Beat

In der Kirche startet ein ambitioniertes Projekt. Dass eine Frau predigt, meine ich damit nicht, denn das kommt bei uns erstens öfter vor und zweitens sorgt es nur noch bei sehr wenigen Schäfchen für ein nervöses Kragenweiten mit ungläubig aufgerissenen Augen. Schließlich sind wir auf Langeoog eine der ersten Gemeinden mit weiblicher Pfarrbeauftragter geworden, und bislang ist deswegen noch kein Deckenbalken brennend zu Boden gestürzt. Kaffee und Kuchen im Pfarrheim ankündigen macht sie allerdings trotzdem auch noch, also können an dieser Stelle auch die Traditionalist:innen zufrieden sein. Aber ich schweife ab.

Das ambitionierte Projekt ist Orgelspiel mit Percussion-Begleitung. Ein junges Musikerduo hat sich dazu eingefunden, und die Idee ist gar nicht mal so schlecht, allein — der Rhythmus hinkt. So ganz finden Orgel und Trommeln nicht zusammen, immer scheint der notwendige Schlag um Sekundenbruchteile zu spät zu ertönen, was die Harmonie ein wenig schmälert. Als kompletter Musikdilettant will ich hier nicht das Maul zu weit aufreißen und auch keineswegs den kreativen Ansatz der Kombination dieser beiden Instrumente schlechtreden; vielmehr erwähne ich es, weil mich dieser eigenartige Missklang sehr an dieses Jahr erinnert. Das Jahr, das sich nun bald schon seinem Ende nähert. Das zweite Jahr Pandemie mit seinen Lockdowns und Wiedereröffnungen; mit seinen Anstürmen urlaubsausgehungerter Tourist:innen, die die Küstenorte bevölkern, als ob es kein Morgen gäbe.

Zurzeit sind Herbstferien und in diesem Kontext muss ich zum Thema „Ansturm“ wohl keine umständliche Überleitung finden. Es ist voll auf der Insel. Sehr voll. Masken und 2- oder 3-G-Regeln gibt es noch; Abstand wird fast nirgends mehr eingehalten. Die arbeitenden Menschen sind bleich und müde und unter den Gästen sind wie jeher sone und solche; in dieser Saison leider mit leichtem Schwerpunkt auf „sone“: Die Aggressiven. Die Dauer-Diskutierenden. Die „Wir-bezahlen-Sie-schließlich“. Und ach, das Bezahlen. Sauteuer ist alles geworden, noch mehr als je zuvor, und da hängen die Langeooger:innen jetzt nun genauso mit drin.
Manchmal weiß ich nicht mehr, wie lange ich mir das Leben hier noch leisten kann.

Nun aber zur Orgel und dem um Sekundenbruchteile hinterherhinkenden Beat. Genau so fühlt sich dieses Jahr an, denke ich. Zumindest, seit kein Lockdown mehr herrscht: Eigentlich ist alles wie früher. Laut, voll, wuselig und teuer. Aber irgendwie eben auch nicht. Irgendwie ist da dieser zeitversetzt ertönende Trommelschlag, der das gewohnte Saisonrauschen aufmischt und es schwer macht, im geforderten Takt mitzusingen, mitzuschwimmen. Es strengt an, mehr denn je.

Und nein, der Insel bin ich nicht überdrüssig. Da sind die Momente, in denen sich weiches Herbstlicht in die Dünentäler ergießt; in denen sich Nebelbänder durch farbenprächtige Vegetation winden, in denen ein unendlicher Himmel aufreißt und die Sonne die sprühende Gischt wie einen Diamantenregen aufleuchten lässt. Da sind die Momente, in denen nach Regen und Meerwasser duftende Wege zum Strand führen, und zu beiden Seiten glänzen die überreifen Hagebutten wie kandierte Äpfel. — Momente, in denen der HERR einem die ganze Pracht Seiner Schöpfung geradezu um die Ohren haut und mich mit tiefer Dankbarkeit für die Gnade hier leben zu dürfen, erfüllt.

Dennoch. Irgendwie ging dieses Jahr anders vorüber. Man könnte ja meinen, dass nach einem komplett absolvierten Pandemie-Jahr das zweite bereits Gewohnheit wäre, aber dem ist nicht so, zumindest für mich nicht. „Wo war denn der Sommer?“, fragt auch die Freundin, ein wenig Ratlosigkeit im Blick, und ich kann ihr darauf nicht antworten. Nur einmal waren wir dieses Jahr richtig im Meer schwimmen; mit den Füßen drin waren es vielleicht ein paar Mal mehr. Ein einziges Mal hatten wir mit Vorsatz die Strandtasche gepackt und uns zwei Stunden genommen, um Inselurlaub zu spielen, und ein einziges Mal saßen wir wie Touristen im Eiscafé am Tisch, anstatt uns lediglich ein schnelles Hörnchen zwischen Termin A und Pflicht B einzuverleiben, aber sonst? Im Hin- und Her ewigen Wetterwechsels raste der Sommer an einem vorbei; flankiert von all den Katastrophenmeldungen über die verheerenden Überschwemmungen, welche wohl jedem nicht ganz empathiebefreiten Menschen die Leichtigkeit sommerlichen Seins raubten.

Und dann: Die Wahlen. Ein einziger Charakterfriedhof. Was nützen da Rosendüfte und goldenes Dünengras, wenn täglich irgendwo auf der Insel stinkende Jauchefässer ins Zwischenmenschliche gekübelt werden? Und bei all dem Modder im Kleinen — wo soll man dann noch Zuversicht im Großen finden? Aber irgendwann war auch die Kommunalwahl durch, dann die Bundestagswahl, beides noch mit einem blauen Auge irgendwie; das „blau“ hier natürlich nicht parteipolitisch zu verstehen. Auf jeden Fall hätte es jeweils schlimmer kommen können; aber man muss wachsam bleiben, damit das große Elend nicht aus der zweiten Reihe vorrückt, denn wachsam (oder besser: lauernd) ist das Elend wohl stets.

Nun also versuche ich dennoch irgendwie in die Melodie zu finden, am schrägen Beat vorbei; mich einfädelnd zwischen Orgel und Trommel mit dem Gesang, und einen Großteil der Zeit klappt es sogar. Der Beat wirft mich nur ganz sporadisch aus der Bahn, denn es ist von Vorteil, dass ich das Lied gut kenne. Und so ist das wohl auch mit dem ganz großen Lied von Langeoog: Ich erschaudere ob all der Misstöne. Aber das Zwitschern der Rotkehlchen im Gesträuch, das Rauschen der Brandung, das halb in den Seewind, halb in meine Jacke geflüsterte „Ich liebe dich“ der Freundin — all das höre ich trotzdem noch.

Momentaufnahme, Zukunftserinnerung

Nach einigen verhangenen Tagen wurde es endlich wieder schön auf der Insel. Federwolken breiten sich über dem leuchtend blauen Himmel aus wie Engelsflügel. Über dem Kirchturm senkt sich am frühen Abend die Sonne, und es wird nicht mehr lange dauern, bis der Horizont in flammenden Farben erstrahlt.

Es gibt wieder einen Priester auf Langeoog. Der Jesuitenpater ist ein gern gesehener Gast und nicht zum ersten Mal bei uns. Ich schätze seine Predigten, die ebenso intellektuell wie lebensnah sind; mit Sicherheit theologisch fundiert, aber nicht mit der staubigen Erhabenheit reinen Bücherwissens, sondern stets durchzogen von warmen Adern menschlicher Bodenständigkeit. Vor allem mag ich seine Stimme, die tief und rauchig klingt, mit der pointierten Ausdrucksweise eines Berufsredners. Zugegeben: Dieser Pater könnte das Telefonbuch vorlesen und es wäre ein akustisches Fest — umso schöner, dass man ihm aber auch aus anderen Gründen noch gerne zuhört.

Ich bin erleichtert, dass das kirchliche Leben auf Langeoog ausgerechnet mit diesem sympathischen Jesuiten wiederbelebt wird, denn schließlich habe ich auch eine überfällige Beichte nachzuholen. Nach zwei peinlichen Tagen des Sünden-Vorsortierens darf ich endlich den gesammelten Gewissensunrat in seinem Beisein vor Gott kippen. Einmal mehr bewundere ich das Pokerface erfahrener Geistlicher bei der Beichte — es gibt kein Mundwinkelverziehen, keine angehobene Braue. Der Mann hört zu, und erfüllt schließlich seinen Auftrag des Vergebens. Auf Bußwerk verzichtet er, und mir wird klar, dass das, was sich in meinem Herzen nach großer Schuld anfühlte, für einen Priester vermutlich eher noch kleinkalibrig ist. Eventuell waren ihm auch meine Tränen der Scham am Ende Reue genug. Ich weiß es nicht, aber ich bin auch recht froh, dass mir noch genügend Geheimnisse der Sakramente verborgen bleiben. Was ich dagegen weiß, ist: Sie wirken. Und in der Art und Weise, auf die ich diese Wirkung fühle, aber nicht erklären kann, liegt vielleicht auch ihre Heiligkeit.

Die Messen selbst finden noch mit reichlich Abstand, Anmeldung und ohne Gesang statt. Die Kommunion wird auf kleinen Tellerchen gereicht: Jede einzeln. Das bereitstehende Tischchen mit den vielen Tellern erinnert an ein Hotel-Buffet; das weiße Altartuch darauf mindert den Hotel-Eindruck nicht wirklich. 
Aber es ist der Leib Christi, und nach so langer Zeit ohne Eucharistie ist mir fast jede Darreichungsform Recht, solange sie noch halbwegs würdevoll ist. Ich gebe zu: Es hat mir gefehlt. Auch wenn sich die Bistümer und Ordensgemeinschaften unglaublich viel Mühe gaben, die Corona-Durststrecke kreativ zu überbrücken — nichts war wirklich ein Ersatz. Und ich möchte nie wieder so lange ohne priesterlichen Beistand sein.

Vom Balkon aus sehe ich zu, wie sich der Himmel in Pfirsichtönen verfärbt. Die Insel hat sich deutlich gefüllt, aber allmählich kehrt abendliche Ruhe ein. Für Ende Mai ist es noch immer zu kalt, aber der Blütenduft und der Nachtgesang der Vögel lässt mich trotzdem den nahenden Sommer fühlen. Eine gewisse schöne Nostalgie ergreift mich. Ich wühle in meiner Playlist nach Jugendschätzen und grabe das alte Dire-Straits-Album aus. Und obwohl meine Jugend nicht besonders schön war, setzt es auf wundersame Weise sofort gute Gefühle frei. Ich wippe mit den Kopfhörern im Rattansessel und träume mich weit weg:
„I’m going to San Bernardino, ring-a-ding-ding …“

Achja, denke ich, da wäre ich jetzt auch gerne. Die amerikanische Stadt dieses Namens kenne ich zwar nicht, und das zugehörige Lied beschreibt auch nichts Schönes, sondern einen skrupellosen Geschäftsmann, aber an einem Ort, wo man den heiligen Bernhard als Ordensgründer verehrt: Da wäre ich jetzt tatsächlich gern.
Ich sehne mich nach „meinen“ Zisterziensern. Nach dem Frieden im Wald hinter dem Kloster, dem Chorgesang, dem Duft uralter Steine, dem Rascheln langer Chormäntel und dem Anblick von schwarzweiß gewandeten Mönchen, die über den Hof zum Gebet eilen.

Es war ein so schöner Mai in Stiepel, und ein so heilsamer Januar in Heiligenkreuz. Ich weiß nicht, wann ich diese wundervollen Orte wiedersehen kann, aber es tut gut zu wissen, dass es sie überhaupt gibt. Vielmehr: Dass sie teils seit Jahrhunderten bestehen und schon viel mehr überdauert haben als einen Virus.

Doch heute möchte ich an keinen Virus mehr denken. Ich genieße das stille Hereinbrechen der Nacht bei Musik aus vergangenen Tagen und mit all den schönen Erinnerungen, während ich auf die Liebste warte.
Vielleicht können wir hier und jetzt ja auch schöne Erinnerungen für die Zukunft schaffen, denke ich. Stunden und Tage, auf die wir dann irgendwann mit wohltuender Nostalgie und Dankbarkeit zurückblicken — dann, wenn all der Wahnsinn vorbei ist und die Welt ganz neu auf uns wartet.