Momentaufnahme, Herbstanfang

In das Flussrauschen mischt sich der langezogene Schrei eines Waldkauzes auf der Jagd. Hu-huhuhuhu. Hu-huhuhuhu, wieder und wieder. Durch das weiße Sprossenfenster meiner Klosterzelle schimmert der Abendstern. Bis auf die Eule und das Wasser der Kyll ist kein Laut zu vernehmen, nicht einmal Wind geht. Es ist genau die Art von Stille, nach der ich mich in all dem Trubel der letzten Monate gesehnt habe. Ich höre dem Waldkauz ebenso andächtig zu, wie ich etwas früher am Abend einigen Mönchen unter dem Kirchenfenster beim Singen lauschte. Ein warmes Glücksgefühl durchströmt mich; es ist ein perfekter Moment: Jetzt, hier, an diesem Fenster.
Auch die meteorologische Wärme hat nicht nachgelassen; tagsüber ist es unverändert heiß und auch nachts braucht man gerade einmal einen dünnen Pullover.
Und dennoch kam, quasi über Nacht, der Herbst.

Mit einiger Überraschung stellte ich bei der heutigen Wanderung fest, dass sich die Spitzen der wenigen Laubbäume im Wald bunt verfärbt hatten. Auch das Brombeerlaub entlang der Wege nimmt bereits Herbstfarben an. Nur die unzähligen wilden Orchideen erzählen noch vom Sommer.

Auf Langeoog soll es ebenfalls herbstlich geworden sein, schreibt mir die Freundin, und ich frage mich, wo das Jahr geblieben ist. Dieses Jahr, das wohl für niemanden einfach irgendein Jahr gewesen ist. Das Jahr, das alles veränderte; das Nähe nahm und neue Nähe brachte. Das das Verständnis von Höflichkeitsformen und Distanz teils völlig auf den Kopf stellte und uns neue Prioritäten bei unseren Sozialkontakten setzen ließ.
Lediglich die Nähe zu Gott war noch ohne größeren Aufwand zu bewerkstelligen — freilich auch das nur so lange, wie man im stillen Kämmerlein betete und nicht in die Kirche gehen oder gar die Eucharistie empfangen wollte. Aber auch dafür wurden ja letztlich Lösungen gefunden; und zumindest auf Langeoog waren die Leute mit genug Disziplin bei der Sache, um größere Ausbrüche von Corona-Infektionen zu verhindern.
Obwohl das Jahr noch 2,5 Monate übrig hat, beginne ich schnell mit dem ersten sichtbaren Herbsttag zu bilanzieren. Eine Unsitte vielleicht, denn auch in 2,5 Monaten kann so ein Jahr noch überraschen. Indes bin ich aber froh, diese Bilanz mit einem gesunden Abstand zu Insel, in der Abgeschiedenheit eines 800jährigen Klosters ziehen zu können; wo ich alles, was schön war, Gott zum Dank hinhalten kann — und alles, was nicht schön war, auch. Gott hält das aus.

Die Turmglocke schlägt 22 Uhr: Für Mönche und die anderen Klosterbewohner längst Zeit zum Schlafen. Die Eule schweigt; vermutlich ist sie satt.
Es ist traurig, dass morgen schon der vorletzte Tag anbricht, denke ich. Ich wäre gern noch geblieben: Hätte den Wald in seinem Herbstkleid angeschaut und die schön gewachsenen Obstbäume mit ihren kunstvoll gewundenen Stämmen und knotigen Zweigen. Aber so geht es mir ja in jedem Urlaub — obwohl ich sicher weiß, dass auch der Inselherbst wunderschön sein kann. Noch aber liegt die Insel in weiter Ferne. Noch bin ich hier.

Du fehlst

Es wird leichter
wenn man selber geht
hieß es und so ging ich
fort von da, wo du
ja doch nie
wirklich warst

und heute ist’s
als wär ich nie
gegangen, als sei
all das kaum
einen wimpernschlag lang
deiner schönen
augen her

als brüllte nicht
das ewige meer
mir unseren kummer
täglich entgegen
als hätte die brandung
nicht längst
unser hilfloses lieben
vertilgt

WetterundMoewen21101805

Momentaufnahme, Goldener Oktober

Am Morgen liegt Raureif über den Weiden. Die Schafe im Klostergarten haben sich unter einem Baum zusammengekauert und geben sich gegenseitig Wärme. Wiewohl die Tage noch warm sind und die Bäume volles, kaum verfärbtes Laub tragen, naht unverkennbar der Winter.
Zu den Vigilien um 6 Uhr morgens ist es noch stockdunkel draußen; die Kirche ist kalt. Aus den Ärmeln des Habits einiger Mönche sieht man dicke Pulloverärmel ragen, ab und zu hustet oder schneuzt sich jemand im Chorgestühl. Ich bewundere, wie gekonnt einer der Gottesmänner einen Niesanfall mit einer Verbeugung synchronisiert, sodass es kaum jemand mitbekommen hätte, wäre da nicht noch ein kurzes Aufleuchten eines eilig hervorgezogenen Taschentuchs gewesen. Kurz: Es sind etliche Mönche erkältet; nichtsdestotrotz singen sie auch an diesem Morgen herzerwärmend schön ihr Nachtgebet, das fießend ins Morgenlob übergeht. Und diese mild stimmenden Tagesanfänge im Gebet sind wohl der Grund, warum mir das extrem frühe Ausstehen hier weniger Greuel ist als anderswo.
Spätestens zum Laudes ist aber auch mir erbärmlich kalt und ich frage mich, wie es die sehr asketisch lebenden unter den Heiligen schafften, in Hunger und Kälte ihre Gottesbeziehung noch zu vertiefen. Ich indes muss mich mühen, mich auf den lateinischen Text der vorgetragenen Psalmen zu konzentrieren und nicht allzusehr in der Bank zu zittern.

Als die Sonne zur Frühstückszeit hervorbricht, wird es dagegen schlagartig warm. Gegen Mittag ist es geradezu heiß zu nennen; ich schwitze bereits im Hemd unter azurblauem, wolkenlosen Himmel und entscheide mich daher zu einer längeren Wanderung.
Erneut geht es entlang der Felder, einen steilen Hang hinab durch friedliche Wohnstraßen, wieder hinauf zur Landstraße und bei „Ingas Hühnerhof“ wieder hinab in Richtung Wald und Ruhr-Universität. Ein Bus fährt hier nur einmal in der Stunde. Vom Tal aus bewundere ich die sattgrünen bewachsenen oder frisch umgepflügten Äcker mit ihren malerischen Gehöften dazwischen; Fachwerk oder Schiefer. An einem der Bauernhäuser, das pittoresker nicht sein könnte, trägt eine Tafel über der grün gestrichenen Eingangstür die Aufschrift „A.D. 1486“.

Davor stelzen Hühner herum; neben einem kleinen Wassergraben räkelt sich eine grauweiß gescheckte Katze in einem Sonnenfleck.
Und das mitten im Ruhrgebiet.

„Als ich hörte, dass ich nach Bochum komme, war ich entsetzt“, erzählte der nette ostfriesische Gastpater bei einem gemeinsamen Ausflug zum nahen Stausee am Vortag, „ich dachte, da ist alles grau und hässlich und industriell. Bei uns in Ostfriesland ist es doch so schön, und die Leute aus dem Ruhrpott kamen bei uns immer zur Erholung. Deswegen dachte ich: Dort muss es ja furchtbar sein. Und nun gibt es hier so schöne Ecken.“
Ich freue mich, dass wir beide die Schönheit Ostfriesland und die des ländlichen Ruhrgebiets zu schätzen wissen, und lächele in der Erinnerung an das Gespräch. Das glaubt mir hier von meinen Freunden auch keiner, denke ich, während ich weiter wandere und dabei die wunderbare Szenerie genieße; und „beweisen“ kann ich es nicht, da ich heute zwar die schwere Kamera mitschleppe, aber die Speicherkarte im Kloster vergaß.
Schön war es am See; auch dort wurden viele Kindheitserinnerungen wach, vieles war noch vertraut ― auf diffuse Weise oder deutlich. Auch das Tretboot in Form eines Schwans war noch da und schaukelte auf silbrigen Wellen; drumherum gründelten lebendige Artgenossen. Natürlich quengelten wir als Kinder ständig um eine Fahrt mit diesem Schwan, und ich überlege, ob es noch derselbe ist, aber vermutlich ist es schon Schwanentreetboot Nr. 8, man weiß es nicht. Nun sah ich das Boot erstmals aus der Höhe eines Erwachsenen und badete mein Herz in dem Anblick. Auch der Mönch schwelgte am Ufer des Sees in Erinnerungen und berichtete von einer Konventfahrt mit dem Ausflugsschiff, ein ganzer Kahn voller Ordensmänner ― was für eine Schau! Ich konnte es mir lebhaft vorstellen.

Heute aber bin ich allein unterwegs und es soll es zu einem anderen Ort mit vielen Erinnerungen gehen: In den Botanischen Garten. Ein schmaler, steiler Weg mit dem Hinweis „Fußweg zur Universität“ führt mich tief in einen alten, dichten Wald. Umgestürzte Bäume liegen in moosüberwucherten Abgründen, riesige Eichen werfen mit ihren Früchten, an den Sträuchern leuchten sattschwarze oder feuerrote Beeren.

„Kind, geh niemals allein in den Wald spielen!“ höre ich noch eine warnende Stimme, aber das Kind ist groß, und es tut gut, mir den Wald jetzt ganz neu zu erobern. Nach einer Weile begrüßt mich die Universität mit einer übermannshohen Betonmauer in brachialer Hässlichkeit. Davor liegt Müll, dahinter beginnt gleich der Wald: Wenn mich jemand umbringen wöllte, dann hier, an dieser komplett uneinsehbaren Stelle, denke ich, und gehe ein bisschen schneller.
Und plötzlich ist alles wieder da. Ich quere den Campus, als wäre ich nicht 20 Jahre lang fortgewesen. Ich erinnere das Parkhaus, durch das ich vor Urzeiten meinen beige-metallicfarbenen Golf 1 wand ebenso wie die Reihenfolge der Fakultätsgebäude und Sportanlagen. Dann erreiche ich endlich den Garten; eine gute Stunde Marsch vom Kloster entfernt.
Der Botanische Garten hat sich gemausert. Entgegen der Erwartung, ihn verkommener vorzufinden als in der Erinnerung, sind die Gewächshäuser und Beete in hervorragendem Zustand; viele exotische Gewächse wurden anlässlich des sonnigen Wetters vor den Häusern aufgereiht und sorgen für mediterranes Flair. Sogar eine kleine Kaffeebar gibt es jetzt, und ich genieße eine Tasse unter einem Bitterorangenbaum, vollkommen glücklich. Es könnte nicht schöner sein. Der Student hinter der Kaffeetheke kommt mir schrecklich jung vor und ich werde kurz meines Alters gewahr: Als ich diesen Garten zum letzten Mal sah, war ich so alt wie dieser Student und selbst noch einer. Heute bin ich doppelt so alt; ich könnte sein Dozent sein oder sogar sein Vater. Aber mich dauert das heute nicht: Lebensphasen mit gebührendem Abstand betrachten zu können, tut mitunter einfach nur gut.

Das Pflaster ist von den mächtigen Wurzeln der Nadelgehölze, die mich an meinem Pausenplatz wohltuend überschatten, an einigen Stellen aufgesprengt. Vor mir plätschert ein kleiner Brunnen aus Granit. Das Sukkulentenhaus hinter mir war beim letzten Besuch noch eine Baustelle; nun fasziniert es mit wunderbaren Kakteen und anderen Wüstengewächsen.
Auch der chinesische Garten erstrahlt nach langer Schließung in renovierter Pracht, mehrere Hochzeitspaare machen dort Fotos. Riesige Koikarpfen durchkämmen das Wasser des Teiches, in das Trauerweidenzweige ragen: In der chinesischen Kunst sind diese ein Sinnbild für Frauenhaar und oft Gegenstand erotischer Tang-Dichtung und -Malerei. Künstliche Felsen und ein Gebäudeensemble mit vielen Maueröffnungen bieten immer neue Perspektiven.

Zurück nehme ich einen anderen Weg; durch einen weiteren Wald geht es zum Hinterausgang des Gartens und dort erneut durchs Tal bis zu einer Weggabelung, die zur Linken über einen staubigen, nur teilasphatierten Pfad quer durch die Felder führt, geradewegs auf das noch in einiger Ferne liegende Kloster zu. Ich passiere so üppig blühende Feldränder und Gärten, als sei es gerade einmal August. Dass heute Morgen schon Eis auf den Wiesen glitzerte, erscheint mir nun fast surreal.

Auf eines der Felder, das gestern noch frisch abgeerntet schien, hat der Bauer in der Früh Mist aufgebracht. Mir ist ein bisschen schlecht, als ich mich notgedrungen über eine ganze Ackerlänge daran vorbeiquäle: Das reine Landleben bin ich wohl auch nicht mehr gewohnt; es stinkt zum Gotterbarmen.

Durch die abgewetzten Sohlen meiner uralten Lieblingsschuhe spüre ich inzwischen jedes Körnchen Schotter ― auch gewandert bin ich schon lange nicht mehr.

Als ich in den Konvent zurückkehre, steht der freundliche kleine Gastpater gerade vor dem Gästehaus und unterhält sich mit dem Abt; ein anderer Mönch hockt auf der Weide im Kostergarten und füttert die winzigen Shetland-Ponies. Alle tragen den gleichen Habit; der Ordensobere von Bischofsrang, zurzeit zu Besuch aus der Mutterabtei, ist lediglich an seinem Brustkreuz von den anderen zu unterscheiden. Der Herbstwind lässt Zingula und Rocksäume flattern und verwebt die leisen Gespräche der Ordensleute mit dem Rauschen der Blätter in den Baumkronen. Es ist ein herrlich aus der Zeit gefallenes Bild.
Wenn jetzt nur noch das Brausen der nahen Schnellstraße in Wirklichkeit die Brandung des Meeres wäre, denke ich, ― dann würde ich gleich hierbleiben.

Momentaufnahme, Stadtland

Nachem ich den Hühnerhof an der Straßenecke hinter der Klosterausfahrt passiert habe, öffnet sich der Blick über weite Felder. Es ist Herbst. Auf den abgeernteten Schollen staksen Krähen zwischen den goldenen Stoppeln des Korns auf regenfeuchter, tiefbrauner Erde umher. Wie bei uns im Norden die Möwen, sitzen hier Schwärme von Brieftauben zwischen den Krähen auf den Feldern, welche diese als Konkurrenz aber wohl wenig zu schätzen wissen. Jedenfalls gibt es ab und zu Tumult seitens der Krähen, und dann erhebt sich der Taubenschwarm in beeindruckend synchronisiertem Fluge, entweder heimwärts in den Schlag oder um sich an einer anderen Stelle des Feldes niederzulassen.
Tauben gehören zum Ruhrgebiet wie Möwen an der See, auch mein Vater war als junger Mann Schriftführer im Taubenverband, Gelsenkirchen Buer-Erle.

Denn so sehr mein Herz am Norden hängt: Auch das hier ist Heimat. Vor mir ragen die Türme der Ruhr-Universität aus dem Tal, eingebettet in eine baumreiche Hügellandschaft. Die Campus-Universität ist kein architektonisches Highlight, aber ich mag sie, weil sie die einzige Universität ist, die ich schon als Kind kannte und folglich all meine kindlichen Berufsträume von einem Leben als Naturforscher daran knüpfte. Wenn wir im Botanischen Garten mit den Eltern spazieren gingen, bewunderte ich beispielsweise die großen erleuchteten Gewächshäuser, in denen Botaniker oder andere Wissenschaftler in weißen Kitteln an geheimnisvollen Dingen forschten. Die gelben „Zutritt nur für Angehörige der RUB“-Schilder vor den Arealen mit den Gewächshäusern bescherten mir dann meinen persönlichen Schrödermoment: „Ich will da rein!“ ― Das Rütteln am Zaun freilich sparte ich mir.

Studiert habe ich dann letztlich woanders, da die Zusage der RUB erst kam, als ich mich schon nach einer Alternative umgesehen und dort eingeschrieben hatte, aber noch immer ist es auf irgendeine Weise die Universität des Herzens, hässlich hin oder her.

Ich würde den Botanischen Garten gern wiedersehen, denke ich, es ist viel zu lange her. Vermutlich kommt er mir heute winzig und verfallen vor ― man idealisiert ja viel von früher ― aber sehen möchte ich ihn doch. Jetzt allerdings bleibt nur noch eine Stunde bis zum Mittagsgebet, also biege ich lediglich kurz Richtung Stiepel-Dorf zum Getränkemarkt ab, um mir Cola und Limonade zu kaufen, denn man muss es ja mit der Askese nicht übertreiben im Kloster.

Das frühe Aufstehen um 5:30 Uhr fällt mir nicht leicht, aller frommen Bücher, welche den Wert des Nachtgebets loben, zum Trotz. Aber ich halte es durch und mich wach: Durch Spaziergänge, stilles Gebet, Lektüre, Kontemplation. Gelegentliche Ausflüge ins Internet und Soziale Medien finden statt, aber auch meist ein jähes Ende, sofern der erste Fall von Häme und Bösartigkeit in den Kommentarspalten zutage tritt: Dies soll mir die heiligen Tage hier nicht vergiften. Auseinandersetzung bis zu einem gewissen Punkt: Durchaus, aber sobald es nicht mehr um Austausch geht, sondern nur um Rechthaben und Runtermachen, bin ich raus.
Darüber, wie man so etwas besser erträgt, lässt sich dann immerhin gut mit den Patres reden, denn auch die sind durchaus am Puls der Zeit und tragen ein Smartphone in der Brusttasche ihres Ordenskleides mit sich herum, wie ich zu meinem leisen Amusement feststellte ― wenn auch gut verborgen unter dem darübergebundenen Skapulier.

Notgedrungen denke ich hier viel nach über das, was mich im Leben prägte, über das, was speziell in diesem Jahr passierte, und über die Weggabelung, an der ich mich einmal mehr befinde und über die ich mit Gott und Geistlichen zu verhandeln habe.

Es tut gut, mit der Souveränität des Erwachsenseins noch einmal die Orte der Kindheit zu durchstreifen, dabei beruhigend festzustellen, über wie viele Dinge man nun nicht nur physisch erhaben ist und wie vielen man auf wohltuende Weise in mehrfacher Hinsicht entwuchs. Andere wiederum trägt man als Schatz in seinem Herzen, als Heimat im Inneren.

Auf dem Rückweg zum Kloster werfe ich nochmals einen Blick zurück über die Täler und mir wird klar, was ich an dieser Gegend, die bei vielen nur Grausen und Spott hervorruft, wirklich liebe: Dass hier auch in der Stadt jedes Kind weiß, wo das Essen herkommt, weil man jeden Kohlkopf, jede Rübe auf dem Teller irgendwo zwischen den Städten aus den Ackerfurchen hat lugen sehen; weil der Viehdung zwischen Bochum, Essen, Dormund in die Autofenster zieht, weil Pferde neben der Schnellstraße wiehern, weil hier also nicht nur die Städte selbst, sondern auch Stadt- und Dorfleben nahtlos ineinander übergehen. Bis auf den Autolärm ist es still. Ab und zu keckert eine Krähe; die mit Autoreifen beschwerten Planen über den eingebrachten Heuballen in den Höfen der Landwirte machen leiste Flattergeräusche.
Auch auf dem Kreuz der Klosterkirche sitzt eine Krähe. Bald läuten die Glocken zur Sext und Non.

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Sommerende

der sommer geht nun fort
ohne dich mein freund
das eis hör ich
fast wieder knirschen
unter unseren schuhen

doch wenn das eis kommt
werden es allein noch
meine schuhe sein
wo du dann bist
werd ich nicht wissen

 

 

Momentaufnahme, Nachglühen

Die Hitze hält an. Es ist der trockenste Sommer, an den ich mich erinnern kann; nicht nur auf Langeoog. Die Deiche sind braun, ebenso wie die Dünen. Viele Bäume und Sträucher haben schon jetzt ihre Blätter abgeworfen, um zu überleben. Die Dohlen am Strand belauern die Süßwasserduschen in der Hoffnung, herabfallende Tropfen zu erhaschen. Das bisschen Regen, das in den letzten zwei Monaten fiel, reichte nicht einmal für meine Balkonkästen: Täglich leere ich Gießkanne um Gießkanne und fülle das Vogelbad. 
Heute verlasse ich erst am Abend das Haus. Meine Haut wehrt sich trotz Sunblocker gegen die Strahlen, es ist fühlbar eine Grenze erreicht, an der ein hellhäutiger Mensch wie ich drinnen bleiben sollte.

Unglaublich, dass sich im März noch Eisschollen am Strand türmten, denke ich, während das Festland, auf das ich von Gerk-sin-Spoor aus schaue, in der warmen Luft flimmert. Auf der anderen Seite ergießt sich die untergehende Sonne über auflaufende See. Endlich wird es ruhiger am Strand.
Die Saison laugt aus. All das Geschrei, Gewusel, Geklingel. Stau in allen Geschäften, auf allen Straßen; kaum ein Restaurantbesuch, den man ohne Reservierung unternehmen könnte. Die Insel ist voll. 
Lauter und lauter wird die Sehnsucht nach stilleren Zeiten, nach Herbst.

Die Natur nährt diese Sehnsucht. Auf den verbrannten Flanken der Braundünen breitet sich seit ein paar Tagen ein dunkelgrüner Teppich aus: Heide und Moosbeeren. Der Sanddorn reift. Aus ihrem Dornengeäst leuchten flammend rote Hagebutten, die Blätter zum Teil schon in herbstlichem Gelb; andere, an Schattenplätzen, stehen noch im satten Grün des weniger heißen Frühsommers.
Es ist eine seltsame Zwischenzeit. 
Zwischen zwei Jahreszeiten. Zwischen Beruf und Berufung. Zwischen Liebe und Loslassen. Ein fortwährendes Jonglieren mit Wissen und Wahrheit, mit Möglichkeit und Machbarkeit, mit Traum und Tatsachen. 
Hier Chaos, dort Klarheit. Es wird Zeit für eine Pause.

An diesem Abend fühle ich mich allein. Das kommt selten vor, und keinesfalls darf man dieses „allein“ mit einsam geichsetzen, aber ich denke an den Mann, der vor wenigen Tagen noch hier war, und dass es schöner wäre, allein durch seine Anwesenheit nicht so viel nachdenken zu müssen. 
Ich weiß noch nicht, was mir dieser Mensch bedeutet, aber er bringt Ruhe in all den Aufruhr, und was könnte mir jemand Besseres bringen zu dieser Zeit?
Die Wellen sind heute besonders schön. Sie rollen groß und sanft zugleich an den Strand, kraftvoll wie ein Arm, der einen hält.

Natürlich: Ich kann ihm ein Bild von den Wellen schicken. Ich kann ihm Worte schicken: Schau mal, wie schön. Ich kann versuchen, die Farbe des Meeres in Worte zu fassen. Ich könnte aber auch einfach die Reflektion der Abendsee in seinen Augen sehen. Dann bräuchte ich gar nichts sagen und gar nichts tun. Dann müssten wir einfach nur in die gleiche Richtung sehen, und er wüsste, was ich meine.
Es ist ein eine noch fremde Nähe zwischen uns. Er wohnt nicht allzuweit weg, also wird er wohl bald wieder hier sein. Geduldig und langmütig ist er; er ist so anders als der, der fortging, als noch das Eis am Strand lag. Indes: Diesen liebten wir einst beide. Und ich weiß nicht, ob es als gemeinsame Basis reicht, dass einem einst derselbe Mann das Herz brach. Es gibt viel zum Nachdenken dieser Tage.

Die kommende, stille Zeit des Herbstes liegt als Hoffnungsschimmer in Sichtweite wie der verglimmende Sonnenrest am Horizont. Die Nacht verschafft Abkühlung. In dem verglühenden Sonnenstreifen schimmert schwach die Erinnerung an warme Nächte und Hände, die Geborgenheit eines Strandkorbs. Ich wusste schon gar nicht mehr, wie das geht. Doch wo verläuft er, der schmale Grat zwischen Sinnlichkeit und Sünde? Ich weiß nicht, ob ich es will, das stetige Austarieren, das Abwägen zwischen Zuneigung und Leichtsinn. Soll ich es zulassen, soll ich es aufgeben? Ist uns nicht anderes bestimmt, das doch ein Lossagen verlangt?
Aber jetzt ist noch keine Zeit für Antworten: Noch ist nicht Herbst. Und der Sommer ist noch nicht vorbei.

Momentaufnahme, Reise

Es ist wundervoll, Zeit zu haben. Ganz gleich, wie gerne man seinen Beruf ausübt: Der Mensch braucht auch Tage, in denen er ohne jeden Plan termin- und sorglos vor sich hinleben kann, vulgo: Der Mensch braucht Urlaub.
Seit drei Tagen befinde ich mich in diesem seligen Zustand und es ist wunderbar. Wie schön ist es, wenn man auf einmal die Griffel fallen lassen kann ohne dräuende Existenzangst, sie nach einiger Zeit nicht wieder aufnehmen zu dürfen — und wie schön ist es, ein Jahr, das so bescheiden anfing, so großartig zuende gehen zu sehen; hinzukommend fürs neue Jahr geplante Ereignisse, auf die man sich jetzt schon freut. Es ist gut, Zeit zu haben: Zum Innehalten, Rückschau halten, Zu-sich-Kommen, Lieben, Danken.

„Verreist Du nicht?“, werde ich von Menschen gefragt, denen ich vom Urlaub erzähle, oder gleich „Wohin geht es?“ Nunja: ich bleibe daheim. Es sind einige Dinge am Haus zu tun, dazu ist ein Ehrenamt vorzubereiten, eine monetäre Frage ist es auch, und überdies gebe ich zu: Ich möchte einfach nicht. Lebe ich schließlich nicht an einem schönen Ort, der für so viele andere Menschen das ersehnte Reiseziel ist? Muss man da fliehen? Und dann: Die CO2-Bilanz! Dürfte ich noch darüber wettern, wenn ich selbst zig Flüge auf dem Kerbholz hätte?

Andererseits denke ich, dass man unbedingt verreisen sollte. Alexander von Humboldt wird der Satz zugeschrieben: „Die gefährlichste Weltanschauung ist die derjenigen, die die Welt nie angeschaut haben“, und dem ist wohl nichts hinzugefügen. Dass ich die Welt anschaute, ist lange her; meine weiteste Reise in den letzten fünf Jahren führte nach Flensburg. Dennoch tat auch diese sehr gut, so, wie mir jeder Ausflug aufs Festland gut tut, auf jede Nachbarinsel. Von Baltrum aus betrachtet, sieht Langeoog halt doch noch ein bisschen anders aus, und wieder anders von Bensersiel. Man braucht nicht weit zu fahren für einen Perspektivwechsel — wichtig ist wohl nur, dass man offen für einen solchen bleibt. Es gibt Leute, die von den Urlaubsfotos ihrer Bekanntschaften auf facebook genervt sind, aber ich freue mich in der Regel darüber, weil ich so „herumkomme“ ohne selbst dafür tätig werden zu müssen.
Auch der Lieblingsmensch ist zurzeit auf Reisen und sendet Bilder von nebelumflorten Flusstälern, altehrwürdigen Schlössern, hohen Baumkathedralen mit regenschweren Dächern, Kirchenfenstern in spektakulären Farben. Ich bade mein Herz in diesen schönen Ansichten und bin gern auf diese Weise bei ihm; dennoch freue ich mich auch darüber, ihn wieder sicher Zuhause zu wissen, birgt doch jede Reise ein Risiko des Nichtwiederkehrens. Sicher: Sterben kann man auch zuhause, mag man da einwenden, aber irgendwie ist das doch etwas anderes, wenn auch nicht minder furchtbar.

Derweil mache ich den Balkon herbstfein. Ich knipse die übrig gebliebenen Geranienblüten ab und drapiere sie in einer Vase, bevor ich die letzten Zeuginnen des vergangenen Sommers aus den Blumenkästen schäle und sie dem Komposthaufen hinter dem Haus übereigne. „Magst du lieber rote oder rosafarbene Geranien“ hatte ich den Liebsten noch gefragt, bevor ich sie kaufte, und er wählte die roten, also pflanzte ich diese. Das ist wohl ein bisschen seltsam, wo der Mann doch so weit weg wohnt und die Geranien daher kaum zu Gesicht bekommt, aber ich wollte einfach, dass es auch seine Blumen sind, so wie man wohl insgesamt einfach mehr zum Teilen bereit ist, wenn man jemanden gern hat. Liebe mag miese Eigenschaften in einem hervorbringen, namentlich Dinge wie Eifersucht oder Territorialansprüche, aber summa summarum macht sie wohl doch ein bisschen weniger egoistisch. Ehrlich gesagt, ist das auch der Teil, der mir am Single-Dasein am Schwersten fällt: Dass man quasi zum Egoismus gezwungen ist. Natürlich genießt man es einerseits, im teuren Hotelzimmer das ganze Bett und alle Handtücher für sich allein zu haben, die Heizung und die Champagnerflasche dann aufdrehen zu können, wenn einem persönlich danach ist — aber zugleich gibt es eben auch niemanden, mit dem man den Champagner oder auch nur die Erinnerung daran teilen kann. Und dann grämt man sich anderntags wegen des Katers (wahlweise der Verschwendung, wenn man den schal gewordenen Ruinart-Rest in den Siphon schüttet) und weil niemand verschlafen lächelt neben einem oder in der Dusche vor sich hinplätschert, während man sich nochmal umdreht; in leiser Vorfreude darauf, den noch feuchtwarmen, duftenden Significant Other alsbald wieder in die Arme zu schließen.
Unumwunden muss ich zugeben: Auch die Zahl der Neurosen wächst mit den Jahren des Alleinlebens; umso schwieriger wird es dann, jemanden zu finden, dessen Neurosen mit den eigenen kompatibel sind oder diese sogar sinnvoll ergänzen.
Einen solchen Jemanden schickt der Himmel.

Nun aber, bevor der Frühling Einzug halten kann, weichen die Geranien zunächst einer Ansammlung frostharter Gewächse: Noch ist ein Winter zu überstehen, und nur Gott weiß, was uns währenddessen erwartet. Erika und Astern werden sturmfest eingegraben, jetzt noch umgeben vom Feuer der Herbstfarben in den Hecken und Bäumen ringsherum. Schon bald aber wird kleine Weihnachtsdeko dazwischen glitzern und dann vielleicht eine dünne Schicht Schneekristalle über meinen Pflanzen liegen. Ich werde die letzte Sonnenwärme des Jahres im Rattansessel auf dem Balkon genießen oder, mit einer Schale Tee in den Händen, vom Fenster aus zusehen, wie der Regen ihre Blüten biegt und die Blätter sattgrün lackiert. 
Ich werde mich auf den Frühling freuen, aber keine Eile damit haben. Heute weiß ich um die wärmende Kraft von Gebeten und Worten und um das Beständige im Wandel. Ich weiß, dass man offenen Herzens und guten Willens sehr weit kommen kann; man kann reisen und neue Welten entdecken, ohne dafür auch nur vor die Tür treten zu müssen. Ich glaube wieder an die Liebe, das Gute und Ewige, und ich weiß jetzt um die Fülle in der Genügsamkeit.
Ich glaube: Es ist ein gutes Jahr.

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