Momentaufnahme, Hier und Jetzt

Es ist die Nacht vor Heiligabend. Erste Orkanböen rütteln am Haus. Ich spähe unter den Decken hervor zur Uhr: Nicht einmal Fünf. Dennoch liege ich wach, eingehüllt in dunkle, warme Geborgenheit, dem soeben vergangenen Traume nachsinnend: Ein wenig irritiert, begleitet von einer diffusen Sehnsucht und einem seltsamen Gefühl grundlosen Glücks. Erneut habe ich von dem Mann geträumt — Und wieder war es ein schöner Traum. Welch Wunder, denke ich, über mich selbst spöttelnd: Natürlich träume ich von diesem Mann noch schön. Er ist noch neu; er hat mich ja auch noch nie verletzt.
Dennoch ist für jemanden, der mit unschöner Regelmäßigkeit von Albträumen und Pavor nocturnus heimgesucht wird, jeder friedliche Schlaf ein kleines Wunder, und also gebe ich mich wohlig der Erinnerung hin.
Der Mann erscheint nie klar konturiert im Traum; in seiner Schemenhaftigkeit zwar ein wenig geisterhaft, aber doch ein Geist, den niemand zu fürchten braucht. Denn seine Haut ist warm und glatt, und ich höre das Schlagen seines Herzens, das menschlicher nicht sein könnte. Auch spricht er wenig, aber wenn, dann mit ruhiger, angenehmer Stimme. Ich fühle mich wohl in seiner Nähe.

Auch im Traum ist es eine Winternacht. Vor dem Fenster bewegen sich Zweige, versilbert vom kühlen Licht eines großen, klaren Mondes. Der Mann ist bei mir, aber er schläft nicht. Genau wie ich liegt er mit offenen Augen wach und lauscht dem Sturm, der an den Fenstern zerrt. Leise summt er ein paar Töne eines Lieds, das ich sofort erkenne: Es ist eines meiner Lieblingslieder. Ich wusste bisher nicht, ob er singen kann, aber es klingt klar und schön, und ich freue mich darüber, weil ich mir einbilde, dass er es für mich summt. Schließlich weiß er, dass auch ich nicht schlafen kann, sondern um diese Uhrzeit immer wachliege, wie fast alle von episodischer Schwermut Geplagten, und so eint uns auch dieses Schicksal: Die Wanduhr zeigt kurz vor Fünf.
Ich küsse ihn in rührseliger Dankbarkeit auf die im Mondlicht fast porzellanartig makellos anmutende, nackte Schulter. „Schön, dass du da bist“, flüstere ich. Der Mann sieht mich an. „Du weißt doch gar nicht, wo ich gerade bin.“
Jetzt bin ich hellwach. Ich richte mich auf, weil mir der Satz kryptisch vorkommt, und auch ein bisschen unheimlich. „Wie meinst du das?“
Aber der Mann lächelt nur und sieht hoch zum Mond, der ihm aus irgendeinem Grund gerade näher zu sein scheint als ich. Das blaue Licht färbt seine Augen und die warmen, honiggoldenen Strähnen in seinen Haaren silbern. Mir fallen Liedzeilen von Franz Ferdinand ein, meiner Lieblingsband als Twentysomething. Gott, ist das lange her. Aber den Text weiß ich bis heute:

Blue light falls upon your perfect skin / falls, and you draw back again / falls, and this is how I fell.

Come on home. 

Er hat Recht, denke ich, resignierend in seinen Arm zurücksinkend. Er ist nicht hier. Er ist irgendwo anders, und womöglich hat er das Lied gar nicht für mich gesummt, wahrscheinlich weiß er gar nicht, dass ich es liebe. Das ist wohl immer die Gefahr, wenn wir uns verlieben, aber den anderen eigentlich noch gar nicht kennen: Wir füllen die Wissenslücken mit Wunschdenken. Wir projezieren unsere Träume auf den anderen. Weil wir möchten, dass er fühlt, was wir fühlen, sieht, was wir sehen. Im Idealfall ist das auch so. Aber die Realität heißt: Wir wissen es nicht.

Nein, resümiere ich also, ich weiß nicht, wo du gerade bist. Aber ich wäre gerne bei dir. Und wenn du es dort nicht aushältst, nehme ich dich mit zu mir ans Meer, oder wir suchen einen Platz, den wir beide ertragen. Aber dafür muss ich wissen, wo ich dich finde. Auch wenn du jetzt neben mir liegst und ich dir physisch näher kaum sein könnte.
Ich sehe zu ihm hoch. Sein Gesicht ist jetzt deutlich als seines erkennbar; er hat charaktervolle, dennoch sanfte Züge, die etwas Verträumtes, zuweilen Verspieltes, umgibt. Ich mag das.
Dennoch bleiben seine Konturen unscharf, was vermutlich nichts damit zu tun hat, dass ich nachts keine Kontaktlinsen trage — zumindest erinnere ich nicht, dass meine Kurzsichtigkeit jemals im Traume ein Thema gewesen wäre. Vielmehr ist es wohl so: Ich mag diesen Menschen. Genug, um von ihm zu träumen. Aber ich kenne ihn nicht genug, um ihn wirklich klar vor mir sehen zu können, was schade ist.
Und so liegt wohl eine gewisse Gefahr darin, wenn man sich nur ein- oder zweimal sieht, die gegenseitige Anziehung begreift, aber den Rest dann nur noch schriftlich oder fernmündlich erledigt. Denn oft kommt es dann so, dass die reale Person irgendwann nur noch eine Art Kerntheorie ist, ein Stichwort, und alles Weitere ein Produkt unserer Phantasie und unseres Wunschdenkens, mitunter sogar eines unseres Narzissmus: Nämlich in jenen Parts, in denen wir wünschen, dass der Significant Other uns möglichst gleicht — Wen der Bauer nicht kennt, liebt er nicht.

Ich will dich aber kennen, rufe ich innerlich in verzweifeltem Trotz, weil ich dich lieben will! Für eine Sekunde fürchte ich, es laut ausgesprochen zu haben, aber der Mann liegt immer noch still und sieht sich den Mond an.
Ich möchte dich sehen, im Hier und Jetzt. Ich möchte bei dir bleiben, bis der Tag deiner im Mondlicht so blassen Gestalt wieder Farbe verleiht, bis dein Gesicht klare Konturen bekommt, bis die aufgehende Sonne das Blau in deine Augen zurückbringt und den Honigton in deine Haare. Und ich möchte, dass auch du mich siehst.
So, wie ich bin. Und trotzdem nicht wegläufst. Und trotzdem all das hier nicht für ein Versehen hältst, mich nicht für einen Lügner und unsere Liebe nicht für ein kleines, schmutziges Geheimnis.
Sieh mich an.
Ich wünschte, ich könnte ihm das sagen. Aber ich schweige.
„Schlaf“, sagt der Mann, und er küsst mich beiläufig, mit abwesendem Blick, so wie jemand, der sich am Bahnhof verabschiedet und mit halbem Herzen dabei schon im zur Abfahrt bereitstehenden Zug sitzt.

Ich muss mich nicht in „Freud“ umbenennen, um zu ahnen, was diese Traumsequenz bedeutet: Es gibt kein Vertrauen ins Jetzt. Vielmehr wähne ich mich das ganze Leben lang zwischen zwei Zügen — entweder noch wartend oder bereits verlassen. Und auch wenn ich nicht immer allein am Gleis stehe, so sind Bahnsteige doch per se ungemütliche Orte: Immer getränkt mit Sehnsucht und Abschied.
Der Traum ist vorbei. Ich stehe auf und mache koffeinfreien Kaffee, in der absurd lächerlichen Hoffnung, danach vielleicht doch noch schlafen zu können, die morgendliche Schwermut begrüßend wie ein altes, gebrechliches Haustier.
Ich denke an das Lied aus dem Traum und spiele es mir vor, aber ich mag es nicht mitsummen, weil meine Stimme nicht mehr schön ist, weil sie verlorenging, irgendwo zwischen Bahnsteig A und B.
Das Reisen ist teuer. Aber nichts ist so wertvoll wie die Ankunft und das Bleiben.

Ich sehe wieder zum Bett, das jetzt leer ist. Gerne hätte ich dem Mann aus meinem Traum noch etwas gesagt.
Nein, denke ich, ich weiß nicht, wo du gerade bist. Und es geht mich auch überhaupt nichts an. Vermutlich sollte ich mich einfach von dem Gedanken befreien, jemanden immer zur Gänze begreifen zu wollen. Denn ist es nicht gerade das Geheimnisvolle, sind es nicht gerade all die kleinen Abwesenheiten in der Anwesenheit, die jemanden begehrenswert machen? Habe ich nicht selbst genug verschwiegen?

Ich denke an die kleine, bunte Inselbahn, und dass der Mann den Kopf einziehen muss, wenn er da ein- und aussteigt, weil er so groß ist. Die Bahn sieht dann noch mehr aus wie ein Spielzeug.
Die Erinnerung an dieses Bild touchiert mein Herz. Es ist nicht wirklich schmerzhaft, aber es reicht, um ein leichtes Ziepen zu verursachen; einhergehend mit dem Wissen, dass Bahnhöfe ja nicht immer nur für Durchreisen und Abschiede stehen. Es gibt auch Wiedersehen. Es gibt Ankünfte. Eine sirupsüße Spur von Hoffnung zieht sich durch das Gemüt.
Vielleicht kommt er ja wieder, denke ich. Vielleicht sind wir dann wirklich zusammen schlaflos. Vielleicht wissen wir dann, wo wir sind.
Und vielleicht kann auch einer von uns bleiben.

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Momentaufnahme, Gold

Heute Nacht badet der Mond in einer Wanne mit flüssigem Gold. In rötlich schimmernden Nebel getaucht, umgeben von schwarzen Wolken, die sich deutlich vom nachtblauen Himmel abheben, lugt er satt, riesig und voll durch die Zweige der Kiefer am Ende der Straße. Es sieht aus wie ein Holzschnitt von Hokusai.
Eigentlich ist er nicht mehr ganz voll, aber er ist noch immer sehr groß; so groß, als wolle er bald herabfallen, unser Trabant. Tatsächlich ist er zu einer Seite hin schon wieder angefressen, aber ist es nicht häufig gerade das Unperfekte, das uns am Vollkommensten erscheint? Oder, vielmehr: Sehen wir bei Dingen, die so poetisch und wunderschön sind, nicht mit Freuden über etwaige Makel hinweg? Betrachten wir wieder den Mond: Als was sehen wir (zumindest jene unter uns, die keine Astrophysiker_innen sind; ergo keinen wissenschaftlichen Blick darauf haben) denn beispielsweise seine Krater? Als Narben, als etwas Entstellendes? Oder sind es nicht gerade seine Krater, die das Antlitz des Mondes so faszinierend machen und um die sich, kulturübergreifend, all diese Legenden über den Mond ranken? Ich mochte seinen chinesischen Namen, oder besser — ihren: Yueliang. In China ist der Mond weiblich konnotiert. Yueliang: Das ist melodisch und geht in der Regel auch Europäer_innen leicht von der Zunge.
Es gibt einen alten Schlager: „Der Mond ist wie mein Herz“, Yueliang daibiao wode xin. Die Sängerin, Deng Lijun, hängte sich 42jährig aus unglücklicher Liebe auf, aber das Lied wird heute noch in jeder Karaokebar wiedergekäut, Friede ihrer Asche.
Nun also der Mond über Langeoog. Und ich denke, dass jeder Mensch doch irgendwelche Krater auf seinem Herzen hat, Täler und Anhöhen, oder Narben auf seinem Körper. Der Mensch kann, wie der Mond, mal zu voller Größe erwachsen, dann wieder klein und unscheinbar sein, und manchmal kann er sogar größer sein als die Sonne, für einen Moment. Aber wir wissen, dass der Mond immer da ist, egal, wie fern er erscheint, und ist nicht genau das auch ein Ideal für die Liebe? Liebe muss nicht immer präsent sein. Sie muss nicht immer rein sein, makellos und schön. Sie muss nicht einmal immer nah sein. Wir müssen nur wissen, dass sie da ist.
Wir müssen nur wissen, wo wir sie finden.
Beim Mond ist das einfach.
Und so sehe ich heute dankbar zu ihm empor, lausche dem Zirpen der Grillen, dem Rauschen der nahen Brandung, und der melodischen Stille meiner Insel. Und ich denke an dich.
Im Norden zeichnet sich die vertraute Kontur Tjard-sin-Utkieks ab; dahinter  liegt der Strand. Ich sehe all dies, als sei hellichter Tag. Und doch gibt es nun jemanden, der ein — noch weichgezeichnetes — Bild von Wäldern und Weinbergen dazwischen schiebt, und an die dunkel in den Nachthimmel aufragenden Wände der Dünen des Pirolatals lehnt sich mächtig die Mauer einer Burg, zu deren sternbeleuchteten Zinnen Nebel aufsteigt.
Von irgendwoher klingt Musik, zu der niemand mehr singt.

Ich flöhe mein Musikarchiv nach Liedern, die eine glückliche Liebe beschreiben, aber ich stelle fest, dass ich all diese in einem Anfall von Frustration wohl einst gelöscht haben muss; vielleicht gefielen sie mir aber auch nie. Denn tatsächlich gebiert wohl in allen Genres das Unglück die größte Kunst. Und nun steht man da, mit dem Zauber des Anfangs, und weiß noch nicht so recht damit, wohin.
Aber man weiß, dass es schön ist. Das sollte es nicht, denke ich — weiß ich denn immer noch nicht, wie es endet? Warum ist Liebe so zäh? Warum blendet sie einen immer wieder mit diesem aus dem Nichts auftauchenden Funkeln, obwohl dieses Licht einen schon viel zu oft hinauszog auf die dunkle, wilde See, und kein schöner Matrose kam, um einen zu retten. Und so irrlichterte man herum, bis man nass, frierend und nackt in irgendeinen Hafen schwamm, wo einen dann jemand mit Rum und Liedern tröstete — und dann die Scheiße von vorn losging.

Und doch sagt mir das Herz auch jetzt: Sieh hin. Geh raus. Schwimm. Und schwömmst du auch um dein Leben. Denn wer weiß, ob er nicht gerade dasselbe tut, und dann trefft ihr euch draußen, auf einer Insel, und da wartet sie dann: Die Liebe, die Richtige, jetzt und für immer, oder zumindest für eine Weile.
Ich denke an dich und dass du vielleicht gerade jetzt dein Boot zu Wasser lässt. Gezeichnet von anderen Narben und Kratern als ich, aber dennoch schön und geheimnisvoll. Auch ich sehe jetzt sehnsüchtig auf mein Schiff, das so lange schon im Schuppen vor sich hinstaubt. Heute bescheint es ein goldener Mond.
Es ist nicht weit bis zum Hafen, denke ich. Wir könnten es schaffen.
Und dann bist du da und deine Fingerspitzen berühren all das Unperfekte an mir, als sei es so selbstverständlich da wie meine Fingernägel und Ohren: Ich muss mich nicht schämen, obwohl du es siehst. Ich muss nichts erklären. Ich muss einfach nur sein: Weil du alles liebst, was mich ausmacht; die Vergangenheit ebenso wie das Jetzt. Wie schön das wäre, denke ich.
Irgendwo auf der Persenning glitzert verheißungsvoll Tau. In der Ferne ist das Licht. Der Seewind bringt eine Ahnung vom Duft des Waldes, ich sehe dein Lachen inmitten des Weinbergs, und über die Deutsche Bucht fällt der Schatten der Burg: Wir könnten es schaffen.
Im Hafen ist alles ruhig; nichts ist zu hören außer dem silbrigen Gluckern der Priele und den kleinen Wellen, die an die Stege und Bootsrümpfe schlagen.

Die Vögel im Watt schlafen: Auch sie müssen sich vorbereiten auf ihre lange Reise. Auch für sie wird diese nicht immer gut ausgehen. Und doch versuchen sie es, immer wieder, so wie es ihnen ihr Instinkt befiehlt.

Auch ich weiß nicht, was mich erwartet. Loslassen ist schwer. Und jeder Aufbruch bedeutet auch Angst. Ich denke an dich: Bald wirst du hier sein.
Du trägst jetzt einen anderen Namen.

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