Momentaufnahme, Zirkel

Der letzte heiße Tag des Jahres liegt hinter mir. In den letzten Stunden des Augusts zeigte das Thermometer noch einmal über 30°C. In der gemütlichen Dachwohnung hinter dem Deich, in die mich Freunde auf dem Festland einquartierten, ist es brütend warm. Sie gehört zu einem wundervoll hergerichteten alten Bauerngut, in dessen Hof heute ein Fest stattgefunden hat. Vor kaum einer Stunde sind die letzten Töne der Musik verklungen, ich lauschte der Band vom Dachfenster aus. Die Stimmen der Gäste zerstreuten sich rasch. Dann wurde es still.
Im letzten Licht der Abenddämmerung sehe ich Windräder blinken. Ich kann bis weit über den Deich sehen, die Silhouette Langeoogs zeichnet sich noch am Horizont ab. Mächtige Pappeln rahmen den Hof meiner Freunde ein, sie stehen Spalier wie freundliche Soldaten, es geht überhaupt nichts Bedrohliches von ihnen aus. An den Hof grenzt ein Acker, dahinter ist ein Campingplatz. Die meisten der Wohnmobile sind beleuchtet und ich leide mit den Menschen, die dort in ihren Blechbüchsen gesotten werden. Der heilige Laurentius möge ihnen beistehen, denke ich, und bete, wie vermutlich viele an diesem Tage, um das lang erwartete Gewitter.
Doch noch dringt durch das weit geöffnete Fenster kein Lüftchen. Um keine Insekten anzulocken, habe ich kein Licht in der Wohnung gemacht. Nun sickert die Schwärze der Nacht hinein und verteilt sich im Raum wie immer dichter werdender Nebel. Ich lege mich aufs Bett und lausche ins Dunkel. Eine Eule schreit, der elegante Jäger muss ganz in der Nähe wohnen. Dann endlich fährt die erste Windboe in die Pappeln. Ich höre das Rascheln der Blätter, die Eule schreit nochmals. Die Fensterscheiben beginnen zu vibrieren, ein gewaltiger Donner erschüttert das Gemäuer, Blitze zucken. Nun kann es nicht mehr lange dauern, denke ich. Aber der Regen lässt sich Zeit.
Ein paar einzelne Tropfen klopfen ans Dach. In den Pappeln rauscht der Wind nun stärker. Und dann rauscht auch das Wasser. Ein letztes Mal höre ich die Eule schreien, ihr Ruf verhallt im Strömen des Regens, und ich sehe sie vor mir, wie sie in einer Asthöhle in den Pappeln Schutz sucht, mit den schönen großen Augen immer wieder zaghaft hervorlugend, sicher noch hungrig. Auch ich stehe nochmals auf und luge aus meiner Höhle. Die Fenster schließe ich bis auf einen Spalt; groß genug, dass die Gewitterluft noch Kühlung bringen kann. 
Als die Raumtemperatur endlich absinkt, schlafe ich unverzüglich ein, obwohl der Sturm an den Dachschindeln reißt und immer wieder lauter Donner die Nacht durchdringt. Ich denke noch einmal an die Eule in ihrer Höhle und daran, was für ein Privileg es ist, bei diesem Wetter ein warmes Bett zu haben und ein Dach, das dichthält. Nicht alles, was der Mensch schafft, ist schlecht. Die Fähigkeit, sich selbst oder anderen ein Zuhause zu bauen, ist gut. Schutz ist es. Und Geborgenheit auch.

Am nächsten Morgen ist die Temperatur stark gefallen, aber der Boden hat den Regen beinahe schon wieder aufgesogen. Ich mache einen frühen Spaziergang über den Deich, die Pappeln haben nichts von ihrer Erhabenheit eingebüßt, aber ein paar kleinere Bäume haben Äste gelassen. Ein Greifvogel kreist, vermutlich ein Falke. Hinter einem Gatter schauen ein paar Schafe träge zu mir hoch und kauen.
Über den Inseln am Horizont hat sich die Sonne schon Bahn gebrochen. Ich stelle mir vor, wie sie nun durch mein Wohnzimmerfenster scheint und alles, was ich liebe, mit ihrem Licht streichelt. Meine Bücher, meine Kissen und Decken, den kleinen Hausaltar und die neu erworbenen, leuchtend grünen Zimmerpflanzen in ihren hübschen Ampeln. 
Für nochmals eine Woche werde ich heute zurückfahren; dann werde ich länger fort sein und meine Wohnung eine Weile nicht sehen. Insofern war es ein bisschen unsinnig, noch all diese Pflanzen zu kaufen, obwohl sich eine Freundin gut darum kümmern wird. Aber mir war eines Tages, als bräuchte ich mit dem scheidenden Jahr, mit dem ruhenden Leben vor meiner Haustür, unbedingt noch etwas mehr Leben im Inneren, und eigentlich beantwortete mir das auch sehr genau die Frage, warum ich diese Pflanzen kaufte: Ich klammerte mich ans Leben.
Ein Krankenhausaufenthalt steht bevor, und nach einer grässlich missratenen Narkose vor einiger Zeit gehe ich nicht mehr unbefangen daran. „Wir mussten Sie wiederholen“, sagte der Arzt, und ich hatte lange gebraucht, bis mir die Tragweite des Ganzen bewusst worden war: So schnell kann es also gehen. Und dann war es das halt.

Und nun liege ich, einige Stunden nachdem ich den Hof der Freunde verließ, wieder auf dem eigenen Bett und sehe einer sich prächtig entwickelnden Efeutute zu, wie sie aus ihrer Ampel sanft schaukelnde Schatten auf meine weiße Tagesdecke wirft. Liebe erfüllt mich zu dieser Pflanze. Zu dieser Wohnung. Zum Meer am Ende der Straße. Und zu meinem Leben.
Ich will nicht sterben. Auch dieser Satz ist für mich noch wie ein ungewohntes Kleidungsstück, denn sehr lange hing ich keineswegs an meinem Leben: die meiste Zeit meiner Jugend hasste ich es. Und danach war es mir egal. Man lebte halt seine Jahre ab, bis die statistischen 86kommanochwas voll waren. Aber nun bin ich frei, nun habe ich das Meer, nun habe ich Gott. Und jetzt will ich leben. 
Aber ich frage mich, ob zwischen „ich will leben“ und „ich will nicht sterben“ nicht noch ein Unterschied ist. Ist Todesangst nicht gar ein Zeichen von Kleingläubigkeit? Soll man als Christ nicht freudig folgen, wenn der HERR einen heimruft?
Ich fragte vor einiger Zeit einen jungen Mönch danach, an einem warmen Abend im Mai, der nicht schöner hätte sein können. Er sagte, die Angst sei menschlich. Und dass man Vertrauen haben müsse. Über uns rauschte der warme Wind durch sattgrüne Lindenblätter. Der Mönch sah aus sanften Augen in die Ferne. Ich weiß nicht, was er über den Tod dachte. Aber er segnete mich und es war gut, dass er da war.

In den letzten Tagen habe ich viel darüber nachgedacht, wie es wäre, wenn dies nun wirklich der letzte Sommer war, der letzte Herbstanfang. Würde ich in panische Geschäftigkeit verfallen? Noch schnell einen Kredit aufnehmen, um ein paar Reisewünsche zu bezahlen? Irgendjemandem irgendetwas sagen, was er oder sie nicht eh schon wüsste? Aber je mehr ich darüber nachdachte, desto ruhiger wurde ich. Es war alles gut so, wie es ist. Und wie immer es kommen mochte.
Eine kräftige Windboe lässt den kleinen Glasengel am gekippten Fenster gegen die Scheibe schlagen. Das Geräusch holt mich aus den Gedanken, zeitgleich bekomme ich eine Nachricht: „Wir haben Sturmflut, geh dir das ansehen!“
Ich stehe vom Bett auf, schnüre die Stiefel, nehme meine Jacke vom Haken und gehe. 
Vor dem Strand bäumt sich die See wie ein entfesseltes Urviech. Unzählige Schaulustige haben sich eingefunden. Die Sonne leuchtet das dramatische Spektakel aus wie ein versierter Theatertechniker; die Szene ist filmreif.
Ein paar Wahnsinnige gehen trotz des Wellengangs schwimmen, eine Mutter filmt seelenruhig ihre Kinder, während diese tollkühn von der Abbruchkante rutschen: Offenkundig können auch einige Menschen Kulisse und Wirklichkeit nicht auseinanderhalten. Der Wind tobt, ich bin binnen Sekunden mit Sand paniert. 
Die gewaltige Energie, welche die Natur in diesem Moment entfesselt, überträgt sich unverzüglich auf alles Lebende, alles bewegt sich. In jadefarbenen Bögen stürzen die Wellen in sich zusammen, um gleich die nächsten zu gebären, ein Kreislauf, dem man nur staunend zusehen kann. Muscheln, Seesterne, Algen … all diese Schätze wirft mir das Meer vor die Füße, nur um sie im nächsten Moment wieder einzusammeln.

Vielleicht ist auch das wie das Leben, denke ich: Man darf es staunend bewundern, ein paar Augenblicke lang lieben, vielleicht sogar einen Moment in den Händen halten. Aber dann muss man loslassen und es geht mit der nächsten Welle zurück zum Ursprung. Wirklich verloren geht aber nichts und niemand.
Als ich vom Strand komme, mache ich Pläne für die Zeit nach dem Herbst. Mit einem Freund verabrede ich einen Waldspaziergang im Schnee, im Januar. Ich werde mit dem Nachtzug zu ihm fahren, im Schlafwagen. Das habe ich noch nie gemacht und ich freue mich darauf wie ein Kind. Der Mönch hatte Recht: Man muss vertrauen.
Wir werden leben.

Momentaufnahme, Kreuzfahrt II

Pünktlich zum Sonnenaufgang erwache ich. Die Nacht war erstaunlich ruhig, obwohl ich befürchtete, aufgrund bezechter Mitpassagiere keine Ruhe zu finden. Tatsächlich ist aber der Konsum von Alkohol in den Kabinen streng verboten und nachts patroullieren Sicherheitsleute durch die Gänge, die vermutlich auch für Ruhe sorgen. Mit meiner Kabine habe ich aber auch erstaunliches Glück, denn zumindest die direkten Nachbarkabinen scheinen unbewohnt und sie liegt wunderbar mittschiffs, von wo man als See-Anfänger die Schiffsbewegungen noch am Wenigsten spürt.

„Wetter soll ja nicht so toll sein“, unkte eine Bekannte vor meiner Anfahrt. „Regen und Kälte sind mir egal, erwiderte ich. Aber klar sollte es sein, mit guter Sicht. Wäre schon schade, wenn alles im Nebel läge.“

Es hätte nicht schöner werden können. Schon am frühen Morgen hat die Sonne trotz eisigen Winds schon wärmende Kraft. Einige Arbeitschiffe sind unterwegs; auch der Zoll auf einem schnellen Schlauchboot.

Ich gehe das Promenadendeck entlang bis zum Bug; das Schiff schlägt einen eleganten Wellenteppich in die tiefblauen Wasser, während die Sonne allmählich über die Wipfel verschneiter Mischwälder kriecht.

Wir sind in Norwegen angekommen, und ich verstehe Augenblicklich, warum Norwegen vielen als Sehnsuchtsland gilt. Alles sieht genauso aus, wie ich es mir immer erträumt habe. Bunte Häuschen und kapellenähnliche Leuchttürme auf kleinen Felsinselchen, umkreist von Seevögeln. Noch im Morgendunst liegende, bewaldete Bergketten, zwischen denen Fjorde glitzern. Und über all dem liegt Schnee, der die falunroten und gelben und blauen und cremefarbenen Fassaden umso pittresker leuchten lässt. Auch die Zweige der mächtigen Kiefern und Fichten biegen sich unter dem Weiß, darunter das satte Grün unberührter Wildnis. Mich würde nicht wundern, hier Wale zu sehen. Oder einen Elch.

Ich kann den Blick nicht losreißen. Mit jedem Mal, dass ich mich vom Fenster wegdrehe, scheine ich eine noch schönere Szenerie zu verpassen, obwohl ich schon die jeweils vorherige kaum für steigerungsfähig hielt. Es ist nicht einmal sieben Uhr, und ich bin vollkommen euphorisiert.

Beim Frühstück (in gleicher Opulenz wie das Abendessen) habe ich dieses Mal angenehme Renter als Nachbarn. Sie stammen dem Akzent nach vermutlich auch aus Norddeutschland, wenn nicht gar Ostfriesland. Die meiste Zeit aber sind sie still und berauschen sich, ebenso wie ich, an der Landschaft, die am Panoramafenster vorbeigleitet.

Den Rest des Morgens verbringe ich in vollkommen schönheitstrunkener Ergriffenheit in der Sonne auf dem Helikopterdeck, bis Olso in Sichtweite kommt.

Die Einfahrt in den Oslofjord ist unvergesslich. Auch hier ist ein Inselchen schöner als das andere, ein Leuchttürmchen malerischer, dazwischen wieder bunte Häuschen und Wald, Wald, Wald. Und Wald.

Als das markante Opernhaus in Sichtweite kommt, fordert eine Lautsprecherdurchsage das Fertigmachen zum Landgang.

Drei Stunden Stadtrundfahrt mit Halt an drei Sehenswürdigkeiten später kann ich nicht sagen, ob mir Oslo gefällt. Ich fühle mich wie Ware, die durch eine vielteilige Produktionsanlage geschoben und dort rauf und runter gefahren, nach links und nach rechts und mehrfach im Kreis gedreht wurde, um am Ende in jeder Hinsicht fertig vom Band zu rutschen. Mit Sicherheit sind die Museen, die wir besuchten, interessant und die Altstadt bezaubernd; auch Architekturfreunde kommen sehr auf ihre Kosten. Aber es ergibt wenig Sinn, zu Dutzenden auf einmal hinein gestopft und im Schweinsgalopp durchgejagt zu werden: In 20 Minuten zurück am Bus, und bitte alle pünktlich.

Jedenfalls sind die drei Stunden Stadtrundfahrt in Nullkommanix vorbei, ohne das wirklich Gelegenheit zum Ankommen und Verarbeiten der Eindrücke gewesen wäre. Aber für einen ersten Überblick muss es reichen.

Es geht zurück aufs Schiff. Die vielen Norweger an Bord sind in Oslo geblieben, und zuletzt verstand ich auch, warum diese Kreuzfahrt auch dort so beliebt ist, obwohl Kiel nicht als gerade als klassisches Touristenziel gilt: Fast alle verließen das Schiff mit riesigen „Tax free“-Tüten voller Alkohol. Helgoland kann hier mitreden.

Die katholische Domkirche St. Olav habe ich leider nicht gesehen. Ich fragte die Reiseführerin danach, aber sie fragte nur, warum mir das wichtig sei. Ich führte solidarisches Interesse an der Diaspora-Situation der norwegischen Katholiken als Grund an und dachte, nach einem kurzen Moment der Verwunderung, dass das eigentlich eine sehr gute Frage ist. Eine, die man sich als Christ immer mal wieder stellen sollte: Warum ist der Glaube, warum ist GOTT mir wichtig?

Beim Auslaufen und der Rückreise durch den Oslofjord — der Himmel über uns ist immer noch strahlend blau und die Sonne spiegelt sich in den Eisschollen — fallen mir Tausend Antworten auf ihre Frage ein. Und dann noch eine und noch eine. Man muss einfach nur hinsehen.

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