Band 7 ist da!

Moin,

wenn die Corona-Krise, vegane Hipster-Kondome, der Morallimbo von Donald Trump, die heilige katholische Kirche, Langeooger Insel-Klüngel und die atemberaubende Schönheit des Wattenmeeres zusammen in einem Prosa-Band vorkommen, ahnen geneigte Leserinnen und Leser schon, worum es geht: Richtig, ein neuer Band „Momentaufnahmen“ ist erschienen. Die Geschichten aus diesem Jahr wurden zwangsläufig vom Thema „Virus“ geprägt, es gibt aber auch — wie gewohnt — leichte Plaudereien, idyllische Sprachmalerei und mitunter bissiges Sezieren des Insel-Alltags.
Außer auf Langeoog entstanden auch wieder einige Geschichten unterwegs: Vor allem in der erhabenen Stille uralter Klöster, aber auch auf Ausflügen in urbanes Umfeld.

NEU: Die Episoden sind nicht nur das 2020er-„Best of“ meines Blogs, sondern das Buch umfasst auch acht (8!) bisher unveröffentlichte Texte.

Band 7 HIER kaufen: https://www.bod.de/buchshop/momentaufnahmen-7-mayk-d-opiolla-9783751993838

Klappentext:

Das siebte Jahr auf Langeoog. Mit dem Erwachen des Frühlings bricht die Corona-Krise auch über die Insel herein. Zum ersten Mal erfolgt der große Vogelzug fast unbeobachtet; zum ersten Mal ist es sogar an Ostern so still, dass man die Blütenblätter von den Bäumen fallen hört. Die Touristen sind fort, das Dorf rottet sich zusammen. In der Isolation entsteht neue Nähe, aber es gärt auch Gift im Langeooger Mikrokosmos. Die Zukunft erscheint zerbrechlich, Existenzsorge nagt. Und doch prägt die Prosastücke dieses Bandes keine Verzweiflung, sondern ein lebenshungriger Blick auf die Welt, die Geborgenheit im Glauben sowie das Wunder unverhoffter Liebe. Gezeichnet in eindrucksvollen Sprachbildern führt der Ich-Erzähler über eine Insel im Ausnahmezustand, aber auch an Orte tiefen Friedens. Jenseits von Langeoog bilden u.a. ein uraltes Zisterzienserstift in Niederösterreich, die tiefen Wälder der Südeifel oder die Hansestadt Bremen die Kulisse. 42 neue Geschichten, mit einem Themenspektrum von Liebe bis Weltpolitik.
Die aktuelle Themenauswahl sowie ein farbenprächtiger Erzählstil, schonunglos ehrlich, mit unbestechlichem Blick und garniert mit bissigem Wortwitz, haben der „Momentaufnahmen“-Reihe von Mayk D. Opiolla mittlerweile eine feste Fangemeinde beschert: Auch weit über die Inselgrenzen hinaus. Alle Bände sind unabhängig voneinander lesbar.

Band 7 kann über den Buchshop von BoD sofort bestellt werden. Über den stationären Buchhandel, amazon und Co wird es in wenigen Tagen erhältlich sein.

Hinweis: Beim Direktbezug über BoD bleibt etwas mehr Geld beim Autor, also mir, hängen, da kein Händlerrabatt mehr abgezogen wird. Wer meine Schreiberei auch finanziell unterstützen will, bestellt also bitte da; den lokalen Handel unterstütze ich aber ebenfalls jederzeit gerne! Also keine Hemmungen, falls Euch der Weg in den Buchladen nebenan lieber ist 🙂

Momentaufnahme, Bestand

Es ist voll geworden auf der Insel. Die Aggressionen mehren sich. In den Geschäften lange Schlangen und leere Regale, Fahrradstaus und Auffahrunfälle an jeder Ecke, wüstes Geklingel, Beschimpfungen. „Die sind aber unhöflich hier“, sagt ein Kind, „Sie stehen mitten auf der Straße!“ ruft ein Handwerker zornig in eine Gruppe, die ihre Urlaubsplanung auf der Fahrbahn ausdiskutiert, während die Kleinsten mit Stützrädern drumherum Schlangenlinien fahren. Der Mann hat Mühe, seinen beladenen Anhänger von A nach B zu bekommen, wobei ihn in B vermutlich ebenfalls entnervte Menschen empfangen, die Probleme mit der Spülung haben, dem Internet, der klemmenden Tür. „Wir haben das Gefühl, die Einheimischen wollen nur noch unser Geld und sonst interessiert die hier gar nichts mehr“, erzählt traurig ein Gast, der seit Jahrzehnten herkommt. Derweil schreit ein anderer Gast einen armen Kellner an, weil dieser um kurz nach Fünf nicht mehr die komplette Kuchenauswahl bieten kann: „Sie haben das in der Karte, also will ich das essen!“ Der Kellner sieht müde aus. „Tut mir Leid“ sagt er.
Mir tut es auch Leid, dass Leute so sind, denke ich. Ich weiß, was er durchmacht.
Die Gäste sind unzufrieden, die Insulaner kaputtgeschuftet, und es ist noch nicht einmal August. In einigen Restaurants kosten Hauptgerichte mittlerweile um 35 Euro, Vollzeit-Angestellte im Housekeeping gehen in vielen Betrieben dagegen noch immer mit 900 Euro netto heim und wohnen in Verschlägen, die nicht einmal ein Tierheim als adäquat durchgehen ließe.

There’s something rotten in the state of Langeoog. Und ja, es gibt die positiven Gegenbeispiele. Aber die Tendenz ist da. Und sie stimmt mich traurig. 6 Jahre sind keine Zeit auf einer Insel, aber dennoch ahnt man nach rund 2000 Tagen wohl, was natürliche Schwankungen sind — und was die Zukunft bringen wird, sofern niemand gegensteuert.
Die Leute sind frustriert; viele würden lieber früher als heute alles einreißen und komplett neu angehen; nicht zuletzt die Bürgermeisterwahl mit ihrem Ergebnis ganz offensichtlicher Verzweiflung hat dies gezeigt. Was es bringen wird? Ich halte nichts von Kaffeesatzleserei und ziehe es vor, zu schweigen. Aber Strukturen sind schwer zu durchbrechen. Meistens verbiegen sich die Leute letztendlich ja doch oder lassen sich mit Geld und schönen Versprechungen zurechtbiegen, um hineinzupassen. Egal, mit welch aufrechtem Gang sie meinten, hineinzumarschieren. Oder sie verenden darin, sofern sie nicht vorher von selbst flüchten.

Dieser Tage hatte ich einen PR-Menschen zu Gast. Exaltiert, wie etliche PR-Menschen nun einmal sind, machte er angesichts seines allerersten Besuchs auf der Insel gleich wort- und lautstark hehre Pläne. „Wenn ich hier etwas zu sagen hätte, ich würde die Insel komplett umkrempeln! Dann wäre hier nichts mehr wiederzuerkennen!“ Es folgte eine Auflistung möglicher Events und Kampagnen, um Langeoog mehr Profil zu geben und neue Zielgruppen zu erschließen — einige davon sogar recht spannend. Dennoch hatte ich den unmittelbaren Impuls, mich mit ausgebreiteten Armen schützend vor mein Langeoog zu stellen und, ihn an Lautstärke noch übertönend, mit Nachdruck „Finger weg!“ zu rufen.
Ich möchte keine umgekrempelte Insel. Ich liebe alles, was hier Bestand hat. Und ich glaube an die Vernunft, an das Gute, und daran, dass beides sich irgendwann durchsetzt, wenn — ja wenn — nur endlich einmal jemand zuhört. Es gibt sie auch im Dorf, die leisen, aber verständigen Töne. Die Intelligenz, die Kreativität, die Nachsicht und Liebenswürdigkeit. Den Respekt und die Augenhöhe; unter Gästen wie Insulanern, unter Arbeitgebenden wie Angestellten. Langeoog ist nicht verloren. Und außerhalb des Dorfes — in meiner geliebten Natur — soll bitteschön alles so bleiben, wie es ist.

Denn es ist schier unglaublich, wie schnell die atemberaubende Dünenlandschaft all dieses würdelose Klein-Klein unter den Menschen vergessen macht. 10 Jahre Auszeichnung als UNESCO-Weltnaturerbe feiert das Niedersächsische Wattenmeer in diesem Jahr und es ist ein Gottesgeschenk, hier leben zu dürfen.
Das Meer empfängt mich mit an diesem Tage mit märchenhaft schöner Brandung, es ist Flut. In der Nacht hatte es gestürmt, nun aber ist der Himmel aufgeklart und die hohen Wellenberge sprühen ihre Wasserjuwelen in den blauen Himmel. Am Horizont ballen sich letzte Regenwolken zu einer Decke, die ausssehen aus wie ein hastig zurückgeschlagenes, hellgraues Federbett.
Und so wie jemand am Morgen energiegeladen die Decke zurückwirft und aus dem Bett springt, fühle ich mich durch den Anblick plötzlich wundersam belebt.

Hier, genau jetzt und vor mir, ist alles, weswegen ich hier bin. Sogar die vielen Menschen verteilen sich dergestalt über den Strand, dass man auch jetzt noch Ruhe findet. Dass man zumindest minutenweise allein ist mit dem Geschrei der Möwen, dem raschelnden Dünengras, dem Wind in den Ohren und dem Flattern der Volants an den Dächern der Strandkörbe.
Die Strandkörbe wiederum stehen noch krumm und schief auf ihren Plätzen, zum Teil hat sie der Sturm fast eingegraben. Einige hat es ganz umgehauen, sodass die bunt gestreifte Kolonie wirkt wie ein Häuflein bezechter Dorffestheimkehrer.
Es sieht lustig aus, und viele Menschen machen lachend Fotos mit den torkelnden Körben. Hier wohnt sie also, die unbeschwerte Urlaubsfreude, denke ich erleichtert, als ich um mich blicke. Ein Pärchen, das ich zufällig dabei ansehe, lächelt sogar und grüßt, obwohl ich die beiden nicht kenne. Ich biete ihnen an, ein Bild zu machen, und sie strahlen wie glückliche Kinder. 
Der Stress im Dorf ist schon vergessen.

Momentaufnahme, Abbruch

Kurz vor der Abbruchkante lege ich mich flach auf den Sand und robbe die letzten Meter, um einen Blick hinunterzuwerfen. Übermannshoch geht es dort inzwischen senkrecht hinab; die Menschen, die am Flutsaum spazieren gehen, wirken klein wie Spielfiguren. Dahinter tobt eine wilde See.
Die Sandaufspülungen der letzten Jahre haben den Fraß der Wogen vom Dünenfuß ferngehalten: Das ist gut. Stattdessen aber gibt es nun diese Kante und Schilder, die auf die damit verbundene Gefahr hinweisen.

Nachdem ich in die Tiefe fotografiert habe, drehe ich mich auf den Rücken und betrachte den Himmel über mir. Er ist tiefblau mit einzelnen, stillen Wolkenbäuschen. „Sie war sehr weiß und ungeheuer oben“, zitiere ich nahezu zwangsläufig den Brecht in Gedanken; kein Sympath, aber ein Genie zweifelsohne: Wie so viele.

Vor ein paar Tagen war es zum ersten Mal warm in diesem Jahr. Das Thermometer am alten Hospiz zeigte 18°C. Am Strand wateten die ersten barfuß durchs Wasser; die See lag noch still und Lachmöwen, das Brutkleid schon fast voll ausgefärbt, gruben nach Beute im Schlick. Die warme, feuchte Luft tat den winterwunden Lungen wohl. So hätte es bleiben können.
Aber am Wochenende kehrte der Sturm zurück, warf eine wütende See gegen den Strand und fräste die Abbruchkante in ihre imposante Form.

Es ist wieder kühler geworden, so, als könne sich der Frühling noch nicht recht entschließen. Nur bei den Tieren lässt er sich nicht mehr aufhalten.
Zurück im Dorf sitzen zwei Austernfischer auf einem Dach. Ich sehe zu ihnen hoch und erinnere mich an die Zeit, in der ich diese Vögel noch mit unbändigem, euphorischen Staunen wahrnahm; kannte ich sie doch vorher nur aus Freiflughallen in diversen Zoos.
Seit einem halben Jahrzehnt nun sind sie für mich Alltag. Aber bei Weitem noch nicht alltäglich.

Warum sollte hier auch Routine einkehren? Auf einer Insel, inmitten der Nordsee, die ja im Grunde kaum mehr ist als eine nur mühsam der See abgerungene Ansammlung von begrüntem und bebautem Sand.
Der Strand sah noch nie so aus, wie er heute aussieht. Und er wird nie wieder so aussehen, wie er heute aussieht. Auch das Dorf verändert sich stetig: Altes weicht, Neues wird errichtet; von der Fluktuation der Menschen ganz zu schweigen, sei es durch Wegzug (freiwillig oder einer Not gehorchend) oder durch den Tod.

Manchmal fahre ich am Haus unseres alten Hausmeisters vorbei. Er starb an einem strahlend schönen Tag im letzten Sommer. Gelegentlich bewunderte er die Blumen auf meinem Balkon, wenn er darunter den Rasen mähte, und ich winkte ihm, wenn ich ihn zwischen seinen eigenen Blumen im Garten stehen sah; auf eine Schaufel gestützt oder mit der Schubkarre in den Händen.
Das Haus ist nun fast ausgeräumt und schaut stumm aus dunklen Augen, irgendwer hat es gekauft, hörte ich; vermutlich jemand, der hier schon viele Häuser hat. Der Garten des Hausmeisters ist verwildert, doch irgendwo brechen sich noch die Narzissen und Krokusse des Vorjahres Bahn. In einem der Fenster hängt eine kleine Dekoration, die man abzunehmen vergaß. Ein Überbleibsel Alltag von jemandem, der auf Erden nicht mehr existiert. So wie es einst mit jedem von uns geschehen wird. Und mit den Sachen, die wir liebten.

Den kleinen Glasengel, der bei mir im Fenster hängt, schenkte mir ein Zisterziensermönch. Er ist genauso grün wie meine Vorhänge, obwohl der Mönch die Vorhänge nicht kannte. Umso mehr mag ich, dass er nun in meinem Fenster hängt, aber für Außenstehende ist auch dieser Engel nur irgendeine Dekoration.
Vielleicht wird man ihn ebenfalls vergessen abzunehmen, wenn ich mal nicht mehr bin und meine Wohnung aus dunklen Augen stumpf auf die Straße blickt, denke ich, mit vertrocknenden Blumen in den Balkonkästen.

Natürlich macht mich dieser Gedanke traurig; zugleich wird mir aber bewusst, wie wichtig es ist, sich nicht an Irdisches zu klammern und Materiellem keine Macht zu geben; nicht mehr, als zum physischen Überleben notwendig ist. Und auch Menschen sollte man diese Macht nicht geben. Wir stehen eines Tages alle allein vor dem Schöpfer. Vielleicht legt dann ein Vorausgegangener ein Gutes Wort für uns ein: Das mag sein. Aber Denunziation, Verleumdungen, Machtspiele, Klüngelei, Korruption: Das wird es dort sicherlich nicht mehr geben. Gott weiß, ob wir gut waren. Wir können uns das nicht kaufen. Nicht erschleimen, nicht ermobben, nicht rauben. Wir müssen es sein. Eine Aufgabe, die einfach scheint, die es aber, wie wohl jeder weiß, nicht ist.

Niemand ist immer und ständig gut, aber die Entscheidung zum Bösen ist genau das: Eine Entscheidung. Das Meer kann sich nicht entscheiden, ob es die Insel beschädigt oder nicht. Als Mensch aber kann man das. Man kann sich aussuchen, wie man seinen Platz auf dieser Welt, auf dieser Insel hinterlässt.
Ich denke über die Abbruchkanten in meinem Leben nach. Manche, so scheint es, waren unvermeidlich. Viele schlug ich selbst, über andere hatte ich keine Gewalt.
Man kann dann noch eine Weile am Ufer stehen und sich nach der Zeit sehnen, als alles noch eine glatte, lichtüberflutete Ebene war; als man seine Füße in warmen, weichen Sand grub, und vielleicht gab es noch ein Paar geliebter Füße daneben, und treue Pfoten hintendrein. Aber letztlich gibt es doch nur zwei Möglichkeiten: Man räumt das Feld und geht dahin, wo es ungefährlich ist. Oder man bestellt das Baggerschiff, das den Abbruch zuschüttet, und den Trecker, der die Kante glättet. Der Sturm aber lässt sich nicht zähmen.