Decke

Seit Tagen hüllt sich die Insel in dichten Nebel. Das Nebelhorn an der Mole blökt ohne Unterlass. Mag das Geräusch anfangs noch idyllisch klingen, da es einem stetig beweist, auf einer Insel zu leben und zudem einen akustischen Halt im dunstigen Nirgendwo bietet, so zerrt es nach einigen Stunden doch an den Nerven. So viele Tage Seenebel in Folge habe ich auf Langeoog auch noch nicht erlebt. Zum Teil sieht man keine 50 Meter weit; sogar die nächstgelegene Straßenkreuzung wird schon vom Nebel verschluckt. Das Meer hört man, aber man sieht es nicht. Fotos vom Strand zeigen zurzeit eine einzige, graubeige Fläche. Ab und zu dringt ein Seevogellaut durch die Stille, aber auch diese Geräusche wirken gedämpft; ebenso wie die eigenen Schritte. Die Winterlandschaft bietet wenig Farbtupfer zur Orientierung: Hier und da eine letzte rote Hagebutte am kahlen Strauch; dort eine grüne Fläche saftigen, weichen Mooses in den Dünen. Die dunklen Sandfangzäune am Strand, und natürlich die Dächer des Inseldorfes. Aber sogar die Kirchtürme und der Wasserturm sind zeitweise komplett verschluckt. Menschen begegnen einem auf den Wegen wie frisch materialisierte Außerirdische, wenn sich ihre Konturen ganz plötzlich aus dem Dunst schälen, von weißgrauem Licht umflort.

Es ist, als zöge sich die Insel dieser Tage eine dicke „Klei-mi-an-Mors“-Decke über den Kopf, und ich kann es ihr nicht verübeln. Denn auch bei mir ist dieser Wunsch mitunter recht ausgeprägt. Nicht rühren möchte man sich, bis die Welt wieder klarere Konturen annimmt, und dabei eingehüllt sein in einen warmen, weichen Kokon. In sicherer Höhle mit einem großen „Bitte nicht stören“-Schild davor. In Zeiten, in denen viele Menschen unter Einsamkeit leiden, nimmt bei mir die Sehnsucht nach dem Alleinsein, nach dem nährenden und energiespendenden Luxus absoluter Stille, großen Raum ein. ‚Das hast du doch jetzt alles‘, könnte man meinen, denn auf Langeoog ist es so ruhig wie nie zuvor, und ich gebe zu, dass das Sehnen nach noch mehr Stille auf den ersten Blick paradox erscheint. Doch letzlich sind es zwar stille, aber keine ruhigen Zeiten. Täglich neue Erlasse und Unsicherheiten; niemand weiß, wie es weitergeht mit der Pandemie, täglich muss man mit einem großen Ansturm urlaubsausgehungerter Menschen auf die Insel rechnen, der dann wenige Tage später doch wieder abgeblasen wird. Das gesellschaftliche Klima ist toxisch; in der Langeweile, womöglich gepaart mit Existenzangst, beginnen einige Zeitgenossen mehr denn je, um sich zu beißen und sich auf einzelne einzuschießen; Lappalien und private Eitelkeiten werden zu Dramen hochgekocht, über die meine Freunde auf dem Festland nur ein Wort übrig haben: „Provinzposse“. Ich kann es ihnen nicht verübeln. So bleibt zu hoffen, dass außer dem Nebel auch der Verstand einiger Leute wieder aufklaren möge und dass sich der dunstige Vorhang ihrer Verblendung und Vorurteile wieder lichtet. „It’s not magic, boys, and it is no picnic either“, mag man hier das US-amerikanische Schriftstellergenie Philip Roth zitieren — der damit übrigens das Dasein als Autor beschrieb. I feel you.

Es sind gewissermaßen absurde Zeiten; auch, was die öffentliche Berichterstattung angeht. Die Tageszeitungen sind voll mit Fotos von Menschen, die sich die Haare schneiden lassen, als sei das Friseurhandwerk soeben von Elon Musk erfunden worden. „Mutantenquote in Österreich bei 58%“ titelt ein anderes Blatt. Man stelle sich diese Schlagzeilen einmal ohne Wissen um die Pandemie vor — es klänge nach einem Slapstick-SciFi-B-Movie.

Unter all diesen Aspekten finde ich den Nebel schön, steht er doch für ein seelenstreichelndes Nichts-Sehen-Nichts-Hören-Müssen. Tatsächlich erscheint einem ein begrenzter Horizont mitunter fast erstrebenswert, im Sinne von: Alles, was weiter als 50 Meter von meiner Haustür weg ist, geht mich nichts an. Aber auf Dauer wäre wohl auch das anstrengend, zumindest, wenn es im Umkehrschluss bedeutet, dass man die Dinge innerhalb dieses Radius zu absurder Größe aufbläst und ihnen eine Bedeutung zumisst, die sie außerhalb dieses umnebelten Mikrokosmos einfach nicht haben.

Zweifelsohne gilt das aber auch für mein eigenes Dasein. Alleinsein ist wunderbar erholsam, Stille ein Gut von unschätzbarem Wert. Dennoch ist es nötig, sich ab und zu daran zu erinnern, dass man nicht allein auf diesem Planeten lebt. Dass man Verantwortung für seine Mitgeschöpfe trägt, auch für die, die man nicht kennt und sieht oder deren Anblick einem keine Freude macht. Man kann sich nicht permanent die Decke über den Kopf ziehen, auch wenn man es gerne würde. Man ist ein Rad im Getriebe dieses röhrenden, wuselnden und vielfach verwundeten und verwundenden Ungeheuers, das sich Gesellschaft nennt. Das Nebelhorn mit seinem monotonen Blöken erinnert uns im Minutentakt daran: Da draußen ist jemand. Es warnt uns alle.

Momentaufnahme, Virus

Nun ist sie also da, diese Schnapszahl, und es wird der erste Geburtstag sein, an dem mir nicht einmal mehr jemand die Hand gibt.
Die Angst vor dem neuen Virus treibt ungeahnte Blüten der Hysterie: Jeder Mitmensch ist potentiell keimschleudernd, also feindlich; in den Drogeriemärkten auf dem Festland gibt es keine Seife und kein Desinfektionsmittel mehr, in den Supermärkten plündert man im großen Stil Konserven und Mehl; skrupellose Gierhälse verdienen sich mit überteuerten und für den Normalbürger nutzlosen Atemschutzvorrichtungen eine goldene Nase, während diese für Pflegepersonal und Kranke (die sie tatsächlich bräuchten) knapp werden. Teilweise werden diese Dinge auch im großen Stil geklaut: In Krankenhäusern zapfen Leute die öffentlichen Steriliumspender in mitgebrachten Gefäßen für den Eigenbedarf leer; von der Kinder-Intensivstation der Charité raubten grenzenlose Egomanen die Vorräte an Atemschutzmasken. Und auch wenn ich sonst keinesfalls Freund alttestamentarischer Vergeltungen im Stile von „Zahn-um-Zahn“ bin, so erhoffe ich doch zumindest, dass einige dieser Leute der Blitz beim Scheißen trifft.
Und was die Lebensmittel-Hamsterei betrifft, so bin ich mir sicher, dass Tonnen dieser gierig und missgünstig zusammengerafften Lebensmittel irgendwann eh weggeschmissen werden — aber so hat sie wenigstens kein anderer bekommen. „Ich glaube, dass die Decke der Zivilisation grundsätzlich sehr dünn ist und bei der kleinsten Belastung gleich Risse bekommt“, resümiert ein lieber und kluger Freund treffend dieses Phänomen, das wohl nicht nur uns beide anekelt.

Auf Langeoog wurde bislang noch kein Virenbefall gemeldet und die Läden sehen noch halbwegs normal bestückt aus, allerdings ist es angesichts von BesucherInnen aus allen Teilen der Republik und von Fernreisen zurückkehrenden InsulanerInnen nur eine Frage der Zeit, bis der Erreger hier nachgewiesen wird. Darüber macht sich wohl niemand Illusionen. Ein bisschen skurril ist es dann aber doch, wenn man Personen, die man auf der überfüllten Mittagsfähre noch mit Mundschutz antraf, abends beim angeregten Plausch (ohne Mundschutz) in fröhlichem Damenkränzchen beobachtet, wo beim gemeinsamen Schnattern und Singen die Speicheltröpfchen nur so fliegen.
Als ob so ein Virus zwischen Freund und Feind unterscheidet. Als bekäme man es nur von feindlichen Fremden, aber nicht von der selbstgewählten Gesellschaft.

In der Kirche gibt es keinen Friedensgruß mehr und kein Weihwasser, und auch der neu angereiste Kurpriester verweigert den Handschlag. Wo sind wir, denke ich, wenn nicht einmal mehr dort Gottvertrauen herrscht? Aber die Virenangst ist (im Gegensatz zum Virus selbst) wohl wirklich schon überall, denn sogar im altehrwürdigen Dom zu Osnabrück, den ich dieser Tage besuchte, fehlte das Wasser in den Becken.
Während der Messe hustete mir ein Hintermann indes riechbar auswurflastig in den Nacken, und man muss kein Virologe sein, um zu dem Schluss zu gelangen, dass dies wohl riskanter als verweigerte Mundkommunion und ein Kreuz mit Weihwasser zusammen war. Es folgte eine Fahrt im vollen Zug, im vollen Bus, auf der vollen Fähre. Überall sprechende, hustende, schniefende Menschen, befummelte Haltestangen und Fahrkartenautomaten, ein sich im Fahrzeug erbrechendes Kind. Aber am Ende war’s der Leib Christi: Sicherlich nicht.
Fehlt nur noch, dass die Hostie demnächst mit einer Zange oder Einmalhandschuhen angereicht wird wie ein Teilchen vom Bäcker, denke ich traurig und jammere im Herzen ein wenig über einen weiteren Aspekt der wunderschönen traditionellen Liturgie, der hier gerade vor meinen Augen, nunja: kontaminiert wird — Hoffentlich nur auf Zeit.

Immerhin wird durch die aktuelle Virenpanik einmal plastisch vor Augen geführt, was HIV-positive Menschen sogar heute noch nach einem Outing erdulden müssen: Dass andere plötzlich Berührungsängste haben. Dass Leute heimlich Dinge abwischen, die man berührt hat, dass es — wie mir einst jemand zu meinem Entsetzen erzählte — sogar enge Freunde gibt, die plötzlich eigenes Geschirr und Besteck in separierter Schrankecke für einen vorhalten. Dass Menschen auch heute noch keine Ahnung vom Unterschied zwischen HIV und AIDS haben, geschweige denn von Nachweisgrenzen und antiviraler Medikation. Auch die gängigen Infektionswege hielt ich naiverweise für gemeinhin bekannt, aber auch da soll es nach wie vor Leute geben, die meinen, dass beispielsweise Heterosexualität per se davor schützt. Oder dass Frauen dagegen immun sind.
Gäbe es einen für HIV und AIDS zuständigen Heiligen, würde ich diesen jetzt um Aufklärung und Verstand anrufen, aber so weit ist meine geliebte katholische Kirche wohl noch nicht. Bis dahin hilft vielleicht stellvertretend die heilige Corona — von deren Existenz der Durchschnittskatholik wohl ohne das neue Virus nie erfahren hätte.
Jedenfalls kann man angesichts der aktuellen Corona-Hysterie wohl erahnen, wie es sich anfühlen muss, von anderen für eine potentiell todbringende Keimschleuder gehalten zu werden; wenn jedes Husten Panik hervorruft, wenn einen selbst Vertraute plötzlich nicht mehr anfassen mögen, wenn sich Menschen von einem wegsetzen, weil man ein wenig blass aussieht oder sich schneuzt. Wenn man kurz davor ist, sich ein Shirt mit dem Aufdruck „Keine Angst, es ist nur Heuschnupfen!“ anzuziehen, bevor man sich mit niesfreudiger Nase in die Öffentlichkeit wagt.

Ich für meinen Teil nehme die Sache durchaus ernst, laboriere allerdings seit Wochen an so vielen anderen Infekten herum, dass ein Corona-Virus den Braten vermutlich auch nicht mehr fett macht. Vorräte gebunkert habe ich auch keine, da mir Kraft, Geld und Lagerraum für Großeinkäufe fehlt; von fehlender Einsicht in die Notwendigkeit gar nicht zu reden. Es macht mich alles so furchtbar müde, und die persistierenden körperlichen Malaisen sind nicht die alleinige Ursache. Der Zustand unser Gesellschaft, der sich in Zeiten dieser neuen Art von Bedrohung zeigt, trägt entschieden dazu bei: Sozialdarwinismus vom Alleruntersten. Die Menschheit hat fertig, denke ich dann oft, und dass ich so wohl nie meine soziale Phobie in den Griff bekommen werde. 
Aber immerhin ist es nun endlich ein Evolutionsvorteil, nur wenige enge Kontakte zu pflegen.

 

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Momentaufnahme, Alpha

Die Menschheit überfordert mich. Zuweilen beschleicht mich der Eindruck, dass die Sozialnormen, mit denen ich groß wurde, keine Gültigkeit mehr haben und dass es kein Gemeinschaftsgefühl mehr außerhalb des eigenen Mikrokosmos gibt. Man sieht die eigene Familie, die eigene Komfortzone, und dahinter ist: Feindesland. Oder auch einfach gar nichts. Natürlich spielt dabei auch die Digitalisierung eine Rolle: Wenn man sogar unterwegs noch via Smartphone ununterbrochen in seiner Filterblase bleiben kann, erübrigt es sich, ein Gespräch an der Bushaltestelle anzufangen, und sei es nur aus Langeweile. Und was früher als Hilfsbereitschaft gegolten hätte, wird heute wohl gleich als Dienstleistung eingestuft: Bewertung inklusive.
Die Fälle mehren sich, und ich bin ihrer überdrüssig. Ich ertrage diese Rechthaberei nicht mehr, diese Aggression, diese Nehmermentalität. Und ja, es gibt auch all die anderen; es gibt die Menschen, die Frieden bringen und zusammenführen statt trennen, aber so, wie der Lärm einiger Menschen den Gesang der Vögel und das Meeresrauschen übertönt, so macht es das Gebaren einiger Mitbürger schwer, den Blick fokussiert zu lassen und auf die Grandiosität der Schöpfung zu schauen statt in deren Schmuddelecken.

Heute ist der Gedenktag des heiligen Maximilian Kolbe; ein Märtyrer, der für mich das Ideal christlicher Nächstenliebe verkörpert wie kaum ein zweiter. Man kann nur voll Ehrfurcht auf sein Wirken zurückschauen und auf seinen grausamen Tod, den er als Liebesdienst an einem Mitmenschen auf sich nahm: Ermordet von den Nazis, um einen anderen Mann zu retten. Und wie zynisch ist es, dass man den heiligen Maximilian, in dessen reines Herz nie das Gift menschlicher Niedertracht vorgedrungen war, ausgerechnet durch eine Giftspritze in selbiges tötete?
Es fällt schwer, aus der Erinnerung an diese dunkle Zeit mit diesem unermesslichen Leid und ihren Grausamkeiten wieder zum profanen Alltagsärger zurückzukehren, aber tatsächlich hatte mich dieser heute wieder schneller in den Fängen, als ich ahnen konnte.

Auch in der Kirche gedachten wir des heiligen Maximilians; ich war sogar vorrangig deswegen hingegangen, weil ich diesen Heiligen sehr verehre. Aber die Konzentration fiel mir schwer. Ich dachte mehr darüber nach, dass der Priester die Albe nicht korrekt zugenöpft hatte und dass seine Stola verrutscht war, als dass ich das WORT reflektierte. Ich kniete, saß und stand auf Stichworte hin wie ein Automat, die Worte des Vaterunsers sprach ich und dachte dabei an irgendetwas anderes. Ich kam nicht zur Ruhe und fühlte mich schuldig deswegen. Verdiente nicht wenigstens ER die ungeteilte Aufmerksamkeit?
Warum nahm ich statt des Wunders der Eucharistie solche Oberflächlichkeiten zur Kenntnis? Der Priester hatte das mit der Stola überdies längst selbst bemerkt und zupfte sie zurecht, bevor er mit der Hand zum Segen ansetzte. Ich fühlte mich unwohl, als ich die Kirche verließ, als nichts Halbes und nichts Ganzes.

Während der Messe hatte es erneut leicht geregnet; auch der Himmel sah unschlüssig aus und schien sich nicht zwischen Drama und Nonchalance entscheiden zu können. Eine Familie stand vor der Kirche und rätselte über die Form des Kirchturms. Ich hörte Ihnen zwangsläufig zu, als ich mein Fahrrad aufschloss und beschloss, zu helfen. „Das stellt den griechischen Buchstaben Alpha da“, sagte ich, „Alpha und Omega, aus der Offenbarung des Johannes.“ „Ach!“, fuhr die Frau mich in verächtlichem Tonfall an, „Dann zeigen sie mir doch auch noch die Omega-Kirche dazu!“ Ich sah sie verdutzt an ob dieses Aggressionsausbruchs. „Nie im Leben ist das ein Alpha, ein A ist das, aber kein Alpha!“ Sie schrie es fast; in meine Richtung flog Speichel.
Ich hätte ihr sagen können, dass ich ein Jahr lang Führungen durch diesen Sakralbau gemacht hatte. Ich hätte ihr sagen können, dass ich dafür 3 Monate lang Architekturzeichnungen und Artikel zusammengesucht und akribisch studiert hatte. Ich hätte ihr sagen können, dass ich mit dem Architekten darüber gesprochen hatte, der die Kirche samt des Turms kannte wie seine Sakkotasche. Ich hätte ihr sagen können, das unsere Gemeindeleitung ihre wunderbaren Monatsimpulse im Kirchenblättchen immer mit A… beginnen ließ: Des Anfangs wegen, Alpha.
Ich sagte ihr nichts von alledem, ich nahm mein Fahrrad und fuhr davon. Wenn es ihr so wichtig war, Recht zu haben, sollte sie halt Recht haben. Ich mochte diese Kirche. Sie war für mich viel mehr als ein profaner Buchstabe A, und ich hatte viel Lebenszeit investiert, um den Bau zu verstehen und ihn anderen Menschen nahezubringen. Aber es wäre sinnlos gewesen, hier darauf hinzuweisen, und ich wollte nicht eitel sein. Zumal es mich ja im Grunde auch nichts mehr anging, da ich keine Kirchenführungen mehr machte.
Ich hörte die Frau noch eine Weile zetern, das „Alpha!“ausspuckend wie bitteres Essen. Der arme Kirchturm streckte sich einsam in den grauen Langeooger Himmel: Auch seine Botschaft kam nicht gleich bei jedem an, offensichtlich.

Eigentlich hatte ich nur helfen wollen. Ich hatte gedacht, die Menschen würden sich vielleicht freuen, wenn ihnen jemand, der gerade aus dieser Kirche kam, bei der Lösung ihres Rätsels half. Ich hatte mich geirrt, und ich bereute umgehend, mich in das Gespräch eingemischt zu haben. Wieder einmal hatte ich nicht verstanden, wie Menschen funktionieren.
Und es war nicht der erste Fall dieser Art. Kürzlich sprachen mich zwei Frauen an, sie waren auf der Suche nach ihrer Ferienwohnung. Ich kannte die Straße und nannte ihnen die Richtung. „Das kann nicht sein, das muss irgendwo anders sein“, keifte mich eine der beiden Touristinnen an, „der Vermieter hat am Telefon nämlich was anderes gesagt als Sie, das ist da nicht!“ Ich starrte sie verdutzt an und wusste nicht, was ich sagen sollte. Warum hatte sie dann überhaupt gefragt?
Aber es war ohnehin zu spät, um noch etwas zu erwidern, denn die Frau hatte ihre Begleitung längst beim Ellenbogen gepackt und zerrte sie dank- und grußlos in die Gegenrichtung. „Gern geschehen“ murmelte ich und fügte noch ein „viel Spaß am Ostende“ in Gedanken hinzu, denn genau dahin waren die beiden nun schnurstracks in der Dunkelheit unterwegs. Auch hier hätte ich sagen können, dass ich seit 5 Jahren auf Langeoog wohne, dass ich die gesuchte Straße fast täglich passiere und man mir das deshalb ruhig glauben könne. Aber auch hier tat ich nichts von alledem, sondern ging weg und ärgerte mich.

Ich hatte noch nie ein besonderes Talent für Sozialleben und zeitlebens auch kein ausgeprägtes Verlangen danach; seit frühester Kindheit schöpfe ich vor allem Kraft aus dem Alleinsein. Zuweilen versuche ich mich trotzdem noch daran, mit anderen eine Kommunikationsebene zu finden, aber Situationen wie diese zeigen mir vor allem eins: Ich schaffe es nicht. Ich verstehe Menschen nicht, und ich verstehe sie immer weniger. Es bleibt ein Gefühl der Ratlosigkeit, das nicht selten in Resignation mündet. Ich möchte aufgeben, es gar nicht mehr versuchen, mich zurückziehen von allem und aus allem. Es macht mich so unendlich müde.
Ich verstehe jeden Eremiten, der sich irgendwann nur noch mit GOTT unterhält, mit dem Flüstern des Windes und dem Rauschen der See. Manchmal wäre mir sehr danach: Keine Menschen, keine Probleme.
Aber natürlich wäre das unfair gegenüber den paar tapferen Freundinnen und Freunden, die meine Sprache verstehen und auch meine Sprachlosigkeit. Die mein Hadern mit der Welt aushalten. Die mich aushalten. Ich weiß, dass sie da sind. Und dass sie zuhören.

Beim Einkaufen treffe ich gleich zwei Menschen, die ich gerne mag. Beide haben zurzeit sehr viel Stress — wie fast jeder, der hier im Sommer einer abhängigen Beschäftigung nachgeht. Aber beide strahlen stets eine natürliche Freundlichkeit aus, die niemals aufgesetzt wirkt. Es sind zwei schöne, stille Seen inmitten eines lauten, unablässigen blubbernden Freizeitwasserparks. Hier ein leises Raunen im Schilf, ein Eisvogel, der mit den Flügeln schlägt, ein feiner Geruch nach Erdreich und moosiger Kühle — dort das Kreischen von der Plastikrutsche und ein Schwall chlorigen Pisswassers, der in der Nase brennt.

Inzwischen ist die Nacht angebrochen, die Tage werden wieder merklich kürzer. Mir ist das Recht, denn die Nacht ist mein Freund. Sie lässt die laute Welt still werden, macht aus den Ärgernissen des Tages Vergangenheit und gibt Kraft und Zuversicht für das Kommende.
Das hoffnungsstiftende Alpha unseres Kirchturms hilft mir dabei, denn es erinnert daran, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, immer wieder diesen Neuanfang geschenkt zu bekommen. Himmelswärts strebend weist es auch gleich die Richtung, in die wir gehen müssen. Es tut gut, so viel Klarheit darin zu finden; eine solch eindeutige Botschaft in all dem Kommunikationsdickicht, im Flickenteppich dieser zerfaserten, ruhelosen Gesellschaft. Ich halte mich daran fest wie an einem Rettungsring.

 

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Momentaufnahme, Siedlung

Nach dem Gewitter kommt langsam wieder Leben über das Land. Im Vorgarten durchbrechen grüne Halme die vormals verbrannte Erde; drei weiße Schmetterlinge jagen sich über den sonnengelben Blütendolden des Rainfarns, auf dem noch, Glasperlen gleich, letzte Regentropfen schimmern. 
Noch ist der Himmel verhangen, aber es wird nicht lange dauern, bis das Licht das Wolkengrau verdrängt. Eine erste Ahnung von Blau ist schon zu sehen.

Ich gehe zum Strand. Die Luft ist mild. Außer mir ist niemand dort, die Menschen sind fort. Denn obwohl die Insel zurzeit vor Leuten überquillt, haben mit Einsetzen des Regens alle fluchtartig ihre gestreiften Trutzburgen der Strandkörbe verlassen und das Meer an Strandzelten und Campingsesseln eingeklappt. Was bleibt? Eine seltsam anmutende Siedlung, die für mich eine Menge über den Status Quo der Gesellschaft aussagt.

Denn zum ersten Mal wird mir bewusst, wie viele der Strandkörbe mit einem kleinen, künstlich angelegten Wall umgeben sind; hinzu kommen jene, welche mit Wäscheleinen, Gittern, Fahrradschlössern für die Dauer der Miete abgesperrt wurden, Territorialanspruch und exklusive Nutzungsrechte in die Welt schreiend.
An Stellen, wo nur wenige Menschen hinkommen, ist der Sand glatt und eben. Eine Fläche, die im technischen Sinne „egal“ ist, aber auch im übertragenen Sinne: Der See ist es egal, wer dort entlang läuft. König oder Bettler, Papst oder Politiker, Angestellter oder Aufsichtsrat. Gleichermaßen werden die Fußspuren mit der nächsten Welle eingeebnet: Egalisiert.
Nicht so, wo der Mensch den Strand sein eigen meint und ihn zur Sommerfreude okkupiert. Wie sehr zeigt sich hier das menschliche Bedürfnis, sich Land und Dinge Untertan zu machen und sich, wiewohl süchtig nach Gesellschaft, stets über andere zu erheben oder sich von ihnen abzugrenzen; am liebsten im Rudel, verschanzt hinter der vermeintlichen Macht der Gruppe und/oder ein paar reißenden Leitwölf_innen: 
Wir gegen Die.
Indes: Dass die lauteste Mehrheit nicht zwingend Recht hat, sollten wir in unserem Land seit spätestens 70 Jahren wissen.

Mir ist das nicht geheuer, jetzt, wo ich all diese Festungen dort verwaist vor mir sehe. Ich übersteige einen der Wälle und setze mich in einen der Strandkörbe — Hausbesetzung leicht gemacht.
Mein Hang zum Subversiven, schon früher Gegenstand der Verzweiflung beim Lehrkörper meiner Jugend, ist offenkundig nicht totzukriegen. Ich akzeptiere Dinge nicht, weil sie nunmal so sind oder immer so waren, sondern weil sie mir einleuchten. Weil sie logisch sind und im Idealfall auch gut.
Und was mir nicht einleuchtet, hinterfrage ich. Geht so nicht eigentlich mündiges Bürgertum? 
Etwas ratlos blicke ich zurück und frage mich, warum für viele auch der Grat zwischen Aufmerksamkeit und Auflehnung so schmal ist. Und für viele sind Lösungen so einfach, ach so einfach.
Man kritisiert Missstände auf der Insel? „Ja, dann zieh doch weg.“ Es kriselt in der Partnerschaft? „Ja, dann trennt euch doch.“ Es kommen Herausforderungen auf Europa zu? „Grenzen dicht.“ Man hadert mit ein paar Details römisch-katholischen Kirchenrechts? „Das hast du doch von Anfang an gewusst.“ Beliebte Varianten sind auch: „Hab ich gleich gesagt“ und „War doch klar, dass das schwierig wird.“ — Als ob Stillhalten und -sein oder gar Flucht je ein System verändert, je eine Gesellschaft vorangebracht hätten!
Auch ist es ein Trugschluss zu glauben, ein leichtes, einfaches Leben sei automatisch ein glückliches oder Zufriedenes. Glück braucht so viel mehr als das geringstmöglichse Maß an Reibung: Oft sogar das Gegenteil davon.

Wann, frage ich mich, ist den Leuten eigentlich der Kampfgeist flöten gegangen, das Eintreten für das, was man liebt, und das, was einem wichtig ist? Warum geht „guter Rat“ zunehmend nur noch in Richtung Duckmäusertum oder Kapitulation? Was bitte, ändert sich vom Schweigen und Aufgeben? Was vom passivem Verharren, was von der Flucht in Was-auch-immer? 
Wo, frage ich mich, ist der Wille, die Veränderung zu sein, die man sich wünscht? Muss man denn wirklich immer erst auf „die anderen“ warten, wie in der Schule, als man sich erst aufzuzeigen traute, wenn es auch ein anderer machte, damit man nicht als Streber galt, als vorschnell, als besserwisserisch? 

Wird denn wirklich nur noch aufgestanden, um sein für alles andere blind machende ICHICHICH gegen ein ominöses „DIE DA“ zu verteidigen?
Wobei ich mit dem ICHICHICH das herrische Gebaren vieler gesellschaftlicher Gruppierungen — von Aktivismus bis Politik — oder (um auf den Mikrokosmos „Tourismus auf Langeoog“ zurückzukommen) auch das etlicher Kleingruppen und Paare einschließe. Diese Menschen mögen alle naselang in der „Wir“-Form sprechen: Von Gemeinschaft haben sie trotzdem nichts verstanden.

Nun also, die Strandkörbe. Eigentlich ein schönes Blid man Strand, aber mit diesen unzähligen Festungswällen drumherum ein trauriges Bild. Ich mache ein Foto davon und nenne es „die Einsamkeit der Strandkörbe“; es ist das trostlosesete Motiv, das ich je auf der Insel fand.
Der Himmel reißt auf; in Kürze werden Strand und Burgen wieder belebt sein. Dann verläuft sich der Exklusivitätsanspruch, weil überall Kinder und Hunde herumwuseln und es sich nicht vermeiden lässt, dass auch Utensilien in den „Vorgärten“ der anderen landen oder ab und zu einer hindurchlatscht. 
Vielleicht, und nur das rettet meinen Glauben an die Menschheit, sammelt auch jemand aus der Nachbarburg mal einen fremden Ball auf und gibt ihn zurück mit einem Lächeln oder jemand leiht einer fremden Familie etwas. Vielleicht gibt es dann ab und zu auch eine Gemeinschaft unter Fremden, für mich das Ideal von Gemeinschaft.
Es ist zu leicht, sich in seinem eigenen Mikrokosmos einzusperren und abzuriegeln, zunehmend unerreichbar für
Milde, Nachsicht, Bildung und Menschlichkeit.

Auch das beobachte ich als beunruhigenden Trend: Die Menschen scheinen mir immer härter und unbarmherziger gegenüber anderen, aber im Inneren zunehmend verweichlicht. Wo geht eine Gesellschaft hin, frage ich mich, wo Schmeichelei, Heuchlerei, Opportunismus und Anpassung, in ihrer kriecherischsten Form, als Tugend gefeiert werden? Wo Kinder von klein auf auf „Markttauglichkeit“ gedrillt werden, bei gleichzeitiger gravierender Überbehütung? Wo „Freundschaft“ wie eine Aktie gehandelt wird, wo der Mut zur eigenen Meinung oder gar zur Veränderung gleich als Querulantentum gilt?
Auf der anderen Seite werden ekelerregende Ausprägungen menschlicher Kälte immer salonfähiger: Bösartigkeit und Häme, wohin man blickt. In den Sozialen Medien wird das besonders deutlich. Menschen sterben: Haha-Emoticon. Frau wird vergewaltigt: Haha-Emoticon. Menschen fordern Menschenrechte: Haha. Menschen krebsen am Existenzminumum: Haha. Menschen sagen ehrlich ihre Meinung: Haha. Natürlich ohne konstruktive Gegenrede — man kommt heutzutage ja wunderbar ohne die Anstrengung des Denkens aus, wenn man stattdessen doch genauso gleich persönlich werden kann.
Eine Frau beschwert sich über Sexismus: „Alte sei froh, wenn dich überhaupt noch einer anpackt“. Ein Krankenpfleger klagt über Arbeitsbelastung? „Wenn du in der Schule nicht versagt hättest, hättest du jetzt einen anderen Job und bräuchtest nicht jammern“. Gern auch abgekürzt zu „Mimimi“: Die Infantilisierung der Welt. Noch so eine Seuche, aber ich will nicht abschweifen.
Was ich am meisten vermisse, sind wohl zwei Tugenden, die man, so finde ich, gar nicht hoch genug achten kann: Demut und Dankbarkeit.

Demut und Dankbarkeit gegenüber der Schöpfung, gegenüber dem, was man hat, gegenüber der Gnade des Leben-Dürfens. 
Es gibt so viel, das nicht selbstverständlich ist. Aber um das zu entdecken, muss man bereit sein, seine Festung, sein Rudel zu verlassen und sich den Dingen — und Menschen — stellen. 
Und es lohnt sich, auch immer wieder neu hinzusehen, den Dingen und Menschen einen zweiten, dritten, vierten Blick zu schenken, anstatt schon nach einem halben die Schubladen zuzuknallen und seine Meinung als gesetzt anzusehen. Überall bieten sich Neuanfänge und Perspektiven, auch und gerade jenseits zubetonierter Pfade.

Der Himmel über Langeoog macht das aufs Schönste vor: Steht über dem Meer noch eine schwarzgraue Gewitterwand, so zeigt sich über den Dünen bereits der erste, goldene Schimmer von Sonnenlicht. Wenn man sich ein Stück vorlehnt in seinem Strandkorb und um sich blickt, sieht man das. Guckt man stur geradeaus, ist da nur das Gewitter.

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Momentaufnahme, Pleite

Die Rechnungen sind beglichen. Ich kritzele „bezahlt“ auf den letzten Überweisungsträger und werfe ihn auf den Stapel zu den anderen. Dort wird er ins Fach „Ablage“ wandern und irgendwann in den zugehörigen Ordner. Auch die Steuererklärung ist eingereicht, immer mit Herzklopfen, ob man trotz ohnehin ruinöser Steuerklasse 1 wegen der freien künstlerischen Betätigung nebenher nicht noch draufzahlt. Dennoch: Es ist ein gutes Gefühl, keine Schulden zu haben, wenn man von der noch abzuzahlenden Wohnung einmal absieht. Nur der Kontostand ist jetzt, nachdem alles abgebucht wurde, ein Desaster.
Dabei denkt man ja immer, dass man sich außer einer neuen Jacke, Balkonblumen, einem Ersatz für den kaputten Wasserkocher und ab und zu einem Essen auswärts keinen Luxus geleistet hat diesen Monat, aber Kleinvieh macht dann doch erstaunlich viel Mist. Das neue John-Grant-Album, das mir im Hintergrund gerade so treffsicher von meinem Leben erzählt, als sei der Mann mein Seelsorger, zähle ich nicht dazu, denn Musik ist in Phasen des Hungers mindestens so wichtig wie Essen. Das meine ich übrigens vollkommen ernst, und es trifft so ziemlich alle Arten von Kunst.

„Warum hast Du auch nichts studiert, womit man Geld verdient“ lauten die üblichen Unkenrufe, aber abgesehen von meiner Dyskalkulie, die ein MINT- oder BWL-Studium trotz Wollens unmöglich gemacht hätte, tue ich mich damit schwer, den Wert künstlerischer Betätigung nur ökonomisch zu erfassen.

Natürlich hadere ich mit meiner relativen materiellen Armut. Wenn jedes „Gönnen“ zwangsläufig mit einem „Verkneifen“ einhergehen muss. Wenn die Wahl lautet: ein neues Klo oder die seit ewig ersehnte Irland-Reise, neue Jacke oder neue Schuhe (letzteres zumindest, wenn man halbwegs auf Qualität Wert legt). Dass „relativ“ hier bedeutet, dass ich im Gegensatz zu den meisten Menschen auf der Welt im Überfluss lebe, muss ich wohl nicht erwähnen, dennoch kann es auch auf hohem Niveau nerven, das ständige Entweder-Oder.

Mit genügend Talent kann man auch von Kunst leben, dachte ich immer, aber ich kenne einen wirklich fantastischen Maler, der trotzdem kaum die Ateliermiete zusammengekratzt bekommt.
Ich kenne hervorragende Musiker_innen, die sich ihre Cello-, Harfen- oder Flötenhände trotzdem noch im Verkauf oder nachts hinter Bartresen ruinieren müssen, weil selbst angestellte Orchestermusiker nur einen Appel und ein Ei bekommen, von „verdienen“ mag ich nicht reden.
Aber soll deswegen niemand mehr Kunst machen? Ich würde ersticken in einer Welt ohne Kunst. Ohne Musik, ohne Fotografie oder Malerei, die uns die Schönheit der Welt nicht nur sehen, sondern auch fühlen lässt.
Und nicht nur als Konsument von Kunst, sondern auch als Kunstschaffender bekommt man etwas, das sich in Währungen nicht ausdrücken lässt.

Ich erinnere ein älteres Ehepaar, das mir eine meiner Zeichnungen abkaufte. Als ich ihnen das Bild vorbeibrachte, baten sie mich zum Tee in die gute Stube; ein vornehmer Raum in einem alten Friesenhaus, mit einem dicken, beigefarbenen, makellosen Teppich, auf dem ich mich für meine abgewetzten, sandigen Schuhe schämte, die ich anzubehalten aufgefordert worden war. Auf dem Tisch stand zartes Porzellan, Schälchen mit Kluntje und Gebäck, ein Kännchen dicker Rahm zum Friesentee, der auf einem versilberten Stövchen warmgehalten wurde. In tadelloser und respektvoller Höflichkeit wurde ich eingeladen, Platz zu nehmen. Jacke und Schal wurden mir abgenommen und ordentlich auf einem gepolsterten Bügel drapiert, der vermutlich mehr gekostet hatte als meine Jacke. Kuchen wurde serviert, Tee eingeschenkt.
Ich war so einen Umgang überhaupt nicht mehr gewöhnt.

Ich erinnere die ersten Jahre, in denen ich hier im Hotel arbeitete. Jahre, in denen man oft nur als ungebildeter Handlanger wahrgenommen und entsprechend behandelt wurde; in denen man sich von Leuten anschreien, beleidigen und demütigen lassen musste, während man deren Dreck wegputzte oder allein das Gepäck einer Großfamilie über eine steile Wendeltreppe in den dritten Stock hievte, während diese sich am Fuß der Treppe darüber lustig machte, wie ich unter der Last fast zusammenbrach. Ich erinnere einen Mann, der mir nach einem teuren Essen einen 5-Euro-Schein als Trinkgeld hinhielt und diesen, als ich danach greifen wollte, bösartig auflachend wieder zurückzog, wie einem Hund das Stöckchen. Ich hätte mich kaum billiger und besudelter fühlen können, wenn er mir das Geld in die Unterhose geklemmt hätte. Man sagt ja immer, man solle sich für keine Tätigkeit zu fein sein, und lebenslang war das auch meine Devise, aber es fällt doch schwer, wenn man eigentlich aus einer anderen Gesellschaftsschicht stammt und dann auf einmal ins unterste Spektrum der sozialen Nahrungskette einsortiert wird. Ich weiß nicht, ob das für Menschen, die immer nur Dienstleistungsberufe hatten, auch so schwer ist, oder ob man diese ständigen Demütigungen dann gar nicht wahr nimmt, aber für mich war es hart, und ich bin froh, dass diese Zeit vorbei ist: Dass man sich fabelhaft dumm stellen konnte, weil einen die Leute ja sowieso für dumm hielten, war eines der wenigen schönen Dinge daran.

Nun also saß ich in diesem vornehmen Wohnzimmer bei diesen höflichen und gebildeten Leuten und wurde behandelt wie ein VIP, weil ich ihnen etwas gezeichnet hatte. Auch meine Bücher lobten sie in hohen Tönen, ohne jede Falschheit.

Wir tauschten ein wenig Lebensgeschichte aus, ein schönes Gespräch unter drei Akademikern: Wohltuende Augenhöhe, die ich lange vermisst hatte. Und doch wunderte ich mich ein wenig darüber, dass den beiden meine Geschichten so gut gefielen, entstammten sie doch einer Generation, in der etwas weniger freimütig über Homosexualität und Ähnliches parliert wurde. Bis das Gespräch auf die Familie kam. „Unser Sohn“, erzählte die Frau mit einem sanften Lächeln, „der ist ja auch so wie Sie“. Ich war gerührt: Daher also der Wind. „Durch ihre Erzählungen können wir ihn noch viel besser verstehen und das alles nachfühlen“, sagte die Frau, und ich dachte, dass dies die Momente sind, in denen Kunst wirklich Werte schafft.
Unabhängig vom Kontostand, unabhängig vom Status: Solche Momente machen reich.

Man mag einen Monat sich jedes Vergnügen verkneifen müssen, schlimmstenfalls sogar ein bisschen Hungern: Aber es sind solche Erfahrungen, die einen als Künstler über die magere Zeit retten; Erfahrungen, von denen man zehrt und die einen nähren. Es ist ein Gottesgeschenk, etwas Bleibendes schaffen zu können, das Menschen bewegt.

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