Fasten

Der Frühling kommt jetzt mit Macht. Singdrosseln spazieren durch den Garten und die Meisen verschiedener Art überbieten sich im Gesang an Lautstärke. Lerchen steigen wieder über die Felder, ebenso wie die Kiebitze. Für die Rotkehlchen scheint es insgesamt ein gutes Jahr gewesen zu sein, denn sie wirken so zahlreich und omnipräsent wie nie zuvor auf Langeoog.
Kaum kann ich glauben, dass wir vor wenigen Tagen noch über die gefrorene Gischt am Strand kletterten; die zu Eis erstarrten Wellen schlängelten sich am Flutsaum entlang wie ein eilig drapiertes Bettlaken.
Nun aber sitze ich schon am frühen Morgen auf dem Balkon in der Sonne. Gestern schrubbte ich dort drei Stunden lang alle Spuren des Winters fort, begrub die im Frost verstorbenen Blumen, schnitt mir die Hände an in der Kälte zersprungenen Töpfen blutig, wusch die von Sand und Salz blind gewordenen Fenster und schuf Platz für Neues. Der Rosenstock zeigt bereits winzige Knospen.
Bis die Frühblüher in den Kästen leuchten, wird es noch dauern: Noch immer ist Pandemie, noch immer ist Lockdown und die Gartencenter bleiben geschlossen. Ich könnte traurig darüber sein, aber passenderweise ist ja ohnehin die Buß- und Fastenzeit angebrochen: Verzicht tut Not und Aushalten ist Tugend. Der Priester bestreute die Freundin und mich mit Asche, die uns später im Regen in schwarzen Schlieren vom Scheitel lief.
Nun aber ist auch das bereits wieder eine Weile her und der Tag schreit nach Vergnügung. Mit rund 15°C sind die Temperaturen beinahe tropisch zu nennen und mich ergreift eine leise Sehnsucht nach dem Sommer.

Natürlich gilt diese Sommersehnsucht nicht Lärm und Gewühl — an den zeitweisen Massentourismus auf Langeoog werde ich mich wohl nie gewöhnen — aber ich sehne mich nach dem schier endlosen Draußensein. Nach lauschigen Nächten auf dem Balkon, frühen Vogelkonzerten zum Kaffee und einer Zeit, in der man sich vom Strandkorb aus den Sonnenuntergang über dem Meer anschauen kann.
Ich vermisse die Farbenpracht blühender Salzwiesen und das Grün der Bäume; den Duft in der Sonne getrockneter Wäsche und die kühlen Nordseewellen an den nackten Knöcheln. Mir fehlt die Unkompliziertheit des Lebens, welche der Sommer mit sich bringt, ebenso wie die verschwenderische Fülle an Tageslicht. Natürlich fehlt mir auch die Unbeschwertheit pandemiefreier Tage: Spontane Überfahrten und Urlaube, das Flanieren durch pittoreske Dörfer und Altstädte, das Sitzen im Café, das Bummeln durch Kunstgalerien und liebevoll ausgestattete Lädchen. Ein Sommer ganz ohne das alles würde seltsam. Aber noch ist ja Zeit, tröste ich mich, wiewohl die wieder ansteigenden Infektionsraten durchaus die ein oder andere Kakophonie in die süße Melodie der Hoffnung schraddeln. Aber es wird geimpft, es geht voran. Irgendwas muss ja voran gehen. Muss.

Heute aber gibt es kein Muss. Der Tag liegt in glitzernder Pracht vor mir, noch nahezu unberührt. Ich mache mich auf zur Mole, es herrscht Niedrigwasser. Seevögel stochern im verschlickten Teil des Hafenbeckens; es riecht nach Watt. Über dem wogenden, noch wintergoldenen Gras am Flinthörn kreist eine Weihe. Verblühter Rainfarn streckt sich im Vordergrund.
Es sind relativ viele Menschen unterwegs; vermutlich halten sie den plötzlichen Frühlingseinbruch für ein ähnlich fragiles Konstrukt wie ich. Jederzeit kann die Kälte zurückkommen; jeder weiß das. Umso kostbarer ist jetzt die Wärme, ist jetzt das Draußensein. Die erwachende Natur tut gut. All das sich regende Leben — die balzenden Vögel, die ersten Bündel von Schneeglöckchen und Krokussen auf den Wiesen, die Knospen der Sträucher — zeigt, dass es voran geht. Zeigt, dass sich irgendwas bewegt, auch wenn sich der Lockdown für viele wie ein endloser Stillstand anfühlt. Das einzige, was sich definitiv bewegt, ist der Kontostand: Und zwar abwärts — ein mir ebenfalls sehr vertrautes Phänomen in der Pandemie. Aber im Sarg nützt mir das Geld auch nichts, sage ich mir, und mache also das, was man als Katholik halt so tut in der Fastenzeit: Ich übe Verzicht und ertrage.
Und träume heimlich von der Fülle des Sommers.

Entlang des spiegelglatt glitzernden Wassers, entlang des Seedeichs, der Dünen und Weiden geht es allmählich wieder heimwärts. Ich pausiere auf sonnenwarmen Steinen; die Jacke zusammengerollt unter dem Kopf. Es wird wieder voran gehen, denke ich, und schaue zu, wie sich zarte Wolkenbänder durch das Himmelsblau weben. In der Ferne höre ich das Pfeifen der Großen Brachvögel und das Trillern der Austernfischer. Möwen gleiten über den Sielen. Am Wegesrand sehe ich auch etliche Kadaver: Einen Austernfischer, dem ein anderes Tier das Herz aus der Brust gefressen hat. Einen kopflosen Fasan. Eine halbskelettierte Elster und einen abgerissenen Vogelfuß, von wem auch immer. Aus einem ausgerenkten Flügel ragt ein Knochen. Diese Tiere haben den Winter nicht geschafft, und der Hunger derer, die ihn schafften, ist groß.

So ist auch der Hunger der Menschen: Wenn nicht nach Essen, dann nach der Unbeschwertheit einer Zeit ohne Coronavirus. Nach Reisen, nach unverhüllten Gesichtern, nach Sommer. Die Fastenzeit verlangt einiges in diesem Jahr. Aus christlicher Sicht dient das Fasten der Reinigung und Buße, der Rückbesinnung auf Wege und Werte, damit man das Strahlen des österlichen Lichts umso freudiger empfangen kann. Es ist verständlich, wenn der Lockdown mit all seinen Verpflichtungen zum Maßhalten und Sozialfasten, zum Warten und Erdulden, mitunter sehr an den Nerven zerrt: Zumal es ja nicht einmal ein selbstgewählter Verzicht ist und damit auch kein Vergleich zum christlichen Fasten aus freier Entscheidung. Aber, ebenso wie das Osterlicht, wird auch das Licht des Sommers kommen und eine Zeit nach dem großen Verzicht — Über das Ausmaß der danach zu erwartenden Völlerei sprechen wir lieber an anderer Stelle.

NDR-Beitrag in den Mediatheken

Moin,

die Dokumentation „Kleine Insel, pures Glück“ (nordstory Spezial) von Autorin Franziska Voigt ist jetzt auch auf YouTube sowie in der NDR-Mediathek zu finden. Ich komme ab Minute 45 sowie nochmals ab Stunde 1:05 vor. Aber natürlich sind die gesamten 90 Minuten sehr sehenswert. Gedreht wurde im Sommer 2019, d.h. vor der Pandemie.

Screenshots: NDR.

Winterzauber

In der Nacht hat es zu Schneien begonnen. Als ich in die Dunkelheit spähe, liegt bereits eine dünne Schicht dicker, glitzernder Flocken auf den Blättern des Rhododendrons, auf den Zaunpfählen und auf meinem Balkongeländer. Auch meine Bornholmer Margeriten, die noch immer blühen, als wäre der Sommer nie zuende gegangen, tragen ein weißes Häubchen. Die verschneite Straße leuchtet im spärlichen Licht der wenigen Straßenlaternen hell wie der Mond. Den Wetterprognosen nach verspricht die Pracht noch einige Stunden liegenzubleiben. Ich stelle den Wecker auf kurz vor Sonnenaufgang.

Als ich am Morgen in die verwandelte Welt hinaustrete, stockt mir der Atem. Nicht vor Kälte, denn die Temperatur bewegt sich nur knapp unterhalb 0°C — aber vor Schönheit. Ich habe lange keinen Schnee mehr gesehen.
Da zurzeit nur wenige Menschen auf der Insel sind, befinden sich viele der verschneiten Wege und Flächen noch im Stande der Unschuld und präsentieren eine Schneedecke von makelloser Eleganz. Kaum eine Fußspur schlängelt sich durchs Gelände, und fast plagen mich Gewissensbisse, die meine jetzt dort zu hinterlassen.
Am Strandaufgang steht ein verlassenes Fahrrad; der Schnee türmt sich hoch auf dem Sattel. Dahinter bilden die weißbezuckerten Nadelbäume des Dünenfriedhofs die Weihnachtsidylle, von der wir Ende Dezember noch 10°C entfernt waren. Ich sehe unzählige Vögel, die auf dem Weiß nun viel leichter auszumachen sind als sonst.
Am Strandaufgang sitzt ein Rotkehlchen; aufgeplustert gegen die Kälte.

Der Strand ist leer. Die weite Fläche zeigt sich so unbescholten, wie man das vergangene Jahr — und auch die ersten Wochen des neuen — wohl gerne gehabt hätte. In der Ferne sehe ich jubelnde Kinder rodeln. Die Helligkeit des Schnees tut mir gut nach all den dunklen, grauen Tagen. Das Licht bahnt sich seinen Weg durch all die verstaubten und verwinkelten Tunnel meines Gemüts, um schließlich inmitten der Seele aufzuleuchten wie eine Signalrakete über nachtschwarzer See. Ich sauge den Anblick ein mit allem, was ich habe: Licht. Wie schön das ist. Wie sehr ich diese Helligkeit vermisst habe, spüre ich erst jetzt.

Auf dem Weg durchs Dorf turnt ein Zaunkönig flink durch braunes Brombeergestrüpp. Ich höre sein lautes Zwitschern. Eine Fasanenhenne hat vor mir ihre Fußabdrücke hinterlassen; ich sehe sie noch im Dünental verschwinden. Dahinter ragt unser Kirchturm auf.

Die Landschaft sieht aus wie auf einer alten Fotografie. Die Reste der Morgendämmerung weben einen Hauch von Sepia in den schneegrauen Himmel. Ich wähne mich inmitten einer wunderschönen, über viele Generationen vererbten Schwarzweißaufnahme; durch zahlreiche Hände gegangen und mit Unmengen Liebe betrachtet. Ich liebe die Farben der Langeooger Natur und weiß, dass mir lange Phasen von Schnee auch irgendwann aufs Gemüt schlagen, da mir die Farbe fehlt. Aber jetzt und hier finde ich den Schnee einfach nur herrlich.

Ich bin trotz zweier Lockdowns weit davon entfernt, den berüchtigten „Inselkoller“ zu erleiden, und es vergeht auch nach all den Jahren kaum ein Tag, an dem ich nicht „schön hier“ denke, während ich über die Insel streife. Und doch schleicht sich manchmal eine gewisse Routine ein. Umso erbaulicher ist es dann, Langeoog auf diese Weise noch einmal ganz neu erleben zu können. Und wenn der Schnee schmilzt und der Frühling Einzug hält, werden die Farben umso strahlender sein.

7. Februar, NDR: Nordstory mit mir

Moin,

am Sonntag, 7.2., um 20:15 Uhr bitte mal nicht Tatort gucken, sondern NDR einschalten. Zugegeben, ich hatte schon selbst nicht mehr dran geglaubt — aber tatsächlich wird dann das Ergebnis aus 3 Tagen Dreharbeit im Sommer 2019 ausgestrahlt. Wo, womit und in welchem Kontext ich vorkomme, weiß ich nicht, aber so wird es für alle spannend. Gefilmt wurde damals bei allen Alltagsaktivitäten, die vor Corona möglich waren: In der Kirche, bei einer Lesung, Zuhause beim Tippen, unterwegs auf der Jagd nach den schönsten Wetterfotos u.s.w.

Kleine Insel — pures Glück

Doku 2019, Dauer: 90 Minuten. Redaktion: Franziska Voigt

Sendetermin: 7. Februar 2021, 20:15 Uhr

Sender: NDR

https://www.nordmedia.de/pages/presse/sendetermine/subpages/-langeoog__kleine_insel__pures_glueck-/index.html

Screenshot: NDR

Kleine Welt

„Kleine Welt“ nennen wir es hier in Norddeutschland, wenn Nebel das Land verhüllt und die Fernsicht auf wenige Meter zusammengeschnürt wurde. Im Winter gibt es viele neblige Morgen auf Langeoog, die oft in überraschend klare, strahlende Tage münden. Vom zuweilen enervierenden Tuten des Nebelhorns an der Mole einmal abgesehen, mag ich diese Morgen, an denen sich alles Vertraute nur noch erahnen lässt und sich weiße Bänder dichten Nebels durch einsame Dünentäler weben. Schön ist es, wenn die Sonne, die man anfangs nur in pastellig-verwaschenen Tönen hinter den Wolken erkennt, dann plötzlich hervorbricht und die feuchtglänzende Vegetation vergoldet. Dann vergrößert sich auch die „kleine Welt“ wieder und man kann das vormals verhüllte ganz neu betrachten.

Für manche Menschen hat der Begriff „kleine Welt“ vermutlich auch etwas Klaustrophobisches; zumal in Zeiten der Pandemie. Wenn es nicht mehr um die Frage geht, ob man reisen will, sondern ob man es darf oder ob man es soll. Unter diesem Aspekt ist die Insel aktuell auch ohne Nebel eine kleine Welt, denn verantwortungsbewusste Zweitwohnungsbesitzer kommen zurzeit nicht her — und andere Gäste dürfen es nicht. Es herrscht, von ein paar (erlaubten) Verwandten auf Festtagsbesuch und einsichtsbefreiten BesucherInnen abgesehen, noch immer „Insulaner unner sück“ auf Langeoog — und das sogar an Weihnachten. Normalerweise wäre jetzt Hauptsaison; Hotels und Restaurants würden aus allen Nähten platzen, ebenso wie sämtliche Ferienwohnungen und überhaupt jedes vermietbare Mauseloch.
Ich empfinde glücklicherweise keine Beengung durch die Unmöglichkeit des Reisens, obwohl ich meine Eltern zweifelsohne auch gerne gesehen hätte. Denn ebenso zweifelsohne bin ich durch meinen Erstwohnsitz gesegnet: Angesichts der Weite des menschenleeren Strandes, der See und des sternenübersääten Winterhimmels ist es zumindest mir nahezu unmöglich, mich hier auf irgendeine Weise eingesperrt zu fühlen. Und die ungewohnte Stille hat gerade jetzt, an Weihnachten, eine ganz eigene Magie.

„Ich bin so froh, dass du jetzt jemanden bei dir hast“, sagt meine Mutter am Telefon, und natürlich freut es mich ebenfalls, meine Freundin an den Festtagen bei mir zu haben, die in ihrem eleganten Winterwollkleid wunderschön aussieht.
Aber es wäre nicht schlimm, allein zu sein. Es war all die Jahre für mich nicht schlimm; da war keine menschenförmige Lücke neben mir, die nur danach schrie, mit einem Partner, einer Partnerin besetzt zu werden. Da waren die Heilige Familie und ich, da war das Jesuskind in seiner Krippe, da war der immerwiederkehrende Zauber der Weihnacht. Und, zugegeben, es lauerte in „normalen“ Jahren sowieso immer ein Haufen Arbeit, weil den mein Beruf gerade zu Festzeiten nun einmal mit sich bringt. Wie hätte da Einsamkeit aufkommen können?

Immer wieder denke ich darüber nach, warum es für einige Menschen so ein Tabu ist, an Weihnachten allein zu sein; mitunter an ein Stigma grenzend. Als dürfe man an sämtlichen Tagen im Jahr alleine sein, aber müsse sich doch bitte zumindest an Weihnachten (hinzugenommen: Silvester, Geburtstag) zwingend vergesellschaften, mit wem auch immer. Ich kann dazu nur sagen, dass ich alleine nie einsam war; unter Menschen, mit denen ich mich nicht wohlfühlte, aber sehr. Und in unglücklichen Beziehungen erst Recht.
In diesem Jahr sind vermutlich mehr Menschen an Weihnachten alleine als sonst. Ein lieber Freund ist in Quarantäne; ihn erwischte der Virus pünktlich zum Fest. Wer keine Familie in der Nähe und kein Auto hat, vermeidet ebenso die Reise; allein der öffentlichen Verkehrsmittel wegen. Vielleicht, denke ich, ist das eine der wenigen positiven Begleiterscheinungen der Pandemie: Mehr Leute als sonst werden aus eigener Erfahrung wissen, dass man es überlebt, an Weihnachten alleine zu sein. Und dass es sich durchaus lohnt, auch für sich alleine etwas Feines zu kochen oder sich einfach einmal selbst(!) Zeit zu schenken. Zeit, von der man (ohne die aktuelle Zwangsentschleunigung durch die Pandemie) doch eigentlich immer zu wenig hatte. Freie, unverplante Zeit: Ist das nicht eines der kostbarsten Luxusgüter dieser Tage?
Man kann es sich schön einrichten in seiner kleinen Welt. Und, sobald sich der Nebel gelichtet hat, umso mehr über die Wunder der großen staunen.

Aber ich blende das Leid nicht aus. Es gibt Menschen, die sich jetzt wirklich einsam fühlen. Deren Liebste in Krankenhäusern um ihr Leben ringen oder die bereits gestorben sind. Oder die sich gerne mit anderen Menschen umgeben würden, dies aber aufgrund der Pandemie jetzt nicht können oder einfach, weil sie niemanden haben. Freunde wachsen nicht auf den Bäumen, und es ist nicht immer gerade dann jemand da, wenn man jemanden bräuchte. Oft sind nämlich genau dann gerade alle weg: Ich kenne das. Ich kenne jede Ausprägung von Alleinsein, und ich werde das auch nicht vergessen, nur weil da jetzt wieder jemand ist, der seine kleine Welt an meine anzuknüpfen wagt: Mit einer romantischen Schnittmenge, aber noch immer genügend Freiraum zu beiden Seiten — Anders ginge es für mich auch nicht.

Aber natürlich weiß ich zu würdigen, dass es meine Eltern freut, mich von jemandem geliebt zu wissen, ob nun an Weihnachten oder wann auch immer. Denn irgendwann müssen sie den Staffelstab des Liebens auf dieser Erde ja weiterreichen, das wissen wir alle — leider.
Nicht zuletzt darum wünsche ich mir, obwohl ich die Stille und Reduktion dieser Weihnacht auch sehr zu schätzen weiß, dass sich die kleine Welt in Kürze vielleicht doch wieder ein wenig weitet: Dass man sich sehen kann, wenn es das Herz befiehlt; und nicht nur dann, wenn es gerade erlaubt ist. Die Zeit auf Erden ist begrenzt: Auch das bekommen wir gerade recht deutlich aufs Butterbrot (respektive die Scheibe Christstollen) geschmiert.
Immerhin, denke ich, den Blick auf die Krippe gerichtet, reicht die Pandemie nicht bis in den Himmel.
Deo gratias.

Frieden

Es ist der erste Tag nach der Abwahl von Donald Trump und die erste Woche des zweiten Lockdowns. Die Insel leert sich; seit dem 2. November dürfen keine Touristen mehr kommen, nur noch Kurgäste und Menschen mit Zweitwohnsitz sind da und mischen sich unter die saisonerschöpften LangeoogerInnen.
Die USA haben den zweiten katholischen Präsidenten und die erste Vizepräsidentin in ihrer Geschichte, und ich mag die Vielfalt, die dieses interessante Gespann verkörpert. Vor allem mag ich die Hoffnung auf Frieden, die beide mit sich bringen. Die Hoffnung auf neue Einheit oder zumindest eine zivilisierte Debattenkultur — statt Spaltung, Niedertracht und Mobbing. Die Hoffnung auf die Re-Etablierung eines Wertesystems, mit dem ich etwas anfangen kann. Wie sonst sollte man seinen Mitmenschen, seinen Kindern noch vermitteln können, dass es nicht nur altruistisch ist, sondern einem auch selber nützt, wenn man die Welt nicht mit Hass vergiftet, sondern sich um Wahrheit, Fairness und Anstand bemüht? Und dass es von Größe zeugt, wenn man lernt, im schlimmsten Misserfolg noch Würde zu wahren und im größten Triumph noch Demut.
Denn leider ist Donald Trump zumindest unter dem Aspekt „schlechtes Vorbild“ weitaus mehr als ein Psychopath mit einer beschissenen Frisur, dem Wortschatz eines trotzenden Dreijährigen, fehlenden Umgangsformen und grottig sitzenden Anzügen: Er ist gefährlich — bzw. er war es. Und es tut so unendlich gut, jetzt in der Vergangenheitsform von diesem vier Jahre währenden Albtraum sprechen zu können.

Es war schön, an diesem Morgen aufzuwachen. In einer Welt, in der man den amerikanischen Präsidenten wieder ernst nehmen konnte und die USA von meiner persönlichen Reiseland-Boykottliste wieder gestrichen wurden. Es war schön, die Welt langsam, aber sicher heilen zu sehen.
Die Freundin lag neben mir; die sanftgelbe Wintersonne schickte ihr Licht durch die frisch gewaschen weißen Vorhänge. Auch die Straße sah frisch gewaschen aus: Im Morgentau waren noch deutlich die Reifenspuren früher Radler erkennbar, auf den Balkonblumen glitzerte es. Und vor uns glitzerte eine Zukunft, vor der wir nun weniger Angst hatten.
Der Friede auf Langeoogs leeren Straßen passte dabei wunderbar ins Bild, selbst wenn dieser durch den Lockdown gewissermaßen erzwungen worden war. Aber auch dieser Friede tat mir nach den übervollen Tagen der Herbstferienzeit einfach nur gut.

In den Zweigen zwitscherten Rotkehlchen, als wir zu einem Spaziergang ans Meer aufbrachen. Jetzt, wo nicht mehr allgegenwärtiges Gewusel, Geklingel und Geschrei aus den Häusern und von den Straßen drang, trauten sich die Vögel wieder hervor und hüpften ohne Scheu vor uns herum. Sogar ein kleiner Zaunkönig ließ sich blicken. Ein winziger, kugeliger Regent in seinem Vorgarten-Reich; mit wippendem Schwanz auf einem Baumstumpf thronend.
Das Meer leuchtete in einem Babyblau, als hätte es ebenfalls zu ganz neuer Unschuld gefunden. Noch zeichnete die Sonne alles weich, aber schon bald gewannen die wärmenden Strahlen an Kraft und verliehen den Dingen Kontur. Es war wirklich wahr: Ein neuer Tag lag vor uns. Und vielleicht auch eine neue, bessere Welt.

Ich ging zur Kirche. Der Kurpriester, ein überaus sympathischer Mensch mit einer gütigen, warmherzigen Ausstrahlung, predigte über das Erkennen des richtigen Zeitpunkts. Wann war es Zeit für eine Veränderung, wann für einen Kurswechsel, wann für ein Aufstehen und Eintreten für das, woran man glaubt und für das, was einem heilig ist?
Natürlich blieb er dabei nah am Lebensweg Jesu und vermied es, politisch zu werden, aber ich zog dennoch für mich Parallelen.
Der Zeitpunkt für die weltpolitische Kursänderung hätte nicht später kommen dürfen. Es musste ein Zeichen gesetzt werden: Mit so einem Charakter? — Bis hier und nicht weiter. Es ist beruhigend, dass viele wahlberechtigte US-AmerikanerInnen genau so gedacht haben müssen.
Aber natürlich ist eine Entscheidung für etwas auch immer eine Entscheidung gegen etwas. Für mich hieß das, mich endgültig von den letzten Trump-Fans im Bekanntenkreis zu verabschieden. Oder von solchen verabschiedet zu werden — es ist beides kein Verlust. Vielmehr bringt es mir ein Gefühl der Befreiung: Auch das stimmt friedlich.

Frieden ist eine schöne Sache. Ich bade mein Herz in all dieser schönen Hoffnung; ebenso wie in dieser noch immer erstaunlichen Liebe, die mir von dem Menschen an meiner Seite entgegengebracht wird. Denn auch die Freundin ist für mich zu einem Stück Frieden in der oft so lauten, kalten, unübersichtlichen und unverständlichen Welt geworden. Tatsächlich fühle ich mich heute umgeben von lauter kleinen Wundern — es ist ein magischer Tag; ein glücklicher Tag. Vor dem Fenster vergoldet die Sonne die restlichen Herbstfarben auf der Insel, und es wäre leicht, zu vergessen, dass dort draußen noch so viel anderer Unfriede tobt. Zum einen politisch betrachtet; zum anderen durch die Pandemie, welche nun auch unseren kleinen Landkreis fest im Griff hat. Und doch möchte ich all das nun einfach für einen Moment vergessen. Für einen kurzen, glücklichen und magischen Moment des Friedens.
Am Ende der Straße sehe ich die Frau, die aus irgendeinem Grunde nicht mehr von meiner Seite zu weichen plant, auf das Haus zumarschieren. Ihre Haare leuchten im späten Sonnenlicht wie frisch polierte Kastanien. Ich sehe, dass sie lächelt.

Schwarzweiß

Nach einem Telefonat mit einem Freund trete ich auf den Balkon. Mich empfängt eine tiefschwarze, klare Neumondnacht. Ich richte den Blick nach oben: Das Sternenmeer ist gewaltig. Nach und nach identifiziere ich alle mir bekannten Gestirne, die aus Myriaden weiterer strahlen; die trockene Herbstluft verstärkt ihr Funkeln. Das Band der Milchstraße webt sich in die Dunkelheit dieser Zeit wie ein Versprechen. Es werden hellere Zeiten kommen. Es wird Licht.

Ich denke zurück an den Freund. Er war sehr wütend am Telefon; nicht auf mich, dem Herrn sei es gedankt, und der Grund seiner Wut war auch auch nachvollziehbar. Dennoch schmerzte es, ihn so zu erleben, so dermaßen außer sich, und ich wünschte, ich hätte ihn herholen können, um ihn den Himmel zu zeigen. Diesen Himmel.

Wenn man am Tage den Langeooger Himmel betrachtet, kann man gut nachvollziehen, warum die Menschen früher dachten, die Erde sei eine Scheibe: Wolken, deren Unterseite so platt wie das Land wirkt, treiben über endlos weite Landschaft und auch das Meer erstreckt sich, soweit das Auge reicht. In der Nacht aber wird das anders.
Die gewaltige, lackschwarze Kuppel des Langeooger Nachthimmels ist gigantisch; ihr Hineinragen in die Unendlichkeit des Alls nahezu greifbar — und die Winzigkeit der Erdkugel inmitten des Universums ist es auch. Der Anblick des nächtlichen Inselhimmels erdet ebensosehr, wie er die Sehnsucht nach dem Unbekannten nährt: Er ist ein noch immer unbegreifliches Wunder, denn ähnlich viele Geheimnisse wie das All birgt vermutlich nur noch die Tiefsee.
Welche zwischenmenschliche Unappetitlichkeit sollte angesichts solcher Pracht denn nicht irrelevant werden?
Mich beruhigt ein solcher Himmel binnen Sekunden und ich hoffe, dem Freund ginge es auch so.

Mag man sich auf der Insel zu Pandemie-Zeiten auch manchmal eingeschlossen fühlen, so ist es doch der Himmel, der uns immer wieder daran erinnert, miteinander verbunden zu sein, und das meine ich nicht einmal in religiösem Kontext. Die Atmosphäre, die alles auf dieser kleinen rotierenden (präziser: eiernden) Kugel im All am Platz hält, umgibt uns alle gleichermaßen: Die Familie eines anderen lieben Freundes in Neuseeland ebenso wie Menschen in Grönland, die Schildkröten auf Galapagos oder die Möwen auf Langeoog. Wir haben nur das hier. Und wir haben auch nur uns, sofern nicht eines Tages doch noch E.T. vor der Tür steht und sich ein Smartphone ausleihen möchte.

Zugleich frage ich mich, ob einen dieser Gedanke jetzt einsam machen sollte. Denn sympathischer wird mir die Menschheit in diesen überemotionalisierten Zeiten nicht und mehr als einmal verfluchte ich schon den Tag, an dem ich anfing, im Internet Kommentare zu lesen.

Aber es nützt ja nichts. Wir haben nur uns, und so muss man dort Zuflucht suchen, wo man sich noch einigermaßen sicher fühlt vor dem Wahnsinn: In der Kirche, in seinem Zuhause, in der Natur oder einfach in seinen Erinnerungen.

Ich erinnere mich. Ich erinnere mich an die Zeit, als ich dachte, dass ein Wiedersehen mit Freunden im Ausland nur eine Frage von Geld und Urlaubstagen sei. Ich erinnere mich, dass ich ein Wiedersehen für sicher hielt, sobald es die Umstände erlauben. Und nun ist da noch ein Virus; sind da geschlossene oder immer-mal-wieder geschlossene Grenzen; ist da die Gefahr, dass man nach Österreich oder Schweden zwar noch hinein-, aber nicht mehr hinauskommt.

Selbstverständlich sind diese Maßnahmen alle nötig und man reißt sich auch gerne am Riemen, wenn man damit Mitmenschen vor Leid und Tod bewahren kann. Dass das immer leicht fällt, heißt es indes nicht.

Ich krame eines meiner Lieblingsfotos von dem Freund heraus, das ich bei unserem letzten Zusammentreffen machte. Es zeigt ihn nur von hinten, er trägt eine Papiertüte, die zufällig farblich mit seiner Kleidung korrespondiert, und läuft auf eine kleine Kirche zu, deren barocke Zwiebelkuppel über winterkahle Baumwipfel ragt. Ihre Turmfenster sind freundliche, schläfrige Augen.
Das Bild strahlt viel Frieden aus und hat etwas wunderbar Aus-der-Zeit-Gefallenes. Ich erinnere mich gerne an den Tag der Aufnahme; wir hatten die Papiertüte in einem kleinen Kunsthandelsgeschäft bekommen, sie enthielt ein paar schöne Andenken. In der Kirche beteten wir für unsere Familien; auf dem Weg dorthin ließ ich mich unauffällig zurückfallen, damit ich den Freund unbemerkt fotografieren konnte: Gestellte Fotos mag ich nicht.

Ich hatte das Foto damals in Schwarzweiß gesetzt, um das Zeitlose und die Kontraste der Winterlandschaft zu betonen, doch nun hat das Schwarzweiß etwas Bitteres. Ich arbeite ansonsten wenig mit Schwarzweiß; fast alle anderen Schwarzweißfotos in meiner Wohnung stammen aus früheren Jahrzehnten und zeigen Menschen, die nicht mehr leben: Meine Großeltern, einen Urgroßonkel, Schnauzer „Struppi“, den mein Vater als Kind hielt. Ein Foto von 1929 zeigt die Straße vor unserem Berliner Haus. Die heute mächtigen Eichen sind auf dem Bild noch zarte Bäumchen; auf dem Kopfsteinpflaster dampfen Pferdeäpfel. Heute sieht man das Kopfsteinpflaster nur noch durch ein paar Löcher in der schlampig geteerten Asphaltdecke; darauf parken SUV vor klobigen Neubauten, deren Besitzer sich jeden Herbst über die Spuren der fallenden Eicheln im Autolack beklagen. Unser Gründerzeithaus hält dazwischen die Stellung, und ich hoffe, das es dort noch viele Jahrzehnte überdauert: Dinge mit Bestand sind mir Fixsterne in einer sich viel zu schnell drehenden Welt.

Das Foto mit dem Freund und der Kirche ist noch kein Jahr alt, aber nun erinnert mich seine Farbgebung umso deutlicher daran, dass es im Grunde ebenfalls aus einem anderen Zeitalter stammt. Aus der Prä-Pandemie-Ära. Als es noch selbstverständlich war, Freunden zur Begrüßung die Hand zu geben, nachdem man aus einem überfüllten Zug gestiegen war — an der Landesgrenze gänzlich unbehelligt — und froh war, endlich klare, niederösterreichische Winterluft zu atmen. Vorbei.

An einem Haken neben der Tür baumelt ein Mundschutz mit dem Werbeaufdruck des Klosters, das ich damals besuchte. Denn auch vor dessen heiligen Hallen machte der Virus nicht halt.

Der Sternenhimmel hat nichts an Pracht eingebüßt als ich, aus der Gedankenversunkenheit erwacht, das nächste Mal nach oben blicke.

Band 7 ist da!

Moin,

wenn die Corona-Krise, vegane Hipster-Kondome, der Morallimbo von Donald Trump, die heilige katholische Kirche, Langeooger Insel-Klüngel und die atemberaubende Schönheit des Wattenmeeres zusammen in einem Prosa-Band vorkommen, ahnen geneigte Leserinnen und Leser schon, worum es geht: Richtig, ein neuer Band „Momentaufnahmen“ ist erschienen. Die Geschichten aus diesem Jahr wurden zwangsläufig vom Thema „Virus“ geprägt, es gibt aber auch — wie gewohnt — leichte Plaudereien, idyllische Sprachmalerei und mitunter bissiges Sezieren des Insel-Alltags.
Außer auf Langeoog entstanden auch wieder einige Geschichten unterwegs: Vor allem in der erhabenen Stille uralter Klöster, aber auch auf Ausflügen in urbanes Umfeld.

NEU: Die Episoden sind nicht nur das 2020er-„Best of“ meines Blogs, sondern das Buch umfasst auch acht (8!) bisher unveröffentlichte Texte.

Band 7 HIER kaufen: https://www.bod.de/buchshop/momentaufnahmen-7-mayk-d-opiolla-9783751993838

Klappentext:

Das siebte Jahr auf Langeoog. Mit dem Erwachen des Frühlings bricht die Corona-Krise auch über die Insel herein. Zum ersten Mal erfolgt der große Vogelzug fast unbeobachtet; zum ersten Mal ist es sogar an Ostern so still, dass man die Blütenblätter von den Bäumen fallen hört. Die Touristen sind fort, das Dorf rottet sich zusammen. In der Isolation entsteht neue Nähe, aber es gärt auch Gift im Langeooger Mikrokosmos. Die Zukunft erscheint zerbrechlich, Existenzsorge nagt. Und doch prägt die Prosastücke dieses Bandes keine Verzweiflung, sondern ein lebenshungriger Blick auf die Welt, die Geborgenheit im Glauben sowie das Wunder unverhoffter Liebe. Gezeichnet in eindrucksvollen Sprachbildern führt der Ich-Erzähler über eine Insel im Ausnahmezustand, aber auch an Orte tiefen Friedens. Jenseits von Langeoog bilden u.a. ein uraltes Zisterzienserstift in Niederösterreich, die tiefen Wälder der Südeifel oder die Hansestadt Bremen die Kulisse. 42 neue Geschichten, mit einem Themenspektrum von Liebe bis Weltpolitik.
Die aktuelle Themenauswahl sowie ein farbenprächtiger Erzählstil, schonunglos ehrlich, mit unbestechlichem Blick und garniert mit bissigem Wortwitz, haben der „Momentaufnahmen“-Reihe von Mayk D. Opiolla mittlerweile eine feste Fangemeinde beschert: Auch weit über die Inselgrenzen hinaus. Alle Bände sind unabhängig voneinander lesbar.

Band 7 kann über den Buchshop von BoD sofort bestellt werden. Über den stationären Buchhandel, amazon und Co wird es in wenigen Tagen erhältlich sein.

Hinweis: Beim Direktbezug über BoD bleibt etwas mehr Geld beim Autor, also mir, hängen, da kein Händlerrabatt mehr abgezogen wird. Wer meine Schreiberei auch finanziell unterstützen will, bestellt also bitte da; den lokalen Handel unterstütze ich aber ebenfalls jederzeit gerne! Also keine Hemmungen, falls Euch der Weg in den Buchladen nebenan lieber ist 🙂

Momentaufnahme, Besitz

Es ist eine der Nächte, in denen die Natur dem Menschen zeigt, dass sie ihm überlegen ist. Und zwar immer.
Der erste Herbststurm hat die Insel erfasst, obwohl es bis zum meteorologischen Herbstanfang noch ein paar Tage hin ist. Den ganzen Tag lang peitschten Wind und Regen durch die Straßen; das Wasser sammelte sich in zitternden Pfützen vom Ausmaß mittlerer Gartenteiche.
Und nun ist die Nacht hereingebrochen. Angesichts des Tobens, Donnern und Heulens der Naturgewalten vor der Tür sollte man eigentlich nicht mehr das Haus verlassen, aber ich wollte der Freundin den Weg zu mir nicht zumuten — also wage ich mich noch kurz vor Mitternacht hinaus.

Die Dunkelheit verschluckt alles. Zwar habe ich eine Taschenlampe bei mir, aber deren winziger Lichtkegel dient eher dazu, dass mich andere Leute sehen; weniger dazu, dass ich etwas sehe. Auch der Mond nützt mir heute nichts, denn er hängt als schmutziggelbe, schiefe und schmale Sichel zwischen den dunklen Wolkenbergen. Der Wind ist brutal, und ich muss genau gegen ihn anmarschieren. Die Brille wird mir ins Gesicht gedrückt, Tränen laufen, ich komme kaum vorwärts; auch das Luftholen fällt schwer. Dazu das Toben und Brausen in meinen Ohren. Bäume und Sträucher entlang des Weges — sonst vertraut und von pittoresker Harmlosigkeit — umringen mich als bedrohliche, tiefschwarze Gestalten; der Wind lässt die Schatten ihrer Zweige wie Tentakel nach allem fingern, was sich nähert. Obwohl ich sonst die Nächte liebe, wird mir jetzt unheimlich zumute, und ich reiße mir trotz des Regens Kapuze und Mütze vom Kopf, um wenigstens noch irgendetwas hören zu können außer dem Sturm und dem flatternden Stoff an meinen Ohren. Mir wird bewusst, wie hilflos der Mensch wird, wenn man ihm auch nur zwei seiner Sinne zur Orientierung raubt; hier: Das Sehen und Hören. Der Weg zum Haus meiner Freundin erscheint mir ewig, obwohl es unter normalen Wetterbedingungen kaum 5 Minuten zu Fuß sind. Als ich mich gegen die Böen stemme und dabei immer wieder zur Seite und rückwärts gedrückt werde,  bin ich doppelt froh, sie nicht hinausgejagt zu haben bei diesem Wetter, und es beruhigt mich, ihre Fenster von Weitem schon friedlich leuchten zu sehen. Sie sitzt mit einem Buch bei Kerzenlicht und Tee, als ich atemlos hineinpoltere, nach gefühlter Endlosexpedition durch unwirtlichste Welten.

Am nächsten Morgen ist der Spätsommer in aller Pracht zurück. Nur noch ein paar abgerissene Zweige und Pfützenreste erinnern an den Tumult der Nacht; den leuchtend blauen Himmel zieren persilweiße Schönwetterwölkchen. Auch der Wind ist nur noch ein Lüftchen.
Die Freundin ist längst bei der Arbeit, und ich nutze den noch stillen Morgen für einen Ausflug zum Strand. Die Luft ist von herrlich-kühler Frische; Wolken spiegeln sich im Flutsaum, in dem unbeweglich Möwen dösen. Im Priel liegt ein Ast. Drumherum ist absolut nichts. Nicht einmal die See ist noch nennenswert aufgewühlt; sie legt ihre Wellen mit beruhigendem Rauschen ans Ufer. Ich setze mich auf eine verwaiste Schaukel und freue mich über das Wiedersehen mit einer fast verloren geglaubten Liebe. Denn das hier, denke ich, ist das Langeoog, für das ich herzog. Das ist die Insel, in der ich mich spiegele wie der Himmel im Priel, und wo mein Herz sich täglich freischwimmt. Das überlaufene, laute Langeoog des Hochsommers dagegen wird mir zunehmend fremd.

In irgendwelchen Langeoog-Fan-Foren schreiben euphorische Urlaubende oft von „ihrer“ Insel: Unser Langeoog, unser Strand, unser Meer. „Bald bin ich wieder auf meiner Insel.“
Nicht immer behagt mir der Gebrauch dieser Possessivpronomina, weil unter kritischer Betrachtung auch etwas Kolonialistisches dabei mitschwingt, und ich selbst spreche eigentlich nie von „mein“ Langeoog, obwohl ich hier dauerhaft lebe. Aber die Insel gehört mir nicht; auch nicht den Ur-Insulanern, die hier geboren wurden; nicht der Wittmunder Kreisverwaltung, nicht dem Land Niedersachsen, Frau Dr. Merkel oder sonst irgendwem. Langeoog gehört Gott, oder maximal sich selbst, und wir haben lediglich die Gnade, hier wohnen und das Eiland bewirtschaften zu dürfen; für immer oder auf Zeit. Und dass uns die Insel nicht gehört, zeigt uns jede Sturmflut, jeder Orkan und überhaupt jede Naturgewalt, die uns mit Leichtigkeit von diesem Fleckchen Erde kegeln könnte.
Angesichts des galoppierenden Größenwahns in der Gesellschaft (im Großen wie im Kleinen) finde ich es im Übrigen auch nicht verkehrt, ab und zu mal wieder an die eigene Winzigkeit unter dem Himmelzelt erinnert zu werden.

Aber auch wenn ich den Ausdruck nicht mag, so frage ich mich, auf der Schaukel sitzend, jetzt doch: Was ist eigentlich „mein“ Langeoog?
Die permanenten Spannungskopfschmerzen der wuseligen Hochsaisontage verfliegen, als ich meinen Blick über die unberührte, blaue Weite schweifen lasse. Es sind nur wenige Menschen unterwegs; viele allein, einige Paare. Die lärmenden Gruppen sind fort, kein Menschenlaut übertönt mehr die Brandung und das Rufen der Seevögel; die wenigen leisen Gespräche der anderen verweben sich mit der Musik der Natur zu einem harmonischen Grundrauschen.
Es ist kühl genug, um wieder meine geliebten Stricksachen tragen zu können, aber nicht so kalt, das man unterwegs friert. Und nachts kann man sich wieder ein Nest aus kuscheligen Daunendecken bauen; bezogen mit duftendem Leinen oder weichem Flanell, anstatt unter irgendeinem dünnen Laken zu schwitzen. Zum Einschlafen prasselt sanfter Spätsommerregen ans Fenster und morgens weht ein kühler, salziger Duft nach Herbst vom Meer hinein, während Spatzen in Pfützen baden und Finken in fröhlichen Scharen aus den Erlen stieben. Aus den Dünentälern, die jetzt das leuchtende Rotorange von Vogelbeeren und Hagebutten ziert, das satte Grün der Moose und das tiefe Violett der Krähenbeeren, steigt Nebel. Die zunehmenden Temperaturunterschiede zwischen den einzelnen Luftschichten zaubern beeindruckende Quellwolkengebirge; und schon bald badet die Sonne, die jetzt noch wärmt, aber nicht mehr verbrennt, die ganze Landschaft in Gold.

Und das, denke ich, ist dann wohl meine Antwort. Diese friedlichen Spätsommer- und frühen Herbsttage, wenn der Massentorismus ein Ende nimmt und die Natur sich wieder auf ihren berechtigten Thron setzt; wenn man am Strand allein sein kann und wieder eins wird mit der Insel, mit all ihren Gerüchen, Farben und Wundern: Diese Tage zeigen wohl am ehesten „mein“ Langeoog. Ein Langeoog, das ich aber trotzdem nie besitzen möchte, weil es — wie auch wir Menschen — in Freiheit, mit dem nötigen Respekt und aus gesunder Distanz betrachtet — noch immer am Schönsten ist.

Momentaufnahme, Ruhepol

Der Himmel gibt sich heute alle Mühe, um einen nicht vergessen zu lassen, warum es auf Langeoog schön ist. Vor dem Korallenrot und Gold des Sonnenuntergangs präsentieren sich winzige Wölkenflöckchen, schwungvolle Federwolken und Wolkenfelder, die aussehen wie ein Strang ordentlich gekämmter Wolle. Darunter glänzt silbrig die unendliche Weite des Meeres.
Dass sich in den Duft nach Seewasser noch der Diesel der Baufahrzeuge mischt, die zurzeit eine Strandaufspülung bewerkstelligen — geschenkt; ebenso wie das Hämmern und Rumpeln des Sand-Wasser-Gemischs, das durch die ausgelegten Rohre schießt. Die Maßnahme ist nötig, und sie hilft uns allen. Sie verspricht mehr Sicherheit für die nächste Sturmflutsaison und ein noch höheres Maß an Geborgenheit auf der bis dahin hoffentlich etwas einsameren Insel.

Noch immer hat der Saisonbetrieb nicht nachgelassen, obwohl an den Bäumen bereits die ersten Kastanien reifen und auch der Sanddorn bald in voller Pracht steht. An manchen Morgen riecht auch die Luft schon herbstlich, aber die Tage sind immer noch gefühlter Hochsommer. Es ist so heiß, dass man nicht bei geschlossenem Fenster arbeiten oder gar schlafen kann. Lässt man aber die Fenster offen, so dringt unablässig Lärm herein, der an Konzentration und Nerven zerrt. Ich kann nicht behaupten, dass ich diese Zeit genieße. Viele Bekannte machen derzeit auf Langeoog Urlaub, und gerne sähe ich den einen oder die andere davon, aber die Saison raubt mir jede Kraft zum Socializing. „Kommt im Herbst wieder, im Winter oder im Frühjahr“, sage ich dann, und die meisten verstehen das sogar. 
Nicht einmal die Freundin sehe ich zurzeit in nennenswerter Menge, denn zum einen sind unsere Arbeitszeiten reichlich (und reichlich verschieden), und zum anderen möchte man nicht noch unbedingt ein 37°C warmes Lebewesen neben sich im Bett haben, wenn man in der winzigen Wohnung ohnehin schon das Schicksal des heiligen Laurentius teilt, den man bekanntlich lebendig grillte.

Jetzt am Strand aber ist sie bei mir, und sie ist mir die Insel der Ruhe, die Langeoog zurzeit nicht sein kann. Ich bin dankbar für ihre Anwesenheit und sehne den stillen Tagen entgegen, in der mehr Zeit für ein Miteinander bleibt und die ständige Reizüberflutung durch die Vielzahl an Menschen endlich zum Stillstand gelangt.
An manchen Tagen der Hauptsaison fällt es mir schwer, nicht in einen Zustand von Anhedonie zu verfallen; und ja, es gab sogar schon Momente, in denen ich an meinem geliebten Meer stand und fürchtete, dass das mit mir und Langeoog doch irgendwann enden könnte — und zwar auf eine Weise, wie sie Erich Kästner in seinem Gedicht „Sachliche Romanze“ unübertrefflich beschreibt:



„Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen: sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut. (…)“

Aber dann stellte ich mir vor, wie es wäre, wieder kilometerweit vom Meer entfernt zu leben, und jeder Zweifel an der Haltbarkeit meiner Liebe zur Insel war unverzüglich ausgeräumt. Ich habe hier das Beste aller bisherigen Leben, und es ist zweifelsohne eine große Quelle des Unglücks, nur auf das zu schauen, was man nicht hat, anstatt sich seines aktuellen Beschenktseins bewusst zu werden. Die Hauptsaison ist für jemanden mit meinem Naturell schwer auszuhalten; das ist sie jedes Jahr — aber ich erfahre auch immer wieder, dass sich das Aushalten lohnt.

Eines der schönsten Geschenke dieses Jahres klettert soeben über die Rohre im Sand, um zu den Strandkörben zu gelangen, und ich bin froh, dass ich nichts weiter tun muss, als ihr zu folgen. Dass ich nichts haben, nichts sein und nichts beweisen muss, und sie trotzdem bei mir sein will; dass ich für ihre Liebe nichts tun muss, außer zu existieren. Ich war in dieser Lage nicht oft, aber das ist wohl das vielbesungene Wunder der Liebe. Liebe, so denke ich, gibt einem wohl immer exakt das, was man gerade braucht: Liebe bringt Stille in den Lärm, liefert Zerstreuung, wo man angespannt ist, und die gemeinsamen Träume vom Winter bringen sogar etwas Kühlung in diese heißen Tage. Die Liebe ist mein Schutzschild in Zeiten des ständigen Ausgeliefertseins; die Rettungsinsel im Menschenmeer. Auch der heilige Bernhard von Clairvaux, dessen Gedenktag heute gefeiert wurde, hat zum Thema „Liebe als Ruhepol“ etwas sehr Schönes gesagt: 
“Wir finden innere Ruhe bei denen, die wir lieben und schaffen Orte der Ruhe in uns für jene, die uns lieben.“

Die Freundin wird mir fehlen, wenn ich mich für meinen Herbsturlaub alleine in die vollkommene Stille verabschiede, aber es ist ein gutes Gefühl, dass sie mit einer vergleichbaren Unaufdringlichkeit, Anmut und Tiefe auf mich warten wird, wie der Wald, in den ich mich flüchte.

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