Waldkapelle

Das Laute dringt in die stille Welt
Gefällte Bäume ruhen über Toten
Kapelle, gebaut von blutenden Händen

Hinter der schweren Eichentür hält
Maria das Kind im Arm, im Korb
Nur leergebrannte, kalte Kerzen

„Bitte für uns“ sagt das Fensterglas
Wer darum bat, ist auch schon tot
Der Putz weint eisige Tränen.

MDO, Januar 2019

 

 

Momentaufnahme, Worte

„Es sind so viele Worte in mir, dass ich nicht mehr sprechen kann“, schreibt ein Freund, der an einer chronifizierten Depression leidet und zurzeit leider erneut eine Episode durchmacht. Ich weiß genau, was er meint. 
Auch mir scheint es zunehmend, als bestünde die Welt nur noch aus Schweigen oder Geschwätz.
Dabei meine ich natürlich keine heilsame, andächtige Form der Stille; nicht die Ruhe, zu der man sich zuweilen zwingen muss, um überhaupt noch etwas hören zu können. Es ist vielmehr ein destruktives Schweigen gemeint, ein feiges Schweigen oder ein Weghören.
Und das Geschwätz? Auch Prosa ist lediglich zu Papier gebrachtes Geschwätz, mögen kritische Geister hier anmerken, und das nicht zu Unrecht. Aber wenigstens behelligt man niemanden damit, der es nicht will: Bücher und Zeitungen lassen sich zuschlagen, wenn sie nerven, oder, wenn sie auch sonst nutzlos scheinen, wenigstens noch zum Zuschlagen benutzen, um damit wiederum Mücken und anderes Getier zum Schweigen zu bringen.

Wer in der Natur Ruhe sucht, kennt das: Man steht am Dünenrand, die Aufmerksamkeit auf den wundervollen Gesang eines kleinen Vogels gerichtet, der, auf einem Busch thronend, ein Konzert gibt. Oder man zoomt in ehrfürchtigem Staunen soeben einen Schmetterling heran, der seine kleinen Kunstwerke von Flügeln auf einer Blüte ausbreitet. Und dann poltert eine Gruppe heran und quillt lärmend über den schmalen Pfad, auf dem man sich gerade noch eins mit der Schöpfung in balsamischem Frieden wähnte. Der Vogel ist weg, der Schmetterling und die Ruhe ebenso. Dafür leeres Geplapper, oft von so einer eindrucksvollen Sinnlosigkeit, dass die Vermutung naheliegt, dass dieses Erzeugen von Tönen („Gespräch“ möchte ich gar nicht nennen, was ich da zu hören bekomme) einzig dem Zweck dient, Stille zu vernichten, Anwesenheit zu demonstrieren sowie dem Einnehmen und Beherrschen des Raumes.

Manchmal wundern sich Menschen, dass ich nicht gern rede, dass mir Smalltalk zuwider ist. Aber wie sollte man nicht süchtig nach Stille werden, nach der Reduktion von Konversation auf ihre Essenz, wenn man pausenlos mit Worten zugeschüttet wird, zusätzlich zu all dem Lärm der — und damit zurück zu den Worten des Freundes — ohnehin schon im Inneren herrscht? Auch meiner Seele und meinem Herzen würde ich zuweilen gerne harsch das Geschwätz verbieten, da bin ich durchaus nicht nur gegenüber anderen rabiat.
Entspannungsübungen, Achtsamkeit, Meditation von A-Z, Yoga, Jacobsen, Autogenes Training, Beten: All das hat man durch. Aber manchmal hilft nichts von alledem mehr gegen Lärm und Reizüberflutung und man kapituliert im Wartezimmer des Doktors, um mit einer Schachtel pharmazeutischer Instant-Ruhe in der Hand heimzukehren.

Es ist ein Paradox, dass die Menschheit sich in einer so lauten und geschwätzigen Welt dennoch oftmals gar nichts zu sagen hat; dass die Worte, sonst im Überfluss vorhanden, gerade dort fehlen, wo sie am meisten vonnöten wären.
Zumal die Stimmen, die man gern hören würde — zusammengefasst: Die der Vernunft — meist nicht die Lautesten sind.
Auf der anderen Seite dann all das Gebrüll. All dieser laute Hass, diese Kakophonie der Dummheit. Dazu all die Hysterie und enervierende Opfermentalität, das brachial-aktivistische Verlieren im Klein-Klein, quer durch alle politischen Lager. Während Menschen, denen wirklich Unrecht geschieht, schweigen. Weil ihnen die Worte fehlen, weil sie übertönt werden, weil niemand zuhört, weil sie zum Schweigen gebracht werden.

Dieser Tage sah ich eine Fotografie der Bibliothek des Trinity College in Dublin: Ein Traum, ich möchte dort unbedingt einmal hin. Zugleich macht es mich unendlich traurig, all das gesammelte Wissen der Menschen dort zu sehen, wenn sie ja doch nichts daraus lernen. Und wenn ich in meiner theologischen Literatur Berichte über die Große Kartause finde, erfüllt mich das mitunter mit einem gewissen Neid. Denn obwohl ich vom Worteerzeugen lebe und Bücher seit frühester Kindheit mein Lebenselixier sind, möchte auch ich zuweilen einfach nur noch in das ganz große Schweigen verfallen, alle Leitungen kappen und irgendwo in der Eremitage den Rest meiner Tage verbringen; still, aber unbeugsam wie ein Schilfrohr, allein empfänglich für das Singen des Windes, die Choräle, die Zwiesprache mit Gott.
Der Abt hört dort einmal am Tag Radio, so las ich, um die Mönche so knapp wie möglich über Vorgänge in der Welt zu informieren, und ansonsten ist Ruhe. Herrlich.

Immerhin: Ein Klosteraufenthalt auf Zeit naht. Bei nicht allzu verschwiegenen Mönchen, aber ich habe am Anfang meines Katholikendaseins ja auch noch viele Fragen, also kommt mir das durchaus entgegen. Sprechen, um zu lernen, ist immer gut.
Morgen, so fällt mir beim Blick auf den Kalender auf — er zeigt bereits eine Herbstlaubumrankte Haustür in England — bin ich ein halbes Jahr katholisch. Manchmal kommt es mir vor wie eine Ewigkeit. Manchmal, als sei es gestern gewesen. Ich kann nicht behaupten, dass 2018 bis hierher ein besonders gutes Jahr war, weder privat noch weltpolitisch. Aber zur Kirche gehe ich hier gern. Sie ist schließlich der einzige Ort, an dem man in Gemeinschaft schweigen kann, ohne dafür komisch angesehen zu werden.
Dem Militärpfarrer, der mich firmte, pfeifen längst wieder in irgendeinem „sicheren Herkunftsland“ Gewehrkugeln um den Pileolus. Afghanistan, Mali, was weiß ich.
Im Moment leistet ein Jesuit als Kurpriester bei uns Dienst, und es hat etwas nahezu Rührendes, wie unbeirrt er in friedlosen Zeiten wie diesen von Frieden und Versöhnung predigt, wo einem vor der Kirchentür doch ununterbrochen Unbarmherzigkeit und Unversöhnlichkeit entgegenschlagen und auch die Kirche selbst zurzeit von Kriegen im Inneren zerfleddert wird. Der Pater weiß natürlich um all das und als langjähriger Missionar hat er vermutlich mehr Elend gesehen, als wir uns im relativ wohlstandssatten Deutschland vorstellen können, aber er hält daran fest — offenkundig — dass ein Friede im Inneren möglich ist, und damit auch eine friedlichere Welt. Zum Friedensgruß steigt er die Altarstufen hinab und geht durch die Bänke, bis er auch dem und der Letzten in der Messe „Der Friede sei mit Dir“ gesagt und die Hand gegeben hat und ich weiß nicht, ob sein — trotz des ergrauten Hauptes — alterslos-jungenhaftes Gesicht dabei tapfer oder traurig aussieht.

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Momentaufnahme, Teetied

Es hat zu regnen begonnen. Aber die Tropfen, welche vereinzelt aus einem nur dünn bewölkten Himmel fallen, vermögen gegen die Sommerhitze der vergangenen Tage nichts auszurichten; sie versickern in staubiger Erde, ohne Spuren zu hinterlassen.
Die Insel hätte Regen nötig. Das farbenprächtige Grün der Dünenvegetation vergilbt, die Dünenrosen welken, und auf meinem Balkon sieht es aus wie auf dem Kirchplatz nach einer Hochzeit: Abgefallene Blütenblätter überall, obwohl ich täglich fege und gieße.
Nun aber verdunstet der meiste Regen bereits in der Luft; es herrscht ein Klima wie im Tropenhaus eines meiner so geliebten Botanischen Gärten.

Im Strandkorb, in dem mich der warme Dunst schläfrig wegdämmern lässt, ziehen Gedanken vorbei wie die Wolkenfedern, zwischen denen längst wieder so viel Blau strahlt, als hätte St. Petrus nicht einmal einen Gedanken an Regen verloren. Ich wandere durch das Land in meinem Inneren, und auch hier vermag kein Regen die gespeicherte Wärme erkalten lassen, welche die letzten Wochen brachten. Und mag der Sturm auch die Blütenblätter davon wehen, so schafft er ja doch nur Platz für die Früchte, wie sie jetzt schon die Dünenrosen zeigen, für die Johannisbeeren auf meinem Balkon, für das farbenprächtige Laub milder Herbstage. Auf dem Dünenfriedhof ragt das Kreuz in sonnenbeschienene Tannengipfel.

Ich denke an die Stürme der vergangenen Jahre, die Kämpfe, die Kälte. Ich denke an den Schmerz und den Kummer, und wie oft die Liebe, oder das, was ich dafür hielt, ursächlich dafür war. Es war Zeit, das Vergangene loszulassen und die Strohfeuer zu ersticken. Denn nun, denke ich, fand ich vielleicht endlich den wahren Schatz unter all dem Tand und Plunder.
Merkwürdig ist nur, denke ich weiter, dass ich, um den Wert der Liebe zu erkennen, erst einmal eine Zeit lang gar niemanden zu lieben lernen musste, zumindest nicht in irgendeiner romantisch-erotisch konnotierten Form.
Und so wanderte ich, befreit von allem destruktiven Begehren, in den letzten Wochen über mein Langeoog und fand, klaren Geistes, … die Liebe.

Sollte sich jetzt das ein oder andere Ohr aufrichten, gespannt auf einen Namen oder zumindest eine präzise Personenbeschreibung lauschend, so muss ich jedoch passen: So einfach ist das nicht.
Und dennoch: Die Düsternis und Depression der letzten Monate ist vorbei, die mich lebenslang quälenden Schlafstörungen, die Ängste, das Wachliegen — aufgelöst in tiefen, erholsamen Schlaf und einen Grund zum Lächeln am Morgen.
Ich finde plötzlich Zeit zum Pflegen von Freundschaften, die ich so lange vernachlässigte, und all die Zuneigung, die ich bislang immer verzweifelt auf eine Person konzentriert hatte, sprudelt plötzlich so reichlich, dass ich endlich all jene damit bedenken kann, die so treu und nahezu unbemerkt all die Jahre um mich herumprusselten — und die es im Grunde doch viel mehr verdient haben, geliebt zu werden. Menschen, deren selbstlose und unaufdringliche Zuneigung ich nun endlich auch anzunehmen in der Lage bin.
Ich bin so alt, denke ich. Warum also erst jetzt? Wurde ich wirklich erst so spät erwachsen? Sollte ich mich schämen dafür, oder einfach nur dankbar sein, dass es so ist, dankbar für die Chance, zu erkennen, wem ich wirklich wichtig bin?

Abends liege ich, angenehm müde vom Tage, in meinen blütenweißen Kissen. Ich berge das Gesicht in dem weichen Bettzeug, dem ein Duft aus Inselsommer, selbstgezogenem Lavendel und Weihrauch anhaftet. Letzterer, Marke „Lourdes Gold“, den ich mir allabendlich zu verräuchern angewöhnte, beruhigt und weckt zugleich Erinnerungen an Sommerferien in Bayern mit den Eltern, an winzige Kirchlein, in denen es nach eben jenem Weihrauch duftete, nach Kerzen und Hoffnung. Und man konnte die sommererhitzte Stirn an das kühle, weiße Gemäuer lehnen, das schon so viele Jahrhunderte in sich trug und noch immer von den Gläubigen dort gehegt und gepflegt wurde. Ich liebte als Kind all den Barock, die kunstvollen Deckengemälde, die Säulen, Seitenaltäre, die Blumen und Heiligen. Als Protestant kannte man das ja nicht: So viel Sinnlichkeit in einem Gotteshaus. Bei uns gab es ein nacktes Kreuz, das Taufbecken, unverputzte Backsteine und mit Glück ein Fenster, durch das etwas verwaschenes Licht auf den nicht minder verwaschenen Talar des Predigenden fiel, der meistens langweiliges Zeugs erzählte, und dann hatte man nicht einmal schöne Bilder zum Angucken drumherum. Ich erinnere, wie mich eine katholische Schulfreundin, die Messdienerin war, einmal in ihre Kirche mitnahm, in das Räumchen, in dem all die Gewänder hingen. Ich beneidete sie um ihr hübsches Messdienerkittelchen und den feierlichen Ernst, mit dem sie es zur Messe trug, das blondgelockte Mädchen, 8 oder 9 Jahre alt. Auch das Gewand des Priesters hing da, und ich strich, in einem Anflug zärtlicher Bewunderung, mit der Hand über den golddurchwirkten Stoff und die seidige Stola. Ich erinnere einen Anschiss des Küsters, weil wir da außer der Reihe nichts drin verloren hatten, und so sahen wir zügig zu, dass wir Land gewannen — aber schön war es doch. Und nun atme ich diesen Resthauch „Lourdes Gold“ aus meiner Bettwäsche, während mir all das wieder einfällt.

„Jetzt riecht mein Sündenpfuhl hier nach Kirche!“ berichtete ich lachend einer Freundin, als ich das Päckchen mit dem Weihrauch — Geschenk eines Freundes — auswickelte, und tatsächlich ist es wohl so zurzeit: Es ist als, hätte mir die Phase des Nicht-Verliebtseins wieder ein Stück Unschuld zurückgegeben und Platz geschaffen für Neues, das, wie die weißen Kirchenmauern, zwar viel Vergangenheit in sich trägt, aber dennoch ein Gefühl reiner und erhabener Heiligkeit mit sich bringt, die Erfrischung von Geist und Seele, den Balsam von Neuanfang und Versöhnung: Auch mit sich selbst.

Natürlich: Irgendwen hat man immer etwas lieber (oder auf andere Weise lieb) als andere. Bei irgendwem schlägt immer der ein oder andere Schmetterling mit dem Flügel, und man bangt, ob er wohl wieder Ruhe gibt oder ob man es sich demnächst erneut antun muss: Das Bangen, das Hoffen, das Leiden; die Detailverliebtheit beim Betrachten des geliebten Gesichts, die mit so viel Blindheit auf anderen Gebieten einhergeht. Dazu die Frage: Zulassen oder verdrängen? „Tell him that the sun and moon rises in his eyes“, singen Céline Dion und Barbra Streisand, „Worte zerstören, wo sie nicht hingehören“, setzt Daliah Lavi dagegen.
Die Morgensonne fließt mit warmem Kupferschimmer über die Dächer und beleuchtet meine Margeriten, den Lavendel und die Geranien: Zeit fürs Tagwerk.

Das Hufgetrappel der Kutschpferde lässt mich kurz aufsehen, als ich später am Schreibtisch sitze und arbeite. Der Himmel ist jetzt wieder grau; buntgekleidete Touristen schauen nach oben, ängstlich, ob der Urlaub wohl ins Wasser fällt, während erste Regenschlieren von der Plane des Kutschwagens rinnen. Auch ich beschließe, kurz vor die Tür zu gehen. Im Café ist es voll, dennoch herscht kein hektisches Gewusel; die Gepräche hängen im Raum wie der Sommerdunst über den Dünen: Diffus, wabernd, wahrnehmbar, aber nicht störend. Ein hübscher Kellner, ausgestattet mit einer natürlichen, aber souveränen Sanftheit, die sich nicht lernen lässt, bringt den Ostfriesentee.

Mit der Silberzange nehme ich die dicken, weißen Kluntjes aus der Schale und lausche dem Knistern, als sie im heißen Tee zerspringen. Dann gleitet ein Tropfen Sahne von dem winzigen Silberlöffel in die Tasse, versinkt und steigt kurz darauf wieder als weißes Wölkchen empor und erblüht in zarten Verästelungen auf dem Teespiegel. Man darf das nicht umrühren. Man braucht Geduld. Manche Dinge, denke ich, sind in sich perfekt, auch wenn man das oft nicht sofort überblicken kann. Aber die Geduld lohnt sich, das langsame Herantasten. Rührte man den Tee, so hätte man zwar einen guten Geschmack, aber man erführe nie das volle Spektrum, kostete nie von all den Nuancen, die Tee, Sahne und Kluntjes in sich bergen.
Ungefähr an diesem Punkt, denke ich, bin ich nun mit der Liebe: Das frisch eingelassene Wunder vor mir, das Wulkje erblüht. Alles ist möglich. Dann, der erste Schluck: Von eleganter Leichtigkeit und doch mit einer Ahnung von Bitterkeit, die man eher erinnert als schmeckt, und in die sich mit jedem weiteren Schluck mildernde Süße mischt. Noch weiß man: Das Bittere ist ebenfalls da, aber, ach, wie schön ist es doch, all das zu vergessen, sich seiner süßen Schwere hinzugeben, seine Wärme in sich aufzunehmen, und mehr will man, so viel mehr … bis plötzlich der Tee, in dessen tiefbrauner Farbe man noch eben von seidigen Wimpern umkränzte Augen wähnte, mit dem letzten Schluck zur Neige geht und den Tassenboden freigibt: Dünnes, weißes Porzellan, zerbrechlich und schnell erkaltend.
Ich lasse mir mit dem Trinken Zeit.

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