Fasten

Der Frühling kommt jetzt mit Macht. Singdrosseln spazieren durch den Garten und die Meisen verschiedener Art überbieten sich im Gesang an Lautstärke. Lerchen steigen wieder über die Felder, ebenso wie die Kiebitze. Für die Rotkehlchen scheint es insgesamt ein gutes Jahr gewesen zu sein, denn sie wirken so zahlreich und omnipräsent wie nie zuvor auf Langeoog.
Kaum kann ich glauben, dass wir vor wenigen Tagen noch über die gefrorene Gischt am Strand kletterten; die zu Eis erstarrten Wellen schlängelten sich am Flutsaum entlang wie ein eilig drapiertes Bettlaken.
Nun aber sitze ich schon am frühen Morgen auf dem Balkon in der Sonne. Gestern schrubbte ich dort drei Stunden lang alle Spuren des Winters fort, begrub die im Frost verstorbenen Blumen, schnitt mir die Hände an in der Kälte zersprungenen Töpfen blutig, wusch die von Sand und Salz blind gewordenen Fenster und schuf Platz für Neues. Der Rosenstock zeigt bereits winzige Knospen.
Bis die Frühblüher in den Kästen leuchten, wird es noch dauern: Noch immer ist Pandemie, noch immer ist Lockdown und die Gartencenter bleiben geschlossen. Ich könnte traurig darüber sein, aber passenderweise ist ja ohnehin die Buß- und Fastenzeit angebrochen: Verzicht tut Not und Aushalten ist Tugend. Der Priester bestreute die Freundin und mich mit Asche, die uns später im Regen in schwarzen Schlieren vom Scheitel lief.
Nun aber ist auch das bereits wieder eine Weile her und der Tag schreit nach Vergnügung. Mit rund 15°C sind die Temperaturen beinahe tropisch zu nennen und mich ergreift eine leise Sehnsucht nach dem Sommer.

Natürlich gilt diese Sommersehnsucht nicht Lärm und Gewühl — an den zeitweisen Massentourismus auf Langeoog werde ich mich wohl nie gewöhnen — aber ich sehne mich nach dem schier endlosen Draußensein. Nach lauschigen Nächten auf dem Balkon, frühen Vogelkonzerten zum Kaffee und einer Zeit, in der man sich vom Strandkorb aus den Sonnenuntergang über dem Meer anschauen kann.
Ich vermisse die Farbenpracht blühender Salzwiesen und das Grün der Bäume; den Duft in der Sonne getrockneter Wäsche und die kühlen Nordseewellen an den nackten Knöcheln. Mir fehlt die Unkompliziertheit des Lebens, welche der Sommer mit sich bringt, ebenso wie die verschwenderische Fülle an Tageslicht. Natürlich fehlt mir auch die Unbeschwertheit pandemiefreier Tage: Spontane Überfahrten und Urlaube, das Flanieren durch pittoreske Dörfer und Altstädte, das Sitzen im Café, das Bummeln durch Kunstgalerien und liebevoll ausgestattete Lädchen. Ein Sommer ganz ohne das alles würde seltsam. Aber noch ist ja Zeit, tröste ich mich, wiewohl die wieder ansteigenden Infektionsraten durchaus die ein oder andere Kakophonie in die süße Melodie der Hoffnung schraddeln. Aber es wird geimpft, es geht voran. Irgendwas muss ja voran gehen. Muss.

Heute aber gibt es kein Muss. Der Tag liegt in glitzernder Pracht vor mir, noch nahezu unberührt. Ich mache mich auf zur Mole, es herrscht Niedrigwasser. Seevögel stochern im verschlickten Teil des Hafenbeckens; es riecht nach Watt. Über dem wogenden, noch wintergoldenen Gras am Flinthörn kreist eine Weihe. Verblühter Rainfarn streckt sich im Vordergrund.
Es sind relativ viele Menschen unterwegs; vermutlich halten sie den plötzlichen Frühlingseinbruch für ein ähnlich fragiles Konstrukt wie ich. Jederzeit kann die Kälte zurückkommen; jeder weiß das. Umso kostbarer ist jetzt die Wärme, ist jetzt das Draußensein. Die erwachende Natur tut gut. All das sich regende Leben — die balzenden Vögel, die ersten Bündel von Schneeglöckchen und Krokussen auf den Wiesen, die Knospen der Sträucher — zeigt, dass es voran geht. Zeigt, dass sich irgendwas bewegt, auch wenn sich der Lockdown für viele wie ein endloser Stillstand anfühlt. Das einzige, was sich definitiv bewegt, ist der Kontostand: Und zwar abwärts — ein mir ebenfalls sehr vertrautes Phänomen in der Pandemie. Aber im Sarg nützt mir das Geld auch nichts, sage ich mir, und mache also das, was man als Katholik halt so tut in der Fastenzeit: Ich übe Verzicht und ertrage.
Und träume heimlich von der Fülle des Sommers.

Entlang des spiegelglatt glitzernden Wassers, entlang des Seedeichs, der Dünen und Weiden geht es allmählich wieder heimwärts. Ich pausiere auf sonnenwarmen Steinen; die Jacke zusammengerollt unter dem Kopf. Es wird wieder voran gehen, denke ich, und schaue zu, wie sich zarte Wolkenbänder durch das Himmelsblau weben. In der Ferne höre ich das Pfeifen der Großen Brachvögel und das Trillern der Austernfischer. Möwen gleiten über den Sielen. Am Wegesrand sehe ich auch etliche Kadaver: Einen Austernfischer, dem ein anderes Tier das Herz aus der Brust gefressen hat. Einen kopflosen Fasan. Eine halbskelettierte Elster und einen abgerissenen Vogelfuß, von wem auch immer. Aus einem ausgerenkten Flügel ragt ein Knochen. Diese Tiere haben den Winter nicht geschafft, und der Hunger derer, die ihn schafften, ist groß.

So ist auch der Hunger der Menschen: Wenn nicht nach Essen, dann nach der Unbeschwertheit einer Zeit ohne Coronavirus. Nach Reisen, nach unverhüllten Gesichtern, nach Sommer. Die Fastenzeit verlangt einiges in diesem Jahr. Aus christlicher Sicht dient das Fasten der Reinigung und Buße, der Rückbesinnung auf Wege und Werte, damit man das Strahlen des österlichen Lichts umso freudiger empfangen kann. Es ist verständlich, wenn der Lockdown mit all seinen Verpflichtungen zum Maßhalten und Sozialfasten, zum Warten und Erdulden, mitunter sehr an den Nerven zerrt: Zumal es ja nicht einmal ein selbstgewählter Verzicht ist und damit auch kein Vergleich zum christlichen Fasten aus freier Entscheidung. Aber, ebenso wie das Osterlicht, wird auch das Licht des Sommers kommen und eine Zeit nach dem großen Verzicht — Über das Ausmaß der danach zu erwartenden Völlerei sprechen wir lieber an anderer Stelle.

Frühlingshauch

Schon am Morgen ist die Insel von einem prächtigen Blau überwölbt. Ein klarer, sonniger Tag steht bevor, und es ist so mild, dass ich endlich wieder meinen geliebten Übergangsmantel anziehen kann anstelle der voluminösen Winterdaunen. In der Straße nebenan turnen Schwanzmeisen an herabhängenden Erlenzweigen; erste Kätzchen stehen kurz vor der Blüte. Und auch das Jelängerjelieber, das sich durch nahezu sämtlichen Dünenbewuchs und viele Hecken der Insel rankt, reckt erste hellgrüne Blätter und zahlreiche Knospen in die Sonne.

Über den Wiesen und Weiden treiben jetzt kleine Quellwolken im Blau. Die Wintersonne hat links und rechts blasse Nebensonnen ausgebildet; eine Folge der Eiskristalle in der Luft. Ich weiß, dass es in Kürze wieder Schneien wird, aber noch erscheint das vollkommen unwirklich. Denn es liegt bereits eine Menge Frühling in der Luft.
Auf der Weide tummeln sich eine Menge taubengroßer Vögel, und obwohl sie von Weitem noch nicht genau zu erkennen sind, lässt ihr charakteristisches, akrobatisches Flugbild keinen Zweifel: Die Kiebitze sind wieder da. Dutzende; wenn nicht gar über Hundert der hübschen Häubchenträger. Sie plantschen in den Tauwasserseen, die sich nach dem letzten Schneefall in den Ackermulden gesammelt haben und durchforsten das saftige Grün nach Insekten.
Ich sehe ihnen eine Weile fasziniert zu; nur selten muss ich dabei anderen Menschen Platz machen. Ich denke an den letzten Frühling; das erste vollkommen stille Osterfest im Lockdown und die soeben erblühte Liebe, die nun auch schon ein Jahr währt. Und nun steht der nächste Frühling unmissverständlich vor der Tür. Zugleich ist mir klar, dass ein Frühling im Januar nicht mehr sein kann als eine schöne Vorahnung, oder vielmehr: Eine Erinnerung. Daran, dass jeder Winter endlich ist. Und jede Dunkelheit und Kälte auch.
Ich sehe mich an dem leuchtenden Blau des Himmels, den Kiebitzen, den friedlich grasenden Rindern und den Schwärmen von Grau- und Weißwangengänsen noch eine Weile satt; dann fahre ich heim und warte auf den Schnee.

Der Schnee kommt nicht sanft. Ich erwache davon, dass grober Eisregen hart gegen die Fensterscheiben klatscht und Sturmböen am Haus rütteln. Erst ganz allmählich werden die Laute sanfter. Ich habe mich noch nicht überwunden, aus dem Fenster zu sehen, aber dem Geräusch nach sind es jetzt wohl nur noch große Schneeflocken, die der Wind an die Fenster treibt. Letztlich öffne ich doch die Vorhänge: Der kräftige Südostwind schickt gerade eine große Ladung Schnee vom Dach gegenüber direkt auf meinen Balkon. Wäre die Tür geöffnet gewesen, hatte ich die Schneewehe wohl voll ins Gesicht bekommen. Eine Amsel macht sich über das am Vortag ausgelegte Fettfutter her. Sie ist so hungrig, dass sie sich weder von mir noch von den Windböen beim Fressen stören lässt. Einige Handwerker kämpfen sich fluchend mit Rädern, Anhängern und Handkarren durch die ansonsten einsamen Straßen. In der Nähe meiner Wohnung kratzt eine Schneeschaufel gegen den ununterbrochenen Schneefall an. Eine Sisyphosarbeit.

„Raus!“ sage ich mir irgenwann mit aller Vehemenz, „Raus!“ Denn auch ich muss arbeiten. Die Fotos für den Wetterbericht müssen gemacht werden; das ist nicht delegierbar. Und in zwei Stunden würde es wieder dunkel. Ich steige in die Thermounterwäsche, in Jeans, Pullover, Mütze und Handschuhe; in dicke Socken und Trekkingschuhe, dazu den Kunstdaunenmantel, in den ich die Kamera einknöpfe wie einen Säugling.
Der Schnee vor meinem Haus ist noch vollkommen jungfräulich, obwohl es bereits auf zwei Uhr zugeht. Die Zweitwohnungsbesitzenden, die trotz aller Warnungen der Bundesregierung in den letzten Wochen noch im Haus gewesen waren, sind offenkundig doch wieder abgereist. Die ersten Fußspuren, die sich an diesem Tag in den Schnee vorm Haus graben, sind meine.

Mich führt der Weg zum Dünenfriedhof. Tief verschneit habe ich den Friedhof noch nie betreten, aber heute zieht es mich vor Allem wegen der Nadelbäume hin. Es gibt für mich kaum etwas Schöneres als den Anblick und den Geruch schneebedeckter Kiefern und Tannen. Das Gräberfeld liegt ruhig und weit unter der weißen Decke, und mir fällt plötzlich das Gedicht Kurt Tucholskys über den wunderschönen jüdischen Friedhof in Weißensee ein:

„ (…) Es tickt die Uhr. Dein Grab hat Zeit,
drei Meter lang, ein Meter breit.
Du siehst noch drei, vier fremde Städte,
du siehst noch eine nackte Grete,
noch zwanzig–, dreißigmal den Schnee –
Und dann:
Feld P.“

So ist das Leben. Es hat nichts Beängstigendes in diesem Augenblick, daran zu denken, dass die Male, die ich noch den Schnee sehen kann, von Gott längst abgezählt sind. Aber es ist mir Mahnung, den Anblick zu würdigen. Wie auch den ganzen Winter, der gerade erst Anlauf nimmt.
Manchmal plagt mich fast ein schlechtes Gewissen, wie gut ich bisher durch diese Pandemie gekommen bin. Keine gravierenden Sorgen, und alle, die ich liebe, sind gesund. Nicht einmal die heilige Eucharistie ist mir verwehrt, denn in unserer winzigen Kirchengemeinde dürfen weiter Messen stattfinden, wenn auch unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen. Der Kurpriester ist ein sympathischer Prämonstratensermönch; eine natürliche Demut und Würde ausstrahlend, die man nicht einstudieren kann. Sein Ordensgewand ist weiß wie der Schnee.

Auch das Ruhen des Tourismus auf der Insel macht mir nichts, im Gegenteil. Es ist schön, ab und zu wieder ganz alleine unterwegs zu sein: Mit den Vögeln, dem Wind und dem Knirschen der weißen Pracht unter den Schuhen. Von Ferne dringt Kinderlachen an mein Ohr: Langeooger Familien, die jetzt Zeit haben, mit ihren Kleinen auf den Hängen hinter der Wohnsiedlung zu rodeln, anstatt gestresst von A nach B zu hetzen. Wenn man von den wirtschaftlichen Aspekten absieht — die zweifelsohne für viele Menschen eine Katastrophe bedeuten — hat der Virus-induzierte Stillstand durchaus auch Gutes.
Und es liegt ja nicht nur die Hoffnung auf Frühling in der Luft: Die ersten Impfungen auf der Insel sind erfolgt; schon bald werden die Neuansteckungszahlen sinken. Auch die Pandemie wird zur Ruhe kommen, da bin ich zuversichtlich. Wir müssen nur warten. Und unseren Beitrag leisten.

Auf den Wetterseiten, die ich für meinen eigenen Wetterbericht sichte, finde ich historische Daten über den Winter 1942. Mein Vater wurde in diesem Jahr geboren; die Temperaturen fielen im Januar dieses Jahres fast im ganzen Land auf -30°C; auch in Gelsenkirchen, seiner Geburtsstadt. 1942 war Krieg; die Menschen mitunter ausgebombt, an der Front oder im KZ. Dazu diese grässliche Kälte. Lebensmittelknappheit obendrein, viele hungerten. Was könnte man -30°C da schon entgegensetzen? In diesen Winter wurde mein Vater geboren. Und heute, im Januar 2021, fühlen sich Menschen von einem Stück Stoff vor Mund und Nase an Leib und Leben bedroht. Manchmal würde schon ein kurzer Blick in die Gechichtsbücher helfen, um sein Weltbild zurechtzurücken. Oder auch nur ein Blick in historische Wetterdaten.
Auf Langeoog wird es am Wochenende maximal -4°C kalt. Die Sonne wird ganztags scheinen; in Europa ist Frieden.

Winterzauber

In der Nacht hat es zu Schneien begonnen. Als ich in die Dunkelheit spähe, liegt bereits eine dünne Schicht dicker, glitzernder Flocken auf den Blättern des Rhododendrons, auf den Zaunpfählen und auf meinem Balkongeländer. Auch meine Bornholmer Margeriten, die noch immer blühen, als wäre der Sommer nie zuende gegangen, tragen ein weißes Häubchen. Die verschneite Straße leuchtet im spärlichen Licht der wenigen Straßenlaternen hell wie der Mond. Den Wetterprognosen nach verspricht die Pracht noch einige Stunden liegenzubleiben. Ich stelle den Wecker auf kurz vor Sonnenaufgang.

Als ich am Morgen in die verwandelte Welt hinaustrete, stockt mir der Atem. Nicht vor Kälte, denn die Temperatur bewegt sich nur knapp unterhalb 0°C — aber vor Schönheit. Ich habe lange keinen Schnee mehr gesehen.
Da zurzeit nur wenige Menschen auf der Insel sind, befinden sich viele der verschneiten Wege und Flächen noch im Stande der Unschuld und präsentieren eine Schneedecke von makelloser Eleganz. Kaum eine Fußspur schlängelt sich durchs Gelände, und fast plagen mich Gewissensbisse, die meine jetzt dort zu hinterlassen.
Am Strandaufgang steht ein verlassenes Fahrrad; der Schnee türmt sich hoch auf dem Sattel. Dahinter bilden die weißbezuckerten Nadelbäume des Dünenfriedhofs die Weihnachtsidylle, von der wir Ende Dezember noch 10°C entfernt waren. Ich sehe unzählige Vögel, die auf dem Weiß nun viel leichter auszumachen sind als sonst.
Am Strandaufgang sitzt ein Rotkehlchen; aufgeplustert gegen die Kälte.

Der Strand ist leer. Die weite Fläche zeigt sich so unbescholten, wie man das vergangene Jahr — und auch die ersten Wochen des neuen — wohl gerne gehabt hätte. In der Ferne sehe ich jubelnde Kinder rodeln. Die Helligkeit des Schnees tut mir gut nach all den dunklen, grauen Tagen. Das Licht bahnt sich seinen Weg durch all die verstaubten und verwinkelten Tunnel meines Gemüts, um schließlich inmitten der Seele aufzuleuchten wie eine Signalrakete über nachtschwarzer See. Ich sauge den Anblick ein mit allem, was ich habe: Licht. Wie schön das ist. Wie sehr ich diese Helligkeit vermisst habe, spüre ich erst jetzt.

Auf dem Weg durchs Dorf turnt ein Zaunkönig flink durch braunes Brombeergestrüpp. Ich höre sein lautes Zwitschern. Eine Fasanenhenne hat vor mir ihre Fußabdrücke hinterlassen; ich sehe sie noch im Dünental verschwinden. Dahinter ragt unser Kirchturm auf.

Die Landschaft sieht aus wie auf einer alten Fotografie. Die Reste der Morgendämmerung weben einen Hauch von Sepia in den schneegrauen Himmel. Ich wähne mich inmitten einer wunderschönen, über viele Generationen vererbten Schwarzweißaufnahme; durch zahlreiche Hände gegangen und mit Unmengen Liebe betrachtet. Ich liebe die Farben der Langeooger Natur und weiß, dass mir lange Phasen von Schnee auch irgendwann aufs Gemüt schlagen, da mir die Farbe fehlt. Aber jetzt und hier finde ich den Schnee einfach nur herrlich.

Ich bin trotz zweier Lockdowns weit davon entfernt, den berüchtigten „Inselkoller“ zu erleiden, und es vergeht auch nach all den Jahren kaum ein Tag, an dem ich nicht „schön hier“ denke, während ich über die Insel streife. Und doch schleicht sich manchmal eine gewisse Routine ein. Umso erbaulicher ist es dann, Langeoog auf diese Weise noch einmal ganz neu erleben zu können. Und wenn der Schnee schmilzt und der Frühling Einzug hält, werden die Farben umso strahlender sein.

7. Februar, NDR: Nordstory mit mir

Moin,

am Sonntag, 7.2., um 20:15 Uhr bitte mal nicht Tatort gucken, sondern NDR einschalten. Zugegeben, ich hatte schon selbst nicht mehr dran geglaubt — aber tatsächlich wird dann das Ergebnis aus 3 Tagen Dreharbeit im Sommer 2019 ausgestrahlt. Wo, womit und in welchem Kontext ich vorkomme, weiß ich nicht, aber so wird es für alle spannend. Gefilmt wurde damals bei allen Alltagsaktivitäten, die vor Corona möglich waren: In der Kirche, bei einer Lesung, Zuhause beim Tippen, unterwegs auf der Jagd nach den schönsten Wetterfotos u.s.w.

Kleine Insel — pures Glück

Doku 2019, Dauer: 90 Minuten. Redaktion: Franziska Voigt

Sendetermin: 7. Februar 2021, 20:15 Uhr

Sender: NDR

https://www.nordmedia.de/pages/presse/sendetermine/subpages/-langeoog__kleine_insel__pures_glueck-/index.html

Screenshot: NDR

Das bisschen Sonne

Das bisschen Sonne
vor dem Frost
vermag nicht recht zu wärmen

Die Zeit rast
und doch
steht noch so Vieles still

Das Herz wird matt
vor Sorge
um Menschen und Welt

Ein Trost ist mir
das Licht
das trotzdem scheint


(MDO Januar 2021)

Kleine Welt

„Kleine Welt“ nennen wir es hier in Norddeutschland, wenn Nebel das Land verhüllt und die Fernsicht auf wenige Meter zusammengeschnürt wurde. Im Winter gibt es viele neblige Morgen auf Langeoog, die oft in überraschend klare, strahlende Tage münden. Vom zuweilen enervierenden Tuten des Nebelhorns an der Mole einmal abgesehen, mag ich diese Morgen, an denen sich alles Vertraute nur noch erahnen lässt und sich weiße Bänder dichten Nebels durch einsame Dünentäler weben. Schön ist es, wenn die Sonne, die man anfangs nur in pastellig-verwaschenen Tönen hinter den Wolken erkennt, dann plötzlich hervorbricht und die feuchtglänzende Vegetation vergoldet. Dann vergrößert sich auch die „kleine Welt“ wieder und man kann das vormals verhüllte ganz neu betrachten.

Für manche Menschen hat der Begriff „kleine Welt“ vermutlich auch etwas Klaustrophobisches; zumal in Zeiten der Pandemie. Wenn es nicht mehr um die Frage geht, ob man reisen will, sondern ob man es darf oder ob man es soll. Unter diesem Aspekt ist die Insel aktuell auch ohne Nebel eine kleine Welt, denn verantwortungsbewusste Zweitwohnungsbesitzer kommen zurzeit nicht her — und andere Gäste dürfen es nicht. Es herrscht, von ein paar (erlaubten) Verwandten auf Festtagsbesuch und einsichtsbefreiten BesucherInnen abgesehen, noch immer „Insulaner unner sück“ auf Langeoog — und das sogar an Weihnachten. Normalerweise wäre jetzt Hauptsaison; Hotels und Restaurants würden aus allen Nähten platzen, ebenso wie sämtliche Ferienwohnungen und überhaupt jedes vermietbare Mauseloch.
Ich empfinde glücklicherweise keine Beengung durch die Unmöglichkeit des Reisens, obwohl ich meine Eltern zweifelsohne auch gerne gesehen hätte. Denn ebenso zweifelsohne bin ich durch meinen Erstwohnsitz gesegnet: Angesichts der Weite des menschenleeren Strandes, der See und des sternenübersääten Winterhimmels ist es zumindest mir nahezu unmöglich, mich hier auf irgendeine Weise eingesperrt zu fühlen. Und die ungewohnte Stille hat gerade jetzt, an Weihnachten, eine ganz eigene Magie.

„Ich bin so froh, dass du jetzt jemanden bei dir hast“, sagt meine Mutter am Telefon, und natürlich freut es mich ebenfalls, meine Freundin an den Festtagen bei mir zu haben, die in ihrem eleganten Winterwollkleid wunderschön aussieht.
Aber es wäre nicht schlimm, allein zu sein. Es war all die Jahre für mich nicht schlimm; da war keine menschenförmige Lücke neben mir, die nur danach schrie, mit einem Partner, einer Partnerin besetzt zu werden. Da waren die Heilige Familie und ich, da war das Jesuskind in seiner Krippe, da war der immerwiederkehrende Zauber der Weihnacht. Und, zugegeben, es lauerte in „normalen“ Jahren sowieso immer ein Haufen Arbeit, weil den mein Beruf gerade zu Festzeiten nun einmal mit sich bringt. Wie hätte da Einsamkeit aufkommen können?

Immer wieder denke ich darüber nach, warum es für einige Menschen so ein Tabu ist, an Weihnachten allein zu sein; mitunter an ein Stigma grenzend. Als dürfe man an sämtlichen Tagen im Jahr alleine sein, aber müsse sich doch bitte zumindest an Weihnachten (hinzugenommen: Silvester, Geburtstag) zwingend vergesellschaften, mit wem auch immer. Ich kann dazu nur sagen, dass ich alleine nie einsam war; unter Menschen, mit denen ich mich nicht wohlfühlte, aber sehr. Und in unglücklichen Beziehungen erst Recht.
In diesem Jahr sind vermutlich mehr Menschen an Weihnachten alleine als sonst. Ein lieber Freund ist in Quarantäne; ihn erwischte der Virus pünktlich zum Fest. Wer keine Familie in der Nähe und kein Auto hat, vermeidet ebenso die Reise; allein der öffentlichen Verkehrsmittel wegen. Vielleicht, denke ich, ist das eine der wenigen positiven Begleiterscheinungen der Pandemie: Mehr Leute als sonst werden aus eigener Erfahrung wissen, dass man es überlebt, an Weihnachten alleine zu sein. Und dass es sich durchaus lohnt, auch für sich alleine etwas Feines zu kochen oder sich einfach einmal selbst(!) Zeit zu schenken. Zeit, von der man (ohne die aktuelle Zwangsentschleunigung durch die Pandemie) doch eigentlich immer zu wenig hatte. Freie, unverplante Zeit: Ist das nicht eines der kostbarsten Luxusgüter dieser Tage?
Man kann es sich schön einrichten in seiner kleinen Welt. Und, sobald sich der Nebel gelichtet hat, umso mehr über die Wunder der großen staunen.

Aber ich blende das Leid nicht aus. Es gibt Menschen, die sich jetzt wirklich einsam fühlen. Deren Liebste in Krankenhäusern um ihr Leben ringen oder die bereits gestorben sind. Oder die sich gerne mit anderen Menschen umgeben würden, dies aber aufgrund der Pandemie jetzt nicht können oder einfach, weil sie niemanden haben. Freunde wachsen nicht auf den Bäumen, und es ist nicht immer gerade dann jemand da, wenn man jemanden bräuchte. Oft sind nämlich genau dann gerade alle weg: Ich kenne das. Ich kenne jede Ausprägung von Alleinsein, und ich werde das auch nicht vergessen, nur weil da jetzt wieder jemand ist, der seine kleine Welt an meine anzuknüpfen wagt: Mit einer romantischen Schnittmenge, aber noch immer genügend Freiraum zu beiden Seiten — Anders ginge es für mich auch nicht.

Aber natürlich weiß ich zu würdigen, dass es meine Eltern freut, mich von jemandem geliebt zu wissen, ob nun an Weihnachten oder wann auch immer. Denn irgendwann müssen sie den Staffelstab des Liebens auf dieser Erde ja weiterreichen, das wissen wir alle — leider.
Nicht zuletzt darum wünsche ich mir, obwohl ich die Stille und Reduktion dieser Weihnacht auch sehr zu schätzen weiß, dass sich die kleine Welt in Kürze vielleicht doch wieder ein wenig weitet: Dass man sich sehen kann, wenn es das Herz befiehlt; und nicht nur dann, wenn es gerade erlaubt ist. Die Zeit auf Erden ist begrenzt: Auch das bekommen wir gerade recht deutlich aufs Butterbrot (respektive die Scheibe Christstollen) geschmiert.
Immerhin, denke ich, den Blick auf die Krippe gerichtet, reicht die Pandemie nicht bis in den Himmel.
Deo gratias.

Portrait im aktuellen Kirchenboten

Im Kirchenboten, der Wochenzeitung für das Bistum Osnabrück, ist jetzt ein ganzseitiger Artikel zu mir und meinen Büchern erschienen. Er basiert auf einem langen Interview, das ich mit der Redakteurin Petra Diek-Münchow im Mai führte — ihr geplanter Besuch vor Ort musste aus naheliegenden Gründen leider ausfallen. Es geht darin um Glaubensfragen, ein paar biografische Details zu Werdegang und Konversion, meine Liebe zu Langeoog und das Spannungsfeld zwischen Katholizismus und LGBTI-Anliegen.

Das e-paper kann unter www.kirchenbote.de gekauft werden. Aktuell liegt auch die Printausgabe an einigen Stellen im Bistum aus, so auch bei uns in St. Nikolaus am Schriftenstand. Reingucken lohnt sich!

Das E-Paper erschien am 8. Juli, die gedruckte Ausgabe am 10. Juli. Ausgabe Nr. 28; ich bin auf Seite 16.

Zeitgleich erschien darüber heute ein Artikel in der Presseschau der Langeoog News. (Nur am heutigen 14. Juni kostenfrei lesbar; ab dem 15. nur noch mit Langeoog News PLUS Abo.)

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Momentaufnahme, Platz

Mit dem Eintreffen der Inselbahn für die 7:10-Uhr-Fähre bricht die Sonne durch die Wolken. Wenig später hat sich die Wolkendecke ganz aufgelöst, hier und da zieren noch ein paar winzige Cummulus-Flöckchen den türkisfarbenen Morgenhimmel. Um diese Uhrzeit sind fast nur Insulaner unterwegs, die zu Besorgungen aufs Festland müssen, zum Arzt oder Ähnliches. Das aus Bensersiel eintreffende Schiff spült zunächst eine Ladung ArbeiterInnen auf den Kai; danach werden sofort die Fahrgäste für die Gegenrichtung an Bord gelassen. Abstand halten ist schwierig; dennoch geht das Procedere ruhig und halbwegs gesittet vonstatten. Ich bleibe an Deck, um wegen der Maske besser atmen zu können. Und um mir die Insel endlich einmal wieder aus Touristen-Perspektive ansehen zu können. Denn der einzige, der hier gerade Urlaub macht, bin vermutlich ich.
Tatsächlich verlasse ich die Insel das erste Mal seit Januar wieder für mehrere Tage. Vor uns wendet das Frachtschiff im Hafenbecken. Ich schaue auf seine sprudelnde Hecksee und frage mich, was ich wohl fühlen würde, wenn dies jetzt ein Abschied für immer wäre. Wenn ich die Insel nicht nur für 5 Tage verlassen würde, sondern auf unbestimmte Zeit. Wenn ich dort keine Heimat mehr hätte.
Es ist mir unerträglich. Die anderen Leute an Bord, die Geräusche, sogar das Wendemanöver des hellblauen Frachters — All das verschwindet auf einmal, während sich Herz und Augen an den Konturen der Insel festsaugen, die mit dem Ablegen der Fähre immer kleiner wird. Bald ist der Wasserturm nur noch ein winziger weißer Strich; kurz vor dem Übergang zum Ostende wähne ich meine Wohnung, die still meine Wiederkehr erwartet. All meine Sachen sind darin; meine Bücher, mein ganzes Leben. Und ein paar Meter Luftlinie davon entfernt macht sich der Mensch, der zu mir gehört, wohl gerade für die Arbeit zurecht.
Der Duft aus Salzwasser und Schiffsdiesel, die Schreie der Möwen und die Morgensonne, die das Meer glitzern lässt; die letzten sichtbaren Meter grünendes Ostende: Es ist Heimat. Die Liebe zur Insel ergreift mich plötzlich wieder in einem Ausmaß, das mich nach sechs Jahren fast schon überrascht. Natürlich: Es gab keinen Tag, an dem ich die Wunder der Schöpfung hier nicht täglich aufs Butterbrot geschmiert bekam. Die Langeooger Natur ist überirdisch schön. Aber was ist mit den menschengemachten Hässlichkeiten? Gibt es hier nicht genauso viele UnsympathInnen wie anderswo; nicht mindestens genauso viel Gier, Falschheit, Dummheit und Bösartigkeiten? Ja. Aber einmal mehr ist mir das alles nur egal: „Ich bin hier, weil ich hier hingehör’“, singen MIA in einem Lied meiner jungen Erwachsenenjahre, das inzwischen auch schon uralt ist. Dass ich für etliche „Ureinwohner“ hier eben nicht hingehöre und nie hingehören werden — wie jede Person, die nicht mindestens 10 Häuser mit Abkömmlingen aus 4 Generationen besetzt —: Geschenkt. Es ist auch mein Langeoog.
Unser Langeoog, korrigiere ich mich im Geiste, denn nun gibt es hier ja noch jemanden, den ich in meine Zukunft einplanen muss. Ein Zustand, der, so schön er auch ist, tatsächlich noch ein wenig Gewöhnung bedarf.

Nun aber bin ich erst einmal allein unterwegs. In einem nicht allzuweit entfernten Städtchen warten die Eltern auf mich. Die Freundin wird in Kürze nachkommen, und so sind die wichtigsten Menschen in meinem Leben für eine Weile vereint und man hat ein wenig Burggefühl in diesen wahnsinnigen Zeiten.

Ich sehe dem Urlaub ruhigen Herzens entgegen. Im Hafen von Bensersiel schaukeln weiße Segelboote. Ich versuche, die hübschen Böötchen jetzt gänzlich mit den Augen eines Touristen zu betrachten: Einfach die Schönheit genießend, ohne Pläne, ohne Termine. Es ist pures Glück. Ich freue mich auf die Reise — Aber auch schon jetzt auf die Wiederkehr.

 

Momentaufnahme, Seltsam

Auf dem Balkon sitzend, warte ich auf den Regen. Es sind luxuriöse Minuten der Stille. Oder, besser gesagt: seltene Augenblicke der Abwesenheit von Menschenlärm. Denn zu hören gibt es dennoch reichlich. 
Ich höre das Rollen der Brandung und den Wind, der durch die üppig ergrünte Hecke auf dem Nachbargrundstück streicht. Holunderholz knarzt leise unter dem Gewicht schwerer Blütendolden; im Entwässerungsgraben quakt eine Ente, ihr Gründeln erzeugt silbriges Plätschern. Von Süden her kommt erstes, leises Donnergrollen.
Über all dem liegt warmer Dunst. Endlich, möchte ich sagen, denn es war ein denkwürdig kaltes Frühjahr. Von „heiß“ sind wir auch jetzt noch Meilen entfernt, aber dieser Tag war, für Langeooger Verhältnisse, schon annähernd tropisch.
Nun bricht die Dunkelheit herein. Eine schwarze Wolkenwand schiebt sich über die letzten Reste des Sonnenuntergangs. Das Donnern wird nun deutlicher und bald fällt der Regen in warmen, lotrechten Schnüren vom Himmel. Im Lampenlicht, das aus meiner Wohnung in die Inselnacht strahlt, sehe ich die Tropfen funkeln. Wind weht kaum, sodass ich das Naturschauspiel unter dem Balkondach genießen kann, ohne selbst nass zu werden.
Ein letzter Radfahrer rast die Straße entlang; alle anderen Menschen sind wohl in ihre Häuser oder Ferienunterkünfte geflüchtet. Von meinen Balkonpflanzen perlen dicke, silbrige Tropfen lebensspendenden Wassers und ich rieche den moosigen Duft feuchter Erde.

Ich freue mich nicht über die Kälte der vergangenen Wochen, aber mich erleichtert, dass die Sonne dadurch auch weniger verheerende Kraft entfalten konnte. Und ich bin glücklich, weil es nun wieder mehr regnet. Nur ungern erinnere ich die braunen, vertrockneten Deiche des Vorjahres, die sich bis zum Herbst kaum erholten. Auch die Straßenrandbegrünung wich einer sandigen Wüste, in der sogar die robusten Kartoffelrosen schlappmachten. Dieses Jahr aber ist das Gras fast überall noch grün; die Rosen stehen in voller Kraft und überziehen die Dünentäler mit einem pinkfarbenen, duftenden Blütenteppich. Es ist ein seltsamer Sommer: Nicht nur wegen des Virus.

Ein Schlüssel dreht sich im Schloss. Ich weiß, wer es ist, aber trotzdem verlasse ich meinen wildromantischen Logenplatz im Regen, um ihr entgegenzugehen. Die Freundin steht in meinem Flur und strahlt mich an; mit diesem Lächeln, als sei ich ein Scheck über eine Million Euro und nicht ein eigenbrötlerischer, menschenscheuer Mittvierziger mit fliehendem Haaransatz und Schlafhosen. Wassertropfen perlen von dem gelben Ostfriesennerz, der an ihr ganz entzückend aussieht, und von ihrer Haut, über deren Beschaffenheit ich nichts dichten könnte, was unterhalb der Kitschgrenze bliebe. Eine nasse Haarsträhne klebt an ihrer Wange. Sie streicht sie fort und folgt mir auf den Balkon, um sich in schönstem Schweigen mit mir den Regen anzusehen.
Es ist ein ganz eigener Frieden mit ihr, aber auch das ist noch immer seltsam. So viele Jahre gab es in meinem Liebesleben nichts, das nicht mit mannigfaltigen Nuancen von „Es-ist-kompliziert“ durchsetzt gewesen wäre; von Unmöglichkeiten, Mauern und Schmerz; von gesellschaftlicher oder kirchlicher Ächtung.
Die einzige Liebe, die mir in den letzten Jahren beständig Quelle von Trost, Kraft, Hoffnung und Zuversicht gewesen war, war die Liebe zu Gott. Und eigentlich hatte mir diese Liebe auch gereicht. Ich hatte nicht mehr daran geglaubt, dass mir Derartiges auch noch einmal von einem Menschen geschenkt werden würde. Doch nun ist sie da, die Liebe. Im Himmel wie auf Erden.

„Nicht müde werden, / sondern dem Wunder / leise wie einem Vogel / die Hand hinhalten“ dichtete Hilde Domin 1992 — Und ich hoffe, dass ich es schaffen werde, mich dem neuen Wunder in meinem Leben mit der hier so filigran beschriebenen Zutraulichkeit und Neugier zu nähern.

Der Regen lässt nach. In der Wohnung über uns brüllt ein Baby; auch das Austernfischerpaar, das auf einem der Flachdächer nebenan brütet, macht sich mit Rufen bemerkbar. Das Leben um uns herum erwacht noch einmal, bevor es sich endgültig zur Nachtruhe bettet.

Auch wir ziehen uns zurück und ich wundere mich einmal mehr darüber, wie schnell man sich wieder an einen Menschen an seiner Seite gewöhnen kann. Dieser Tage ertappte ich mich sogar dabei, wie ich gedankenversunken zwei Teetassen füllte, obwohl meine Freundin erst Stunden später zu Besuch kommen wollte. Wenn ich nachts ihre Hand berühre und sie dann im Halbschlaf ihre Finger um meine schließt, berührt mich diese Geste des Vertrauens und der Hingabe auf eine Weise, für die ich mir erst wieder Vokabular zurechtlegen muss.
 „Sie haben jetzt auch für diesen Menschen Verantwortung“, wetterte jüngst der Beichtvater, als ich von meinen Unsicherheiten und Ängsten erzählte, und natürlich weiß ich, dass er Recht hat. Es sind jetzt nicht mehr nur meine Unsicherheiten und Ängste. Es sind auch ihre.

Und so wird die Liebe wohl immer eine Herausforderung sein: die zu den Menschen, aber auch die Liebe zu Gott. Zugleich ist beides ein großes Geschenk, das es verdient, mit der gebührenden Achtung angenommen zu werden.
Ich will es versuchen.

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