Momentaufnahme, Knotenpunkt

Nun gibt es ja Menschen, die der Ansicht sind, Katholiken wären alle nicht mehr ganz dicht, oder, um es der Jahreszeit angemessen auszudrücken: Hätten nicht alle Kerzen auf dem Adventskranz. Und angesichts dreier Gestalten, die, lediglich von dem Motto „Das Licht des Herrn leuchte uns“ beschienen, in völliger Dunkelheit am Strand entlang durch den Sand stapfen, scheint das gar nicht so abwegig.
„Da verbinden sich Himmel und Erde, dass Frieden werde unter uns …“ singen sie; dann marschieren sie weiter, verschluckt von der Schwärze der Inselnacht, am Vorabend des ersten Advent.
Eine der drei Gestalten bin ich.
Ein nächtlicher „Adventsgang“ war angekündigt und ich rechnete mit einem kurzen Marsch um die Kirche, mit einigen Stationen des Innehaltens, Singens, Hinein- und Hinaushorchens; zumal wenige Minuten vor Beginn noch ein gewaltiger Wolkenbruch auf die Insel niedergegangen war.
Nun ist der Beginn einer Bußzeit aber offensichtlich nichts für Verweichlichte, und so wurde die alte Seenotbeobachtungsstelle als Ziel angegeben; eine Dreiviertelstunde Marsch von der katholischen Kirche entfernt. In völliger Dunkelheit, mit nichts ausgestattet außer mit dem Vertrauen auf den, der alle Wege kennt.

Ich bin nachtblind. Ich erkenne im Dunkeln maximal noch starke Kontraste, und generell mag ich die Dunkelheit nicht. Ich schließe niemals die Rollläden ganz und kaufe auch keine Gardinen, die jedes Licht fernhalten. Mein Vertrauen auf Gott wuchs mit den Jahren, ich bin froh darüber — aber mein Vertrauen in die Menschheit und in die Nacht bleibt wohl noch länger ausbaufähig. Nun aber muss ich vertrauen. Auf meinen Körper, meinen Gleichgewichtssinn, mein Gehör, meine Erinnerung an die im Hellen so oft beschrittenen Wege, die nun kaum mehr als fleckige Schatten links und rechts von mir sind. Und vor mir liegt nichts als Dunkelheit.

Die Ansammlungen von Teek am Strand sehen bei Nacht aus wie Krallenhiebe eines gigantischen Ungeheuers. Am Horizont blinken die roten Lichter der Windparks, dazu leuchten all die riesigen Frachter auf Reede. Im Nordosten gleitet der Schein des Leuchtfeuers von Helgoland über die schwarze See, im Westen blinkt das von Norderney. In erschreckendem Maße wird mir dabei bewusst, wie sehr die Deutsche Bucht schon zum Verkehrsknotenpunkt der internationalen Schifffahrt geworden ist; wie dicht gedrängt hier die Container von A nach B gefahren werden, obwohl sie, wie etliche Stürme bereits zeigten, in B zum Teil nicht einmal ankommen werden. Und dann liegen die Container für wer weiß wie lange auf dem Grund des Meeres, neben Tausenden toten Soldaten und anderen glücklosen Seelen, welche sich die See im Laufe der Jahrhunderte einverleibte. Und all der über Bord gespülte Müll von Kreuzfahrtriesen, Konsumgier und Berufsschifffahrt wird noch Jahrzehnte später an Strände gespült, schlimmstenfalls mit einem qualvoll verendeten Tier drumherum. 
„Macht euch die Erde untertan“ heißt es in der Bibel, aber in diesem Moment denke ich einmal mehr, dass es die Menschheit damit schon gewaltig übertrieben hat.

Außer der Insel-Seelsorgerin, die die Andacht leitet, ist nur der Kurpriester zum Adventsgang gekommen; beide sind mir sympathisch, was beim Bezwingen der Angst vor dem Dunkeln hilft. Niemand schwätzt; der verheißene Gang in Stille wird wirklich ein Gang in Stille. Meine beiden Weggefährten sind so ruhig, dass ich sie nicht einmal atmen höre; nur ihre leisen Schritte im Sand bieten mir Orientierung. Ungefähr alle 500 Meter bleiben wir stehen, beten und singen ein kurzes Lied. 
In einiger Entfernung rühren sich Seevögel, aber es ist keine übermäßige Unruhe im Schwarm; ich hoffe, wir haben sie nicht gestört.
Die Sicht wird nicht besser: Nachtblind ist nachtblind. Aber ich stelle fest, dass mir die Beschaffenheit des Sandes unter meinen Füßen bereits Aufschluss darüber gibt, an welchem Strandabschnitt wir uns ungefähr befinden mögen und es ist ein herzwärmendes Gefühl, doch schon so sehr mit der Insel verwachsen zu sein. Der dunkle Dünenfuß zu meiner Rechten ist mein Ariadnefaden, meine Schritte werden mehr und mehr sicher; irgendwo hinter mir sind meine Begleiter. Ich merkte nicht einmal, dass ich sie überholte.

Wir verlassen den Strand an einem mir sehr vertrauten Überweg. Durch schwarze Dünentäler geht es auf kurvenreichen Pfaden hinauf, hinab und wieder hinauf zur Aussichtsplattform. Dann sind wir oben, und es beginnt erneut zu regnen. Aber der Regen macht mir nichts, denn längst haben sich der Frieden und das Wunder dieses Nachtganges in mein Herz gegossen, das am Tage noch unruhig und angstvoll gewesen ist. Ich lernte: Es tut gut, zu vertrauen. Es lohnt sich, auch einmal die Kontrolle abzugeben. Es ist ein großartiges Gefühl, zu wissen, dass sich sogar ein beherzter Schritt in die Dunkelheit lohnen kann. Und dass es sich lohnt, sich seinen Ängsten zu stellen.

Der Priester hat einen Schirm dabei, er hält ihn väterlich über die Seelsorgerin und mich. „Es kommt ein Schiff geladen“, singen wir. Ich mag das Lied; nicht nur, weil es so gut an die Küste passt. Ich mag seine Bilder, und die getragene Melodie mag ich auch. 
„Das Schiff geht still im Triebe / es trägt ein’ teure Last / das Segel ist die Liebe /der Heilig’ Geist der Mast.“

Wieder zuhause, kommen die Sorgen des Tages zurück. Aber es ist schon weniger schwarz am Horizont.
*** Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern einen gesegneten 1. Advent ***


 

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Momentaufnahme, Waldgeister

Bald ist es geschafft. Welche Wohltat, beim Heimkommen wieder die ersten dauerhaft verschlossenen Rollläden zu sehen und die Möglichkeit zu haben, am Tage zu schlafen, ohne von infernalischem Gebrüll, Möbelrücken und Klospülungen im Minutentakt aufzuwachen. Endlich kann auch ich mir ein Stück Inselsommer erobern und auf meinem Balkon sitzen, ohne unfreiwilliger Zaungast von fremderleuts Beziehungsleben, Erziehungs- und Essgewohnheiten zu sein. Zwar donnern nachts noch reichlich bezechte Halbstarke mit ihren Lautsprechern Richtung Jugendherberge, und noch steht man mit dem Fahrrad an jeder Kreuzung im Stau, weil irgendwer meint, sich mit seinem Rad dort zum Plausch quer hinstellen oder erst umständlich die Marschroute ausdiskutieren zu müssen. Aber es bessert sich: Im Haus kehrt Ruhe ein und auch die Parkplatzsituation lässt einen zunehmend weniger über das Themenfeld „Überbevölkerung“ nachdenken.
Ab und zu kann man in all dem Gewirr aus Menschenlärm auch wieder einen Vogel hören. Ich nippe in meinem Rattansessel an selbstgemachter Waldmeisterlimonade und sehne mich nach Stille. „Einsame Insel“, denke ich müde, „wenn die Leute wüssten.“ Zumindest nicht im August.

Ich mag den Herbst. Mit jedem Schluck der zartgrünen, sprudelnden Flüssigkeit träume ich mich in die stillen Wälder meiner Kindheit zurück. — Gut, in der Erinnerung still, denn in Wirklichkeit ging das infernalische Gebrüll von damals wahrscheinlich auch von mir aus, aber die Geräuschkulisse habe ich vergessen, die Schönheit des Waldes hingegen: Niemals.
Der Waldmeister wuchs in hellgrünen Teppichen unter mächtigen Buchen; bis tief in den Wald hinein spann sich an schönen Tagen ein Netz aus Sonnenflecken, welches das Waldmeistergrün umso prachtvoller hervorhob. Dazwischen leuchteten all diese winzigen, sternförmigen Blüten. Wir pflückten ein paar Blättchen davon, zerrieben ihn zwischen den Fingern und sogen das schwache Aroma ein, das sich erst mit dem Welken der Pflanze wirklich entfaltet. Ich liebte alles mit Waldmeister; von Brausebonbons bis Wassereis. Und sein leuchtendes Immergrün mitten im Wald war mir stets ein verlässlicher kleiner Frühling, auch wenn die Buchen sich längst herbstlich färbten.
Aber manchmal half auch der nicht.

Am Ende des Waldweges lag eine Wetterhütte. Aus Erwachsenensicht war es vermutlich nicht allzuweit dorthin, aber für ein Kind war der Weg zur Hütte die Querung eines halben Kontinents. In der Regel pausierten wir dort eine Weile, schauten über unseren ausgewickelten Butterbroten ins Tal und machten uns dann auf den Rückweg. Einmal hatte ich ein kleines Stofftier dabei, ich vergaß es in der Hütte und bemerkte sein Fehlen erst, als wir den Wald schon fast wieder verlassen hatten. Natürlich gab es ein großes Geheul, aber meine Eltern hatten keine Lust, zurückzugehen, und so sagten sie mir, ich solle es allein holen gehen, wenn ich es denn so dringend wiederhaben wöllte. Vermutlich war ich nicht mehr ganz klein, das erinnere ich nicht, aber es war auch zu einer Zeit, in der man seine Kinder noch problemlos allein zum Spielen in den Wald schicken konnte, ohne das Jugendamt am Hals zu haben. Wir machten das ja auch sonst ständig, es gab keine Mobiltelefone, die Überwachung im Viertel übernahmen im Fenster liegende Senioren statt GPS-Systeme, Bauer und Förster kannten einen, und heim ging man, wenn die Straßenlaternen leuchteten. Kind allein im Wald war also per se kein Drama und die pädagogische Intention durchaus nachvollziehbar — Aber ich schweife ab, vermutlich aus gutem Grunde.
Denn natürlich brachte ich das Stofftier nicht heim. Nach etwa zwei Dritteln des Weges bekam ich Angst. Merkwürdigerweise nicht einmal mitten im Wald, aber zwischen Wald und Schutzhütte lag noch ein Acker, und irgendwie fürchtete ich mich vor dieser offenen, gleichförmigen Feldfläche mehr als vor der schattigen Umarmung der riesigen Rotbuchen. Es wäre nicht mehr weit bis zur Hütte gewesen, ich konnte ihr Dach aus groben, dunklen Holzstämmen sogar schon sehen, aber ich schaffte es nicht, und so kehrte ich um.
An das Stofftier dachte ich lange noch. Ich stellte mir vor, wie es dort in der Hütte weinte und fror und in der Nacht noch viel mehr Angst hatte als ich, der es so schändlich verraten hatte. Ich hoffte, dass ein anderes Kind es vielleicht gefunden hatte, es trocknete und wärmte und nun liebevoll damit spielte. Zugleich verfolgte mich albtraumhaft das Bild, dass es auch ganz anders sein könnte. Dass das Stofftier dort einsam im Dreck lag und ein Wildschwein seine Hauer in den weichen, wattegefüllten Bauch grub, in den ich so oft trostsuchend meine Nase gedrückt hatte. Dass die klammfeuchten Herbstblätter seine Überreste begruben, dass es dort draußen starb, weil ich es verlassen hatte. Weil ich zu feige gewesen war. Weil ich es nicht gerettet hatte.
Natürlich war es nur ein Stück altes Bettlaken, das meine Mutter mit Watte ausgestopft und mit einem lieben Gesicht bestickt hatte, aber man kennt das: Als Kind sind Stofffreunde für einen lebendig, sie fühlen und leiden. So lernt man wohl Empathie. Und zuweilen auch Abschiednehmen.

Ich fülle die Waldmeisterlimonade auf und denke über Verrat nach und darüber, das man manchmal etwas Schlechtes tun muss, um noch Schlechteres zu verhindern. Ich frage mich: Gibt es überhaupt eine Rechtfertigung dafür, einen früheren Freund zu verraten, ihn auszuliefern, auch wenn er sich der Freundschaft als nicht würdig erwiesen hat; auch wenn er selbst Menschen, die ihn liebten, verriet? 
Auch wenn er etwas sehr Schlimmes getan hat oder kurz davor steht, etwas Schlimmes zu tun? Meine spontane Antwort hätte immer „Nein“ gelautet. Loyalität ist mir heilig. 
Was aber, wenn man an einen Punkt gerät, an dem man einen Menschen verraten muss, um viele andere vor ihm zu schützen? Was, wenn man ihn vor sich selbst schützen muss? 
Es ist eine schwierige Entscheidung, die sich niemals gut anfühlen kann. Man denkt an all das Schöne und Gute, das man einst in diesem Menschen sah, und das vielleicht auch noch immer in ihm ist. Und dann sieht man das Destruktive und all das, was neben dem Schönen und Guten noch gärt und ihn vermutlich längst zu vergiften droht — ein Gift, das auch in sein Umfeld sickert. Es liegt kein Segen darin.
Nach schmerzhaftem Abwägen, Ringen und Hadern geht es dann irgendwann nicht mehr; der Füllfederhalter ist der Dolch, den es aus dem Gewand zu ziehen gilt. Ein Brief erreicht eine Behörde, seinen Vorgesetzten oder eine Institution: Retten Sie ihn. Manchmal muss man Schuld auf sich laden, um Schuld abwenden zu können. Und man wünschte, jemand anderes hätte diesen Drecksjob gemacht.

Dann bin ich wieder auf dem Waldweg, der Freund schläft ahnungslos in der Hütte. Er kennt sich in diesem Wald nicht aus, und ich werde fort sein, wenn er aufwacht. Ich habe ihn nicht gewarnt. Das Tal, das sich unter der Hütte breitet, sieht friedlich aus am Tage, aber nun wird er sich auch der Nacht stellen müssen und all den Kreaturen, die aus dem Dunkel des Waldes nach ihm spähen. 
Der Mann ist erwachsen, denke ich. Er schafft das schon. Er hätte mich ja auch nicht so weit mit hinausnehmen müssen. Und doch verfolgt mich der Verrat wie die geflügelten Ameisen am Rande des Ackers, vor denen mich ekelt, und richtet sich drohend gen Himmel wie die scharfkantigen Grannen des Getreides auf dem Felde.
Kyrie eleison.
Vielleicht war so auch unsere Freundschaft, denke ich, als mein Blick über das sanft wogende Feld streicht: Von Weitem betrachtet weich und golden, fruchtbringend, nährend und voller Geborgenheit, voll von verborgenen Schätzen. Und vom Nahen? Ein auswegloses Dickicht, in das man nie so weit hätte gehen dürfen. Und beim Versuch, sich Licht zu verschaffen, schnitt man sich die Hände blutig und walzte zwangsläufig eine Schneise hinein. Zwischen den goldenen Halmen: Auch nur Dreck und Gewürm, und bei Nacht wühlen die Wildsäue darin. Der Mann ist kein Freund mehr. Wir sind einfach vorbei.

Die Zeit der Ernte naht; danach ist der Acker nackt und alles, was noch an das Getreide erinnert, wird bald untergepflügt sein. Auch der Wald sieht jetzt anders aus, nur einige alte Bäume haben die Zeit überdauert. Ob darunter noch Waldmeister wächst, weiß ich nicht.

Momentaufnahme, Siedlung

Nach dem Gewitter kommt langsam wieder Leben über das Land. Im Vorgarten durchbrechen grüne Halme die vormals verbrannte Erde; drei weiße Schmetterlinge jagen sich über den sonnengelben Blütendolden des Rainfarns, auf dem noch, Glasperlen gleich, letzte Regentropfen schimmern. 
Noch ist der Himmel verhangen, aber es wird nicht lange dauern, bis das Licht das Wolkengrau verdrängt. Eine erste Ahnung von Blau ist schon zu sehen.

Ich gehe zum Strand. Die Luft ist mild. Außer mir ist niemand dort, die Menschen sind fort. Denn obwohl die Insel zurzeit vor Leuten überquillt, haben mit Einsetzen des Regens alle fluchtartig ihre gestreiften Trutzburgen der Strandkörbe verlassen und das Meer an Strandzelten und Campingsesseln eingeklappt. Was bleibt? Eine seltsam anmutende Siedlung, die für mich eine Menge über den Status Quo der Gesellschaft aussagt.

Denn zum ersten Mal wird mir bewusst, wie viele der Strandkörbe mit einem kleinen, künstlich angelegten Wall umgeben sind; hinzu kommen jene, welche mit Wäscheleinen, Gittern, Fahrradschlössern für die Dauer der Miete abgesperrt wurden, Territorialanspruch und exklusive Nutzungsrechte in die Welt schreiend.
An Stellen, wo nur wenige Menschen hinkommen, ist der Sand glatt und eben. Eine Fläche, die im technischen Sinne „egal“ ist, aber auch im übertragenen Sinne: Der See ist es egal, wer dort entlang läuft. König oder Bettler, Papst oder Politiker, Angestellter oder Aufsichtsrat. Gleichermaßen werden die Fußspuren mit der nächsten Welle eingeebnet: Egalisiert.
Nicht so, wo der Mensch den Strand sein eigen meint und ihn zur Sommerfreude okkupiert. Wie sehr zeigt sich hier das menschliche Bedürfnis, sich Land und Dinge Untertan zu machen und sich, wiewohl süchtig nach Gesellschaft, stets über andere zu erheben oder sich von ihnen abzugrenzen; am liebsten im Rudel, verschanzt hinter der vermeintlichen Macht der Gruppe und/oder ein paar reißenden Leitwölf_innen: 
Wir gegen Die.
Indes: Dass die lauteste Mehrheit nicht zwingend Recht hat, sollten wir in unserem Land seit spätestens 70 Jahren wissen.

Mir ist das nicht geheuer, jetzt, wo ich all diese Festungen dort verwaist vor mir sehe. Ich übersteige einen der Wälle und setze mich in einen der Strandkörbe — Hausbesetzung leicht gemacht.
Mein Hang zum Subversiven, schon früher Gegenstand der Verzweiflung beim Lehrkörper meiner Jugend, ist offenkundig nicht totzukriegen. Ich akzeptiere Dinge nicht, weil sie nunmal so sind oder immer so waren, sondern weil sie mir einleuchten. Weil sie logisch sind und im Idealfall auch gut.
Und was mir nicht einleuchtet, hinterfrage ich. Geht so nicht eigentlich mündiges Bürgertum? 
Etwas ratlos blicke ich zurück und frage mich, warum für viele auch der Grat zwischen Aufmerksamkeit und Auflehnung so schmal ist. Und für viele sind Lösungen so einfach, ach so einfach.
Man kritisiert Missstände auf der Insel? „Ja, dann zieh doch weg.“ Es kriselt in der Partnerschaft? „Ja, dann trennt euch doch.“ Es kommen Herausforderungen auf Europa zu? „Grenzen dicht.“ Man hadert mit ein paar Details römisch-katholischen Kirchenrechts? „Das hast du doch von Anfang an gewusst.“ Beliebte Varianten sind auch: „Hab ich gleich gesagt“ und „War doch klar, dass das schwierig wird.“ — Als ob Stillhalten und -sein oder gar Flucht je ein System verändert, je eine Gesellschaft vorangebracht hätten!
Auch ist es ein Trugschluss zu glauben, ein leichtes, einfaches Leben sei automatisch ein glückliches oder Zufriedenes. Glück braucht so viel mehr als das geringstmöglichse Maß an Reibung: Oft sogar das Gegenteil davon.

Wann, frage ich mich, ist den Leuten eigentlich der Kampfgeist flöten gegangen, das Eintreten für das, was man liebt, und das, was einem wichtig ist? Warum geht „guter Rat“ zunehmend nur noch in Richtung Duckmäusertum oder Kapitulation? Was bitte, ändert sich vom Schweigen und Aufgeben? Was vom passivem Verharren, was von der Flucht in Was-auch-immer? 
Wo, frage ich mich, ist der Wille, die Veränderung zu sein, die man sich wünscht? Muss man denn wirklich immer erst auf „die anderen“ warten, wie in der Schule, als man sich erst aufzuzeigen traute, wenn es auch ein anderer machte, damit man nicht als Streber galt, als vorschnell, als besserwisserisch? 

Wird denn wirklich nur noch aufgestanden, um sein für alles andere blind machende ICHICHICH gegen ein ominöses „DIE DA“ zu verteidigen?
Wobei ich mit dem ICHICHICH das herrische Gebaren vieler gesellschaftlicher Gruppierungen — von Aktivismus bis Politik — oder (um auf den Mikrokosmos „Tourismus auf Langeoog“ zurückzukommen) auch das etlicher Kleingruppen und Paare einschließe. Diese Menschen mögen alle naselang in der „Wir“-Form sprechen: Von Gemeinschaft haben sie trotzdem nichts verstanden.

Nun also, die Strandkörbe. Eigentlich ein schönes Blid man Strand, aber mit diesen unzähligen Festungswällen drumherum ein trauriges Bild. Ich mache ein Foto davon und nenne es „die Einsamkeit der Strandkörbe“; es ist das trostlosesete Motiv, das ich je auf der Insel fand.
Der Himmel reißt auf; in Kürze werden Strand und Burgen wieder belebt sein. Dann verläuft sich der Exklusivitätsanspruch, weil überall Kinder und Hunde herumwuseln und es sich nicht vermeiden lässt, dass auch Utensilien in den „Vorgärten“ der anderen landen oder ab und zu einer hindurchlatscht. 
Vielleicht, und nur das rettet meinen Glauben an die Menschheit, sammelt auch jemand aus der Nachbarburg mal einen fremden Ball auf und gibt ihn zurück mit einem Lächeln oder jemand leiht einer fremden Familie etwas. Vielleicht gibt es dann ab und zu auch eine Gemeinschaft unter Fremden, für mich das Ideal von Gemeinschaft.
Es ist zu leicht, sich in seinem eigenen Mikrokosmos einzusperren und abzuriegeln, zunehmend unerreichbar für
Milde, Nachsicht, Bildung und Menschlichkeit.

Auch das beobachte ich als beunruhigenden Trend: Die Menschen scheinen mir immer härter und unbarmherziger gegenüber anderen, aber im Inneren zunehmend verweichlicht. Wo geht eine Gesellschaft hin, frage ich mich, wo Schmeichelei, Heuchlerei, Opportunismus und Anpassung, in ihrer kriecherischsten Form, als Tugend gefeiert werden? Wo Kinder von klein auf auf „Markttauglichkeit“ gedrillt werden, bei gleichzeitiger gravierender Überbehütung? Wo „Freundschaft“ wie eine Aktie gehandelt wird, wo der Mut zur eigenen Meinung oder gar zur Veränderung gleich als Querulantentum gilt?
Auf der anderen Seite werden ekelerregende Ausprägungen menschlicher Kälte immer salonfähiger: Bösartigkeit und Häme, wohin man blickt. In den Sozialen Medien wird das besonders deutlich. Menschen sterben: Haha-Emoticon. Frau wird vergewaltigt: Haha-Emoticon. Menschen fordern Menschenrechte: Haha. Menschen krebsen am Existenzminumum: Haha. Menschen sagen ehrlich ihre Meinung: Haha. Natürlich ohne konstruktive Gegenrede — man kommt heutzutage ja wunderbar ohne die Anstrengung des Denkens aus, wenn man stattdessen doch genauso gleich persönlich werden kann.
Eine Frau beschwert sich über Sexismus: „Alte sei froh, wenn dich überhaupt noch einer anpackt“. Ein Krankenpfleger klagt über Arbeitsbelastung? „Wenn du in der Schule nicht versagt hättest, hättest du jetzt einen anderen Job und bräuchtest nicht jammern“. Gern auch abgekürzt zu „Mimimi“: Die Infantilisierung der Welt. Noch so eine Seuche, aber ich will nicht abschweifen.
Was ich am meisten vermisse, sind wohl zwei Tugenden, die man, so finde ich, gar nicht hoch genug achten kann: Demut und Dankbarkeit.

Demut und Dankbarkeit gegenüber der Schöpfung, gegenüber dem, was man hat, gegenüber der Gnade des Leben-Dürfens. 
Es gibt so viel, das nicht selbstverständlich ist. Aber um das zu entdecken, muss man bereit sein, seine Festung, sein Rudel zu verlassen und sich den Dingen — und Menschen — stellen. 
Und es lohnt sich, auch immer wieder neu hinzusehen, den Dingen und Menschen einen zweiten, dritten, vierten Blick zu schenken, anstatt schon nach einem halben die Schubladen zuzuknallen und seine Meinung als gesetzt anzusehen. Überall bieten sich Neuanfänge und Perspektiven, auch und gerade jenseits zubetonierter Pfade.

Der Himmel über Langeoog macht das aufs Schönste vor: Steht über dem Meer noch eine schwarzgraue Gewitterwand, so zeigt sich über den Dünen bereits der erste, goldene Schimmer von Sonnenlicht. Wenn man sich ein Stück vorlehnt in seinem Strandkorb und um sich blickt, sieht man das. Guckt man stur geradeaus, ist da nur das Gewitter.

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