Momentaufnahme, Besitz

Es ist eine der Nächte, in denen die Natur dem Menschen zeigt, dass sie ihm überlegen ist. Und zwar immer.
Der erste Herbststurm hat die Insel erfasst, obwohl es bis zum meteorologischen Herbstanfang noch ein paar Tage hin ist. Den ganzen Tag lang peitschten Wind und Regen durch die Straßen; das Wasser sammelte sich in zitternden Pfützen vom Ausmaß mittlerer Gartenteiche.
Und nun ist die Nacht hereingebrochen. Angesichts des Tobens, Donnern und Heulens der Naturgewalten vor der Tür sollte man eigentlich nicht mehr das Haus verlassen, aber ich wollte der Freundin den Weg zu mir nicht zumuten — also wage ich mich noch kurz vor Mitternacht hinaus.

Die Dunkelheit verschluckt alles. Zwar habe ich eine Taschenlampe bei mir, aber deren winziger Lichtkegel dient eher dazu, dass mich andere Leute sehen; weniger dazu, dass ich etwas sehe. Auch der Mond nützt mir heute nichts, denn er hängt als schmutziggelbe, schiefe und schmale Sichel zwischen den dunklen Wolkenbergen. Der Wind ist brutal, und ich muss genau gegen ihn anmarschieren. Die Brille wird mir ins Gesicht gedrückt, Tränen laufen, ich komme kaum vorwärts; auch das Luftholen fällt schwer. Dazu das Toben und Brausen in meinen Ohren. Bäume und Sträucher entlang des Weges — sonst vertraut und von pittoresker Harmlosigkeit — umringen mich als bedrohliche, tiefschwarze Gestalten; der Wind lässt die Schatten ihrer Zweige wie Tentakel nach allem fingern, was sich nähert. Obwohl ich sonst die Nächte liebe, wird mir jetzt unheimlich zumute, und ich reiße mir trotz des Regens Kapuze und Mütze vom Kopf, um wenigstens noch irgendetwas hören zu können außer dem Sturm und dem flatternden Stoff an meinen Ohren. Mir wird bewusst, wie hilflos der Mensch wird, wenn man ihm auch nur zwei seiner Sinne zur Orientierung raubt; hier: Das Sehen und Hören. Der Weg zum Haus meiner Freundin erscheint mir ewig, obwohl es unter normalen Wetterbedingungen kaum 5 Minuten zu Fuß sind. Als ich mich gegen die Böen stemme und dabei immer wieder zur Seite und rückwärts gedrückt werde,  bin ich doppelt froh, sie nicht hinausgejagt zu haben bei diesem Wetter, und es beruhigt mich, ihre Fenster von Weitem schon friedlich leuchten zu sehen. Sie sitzt mit einem Buch bei Kerzenlicht und Tee, als ich atemlos hineinpoltere, nach gefühlter Endlosexpedition durch unwirtlichste Welten.

Am nächsten Morgen ist der Spätsommer in aller Pracht zurück. Nur noch ein paar abgerissene Zweige und Pfützenreste erinnern an den Tumult der Nacht; den leuchtend blauen Himmel zieren persilweiße Schönwetterwölkchen. Auch der Wind ist nur noch ein Lüftchen.
Die Freundin ist längst bei der Arbeit, und ich nutze den noch stillen Morgen für einen Ausflug zum Strand. Die Luft ist von herrlich-kühler Frische; Wolken spiegeln sich im Flutsaum, in dem unbeweglich Möwen dösen. Im Priel liegt ein Ast. Drumherum ist absolut nichts. Nicht einmal die See ist noch nennenswert aufgewühlt; sie legt ihre Wellen mit beruhigendem Rauschen ans Ufer. Ich setze mich auf eine verwaiste Schaukel und freue mich über das Wiedersehen mit einer fast verloren geglaubten Liebe. Denn das hier, denke ich, ist das Langeoog, für das ich herzog. Das ist die Insel, in der ich mich spiegele wie der Himmel im Priel, und wo mein Herz sich täglich freischwimmt. Das überlaufene, laute Langeoog des Hochsommers dagegen wird mir zunehmend fremd.

In irgendwelchen Langeoog-Fan-Foren schreiben euphorische Urlaubende oft von „ihrer“ Insel: Unser Langeoog, unser Strand, unser Meer. „Bald bin ich wieder auf meiner Insel.“
Nicht immer behagt mir der Gebrauch dieser Possessivpronomina, weil unter kritischer Betrachtung auch etwas Kolonialistisches dabei mitschwingt, und ich selbst spreche eigentlich nie von „mein“ Langeoog, obwohl ich hier dauerhaft lebe. Aber die Insel gehört mir nicht; auch nicht den Ur-Insulanern, die hier geboren wurden; nicht der Wittmunder Kreisverwaltung, nicht dem Land Niedersachsen, Frau Dr. Merkel oder sonst irgendwem. Langeoog gehört Gott, oder maximal sich selbst, und wir haben lediglich die Gnade, hier wohnen und das Eiland bewirtschaften zu dürfen; für immer oder auf Zeit. Und dass uns die Insel nicht gehört, zeigt uns jede Sturmflut, jeder Orkan und überhaupt jede Naturgewalt, die uns mit Leichtigkeit von diesem Fleckchen Erde kegeln könnte.
Angesichts des galoppierenden Größenwahns in der Gesellschaft (im Großen wie im Kleinen) finde ich es im Übrigen auch nicht verkehrt, ab und zu mal wieder an die eigene Winzigkeit unter dem Himmelzelt erinnert zu werden.

Aber auch wenn ich den Ausdruck nicht mag, so frage ich mich, auf der Schaukel sitzend, jetzt doch: Was ist eigentlich „mein“ Langeoog?
Die permanenten Spannungskopfschmerzen der wuseligen Hochsaisontage verfliegen, als ich meinen Blick über die unberührte, blaue Weite schweifen lasse. Es sind nur wenige Menschen unterwegs; viele allein, einige Paare. Die lärmenden Gruppen sind fort, kein Menschenlaut übertönt mehr die Brandung und das Rufen der Seevögel; die wenigen leisen Gespräche der anderen verweben sich mit der Musik der Natur zu einem harmonischen Grundrauschen.
Es ist kühl genug, um wieder meine geliebten Stricksachen tragen zu können, aber nicht so kalt, das man unterwegs friert. Und nachts kann man sich wieder ein Nest aus kuscheligen Daunendecken bauen; bezogen mit duftendem Leinen oder weichem Flanell, anstatt unter irgendeinem dünnen Laken zu schwitzen. Zum Einschlafen prasselt sanfter Spätsommerregen ans Fenster und morgens weht ein kühler, salziger Duft nach Herbst vom Meer hinein, während Spatzen in Pfützen baden und Finken in fröhlichen Scharen aus den Erlen stieben. Aus den Dünentälern, die jetzt das leuchtende Rotorange von Vogelbeeren und Hagebutten ziert, das satte Grün der Moose und das tiefe Violett der Krähenbeeren, steigt Nebel. Die zunehmenden Temperaturunterschiede zwischen den einzelnen Luftschichten zaubern beeindruckende Quellwolkengebirge; und schon bald badet die Sonne, die jetzt noch wärmt, aber nicht mehr verbrennt, die ganze Landschaft in Gold.

Und das, denke ich, ist dann wohl meine Antwort. Diese friedlichen Spätsommer- und frühen Herbsttage, wenn der Massentorismus ein Ende nimmt und die Natur sich wieder auf ihren berechtigten Thron setzt; wenn man am Strand allein sein kann und wieder eins wird mit der Insel, mit all ihren Gerüchen, Farben und Wundern: Diese Tage zeigen wohl am ehesten „mein“ Langeoog. Ein Langeoog, das ich aber trotzdem nie besitzen möchte, weil es — wie auch wir Menschen — in Freiheit, mit dem nötigen Respekt und aus gesunder Distanz betrachtet — noch immer am Schönsten ist.

Momentaufnahme, Gut

Vor dem Haus steht eine Kiste mit ausrangierten Büchern, daneben eine kleine Spardose. „Standlektüre? Zum Mitnehmen gegen Spende“ sagt ein Schild. Erfahrungsgemäß funktioniert die Kiste gut, ich kann das wissen. Denn es ist meine Kiste.
Normalerweise spende ich überzählige Bücher der Vertrauensbibliothek, aber es gibt Monate, da kreist der Pleitegeier über dem Künstlerhaushalt, und dann ist es gut, wenn man noch den ein oder anderen Euro abends aus der Spardose schütteln kann.
Als ich an diesem Abend schüttele, höre ich nichts, obwohl viele Bücher fehlen.
Schweine, denke ich, zumindest ein Anstandskupferling hätte ja drin sein können. Zwar sah ich vom Fenster aus kurz Freunde in der Kiste wühlen, bei denen ich keinerlei Zweifel hegte, dass sie etwas dalassen, aber vielleicht, denke ich, haben sie ja kein passendes Buch gefunden — und ‚kein Buch, kein Geld‘ ist eine faire Rechnung.
Aber bevor ich mich über die Geiz-ist-Geil-Mentalität im Allgemeinen und Menschen vom Stamme Nimm im Besonderen aufregen kann, schüttele ich die Spardose noch einmal.
Ich höre auch jetzt keine Münzen. Aber das Rascheln von Scheinen.
Was mir am Ende des Tages entgegenfällt, ist also nicht nur ein wiederhergestellter Glaube an das Gute im Menschen, sondern auch der Gegenwert von zwei Tagen Essen oder einem halben Monat Internet.
Dank sei Gott.

„ER sorgt für uns. Auch wenn wir manchmal kaum noch Land sehen. Das glaube ich. Ich habe es oft genug erfahren.“ — Tröstete ich nicht erst kürzlich so einen Menschen, den ebenfalls schlimme Existenzängste plagten? Es ist gut, dass ich nun einmal mehr weiß, dass das keine hohle Phrase ist. 
„I have always depended on the kindness of strangers“, würde ein lieber Freund jetzt vielleicht aus Tenessee Williams’ „A Streetcar named Desire“ zitieren, obwohl dieser Freund als belesener Mensch natürlich weiß, dass die Protagonistin des Theaterstücks alles andere als „kindness“ erfahren hat, als sie diesen Satz sagt. 
Aber wenn man den literarischen Kontext hier außer acht lässt, passt es: Manchmal retten einem eben, man verzeihe den wenig prosaischen Ausdruck — nur noch ein paar Fremde den Arsch.
Und wenn man das nicht tut: Dann passt es auch.
Denn wie oft erwiesen sich zunächst als überaus freundlich auftretende Fremde als das Gegenteil davon? Und wie oft wird Güte von Gier missbraucht? Den Spruch mit dem kleinen Finger und der Hand kennt wohl jeder.
Hinzu kommen die Fälle gespielter Güte aus Gier nach Anerkennung, Altruistischer Narzissmus. Auch nicht fein. 
Es gibt wohl keinen Menschen, der nicht die ein oder andere Variante davon schon erlitten hat. Oder sich der ein oder anderen Variante davon schuldig gemacht hat.
Und doch: Das Ideal der Random acts of kindness. Es existiert.
Da ist zum Beispiel dieser eine Freund, in Schweden, der so riesig ist wie sein Herz. Selbst arm wie eine Kirchenmaus, schickt er mir das Wenige, das er eigentlich selbst nicht hat. Ich tue das auch für ihn, natürlich, aber es ist nicht selbstverständlich, und ich würde es auch nicht erwarten. Es erfüllt mich in demütiger Dankbarkeit und ich weiß, dass Gott ihn sehr dafür liebt. Vermutlich sogar noch mehr als ich.

Ich bin überzeugt, dass das Gute, das wir aus freiem Herzen für andere tun, irgendwann zu uns zurückkommt, Gott entgeht so etwas nicht. Manchmal kommt es nicht von jenen, wo wir damit rechnen sollten. Selten kommt es sofort. Aber es kommt. Und „rechnen“ sollte im Kontext mit Güte eigentlich ohnehin nicht vorkommen. Natürlich sind der materiellen Dienste am Nächsten Grenzen gesetzt — was ich an Geld selbst nicht habe, kann ich nicht herschenken — aber ein liebes Wort muss drin sein. Eine Umarmung. Zeit. Eine Tüte mit Lebensmitteln. Respekt für den Gedemütigten. Augenhöhe für den Gebeugten. Vertrauen für den Verratenen. Fürsprache für den Verleumdeten. Oder die schlichte Frage: Was kann ich tun? Es ist erstaunlich, mit wie wenig man etwas bewirken kann. Es braucht nicht die große Geste. Aber es braucht Aufrichtigkeit.

Abends bin ich am Strand. Nochmal davon gekommen. Die Scheine sind in der Tasche. Es war ein warmer Tag, meine Hosenbeine werden nass, als ich durch den Spülsaum laufe. Mir ist das egal, ich liebe es, hier und jetzt eins mit der Natur zu sein. Mit diesem großen, wunderbaren Geschenk, dass ich jeden Tag vor meiner Tür finde.
Ich liebe das Meer noch immer.
Die Flut kommt, das Wasser läuft in rasender Geschwindigkeit auf. Von einer Sandburg schauen nur noch die Zinnen raus. Bald wird sie verschwunden sein.
So ist das, wenn man auf Menschengeschaffenes baut, denke ich resigniert. Es mag auf den ersten Blick prachtvoll wirken und stabil. Aber letztlich ist es vergänglich, wie wir selbst, wie alles, das uns umgibt. Wir können nichts mitnehmen.
„Das letzte Hemd hat keine Taschen“, sagt mein Vater immer. Aber das Herz lässt sich immer füllen, wenn man es öffnet. Und das Gute an dieser Fülle ist, dass sie wächst, wenn man davon gibt.

Momentaufnahme, Almosen

Als mich der Omnibus am ZOB Bremen auslädt, geht ein gewaltiger Platzregen auf die Stadt nieder. Ich renne zum Hotel, das ich nah am Bahnhof buchte anstatt, wie sonst, im Herzen der schönen Altstadt. Aber dieses Mal soll es nur für eine Übernachtung sein, mit Weiterfahrt gleich am nächsten Tag und viel Gepäck, also wählte ich die Alternative am Verkehrsknotenpunkt. Es ist ein typisches-Ketten-Businesshotel, effizient, aber seelenlos. Immerhin: Ein Tagesticket für den ÖPNV ist im Zimmerpreis enthalten. Sobald der Regen nachlässt, mache ich mich damit auf dem Weg in pittoreskere Gegenden Bremens, denn ― wie überall ― ist auch in der Hansestadt die Gegend um den Bahnhof kein optisches Juwel.

Fünf Jahre bin ich nun dem Stadtleben entwöhnt, aber die Automatismen aus der Großstadt funktionieren noch: Portemonnaie so dicht wie möglich am Körper verstecken, Kleingeld lose in der Tasche ― Für die Schnorrer und für den Fall, dass man sich unterwegs ein Brötchen kauft, einen Fahrschein oder sonst etwas Kleines, für das man keine Scheine oder die EC-Karte hervorholen muss. Und der Schnorrer sind reichlich. Ich kann mich an das Ausmaß des Elends kaum gewöhnen, denn selbst wenn man die mafiös organisierten Bettler abzieht und diejenigen, die aggressiv auftreten, so sind noch immer genügend übrig, die einem wirklich Leid tun oder einen daran erinnern, dass man selbst auch längst einer von ihnen sein könnte, wenn man im Leben nicht so verdammt viel Glück und großzügige Eltern gehabt hätte. Auch heute falle ich nicht zwingend unter „gut situiert“, trotz bescheidener Möglichkeiten des Luxus wie dieser Reise, über die ich froh bin. Also kann ich nicht allen etwas geben, und es ist immer schwer, zu entscheiden, wer etwas bekommt und wer nicht.
Schon um 9 Uhr morgens riecht es an der Straßenbahn nach Gras. Ein Typ im Kapuzenpulli schlurft heran. „Ich wünsche Ihnen einen wunderschönen guten Morgen“, sagt er, „ich möchte nicht unverschämt sein, aber darf ich Sie vielleicht um ein wenig Kleingeld … “ „Ja“, sage ich, und drücke ihm irgendwas aus dem gebunkerten Münzvorrat in die Hand, „Ihnen auch einen guten Morgen.“ Ich versuche, ihm in die Augen zu sehen und zu lächeln, weil ich denke, dass auch das wichtig ist ― und außerdem war er ja sehr höflich. Zugleich komme ich mir auf eine unangenehme Weise gönnerhaft dabei vor. Es ist schwer, im Umgang mit Armut alles richtig zu machen.

Ich bin unterwegs zur Messe. An die Probsteikirche ist das Johannisstübchen angeschlossen, eine Anlaufstelle für Wohnungslose und Menschen mit Suchtproblemen. Die geschäftstüchtigeren darunter kennen die Messezeiten und warten davor und danach vor dem Kirchportal auf die Gläubigen, oft zu mehreren. Auch hier gerate ich in den Zwiespalt, dass man nicht allen geben kann, und natürlich sieht man etlichen Personen an, dass sie sich von den milden Gaben nichts zu essen kaufen werden, sondern Sprit oder Stoff. Allerdings bin ich der Ansicht, dass man den Leuten nicht auch noch vorschreiben sollte, wofür sie lausige geschenkte 50 Cent ausgeben, und so mache ich da keine Unterschiede. Ich versuche, vor und nach der Messe jeweils einem anderen Menschen etwas in den hingehaltenen Becher zu werfen, um das Kleingeld wenigstens halbwegs gerecht zu verteilen, aber irgendwen muss man immer leer ausgehen lassen ― in der Hoffnung, dass wenigstens jemand anderes etwas gibt.
Einige der festen Gemeindemitglieder von St. Johann scheinen die Menschen vor der Tür schon zu kennen: Einer wird mit Namen begrüßt, ein Schulterklopfen, ein kurzes Aufleuchten im zerfurchten Gesicht, ein zahnloses Lächeln.

Der Priester, der die Werktagsmesse zelebriert, stammt aus Afrika, ich kann seinen Namen nicht aussprechen, er aber dafür gut Deutsch, wenn auch mit putziger Grammatik und deutlichem Akzent: „Die Menschen haben gesagt: Wir mogen dich nicht, du bist eine Zollner. Zollner sind Sunder. Warum, fragst du vielleicht, hat aber Jesus nicht gesagt zu die Zollner: Du bist eine Sunder? Warum hat Jesus gesprochen mit die Zollner?“

Weil Jesus gut ist, die pure, reinste Güte, und weil uns Jesus in jedem hier drinnen und draußen begegnet, denke ich, und dennoch kann man nicht jedem helfen; an irgendwem geht der Kelch immer vorbei oder, besser gesagt: Der Mensch am hingehaltenen Becher. Man muss also Christus im Bruder stehen lassen: Süchtig, hungrig, frierend und allein. Jeden Tag. Ich weiß auch deswegen nicht, ob ich ein Leben in der Stadt nochmals ertrüge.

In Berlin und den anderen Großstädten, in denen ich gelebt hatte, begegnete mir natürlich auch viel Elend, und ich kann nicht sagen, dass ich mich je daran gewöhnt hätte. Auch da tat einem das Ignorierenmüssen zuweilen Leid ― aber auch da war es einfach zu viel, jeden Tag in der U-Bahn, am Bahnhof, vorm Supermarkt, auf allen täglichen Wegen.
Natürlich sieht man zugleich auch viele, die helfen: mit Gaben und Worten. Die Geld dalassen, Interesse an der Person, ein paar nette Worte, eine Tüte Gebäck, Futter für den Hund, Adressen von Unterkünften und Beratungsstellen. Es fällt schwer, damit umzugehen. Aber die Augen vor dem Elend der Welt zu verschließen und vor den eigenen Gefühlen im Umgang damit, kann auch keine Lösung sein.

Auch auf Langeoog gibt es Armut. Ab und zu sucht auch dort jemand im Abfall nach Pfandflaschen oder steckt seine Kinder notgedrungen in viel zu große oder zu kleine Wintersachen. Dieser Tage outete jemand einen anderen Insulaner im Tonfall klebrigen Mitleids als ALGII-Empfänger; eine Sauerei, wie ich finde ― so wie jedes Fremdouten von potentiell stigmatisierenden Umständen eine Sauerei ist ―, aber dem Outenden war dies wohl nicht bewusst, also sei es ihm nachgesehen.
Generell wird die Existenz von Armut aber doch eher ausgeblendet und die meisten der Entscheidungsträger im Rat haben wohl nicht einmal realistische Vorstellungen von den Gehältern Langeooger Durchschnittsangestellter in Gastronomie oder Verkauf, geschweige denn davon, wie weit man mit dem Existenzminimum auf der Insel kommt. Auch der Durchschnittsgast auf Langeoog ist, neuesten Erhebungen zufolge, weit überdurchschnittlich wohlhabend. Ich indes möchte aber kein Disneyland für Reiche — es muss auch einen Platz geben für jene, die mit weniger Geld auskommen müssen, denn ohne jede Konfrontation mit materieller Armut — so finde ich — verarmt man allzuoft im Herzen: An Güte, an Hilfsbereitschaft, an Empathie.
Wenn Langeoog jemandem Heimat ist, der arm ist, so muss die Insel auch für ihn Heimat bleiben können und ein Leben auch mit begrenzten Geldmitteln möglich sein ― und zwar ohne ihn zu beschämen, indem man ihn als bedürftig outet und damit (selbst wenn es nicht in böser Absicht geschah) nur den üblichen Dorf-Hyänen Tratschmaterial und Elends-Voyeurismus bietet.

Bremen ist schön. Nach dem Messebesuch und nachdem ich mich halbwegs an die Konfrontation mit dem vielen sichtbaren Leid gewöhnt habe, lasse ich mich treiben. Neben der Armut findet sich dort auch noch viel hanseatische Eleganz, in Menschen wie in Gebäuden. Die Sparkasse auf dem Rathausplatz ist die schönste Sparkasse, die ich kenne; der Apotheker nebenan erläutert soeben zwei Polizeibeamten die Umstände eines Diebstahls. In den Cafés sitzen an diesem Vormittag Menschen in der Sonne und lauschen klassischer Musik; es findet irgendein Festival statt, auf dem Platz ist ein Flügel aufgebaut, daneben spielt jemand Trompete, vor dem Dom St.Petri (der evangelisch ist) macht eine Abschlussklasse mit Doktorhüten, wie sie in den USA gebräuchlich sind, Fotos auf der Treppe. Bremen ist international.

In der Einkaufsstraße werde ich mit meinen eigenen Vorurteilen konfrontiert: Ein Gruppe arabisch aussehender junger Männer zeigt gestikulierend auf eine Baustelle. Ich erwarte im Vorbeigehen ein fremdsprachliches Palaver, bestenfalls mieses Ghettodeutsch, aber als ich die Gruppe passiere, höre ich einen der Männer in akzentfreiem Muttersprachlerdeutsch sagen: „Und hier wird nun ein modernes Gebäudeensemble hochgezogen, das passt doch gar nicht zur historischen Bausubstanz der umliegenden Häuser.“
Meine Gedanken sind mir unverzüglich peinlich.
Auch in mir steckt, aller Großstadtjahre zum Trotz, eine Menge Provinz, denke ich beschämt ― und offenkundig noch mehr Rassismus, als ich anderen zugestehen würde und obwohl ich mich keinesfalls für rassistisch halte. Erneut merke ich: Ein wenig ehrliche Innenschau, auch zu Tabuthemen, schadet nicht.

Bald muss ich weiter. Die Bahn nach Bochum fährt ab. Die Fahrt ist langweilig, ich kann nicht lesen, weil es rückwärts geht, und so sehe ich eine Menge Landschaft vorm Fenster vorbeiziehen und alten Industriegebäuden aus Backstein beim Verrotten zu. Dass ich diesen Urlaub machen kann, verdanke ich den Almosen anderer Leute.
Acht Tage mit Vollpension werden mich Zisterziensermönche beherbergen; als Lohn wollen sie nichts außer „ein gewisses Interesse am Ordensleben und am Mitfeiern der Gottesdienste“; so die Website.
Als ich ankomme, durchflutet Herbstsonne den hinter dem Kloster gelegenen Wald; ein kleiner, freundlicher Mönch im schwarzweißen Habit nimmt mich großväterlich in seine Obhut.
Ich betrete eine wundervolle kleine, herzerwärmende Welt und es tut wohl, diese Güte zu empfangen. Beim Abendessen denke ich über das Wort „Gnadenbrot“ nach, das doch eigentlich ein sehr schönes ist.

Gaudium et spes

„Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde. Denn der frühere Himmel und die frühere Erde waren vergangen. Und auch das alte Meer, die dämonische Unheilsmacht, war nicht mehr da.“ (Offb.Joh.21,1.)

Nach aufwühlenden Tagen, Wochen, Monaten wird es Zeit, das noch immer tosende Meer in mir zur Ruhe zu bringen. Exerzitien in Schweigen stehen an; auf Empfehlung eines Beichtvaters, aber auch aus ureigenstem Wunsch, obwohl ich nicht genau weiß, was mich erwartet — schließlich sind es die ersten Exerzitien meines Lebens.
Angst habe ich nicht. Es herrschen Hoffnung und (Vor-)freude.

Das Exerzitienhaus liegt in der Nähe meines Geburtsortes auf einer Anhöhe. Durch das große Fenster in meinem Zimmer fällt der Blick auf Bäume; darunter eine Ahnung vom See, an dem ich viele Kindertage verbrachte.
„Das spült sicher auch viele hässliche Dinge frei“ unkt jemand über das Exerzitienvorhaben, „Das wird wehtun.“ Vermutlich ja. Aber wenn man alles jahrzehntelang frisst, vergiftet es einen. Und wo ließe sich besser seelisch Entmisten als in geschützter Umgebung, umsorgt und fern vom Alltag?

Im lichtdurchfluteten Atrium der Anlage plätschert ein Springbrunnen, eine rosenumkränzte Pergola leitet als eine Art Kreuzgang den Weg zur kleinen Seminarkirche, die sich im Innenraum deutlich großzügiger und heller präsentiert als vermutet. Es ist ein Ort zum Wohlfühlen. Ein Ort, um jener Art bedingungsloser und unendlicher Liebe nachzuspüren, die man ohnehin nur in Gott findet.

„Unruhig ist unser Herz, bis es in Dir ruht, O Gott.“

Dieses Zitat stammt vom heiligen Augustinus (354-430 n.Chr.), den mir ein weiterer Beichtvater zur näheren Beschäftigung ans Herz legte. Ich würde, als Spätberufener mit wildem Vorleben, einige Parallelen in dessen Lebenslauf finden, sagte er mir. Und Augustinus’ Beschäftigung mit dem Ideal der reinsten Liebe könnte mir ebenfalls gefallen. Von einem „unruhigen Herzen“ indes kann ich schon jetzt mehr als ein Lied singen, folglich soll dieses Wort des afrikanischen Gelehrten meine Exerzitien einläuten — und stetig läutend begleiten.

Ich finde das Zitat in einem kleinen Büchlein, das ich am ersten Abend im Wintergarten des Hauses lese. Es ist immer noch brütend warm, weit über 30°C. Ein Kaltgetränk schafft Abhilfe. Man kann sich die Flaschen auf Vertrauensbasis aus einem Kühlschrank nehmen und das Geld in eine Schachtel legen, die nicht einmal irgendwo angekettet oder videoüberwacht ist. Ein schönes Zeichen in einer durchkapitalisierten Welt voller Misstrauen. Erneut fühle ich: Dies ist ein guter Ort.

Kurz darauf treffe ich beim Abendessen auf die Gruppe. Beim Essen darf man noch reden, man soll sich kennenlernen. Frage mich zwar wozu, wenn man mit diesen Menschen in den kommenden Tagen doch ohnehin Schweigen wird, aber vermutlich lässt es sich auch non-verbal Fremdeln, ergo höre ich mir ein paar Lebensläufe an und erzähle das Nötigste, wo gefragt wird.
Das, was mich wirklich bewegt, hebe ich für das Einzelgespräch mit der Seelsorgerin auf: Eine warmherzig und offen wirkende Person mit entzückendem osteuropäischem Akzent und interessanter Biografie; souverän und sanft zugleich. Aus einem Stapel Postkarten mit Wörtern wie „Geduld“, „Mut“, „Geborgenheit“ und Ähnlichem soll ich spontan eine wählen, die mich am ehesten anspricht und auf das weist, warum ich hier bin.
Ich wähle „Vertrauen.“

Auch das ist ein guter Anfang, und so beschließe ich den ersten Exerzitientag gelöst und friedlich. Es ist erstaunlich still ums Haus, fast stiller als auf Langeoog. Bis auf das Rauschen der Straße ist kein Menschenlärm zu hören. Niemand plappert. In den Bäumen rauscht Wind, im nahen Wald meldet sich ein Kauz. Vögel singen; im Hof kann man sogar das Geräusch zu Boden fallender Rosenblütenblätter vernehmen.

***

„Unsere Sehnsucht nach Geborgenheit, nach Zugehörigkeit und einer Nähe, die für immer geschenkt wird, kann kein Mensch oder Ding füllen.“

Mit diesem Zitat, dessen Quelle ich leider nicht erinnere, beginne ich den zweiten Tag. Wider Erwarten war ich bereits weit vor der Morgenandacht wach; von alleine und ausgeruht. Wie gut es tut, sich um nichts kümmern zu müssen! Und wie gut tut mir das Schweigen. Gemeinschaft ohne Smalltalk. Und schon beim Frühstück stelle ich fest: Menschen erzählen viel ehrlicher von sich, wenn sie nichts sagen. Wer lächelt, wer hält einem die Tür auf, wer seht einen freundlich an? Sich hinter Floskeln und Worten zu verstecken ist so leicht, denke ich. Ich mache mich selbst oft genug schuldig daran, wenn auch eher schriftsprachlich. Der Mensch, den ich liebte? Vielleicht liebte ich doch nur seine Worte. Was davon, denke ich nun, war aber wirklich er? Was würde bleiben, wenn er schwiege? Aber ich will nicht mehr an ihn denken. Meine Liebe gehört hier Gott.

Im Schatten einer Lärche verfasse ich zwei Gedichte. Sie kommen einfach so, ich feile kaum daran herum. Dankbar für Kunst und Worte streichele ich die weichen Nadeln des Baumes und seine Rinde, die sonnenwarm ist. Sie riecht nach Harz. Ich fühle Heilung.

„Ich selbst bin die Spur, die mich hinführt zur Erfüllung meiner tiefsten Sehnsucht“.

Die Spur, auf der ich wandelnd über dieses Zitat einer Eremitin nachdenken möchte, ist steil und flankiert von Brennessel- und Brombeerdickicht. Links und rechts daneben erstrecken sich Felder hoch über dem Ruhrtal, versprengte Waldinseln dazwischen; aus der Ferne ragt die Basilika mit ihrem grün oxidierten Kupferdach.

Doch die Idee, an einem schwülen, heißen Tag wandernd in Dialog mit Gott zu treten, erweist sich schon bald als bescheuert. Die Straßen rund um das Haus heißen alle etwas mit -berg oder -höhe: Ich hätte etwas ahnen können. tatsächlich wird der Ansteig immer anstrengender, der Weg immer steiler und ich verfluche das Vorhaben, kaum, dass ich es begann.
Zum Glück sieht mich keiner, denke ich, war ja klar, dass der Typ aus dem platten Ostfriesland an jedem Hügel schon aus dem letzten Loch pfeift. Indes: Mir wurde am Ende der Straße ein Wald versprochen und so quäle ich mich noch eine Weile, dann aber gebe ich auf. Beim Abstieg leiden meinen Knie sehr. Und das nächste sportliche Desaster folgt.
Qi Gong im Park steht auf dem Plan, und die Kursleiterin kann das sogar korrekt aussprechen. Als studierter Ostasienwissenschaftler habe ich mich zwar nie in diesem Berufsfeld bewegt, aber auch 20 Jahre nach dem Diplom graust es mir zuweilen noch bei der Verballhornung chinesischer Begriffe und ihrer Vereinnahmung durch diverse Zweige der Esoterik. „Diplom verpflichtet“ denke ich daher leider nicht nur bei der Aussprache, sondern auch bei der Ausführung der Übungen und mache etwas überambitioniert mit. Zusammen mit den Malaisen durch den gefühlt hochalpinen Ausflug zum Waldrand meutert mein Knie danach endgültig und ich schleppe mich in der Position „verendender Kranich“ eher mittelelegant vom Feld.

Nach dem Abendessen ereilt mich ein toter Punkt: Der Tag war lang. Aber es steht noch ein Gottesdienst an, also gehe ich hin, wenn auch unter Eingeständnis, dass ich die Augen nicht nur aus Frömmigkeitsgründen kaum offen halten kann.
Wir sollen in uns gehen und überlegen, wie unser Tag war, welche einzelnen Worte aktuell umreißen, wie es uns geht; wie es uns ging mit Gott. Ich bin außerstande, etwas spirituell Beseeltes zu denken. Ich denke „müde“ und „aua“. Denn außer den Knien berichten nun auch Nacken und Arme vom Qi Gong.
Als wir jedoch reihum laut aussprechen sollen, was unserer Erleben beschreibt — in einem einzigen Wort — höre ich mein Herz ein Wort sagen, bevor ich es denken kann: „Gnade“.
Na toll, denke ich. Meine ersten Exerzitien als Katholik. Ignatianische, katholische Exerzitien. Und das erste Wort, das mir als Resümee einfällt, könnte lutherischer nicht besetzt sein.
Sola gratia.
Allerdings geht dieser Kernbegriff der Reformation wiederum auf Augustinus zurück, der um den Satz „Alles ist Gnade“ seine Gedanken zur Demut häkelte — und Luther war schließlich Augustinermönch. Ein weiterer Kreis, der sich schließt: Ich freue mich darüber.

***

„Ich bin nicht würdig, dass Du eingehst unter meinem Dach. Aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.“

Am dritten Tag hat es endlich geregnet. Dankbar reiße ich am Morgen nach einer unruhigen und unschönen Nacht voller Albträume und durch die Schwüle gestörten Schlafs das Fenster auf. Ich bin todmüde und es dauert lange, bis ich die Nacht hinter mir lassen kann. Beim Morgengebet bin ich entsetzlich unkonzentriert. Ich verstehe das nicht: Gestern so en wundervoller Tag, voll Zuversicht und neuem Mut. Und dann die Nacht, die einen zurückwirft ins Bodenlose, mit erlebten Demütigungen, die noch immer an einem nagen und die man wieder und wieder im Traum ertragen muss, samt all der Gefühle, die sie aufwerfen wie ein Bagger, der mit dem aufgewühlten Morast vom Grund das schöne, klare Wasser eines Sees versaut, und man weiß, dass es dauern wird, bis sich das Sediment wieder setzt. Wie schön wäre es doch, diesen Morast ein für alle Mal aus der Seele heben und vernichten zu können! Aber so wie ein See ohne Schlamm, Steine und Erde auf dem Grund nur ein seelenloses Schwimmbecken wäre, ohne einen Halt für die Wurzeln der schönen Uferpflanzen, ohne Nahrung für alles was darin wohnt, wäre wohl auch eine Seele ohne Morast nicht wirklich ein Lebensraum.

„Gefühle sind nicht per se gut oder schlecht, Gefühle sind erst einmal einfach da“, sagte mir unsere Inselseelsorgerin einmal, aber es ist wohl bei jedem so, dass man einige davon lieber hat als andere. Nichtsdestotrotz zeigen einem vielleicht gerade die eher „ungewollten“ Gefühle, woran es sich noch zu arbeiten lohnt.

Im Lesesaal finde ich ein Bändchen zweier Benediktinerpatres mit dem Titel „Christus im Bruder“, in dem es um Verzeihen, Versöhnen, dem Umgang mit schwierigen Mitbrüdern und -schwestern geht. Ich finde viel Wertvolles darin und kaufe es mir.

Allmählich weicht der Albtraum; Hoffnung und Leichtigkeit kehren zurück. Das Seelsorgegespräch am Vormittag spendet Trost und tut mit frischen Impulsen ein Übriges dazu, um das Grübeln und Grämen zu beenden. Mit einer konkreten Gebetsanleitung und einer Bibelstelle zum Nachsinnen verlasse ich das Seelsorgebüro und spüre einmal mehr, wie gut es tut, auch einmal die Dinge aus der Hand zu geben.

Die Bibelstelle, von der ich zunächst dachte, dass sie keinen Bezug zu meinem Leben hätte, passt schon nach wenigen Minuten näherer Betrachtung wie ein Handschuh. Ich staune: Die Menschen hier können ihren Job. Und ich spüre, wie sehr ich noch am Anfang von allem stehe. Empfinde ich das als Defizit? Nein. Neues zu lernen ist schön. Und alles, was den eigenen Gedankenkreisel durchbricht, auch.

Im Atrium hat das nächtliche Gewitter den Rosenduft intensiviert. Die Tropfen an den Blüten und Ranken unterstreichen ihre Schönheit.
Ich genieße den Regen, der klare Luft bringt, kühlt und reinigt. Klarheit: Das ist meine Sehnsucht.

„Eine Linde ist mein Lieblingsbaum
Und alle Sommer, welche in ihr schweigen
rühren sich wieder in den tausend Zweigen
und wachen zwischen Tag und Traum“

Auch Rilke konnte sich der Faszination „Bäume“ nicht entziehen. Sein wunderschönes Gedicht mit dem Lindenbaum, das ich hier auszugsweise zitiere, fällt mir ein, als ich barfuß das regennasse Gras im Park des Exerzitienhauses durchstreife. Ich weiß nicht, wie lange ich nicht mehr barfuß durch eine nasse Wiese schritt. Es ist ewig her und es ist wunderschön. Zugleich kann ich mich an den mächtigen Baumkronen über mir nicht sattsehen. Denn Bäume, richtig alte, hohe Bäume, sind das Einzige, was ich wirklich vermisse auf Langeoog. Ich liebe Bäume. Tief verwurzelt und doch sich öffnend zum Himmel und in die Welt — Möchte ich nicht selbst so sein? Ein Menschenleben ist gemessen am Alter einiger dieser Baumriesen nur ein Wimpernschlag. Diese hier sahen die Stadt brennen im Krieg, und als das Ruhrgebiet noch Glanzzeiten hatte, flanierten unter ihren schattenspendenden Zweigen reiche Industrielle.
Heute tapse ich darunter herum und habe die Bäume lieb.

Der vorletzte Exerzitientag endet. Ich beschließe ihn in Frieden, mit einem letzten Gebet um eine traumlose Nacht.

***

„Wechselnde Pfade / Schatten und Licht / Alles ist Gnade / Fürchte dich nicht.“ (Baltischer Hausspruch)

Vierter Tag. Ich schlief so tief wie lange nicht und erwachte rechtzeitig ohne Wecker. Erst gegen Morgen träumte ich: Zwar wieder nichts, was man als schön bezeichnen könnte, aber es war kein quälender, unkonstruktiver Albtraum, der einem noch den ganzen Tag nachhängt. Vielmehr war der Traum ein Hinweis auf einem Bereich, in dem ich noch mehr auf meine Grenzen achten sollte. Gott räumt hier auf in meiner Seele: Ich spüre es deutlich. Ich bin dankbar dafür und bei der Morgenandacht klar, wach und konzentriert. Ein Zustand, der bei mir angesichts der Uhrzeit alles andere als selbstverständlich ist.

Eine Frau aus der Gruppe hat Geburtstag. Wir wissen das, weil sie es bei der Ankunft erzählt hat. Die Kursleiter überreichen ihr eine Rose in einer kleinen Vase, noch taufeucht aus dem Atrium. Ich finde die Geste schön und alle nicken ihr freundlich zu und lächeln oder machen eine kleine Verneigung. Sprechen wollen wir ja nicht.
Die Frau lächelt zurück. Aber beim Frühstück weint sie. Die Rose steht vor ihr. Ich bin der einzige, der das sieht, weil nur ich ihr gegenübersitze, und natürlich würde ich sie gerne trösten, ihr wenigstens ein mitfühlendes Lächeln schenken, aber sie sieht nicht her. Indes sehe ich aber auch, wie sehr sie sich zusammenzureißen bemüht; ein Beben geht durch ihren ganzen schmalen Körper und sie kämpft sichtlich gegen das aufsteigende Schluchzen. Kein Laut entweicht ihr, aber die Tränen rinnen in zwei klaren Bächen ihre Wangen hinunter und tropfen auf ihr schönes Oberteil, das sie zu diesem Tage sicher besonders sorgfältig wählte.
Vermutlich möchte sie nicht, dass es jemand mitbekommt, denke ich. Also blicke ich nur in Sorge zu ihr und reagiere nicht weiter. Kurz darauf versiegen ihre Tränen. Leid tut sie mir trotzdem: Ich kenne das Traurigsein an Geburtstagen. Das unvermeidliche Bilanzieren. Aber vielleicht hat das Weinen bei der Frau ja auch ganz andere Gründe. Ich kann das nicht wissen, denn wenn ich eines im Umgang mit anderen Menschen gelernt habe, dann diese goldene Regel: Ich bin nicht du. Und vice versa. Alle An- und Mutmaßungen über Motivation und Befindlichkeit anderer sowie Ratschläge im Sinne von „Wenn ich du wäre, würde ich …“ erübrigen sich damit. Und auch langjährige Partner sollten sich das ab und zu sagen, bevor sie die Sätze des significant other vorschnell ergänzen.

Später singen wir einen wunderbaren Kanon: „Wechselnde Pfade / Schatten und Licht / Alles ist Gnade / Fürchte dich nicht.“ Wir haben gute Sängerinnen und Sänger in der Gruppe, dadurch klingt es sehr schnell sehr schön, und sogar meine Stimme — sonst eher dünn und nichts, worauf ich stolz bin — ist heute erstaunlich volltönend, obwohl ich sie hier außer zum Singen für nichts benutze. Es überrascht mich ebenso, wie es mich glücklich macht. Aber der Text kommt auch aus tiefstem Herzen: Ich mag den Begriff der Gnade, insofern hatte Beichtvater Nr. 1 in Sachen Augustinus wohl wirklich den richtigen Riecher — und zugleich versöhnt es mich mit meiner lutherischen Vergangenheit.

Alles ist gut. Wie ich diesen Spruch „Alles wird gut“ im Fernsehen und als platte Floskel immer verabscheute, wie zynisch ich ihn fand angesichts all des Grauens in der Welt. Das vage Versprechen auf ein „wird“ finde ich immer noch mau. Was soll ich damit? Aber hier fühle ich es im Präsens: Alles ist gut. Das Grauen in der Welt tobt unbeirrt weiter, natürlich. Auch hinter Klostermauern wird man für das Draußen nicht blind. Aber das Gute ist trotzdem auch da, immer noch, und es gibt Menschen, Orte, Werte, die es nähren und erstarken lassen.
Es ist ein Segen, sich darauf einzulassen.

„Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag.“ (Dietrich Bonhoeffer)

Am Nachmittag hört der Regen auf und es wird schlagartig wieder warm. Ein Spaziergang führt mich (dieses Mal ohne Anstieg) entlang am Rande der Felder. Auf den vom Regen gebeugten Grashalmen liegen die Tropfen wie Glasmurmeln in einer Schale. Wie vollkommen die Schöpfung ist, denke ich, und möchte mich alle zehn Meter auf den Boden werfen vor Ehrfurcht.
Nacheinander kommen mir zwei Spaziergänger mit ihren Hunden entgegen. Sie machen mir Platz, lächeln und grüßen freundlich. Menschen können ja nett sein, denke ich. Ich hatte das fast vergessen. Aber vielleicht, ahne ich, hat sich ja auch etwas an mir geändert, an meiner Ausstrahlung. Vielleicht habe ich mich ja auch seit Langem wieder einmal getraut, jemanden wirklich anzusehen.
Auch das heutige Seelsorgegespräch zeigt mir: Hier passiert etwas, es bewegt sich. In der Stille wächst die Empfänglichkeit: Für das eigene Herz, die Seele, den Ruf Gottes.

Beim letzten Abendgottesdienst bin ich es, der heult. Selbstverständlich möchte ich das ähnlich würdevoll erledigen wie die Dame heute Morgen, aber ich habe kein Taschentuch dabei. Also muss ich mich während der Andacht rausschleichen, um in der Sakristei in ein Tuch zu tröten: vermutlich nicht ungehört.

Aber ich bin nicht traurig. Im Gegenteil. Während der Exerzitientage fühlte ich etwas heilsam in mir aufweichen, was nicht gleichzusetzen mit einem schwach werden oder gar verletzlicher werden ist. Eher: Weich genug, damit Belastendes entweichen kann. Weich genug, damit sich Herz und Seele wieder in Form bringen lassen und Risse darin zugestrichen werden können. Und weich genug, um wieder zu lieben: Trotz aller Verletzungen.
„Sieh, das Lamm Gottes!“ — Dem Menschen, der das vor etwa zwei Jahren zu mir sagte und der mich letztlich nach Hause brachte, gilt dafür meine Achtung und Dankbarkeit. Doch ich kann seine Hand nun loslassen, denn ich weiß: Es gibt einen anderen, der sie hält.

„Keep giving all the love you can.“ (Tammy Wynette)