Unter dem Sand

Die Straßen sind noch vereist, aber der Vogelgesang am Morgen klingt schon verdächtig nach Frühling. Die Luft ist klar und salzig, der Himmel blau und wolkenlos. Durch die Morgenstille dringt Meeresrauschen. Jetzt, nach Dreikönig, hat sich die Insel geleert; nun gibt die Natur im Wortsinne wieder den Ton an, nicht der Menschenlärm.

Die Hagebutten der Hundsröschen leuchten feuerrot an ihren nackten Zweigen und ich freue mich auf den Tag, an dem daran wieder zartes Laub ergrünen und die winzigen rosafarbenen Blüten sich öffnen werden. Der Februar ist kurz. Vielleicht noch ein letzter Schnee im März, der kam fast jedes Jahr. Aber danach, denke ich, danach ist endlich Frühling. Das Rot ist schön vor dem leuchtend blauen Himmel und ich bin froh über diesen Farbtupfer in den leeren Straßen mit ihren wintermüden Gesichtern, von denen ich die meisten jetzt wieder kenne. Die Weihnachtsbäume sind abgetakelt und abtransportiert; in den Läden rüstet man auf für den Frühling.

Das vor Kurzem noch so makellos rein vor einem liegende neue Jahr hat bereits seine ersten Lackschäden durch persönliches, politisches und allgemeines Ungemach, die neue Jahreszahl kommt einem schon flüssig über die Lippen, und so ist man kurz nach Neujahr schon irgendwie wieder mittendrin in Allem.

Einzig der Strand erweckt jetzt wieder die Illusion eines unbeschriebenen Blattes, mit dem noch alles möglich ist. In endloser Weite erstreckt sich die Sandfläche, die Priele glitzern, darüber ein Schwarm Schneeammern im Fluge. Möwen ruhen am Flutsaum oder kreisen bedächtig über dem golden wogenenden Strandhafer; Menschen sind kaum unterwegs.

Doch auch diese Idylle ist, natürlich, eine Illusion. Ich entdecke einen kleinen Hügel im Sand und steuere darauf zu. Es ist ein toter Seehund mit cremefarbenem Fell, farblich vom Sand kaum zu unterscheiden. Das Fell glänzt in der Sonne wie mit Silberfäden durchwirkt und ich verstehe, warum es einst bei Robbenjägern begehrte Ware war. Dem Impuls, darüberzustreicheln, widerstehe ich allerdings. Ich stupse das Tier mit dem Fuß an. Es scheint noch nicht lange tot. Bis auf ein bisschen Darm, das die Leichengase aus dem Anus des Tieres gepresst haben, sind noch nicht viele Verwesungsanzeichen da. Ich vermute den Kopf des Seehundes im Sand verschüttet, aber als ich die Schuhspitze unter den Hals schiebe, um ihn anzuheben, ist da kein Kopf. Wer zum Henker, denke ich, enthauptet denn bitte einen Seehund? Jemand, der sich das eindrucksvolle Gebiss in die Vitrine stellen möchte? Veterinäre zu Untersuchungszwecken? Oder ist einfach ein anderes Raubtier mit dem Schädel auf und davon? Ich entferne mich von dem glücklosen Geschöpf und frage mich, ob Seehunde eine Seele haben und ob er jetzt in irgendeiner himmlischen Nordsee planscht. Oder ob dieses schöne Geschöpf mit seinem glänzenden Fell jetzt einfach nichts ist außer anderertiers Fressen, dem Verfall anheimgegeben,und irgendwann nur noch ein bleicher Seehundknochenrest im Sand. Nachdenklich blicke ich auf meine Schuhe. Ein fischiger Geruch steigt auf vom freiliegenden, frischen Seehundfleisch, wo der Kopf hätte sein sollen, und das ich mit dem Fuß berührte. Mir wird ein wenig schlecht.
Ein händchenhaltendes Paar kommt auf mich zu und strahlt verliebt. Sie ahnen nichts von der Tragödie. Das ist auch besser so, denke ich, denn kurz ist bekanntlich auch die Zeit, in der sich die Liebe frei von Drama zeigt. Und dass es wohl besser ist, wenn man sich diesbezüglich möglichst lange die Illusion einer makellosen, freien Fläche erhält; ohne Leichen im Sand — oder im sprichwörtlichen Keller.
Die Sonne steht jetzt hoch am Horizont und zwingt mir einen Dialog mit meinem Schatten auf. Nahezu absurd langbeinig steht er vor mir, eine aufgeblasene Größße, die wenig mit der Realität zu tun hat. Er ist allein.

Lesungs-Nachlese und Ausblick 2022

Aufgrund der Pandemie und sehr, sehr viel anderer Arbeit gab es in diesem Jahr nur zwei Lesungen, aber die waren fabelhaft. Beide Male konnte man eine Stecknadel fallen hören, so konzentriert und andächtig lauschten alle meiner Prosa. Im Anschluss gab es sehr viel wohltuendes und seelenstreichelndes Feedback — und natürlich auch ein paar Buchverkäufe, denn wie treue Leser:innen wissen, kann ich die Prosa nicht nur als Hobby betreiben, sondern muss (und will) damit auch ein bisschen was verdienen. Herzlichen Dank also für jede seelische, aber auch materielle Unterstützung in diesem Jahr!
Dieser Dank geht aber selbstverständlich nicht nur an mein Lesungspublikum, sondern an alle, die in diesem Jahr Bücher oder Bilder gekauft, Lesungen und Verkaufskanäle ermöglicht und mich in jedweder Form in meinem kreativen Schaffen bestärkt haben. Danke!

Die Lesungen fanden in Carolinensiel (Gulfhof Friedrichgroden) und auf Langeoog (AWO OWL/Kajüte) statt. Gelesen wurde jeweils rund 1 Stunde aus Band 6 und 7 sowie viel unveröffentlichtes Material aus Band 8. Letzterer ist in der Rohfassung jetzt fertig, sofern mich nicht noch eine Last-Minute-Inspiration ereilt. Je nachdem, wieviel Zeit ich für Korrektorat und Satz finde, rechne ich damit, das Buch im Februar oder sogar Ende Januar auf den Markt bringen zu können.

Zu guter Letzt: Dank auch an alle Leser:innen meines Blogs „Geflügel mit Worten“. 2021 schließt anhand der Blogaufrufe als zweitbestes Jahr seit Bestehen von GmW, was mich sehr glücklich macht. Nahezu 10.000 Mal haben Menschen hier mitgelesen, und ich weiß, dass viele treue Stammleser:innen der ersten Stunde noch dabei sind — Ihr seid großartig! Und ein herzliches Willkommen allen, die GmW vielleicht erst kürzlich entdeckt haben.

Allen einen guten und gesunden Übergang ins neue Jahr wünscht Ihr und Euer

Mayk Opiolla

Blaue Stunde

Die Blaue Stunde kommt früh dieser Tage. Es ist nicht einmal 16 Uhr, als sich eisblaues Licht über die Insel senkt und allem darauf und darum etwas Unnahbares verleiht. So, als betrachte man die Winterdämmerung wie ein Exponat in einer Glasvitrine. Das schwindende Licht lässt alles verwaschen wirken. Die stattliche Brandung mit ihren meterhoch sprühenden Gischtkämmen, die grauen Wolkenwalzen, die wenigen Menschen. Das Leuchtfeuer von Norderney blakt verloren in die viel zu frühe Dunkelheit.
Am Flutsaum sitzt eine Möwe, die sich mit einem glibberigen Happen abquält. Von allen Richtungen nimmt sie das Gebilde in den Schnabel, längs, quer, versucht zu schlucken, spuckt wieder aus … und letztlich hat sie es geschafft: Das Knäuel aus Plastiknetz und Fischresten rutscht die hungrige Kehle hinab, ich kann die Ausbuchtung im Hals von außen sehen. Das war jetzt dumm, Möwe, denke ich. Vermutlich wirst du daran sterben. Zugleich fühle ich mich schlecht, denn ich hätte die Möwe verscheuchen können, als ich durch den Zoom meiner Kamera sah, mit was sie sich da abplagte. Ich habe es nicht getan, ich hätte ein Möwenleben retten können. Sie wäre doch eh sofort wiedergekommen, versuche ich meine Schuldgefühle zu besänftigen. Sie hätte um jeden Preis versucht, das zu essen. Und wenn nicht das, dann den nächsten Plastikmüll. Trotzdem war es falsch, denke ich, ich hätte sie retten können, und sei es auch nur für die nächsten paar Minuten.
Es wird schon zuviel gestorben in diesem November.

In meinem Lieblingsorden musste einer der Mönche viel zu früh heim zum HERRN, Leukämie, entsetzliche Sache. Und täglich sterben Unzählige an Corona; die vierte Welle ist über das Land gebrochen, so kalt und unbarmherzig wie diese Winterdämmerung. In den asozialen Medien sind binnen weniger Minuten Lachsmileys unter solchen Meldungen, Relativierungen und jede Menge anderer Zerebraldurchfall, dabei kann Merkel nicht einmal mehr alles Schuld sein, weil Merkel in Kürze nach 16 Jahren a.D. ist, noch etwas, was dieses Jahr prägt, und natürlich auch mich. Zweifelsohne bin ich ein Kind der Kohl-Ära, ich wuchs mit Birnenwitzen auf. Als Merkel Kanzlerin wurde, eilte ich gerade durch irgendeinen Münchner U-Bahnhof, eine Boulevard-Zeitung titelte: „Es ist ein Mädchen!“ Der Duden schuf unverzüglich Platz für das Wort „Bundeskanzlerin“, „Kapitänin“ folgte ungefähr zeitgleich. Und mittlerweile gibt es wohl Kinder, die fragen, ob auch ein Mann Bundeskanzlerin werden kann. Es war mitnichten alles schlecht.

Nun aber ist endgültig Schicht am Schacht für unsere Bundesphysikerin, die ich aufgrund ihrer uneitlen Unaufgeregtheit meistens mochte, wenn auch nicht ihre Partei. Auf jeden Fall gibt mir auch dieses Ereignis das Gefühl, dass dieses Jahr nur so an mir vorbeigerast ist — in einem Tempo, wie ich es mir von der Deutschen Bahn so manches Mal gewünscht hätte. Kein außerplanmäßiger Halt nirgends, kein Stillstand auf freier Strecke.

Übermorgen ist der Erste Advent. Ich texte die Freundin an, ob sie mir am Strand entgegenkommen möchte, denn auf einmal möchte ich nicht mehr allein sein unter dieser eisblauen Winterglocke, aus der bald alles Licht abgesogen sein wird. Sie hat gerade Feierabend und heute auch noch kein Tageslicht gesehen; seelisch dürstend strecken wir unsere Gesichter den letzten paar Lux vom Himmel entgegen und atmen noch ein paar Lungenvoll klare Meeresluft. Bald setzt nadelspitzer Eisregen ein.

Ich habe der Freundin ein paar Hausschuhe gekauft und sehe auf diese winzigen grünen Filzschläppchen, als ich meine sandverkrusteten Stiefel daneben ausziehe. Vielleicht ist doch nicht alles nur an mir vorbeigerast dieses Jahr, denke ich. Es gibt da ja doch noch etwas, das sich mit einer wärmenden, aber nie anmaßenden Selbstverständlichkeit in meinem Leben ausgebreitet hat; so wie die Wärme, die sich nun über den eingeschalteten Heizkörper in den klammen Zimmerecken verteilt.
Wir haben nun beide zwei Zuhause auf Langeoog, und das ist für mich ein sehr angenehmes Maß von Nähe, die weder besitzt noch einengt, auf die aber dennoch Verlass ist. Ich wusste nicht, ob wir das schaffen. Oder besser: Ob ich das schaffe. In einem großen Areal meiner Seele werde ich wohl immer ein Einzelgänger sein, aber es tut auch gut, dass die wenigen Gesellschaftsräume meines Herzens nun nicht mehr ganz unbewohnt vor sich hinstauben, mit blinden Spiegeln und fadenscheinigen Tüchern über allem darin. Nun aber, nach fast zwei Jahren, wächst das Vertrauen auf etwas, bei dem man zwangsläufig noch einmal an die scheidende Bundeskanzlerin erinnern muss: „Wir schaffen das.“

Ankommen ist eine schöne Sache. Auf dem Bett steht der Karton mit der Adventsdeko, mit der ich die Ankunft des HERRN in diesem Jahr zelebrieren möchte. Etliches habe ich nicht wiedergefunden, denn was Advents- oder Osterdeko angeht, bin ich ein Eichhörnchen: In dieser Kiste fnde ich es ganz sicher wieder. Dieser Platz ist idiotensicher. Ordentlich weggepackt, steht das Zeug dort den Rest des Jahres nicht im Weg herum. Ja, und dann ist der Advent immer wieder zu schnell da und die Kisten sind weg.
Ich wühle in dem, was noch da ist, und schalte die Lichterkette an. Warmweiße Sterne strahlen, die Batterie hat durchgehalten. Im Regal steht die Krippe, ein sehr geliebtes Geschenk meiner Eltern. Maria, Josef mit der Laterne, das Baby, die Schäfchen. Alle haben treu gewartet, alle haben eine Schicht Staub angesetzt, die ich mit einem Mikrofaserlappen vorsichtig abwische.
Deine Welt, HERR, ist ziemlich kaputt, denke ich, als ich den Stall wieder häuslich herrichte. Der Stern am Dachgiebel fällt zwei Mal herunter, als ich den winzigen Holzpin ins Gebälk zu drücken versuche. Aber dann sitzt er: Das Licht wird kommen.
Draußen ist schwarze Nacht.

Beat

In der Kirche startet ein ambitioniertes Projekt. Dass eine Frau predigt, meine ich damit nicht, denn das kommt bei uns erstens öfter vor und zweitens sorgt es nur noch bei sehr wenigen Schäfchen für ein nervöses Kragenweiten mit ungläubig aufgerissenen Augen. Schließlich sind wir auf Langeoog eine der ersten Gemeinden mit weiblicher Pfarrbeauftragter geworden, und bislang ist deswegen noch kein Deckenbalken brennend zu Boden gestürzt. Kaffee und Kuchen im Pfarrheim ankündigen macht sie allerdings trotzdem auch noch, also können an dieser Stelle auch die Traditionalist:innen zufrieden sein. Aber ich schweife ab.

Das ambitionierte Projekt ist Orgelspiel mit Percussion-Begleitung. Ein junges Musikerduo hat sich dazu eingefunden, und die Idee ist gar nicht mal so schlecht, allein — der Rhythmus hinkt. So ganz finden Orgel und Trommeln nicht zusammen, immer scheint der notwendige Schlag um Sekundenbruchteile zu spät zu ertönen, was die Harmonie ein wenig schmälert. Als kompletter Musikdilettant will ich hier nicht das Maul zu weit aufreißen und auch keineswegs den kreativen Ansatz der Kombination dieser beiden Instrumente schlechtreden; vielmehr erwähne ich es, weil mich dieser eigenartige Missklang sehr an dieses Jahr erinnert. Das Jahr, das sich nun bald schon seinem Ende nähert. Das zweite Jahr Pandemie mit seinen Lockdowns und Wiedereröffnungen; mit seinen Anstürmen urlaubsausgehungerter Tourist:innen, die die Küstenorte bevölkern, als ob es kein Morgen gäbe.

Zurzeit sind Herbstferien und in diesem Kontext muss ich zum Thema „Ansturm“ wohl keine umständliche Überleitung finden. Es ist voll auf der Insel. Sehr voll. Masken und 2- oder 3-G-Regeln gibt es noch; Abstand wird fast nirgends mehr eingehalten. Die arbeitenden Menschen sind bleich und müde und unter den Gästen sind wie jeher sone und solche; in dieser Saison leider mit leichtem Schwerpunkt auf „sone“: Die Aggressiven. Die Dauer-Diskutierenden. Die „Wir-bezahlen-Sie-schließlich“. Und ach, das Bezahlen. Sauteuer ist alles geworden, noch mehr als je zuvor, und da hängen die Langeooger:innen jetzt nun genauso mit drin.
Manchmal weiß ich nicht mehr, wie lange ich mir das Leben hier noch leisten kann.

Nun aber zur Orgel und dem um Sekundenbruchteile hinterherhinkenden Beat. Genau so fühlt sich dieses Jahr an, denke ich. Zumindest, seit kein Lockdown mehr herrscht: Eigentlich ist alles wie früher. Laut, voll, wuselig und teuer. Aber irgendwie eben auch nicht. Irgendwie ist da dieser zeitversetzt ertönende Trommelschlag, der das gewohnte Saisonrauschen aufmischt und es schwer macht, im geforderten Takt mitzusingen, mitzuschwimmen. Es strengt an, mehr denn je.

Und nein, der Insel bin ich nicht überdrüssig. Da sind die Momente, in denen sich weiches Herbstlicht in die Dünentäler ergießt; in denen sich Nebelbänder durch farbenprächtige Vegetation winden, in denen ein unendlicher Himmel aufreißt und die Sonne die sprühende Gischt wie einen Diamantenregen aufleuchten lässt. Da sind die Momente, in denen nach Regen und Meerwasser duftende Wege zum Strand führen, und zu beiden Seiten glänzen die überreifen Hagebutten wie kandierte Äpfel. — Momente, in denen der HERR einem die ganze Pracht Seiner Schöpfung geradezu um die Ohren haut und mich mit tiefer Dankbarkeit für die Gnade hier leben zu dürfen, erfüllt.

Dennoch. Irgendwie ging dieses Jahr anders vorüber. Man könnte ja meinen, dass nach einem komplett absolvierten Pandemie-Jahr das zweite bereits Gewohnheit wäre, aber dem ist nicht so, zumindest für mich nicht. „Wo war denn der Sommer?“, fragt auch die Freundin, ein wenig Ratlosigkeit im Blick, und ich kann ihr darauf nicht antworten. Nur einmal waren wir dieses Jahr richtig im Meer schwimmen; mit den Füßen drin waren es vielleicht ein paar Mal mehr. Ein einziges Mal hatten wir mit Vorsatz die Strandtasche gepackt und uns zwei Stunden genommen, um Inselurlaub zu spielen, und ein einziges Mal saßen wir wie Touristen im Eiscafé am Tisch, anstatt uns lediglich ein schnelles Hörnchen zwischen Termin A und Pflicht B einzuverleiben, aber sonst? Im Hin- und Her ewigen Wetterwechsels raste der Sommer an einem vorbei; flankiert von all den Katastrophenmeldungen über die verheerenden Überschwemmungen, welche wohl jedem nicht ganz empathiebefreiten Menschen die Leichtigkeit sommerlichen Seins raubten.

Und dann: Die Wahlen. Ein einziger Charakterfriedhof. Was nützen da Rosendüfte und goldenes Dünengras, wenn täglich irgendwo auf der Insel stinkende Jauchefässer ins Zwischenmenschliche gekübelt werden? Und bei all dem Modder im Kleinen — wo soll man dann noch Zuversicht im Großen finden? Aber irgendwann war auch die Kommunalwahl durch, dann die Bundestagswahl, beides noch mit einem blauen Auge irgendwie; das „blau“ hier natürlich nicht parteipolitisch zu verstehen. Auf jeden Fall hätte es jeweils schlimmer kommen können; aber man muss wachsam bleiben, damit das große Elend nicht aus der zweiten Reihe vorrückt, denn wachsam (oder besser: lauernd) ist das Elend wohl stets.

Nun also versuche ich dennoch irgendwie in die Melodie zu finden, am schrägen Beat vorbei; mich einfädelnd zwischen Orgel und Trommel mit dem Gesang, und einen Großteil der Zeit klappt es sogar. Der Beat wirft mich nur ganz sporadisch aus der Bahn, denn es ist von Vorteil, dass ich das Lied gut kenne. Und so ist das wohl auch mit dem ganz großen Lied von Langeoog: Ich erschaudere ob all der Misstöne. Aber das Zwitschern der Rotkehlchen im Gesträuch, das Rauschen der Brandung, das halb in den Seewind, halb in meine Jacke geflüsterte „Ich liebe dich“ der Freundin — all das höre ich trotzdem noch.

Herbstschönheiten

Vor Langeoog kreuzt die Gorch Fock. Es ist 6 Jahre her, dass ich den einstigen Stolz der Deutschen Marine zuletzt sah, und — ehrlich gesagt — ich hatte auch nicht daran geglaubt, dass ich sie jemals wiedersehen würde. Doch genauso wie damals in Wilhelmshaven auf dem Weg zum Bontekai, war ich auch jetzt wieder auf seltsame Weise ergriffen von der Erwartung ihres Anblicks: Die letzten Meter zum Strandübergang rannte ich.
Dann, ein weißes Leuchten am Horizont. Ich stellte den Sucher der Kamera scharf und zoomte heran. „Da ist sie!“ entfuhr es mir laut, als sich die unverkennbaren gelben Masten aus dem Dunst schälten, leider abgetakelt. Aber es war so eindeutig die Gorch Fock, als hätte ich erst gestern ihre Planken unter den Füßen gehabt, und als hätte ich gestern erst den damals schon recht lädierten goldenen Albatross am Bug bewundert, durch dessen Auge ich die Hochhäuser am Südstrand im Abendlicht erkennen konnte.
Ein älterer Langeooger kommt mir entgegen, ich kenne ihn nur flüchtig. „Haben Sie die Gorch Fock gesehen?“ frage ich ihn, aufgeregt wie ein Kind, das den Eltern im Spielzeugladen unbedingt etwas ganz Tolles zeigen will. Zum Glück mag er das Schiff. „Ach was, ist die hier?“ fragt er zurück, und ich zeige ihm das Schiff auf dem Kameradisplay. Der Mann holt nun ebenfalls seine Kamera hervor und fertigt seine eigenen Erinnerungen an den schönen Schwan der Weltmeere.

Ich weiß nicht, was dieses Schiff mit mir macht. Die Alexander von Humboldt beispielsweise ist auch ein sehr schöner Großsegler, ebenso die Mircea und die Mir. Aber der Faszination Gorch Fock kann ich mich nicht entziehen, und, Millionengrab hin- oder her, ich bin froh, dass sie wieder schwimmt. Denn eigentlich hatte ich mich von der Bark schon verabschiedet, damals, in Wilhelmshaven. Und nach 6 Jahren Werftaufenthalt mit all dem Streit um die explodierenden Kosten ihrer Großinstandsetzung erst Recht.

Tatsächlich freut mich ihr Wiederauftauchen aber auch aus Pandemie-Gründen, weil so ein kleines Stück heile Welt wiederhergestellt wurde. 2015 sah ich sie zuletzt: Corona-Viren gab es da zwar bereits, aber die Variante, die die Welt — im Großen wie im Kleinen — fast 2 Jahre lähmen lang sollte, war da noch unbekannt. Und nun, 2021, sehe ich die Gorch Fock wieder. Es scheint mir, als läge ein Jahrhundert dazwischen. Und doch bringt es ein Stück weit Unbeschwertheit und Frieden zurück — wie alles, das Bestand hat oder das sich nach schweren Zeiten zumindest auf irgendeine Weise wiederherstellen lässt. Ein bisschen fühlt es sich an wie eine alte Freundschaft, an die man nach langer Funkstille wieder anknüpfen konnte und in der scheinbar dennoch nie etwas verloren gegangen ist.

Im Westen glüht der Himmel jetzt. Auf das Signalrot wird bald ein Blutrot folgen, das in Kürze in der Schwärze der Nacht versickert. Ich beeile mich heimzukommen, bevor ich am Strand und zwischen den hohen Dünen des Pirolatals die Orientierung verliere.

Auch am nächsten Morgen ist das Schiff noch da und fährt so viele Wendemanöver, dass die Aufzeichnung des Fahrweges auf marinetraffic aussieht wie ein Seemannsknoten. Im Gegensatz zum Vorabend, als die Gorch Fock im dämmerigen Dunst nur mit technischen Hilfsmitteln auszumachen war, kann man sie nun auch mit bloßem Auge in der Sonne glänzen sehen, mit hochaufragenden Masten. Es ist und bleibt ein stolzes Schiff, denke ich, wiewohl man bei der Deutschen Marine inzwischen wohl etwas weniger stolz drauf ist.

Ich bewege mich vom Strand in Richtung der Seen. Heute ist Herbstanfang und wohl der letzte durchgehend sonnige Tag dieser Woche. Noch immer halten sich hartnäckig einige Blüten an den Kartoffelrosensträuchern, aber die meisten verlieren bereits die Blätter rund um ihre überreifen Früchte. Auch die Sanddornbeeren sind voll ausgefärbt, ebenso wie die zierlichen Hagebutten der Hundsrosen. Ein gewaltiger Schwarm Stare hat sich soeben an Letzteren vollgefressen und erhebt sich wie auf ein geheimes Stichwort hin in die Luft. Der Schwarm steuert direkt auf den Luftraum über mir zu und ich ahne Böses. Es klatscht links und rechts neben mir aufs Pflaster. Über mir der Lärm Hunderter Flügel und Vogelkehlen. Auf meinem Arm landet ein großer Batzen Scheiße. Es fängt sofort an zu brennen, aber ich radele noch schnell aus der Schuss-(bzw: Schiss)linie, bevor ich anhalte, um ein Taschentuch zu suchen. Auch das gehört wohl zum Inselherbst dazu, seufze ich innerlich, und bin doch froh, dass diese Jahreszeit nun endgültig angebrochen ist.
Der Tourismus ist noch nicht wirklich weniger geworden und auch meine Arbeit nicht; dennoch bringt der Herbst immer etwas mit sich, das den inneren und äußeren Trubel dämpft. Die Welt wird wieder leiser und auch etwas kleiner; nicht nur der häufigen Herbstnebel wegen. Ich mag es, dass man sich im Herbst mit besserem Gewissen zurückziehen kann, ich mag das Beerenobst und dass man nun wieder seine kuscheligen Wollsachen anziehen kann und die weiche Lederjacke, die sich wie eine Umarmung an die Schultern schmiegt. Abends ist es schon deutlich kühler geworden und auch die Dunkelheit breitet ihr Tuch nun immer früher über die Insel. Ich mag den Herbst: Zeit zum Innehalten.

Eile und Ewigkeit

Vor dem Wäschekeller liegt ein mumifizierter Frosch. Als ich fortging, muss er noch gelebt haben, und offenbar haben wenige Tage gereicht, um den Kadaver komplett auszutrocknen. Auch sonst hat sich einiges verändert seit meiner Abreise. Die Hagebutten der Kartoffelrosen sind inzwischen überreif und von blutroter Farbe; die Kreuzspinnen in den Netzen dazwischen sind fett, der Strandkorbbestand dagegen sichtbar ausgedünnt.
Ruhiger geworden ist es auf der Insel, ich bin gottfroh darüber. Der Herbst ist eine schöne Zeit auf Langeoog, auch wenn er zugleich das Ende von so vielem markiert: Einige Kreaturen fallen bald in Winterstarre; darunter die Spinnen. Andere Tiere sterben, Pflanzen verwelken. Ungeerntete Früchte liegen wurmzersetzt im Gras. Das Jahr läutet seinen Abschied ein. Die Läden werben für Weihnachten.

Auch die Stare sind wieder da und sammeln sich in gewaltigen Schwärmen über den Dünenkuppen, auf den Wiesen und dem gusseisernen Kreuz der Inselkirche. Wunderschön sind sie mit ihrem schillernden, gesprenkeltem Gefieder, und ich werde sie sicher vermissen im Winter, der vor uns liegt.
Noch tragen wir T-Shirts und Sonnenschutz, denn in seinen letzten Tagen brachte der Spätsommer noch ordentlich Hitze. Dennoch ist mir, als luge der erste Schnee bereits über die Deichkrone. Alles geht so schnell dieser Tage: Sogar das Innehalten. Und so verging auch mein Urlaub wie im Fluge; selbst die alten Mauern der Abtei und die jahrhundertealten Gesänge der Mönche konnten die Zeit in ihrem Rasen nicht aufhalten. Der Winter wird arbeitsreich.

Dass es sinnlos ist, schönen Momenten ein „Verweile doch!“ hinterherzurufen, weiß ich schon relativ lange; umso wichtiger ist es aber, sich dennoch viele dieser schönen Momente zu schaffen. Schließlich mögen sie zunächst kurzlebig sein; im Herzen indes lässt sich lange davon zehren.

Und so genoss ich doch jeden sonnigen Tag unter den mächtigen Bäumen, auf dem weichen Moos, auf dem sich ein Gitter aus Sonnenflecken mit dem Wind bewegte, oder auf dem staubigen Weg entlang der Maisfelder mit ihren versprengten, dunkelgrünen Waldinseln und den Ketten kugeliger Obstbaumalleen am Horizont.
An den Feldrändern kämpften letzte Mohn- und Kamillenblüten gegen die Spätsommerhitze, umschwirrt von Schmetterlingen.
Auf einem Findling sitzend, beobachtete ich das zu Boden kreiseln der Ahornfrüchte im Schatten der neoromanischen Abteikirche. Vom Autolärm der Straße abgesehen, war es absolut still bis auf das Rauschen des Windes in den Blättern und das gelegentliche Schleifen eines Habitsaums, wenn einer der Mönche über die Steinstufen eilte.
Abends saß ich im Zimmer und malte. Der Nachtwind bauschte die Vorhänge im kleinen Dachgaubenfenster, ohne viel Kühlung zu bringen. Um 5 Uhr morgens setzte das Vollgeläut der Abteikirche ein. Leise Schritte im Kreuzgang, Gewandschleifen, Stille, vor den Buntglasfenstern erste Vögel. Und dann der gregorianische Choral. Die Abtei Gerleve hat eine wunderbare Schola, und auch an der Orgel sitzt offenbar ein begnadeter Mensch, den oder die ich leider nie zu Gesicht bekam. Die Sonne schickte ihre Strahlen in den Chorraum; so scharf gezeichnet, als hätten sie sich in feste Materie verwandelt.

Bald war mein Dachzimmer wieder leer und der Koffer gepackt. Die Tischnachbarin, eine angenehme Person mit offenem, freundlichen Gesicht, wachen Augen hinter einer runden Brille und ebenso wachem Geist, brachte mich zum Bahnhof. „Vielleicht sieht man sich ja mal wieder, irgendwo.“ „Wäre schön, ja.“ „Tschüss“. Ein dreckiges Bahngleis, ein wackelnder Bus, vorbeiziehende Orte, ein- und aussteigende Menschen. Ankommen, Abschied, weitermachen. — Ist so nicht das ganze Leben?

Doch dann, ausgerechnet in einer großen Stadt, bekam ich wieder einen kleinen Eindruck von Ewigkeit und Bestand. Von Dingen, die bleiben.
„Die Liebe hört niemals auf“ steht in der Bremer Propsteikirche an einer Wand, davor ein dickes Buch mit Erinnerungen an Verstorbene. Eine ältere Dame zieht ein gerahmtes Schwarzweißfoto mit einem Trauerflor aus ihrer Tasche. Sie stellt es vor das Zitat aus dem Korintherbrief und macht ein Foto davon. Es zeigt einen älteren Herrn, der sie anlächelt. Die Freundin und ich wenden uns augenblicklich ab um die Frau in diesem intimen Moment nicht zu stören; ich kämpfe mit den Tränen. Auch in den Augen der Freundin glitzert es. Selten sah ich etwas, das so rührend und so traurig zugleich gewesen ist. Ich zog mich diskret zurück, hätte die Frau aber am Liebsten umarmt. „Die Liebe hört niemals auf“: Das sahen wir nun mit eigenen Augen.
„Unsere Ehe wurde im Himmel geschlossen“, sagte mein Opa Anton einmal, als ich ihn bewundernd darauf ansprach, wie glücklich er und seine Frau immer noch wirkten nach all den Jahrzehnten und trotz etlicher Schicksalsschläge: Der Krieg, ein schwerer Arbeitsunfall, der Tod des einzigen Kindes. Inzwischen wird die Ehe beider im Himmel fortgesetzt, und ich glaube ebenfalls daran, dass es so sein wird — wenn es so sein soll. Ich drücke die kleine, weiche Hand meiner Freundin ein wenig fester. Vor uns lächelt der Namenspatron meines Opas gütig von seinem Sockel.

Sommerahnung

Es ist Mitte Juni und ich bin das erste Mal in diesem Jahr im Meer. Mit den Füßen. Dass weniger verfrorene Naturen wie beispielsweise meine Freundin schon ganz drin waren: Geschenkt. Für mich war es bisher noch entschieden zu kalt, denn der Sommer ließ sich extrem viel Zeit in diesem Jahr — als hätte die Pandemie auch die Jahreszeiten zum Stillstand gebracht.
Dabei geht es in Sachen Pandemie sogar seit einiger Zeit wieder vorwärts, in positivem Sinne. Die Inzidenzwerte sinken erfreulich, der Tourismus läuft wieder an, das ganz große Chaos blieb dabei aus. Dennoch bedarf auch das wieder einer gewissen Eingewöhnung, nach sovielen Monaten der Stille, und zumindest auf den olfaktorischen Beitrag zur sommerlichen Wiederbelebung der Barkhausenstraße — einer Mischung aus Schweiß, Sonnencreme und Fischfrittierfett — hätte ich gerne ganz verzichtet.

Direkt am Flutsaum, wo ich nun auf Tuchfühlung mit der noch kühlen Nordsee gehe, sind Lärm und Menschengerüche zum Glück noch weit weg. Es ist noch verhältnismäßig früh am Morgen und es sind erst wenige Menschen unterwegs. 
Am Strandübergang bei der Kirche turnt eine Kinderkurgruppe. Die Rettungsschwimmer beziehen ihre bunten Wachhäuschen und rollen die Fahnen aus.
Hier im Westen der Insel riecht das Wasser noch ein wenig schlickig und ist von graubrauner Farbe. Die See steht ruhig, die Brandung umspielt gerade einmal meine Knöchel. Je weiter ich nach Osten laufe, desto mehr stellt sich ein Urlaubsgefühl ein. Der Untergrund wird weißer, das Meer blauer. Erste Familien stellen ihre Strandmuscheln auf. Kleine Kinder, um Längen mutiger als ich, rennen begeistert in die Fluten; wachsame Elternteile hintendran. Wie schön das wäre, denke ich, jetzt auch einfach zur Gänze hiersein zu dürfen. Mit Kopf und Herz. Ohne Termine. Ohne Haushalt. Ohne Verflichtungen und ohne Sorgen: Urlaub auf Langeoog. Einst gehörte ich hier auch zu den Touristen. Mit einem leisen Erschrecken stelle ich fest, dass die Erinnerung an diesen Zustand schon beinahe verblasst ist — in meinem achten Inseljahr.
Das Feriengefühl durchströmt mich nur wenige wohltuende Sekunden lang. Dann aber wird mir klar, dass ich, wie immer während der Saison, nur mit den Füßen im Wasser bin. Meine Gedanken sind längst bei all den noch unabgehakten Kästchen auf der To-Do-Liste, mein Herz indes unter dem Dach eines Hauses, das ich bereits vom Strandübergang sehen kann, auf den ich nun zusteuere. Die Freundin ist krank und schaut mit ihrem Schniefnäschen elend unter der Decke hervor. Durch ihre Südfenster knallt eine unbarmherzige Sonne, die am Strand noch so wunderschön gewesen war. Auch das gehört zum Inselalltag dazu: Man hat hier eben nicht nur gute Zeiten. Aber man leidet zweifelsohne in schöner Umgebung.

Später am Tage gehe ich noch einmal zum Strand. Jetzt feiert auch die kurze Hose Premiere, die bald ein Jahr im Souterrain meines Kleiderschrankes vergraben war. Ich errinere, dass in meiner Kindheit manche ältere Leute noch „Spielhosen“ zu Shorts sagten, weil es diesen Anglizismus damals einfach noch nicht gab. Spielhose. Ich muss schmunzeln; schließlich steckt nicht weniger als ein 45jähriger darin. Andererseits gefällt mir der Begriff, denn er verleiht meinem Strandoutfit erneut diesen wohltuenden Hauch sommerlicher Leichtigkeit.
Es ist voll geworden. Strandkörbe und Schaukeln sind besetzt; ein Meer farbenfroher Strandzelte zittert im Wind. Ich muss lange warten, bis der Plankenweg am Strandübergang frei für ein Foto ist; die Kolonne von Urlaubenden, die mir wie auf einer Rolltreppe entgegenbefördert wird, ist lang und reißt kaum ab. Möwen kreisen über der Szenerie, der Himmel ist leuchtend blau.
Lediglich ein paar weiße Wolkenschleier künden von der prognostizierten Rückkehr zur Kälte heute Nacht. Ich kehre bald wieder um.

Entlang der Wanderwege haben sich die Kartoffelrosen in vornehm-samtiges Bischofspurpur gekleidet. Ihr Duft webt sich durch die Dünentäler, und über allem liegt der Gesang der Lerchen. Unzählige der zierlichen Vögelchen sehe ich in die Lüfte steigen, und abends singt hier, verborgen in dichtem, dornigen Gestrüpp, die Nachtigall.

Es war ein seltsames Frühjahr, beinahe würde ich sagen: Der Frühling 2021 fiel auf der Insel aus. Klar: Es gab ein paar sonnige Tage. Es gab blühende Bäume. Es gab aprikosenfarbene Morgen, an denen die Luft erfüllt war vom Gesang der Schwarzkehlchen und eine Ahnung von Sommer mit dem Meer um die Wette glitzerte. Aber die meisten Tage war es kalt und grau, und wenn es nicht grau war, war es trotzdem kalt. Sogar dann, als der Rest der Republik (und angrenzende Länder) bereits bei weit über 25°C buk. Mit eingeschalteter Heizung und unter einem Berg Daunendecken schaute ich mir das Foto eines Freundes aus Österreich an: Er stand lachend am frischbefüllten Pool in seinem Garten und hielt eine Hand ins Wasser; Sommersprossen und erste Bräune im Gesicht. Ich freute mich für ihn; dennoch kam es mir vor, als befände er sich in einem Paralleluniversum.

Doch nun ist das große Frieren wohl fürs Erste vorbei. Der nächste Kälteeinbruch währt nur kurz und die Sonne wird unbeirrt vom Inselhimmel leuchten. Vergnügte Kinder werden sich in den Wellen tummeln, Genervte Radfahrende sich auf übervollen Straßen anblöken; vor den Fischbrötchenbuden und Eisdielen wird es lange Schlangen geben und gierige Möwen werden mit ebendiesen Leckereien kurzen Prozess machen. Ich werde vielleicht irgendwann bis zu den Knien ins Wasser gehen; irgendwann, in irgendeiner dem Alltag abgerungenen Stunde. Die Freundin wird wieder gesund und in ihrem neuen Badekleidchen schon weit rausgeschwommen sein. Ich werde die auf ihrer Haut glitzernden, aber eiskalten Wassertropfen ebenso fürchten wie wunderschön finden. Sand auf der Decke, Sand in den Haaren, Sand überall. Ein strahlendes Lachen, zu warme Getränke und wärmendes Glück. Für einen Moment werden wir dabei aussehen wie ganz normale Urlaubende. Und wenn wir Glück haben, fühlen wir uns sogar so.

Kleine Strandszene II

Eigentlich sollte es ein Bild der Größe 18×24 werden, damit es in meinen Satz neugekaufter Rahmen passt, aber ich habe mich beim Freischneiden vom Malbrett verschnitten und nun ist es lediglich 16x21cm groß. Das aktuelle Wetter auf Langeoog entspricht leider nicht dem hier dargestellten, aber das Schöne am kreativen Arbeiten ist ja, dass man sich damit alles nach Wunsch gestalten kann …

Für Kaufinteressierte: Aufgrund des ungewöhnlichen Formats nur 40€, ungerahmt, Versand möglich. Ölpastell/Papier, Original/Unikat

Strandszene, Ostende, Irland

Heute habe ich gleich 3 Bilder gemalt. Alle sind Ölpastell auf Papier; die Bäume am Ostende sind DIN A4-Format. Die irische Landschaft und die Strandszene messen 18x24cm. Die Strandszene war eine Auftragsarbeit; die Bäume am Ostende mag ich einfach sehr gerne — nicht nur die lebendigen, sondern auch das Totholz, was dort häufig liegt (nicht im Bild) — und die irische Szene … nunja: Treue Leser:innen wissen, dass ich da unbedingt mal hinwill. Wenn Kontostand und Pandemie aber „No“ sagen, ist es umso schöner, dass man sich wenigstens nach Irland zeichnen kann …