturmflut, geh dir das ansehen!“
Ich stehe vom Bett auf, schnüre die Stiefel, nehme meine Jacke vom Haken und gehe. 
Vor dem Strand bäumt sich die See wie ein entfesseltes Urviech. Unzählige Schaulustige haben sich eingefunden. Die Sonne leuchtet das dramatische Spektakel aus wie ein versierter Theatertechniker; die Szene ist filmreif.
Ein paar Wahnsinnige gehen trotz des Wellengangs schwimmen, eine Mutter filmt seelenruhig ihre Kinder, während diese tollkühn von der Abbruchkante rutschen: Offenkundig können auch einige Menschen Kulisse und Wirklichkeit nicht auseinanderhalten. Der Wind tobt, ich bin binnen Sekunden mit Sand paniert. 
Die gewaltige Energie, welche die Natur in diesem Moment entfesselt, überträgt sich unverzüglich auf alles Lebende, alles bewegt sich. In jadefarbenen Bögen stürzen die Wellen in sich zusammen, um gleich die nächsten zu gebären, ein Kreislauf, dem man nur staunend zusehen kann. Muscheln, Seesterne, Algen … all diese Schätze wirft mir das Meer vor die Füße, nur um sie im nächsten Moment wieder einzusammeln.

Vielleicht ist auch das wie das Leben, denke ich: Man darf es staunend bewundern, ein paar Augenblicke lang lieben, vielleicht sogar einen Moment in den Händen halten. Aber dann muss man loslassen und es geht mit der nächsten Welle zurück zum Ursprung. Wirklich verloren geht aber nichts und niemand.
Als ich vom Strand komme, mache ich Pläne für die Zeit nach dem Herbst. Mit einem Freund verabrede ich einen Waldspaziergang im Schnee, im Januar. Ich werde mit dem Nachtzug zu ihm fahren, im Schlafwagen. Das habe ich noch nie gemacht und ich freue mich darauf wie ein Kind. Der Mönch hatte Recht: Man muss vertrauen.
Wir werden leben.

Momentaufnahme, Norderney

Als die Sonne um 5 Uhr morgens über die Deichkrone flutet und die Wolkenränder erglühen lässt, bin ich sofort hellwach. Ein Ausflug steht an, und so sehr man die Insel auch liebt, so schön ist es doch, auch ab und zu etwas herumzukommen. Aber ich entferne mich nicht weit von Langeoog: Norderney heißt das Ziel; die zweitgrößte der Ostfriesische Inseln, welche 1797 zur ersten Königlich-Preußischen Seebadeanstalt an der deutschen Nordseeküste ernannt wurde. 
Am Hafen besteige ich die LANGEOOG II, mit knapp 33 Metern Länge eines unserer kleineren Seebäderschiffe. Am Kai gegenüber löscht ein Arbeitsschiff Möbelcontainer der Luxusmarke „Rolf Benz“: Die Gentrifizierung hat hat ihre gierigen Ausleger bis Langeoog gestreckt.

Es ist überraschend ruhig auf dem Schiff, keiner der Tagesausflügler an Bord plappert oder quengelt. Die Windrichtung ist Nordost. 
Ich steuere den Kahn nicht, also ist diese Information für mich eigentlich ohne Belang, aber da ich seit Tagen an einer noch nicht ausgestandenen Magen-Darm-Infektion laboriere, könnte sich das Wissen um die Windrichtung, gepaart mit einem Platz nahe der Reling, im worst case durchaus als nützlich erweisen.
Wir legen ab.

An Bord Nachdenken über das Ziel: Der Wikipedia-Eintrag zu Norderney umfasst, ohne Inhalts- und Quellenverzeichnis, 51 Seiten. Meine praktische Erfahrung beschränkt sich auf einen Kurzausflug vor einigen Jahren, in dessen Rahmen ich vor allem die Naturschutzgebiete im fast unbewohnten Ostteil der Insel erkundete. Heute soll es ein Stadtbesuch werden, denn tatsächlich: Auf Norderney befindet sich eine Stadt, welche gleichnamig mit der Insel ist, sich aber nicht über deren ganzes Gebiet erstreckt.

Es riecht nach Diesel und Salzwasser. Wir passieren Baltrum. Dann schält sich das Ostende Norderneys aus dem morgendlichen Dunst, golden beleuchtet von Sonnenstrahlen, die sich aus dichten Cumulus-floccus-Feldern drängen. 
Der Kapitän mahnt aufgrund „vermehrter Schiffsbewegungen“ zum Sitzenbleiben; zwei Teeniemädchen, die sich der Mahnung widersetzen, kreischen vergnügt, als das Schiff bugabwärts in die Wellen taucht und zu rollen beginnt.
Als braver Passagier bleibe ich sitzen, obwohl ich jetzt auch lieber auf dem Achterdeck stünde, Gischt im Gesicht. Aber so schaue ich nur herab auf die brodelnde See und fühle jede Woge in meinem Herzen. Wie ich dieses Element liebe, denke ich ergriffen, wie ich es liebe. Aller Gefahren zum Trotz: Gibt es denn irgendwetwas Schöneres auf der Welt?


Das Bild eines ehemaligen Marinesoldaten, den ich sehr liebgewonnen habe, legt sich in den Anblick der von silbernem Sonnenfunkeln durchwobenen See. Und ich ertappe mich bei dem Gedanken, dass ich den Mann jetzt gerne bei mir hätte, um diesen Augenblick zu teilen; um ihm zuzuhören, wie er erzählt von der See — mit seiner schönen Stimme, deren weicher, süddeutscher Einschlag zunächst gar keine Seeaffinität vermuten lässt.
Auf dem Foto, das ich von ihm aus Seezeiten im Herzen trage, hat das Meer dieselbe Farbe wie heute. Weiches Sonnenlicht fließt über das Schanzkleid der Fregatte und legt sich weich auf seine schöne Haut, die vollen, klar gezeichneten Lippen, läuft den Ärmel des blauen Dienstanzugs herab und lässt den Ring an seiner rechten Hand aufgleißen. Ich seufze mit resignierender Wehmut: Es gibt Dinge, die dürften nicht sein.

Der Mann steht lächelnd neben seinen Kameraden; das Schiffchen sitzt akkurat über seinen ebenmäßigen Zügen und er blinzelt ein wenig in die Sonne, der Schatten seidiger Wimpern malt feine Streifen auf sein Gesicht.

Mit einem zweiten wehmütig-resignierenden Seufzen blättere ich die Seite meines inneren Fotoalbums um, oder, zeitgenössischer: Ich wische.


Und so erzähle ich sie auch heute allein, meine Geschichte vom Meer. Und die See liegt vor mir und lauscht, in ihrer stoischen, uralten Ruhe, ungeachtet all des Sich-Türmens, Tobens, Auseinanderstiebens und Brechens an ihrer Oberfläche. 
Norderney dehnt sich steuerbords: Bald sind wir da.

Ich nehme einen Bus in die Stadt. Das erste Ziel ist das 1840 fertig gestellte Conversationshaus, das heute die Touristeninformation, Veranstaltungsräume und eine atemberaubend schöne Bibliothek mit passendem Lesesaal beherbergt. Das prachtvolle Gebäude erinnert an altehrwürdige Seebäder und lässt erahnen, warum Norderney auch heute noch als das „St. Moritz des Nordens“ gilt und zur Hochblüte der Badekultur viele gekrönte Häupter als Gäste begrüßen konnte. 

Auch eine elegante, kleine Café-Bar gehört dazu, wo ich (der Vernunft geschuldet) Kamillentee trinke und (der Unvernunft geschuldet) ein warmes Croissant mit Marmelade esse. Die sich der Unvernunft wegen unvermeidlich einstellende Übelkeit sitze ich in dem eingangs erwähnten Lesesaal aus, geflegte Sanitäranlagen in Reichweite wissend.

Auf einem Sideboard liegt eine reiche Auswahl an analogen Tageszeitungen aus, dazu gibt es Illustrierte und dunkle Holzregale mit Büchern vom Boden bis zur Decke. Mit seinem großen Kamin, den Ledersesseln, champagnerfarbenen, floral gemusterten Seidentapeten und der Bronzeskulptur eines Uhus verströmt der Raum das Flair eines englischen Herrenzimmers mit leichter Kolonialnote. Durch die riesigen Bogenfenster fällt der Blick in den gepflegten Park mit seinen Rosen, weißen Sitzbänken und Springbrunnen. Im sonnendurchfluteten Erker steht ein Flügel, ein frisches Bouquet gefüllter, viktorianischer Rosen steht in einer Kristallvase darauf, darüber majestätische Lüster.
 Stunden könnte ich hier verbringen, was sag ich: Tage, und einziehen könnte ich eigentlich auch. 

Irgendjemand, der das Schild „Tür bitte leise schließen“ am Entree nicht verstanden hat, donnert mich aus meinen Träumen von der Privatisierung dieses Gebäudetraktes, in denen ich am Erkerfenster dichte und der Lieblingsmensch dem Flügel musikalische Poesie entlockt. 

Auch meinem Vater würde es hier gefallen, denke ich, und es dauert mich einmal mehr, dass die Menschen, die einem am Wichtigsten sind, immer so weit weg sind. Und plötzlich wird mir auch klar, warum ich diesen Lesesaal liebe und mich darin geborgen fühle, als wäre ich darin aufgewachsen: Er riecht nach meinem Vater. 
Wenn mich jemand frage würde, welche Gerüche ich mit ihm verbinde, so wären das nämlich zweifelsohne die gedruckte FAZ und Kaffee. Wenn ich früher morgens in die Küche oder ins Wohnzimmer kam, und es roch nach Kaffee und Druckerschwärze, so wusste ich sicher: Papa war hier. Und so riecht es, mit den vielen ausliegenden Zeitungen und den vom Café herüberziehenden Kaffeedüften, auch im Conversationshaus nach Zuhause.

Im Kurpavillon spielt jemand Jazz, und fast sehe ich elegante Damen mit langen Kleidern und Sonnenhüten flanieren, dazu Männer in nicht minder eleganten Dreiteilern mit sonntagsfein gebürsteten Terriern an der Leine. Das dunkle Vibrieren der gezupften Kontrabass-Saiten durchströmt mich wohlig und lässt jede Übelkeit vergessen.


Es wird Zeit für einen Spaziergang. In den Straßen prachtvolle Gründerzeitbauten und Bäderarchitektur; filigrane Geländer, Veranden mit Rosen, Lavendel, Königskerzen; Gußeiserne Nostalgie-Schilder weisen auf Lädchen mit hübschen Dingen.
Natürlich gibt es auch auf Norderney Geschäfte mit dem handelüblichen Küsten-Kitsch sowie Discounter; es gibt einige Bausünden aus dem Siebzigern am Strand sowie schmucklose Nachkriegsbauten, wo britische, kanadische, französische Bomben Lücken in die Prachtstraßen der Insel und ehemaligen Seefestung gerissen haben. 
Auf dem Weg von der Einkaufszone zum Strand passiere ich die Kirche Stella Maris; ein 1931 von Dominikus Böhm im Stil der Neuen Sachlichkeit erbautes Gotteshaus und die größte katholische Kirche in Ostfriesland. 
Auch die befestigte Strandpromenade überzeugt mit mondänem, aber nie angeberischen Charme, wie ich ihn bisher nur von Seebädern auf Rügen — Binz und Sellin — kannte. Es ist ein wunderbares Lebensgefühl: Sommerliche Leichtigkeit.

Der Rückweg führt mich in die Kirche St. Ludgerus, 1884 geweiht. Die neogotische Saalkirche, ein kleiner Backsteinbau, öffnet nach Durchschreiten eines Vorraums mit großem Weihwasserbecken den Blick auf einen Altarraum, der in seinem Purismus unterkühlt wirken könnte, wären da nicht die weich gepolsterte Lederbestuhlung, die blitzende Orgel, die geschmackvollen, großen Blumenarrangements. 
In einem kleinen „Raum der Stille“ lederbezogene Kniebänke, eine aufgeschlagene Bibel, Weihrauchduft. Eine hölzerne Gottesmutter wacht über den Opferkerzen. 
Eine Frau kommt hinein, sie weint. Zuerst denke ich, sie ist nur erkältet, als ich das leise Schniefen vernehme, aber dann sehe ich Tränen in Bächen auf ihren Wangen und ihre zitternde Hand, als sie eine Kerze entzündet. 
Eine Träne tropft auf den Handrücken, die Gottesmutter wirft ihren Schatten darauf, das Kind im Arm. 
Gib ihr Trost, denke ich, denn mir tut die Frau Leid, aber es gibt ja nichts, das ich, ein Fremder für sie tun könnte, ohne anmaßend zu sein. 
Und so entferne ich mich nachdenklich. Meine beiden Kerzen, mit denen ich für diesen wundervollen Tag und all das Glück der vergangenen Wochen dankte, flackern im Luftzug der Tür, als ich St. Ludgerus verlasse.


Draußen tobt die pure Sommerfreude. Kinder herzen die drei großen Bronzerobben, welche die Fußgängerzone zieren; es duftet nach Waffeln, Liebe und Glück. 
Es ist gut, dass es offene Kirchen gibt. Denn wohin, außer zu Gott, sollte man sonst mit seinem Leid an einem Tag, der förmlich überquillt vor Lebensfreude? Seinen Freunden mag man ja auch nicht die Sommerstimmung verderben. In Kirchen indes darf man immer trauern, und auch wenn Maria das Kind in einem Arm trägt: Den anderen hat sie noch frei, und so hoffe ich, dass sich auch für die weinende Frau noch eine Umarmung findet.

Das Wetter ist prachtvoll, und so wandere ich ein zweites Mal Richtung Strand, zur „Marienhöhe“. Die Marienhöhe ist eine 11,5 Meter hohe Düne, welche nach Königin Marie von Hannover benannt ist, die gemeinsam mit ihrem Mann, Georg V. von Hannover, zu Lebzeiten hier häufig kurte. 
Auch Heinrich Heine dichtete auf Norderney: Ihm zu Ehren ließ die Königin einen Pavillon auf der Dünenkuppe errichten, der 1923 durch den heutigen markanten Rundbau ersetzt wurde, welcher ein Café beherbergt. Am Fuße der Marienhöhe indes geht es gerade wenig poetisch zu: Dort keilen sich Möwen um die Eishörnchen leichtsinniger Touristen.

Heinrich Heine weilte 1825, 1826 und 1827 mehrfach auf der Insel und verfasste hier seinen Zyklus „Die Nordsee“ sowie die Reihe „Seestücke“. Heute schaut er als Denkmal, ein Buch in der Hand, gedankenverloren auf das Pflaster vor dem architektonisch nicht allzu reizvollen „Haus der Insel“. In seinem Rücken bewegen sich die schönen Blattfächer alter Kastanienbäume im Wind.


Die Zeit vergeht zu schnell auf Norderney, ich muss zurück. Vor der riesigen FRISIA IV wirkt unsere LANGEOOG II wie ein Spielzeugschiffchen. Die Maschinen laufen, der vertraute Dieselgeruch steigt auf, ein Segler gleitet lautlos ins Hafenbecken. Die Mitreisenden sind müde, die meisten dösen. Auch ich falle nach dem Ablegen in kurzen, festen Schlaf; all die schönen Bilder und neuen Eindrücke speichernd. 


Es gibt nichts Schöneres, als einen Heimathafen zu haben, sei es ein Ort, ein Mensch oder beides. Ich liebe mein Langeoog und die Menschen, die mir Heimat bedeuten. Aber fast noch schöner als einen Platz zu haben, an dem ich sein darf, finde ich das Gefühl, einen Ort zu haben, an den ich zurückkehren kann. An den ich all meine Eindrücke und Bilder bringen kann, um sie neben die gewachsenen und gehegten Erinnerungen zu stellen und dort ebenfalls kostbare Erinnerung werden zu lassen. 

Ich denke an den Lieblingsmenschen und wie sich Geborgenheit und Freiheit in ihm treffen wie die Wolken und das Meer: Wie wir unsere eigene Schönheit im jeweils anderen spiegeln und die seine in uns festschreiben; Stürmen trotzend, ewig.