Im Feld

ein wolkenaufmarsch
wie weiße rösser
in der schlacht
von welchem sturm
und welchem krieg
mit welchem sinn
sie künden
weiß ich nicht

an der jacke
ein kreuz aus gold
die einzige waffe
zu wessen ehr
und wessen heil
von wessen leid
es kündet
frag ich mich

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Für einen Soldaten

Kein Stern ist zu sehen
Nur eine Wolke
legt sich
stumm und schwer
Auf graues Wasser
Watt atmet
aus tausend kleinen Wunden
Brodelndes Schweigen
im kalten Grund
In der Ferne
Berge und See
Der Himmel ist trüb
und voll feindlicher Flieger
Gott schütze Dich
Der Du fortgehst
zu Gräben und Gräbern
Wir sehen uns wohl
Nie wieder

Momentaufnahme, Worte

„Es sind so viele Worte in mir, dass ich nicht mehr sprechen kann“, schreibt ein Freund, der an einer chronifizierten Depression leidet und zurzeit leider erneut eine Episode durchmacht. Ich weiß genau, was er meint. 
Auch mir scheint es zunehmend, als bestünde die Welt nur noch aus Schweigen oder Geschwätz.
Dabei meine ich natürlich keine heilsame, andächtige Form der Stille; nicht die Ruhe, zu der man sich zuweilen zwingen muss, um überhaupt noch etwas hören zu können. Es ist vielmehr ein destruktives Schweigen gemeint, ein feiges Schweigen oder ein Weghören.
Und das Geschwätz? Auch Prosa ist lediglich zu Papier gebrachtes Geschwätz, mögen kritische Geister hier anmerken, und das nicht zu Unrecht. Aber wenigstens behelligt man niemanden damit, der es nicht will: Bücher und Zeitungen lassen sich zuschlagen, wenn sie nerven, oder, wenn sie auch sonst nutzlos scheinen, wenigstens noch zum Zuschlagen benutzen, um damit wiederum Mücken und anderes Getier zum Schweigen zu bringen.

Wer in der Natur Ruhe sucht, kennt das: Man steht am Dünenrand, die Aufmerksamkeit auf den wundervollen Gesang eines kleinen Vogels gerichtet, der, auf einem Busch thronend, ein Konzert gibt. Oder man zoomt in ehrfürchtigem Staunen soeben einen Schmetterling heran, der seine kleinen Kunstwerke von Flügeln auf einer Blüte ausbreitet. Und dann poltert eine Gruppe heran und quillt lärmend über den schmalen Pfad, auf dem man sich gerade noch eins mit der Schöpfung in balsamischem Frieden wähnte. Der Vogel ist weg, der Schmetterling und die Ruhe ebenso. Dafür leeres Geplapper, oft von so einer eindrucksvollen Sinnlosigkeit, dass die Vermutung naheliegt, dass dieses Erzeugen von Tönen („Gespräch“ möchte ich gar nicht nennen, was ich da zu hören bekomme) einzig dem Zweck dient, Stille zu vernichten, Anwesenheit zu demonstrieren sowie dem Einnehmen und Beherrschen des Raumes.

Manchmal wundern sich Menschen, dass ich nicht gern rede, dass mir Smalltalk zuwider ist. Aber wie sollte man nicht süchtig nach Stille werden, nach der Reduktion von Konversation auf ihre Essenz, wenn man pausenlos mit Worten zugeschüttet wird, zusätzlich zu all dem Lärm der — und damit zurück zu den Worten des Freundes — ohnehin schon im Inneren herrscht? Auch meiner Seele und meinem Herzen würde ich zuweilen gerne harsch das Geschwätz verbieten, da bin ich durchaus nicht nur gegenüber anderen rabiat.
Entspannungsübungen, Achtsamkeit, Meditation von A-Z, Yoga, Jacobsen, Autogenes Training, Beten: All das hat man durch. Aber manchmal hilft nichts von alledem mehr gegen Lärm und Reizüberflutung und man kapituliert im Wartezimmer des Doktors, um mit einer Schachtel pharmazeutischer Instant-Ruhe in der Hand heimzukehren.

Es ist ein Paradox, dass die Menschheit sich in einer so lauten und geschwätzigen Welt dennoch oftmals gar nichts zu sagen hat; dass die Worte, sonst im Überfluss vorhanden, gerade dort fehlen, wo sie am meisten vonnöten wären.
Zumal die Stimmen, die man gern hören würde — zusammengefasst: Die der Vernunft — meist nicht die Lautesten sind.
Auf der anderen Seite dann all das Gebrüll. All dieser laute Hass, diese Kakophonie der Dummheit. Dazu all die Hysterie und enervierende Opfermentalität, das brachial-aktivistische Verlieren im Klein-Klein, quer durch alle politischen Lager. Während Menschen, denen wirklich Unrecht geschieht, schweigen. Weil ihnen die Worte fehlen, weil sie übertönt werden, weil niemand zuhört, weil sie zum Schweigen gebracht werden.

Dieser Tage sah ich eine Fotografie der Bibliothek des Trinity College in Dublin: Ein Traum, ich möchte dort unbedingt einmal hin. Zugleich macht es mich unendlich traurig, all das gesammelte Wissen der Menschen dort zu sehen, wenn sie ja doch nichts daraus lernen. Und wenn ich in meiner theologischen Literatur Berichte über die Große Kartause finde, erfüllt mich das mitunter mit einem gewissen Neid. Denn obwohl ich vom Worteerzeugen lebe und Bücher seit frühester Kindheit mein Lebenselixier sind, möchte auch ich zuweilen einfach nur noch in das ganz große Schweigen verfallen, alle Leitungen kappen und irgendwo in der Eremitage den Rest meiner Tage verbringen; still, aber unbeugsam wie ein Schilfrohr, allein empfänglich für das Singen des Windes, die Choräle, die Zwiesprache mit Gott.
Der Abt hört dort einmal am Tag Radio, so las ich, um die Mönche so knapp wie möglich über Vorgänge in der Welt zu informieren, und ansonsten ist Ruhe. Herrlich.

Immerhin: Ein Klosteraufenthalt auf Zeit naht. Bei nicht allzu verschwiegenen Mönchen, aber ich habe am Anfang meines Katholikendaseins ja auch noch viele Fragen, also kommt mir das durchaus entgegen. Sprechen, um zu lernen, ist immer gut.
Morgen, so fällt mir beim Blick auf den Kalender auf — er zeigt bereits eine Herbstlaubumrankte Haustür in England — bin ich ein halbes Jahr katholisch. Manchmal kommt es mir vor wie eine Ewigkeit. Manchmal, als sei es gestern gewesen. Ich kann nicht behaupten, dass 2018 bis hierher ein besonders gutes Jahr war, weder privat noch weltpolitisch. Aber zur Kirche gehe ich hier gern. Sie ist schließlich der einzige Ort, an dem man in Gemeinschaft schweigen kann, ohne dafür komisch angesehen zu werden.
Dem Militärpfarrer, der mich firmte, pfeifen längst wieder in irgendeinem „sicheren Herkunftsland“ Gewehrkugeln um den Pileolus. Afghanistan, Mali, was weiß ich.
Im Moment leistet ein Jesuit als Kurpriester bei uns Dienst, und es hat etwas nahezu Rührendes, wie unbeirrt er in friedlosen Zeiten wie diesen von Frieden und Versöhnung predigt, wo einem vor der Kirchentür doch ununterbrochen Unbarmherzigkeit und Unversöhnlichkeit entgegenschlagen und auch die Kirche selbst zurzeit von Kriegen im Inneren zerfleddert wird. Der Pater weiß natürlich um all das und als langjähriger Missionar hat er vermutlich mehr Elend gesehen, als wir uns im relativ wohlstandssatten Deutschland vorstellen können, aber er hält daran fest — offenkundig — dass ein Friede im Inneren möglich ist, und damit auch eine friedlichere Welt. Zum Friedensgruß steigt er die Altarstufen hinab und geht durch die Bänke, bis er auch dem und der Letzten in der Messe „Der Friede sei mit Dir“ gesagt und die Hand gegeben hat und ich weiß nicht, ob sein — trotz des ergrauten Hauptes — alterslos-jungenhaftes Gesicht dabei tapfer oder traurig aussieht.

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