Anstrich

Mit dem neuen Jahr wächst die Lust auf Farbe. Beim Heimkommen schaue ich auf den glitzernden Weihnachtskranz an der Tür, den ich vor wenigen Wochen noch glücklich dorthin gehängt hatte. Nun bin ich ob seines Anblicks zwiegespalten: Wunderschön, einerseits. Andererseits mag ich ihn nicht mehr sehen. Seit wenigen Stunden ist das neue Jahr da, noch makellos und unzerknittert liegt es vor mir wie ein frisch gemangeltes Bettuch. Und die nächste Jahreszeit ist der Frühling. Weihnachten ist so 2021, denke ich. Weihnachten ist Dezember. Januar dagegen ist doch irgendwie schon kurz vor März. Und danach ist fast schon Mai. Maximal eine richtige Schnee- und Kälteperiode ist jetzt noch zu ertragen auf Langeoog — dann kommen die Krokusse, kommen die Narzissen, kommen die Zugvögel. Warum sollte dieser Kranz also noch bleiben und bei jedem Türöffnen ein wenig Altjahr mit in die Wohnung tragen? „Frühlingskranz kaufen“, google ich wenig später, denn ganz ehrlich: Es reicht mir schon wieder mit Winter.

Der Katholik in mir weiß natürlich ebenfalls, dass Weihnachten eigentlich noch bis Maria Lichtmess ist, mindestens aber bis Dreikönig, und so lasse ich dem Weihnachtskranz noch eine angemessene Schonfrist, bevor er durch irgendwas mit Tulpen, Sonnengelb und Grün ersetzt wird. Auf den Einkaufseiten des Vertrauens setze ich meine Suche fort: Vorhänge, Teppiche, Wandfarbe, Kissen. Ein frühlingshafter Frabenrausch, so bunt, wie ich es früher nie ertragen hätte — und doch habe ich nahezu Herzklopfen bei der Vorstellung, wie sehr diese Farben meine Wohnung beleben würden. Und wie sehr allein die Vorfreude auf Licht, Blumen und Frühling auch mich belebt.
Dass die Phase kommt, in der ich alles Farbige aus meiner Wohnung wieder eliminiere und es durch Reinweiß oder maximal ein paar helle Erdtöne ersetze, ist wahrscheinlich. Diese Phase kommt immer dann, wenn um mich herum zu viel Aufruhr ist, zuviel Lärm und Gewusel, außen wie innen. Dann brauche ich Klarheit, Geradlinigkeit und Struktur um mich, um all der Reizüberflutung zumindest in meinen vier Wänden zu entkommen. Aber jetzt kommt sie erst einmal nicht. Noch nicht.
Doch an ein „später“ will ich nicht denken. Ja, nach dem Winter ist vor dem Winter, auf Sonne folgt Regen, und so weiter. Aber jetzt nicht. Denn jetzt ist beinahe schon nach dem Winter. Und bald kommt die Sonne.

Warm und sonnig ist es auch heute am Neujahrstag. Natürlich wird es noch immer viel zu früh dunkel, aber der Sonnenuntergang lässt ebenfalls bereits jetzt den Frühling erhoffen, denn man kann ihn schon ohne Handschuhe und Mütze genießen und fotografieren, ohne dass man den Akku des Telefons dazwischen warmhalten muss wie ein Baby.
Das Meer liegt ruhig und die Sonne schickt ihre letzten Strahlen über die Dünenkuppen; mit der Art von „Corona“, die man gerne sieht. Strahlend weiße Wolken mit leuchtenden Rändern schieben sich ins Himmelblau. Von der Sandbank und den weiten Wattflächen mit ihren glänzenden Rippeln rufen die Seevögel.

Die Freundin strahlt und ich bin froh, dass ich auch diesen Lichtblick an meiner Seite habe und all die schönen Pläne und Träume, die wir teilen.
Wieviele wir davon verwirklichen können, wird sich zeigen, aber es ist schön, dass ein weiteres gemeinsames Jahr vor uns liegt und wir das alte ohne größere Blessuren verabschieden konnten.
Es ist ein schönes Neujahrsgefühl in diesem Moment, aller Pandemie und sonstigen Unappetitlichkeiten dieser Zeiten zum Trotz.

Eigentlich, sage ich mir, ist auch Neujahr doch nur ein weiteres Umblättern im Kalender. Diese Zäsur passiert ja nicht einmal zeitgleich, Australier:innen zum Beispiel sind ja schon viel früher fertig mit Silvester als wir. Und in China wird der kalendarische Wechsel maximal zur Kenntnis genommen, das große innere und äußere Brimborium erfolgt auch heute noch zum Chinesischen Neujahr rund zwei Monate später.
Aber es ist eben doch nicht nur ein Umblättern, denn all die schönen Kalender, an denen man sich ein Jahr lang erfreut hatte, werden jetzt von der Wand genommen und durch andere, auf deren Aufhängen man sich schon wochenlang vorgefreut hatte, ersetzt. Einer meiner neuen Kalender zeigt die Uhus vom Hildesheimer Dom; es sind entzückende Bilder. Mit der Freundin schaue ich den Kalender an und wir lachen über die vergnügten, skeptischen, gähnenden und anderweits unterhaltsamen Eulen in den Mauern der Domkirche, an denen auch ein tausendjähriger Rosenstock rankt. Den Rosenstock, denke ich, tangierte so ein Jahreswechsel vermutlich nicht mehr wirklich, wenn er darüber nachdenken könnte. Was dieses Pflänzchen wohl alles gesehen, erlebt hat? Selbst wenn er nicht, wie längst vermutet wird, wirklich 1000 Jahre alt ist, sondern „nur“ ein paar Jahrhunderte — wie winzig ist doch unsere Zeitspanne auf Erden dagegen. Also gönnen wir uns doch den Farbenrausch! Hat denn nicht schon die Bibel das „Leben in Fülle“ versprochen?
Vermutlich wird 2022 nicht mehr oder weniger aufregend oder anstrengend als andere Jahre. Dennoch mag ich das Gefühl, für eine Zeit beliebig den Pinsel schwingen zu können, auf dieser noch makellosen, frisch gemangelten Leinwand eines unbescholtenen Jahres. Ich mag dieses Neujahrsgefühl. Und, tatsächlich, auch das Leben.

***

Danke 2021. Hallo 2022! Allen Leser:innen ein gesegnetes und gesundes neues Jahr!

Neujahrssonne

Neujahrssonne

Mit blutendem Herzen
sitzt das Rotkehlchen
In seiner Kapelle
aus Dornen
und Zweigen
unter denen sich
knospend der
Frühling
wölbt

  1. Januar 2019

 

Ich wünsche meinen Leserinnen und Lesern ein gesegnetes und gesundes neues Jahr.

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Momentaufnahme, Neujahr

Nun also der letzte Tag des Jahres. Ehrlich gesagt, gibt es nicht so viel, was ich diesem Jahr noch zu sagen hätte. Politisch wurde sich schon an sehr Vielem abgearbeitet und ich werde mich nicht in die Reihen jener stellen, die zu allem und jedem die Klappe aufmachen müssen, ohne eine Ahnung von der Materie zu haben; die ihre Ideologie bewiesen sehen wollen anstelle von Fakten; die Menschen nicht von einer (im Idealfall: guten) Sache überzeugen, sondern nur Macht gewinnen wollen, indem sie sich als Meinungsmachende gerieren. Für das neue Jahr habe ich diesbezüglich nur den Wunsch, dass angesichts anstehender Wahlen und neuer diplomatischer Herausforderungen Menschlichkeit, Kompromissfähigkeit und Anstand eine von Demagogie, Populismus und Rachegelüsten uneinnehmbare Festung bilden mögen.

Was das Persönliche betrifft, so verliefen die meisten sich Anfang 2016 abzeichnenden Veränderungen im Sande oder entpuppten sich lediglich als kleine, tendenziell unbedeutende biografische Schlenker, welche zügig wieder zum gewohnten Pfad zurückführten. Das im Sommer des Jahres so plötzlich erstrahlte Licht der Liebe am Horizont ist immer noch dort: Am Horizont. Aber solange es nicht zur Gänze erlischt, soll mir auch das Recht sein – schließlich sind auch die wunderschönen Polarlichter im Norden nur ein kurzes, aber dafür zuverlässig wiederkehrendes und beständiges, Leuchten in der Dunkelheit eines langen Winters. Ich kann warten.

Letztendlich hatte ich mir für 2016 ja auch nicht mehr gewünscht, als dass die Eltern am Ende des Jahres noch leben, und das tun sie, der Geräuschkulisse aus Wohnzimmer und Küche nach zu urteilen. Denn tatsächlich schreibe ich diese Zeilen in meinem alten Kinderzimmer, das heute Vaterns Arbeitszimmer ist; die große Fichte, auf deren Spitze ich früher von hier aus sah, um Eichhörnchen und Vögel darin zu beobachten, ragt heute längst über das Dach. Und auch ich bin den meisten Dingen, die diese Wände in sich tragen, heute entwachsen, was mir im Übrigen sehr Recht ist.

Mein Leben ist nun auf Langeoog. Von der gegenüberliegenden Seite des Hauses sieht man auf Garagendächer mit schmutzigen Schneeflecken sowie weitere Reihenhäuser. Ich kann mich an diesen Anblick nicht mehr gewöhnen. Ich brauche die unverbaute Weite, den Blick auf die See, das Nah-Sein an den Elementen, die salzige Luft. Das leise Surren der Elektrokarren statt der Einflugschneise des Düsseldorfer Flughafens und dem erdbebenlauten Poltern der Müllabfuhr.
Meine schöne Inselwohnung vermisse ich wie einen treuen Liebhaber: Mit ihren geschlossenen Rollläden, dem ordentlich gemachten Bett und den ausgestöpselten Elektrogeräten liegt sie im kurzen Winterschlaf, bis ich ihr wieder Leben einhauche.

Dennoch bin ich dankbar, dass ich noch ein Elternhaus habe, in das ich zurückkehren kann. Denn zweifelsohne vermisse ich auch auf Langeoog zuweilen die Dinge, mit denen ich aufwuchs: Die üppig bewaldeten Hügel des Bergischen Lands mit ihren Fachwerk- und Schieferhäusern; die sich durch historische Altstadtkerne schlängelnden, klaren Bäche, aus deren Quellrohren, irgendwo im Wald, man trinken konnte (oder es zumindest einfach machte) und die wir als Kinder ständig irgendwo mit Lehm und Steinen stauten, bis uns der Förster dafür zusammenschiss, seinen schönen Jagdhund an der Leine.

Ich erinnere den pelzig-mehligen Geschmack von Bucheckern, und wie lange es dauerte, bis man auch nur eine halbwegs sättigende Menge davon aufgepult hatte. Die zartgrünen Blätter des Waldmeisters, aus dem wir Limonade ansetzten. Heute steht an der Stelle, an der wir damals den Waldmeister pflückten, ein hipper Hochseilgarten.

Es ist seltsam, all das nun aus der Distanz des Erwachsenseins zu sehen. Einerseits ein sentimentales „ach ja“ im Geiste, klingend wie ein feines Silberglöckchen, andererseits aber auch das drohende Grollen der Vergänglichkeit im Ohr, wenn der Vater über Nachlassdinge zu sprechen wünscht oder dessen Kollegen, die man zuletzt als energiegeladene Jungärzte sah, einen plötzlich weißhaarig und gebeugt begrüßen. Andererseits bringt das Altern aber auch mit sich, dass man nun als der Sohn mit zum Stammtisch darf und in gepflegter Runde bei Weinschorle Konversation betreibt, anstatt am Kinder-Katzentisch mit Schwestern, Cousins und Cousinen vor sich hinsaue(r)n zu müssen.

Und auch aus anderen Gründen ist mir, mit Ausnahme des eigenen körperlichen Verfalls, das Älterwerden und damit jeder neue Jahresbeginn, eigentlich sehr Recht. Denn tatsächlich heilt die Zeit viele Dinge, selbst wenn Einiges ganze Jahrzehnte brauchte. Aber man emanzipiert sich vom Schatten seiner Vergangenheit, von vergangenem Leid, von seinen Fehlern und seinem Scheitern. Ich habe gelernt, dass die Vergangenheit jeden Menschen zwar gewisserweise prägt, aber ihn nicht ausmacht. Man kann sie nie ganz überwinden, aber man kann sie filtern und filtern und wieder filtern, bis nur noch das Gold im Sieb zurückbleibt.

Man kann das auch mit der Zukunft versuchen: Niemals, denke ich, ist man gänzlich Spielball seines Schicksals, auch wenn es sich manchmal so anfühlen mag. Aber wir können uns immer einen Deich bauen, der uns vor der Sturmflut rettet, und ein Fundament, das unsere Träume trägt, selbst wenn diese im Wandel der Zeiten und Gezeiten oftmals ihre Form ändern. Wer gläubig ist, mag sich auch mit der Vorstellung eines göttlichen Plans auseinandersetzen, mit dem Glauben an Fügung und dem festen Vertrauen darauf, dass ER nicht bösartig ist – ungeachtet all des Bösen auf der Welt, in uns und um uns. Damit, dass die Wege des Herrn zwar zuweilen unergründlich sind, aber letztlich doch alles in eine Form fallen lassen, die wir verstehen, und in der wir zuhause sind: Geborgen, geliebt und sicher. Und damit bin ich bei meinen Neujahrswünschen angelangt.
Gesundheit ist eigentlich immer das Wichtigste. Darauf folgt Hoffnung. Und der Rest? Ergibt sich aus den beiden erstgenannten Dingen.

In der Küche liegen drei Krapfen, und die darum entbrannte Diskussion, ob diese nun gezuckert oder glasiert besser sind, zeigt mir in der ganzen Pracht ihrer Alltags-Absurdität vor allem eins: Wir sind am Leben. Und das wiederum ist letztlich doch alles, was zählt – auch 2017.

***

Ich wünsche allen Leser_innen, meinen Eltern, meinen Freund_innen, meinem Liebsten ein gesegnetes neues Jahr. Haltet euch einfach an Churchill: „Never give up.“

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