Halleluja

Es ist ein eisiges Osterfest. Sturmböen peitschen Hagel durch die Straßen, am Strand zeigt eine brüllende See ihr Drama vor leeren Rängen. Zwischendurch eine kurze Illusion von Frühling: Leuchtende Himmelsbläue, zart hingetupftes Wolkiges. Goldene Strahlen, die sich aus schwarzen Gewitterfäusten zwängen, bevor der nächste Platzregen einsetzt. Verirrte Schneeflocken tanzen über frierenden Narzissen. So geht das drei Tage lang, und eigentlich, denke ich, passt dieses Bilderbuch-Aprilwetter auch perfekt zum heiligen Triduum mit seiner Abfolge aus Erstarrung, Trauer, Leere, Hoffnung und Freude. Zum Spazierengehen hätte ich mir indes etwas anderes gewünscht, denn schön ist das Sauwetter nicht. Die Fotos für die Arbeit mache ich mit halb zugekniffenen Augen, immer auf der Hut, dass die Kamera nicht zuviel Sand frisst. Der Wind ist grob; er schubst und schlägt und zerrt an Allem. Heruntergehen zum Meer? Unmöglich. Kommt der Sturm von vorn, drückt es mir die Brust zusammen und ich kann kaum atmen. Selbst zu Fuß geht es nicht voran.
Auf den Bildern sieht es wildromantisch aus: Der tiefblaue Himmel mit seinen majestätischen Quellwolken. Dünenkämme, auf denen sich lauter kleine Sandwirbelstürme bilden, sodass es scheint, als würden sie dampfen. Und natürlich: Das Meer mit seinen gewaltigen Wogen, die sich teerschwarz unter sprühend weißer Gischt aufbäumen und an den Strand donnern. In den Herzen der Tourist:innen, die jetzt gerne auf der Insel gewesen wären, regt sich Sehnsucht: Ach, wie gerne würde man sich da jetzt die Seele freipusten lassen. Wie schön das raue Nordseewetter doch ist.
In der Tat hat das zweifelsohne seinen Reiz. Von drinnen betrachtet, mit einer heißen Tasse Tee.
Ich jedenfalls bin erst einmal froh, als die Kirchentür hinter mir zufällt.
Lumen Christi.
Deo gratias.

Die Osterkerzen leuchten warm; ein letztes Heulen des Sturms verklingt mit dem Einsetzen der Orgel: Halleluja, Jesus lebt!

Auf die Freundin und mich regnet Weihwasser zum Taufgedächtnis; rechtzeitig haben wir die Brillen abgesetzt und halten sie in den Händen. Der Priester zielt gut mit dem Aspergil. Es ist ein junger Mann mit Elan, dem man das Halleluja glaubt.
Und es ist gut, dass er da ist.

Das Licht durchdringt alles, und plötzlich kann man sie fast greifen: Die Hoffnung. Die Freude, die Zuversicht. Es wird eine Zeit kommen nach dem Virus — oder zumindest eine Zeit nach der Durchimpfung. Es wird weitere Osterfeste geben. Das nächste vielleicht schon ohne Masken. Oder mit Gemeindegesang. Und das übernächste ist dann vielleicht sogar wie vor Corona.
Die letzte Osternacht feierte ich allein mit dem Gotteslob und einer Kerze vor dem Rechner. Während unser Bischof tapfer im einsamen Dom vor der Webcam zelebrierte, pries ich den HERRN in schiefen Tönen. Aber das Haus war leer in der Pandemie, wen sollte das dann stören?

Es ist schön, dass es in diesem Jahr wieder Präsenzgottesdienste gibt, wenn auch unter strengsten Bedingungen und mit halbleeren Bänken. Fast unwirklich scheint jetzt die Erinnerung an die letzte Osternacht vor der Pandemie, in der die Kirche so voll war, dass wir sämtliche Notsitze an den Bänken ausgezogen hatten und trotzdem nicht alle Menschen sitzen konnten. Ich kniete recht unsanft auf dem Lüftungsgitter; den Rest der drei Stunden stand ich. Aber auch das sorgte für bleibende Erinnerungen.

„Frohe Ostern!“ ruft der junge Geistliche der Freundin und mir nach, als wir die Kirche verlassen. Seine golddurchwirkte Stola strahlt mit ihm um die Wette. Vor uns liegt die Schwärze der Inselnacht.
Am nächsten Morgen sitzen die Freundin und ich beim Osterfrühstück. Wir haben die Eier gemeinsam gefärbt, es ist unser zweites gemeinsames Ostern. Ich sehe sie an und kann gar nicht glauben, dass dieser Mensch nun schon so lange an meiner Seite ausharrt. Die Zeit rast, obwohl doch objektiv betrachtet kaum etwas passiert durch die Corona-Beschränkungen: Man kann nicht groß etwas erleben, nicht verreisen, sich nur mit einer kleinen Auswahl an Dingen ablenken. Natürlich machen wir schon Pläne für „Danach“: Suchen Unterkünfte, die längst noch geschlossen sind, planen Elternbesuche, Museen-, Zoo- und Einkaufsbummel; träumen von Reisen, die wir uns ohnehin nicht leisten können. Aber wir leben auch gut im Jetzt; genießen die leere Insel und die überschaubare Arbeitsbelastung. Es ist ein gutes Leben. Und wir hatten verdammt viel Glück.

Dieser Tage räumte ich meinen Posteingang auf; löschte jahrealte E-Mails von irgendwelchen Menschen, denen ich einst auf höchst ungesunde Weise verfallen war und noch mehr Mails, in denen ich mich bei Familie und Freunden über diese Menschen ausheulte; über all die Machtspielchen, die emotionale Erpressung und das Leid; all diesen toxischen Scheißdreck, den ich nie als solchen erkannt hatte. Der Fairness halber sei erwähnt, dass ich aber auch all den toxischen Scheißdreck, den ich selbst angerichtet hatte, selten als solchen erkannt hatte. Vielmehr wähnte ich mich stets als den allein aufrichtig Liebenden; als den einzigen, dem in dieser Beziehung Unrecht geschah; als den, den man für sein Lieben kurz über lang immer grausam bestrafte.
Nun aber, mit vielen Jahren bis Jahrzehnten Abstand, las ich all diese Sachen und schämte mich sehr. Wie sehr hatte ich mich ausnutzen, manipulieren, demütigen und bloßstellen lassen, nur damit mir jemand ein paar Krümel Anerkennung, einen Anflug von Zärtlichkeiten hinwarf oder mich überhaupt zur Kenntnis nahm? Von „Liebe“ mag ich gar nicht reden. Ich schämte mich dafür, wie bedürftig ich mich anderen gezeigt hatte — und wie nackt. Und wie oft ich selbst dabei Grenzen übersehen und übertreten hatte; im Verlangen nach Gegenliebe, die mir vermeintlich zustand, weil ich dafür doch alles getan hatte. Aber ein „Lieb mich gefälligst!“ funktioniert nicht. Liebe ist kein Imperativ. Man kann sich Liebe nicht erarbeiten, nicht verdienen. Liebe lässt sich auch nicht einfordern. Sie ist da oder nicht.
Und wie unspektakulär sich Liebe anschleichen kann, hatte ich bisher auch nicht gewusst.

Ich hatte immer auf das große Feuerwerk gewartet und dabei übersehen, dass eine sanft leuchtende Kerzenflamme viel länger Bestand hat. Kein Getöse, keine Flamboyanz. Doch nun sehe ich diese sanft leuchtende Flamme, und drumherum ist eine warme Stube aus Geborgenheit mit der Ahnung, das ich dort bleiben kann.
Ich muss nichts besitzen und nichts darstellen. Ich muss einfach nur sein. — Musste ich wirklich 45 werden, um zu begreifen, dass es Menschen gibt, denen das reicht?
„We’re just two lost souls swimming in a fish bowl“, habe ich Pink Floyd im Ohr, und vielleicht ist das auch so, aber auf jeden Fall schwimmen wir in noch immer in wohltuend ruhigem, klaren Wasser, das von dem Paket an Verletzungen, das wohl jeder in unserem Alter mit sich herumschleppt, nur selten getrübt wird.

„So, so you think you can tell
Heaven from Hell
Blue skies from pain
Can you tell a green field
From a cold steel rail?
A smile from a veil?
Do you think you can tell?“

— So geht das Lied weiter, und nein: I don’t think I can tell.
Man kann nur erahnen, wünschen, hoffen. Man muss vertrauen. Aber gerade das fällt oft schwer.

Tatsächlich komme ich damit zurück zur Osterbotschaft, denn auch die Jünger mussten vertrauen, dass Jesus wirklich auferstehen würde. Dass Leid und Tod überwunden würden. Qui tollis peccata mundi. Und dann gab es den ungläubigen Thomas, der erst in der Wunde herumstochern musste, um zu glauben. Und ich? Ich musste erst glauben, nein: wie Thomas begreifen, dass Christus tatsächlich auch mich nicht aus den Augen verloren hatte, dass er da war, dass ich bei IHM Trost und Liebe fand. Liebe, die ich mir nicht erst erarbeiten oder verdienen musste und die ER nicht als Almosen aus Mitleid oder als Leckerli fürs Gehorchen verteilte, sondern die er einfach so gab: Im Vertrauen; aus Vertrauen. Christus, dem ich nichts präsentieren musste, was ich nicht war. Und der mich gesehen und angesehen hatte, ohne dass ich mich dafür auf irgendeine entwürdigende Weise hatte entblößen müssen. Er sah mich an, bevor ich es selber konnte. Damit ich es konnte.

„Sehen Sie sich in erster Linie Mal als Christ, dann erst als Katholik“, sagte einst ein Beichtvater, als ich im Kontext mit „Liebe“ mal wieder mit dem Lehramt haderte, „denn Liebe kommt immer von Gott. Egal, wo — und bei wem — sie uns trifft.“ Was man dann daraus mache, könne zwar von Gott entfernen — hier verwies er auf die ignatianische Unterscheidung der Geister —, aber die Liebe als solche? Das Empfinden von Zuneigung, Schmetterlinge im Bauch, die Freude am anderen, dem anderen eine Freude sein? Göttlichen Ursprungs, immer.

Und doch bleibt die Liebe wohl ein Geheimnis, dem man sich mit dem menschlichen Verstand nicht nähern kann. Man muss vertrauen: auch hier.
Man muss vertrauen, dass weder Gott noch die Freundin eine Kartei nach Flensburger Vorbild führen; mit der Liebe als „Lappen“. Zuviele Sündenpunkte? Lappen weg, Liebesentzug, wochenlanges Anschweigen und das Bettzeug auf dem Sofa. Und ja, ich hatte solche Beziehungen: War Schrott, um bei den Auto-Metaphern zu bleiben.
Dass Gott keine derartige Kartei in Flensburg führt, durfte ich inzwischen überreichlich erfahren. Mit Vorsatz durchs Leben pflügen wie die berühmte gesengte Sau sollte man natürlich trotzdem nicht.
Und die Freundin? Hat gerade anderes zu tun. Sie entzündet die Osterkerze, die wir in der Kirche geschenkt bekamen. Ich sehe den warmen Widerschein der Flamme in ihren Pupillen und Brillengläsern.
Lumen Christi.
„Unser zweites Ostern“, sagt sie. Ja, sage ich: Zu ihr. Zu Gott. Zu uns.
Deo gratias.

Ent-Sorgung

Endlich haben sich die Narzissen geöffnet. Entlang der Straßen wogt nun wieder ein gelbes Blütenmeer, wo monatelang nur gestutztes Rosengestrüpp und Hundescheiße zu sehen waren: Für mich ein untrügliches Zeichen, dass der Inselwinter überstanden ist.
Auch die Balz- und Brutzeit ist unüberhörbar eingeläutet. Überall werden Nester gebaut und die Hecke der Nachbarn scheint aus mehr Spatzen als Blättern zu bestehen. Das ohrenbetäubende Zwitschern hört man meterweit. An Dienstagen, wenn die Gelben Säcke abgeholt werden, wacht man jetzt wieder vom Kreischen der Möwen auf, die sich um Essensreste in schlecht ausgespülten Konservenbüchsen keilen. Den bedauernswerten Müllwerker:innen bleibt da nur noch, den zerfetzten Sackresten hinterherzujagen und den verstreuten Müll aus Büschen und Gärten zu klauben.
Es ist mein achtes Jahr in dieser Idylle, und ja: Ich liebe es. Auch wenn es das zweite Jahr der Pandemie ist.

Das Osterfest steht kurz bevor, aber von der Auferstehung des Tourismus ist noch keine Spur. Die Leute reißen sich nicht zusammen, die Politik ist inkonsequent; also ist der Salat derselbe wie letztes Jahr: Ostern ohne Familienbesuch, ohne Reisen und ohne Gäste auf Langeoog — wenn man von Tagestourist:innen, Zweitwohnungsbesitzenden, pendelnden Arbeitnehmer:innen, Mutter-Kind-Kurenden und ein paar anderen Ausnahmen einmal absieht.
Ohne das Thema „Inkonsequenz“ an dieser Stelle vertiefen zu wollen, sei erwähnt, dass die Insel auch mit diesen Menschen schon gut gefüllt ist. Zumindest ergibt sich dieser Eindruck an sonnigen Frühlingstagen wie heute, wenn vor meinem Balkon wieder ein Radverkehr herrscht wie in Amsterdam zur Rush hour. Oder von mir aus auch nur wie in Münster.

Ich reihe mich in das Rudel aus Radelnden ein und mache mich auf den Weg, den alles Irdische auf Langeoog einmal geht — zumindest das Irdische, das nicht auf einem der beiden Friedhöfe landet. Ich fahre zum Müllplatz.
Zunächst auf den, der noch rege in Betrieb ist. Die Pandemie-Nebenwirkung des zunehmenden Online-Handels macht sich auch hier bemerkbar, denn man trifft ständig das halbe Dorf, das hier Kartonagen in Container stopft; so wie ich. Die Gespräche das Übliche: Eigentlich will man ja Müll vermeiden. Ist ja auch mit dem CO2 nicht so doll. Nein. Aber was will man machen. Geht halt nicht anders gerade. So ist das. Tschüss.

Der zweite Müllplatz ist ein grüner Hügel mit einem Aussichtspavillon, in dem Schwalben brüten und an dessen Balustrade gepflegte Infotafeln über die Wunder des Weltnaturerbes aufklären. Nur einige dezent umzäunte Entgasungsrohre deuten darauf hin, dass unter den Menschen, die diesen Hügel erklimmen, ein Haufen Zivilisationsmüll gärt. Der Inselfauna selbst scheint dieses anrüchige Detail aber reichlich egal zu sein, denn die Tiere fühlen sich dort sichtlich wohl. Als ich mein Fahrrad am Fuße der renaturierten Müllkippe abstelle, empfängt mich überwältigend lauter Lerchengesang, und schon sehe ich die kleinen Vögelchen von überall aus der Wiese steigen. Von der anderen Seite der Hügelkuppe höre ich Graugänse schnattern; dahinter käuen Rinder wieder. Im Gras haben sich bereits saftgrüne Disteln entfaltet, Schmetterlinge flattern über Gänseblümchen und Klee. Der Blick streift im Süden und Osten über Dünenketten, Teiche, den Seedeich und die Salzwiesen bis hinüber ans Festland, wo man den Turm von St. Magnus in Esens sehen kann. Nach Norden und Westen sieht man die Weiden und das Dorf. Eine kleine Straße schlängelt sich flussgleich am Fuße des Hügels entlang; ich sehe das gelbe Postauto kommen, klein wie Spielzeug. Natürlich ist auch das Postauto auf Langeoog eine E-Karre, aber ich bin wohl noch soweit Städter, dass ein Postauto für mich ein Postauto ist, unabhängig vom Antrieb; so wie für mich Woolworth — meiner Kindheit geschuldet — auch immer noch „Wollwott“ ist und nicht „Wuulwörß“. Manche Dinge kriegt man eben nicht raus. Auf jeden Fall ist es schön, von dort oben Dinge beobachten zu können. Auch den Flughafen der Insel kann man vom Müllberg aus sehen: Bei diesem Wetter dauert es nicht lang zwischen Starts und Landungen.
Fast kann man hier oben vergessen, dass Pandemie ist. Und fast kann man vergessen, dass man auf einem Müllberg steht.

Für einige Leute, das weiß ich leider, fühlt sich das ganze vergangene Jahr an wie ein einziger Haufen Müll, und sie wären froh, wenn sie das Jahr und vor allem den Corona-Virus in die Tonne treten könnten. Wegkippen, zuschnüren, deponieren — und wehe, die Möwen reißen’s wieder auf! Viele stehen tatsächlich vor einem Aschehaufen. Erspartes weg, Ehe weg, Existenz weg, Selbstwertgefühl weg. Alles Müll.
Mit dem Thema Abfall — ich bitte schon jetzt fürs schlechte Wortspiel um Verzeihung — muss sich derzeit auch die katholische Kirche beschäftigen, denn viele Menschen fallen derzeit vom Glauben ab. Nicht witzig, ich weiß. Das sind die Vorfälle, die dazu führten, nämlich auch nicht. Beim Stochern in den Abgründen priesterlicher Existenz stank so einiges, und es hörte auch nicht auf zu gären, als man umso fester den Deckel drauf drückte. Im Gegenteil. Denn nun war der Mist implodiert und die „Brüder im Nebel“ nahmen, für jedermensch sichtbar, unschön Gestalt an. Brüder in Faulgasen trifft es wohl eher.
Viel Aufruhr, viel Leid: Bei den Opfern vor allem; aber auch bei jenen Geistlichen, die ihren Beruf nicht verfehlt haben, die nun aber unter Generalverdacht stehen. Insofern, denke ich, passt ein erneutes „stilles“ Ostern eigentlich ganz gut. Die Frohe Botschaft wurde schon so oft pervertiert. Demut ist angebracht, von Papst bis Plebs. Ich liebe die Kirche weiter, aber sie macht es einem nicht immer leicht.

Auch die Pandemie gibt mir inzwischen zu Kauen. Nach beinahe einem Jahr ohne Treffen vermisse ich meine Eltern doch sehr. Ich möchte mal wieder in Läden einkaufen und unterwegs in irgendeinem hübschen Café Halt machen können. Ich mag nicht mehr jeden Tag selbst kochen, weil kein Restaurant aufhat. Ich möchte mal wieder in einer fremden Umgebung aufwachen. Andererseits sind all das zweifelsohne Luxusprobleme, und ich möchte nicht wie die Made im Speck klingen, die sich beschwert, dass der Kuchen gerade außer Reichweite steht. Denn mehr als alles andere möchte ich gesund sein. Und letztlich geht es ja auch hier mit Minischritten vorwärts.

Die Freundin reibt sich den Arm, auf dem eine rote Schwellung von der Impfung zu sehen ist. Sie brütet Antikörper aus. Ich freue mich für sie; minimiert ihre Impfung schließlich auch mein eigenes Risiko, an COVID-19 zu erkranken. Und es ist der Romantik durchaus förderlich, die eigene Partnerin nicht mehr als potentielles Sicherheitsleck wahrnehmen zu müssen. Über meinen eigenen Impftermin mache ich mir keine Gedanken; es erscheint mir ähnlich sinnvoll wie ein Nachdenken über den Start der Marsbesiedelung.
Lieber denke ich wieder über das Ende des Winters nach und über den Frühling. Ich denke an die Narzissen und an das kleine Naturparadies, das im Inneren aus Müll besteht. Es wäre schön, wenn auch die Pandemiejahre in der Rückschau zu etwas Ähnlichem werden könnten. Dass wir an diese Zeit denken und sagen: Ja, das war ein Riesenhaufen Scheiße. Aber wir haben ihn neu begrünen können. Wir können jetzt darauf leben. Wir wissen, dass er noch unter uns gärt — denn ganz wird die Welt den Virus wohl nie mehr los — aber wir haben ihn unter Kontrolle. Ich glaube daran, dass eine solche Zeit kommen kann. Bis dahin muss man wohl weiter Aushalten. Und Ausschau halten nach allem, was blüht: Nach allem, was ein Anfang sein könnte.

Momentaufnahme, Leib und Seele

Von den heißesten Tagen auf Langeoog bekomme ich nichts mit. Der Hochsommer, von den Touristen lange ersehnt, hat endlich Einzug gehalten und Temperaturen um 30°C locken alles, was sich bewegt, in und an die Nordsee.

Ich bewege mich nicht. Ich liege mit Fieber, gegen das die Außentemperatur ein erfrischender Hauch ist, im Bett. Zum Glück hat mich auch diesmal kein Coronavirus niedergestreckt, sondern eine profane Mandelentzündung — ein Spaß ist es trotzdem nicht. Vor allem, weil ich sie viel zu spät als solche wahrnahm. Die tagelange bleierne Müdigkeit? Überarbeitet. Das Gefühl vollkommener Erschöpfung? Psyche. Die Kopfschmerzen, der Stimmverlust, der Kloß im Hals? Psyche. Eine aufziehende depressive Episode, sicherlich: „Hello darkness, my old friend“.

Bei der chronifizierten Form der Depression, die ich seit 30 Jahren hinter mir herziehe wie einen mal mehr, mal weniger schweren Schleppanker, gibt es schon lange nichts mehr an klassischen Symptomen einer Depression wie Traurigkeit oder Gedankenkreiseln. Irgendwann treten an diese Stelle episodisch nur noch Schwere und Leere — in Einheit mit verschiedenen körperlichen Malaisen. Diese psychosomatischen Beschwerden von akuten körperlichen Erkrankungen abzugrenzen fällt, wie ich zu meinem Entsetzen feststellen muss, sogar mir zunehmend schwer. Ansonsten hätte ich mir sicher ein paar Tage früher mal in den Hals geguckt; hätte ich rechtzeitig Antibiotika besorgt; wäre das Fieber nicht so ausgeartet. 
Ja: Hätte.

Indes bringt mich das auf ein Thema, mit dem viele Menschen, die irgendwann in ihrem Leben mal eine psychische Krankheit hatten (oder dauerhaft haben) zwangsläufig konfrontiert werden: Dem Abgestempeltsein als „Psycho“, der sowieso nichts hat außer eben … you name it. Und so hat wohl jeder seine Erlebnisse mit ÄrztInnen, die körperliche Untersuchungen verweigern, weil sie nach Lektüre der Krankenakte grundsätzlich von Psychosomatik ausgehen (der nette Inselarzt sei hier ausdrücklich ausgenommen). Oder mit Versicherungen, die einen als Kundschaft ablehnen, weil man irgendwann im Leben mal eine Therapie gemacht hat — Als sei es gesünder, seelische Probleme unbehandelt zu lassen.
Dass es in Bezug auf seelische Krankheiten für manche Menschen und Behörden noch immer ein Stigma ist, sich ärztliche Hilfe gesucht zu haben, ist für mich ein ausgewachsener Skandal. Würde man einem Menschen applaudieren, der sich ein gebrochenes Bein nicht schienen lässt? Würde man nicht sagen: Du spinnst, ab zum Arzt mit Dir! — Warum also, frage ich mich, funktioniert das nicht auch mit einem gebrochenen Herzen? Warum wird man mit einem Schatten auf der Lunge sofort in die Klinik gescheucht, aber bei einem Schatten auf der Seele kommt „Lach doch mal, ist schönes Wetter?“
Man könnte jetzt leicht „von Hölzken auf Stöcksken“ kommen, wie wir im Ruhrpott sagen: Dass die Tabuisierung psychischer Krankheiten an den ererbten Kriegstraumata liegt, wo man über die massenweisen Verzweiflungssuizide und das Kriegszittern rückkehrender Soldaten auch nicht sprach. Und an einer giergetriebenen, haifischkapitalistischen und sozialdarwinistischen Gesellschaft, die alles, was auch nur ansatzweise nach Psychiatrie riecht, unter „unzurechnungsfähig“, „Minderleister“ und „wirtschaftliche Belastung“ einsortiert. Und so weiter. —  Der Gründe sind viele, und eigentlich verdient jeder davon ausführliche Betrachtung. 
Umso mehr erschüttert mich, dass ich selbst in dieses Muster verfalle: Das bisschen Hals ist so lange psychisch, bis es eitert.

Jedenfalls ist draußen Sommer, was sich an der Geräuschkulisse im Haus und umzu auch deutlich abzeichnet. Da mich rasende Kopfschmerzen am Musikhören oder Fernsehen hindern, die Wohnung wahnsinig hellhörig und das Fenster witterungsbedingt zwangsläufig auf ist, gibt es kaum ein Gespräch, das ich nicht mitbekomme. Die Leute erzählen sich ihre Erlebnisse vom Strand und aus dem Dorf; die lautgestellten Telefone lassen auch gleich Tante Gerdas Antworten am anderen Ende der Leitung auf Langeoog erschallen: Der Cousin hat jetzt auch sein Abitur. Gestern gab es Pfannkuchen. Die Tochter will jetzt auch unbedingt diese Schuhe.
Auch in der Nacht ist es nicht still. Die Menschen sitzen auf ihren Terrassen und Balkonen; im Viertelstundentakt rasen betrunkene Jugendliche auf Rädern vorbei. Aus einer Musikbox dröhnt irgendwas mit Bayern und Deutscher Meister, Mädchen kreischen, Jungs johlen.

 Auf den Genuss einiger ruhiger Minuten auf dem eigenen Balkon muss ich lange warten: Dann aber singen die Grillen und der warme Sommerwind streicht über die schweißfeuchte Haut. Ein unvorstellbarer Luxus.

Ein lieber Freund bringt mir Medikamente und Trost vorbei; mit dem Einsetzen der Wirkung geht es zunehmend bergauf. Nach 5 Tagen in der Wohnung wage ich mich erstmals vors Haus. Das Meer sehe ich leider immer noch nicht. Denn der Strand ist zu weit weg, das instabile Gehen auf Sand einem instabilen Kreislauf vermutlich auch nicht zuträglich, und die zu erwartenden Menschenmassen schrecken mich ebenfalls ab. Also schleiche ich nur ein Stück die Straße hinunter und wieder zurück.
Aber natürlich reicht das auf Langeoog aus, um schon irgendwen zu treffen, der einen kennt. In meinem Falle ist das ein sympathisches älteres Ehepaar, das häufig in der Kirche ist. Sie stammen aus dem ehemaligen Jugoslawien und haben sich hier nach der Flucht vor dem Krieg eine Existenz aufgebaut. Manchmal deutet die Frau an, was sie erlebt hat, und es erschüttert mich. Es sollte nicht sein, dass Krieg (egal welcher) für so viele Menschen noch bittere Realität ist — und nicht nur etwas, wovon die Großeltern sich zu erzählen weigerten. Auf jeden Fall begegnen mir die beiden immer gütig und freundlich und ich habe einen Heidenrespekt vor ihrer Lebensleistung. 
Und was auch schön ist: Sie haben mich vermisst. „Du warst schon lange nicht in der Kirche“, sagt die Frau, „geht es dir nicht gut?“ Ich erkläre ihr meinen Zustand und dass ich es selbst bedauere, es nicht zur Messe zu schaffen zurzeit. Aber auch die Kirche ist noch zu weit, wenn der Körper nicht will. Das ist wohl einer der wenigen Nachteile einer autofreien Insel: Man kann sich kein Taxi nach St. Nikolaus bestellen. Und für das Bestellen der Krankenkommunion fühle ich mich noch nicht krank genug.

Die beiden ziehen nach dem Austausch guter Wünsche ihrer Wege und ich denke darüber nach, was für ein starkes Instrument der sozialen Kontrolle der Kirchgang in früheren Zeiten gewesen sein muss. In dem Fall, dass man sich um jemanden sorgte, der plötzlich nicht mehr kam, war das sicher etwas Gutes. Oder im Fall, dass man Blessuren und blaue Augen an Kindern oder Ehefrauen sichtete oder sonstige Indizien häuslicher Gewalt wahrnahm und ggf. den Pfarrer nachhaken lassen konnte (der ja damals auch noch eine Instanz war). 
Aber sicher nutzten viele die allsonntägliche Gemeindeversammlung auch zum Tratsch: Welche Paare sitzen nicht mehr nebeneinander, wer trägt ein zu gewagtes Kleid oder gar ein ärmliches? Wessen Bauch wölbt sich verdächtig, wer übertüncht seine Schnapsfahne mit billigem Parfum? 
Andere wiederum werden den Kirchgang zum Angeben benutzt haben: Instagramm gab es ja noch nicht. Also wurde der teuerste Sonntagsstaat rausgekramt, der juwelenbesetzte Rosenkranz, das Gotteslob in goldgeprägtem Etui. Die Kinder gebadet und gescheitelt und stocksteif zurechtgesetzt, die Münder so fest geschlossen wie die Knie der anwesenden Damen unter den wadenlangen Röcken. Damit alle sahen: Man hatte sein Leben im Griff und es ganz allgemein geschafft — Zum Thema „Hinter den Kulissen aber …“ sei an dieser Stelle geschwiegen.
Im Idealfall ging man aber damals wie heute schlicht zum Beten hin und betrachtete den Rest der Gemeinde mit aufrichtigem, aber nicht übergriffigen oder Tratschsucht-motivierten Interesse am Nächsten. Zumindest wäre das wünschenswert, und ich hoffe, dass ich es bald auch wieder zur Kirche schaffe.

In der nächsten schlaflosen Nacht zappe ich durch das TV-Programm. Auf EWTN beginnt soeben „Grüß Gott aus Heiligenkreuz“. Die schönen Bilder vom Stift lassen in mir den Januar wieder aufleben, als das Jahr noch in aller Unschuld daherkam. Die Erinnerungen an diese wunderbare Zeit und die kühlen Klostermauern lassen gefühlt auch das Fieber weiter sinken. Gott ist ja überall, tröste ich mich. Und ich freue mich sehr darüber, dass mir nun, da mein Sehnen nach St. Nikolaus nicht erfüllt werden kann, nachts um 3 stattdessen ein ganzes Kloster geschickt wird.

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Momentaufnahme, Stillstand

Das Wetter ist nahezu statisch. Seit drei Wochen gibt es kaum eine Änderung. Die Sonne scheint aus einem wolkenlosen, beinahe absurd blauen Himmel. Der Wind ist unspektakulär; an den letzten Regen kann ich mich kaum erinnern. All das bietet eine wundervolle Kulisse für Fotos erwartungsfroher Strandkörbe, niedlicher Jungtiere und roséfarbener Blütenpracht. Die späte Sonne zaubert mit warmgoldenem Glanz den Menschen Jahre aus dem Gesicht, erste Surfer gleiten pittoresk durch silberschimmernde See.
Mir macht der ausbleibende Regen indes ein wenig Sorgen: Lässt nicht schon das erste zartgrüne Kastanienlaub wieder Anzeichen von Schlaffheit erkennen, kaum, dass sich die Blätter entfaltet haben? Färbt sich der Deich mit seinem märchenhaften Gänseblümchenteppich nicht schon langsam braun? Und die Tiere, finden sie genug Süßwasser?
Der Stillstand beim Wetter kann nicht ewig andauern: Die Folgen wären fatal.

Ähnliches gilt für den Corona-bedingten Stillstand des Tourismus auf den Inseln und an den Küstenorten. Erste ernstzunehmende Hilferufe werden laut; auch eigentlich wohlhabende Menschen müssen inzwischen anfangen zu rechnen. In Personalgesprächen werden Existenzen verhandelt; die Behörden ersticken unter Hilfsanträgen. Unnötige Käufe werden vermieden; Fixkosten summiert, Geldreserven geprüft. Dahinter die bange Frage: Wie lange noch? 
Ein Freund, der ansonsten ein leuchtendes Beispiel für Optimismus und kreative Schaffenskraft ist und daher gleich mehrere wirtschaftliche Standbeine unterhält, traut sich als erster aus dem nahen Umfeld, mit einem klaren Wort an die Öffentlichkeit zu gehen: „Wir können nicht mehr“, posted er.
— Es bricht mir das Herz. Schließlich war es genau dieser Freund, der mich über viele Sommer hinweg mit enormer Großzügigkeit bei Kost und Logis bedachte, ebenso wie mit freigiebiger Unterstützung meines eigenen Kunstschaffens. Und nun kann ich nicht viel mehr für ihn tun, als ein paar Dinge im Onlineshop seines Lädchens zu kaufen, so wie ich auch bei anderen Freunden hier und da etwas kaufe, um wenigstens einen Hauch von Not zu mildern, wiewohl auch mein Finanzpolster mehr denn je geradezu fadenscheinig dünn ist. Aber wenn wir als Kleinunternehmer und Künstler nicht genau jetzt zusammen halten — wann dann?

Und immerhin, so denke ich mit einer Art leisen Beschämtseins, geht es bei uns ja nur um die wirtschaftliche Existenz. In Nachbarländern geht es um viel mehr. Dort müssen Ärztinnen und Ärzte entscheiden, wer das letzte Beatmungsgerät bekommt; deutlicher ausgedrückt: Wen sie sterben lassen müssen. Zoos denken über Notschlachtungen nach. Was für ein Gefühl muss es für einen Tierpfleger sein, seinem Elefanten, den er vielleicht seit 30 Jahren pflegt, dem er vielleicht einst eine große Milchflasche ins graue Mäulchen schob, bevor der Elefant zu einem stattlichen Bullen heranwuchs — was für ein Gefühl muss es für einen Pfleger sein, ein letztes Mal in die langbewimperten, weisen Augen dieses Tieres zu sehen, bevor der Tierarzt mit dem Giftpfeil kommt? Um mir die Situation der Entscheidung über ein Menschenleben näher auszumalen, fehlt mir die Kraft. Ich ertrage es nicht. Und weiß doch um die Menschen, die es vielleicht genau in dieser Minute ertragen müssen: Die Schuld. Die Ohnmacht. Die Trauer der Angehörigen. Die Wut. Die Hoffnung der Menschen, deren Angehöriger weiterleben darf.

Es muss weitergehen. Auch in meinem Bekanntenkreis gibt es nun die ersten Infizierten; in Schweden betrauert ein Freund seinen Schwiegervater. Aus dem ersten Infektionsfall in Deutschland — an die Berichterstattung erinnere ich mich, als sei es gestern gewesen — sind mittlerweile 140.000 Fälle geworden. Wenn dieser Text als Buch erscheint, sind wir mit den Zahlen Gottweißwo. Aber hoffentlich noch am Leben.

Die Insel habe ich nun seit zwei Monaten nicht verlassen. Mir macht das nichts aus, denn noch immer sind wir — bin ich — auf Langeoog überaus privilegiert. Die Natur bietet genügend Auslauf, um sogar einen Mindestabstand von einem Kilometer einzuhalten, wo nötig. Die Läden sind zur Genüge bestückt. Ich beziehe noch mein reguläres Gehalt, wenn auch auf mittlerweile dünnem Eis. ich habe eine Wohnung, in der ich mich wohlfühle und einen Menschen bei mir, der mir in all dem Surrealen täglich ein Gefühl von Wirklichkeit zurückgibt; der mich von innen und außen wärmt und mir nahe ist. 
Auch die Kirche ist nach wie vor geöffnet und streckt mir die weit aufgesperrten Türflügel entgegen wie die Arme eines Freundes: porta patet, cor magis.
Diesen Leitspruch der Zisterzienser hat unsere Pfarrbeauftragte auf einem Schild in die Kirche gestellt — Die Tür steht offen, das Herz noch mehr.

Die Erinnerung an diesen Orden wiederum lässt mein Herz aufgehen wie die Blüten der Kirschbäume in den Gärten rund um St.Nikolaus. So weit weg scheint mir die Erinnerung an den tiefen Frieden im Januar, als ich mein Heil zwischen altehrwürdigen Klostermauern fand; nichtsahnend, in was sich die Welt nur wenig später verwandelt haben würde. Inzwischen ist natürlich auch dort der Ausnahmezustand eingetreten, dem man bestmöglichst und mit tiefem Gottvertrauen entgegenwirkt — aber in meiner Erinnerung ist der Anblick schwarzweißer Gewänder, der Widerhall eilender Schritte und flatternder Chormäntel, der Klang der Stiftsglocken und der Geruch nach Kerzen und uralten Steinen noch immer verknüpft mit einem Gefühl von Klarheit, Geborgenheit, Zuversicht und einer ungeahnt reinen Form von Liebe. Und über all dem liegt diese heilende, nährende Form von Stille, die von dem furchteinflößenden, beunruhigenden und gespenstischen Stillstand des Jetzt nicht weiter entfernt sein könnte.

Ich vermisse meine Eltern und meine Freunde. Es macht einen Unterscheid, ob man sich Monate nicht sieht, weil man gerade keine Zeit oder kein Geld hat, aber es theoretisch könnte — oder ob es schlicht unmöglich ist.
Ein noch recht neuer Freund, den ich aber sehr liebgewonnen habe, hängt seit einigen Wochen quarantänebedingt in Niedersachsen fest. Normalerweise wohnt er wesentlich weiter weg. Nun aber könnte ich sogar für einen Tagesausflug bei ihm sein, wenn nicht der Virus zwischen uns stünde, eine angeordnete Kontaktbeschränkung und eine nichtfahrende Bahn und ein nichtfahrender Bus. Alles vernünftige Maßnahmen, zweifelsohne, aber trotzdem fühlt es sich absurd an. Denn nun ist da diese Sehnsucht. Nach Normalität im Allgemeinen, dem Freund im Besonderen, und ich wünschte, ich könnte mit ihm in Teetassen rühren und über die wolligen Schafe am Deich lachen, mir sein Gesicht in Erinnerung rufen und seine Stimme. Natürlich kann man telefonieren, was wir auch tun; man kann über die sozialen Medien Kontakt halten, auch das geschieht. Dennoch ist da die diffuse Angst, dass die Erinnerung an gemeinsam verbrachte Tage, das freundschaftliche Gefühl gar, nach und nach verschwimmt wie ein Aquarell und sein liebes Gesicht mit dem schlemischen Grinsen bald nur noch eine Ahnung im längst entpackten Reiseköfferchen ist. Womöglich, denke ich, ist alles, was irgendwann von ihm bleibt, diese Zeile aus einem alten Roxette-Song: „All I knew / your eyes so velvet blue.“

Auf der Insel gibt es derweil zaghafte Schritte voran. Einige Läden öffnen für ein paar Stunden, erste Restaurants bieten wieder Essen zum Mitnehmen und Abholen an. Man kann Blumen kaufen und Eishörnchen. Die Plankenwege werden am Strand ausgelegt, als wäre das Schiff mit der ersten Fuhre Tagestouristen schon unterwegs zum Hafen. Fröhlichbunte Strandkörbe werden von Inselbewohnenden probegesessen. „Das ist wie Urlaub“, sagt meine Freundin, als wir auf meinem Balkon in der Sonne Kaffee trinken und sie ihr hübsches Gesicht den wärmenden Strahlen entgegenstreckt. Das Vogelkonzert aus dem Nachbarsgarten dröhnt geradezu in die Stille des Morgens. Ja, denke ich: Es tut gut, für einen Moment zu vergessen, dass das hier keineswegs Urlaub ist.
Und so planen wir eine Zukunft, die mehr als ungewiss ist; abends sehe ich mir im Internet eine Modestrecke und schönes Interieur an. Ich weiß nicht, ob ich mich dafür schämen muss, aber ich spüre, dass mir diese Oasen der oberflächlichen Unbekümmertheit gerade jetzt guttun. An Urlaub denken, an schöne Kleidung und neue Ideen für die Wohnung. Daran, dass ich all das vielleicht bald nicht mehr bezahlen kann, denke ich diesmal nicht.

Momentaufnahme, Grundrauschen

Das Meer schweigt heute. Obwohl für die nächsten Tage Sturmböen vorhergesagt sind, rührt sich kein Hauch. Auf dem Balkon lausche ich in die Stille. Irgendwo brummt ein Gartengerät. Jemand hustet. Wortfetzen von Vorbeiradelnden. Aber das Meer bleibt stumm.
Schlagartig wird mir klar, wie unendlich ich das Meer vermissen würde, wenn ich noch einmal woanders leben müsste. Wenn ich die treue, herrliche Weite der See nicht mehr in fußläufiger Entfernung wüsste. Wenn ich nicht genau wüsste, dass es da ist, selbst wenn ich es einmal nicht höre.
Auch jetzt weiß ich: Ich müsste nur die Straße hinaufgehen und dann läge es vor mir, still und schön, im hellen Grau eines Regentages.
Es regnet nun stärker. Das Wasser fällt in lotrechten Schnüren vom Himmel, ich rieche die nassen Straßen und höre das Rauschen in der hohen Hecke, die mein Haus vom Nachbargrundstück trennt.
Ein Kind kommt in einem winzigen gelben Ostfriesennerz angerannt, die Kapuze unter dem Kinn zusammenhaltend, und verschwindet in einer der Ferienwohnungen.
Ich genieße es, jetzt noch auf dem Balkon sitzen zu können, weil sich aufgrund der Windstille kein Tröpfchen unter das Dach verirrt. Es ist vollkommen trocken an meinem Platz, und ich beobachte die Welt durch einen Vorhang aus Regenschnüren.
Obwohl ich zurzeit nicht gern vor die Tür gehe, überkommt mich starke Sehnsucht nach dem Meer. Ich möchte hingehen und einfach nur nachschauen, ob es noch da ist. Natürlich ist das Blödsinn, weil ich genau weiß, dass es da ist — das Meer ist ja kein Mensch, es verlässt einen nicht.
Und ich möchte es auch nicht verlassen.

Es ist diese Beständigkeit, die mich die See so sehr lieben lässt. Die Gewissheit, dass all die Hektik und das Unbeständige der Menschenwelt die Wellen nicht aus dem Rhythmus zu bringen vermögen, beruhigt meinen Herzschlag schon beim bloßen Gedanken daran.
Dieser uralte Begleiter, keine 200 Meter von meiner Haustür entfernt, könnte mich problemlos töten. Aber er schenkt mir auch Heimat, Geborgenheit und Lebensfreude. Ich erinnere keinen einzigen traurigen Tag, an dem ich nicht getröstet vom Strand zurückkehrte. Und keine Verzweiflung, die ich nicht auf nimmerwiedersehen den Wogen übergeben hätte. Das Meer heilt. Und ich liebe es so unendlich, samt dem Himmel darüber.
Die Wolken sind heute schiefergraue Ballen, aber dort, wo der Strand ist, heben sich ihre dunklen Ränder wie die Volants eines altmodischen Theatervorhangs und machen Platz für das Licht.
Auch über dem Haus reißt der Himmel langsam auf und zeigt ein paar Stückchen Blau; durch einen letzten Hauch Regendunst leuchtet sogar die Sonne.

Dieser Tage machte ich mit einem Freund einen Ausflug. Wir fuhren nach Leer und Ditzum; vor dem Fenster: Deiche, Windräder, Schafe, winzige Dörfer und uralte Warftkirchen. Der Freund wuchs in dieser Gegend auf; wir trafen kaum jemanden, der ihn nicht grüßte oder ein paar Worte mit ihm wechselte. Im Restaurant, wo wir für den Preis einer Langeooger Vorspeise exzellenten Fisch aßen, kannte er die Familie der Kellnerin bis in den kleinsten Zweig beim Vornamen. Gegenüber schaukelten die Masten der Kutter im goldenen Licht eines späten Nachmittags. Es war ein friedvoller Tag und ich genoss es, die Landschaft in aller Privatheit vorm Autofenster vorbeiziehen zu sehen; ohne die Geräusche, Gerüche und Zwischenhalte des Busfahrens. Der Freund fuhr routiniert, aber mit Bedacht; außerdem bekreuzigte er sich vor jedem Anfahren, was mir zusätzlich ein gutes Gefühl gab. Ich hatte keine Angst, und vor dem Fenster lag die Schönheit unserer ostfriesischen Heimat, in der er tatsächlich als eines der wenigen katholischen Kinder großgeworden war.

Bald erreichten wir wieder die Stadt, ein Kirchturm schlug. Überrascht registrierte ich, dass der Freund eine Parkbucht ansteuerte, obwohl wir noch nicht am Ziel waren. „Es ist sechs Uhr!“, sagte er, „Lass uns den Engel des Herrn beten!“ „Ja klar“, sagte ich, wiewohl etwas verdutzt, und zerrte so hastig die Worte aus meinem Gedächtnis, als seien sie Kleider für eine überstürzte Reise. „Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft und sie empfing vom heiligen Geist …“ 
Das Gebet dauerte exakt so lang wie die Glockenschläge, sofort nach dem „Amen“ fuhren wir wieder los. Ich schmunzelte noch eine Weile in mich hinein. Da saßen wir also in einem hochmodernen Auto, das sogar noch recht neu roch, mit Navigationssystem und Smartphones in unseren Taschen, und doch gab nicht all diese Technik den Takt an, sondern ein uraltes Gebet, das schon im 14. Jahrhundert gebetet wurde, zum Angelusläuten um sechs Uhr.
Ich bewunderte den Freund auch um seine Routine in diesen Dingen. Wie beruhigend muss es sein, sein Leben nach einem Stundenbuch durchgetaktet zu wissen und die täglichen Gebetszeiten stärker verinnerlicht zu haben als die Mahlzeiten oder irgendwelche anderen Alltagsdinge? Wie beruhigend ist es zu wissen, dass da etwas ist, das immer viel größer als alles andere war und immer sein wird? Und wie schön ist die Gewissheit, dass diese Gebete bereits Jahrhunderte überdauert haben und, aller Konzile und der Reformation zum Trotz, noch heute den nahezu selben Wortlaut haben?
Nicht grundlos war ich vor einiger Zeit not amused, als sich ein Frauengebetskreis, der auf der Insel gastierte, während einer Andacht sogar am Vaterunser zu schaffen machte.
Ich mag keinen Stillstand. Aber ich liebe Dinge mit Bestand. Ich brauche diese kleinen Stückchen Ewigkeit, um im Getriebe der Welt nicht zermalmt zu werden. In dieser Hinsicht, denke ich, sind der Engel des Herrn, das Vaterunser, das Ave Maria, das Magnificat oder das Salve Regina wie das Meer: Sie waren vor mir da, werden nach mir sein, trösten und beruhigen den Herzschlag wie das stoische Rauschen der Wellen. Ich hoffe, dass auch ich mir irgendwann eine solche Gebetsroutine aneignen kann wie der Freund, denke ich. Denn auch wenn ich nicht vorhabe, jemals vom Meer wegzuziehen, ist es doch schön, noch etwas zu haben, das einen täglichen Haltepunkt im Alltag markiert. Wo man, fernab von jeder Technik und zeitgenössischen Errungenschaft, einfach nur aus dem Herzen lebt; klein vor den Wundern der Schöpfung, aber doch eins mit der Welt.

Kirchenführung mit NDR

Moin,

es hat zwar nicht unmittelbar mit meinen Büchern zu tun, aber am 20. Juli begleitet der NDR für den Nordseereport meine Kirchenführung durch St. Nikolaus. Ich werde in der Sendung mit verschiedenen Aktivitäten vorkommen, vermutlich auch noch in einer zweiten literarischen Wattwanderung am 5. August. Details erfahrt Ihr natürlich hier!

Der Kirchen-Termin steht aber bereits fest. Wer mitmachen möchte und nicht kamerascheu ist: Herzlich willkommen! Die Kirchenführung ist kostenfrei, Spende zum Kirchenerhalt erbeten.

Termin: Samstag, 20. Juli

Uhrzeit: 15.00 Uhr

Treffpunkt: katholische Kirche St. Nikolaus

Dauer: Ca. 1 Stunde

 

Fotos: Andreas Beutner.

Waldkapelle

Das Laute dringt in die stille Welt
Gefällte Bäume ruhen über Toten
Kapelle, gebaut von blutenden Händen

Hinter der schweren Eichentür hält
Maria das Kind im Arm, im Korb
Nur leergebrannte, kalte Kerzen

„Bitte für uns“ sagt das Fensterglas
Wer darum bat, ist auch schon tot
Der Putz weint eisige Tränen.

MDO, Januar 2019

 

 

Momentaufnahme, Worte

„Es sind so viele Worte in mir, dass ich nicht mehr sprechen kann“, schreibt ein Freund, der an einer chronifizierten Depression leidet und zurzeit leider erneut eine Episode durchmacht. Ich weiß genau, was er meint. 
Auch mir scheint es zunehmend, als bestünde die Welt nur noch aus Schweigen oder Geschwätz.
Dabei meine ich natürlich keine heilsame, andächtige Form der Stille; nicht die Ruhe, zu der man sich zuweilen zwingen muss, um überhaupt noch etwas hören zu können. Es ist vielmehr ein destruktives Schweigen gemeint, ein feiges Schweigen oder ein Weghören.
Und das Geschwätz? Auch Prosa ist lediglich zu Papier gebrachtes Geschwätz, mögen kritische Geister hier anmerken, und das nicht zu Unrecht. Aber wenigstens behelligt man niemanden damit, der es nicht will: Bücher und Zeitungen lassen sich zuschlagen, wenn sie nerven, oder, wenn sie auch sonst nutzlos scheinen, wenigstens noch zum Zuschlagen benutzen, um damit wiederum Mücken und anderes Getier zum Schweigen zu bringen.

Wer in der Natur Ruhe sucht, kennt das: Man steht am Dünenrand, die Aufmerksamkeit auf den wundervollen Gesang eines kleinen Vogels gerichtet, der, auf einem Busch thronend, ein Konzert gibt. Oder man zoomt in ehrfürchtigem Staunen soeben einen Schmetterling heran, der seine kleinen Kunstwerke von Flügeln auf einer Blüte ausbreitet. Und dann poltert eine Gruppe heran und quillt lärmend über den schmalen Pfad, auf dem man sich gerade noch eins mit der Schöpfung in balsamischem Frieden wähnte. Der Vogel ist weg, der Schmetterling und die Ruhe ebenso. Dafür leeres Geplapper, oft von so einer eindrucksvollen Sinnlosigkeit, dass die Vermutung naheliegt, dass dieses Erzeugen von Tönen („Gespräch“ möchte ich gar nicht nennen, was ich da zu hören bekomme) einzig dem Zweck dient, Stille zu vernichten, Anwesenheit zu demonstrieren sowie dem Einnehmen und Beherrschen des Raumes.

Manchmal wundern sich Menschen, dass ich nicht gern rede, dass mir Smalltalk zuwider ist. Aber wie sollte man nicht süchtig nach Stille werden, nach der Reduktion von Konversation auf ihre Essenz, wenn man pausenlos mit Worten zugeschüttet wird, zusätzlich zu all dem Lärm der — und damit zurück zu den Worten des Freundes — ohnehin schon im Inneren herrscht? Auch meiner Seele und meinem Herzen würde ich zuweilen gerne harsch das Geschwätz verbieten, da bin ich durchaus nicht nur gegenüber anderen rabiat.
Entspannungsübungen, Achtsamkeit, Meditation von A-Z, Yoga, Jacobsen, Autogenes Training, Beten: All das hat man durch. Aber manchmal hilft nichts von alledem mehr gegen Lärm und Reizüberflutung und man kapituliert im Wartezimmer des Doktors, um mit einer Schachtel pharmazeutischer Instant-Ruhe in der Hand heimzukehren.

Es ist ein Paradox, dass die Menschheit sich in einer so lauten und geschwätzigen Welt dennoch oftmals gar nichts zu sagen hat; dass die Worte, sonst im Überfluss vorhanden, gerade dort fehlen, wo sie am meisten vonnöten wären.
Zumal die Stimmen, die man gern hören würde — zusammengefasst: Die der Vernunft — meist nicht die Lautesten sind.
Auf der anderen Seite dann all das Gebrüll. All dieser laute Hass, diese Kakophonie der Dummheit. Dazu all die Hysterie und enervierende Opfermentalität, das brachial-aktivistische Verlieren im Klein-Klein, quer durch alle politischen Lager. Während Menschen, denen wirklich Unrecht geschieht, schweigen. Weil ihnen die Worte fehlen, weil sie übertönt werden, weil niemand zuhört, weil sie zum Schweigen gebracht werden.

Dieser Tage sah ich eine Fotografie der Bibliothek des Trinity College in Dublin: Ein Traum, ich möchte dort unbedingt einmal hin. Zugleich macht es mich unendlich traurig, all das gesammelte Wissen der Menschen dort zu sehen, wenn sie ja doch nichts daraus lernen. Und wenn ich in meiner theologischen Literatur Berichte über die Große Kartause finde, erfüllt mich das mitunter mit einem gewissen Neid. Denn obwohl ich vom Worteerzeugen lebe und Bücher seit frühester Kindheit mein Lebenselixier sind, möchte auch ich zuweilen einfach nur noch in das ganz große Schweigen verfallen, alle Leitungen kappen und irgendwo in der Eremitage den Rest meiner Tage verbringen; still, aber unbeugsam wie ein Schilfrohr, allein empfänglich für das Singen des Windes, die Choräle, die Zwiesprache mit Gott.
Der Abt hört dort einmal am Tag Radio, so las ich, um die Mönche so knapp wie möglich über Vorgänge in der Welt zu informieren, und ansonsten ist Ruhe. Herrlich.

Immerhin: Ein Klosteraufenthalt auf Zeit naht. Bei nicht allzu verschwiegenen Mönchen, aber ich habe am Anfang meines Katholikendaseins ja auch noch viele Fragen, also kommt mir das durchaus entgegen. Sprechen, um zu lernen, ist immer gut.
Morgen, so fällt mir beim Blick auf den Kalender auf — er zeigt bereits eine Herbstlaubumrankte Haustür in England — bin ich ein halbes Jahr katholisch. Manchmal kommt es mir vor wie eine Ewigkeit. Manchmal, als sei es gestern gewesen. Ich kann nicht behaupten, dass 2018 bis hierher ein besonders gutes Jahr war, weder privat noch weltpolitisch. Aber zur Kirche gehe ich hier gern. Sie ist schließlich der einzige Ort, an dem man in Gemeinschaft schweigen kann, ohne dafür komisch angesehen zu werden.
Dem Militärpfarrer, der mich firmte, pfeifen längst wieder in irgendeinem „sicheren Herkunftsland“ Gewehrkugeln um den Pileolus. Afghanistan, Mali, was weiß ich.
Im Moment leistet ein Jesuit als Kurpriester bei uns Dienst, und es hat etwas nahezu Rührendes, wie unbeirrt er in friedlosen Zeiten wie diesen von Frieden und Versöhnung predigt, wo einem vor der Kirchentür doch ununterbrochen Unbarmherzigkeit und Unversöhnlichkeit entgegenschlagen und auch die Kirche selbst zurzeit von Kriegen im Inneren zerfleddert wird. Der Pater weiß natürlich um all das und als langjähriger Missionar hat er vermutlich mehr Elend gesehen, als wir uns im relativ wohlstandssatten Deutschland vorstellen können, aber er hält daran fest — offenkundig — dass ein Friede im Inneren möglich ist, und damit auch eine friedlichere Welt. Zum Friedensgruß steigt er die Altarstufen hinab und geht durch die Bänke, bis er auch dem und der Letzten in der Messe „Der Friede sei mit Dir“ gesagt und die Hand gegeben hat und ich weiß nicht, ob sein — trotz des ergrauten Hauptes — alterslos-jungenhaftes Gesicht dabei tapfer oder traurig aussieht.

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