Momentaufnahme: Leben, Tod und Liebe

An einem lauten, trubeligen und schwülwarmen Tag zieht es mich auf den Friedhof. Klar, mag man nun meinen, wo soll man sich inmitten einer depressiven Episode sonst herumtreiben als an einem Ort, den die meisten Menschen mit Trauer, Melancholie oder gar etwas Morbidem verbinden? Dem ist, zumindest in meinem Falle, aber nicht so. In mir weckt der Friedhof Lebensgeister, und das liegt nicht nur daran, dass der Dünenfriedhof eine herrliche Oase der Ruhe in Zeiten der totalen Reizüberflutung durch den Hochsaisonbetrieb ist.

Wenn man den Friedhof betritt, duftet es bereits nach wenigen Metern nach Nadelwald. Verschiedenartige Finken stieben im Schwarm aus den Ästen von Kiefern, Fichten und Tannen; unter den Bäumen sieht man unzählige weitere Vögel, die Leckereien aus dem mit abgefallenen Nadeln und Zapfen gepolsterten Boden klauben. Und aus allen Kronen und Wipfeln singt und zwitschert es, untermalt vom Rauschen des nahen Meeres.
Wenn sich der Blick aufs Gräberfeld öffnet, bietet sich jetzt im Sommer natürlich eine besonders herrliche Blumenpracht. Es ist schön, zu sehen, wieviel Liebe den Toten von Angehörigen oder Freunden — zum Teil auch Jahrzehnte später noch — entgegengebracht wird. Vor der Urnenwand mit den Gedenkplaketten hat jemand Fotos abgestellt: „Wir vermissen Dich“. Weißhaarige Männer lächeln darauf: Irgendjemandes geliebter Mann, Vater, Opa, Bruder, Freund. Oben auf der Wand steht ein Fläschchen Friesengeist, umgeben von kleinen Engeln und Muscheln. Irgendetwas rührt mich an diesem Fläschchen besonders — vermutlich, weil es die auf eine wundervolle Weise kindliche Vorstellung transportiert, dass der Opa sich auch im Himmel noch über seinen Klaren freut. Von einer anderen Grabstelle lächeln einen zwei Wikingerschiffe an, oder eher die Vordersteven der Schiffe, die wie Kamelköpfe gestaltet sind. Sie sehen sehr niedlich aus, und ich denke, dass diese Art von Schiffen dem Verstorbenen sicher etwas bedeutet hat, wenn er sie auch nach dem Tod noch von Angehörigen geschenkt bekommt. Und wer findet nicht gerne ein Lächeln an einem Ort der Trauer?
Denn obwohl auf Friedhöfen sichtbar um Menschen getrauert wird: Ist es nicht die mindestens ebenso sichtbare Liebe, die diesen Ort zugleich zu etwas sehr Lebendigem macht?

Nach einem Gebet für die Verstorbenen zieht es mich in eine besonders ruhige Ecke des Friedhofs, die ich gerne zum Nachdenken aufsuche oder zum inneren Leerwerden in dieser hektischen Zeit. Die Bank hinter der Leichenhalle, an dem winzigen künstlichen Teich unter den Tannen, ist neben der Kirche mein liebster Zufluchtsort, wenn ich Lärm und Menschenmassen und all die unvermeidbar aufgezwungene Nähe (optisch, akustisch, physisch) nicht mehr ertrage. Natürlich sind auch auf dem Friedhof gewisserweise überall Menschen, aber die Toten fürchte ich nicht. Und oft genug wünschte ich, mich würden auch die Lebenden weniger ängstigen.
Auf jeden Fall ist dies ein überaus friedlicher Platz, den ich grundsätzlich seelisch gestärkt wieder verlasse. Gott fühle ich mich dort sehr nah, und tatsächlich ist der Friedhof ein Ort, an dem ich auch die Liebe zum Leben immer wieder neu entdecke — so paradox es auch klingen mag.

Auf der Rückseite der Friedhofskapelle mit der Leichenhalle befindet sich die Wendeschlaufe für die Fuhrwerke. Dort laden die Kutscher die Särge aus. Obwohl es in den letzten Tagen viel geregnet hat, steigt vom Asphalt der Wendeschleife ein leichter Geruch nach Pferdeurin auf, den vermutlich kein Wasser der Welt mehr ganz davonspülen kann. Ich muss darüber ein wenig lächeln, weil einem die Anwesenheit eines lebendigen Organismus an diesem Ort des Todes kaum unverblümter vermittelt werden könnte.

Ich mag es, Friedhöfe zu besuchen, denn es wärmt grundsätzlich mein Herz zu sehen, dass Menschen nicht vergessen sind. Natürlich gibt es auch hier leider Gräber, die niemand mehr pflegt — ein Anblick der traurig stimmt. Aber ich weiß auch, dass es auf der Insel Menschen gibt, die von ihrem privaten Geld gelegentlich Blumen kaufen und diese ehrenamtlich an die Gräber und Gedenksteine der vermeintlich Vergessenen stellen. Ich empfinde dafür große Hochachtung, denn noch mehr als bei guten Werken an Lebenden zeigt sich hier wohl ein besonderes Maß an Altruismus: Die Toten werden sich schließlich kaum erkenntlich zeigen können — auf Gegenleistung zu spekulieren, wäre also vollkommen sinnlos. Aber ich danke diesen Spendern sehr dafür, weil sie mich mit dieser Geste wieder an das Gute und Selbstlose erinnern, das man zuweilen ja doch noch in der Menschheit findet. Auch wenn das laute, egoistische und rohe Gebrüll in der Gesellschaft oftmals alles andere übertönt.

Nach einer Weile kehre ich zurück unter die Lebenden, bzw. in einen Bereich Langeoogs, an dem die Lebenden nicht nur die guten, unsichtbaren Geister sind, die namen- oder angehörigenlosen Toten Blumen spenden.
Auf der Wiese hinter dem alten Hospiz spielt ein junger Vater mit seinem Kind Ball. Beide haben sichtlich Freude daran, doch dann fliegt der Ball in ein dichtes Heckenrosengestrüpp. 
So schön die Langeooger Kartoffelrosen auch aussehen und duften mögen: Ihre Dornen sind eine einzige Qual. Und so kann ich nur staunen, als der Vater tatsächlich in das Gestrüpp steigt, um den geliebten Ball des Kindes zu retten. Natürlich gibt er nicht gerade Laute des Wohlgefühls von sich; seine Arme und Beine sind nackt, und bald reicht ihm das wehrhafte Geäst bis zur Brust. Aber letztlich hat er den Ball, und man sieht ein sehr glückliches Kind mit einem sehr zerkratzten Vater.
„Respekt“, denke ich. Und zugleich: Das ist wohl eine der reinsten Formen von Liebe.

Ich hätte vermutlich einen neuen Ball gekauft, muss ich mir eingestehen, obwohl ich natürlich weiß, wie sehr Kinder um ein bestimmtes Spielzeug trauern können. Und ich weiß, welche Helden Eltern sind, die einem ein geliebtes Spielzeug retten oder dem abgeliebten Plüschtier zum hundertsten Mal die Löcher zunähen oder die abgeplatzten Augen bemalen.
„Für mich der Vater des Jahres“, erkläre ich der Freundin feierlich, und sie stimmt mir zu. Denn bedeutet Liebe nicht immer irgendwie, für den anderen auch einmal in Dornen zu steigen? Und sich für Dinge einzusetzen, die dem geliebten Menschen wichtig sind, obwohl man der Sache selbst vielleicht gar nicht so viel abgewinnen kann? An der Seite des Partners, der Partnerin (wahlweise: Der Eltern, Kinder, besten Freunde) zu stehen, wenn diese von anderen mit Dornen gequält werden? Eine Weile sinniere ich noch über das Erlebte nach und denke, dass dieses Kind bestimmt einmal glücklich wird.

Auch der Franziskanerpater, dem ich später in der Heiligen Messe zuhöre, erzählt in warmen Worten von der Liebe, wenn auch in nochmals anderem Kontext. Und mich erstaunt einmal mehr, in wievielen Formen uns Liebe im Leben begegnen kann.

Momentaufnahme, Compassion

Ich hatte die Kraft des „Irgendwann“ unterschätzt. Das Irgendwann war ein diffuses Donnergrollen in weiter Ferne, ein monotones Summen von Elektrizität irgendwo hoch über den Feldern. Das Irgendwann war anfangs präsent, leise zwar, aber man sah es. Doch dann gewöhnte man sich, und das Irgendwann zerfloss zu einem warmen, umschmeichelnden „Wird schon nicht.“


Irgendwann will er den Hund zurück. 
Der kleine Gefährte liegt in sein Lammfell gekuschelt und schläft. Wenn ich seinen Namen rufe, der nicht der ist, den der Vorbesitzer ihm gab, steht er auf, kommt zu mir an den Tisch und sieht mich fragend an. Die letzten Meter zum Haus rennt er, wenn wir heimkommen, und er weiß, wo der Wäschekeller ist, in dem ich ab und zu verschwinde. Dann wagt er sich die Treppen herunter und schaut nach mir, steckt das neugierige Näschen mit in die Trommel, das immer aussieht, als habe er aus einem Topf Puderzucker genascht. Der Hund kennt sich aus; er weiß, wo er wohnt.


„Es ist für ein paar Tage.“ „Zwei Wochen vielleicht.“ „Der Besitzer ist bis auf Weiteres verschwunden.“ 
Da war es also, das schöne, warme „Bis auf Weiteres“ und winkte mit fast so etwas wie einer Zukunft. Der Hund und ich. Wir beide. 
Aber dann materialisierte sich das „Irgendwann“, baute sich kalt und drohend vor mir auf, mit einem Datum im Schlepptau. „Er will den Hund zurück.“
Mein Vater schickte eine DVD von „Tim und Struppi“: Der Lokalreporter und sein Hund, das seid ihr beide. 
Ich brach in Tränen aus. 
Du wusstest doch, dass der Hund nicht dir gehört, wurde geunkt, du hättest ihn ja nicht nehmen brauchen. Nein. Ich hätte ihn auch nicht lieben brauchen. Dann wäre er eine Sache, die man aufbewahrt und gegen einen angemessenen Obulus wieder abgibt. Dann wäre er ein Geschäft. Aber ich bin sein Zuhause geworden, jetzt, nach all der Zeit.

In meiner Lieblingszeitschrift GEO ist ein Bericht über eine Frau, die sich um Pflegekinder kümmert. Wie sie das schaffe, in dem Wissen, alle wieder hergeben zu müssen. Irgendwann, vielleicht. Vielleicht auch nie. Sie böte den Kindern ein gutes, glückliches Jetzt. Ums Morgen wisse man nicht. Nie. 
Ich sehe den Hund an und denke: Dann hast Du bei mir eben die schönste Zeit Deines Lebens. Dann werde ich Dich mit Liebe und Fürsorge zuschütten, damit Du noch lang davon zehren kannst, solange es halt irgendwie geht. Aber dann schiebt sich, kalt und knirschend, dieser Riegel übers Herz, der sagt: Hör auf ihn zu lieben. Am besten schon gestern. Er bleibt nicht.

Mich erreicht die E-Mail eines Bekannten, seine Frau habe ihn verlassen. Ich fühle seinen Schmerz, höre förmlich aus den Zeilen, wie seine Welt vor mir zerbröckelt, noch weit entfernt davon, sich zu etwas Neuem zusammenzufügen. Der Mann tut mir Leid. Ich weiß, was er durchmacht. Und trotzdem, denke ich, ist man in diesem Leid so mutterseelenallein. 
Ich kann ihm sagen, dass ich mit ihm fühle. Dass ich seine Hilflosigkeit verstehe, das Klammern an jeden Halm, um das Unbegreifliche begreiflich zu machen. 
Es ist gut, wenn Menschen mitfühlen, denke ich. Und trotzdem: Das Leid nimmt einem niemand ab. 
Man muss alleine durch. Mit Glück reicht einem jemand die Hand, mit Glück leuchtet einem jemand ein Stück des Weges. Und Gott? Natürlich ist Gott da, Gott fügt und führt, aber oft genug sind unsere Wege so verschlungen, unsere Trauer so gleißend, dass wir sein Licht nicht sehen und seine Hand nicht erkennen. 

Und auch das Leid, so lehrte mich das Leben, ist wirklich niemals sinnlos. Sollte ich den Hund also hergeben müssen, wäre das Leiden entsetzlich. Aber ich nähme es an, besänne mich auf die wunderbare Zeit, die wir hatten, zöge Lehren daraus und sähe nach vorn: Zumindest nehme ich mir das vor.

In zwei Monaten bin ich Katholik; es steht mir nicht mehr zu, mein Schicksal zu hinterfragen oder damit zu hadern. Das hat etwas Beruhigendes: Der Herr wird es richten. Es gibt für alles einen Plan. 
Ist das naiv? Gibt man damit Verantwortung ab? Ist Religion doch nur das vielzitierte Opium fürs Volk? Ich mag nicht mehr darüber nachdenken. Gott existiert. Ich habe es zur Genüge erfahren. 


Draußen schlagen die Zweige im Sturm ans Fenster. Regen tropft von der Lichterkette, die sich durch meine Winterheide schlängelt. Hundert kleine Lichtpunkte in der Schwärze der Inselnacht, vergangene Weihnachtsfreuden, der Hund und ich inmitten unzähliger Pakete und Ansichtskarten, die meisten der Geschenke waren für ihn. So viel Mitgefühl, soviel Mitfreuen. Unmengen Delikatessen; der Hund und ich teilten uns ein Brot mit Trüffelleberwurst. 
Er ist so glücklich. Mein Weinen verstört ihn, und ich mag ihn nicht ansehen, weil ich dann denken muss: Bald kommst Du weg. Vielleicht. Und ich weiß nicht, ob das „bald“ schlimmer ist oder das relativierende „vielleicht“, das die frische Wunde im Herzen gleich wieder mit seinem Sirup zukleistert. 
„Wir helfen Dir“, sagen die Freunde. Und die meisten meinen das Ernst.



Compassion. Einer der Jesuitenpater, die bei uns als Kurpastoren Dienst tun, erklärte einst, dass ihm das englische und spanische Wort lieber sei als unser „Mitgefühl“, weil in der Kon-Passion das Leiden steckt, das mehr sei als das bloße Fühlen — aber auch etwas anderes als das bei uns eher abfällig besetzte Wort „Mitleid“. Mitleid will niemand. Mitgefühl tut gut. Und die Compassion, das Mit-Erleiden? Fühlt sich nach einer ausgestreckten Hand an, die das Kreuz tragen hilft. Ohne viele Worte. Ohne Bedauern. Mit purem Da-Sein, Anfassen, Helfen.


Ein lieber Freund formuliert das in der Regel so: „Was kann ich tun?“ Kein „Kann ich was tun?“ Kein „Was willst Du jetzt tun?“. Vermutlich bringt genau das „Compassion“ auf den Punkt. Die stützende, helfende, fangende Hand. 
Ich bin dankbar dafür. Denn der Hund soll es nicht spüren, das Leiden und Straucheln. Ich bin sein Zuhause. Und ein Zuhause braucht feste Wände. 


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Momentaufnahme, Freigelegt

Während sich im Nordosten der Insel noch persilweiße Cumulusberge auf strahlendem Blau türmen, wälzt sich von Westen her eine graue Regenwand heran. Es ist frühlingshaft mild, und nach all den endlosen Wochen des Sturms weht der Wind nur noch in mäßig frischen Böen. Ein guter Tag zum Draußensein, denke ich, als ich zum Flutsaum hinunterlaufe, und unzählige andere tun es mir gleich: Die Insel füllt sich früh dieses Jahr.

Es ist Anfang März. In wenigen Tagen werde ich 41. Das vierte Jahr auf Langeoog. Ich bin froh über jedes Jahr hier und über jedes Mehr an Lebenserfahrung. Und ich möchte, auf Langeoog wie auch im Leben, weder die Sonnenstunden, noch die Regenwolken und Stürme missen. Denn im Grunde waren es doch immer die Stürme, die Wolkenbrüche, die Umbruchphasen und vermeintlichen Katastrophen, welche das im Verborgen liegende Schöne freilegten — eine neue und bessere Zukunft, die sich letzlich wie ein Edelstein aus all dem Chaos schälte. So war es in meinem Leben schon oft.

Und doch gibt es etwas, mit dem ich hadere. Es brauchte einiges an Zeit und viele Gespräche mit anderen Männern, bis ich das zugeben konnte, ohne meine Identität in Frage gestellt zu sehen, aber tatsächlich ist die Sache wohl alles andere als geschlechtsspezifisch. Männer und Frauen hadern damit, genderfluide Personen vermutlich auch, Singles ebenso wie Menschen in Beziehungen, sogar katholische Priester hadern damit, obwohl man als solcher auf dem Fleischmarkt ja nicht einmal mehr in der Auslage sitzt. Es ist die Zeit, die am Äußeren nagt: Der Verlust von Schönheit und Jugend.

Dabei kenne ich so viele Menschen, denen das Altern steht. Die früher vielleicht hübsch waren, aber jenseits der 40 erst sexy wurden, weil sie an Charisma gewannen, an Ecken und Kanten, die ihnen das Leben aufgestempelt hatte. Ich finde doch so viele ältere Menschen schön!
Und selbst wenn man früher, nach allgemeinen Maßstäben betrachtet, schöner war — war das denn ein Garant für Glück?
Was hatte es mir damals genutzt, zwar auf den ersten Blick begehrenswert, aber letztlich doch nie mehr als die beseelte Gummipuppe irgendwelcher frustrierter Mittvierziger gewesen zu sein, die Vampirismus an meinen Träumen betrieben mit all ihren hohlen Verheißungen und all dem Sirup, der mir ins damals noch naive und zunehmend waidwunde Herz gekippt wurde? Nichts, denke ich. Außer dem Wissen, was für eine Art von Mittvierziger ich nie werden wollte.
Und jetzt bin ich selbst bald Mitte Vierzig, aber Gottseidank tatsächlich frei vom Begehren, mir irgendetwas Junges zur Egopolitur halten zu wollen, in dessen Weichheit man all die schroffen Felsen, über welche einen das Leben so zieht, zumindest stundenweise vergisst, während die oder der gesellschaftstauglich Angetraute bei irgendeiner Charityscheiße oder sonstwo aushäusig weilt.

Dennoch setzt mir das Altern zu. An mir selbst (wenn auch nicht an anderen) stören mich die sich zunehmend eingrabenden Falten, selbst wenn es nur solche sind, die durch den Blick in die Sonne und das Lachen entstehen, und mitnichten aus Kummer oder Zorn. Die nächste Praxis für Botox und Filler ist übrigens in Aurich: Verzweifelte Menschen googlen so etwas.

Der Wind greift in die mühsam zurechtgekämmten Haare, deren zunehmenden Verlust an Masse ich beim besten Willen nicht mehr verleugnen kann, stellt die mit Haarspray über die Kahlheit gelegte Strähne steil und lässt mich den Rest des Tages mit einer albernen Antenne herumlaufen, die ich erst beim Nachhausekommen bemerke. Karma!, denke ich, denn wie sehr hatten wir beim Konfirmandenunterricht damals gelacht, als den Pastor in der Zugluft der Kirchentür dasselbe Schicksal ereilte und er, sich des Haardesasters nicht bewusst, den Gottesdienst mit einem Fühler moderierte.

Umso erleichterter schaue ich jetzt um mich, denn jeder Mensch, der mir hier am Strand entgegentapst, ist auf irgendeine Weise erst einmal ein zerzaustes, rotnasiges Etwas, so als mache uns der ostfriesische Himmel auf eine angenehme Weise gleich; und zwar so, dass alle Standes- und Schönheitsgefälle für eine Weile verschwinden.
Es sind zuvörderst erst einmal alles Menschen, die das Meer lieben. Und ich liebe es, dieses eine, spezielle Lächeln zu entdecken, wenn jemand den Strandübergang betritt und das erste Mal auf das große, weite Blau vor sich blickt, den endlosen Strand, die glitzernden Priele. Dieses Lächeln auf dem Gesicht macht jeden Menschen schön. Auch ich erwische mich noch bei diesem Lächeln, immer noch, obwohl mir das Meer längst Alltag sein sollte, aber das ist es nicht. Sein Anblick ist immer noch der Frühjahrsputz für meine Seele, unabhängig von der Jahreszeit.
Es ist, als zöge die Schönheit der Insel für einen Moment all das Schlechte und Anstrengende von uns ab, all die Wunden des Lebens, das Altern und all die mühsam zurechtgezurrten Fassaden, welche wir im Alltag so brauchen oder zu brauchen meinen.

Dabei sind die meisten Menschen so viel schöner ohne Fassade. Und oft genug sind es doch gerade die kleinen Blessuren und Makel, die uns liebenswert oder überhaupt erst interessant machen.
Ich erinnere ein Gespräch, das ich die Tage mit einem Geschäftsmann führte, der mit seinem jungenhaften, rotwangigen Charme immer wie frisch gebadet wirkt, obwohl auch er schon Mitte Vierzig ist. Dieser, nun wirklich immer sehr kultiviert und seriös wirkende Mensch, erzählte mir dann, wie er letztens einmal, nach einem Bierchen zu viel, auf allen Vieren neben eine tote Ratte in die Dünen gekotzt hatte — eine unsäglich entwürdigende Vorstellung, auch wenn er zur Ehrenrettung noch anzumerken hatte, dass die Ratte schon vorher tot gewesen sei.
Dennoch beschädigte diese Geschichte mein Bild von dem Geschäftsmann nicht; ganz im Gegenteil: Die Offenheit machte ihn menschlich und damit sympathisch. Und zumindest mir erscheinen Menschen grundsätzlich um einiges aufrechter, wenn sie auch zugeben können, schon einmal am Boden herumgekrochen zu sein.

Kommen wir zu Donald Trump. Die Überleitung von der toten Ratte zu Donald Trump schreibt sich ja quasi von selbst, da nämlicher bekanntlich so ein Tier — in Wasserstoffperoxid gebleicht — auf dem Haupte zu tragen pflegt. Ich lege keinen Wert darauf, dass der POTUS unsere Insel mit einem Besuch beehrt, aber ein wenig reizt mich ja doch die Vorstellung, dass unser wunderbarer Nordseewind ihm jenes Tier vom Kopfe weht und ihn so zumindest von außen einmal so kahl und spärlich ausgestattet zeigt, wie er im Inneren wohl schon lange ist.
Mich ängstigt der Raubbau an Werten wie Ehrlichkeit, Freiheit, Bildung und Mitgefühl, der sich in der Politik dieses Menschen, aber auch in der vieler seiner Gesinnungsgenossen und -genossinnen in Europa zeigt. Ich bin immer für Wandel, ohne Wandel bewegt sich nichts, aber dieser Wandel beunruhigt mich, und er gibt mir — immerhin — einen weiteren Grund, mich mit dem Altern zu versöhnen: Ich muss die schlimmsten Nachwehen dieser sich abzeichnenden Entwicklung wohl nicht mehr erleben. Und zum Glück habe ich auch keine Kinder, denen ich diese Scheiße erklären muss.

Ich denke zurück an das selige Lächeln der Menschen, die das erste Mal den Strand sehen, und weiß, wie leicht es einem hier fällt, all das da draußen für ein Schauspiel zu halten; mal mehr und mal weniger schlecht.  Es rettet mich jeden Tag.
Die Wolkenberge ziehen im beachtlichen Tempo vorüber; offenbaren immer neue Lücken und Formen im Blau. Alles bewegt sich, denke ich besänftigt, und doch gibt es einem Halt und Heimat.

Und letztendlich bin ich auch froh über die Zeit, die verstreicht, allem körperlichen Unbill zum Trotz: Zeit, die heilt. Zeit, die reifen lässt. Zeit, die vergessen macht. Zeit, die befreit. Ich bin dankbar für die Jahreszeiten im Leben, die Stürme, das Hoch- und Niedrigwasser.

Viele Menschen träumen von einem Leben, in dem immer nur Sommer ist. Aber ich denke, dass ich das gar nicht so möchte. Ich möchte ein Leben, das dem ostfriesischen Himmel gleicht. Nicht monoton dahinplätschernd, sondern ein facettenreiches Farbenspiel, in wechselnden Tempi, mal strahlend, mal dramatisch, mit stets überraschenden Wendungen; nur schwer prognostizierbar und dennoch, alles in allem, einfach nur unbegreiflich schön.

Und ich will diese unermessliche Freiheit, wie sie nur der Inselhimmel verheißt. Tatsächlich, denke ich in einem Anflug von Überraschung, bin ich zurzeit so frei wie nie zuvor. Nicht nur, weil ich endlich flexible Arbeitszeiten habe, sondern vor allem auch, weil ich gerade mal wirklich niemanden liebe.
Das mag zunächst erbärmlich klingen, und natürlich umfasst das nicht die Liebe, die ich für Freunde, Eltern oder Tiere empfinde. Aber ich bin frei von der Fremdbestimmung durch ein mehr oder weniger unglückliches Verliebtsein oder den traurigen Nachhall einer Liebe.
Der schöne Seemannssohn, mit dem die Ära Langeoog begann, ist zu lange her, um noch Gegenwart zu sein, und dessen potentieller Nachfolger war nie lange genug Gegenwart, um sich einen Platz in meiner Erinnerung zu sichern. Es ist wahr: Zum ersten Mal im Leben bin ich nicht verliebt. Es ist ein bisschen seltsam. Aber vielleicht gehört auch diese Erfahrung zum Älterwerden.

Der Wind flaut ab. Ich betrachte die nun ruhiger dahinziehenden Wolken, deren Ränder sich bereits im Farbspektrum der Dämmerung verfärben. Im Nachbarsgarten baden dicht an dicht die Schneeglöckchen im letzten Licht des Tages; die Köpfchen gesenkt in ihrem so unschuldigen, reinen Weiß.