Was ich nicht schreiben wollte

Vor meinen Fenstern ist Frühling und das Ostergeschäft in vollem Gange. Am Fahrradverleih gegenüber bilden sich lange Schlangen; bunte Luftballons am Gartenzaun weisen auf den ersten Freiluft-Kreativmarkt des Jahres hin. Menschen erstehen fröhlich Souvenirs, befühlen Selbstgestricktes, halten Marmeladengläser in die Höhe. Ich sah viel durch meine Fenster dieser Tage; es ist der Ausschnitt Welt, der mir zurzeit bleibt, wenn man von den Monitoren meines Fernsehers und der internetfähigen Geräte einmal absieht.
Ich sah eisige Hagelschauer an die Fenster peitschen, ich sah Möwen im Sonnenschein kreisen, sah meine Bienenweide im Hochbeet keimen und meine Primeln vor Blüten nahezu explodieren. Ich sah, wie die Fenster durch abwechselnd Pollen, Regen und Sand immer blinder wurden und die Welt davor eintrübten.
Drinnen bemühte ich mich, die Trübnis fernzuhalten.

Ich wollte diese Geschichte nicht schreiben. Ich habe den Virus, trotz Impfung, Booster und aller Vorsicht. Es war eine Frage der Zeit; die 7-Tage-Inzidenz im Landkreis lag kurzzeitig bei fast 4200 und kriecht nur langsam abwärts. Wo ich ihn herhabe? Ich vermute eine Reise ans Festland vor bald zwei Wochen, mit Bus und Bahn und vielen Menschen, die das mit der Maskenpflicht schon längst nicht mehr ernstnahmen. War es das dauerhustende Kind im Abteil, das an meiner Rückenlehne herumkletterte? War es der Proseccoselig lärmende Damen-Kegelclub auf dem Weg nach Norderney? War es irgendein verantwortungsbewusster Mensch, der sich an alles gehalten hatte, aber dessen Test falsch-negativ war und deshalb jetzt dennoch andere ansteckte? Ich weiß es nicht, und es ist auch müßig, darüber nachzudenken. Der Virus ist in meinem Körper und damit ist er auch mein Problem. Ein Schuldiger würde ihn nicht herausspülen können. Das kann nur ich selbst, mit Gottes Hilfe.
Am Morgen nach meiner Rückkehr wachte ich mit einem fiebrigen Gefühl und Halsschmerzen auf, besorgte mir einen Test — noch guter Dinge, mich lediglich auf dem zugigen Bahngleis im Schneesturm erkältet zu haben — und starrte wenig später auf die sich abzeichnenden beiden Striche.
Dann fror ich, vor allem an Händen und Füßen. So sehr, dass ich meine Hände in heißes Wasser tauchen musste, um die Kälte ertragen zu können. Schüttelfrost, Stundenlang, ohne dass sich das fiebertypische Schwitzen anschloss. Ich legte alles bereit: Handtücher, stapelweise frische Kleidung, ließ mir von unserem guten Getränke-Liefergeist „Zisch-Express“ ein paar Kästen Erfrischungen vor die Tür stellen und gab allen, die mir wichtig waren, und die ich in den letzten Tagen hätte infiziert haben können, Bescheid. Die Freundin hängte Geschenke an meine Türklinke und ich sah ihre wehende Mantelspitze aus den Augenwinkeln. Öffnen konnte ich ihr nicht. Und dann war ich allein mit dem unbekannten Dritten in meiner Blutbahn, gegen den es bislang noch kein Heilmittel gibt. An Tag 4 war die Isolation nicht mehr freiwillig, ein PCR-Test bestätigte das Ergebnis. Im Internet schäumte ich über das dumme Zeug notorischer Corona-Leugner:innen und dachte, dass sich der Virus für eine Erfindung von Merkel, Gates und den Illuminaten ein wenig zu real anfühlt. Alle weiterführenden Gedanken im Kontext mit „jemandem etwas an den Hals wünschen“ verbot ich mir. Nichtsdestotrotz wurden mir die Sozialen Medien mit ihren Chat- und Sprachnachrichtsoptionen ein wichtiger Draht zur Welt, denn so konnte ich die Stimme der Freundin und die Stimmen von anderen lieben Menschen hören. Mein lieber Freund aus Stockholm sprach mir etwas so Lustiges aufs Band (oder wie immer man das Smartphone-Pendant dazu nennt), dass ich an dem durchs Lachen ausgelösten Hustenanfall fast kollabierte. Aber immerhin war all das Bellen und Röcheln und Keuchen so mal nicht völlig sinnlos. An Tag 5 beschaffte ich mir Codein, um meinen vor Husten komplett schmerzenden Körper zur Ruhe bringen zu können. „Trink doch lieber erst einmal Tee!“ — der wohlmeinenden Tipps gab es viele. Ich rang um Gelassenheit, ebenso wie um Atem. Im Hals schmeckte ich Blut.
Auf meinem Balkon strahlte die Sonne; leider machte mir die parallel stattfindende Birkenblüte einen längeren Aufenthalt dort nicht möglich. Sich als schwerer Pollenallergiker und Asthmatiker Corona zeitgleich zur Hochblüte des ärgsten Feinds in der Langeooger Flora einzufangen, war äußerst ungeschickt. Ich sah zum Dünenfriedhof und dachte, dass ich ohne Impfung womöglich schon den Blick in umgekehrte Richtung „genießen“ könnte. Ich hatte alles getan. Nun musste ich das wohl annehmen.
Die Hilfsbereitschaft meiner Umgebung war groß, was den Glauben an die Nicht-nur-Arschlöchrigkeit der Langeooger Dorfgemeinschaft restaurierte; vor der Tür standen Geschenktüten gänzlich unerwarteter Absender und Gläser mit selbstgemachter Hühnerbrühe. Und tatsächlich, ab Tag 6, 7 oder 8 (irgendwann ging mir das Zeitgefühl verloren) bemerkte ich eine leichte Besserung.

Meine Isolation ist noch nicht zuende, in 3 Tagen ist erstmals Freitesten möglich, und ich frage mich, wer diesen Text in 50 Jahren eigentlich noch versteht, mit all diesem Pandemie-Vokabular, das für uns inzwischen Alltag ist, aber irgendwann hoffentlich wieder Vergangenheit sein wird. 
Noch weiter draußen vor der Tür tobt ein entsetzlicher Krieg, in Frankreich hetzt sich die nächste Rechtspopulistin an die Macht.
Ich lasse die Nachrichtensendungen sein und schaue Tierdokus. Nicht einmal meine geliebten „Vikings“ mag ich gerade ansehen bei all dem echten Gemetzel da draußen. Ein Freund postet das Foto eines blutigen Kuscheltieres auf einem Bahnsteig in der Ukraine; Splitter drumherum. Mein Tag ist gelaufen und mehr muss man über den Krieg auch nicht sagen.
Es nützt absolut niemandem und ausbaden müssen es immer die, die den Scheiß weder wollten noch angefangen haben.

Die Freundin ist am Strand und ich weiß, wie sie da aussieht, den Wind in den Haaren, die ersten Sommersprossen, ein kleiner stiller Fels in der Brandung. Ich würde mich gerne anlehnen, aber es geht nicht. 
Sie hätte zum Balkon kommen können und von da mit mir reden, aber wir wissen beide, dass die Sehnsucht zu groß würde. Dann lieber gar nicht sehen.

Am Tag meiner möglichen Freitestung ist Karfreitag. Gerne würde auch ich mich zum Osterfest wieder vom Lager erheben können, aber das liegt in Gottes Hand. Wenn einen der Virus etwas lehrt, dann ist es Geduld.
Indes weiß ich nicht, wie Leute es in Quarantäne schaffen, Brot zu backen, eine neue Sprache oder ein Handwerk zu erlernen oder auch nur Langeweile zu haben. Mich erschöpfte alles dieser Tage. Ich wollte malen, aber beließ es beim Zusammensuchen der Utensilien. Ich wollte schreiben, aber nach dem Anlegen des Dokumentes konnte ich schon nicht mehr. Ich kochte Unmengen Tee, den ich dann wieder zu trinken vergaß. Ich kochte Essen und hatte schon beim Herdausschalten keinen Appetit mehr. Die Freundin ließ ich schokolierte Kalorienbomben bringen, die Waage zeigte 62 kg.

Fühle ich mich einsam? Nein. Aber ich fühle mich unnütz. Ich produziere gerne. Fotos, Geschichten und Bilder. Ich habe am Ende des Tages gern irgendetwas geschafft. Und sei es nur der Geschirrberg. Mit dem Virus geht das nicht. Der Körper schickt mir ein deutliches „Lass MICH in Ruhe arbeiten!“, wenn ich mich mit zuviel Zeugs abzulenken versuche.

Und so werde ich noch etwas länger die Welt durch meinen Fensterausschnitt sehen. Wenn der Wind günstig steht, dringt etwas Meeresrauschen an mein Ohr.

Momentaufnahme, Körper

Das Meer wartet noch. Seit einigen Tagen bin ich zurück auf der Insel, krankheitsbedingt ans Haus gebunden, der Weg zum Strand ist zu weit. Aber dieses einzigartige Blau des Himmels am Ende der Straße, hinter der das Meer liegt, lässt mich wissen, dass es da ist. Und auch das leise Wellenschlagen, das sich heute kaum hörbar in das Rauschen des Windes und des Herbstlaubs an den Bäumen webt, erzählt davon. Wie eigenartig es ist, zu dieser Übergangszeit fortgewesen zu sein. Ich betrat das Haus mit Schal und Mütze; im Bad trockneten noch Badehose und Strandtuch. Die abgerissenen Kalenderblätter, die meine liebe Blumensitterin säuberlich auf dem Regal stapelte, berichten von der verronnenen Zeit.
Es fühlt sich an, als hätte ich eine ganze Jahreszeit verpasst; in Wirklichkeit waren es keine drei Wochen. Vor zwei davon steckten noch Chirurgenhände in meinem Gedärm, andere zerrten meine Bauchdecke nach oben, auf der Suche nach etwas, das dort nicht hingehörte und freigeschnitten werden musste. Bei der Narkoseeinleitung hielt eine warmherzige und verständnisvolle Ärztin meine angstzitternde Hand. Ihr Kollege wartete respektvoll, bis ich mich bekreuzigt hatte, bevor er mir kalte Flüssigkeit in die Venen leitete. Ich hatte meinen Frieden. Und dieses Mal ging alles gut.
Mit dem Erwachen war aus dem eher geistig veranlagten Menschen ein durch und durch körperlicher geworden. Im Inneren herrschte eine unheimliche Grabesstille; noch war jede Darmbewegung gelähmt. Aus mir ragten Schläuche; aus der Bauchdecke, aus der Harnröhre. Dann explodierte der Schmerz. Aber ich fühlte, und deswegen wusste ich: Ich bin am Leben. Dank sei Gott.
Mit einer Tablette Oxycodon glitt ich in einen vertrauten Schmerzmittelrausch: So wunderbar, so weich, und so gefährlich. Ich schlief und erwachte davon, das mir kühle zarte Finger über die Wange strichen, ich roch Rosenduft. Ich vermutete die Schwester, aber im Zimmer war niemand. Ein Drogentrip, sagte mir die Vernunft, aber das Herz wollte glauben, dass es jemand vom Himmel war, der mich auf diese Weise tröstete. Der mir damit sagte, dass mir verziehen war und der wollte, dass ich lebte. Zwei Etagen über meinem Zimmer gab es eine Kapelle, ich schleppte mich mit meinen Schläuchen dahin, sobald ich das Bett verlassen durfte.
Nun aber scheint mir auch das schon wieder so weit weg. Auf dem Heimweg döste ich im fast leeren Salon der Fähre und sah den Reflektionen des Wassers an der Decke zu, die das Sonnenlicht durch die Bullaugen des Schiffes dorthin malte.

Nun sehe ich vom Bett aus dem Wolkentreiben zu und horche nach dem Meer. Mittags ist es noch warm genug, um mit Isoliermatte und Schlafsack auf eine Feldliege auf dem Balkon umzuziehen. Eine Primel hat sich von März bis in den Oktober gerettet und erfreut mich mit ihren Blüten und ihrem Vorbild an Lebenskraft. Inselarzt, Freundinnen und Freunde, Kollegen und Eltern kümmern sich. Ich leide keinen Mangel.
Und ich bestaune einmal mehr — und trotz kleinerer Rückschlage — was für ein Wunderwerk der menschliche Körper doch ist. Zwar sind die vier Schnitte in der Bauchdecke noch nicht verheilt, zwar scheint noch immer eine gewisse Unordnung im Gedärm zu herrschen, aber es ist doch erstaunlich, dass es heute überhaupt möglich ist, jemandem den Bauch aufzuschneiden, ohne damit sein Todesurteil zu fällen. Und dass man einen Menschen überhaupt halbwegs schmerzarm da durchbringen kann. Ich habe großen Respekt vor den Errungenschaften der Medizin. Vor allen Pflegenden und Helfenden sowieso. Am meisten aber erstaunt mich das Wunder der Heilung.
Diesem Wunder muss ich nun Zeit zur Entfaltung geben. Es ist nicht immer leicht: Man hat keine Geduld, man schämt sich um Hilfe zu bitten, man ist es nicht gewohnt, sich so sehr mit seiner eigenen Körperlichkeit beschäftigen zu müssen, auf seine physischen Funktionen zu achten und auf seine Grenzen. Ich muss auch mir Zeit geben. Das Meer, in seiner wundervollen Unendlichkeit, wird mich ohnehin überdauern. Es ist da. Und es wird auch weiter warten.

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