Adventsleuchten

Im Fährhaus sitzt ein Mann mit einem Dinosaurier im Arm. Es ist ein großer Plüschdinosaurier, der aus aufgestickten blauen Augen in die Kälte der leeren Halle lächelt. Vermutlich wartet der Mann hier auf seine Familie, oder er hat den Saurier als Geschenk gekauft und bringt ihn jetzt heim zu seinen Lieben. Weihnachten naht: Das Fest, das man so sehr mit Wärme verbindet, mit Zusammensein, mit Geborgenheit und Freude. Das Fest, an dem man weiche Plüschtiere in erwartungsvoll ausgestreckte Ärmchen drückt, ohne sich dabei um Abstand und Infektionsrisiken Gedanken zu machen. Dieses Jahr wird Weihnachten anders sein.
Langeoog befindet sich inmitten des zweiten Lockdowns; die Infektionszahlen sind bundesweit furchterregend. In anderen Jahren wäre der Advent am Anleger längst spürbar gewesen. Aufgeregte Familien mit großen Taschen voller Pakete. Leuchtende Dekorationen, leuchtende Augen. Menschen, die die klammen Finger an Heißgetränken in der Fährhaus-Gastronomie wärmen und selig aufs dunkle Wasser schauen; die Konturen der Insel bereits erahnend.
Jetzt aber hat die Gastronomie geschlossen. Der Zugang zum Restaurant ist abgesperrt mit Stühlen und Barrikaden. Es ist ungemütlich. Durch die zum Lüften geöffnete Tür ziehen die Nikotinschwaden der Rauchergruppen; feuchte Kälte im Geleit.
Von Urlaubsstimmung ist nichts zu spüren, was aber nicht weiter verwundert: Schließlich sind gar keine Touristen da. Abgesehen von Tagesgästen, ArbeiterInnen und Zweitwohnungsbesitzenden sind die Inselbewohnenden ein zweites Mal in diesem Jahr unter sich.
Der Mann mit dem Saurier hat nun auch seine Frau wiedergefunden. Sie trägt eine große Tasche mit Einkäufen. Beide schauen müde aus ihren gefütterten Krägen und verziehen sich schnell zum Ausruhen unter Deck.
Die meisten hier kennen sich; geredet wird dennoch nicht viel. Die Monitore mit den Reiseinformationen sind ausgeblendet, aber immerhin der Bordkiosk hat geöffnet.
Ich blicke dankbar in einen heißen Becher mit Kaffee, den mir ein unbeirrt freundlicher Mitarbeiter der Schifffahrt über seinen Tresen schiebt. Die sanften Schiffsbewegungen lassen die dunkle Oberfläche erzittern, in der sich die Deckenlampen spiegeln.

Licht. Auch dafür steht Weihnachten, denke ich: Licht. Und zum Glück gibt es auch noch etliche Geschäftstreibende und Privatleute auf Langeoog, die ihre Weihnachtsdeko nicht nur für die Gäste herauskramen, sondern auch für ihre MitinsulanerInnen. Und für sich selbst vermutlich. Auf diese Weise büßt die Insel zumindest optisch nicht viel vom gewohnten vorweihnachtlichen Glanz ein. Irgendeine gute Seele hat sogar die als Solitär wachsende Tanne unweit des Dünenfriedhofs geschmückt — eine Geste, die mich auf eigenartige Weise tief berührte. Auch ich habe meinen Balkon illuminiert, obwohl in meinem Viertel zurzeit so gut wie niemand wohnt. Aber ich mag es, wenn mich die warmen Lichter beim Heimkommen begrüßen und ich mag das warmweiße Flimmern, das ich von innen durch das Balkonfenster sehen kann.

Die Tage sind kurz. Nach einem grauverregneten Tag hat es zum Sonnenuntergang hin noch einmal aufgeklart. Ich nehme die Freundin mit zum Strand und wir beobachten, wie der Himmel zu glühen beginnt. Wie ein Fingerzeig Gottes dringen goldene Sonnenstrahlen zur Erde und zum Meer. Die Strahlen quellen aus bedrohlich-dunklen Wolken, und ich denke, dass man den Sieg des Lichts über die Dunkelheit nicht schöner illustrieren könnte. Jetzt spiegelt sich die Farbe des Abendhimmels auch in den Prielen und in den nassglänzenden Flächen am Flutsaum. Ein einzelner Sanderling flitzt emsig darin hin- und her. Wir wundern uns darüber, weil die kleinen Vögelchen, die nicht grundlos auf Plattdüütsch „Keen Tied“ heißen, sonst immer in Gruppen auftreten. Aber es sind weit und breit keine anderen Sanderlinge zu sehen. „Guck mal, der macht auch social distancing“, sage ich zur Freundin. Es sind seltsame Zeiten. Und ich bin froh, dass da noch jemand ist, dem ich nah sein darf.

In anderen Zeiten hätte man sich jetzt schon gnadenlos an Spekulatius überfressen. In anderen Zeiten hätte ich dienstlich schon so viele Adventsfeiern besuchen müssen, dass ich mich nach einer Stillen Nacht gesehnt hätte. In anderen Zeiten wäre die Kirche so voll gewesen wie die Leute am Glühweinstand und Scharen von Kindern hätten sich dem als Nikolaus verkleideten Kurpriester begeistert ans Gewand gehängt.
In diesem Jahr aber kam sogar ich in den Genuss eines Schokoladen-Bischofs, weil so wenig Kinder da waren, dass der Nikolausdarsteller auch für alle Erwachsenen noch etwas aus dem Sack kramte.
Der Glühweinstand ist verboten wie der Rest an Gastronomie auch. Mancherorts kann man noch Essen mitnehmen. Alles andere geschieht im Privaten. Das öffentliche Leben pausiert.

Zweifelsohne sind all diese Maßnahmen gut und richtig, und es gibt keinen Tag, an dem ich nicht Gott dafür danke, bisher von dem Virus verschont geblieben zu sein. Auch meine Eltern sind nicht erkrankt; ebensowenig wie die Liebste. Aber ich weiß, dass das nicht selbstverständlich ist: Die Einschläge kommen näher; im Freundeskreis gibt es Tote zu beweinen. Ein liebgewordener Bekannter liegt auf der Intensivstation.

Nun mag es schwer erscheinen, in all diesem Leid, in dieser Dunkelheit und dieser Vereinzelung noch Weihnachten zu finden. Freilich, da ist der Adventskranz auf dem Tisch. Da ist die Pastoralreferentin, die schön und klar von der Menschwerdung Christi singt. Da sind die Kerzen und Lichter, die trotz allem an Fenstern und Fassaden drapiert wurden, obwohl sie meistenteils leere Straßen beleuchten. Da sind die in Tüten und Kartons bereitstehenden Geschenke, die bunten Papierrollen und glänzenden Bänder, die festlichen Weihnachtskarten. Und plötzlich frage ich mich, ob genau darin eigentlich nicht noch mehr Weihnachten liegt als sonst.
Denn beinhaltet die Adventszeit nicht die Aussicht auf Erlösung? Die freudige Erwartung besserer Zeiten? Ist der Advent, ist Weihnachten nicht pure, wärmende, wundervolle Hoffnung?
Und Hoffnung gibt es.
Denn auch im Pandemiegeschehen tut sich etwas: Ein Impfstoff ist in Kürze verfügbar; erste Impfzentren werden eingerichtet. Vielleicht naht also auch hier die Erlösung. Vielleicht können wir also auch hier bald besseren Zeiten entgegengehen. Und vielleicht tun wir das sogar mit demütigeren, dankbareren Herzen als zuvor. Weil uns genau das Weihnachten, was so anders war, gezeigt hat, was Weihnachten eigentlich ist.
Und selbst wenn man diese wahrlich frohe Botschaft außer Acht ließe — ist es nicht allein schon tröstlich, dass auch in diesem Jahr Weihnachten ist? Eine herzwärmende Konstante, deren Flamme keine Pandemie, kein Krieg, kein persönliches Leid vernichten kann. Weihnachten ist. Und Weihnachten wird sein.

Absurderweise wird ausgerechnet im Pandemiejahr das erste Weihnachtsfest seit Langem sein, das ich nicht alleine verbringe. Gottes Humor in dieser Angelegenheit verstehe ich zwar manchmal immer noch nicht ganz, aber sicher ist, dass sie ein großes Geschenk war — und noch immer ist mir die Liebe ein tägliches kleines Wunder.
Am späten Abend mache ich mich auf zur Freundin. In nur wenigen Häusern brennt noch Licht; auch die raren Straßenlaternen vermögen kaum die Wege zu erhellen. Vor meiner Fahrradlampe tanzen erste Schneeflöckchen. In einem Baum hat sich ein Schwarm Finken zum Schlafen niedergelassen. Mit ihrem aufgeplusterten Gefieder sitzen sie in den kahlen Zweigen wie Christbaumkugeln. Und am Ende der Straße ist jemand, der auf mich wartet.

Momentaufnahme, Wunder

Lumen Christi.
Lumen Christi.
Lumen Christi.

Mit diesem dreifachen Ausruf beginnt die Feier der Osternacht. „Deo gratias“, singe ich, umhüllt von Weihrauchduft. Die Flamme der großen Osterkerze im Dom erleuchtet reihum alle anderen Kerzen und erhellt das Dunkel des mächtigen Sakralbaus; das Gesicht des Bischofs ist nun wieder gut erkennbar. Auch meine Osterkerze ist jetzt entzündet. Aber ihr Lichtschein fällt auf keine Kirchenbank oder auf einen altehrwürdigen Steinfußboden. Niemand neben mir raschelt mit dem Gotteslob. Der Schatten meiner Finger zittert im flackernden Kerzenlicht über der Tastatur, und den Weihrauch habe ich selbst verbrannt.
Das Weihwasser wird gesegnet. „Fest soll mein Taufbund ewig stehen“, singe ich und erwarte fast, dass mich ein paar heilige Tropfen aus dem Aspergil erreichen; erfahrene Kirchgänger nehmen rechtzeitig dafür die Brille ab. Aber niemand singt mit mir. Und natürlich erreicht mich auch kein frisches Weihwasser. Denn ich verfolge die Messfeier lediglich im Internet, live immerhin.

Es ist ein sonderbares Osterfest. Ich vermisse den Gang zur Kirche, die Magie des heiligen Triduums mit seiner ganzen Bandbreite menschlichen Elends und Glücks, gekrönt von der Freude über das Wunder der Auferstehung. 
Aber alle physischen Zusammenkünfte zu religiösen Zwecken sind und bleiben des Virus wegen untersagt; das höchste Fest im christlichen Kirchenjahr bildet da keine Ausnahme. Und dennoch schafft sich das Wunder seinen Platz.
Beim allerersten „Halleluja“ nach dem Ende der Fastenzeit bekomme ich zuverlässig Gänsehaut, ebenso wie bei der Allerheiligenlitanei und dem Schlussegen, obwohl ich dem Bischof nur am Monitor dabei zuschauen und -hören kann. Ich zweifelte stark, ob diese Art von Gottesdienstersatz einem überhaupt irgendetwas bringen kann, aber nun bin ich froh, dass es wenigstens dieses Angebot noch gibt.

Aber auch die Kirchengemeinde vor Ort tut noch, was sie kann. Mit Bienenfleiß schnürte unsere Pfarrbeauftragte Osterpäckchen, die sie persönlich mit dem Fahrrad zu allen katholischen Haushalten auf der Insel ausfuhr, darin: Eine Osterkerze im hübschen Holzhalter, ein Palmzweig, ein Gebetsblatt, kleine Andachtskärtchen für den Kreuzweg. Viele Menschen zeigen sich glücklich darüber in den nächsten Tagen; auch jene, die sonst kaum zur Kirche gehen. 
Auch ich freue mich sehr darüber, und so brennt nun genau diese Osterkerze neben meinem Monitor: Lumen Christi.

Es ist Ostersonntag. Auch auf dem Esstisch meiner Freundin brennt eine solche Kerze. Sie steht neben einem Körbchen mit bunten Eiern, überdacht von den sich neigenden Blüten farbenfroher Tulpen. Es ist das erste Mal seit meinem letzten Klosteraufenthalt, dass ein Mensch mit mir vor dem Essen betet, und ich bin dankbar, dass wir so wenigstens ein bisschen richtiges Ostern haben: Ohne Datenleitungen zwischen uns, mit Gott bei uns. Ich weiß nicht, was Gott von dieser Verbindung hält. Aber da, wo Liebe ist, sollte auch Segen sein, und ich bin froh, dass sie da ist: Die Freundin ebenso wie die Liebe. Ich habe vor vielen Dingen bezüglich unserer Zukunft Angst, und der Freundin geht es genauso. Aber in einer Sache bin ich mir dennoch recht sicher: Es gibt viele Wunder in diesen Tagen. Und sie ist eines davon.

Ich weiß nicht, wie dieser Mensch die Tapferkeit aufbrachte, durch all die Bruchstücke im Sumpf meines Herzens zu schwimmen, um zu sehen, ob sich darin doch noch irgendwo ankern lässt. Und nun ist sie da, ein schönes, stilles Boot auf dem Wasser; willens, mich mitsamt dem Müll, dem Dreck und den Narben aufzunehmen. Was, wenn nicht das, ist Liebe?
„Man sollte aufpassen, wofür man betet, denn häufig wird man von Gott erhört“, sagte ich oft halb im Scherz. Wiewohl mit dem Alleinsein längst versöhnt und vertraut mit der Gnade, die freiwillige Entsagung in sich birgt, betete ich dennoch manchmal um einen Menschen, vor dem ich nichts mehr verbergen muss; um einen lieben Gefährten oder eine Gefährtin, bei dem oder der man geborgen ist. Es tut gut, in dieser unwirklichen Zeit neben der treuen und beständigen Liebe Gottes auch noch ein (überaus wirkliches) Wesen aus Fleisch und Blut bei sich zu haben. Für jemanden sorgen zu dürfen, lenkt von vielen Alltagssorgen ab. Und das Umsorgtwerden polstert all die kleinen Wunden, die der Alltag immer wieder reißt.

Es ist eine merkwürdige Zeit. Die Tage sind ebenso ereignislos wie intensiv. Das Dorf ist wie eine Filmkulisse, aber hinter den verwaist wirkenden Fassaden scheint sich mehr zu rühren denn je. Viele Menschen wachsen in diesen Tagen zusammen; helfen einander, fragen ein ernsthaft interessiertes: Wie geht es dir? Plötzlich grüßen Leute, die nie zuvor gegrüßt haben. Andere wiederum lassen es jetzt besonders demonstrativ bleiben. Einige besinnen sich auf ihre Familie, die engen Freunde, intensivieren ihre Kontakte, besinnen sich auf das, was Herzen und Seelen zusammenhält. Andere strecken die ekligen Tentakeln von Neugier, Missgunst und Klatschsucht weiter aus denn je; lauern hinter ihren Barrikaden, witternd, wütend, urteilend. — Glücklich jene, die nun ihre Kreativität ausleben; die neue Hobbys entdecken und Wege finden, um das Beste aus der wirtschaftlich schwierigen Lage zu machen, ohne ihren gelegentlichen Frust darüber an den Mitmenschen auszulassen und ihren Neid an jenen, denen es vermeintlich besser geht.

Nur die Natur gibt sich gänzlich unbeeindruckt. Der Frühling ist in vollem Gange. Erste Jungtiere zeigen sich: Winzige Gänschen folgen den Elterntieren auf dem Schloppsee, und auch bei den Highland-Rindern hängt zottelig-süßer Nachwuchs am Euter. Ich nehme mir seit Langem mal wieder Zeit für eine ausgiebige Erkundungstour. Die Liebe Gottes, die er mit all seiner wunderbaren Schöpfung in die Welt goss, ist hier, jenseits des Deiches, in jedem Vogel, in jedem Grashalm spürbar. Ich sauge mich förmlich voll damit. Ein großer Schwarm Goldregenpfeifer zieht über die Weiden nahe der Melkhörndüne; Weißwangengänse schnattern im Gras. Ein Rotschenkel durchsucht den Schlick im Siel, während Kiebitze mit lautem Ruf über den Äckern turnen. Austernfischer sitzen auf ihren Gelegen oder versuchen, akrobatisch davon abzulenken. Ein Hase mümmelt in einem gigantischen Teppich aus Gänseblümchen. Leben in Fülle überall, aber kaum ein Mensch kreuzt meinen Weg. 
Nie hätte ich gedacht, einmal einen Inselfrühling in dieser absoluten Stille zu erleben. Vielleicht rückt diese Zeit einige Werte zurecht, denke ich. Für mich ist der unbeirrbare Glauben an das Wunder der Liebe einer davon.