Mai

Schon wieder muss ich den Wandkalender umblättern. Es ist Mai; das neue Blatt zeigt blühende Kirschbäume. Es fühlt sich nicht an wie Mai. Seit Wochen kletterte das Thermometer nicht über 10°C; kein Abend, an dem mir nicht die Fingergelenke vor Kälte schmerzen und ich nicht in Decken gewickelt im Büro sitze. Die Heizung meiner kleinen Räume kommt gegen die in den Wänden festsitzende Kälte des Hauses nicht an, in dem alle Wohnungen außer meiner seit Monaten leerstehen. Vor der Heizkostenrechnung graut mir jetzt schon. Aber es ist nicht nur die meteorologische Kälte, die mich dieser Tage erschauern lässt. Der Ton im Netz ist von einer Verrohung, sozialdarwinistischen Brutalität, Missgunst, Neid und Häme geprägt, die ich kaum noch ertragen kann; und zunehmend schwappt auch all das ins Analoge. In der Langeooger Lokalpolitik mehren sich die Unappetitlichkeiten, und es braucht sehr viel Gottvertrauen, um noch daran zu glauben, dass sich daran mit den nächsten Kommunalwahlen etwas bessert. Indes fallen mir außer „Exorzismus“ auch nicht mehr viele Lösungsansätze zu diesem Desaster ein, und der Rest der Welt ist auch nicht unbedingt ein Trost: Das Internet erwähnte ich ja bereits.
Dazu all die kleinen und großen persönlichen Dramen und Schicksalsschläge. Eine liebe Freundin weint um ihren Hund und ich mit ihr. Etliche sensible Seelen in meinem Kreis resignieren und ziehen sich komplett zurück: Depressionen, Ängste, Schlafstörungen, wohin man blickt und horcht. Mir Freund gewordene Geistliche sehen sich in den immer berohlicher brodelnden Sumpf von Missbrauch und Missbrauchsvertuschung hineingezogen: Generalverdacht, Sippenhaft, pauschale Verurteilung eines ganzen Berufsstandes; der Kirche rennen mehr Leute davon als sich Austrittsformulare drucken lassen. Mir selbst schwimmen die finanziellen Felle davon; die Preise für Lebenshaltung steigen ins Absurde, für meine Kunst findet sich keine Bühne, und kaum haben ein paar trotz Pandemie verkaufte Bilder oder Bücher das gröbste Loch gestopft, wird die nächste Rechnung fällig.
Natürlich bin ich noch immer vergleichsweise weich gebettet und darf zumindest an einem wunderschönen und weitgehend virenfreien Ort vor mich hinleiden, aber für etliche meiner Mitmenschen geht es dieser Tage wohl nur noch ums Durchhalten und Überleben statt um irgendwelche Maienwonnen.
Nichtsdestotrotz hat sich irgendjemand erbarmt und im Dorf die Laternenpfähle mit Kreppblumen geschmückt; vor einem geschlossenen Restaurant stehen ein paar Leute unter einem improvisierten Maibaum in einer improvisierten Normalität und lachen. Einen großen Maibaum gibt es in diesem Jahr nicht.
Was bleibt einem auch sonst. Und doch sind diese bunten Farbtupfer, ist dieses Lachen kaum mehr als ein Tropfen Wasser im Ozean. Die Pandemie ist noch längst nicht vorbei und alle anderen Seuchen und Pestilenzgestänke, die diese Zeit so mit sich — und auch auf die Insel bringt—, sind es auch nicht.

Meine Balkonblumen, bisher eine sichere Bank für farbenfrohe Lichtblicke noch im schietigsten Frühjahrswetter, sterben einsam vor sich hin. Es ist viel zu kalt, um draußen zu sein und oft vergesse ich sie deswegen einfach. Ab und zu sehe nehme ich Notiz von den bräunlichen Blättern, den hängenden Köpfchen. Dann denke ich, dass ich jetzt endlich was machen muss und mache es doch nicht. So ist es doch oft auch mit Freunden oder Verwandten, denke ich. Man hat sie ja schon lieb irgendwo und denkt, dass man sich morgen aber wirklich mal meldet, ein Lebenszeichen sendet, eine Frage nach dem Befinden, irgendwas. Und dann ist morgen schon wieder ein Jahr vorbei, in dem man es doch nicht gemacht hat, und dann stirbt der Verwandte oder der Freund hat sich schon längst innerlich verabschiedet. Vielleicht kommt noch irgendwas Höfliches zurück oder auch gar nichts, und die Welt dreht sich weiter.
Mir tun meine Blumen Leid. Aber ich kann ihnen auch keine Wärme bringen. Am Liebsten ist mir die Welt zurzeit mit zugezogenen Vorhängen.

Ich habe mir neue gekauft; sie sind nachtblau mit einem stilisierten Sternenhimmel darauf; sie vergrößern meine kleine Welt auf gewisse Weise, selbst wenn ich den Rest der Welt da draußen lasse. „Es gibt Vieles, das der Welt zurzeit die Farbe nimmt“, predigte unser Weihbischof dieser Tage, und tröstete im Anschluss mit der Heilsbotschaft und mit den Möglichkeiten, die wir als Christen dennoch haben, um Farbe zu bringen und Farbe zu sein. Ich bin wirklich froh, in dieser Zeit noch glauben zu können.

Tatsächlich stellte ich dieser Tage fest, dass in meinem Leben im letzten Jahr mehr Farbe eingezogen ist, als ich für möglich gehalten hatte; und nichts davon war geplant. Nach jahrelangem Zeichnen in Graustufen male ich jetzt mit bunten Kreiden, die ihre Leuchtkraft im Halbdunkel besonders eindrucksvoll entfalten. Und nach vielen Jahren, in denen mir zarte Streifen das Maximum an erträglichen Mustern waren, bedeckt nun ein farbenfroher ausgemusterter Sarong in Grün, Rot und Gold meinen Tisch und ich finde ihn wirklich schön. Ich weiß nicht, woran das liegt. Ist es der Kontrast zur Farblosigkeit des Pandemie-Alltags; zur fehlenden Möglichkeit, Neues zu entdecken? Ist es die Sehnsucht nach einem echten Frühling, in dem die gleißende Sonne nicht nur wie ein Dekoartikel am preußischblauen Himmel hängt, sondern wirklich wärmt? Ist es das Verlangen nach dem Anblick aller Facetten kraftvollen Lebens statt der traurigen Realität halbwelker Blüten mit erfrorenen Rändern? Am Strandübergang wehen die Federreste eines ausgerissenen Möwenflügels im Wind, und kaum ein Symbol beschreibt die Lethargie dieser Tage wohl treffender: Flügellahm, am Boden, grau und leblos.

An der Kirche hat die Felsenbirne ihre zarte Pracht entfaltet, aber der Strandhafer ist noch gelb, das Grün blieb irgendwo auf halbem Wege stecken. „Ungefähr einen Monat hinkt die Natur hinterher im Vergleich mit meinen Fotos vom Vorjahr“, doziere ich der Freundin bei einem Spaziergang, auf dem wir mit kalten Nasen das Stagnieren des Frühlings betrachten. Vermutlich ist sie es auch, die mehr Farbe in mein Leben brachte, denke ich, während ich ihr puppenhaftes Profil mit dem winzigen Näschen und den rosigen, weichen Wangen betrachte. Als uns der Weihbischof von der farblosen Zeit erzählt, sitzt sie in einem leuchtend grünen Pulli neben mir. Im goldenen Kelch spiegelt sich das warme Licht der Altarkerzen, daneben liegt der violette Bischofspileolus. Der Herr ist mein Licht und mein Heil.

Vielleicht, denke ich, ist Liebe Farbe. Und vielleicht habe ich nun mehr Mut zur Farbe, weil auch diese Partnerschaft mehr Mut als cleanes Understatement erforderte. Und doch bin ich froh, es gewagt zu haben. Zweifelsohne war ich auch ohne sie glücklich und gut eingerichtet in meiner Welt, aber nun kenne ich auch noch eine andere Art von Glück. Und eine andere Art von Einrichtung. Und beides hat mich, deo gratias, nicht überrannt, sondern sich mit einer Sanftheit eingenistet, dass ich all diese Neuerungen mir zu eigen machen konnte. Es lag kein Überrennen darin, kein Überstülpen.
Und nun ist es wohl wichtig, sich auch von der neuen Zeit nicht überrennen zu lassen. Standhalten muss man gegen den Ungeist der Zeit; sich keine Rohheiten überstülpen lassen, keine Häme, und dem tumben Populismus den Weg versperren — Mit dem, was man eben so hat, kann und schafft. Für eine bessere Zeit. Für einen neuen Mai.

Ent-Sorgung

Endlich haben sich die Narzissen geöffnet. Entlang der Straßen wogt nun wieder ein gelbes Blütenmeer, wo monatelang nur gestutztes Rosengestrüpp und Hundescheiße zu sehen waren: Für mich ein untrügliches Zeichen, dass der Inselwinter überstanden ist.
Auch die Balz- und Brutzeit ist unüberhörbar eingeläutet. Überall werden Nester gebaut und die Hecke der Nachbarn scheint aus mehr Spatzen als Blättern zu bestehen. Das ohrenbetäubende Zwitschern hört man meterweit. An Dienstagen, wenn die Gelben Säcke abgeholt werden, wacht man jetzt wieder vom Kreischen der Möwen auf, die sich um Essensreste in schlecht ausgespülten Konservenbüchsen keilen. Den bedauernswerten Müllwerker:innen bleibt da nur noch, den zerfetzten Sackresten hinterherzujagen und den verstreuten Müll aus Büschen und Gärten zu klauben.
Es ist mein achtes Jahr in dieser Idylle, und ja: Ich liebe es. Auch wenn es das zweite Jahr der Pandemie ist.

Das Osterfest steht kurz bevor, aber von der Auferstehung des Tourismus ist noch keine Spur. Die Leute reißen sich nicht zusammen, die Politik ist inkonsequent; also ist der Salat derselbe wie letztes Jahr: Ostern ohne Familienbesuch, ohne Reisen und ohne Gäste auf Langeoog — wenn man von Tagestourist:innen, Zweitwohnungsbesitzenden, pendelnden Arbeitnehmer:innen, Mutter-Kind-Kurenden und ein paar anderen Ausnahmen einmal absieht.
Ohne das Thema „Inkonsequenz“ an dieser Stelle vertiefen zu wollen, sei erwähnt, dass die Insel auch mit diesen Menschen schon gut gefüllt ist. Zumindest ergibt sich dieser Eindruck an sonnigen Frühlingstagen wie heute, wenn vor meinem Balkon wieder ein Radverkehr herrscht wie in Amsterdam zur Rush hour. Oder von mir aus auch nur wie in Münster.

Ich reihe mich in das Rudel aus Radelnden ein und mache mich auf den Weg, den alles Irdische auf Langeoog einmal geht — zumindest das Irdische, das nicht auf einem der beiden Friedhöfe landet. Ich fahre zum Müllplatz.
Zunächst auf den, der noch rege in Betrieb ist. Die Pandemie-Nebenwirkung des zunehmenden Online-Handels macht sich auch hier bemerkbar, denn man trifft ständig das halbe Dorf, das hier Kartonagen in Container stopft; so wie ich. Die Gespräche das Übliche: Eigentlich will man ja Müll vermeiden. Ist ja auch mit dem CO2 nicht so doll. Nein. Aber was will man machen. Geht halt nicht anders gerade. So ist das. Tschüss.

Der zweite Müllplatz ist ein grüner Hügel mit einem Aussichtspavillon, in dem Schwalben brüten und an dessen Balustrade gepflegte Infotafeln über die Wunder des Weltnaturerbes aufklären. Nur einige dezent umzäunte Entgasungsrohre deuten darauf hin, dass unter den Menschen, die diesen Hügel erklimmen, ein Haufen Zivilisationsmüll gärt. Der Inselfauna selbst scheint dieses anrüchige Detail aber reichlich egal zu sein, denn die Tiere fühlen sich dort sichtlich wohl. Als ich mein Fahrrad am Fuße der renaturierten Müllkippe abstelle, empfängt mich überwältigend lauter Lerchengesang, und schon sehe ich die kleinen Vögelchen von überall aus der Wiese steigen. Von der anderen Seite der Hügelkuppe höre ich Graugänse schnattern; dahinter käuen Rinder wieder. Im Gras haben sich bereits saftgrüne Disteln entfaltet, Schmetterlinge flattern über Gänseblümchen und Klee. Der Blick streift im Süden und Osten über Dünenketten, Teiche, den Seedeich und die Salzwiesen bis hinüber ans Festland, wo man den Turm von St. Magnus in Esens sehen kann. Nach Norden und Westen sieht man die Weiden und das Dorf. Eine kleine Straße schlängelt sich flussgleich am Fuße des Hügels entlang; ich sehe das gelbe Postauto kommen, klein wie Spielzeug. Natürlich ist auch das Postauto auf Langeoog eine E-Karre, aber ich bin wohl noch soweit Städter, dass ein Postauto für mich ein Postauto ist, unabhängig vom Antrieb; so wie für mich Woolworth — meiner Kindheit geschuldet — auch immer noch „Wollwott“ ist und nicht „Wuulwörß“. Manche Dinge kriegt man eben nicht raus. Auf jeden Fall ist es schön, von dort oben Dinge beobachten zu können. Auch den Flughafen der Insel kann man vom Müllberg aus sehen: Bei diesem Wetter dauert es nicht lang zwischen Starts und Landungen.
Fast kann man hier oben vergessen, dass Pandemie ist. Und fast kann man vergessen, dass man auf einem Müllberg steht.

Für einige Leute, das weiß ich leider, fühlt sich das ganze vergangene Jahr an wie ein einziger Haufen Müll, und sie wären froh, wenn sie das Jahr und vor allem den Corona-Virus in die Tonne treten könnten. Wegkippen, zuschnüren, deponieren — und wehe, die Möwen reißen’s wieder auf! Viele stehen tatsächlich vor einem Aschehaufen. Erspartes weg, Ehe weg, Existenz weg, Selbstwertgefühl weg. Alles Müll.
Mit dem Thema Abfall — ich bitte schon jetzt fürs schlechte Wortspiel um Verzeihung — muss sich derzeit auch die katholische Kirche beschäftigen, denn viele Menschen fallen derzeit vom Glauben ab. Nicht witzig, ich weiß. Das sind die Vorfälle, die dazu führten, nämlich auch nicht. Beim Stochern in den Abgründen priesterlicher Existenz stank so einiges, und es hörte auch nicht auf zu gären, als man umso fester den Deckel drauf drückte. Im Gegenteil. Denn nun war der Mist implodiert und die „Brüder im Nebel“ nahmen, für jedermensch sichtbar, unschön Gestalt an. Brüder in Faulgasen trifft es wohl eher.
Viel Aufruhr, viel Leid: Bei den Opfern vor allem; aber auch bei jenen Geistlichen, die ihren Beruf nicht verfehlt haben, die nun aber unter Generalverdacht stehen. Insofern, denke ich, passt ein erneutes „stilles“ Ostern eigentlich ganz gut. Die Frohe Botschaft wurde schon so oft pervertiert. Demut ist angebracht, von Papst bis Plebs. Ich liebe die Kirche weiter, aber sie macht es einem nicht immer leicht.

Auch die Pandemie gibt mir inzwischen zu Kauen. Nach beinahe einem Jahr ohne Treffen vermisse ich meine Eltern doch sehr. Ich möchte mal wieder in Läden einkaufen und unterwegs in irgendeinem hübschen Café Halt machen können. Ich mag nicht mehr jeden Tag selbst kochen, weil kein Restaurant aufhat. Ich möchte mal wieder in einer fremden Umgebung aufwachen. Andererseits sind all das zweifelsohne Luxusprobleme, und ich möchte nicht wie die Made im Speck klingen, die sich beschwert, dass der Kuchen gerade außer Reichweite steht. Denn mehr als alles andere möchte ich gesund sein. Und letztlich geht es ja auch hier mit Minischritten vorwärts.

Die Freundin reibt sich den Arm, auf dem eine rote Schwellung von der Impfung zu sehen ist. Sie brütet Antikörper aus. Ich freue mich für sie; minimiert ihre Impfung schließlich auch mein eigenes Risiko, an COVID-19 zu erkranken. Und es ist der Romantik durchaus förderlich, die eigene Partnerin nicht mehr als potentielles Sicherheitsleck wahrnehmen zu müssen. Über meinen eigenen Impftermin mache ich mir keine Gedanken; es erscheint mir ähnlich sinnvoll wie ein Nachdenken über den Start der Marsbesiedelung.
Lieber denke ich wieder über das Ende des Winters nach und über den Frühling. Ich denke an die Narzissen und an das kleine Naturparadies, das im Inneren aus Müll besteht. Es wäre schön, wenn auch die Pandemiejahre in der Rückschau zu etwas Ähnlichem werden könnten. Dass wir an diese Zeit denken und sagen: Ja, das war ein Riesenhaufen Scheiße. Aber wir haben ihn neu begrünen können. Wir können jetzt darauf leben. Wir wissen, dass er noch unter uns gärt — denn ganz wird die Welt den Virus wohl nie mehr los — aber wir haben ihn unter Kontrolle. Ich glaube daran, dass eine solche Zeit kommen kann. Bis dahin muss man wohl weiter Aushalten. Und Ausschau halten nach allem, was blüht: Nach allem, was ein Anfang sein könnte.

Decke

Seit Tagen hüllt sich die Insel in dichten Nebel. Das Nebelhorn an der Mole blökt ohne Unterlass. Mag das Geräusch anfangs noch idyllisch klingen, da es einem stetig beweist, auf einer Insel zu leben und zudem einen akustischen Halt im dunstigen Nirgendwo bietet, so zerrt es nach einigen Stunden doch an den Nerven. So viele Tage Seenebel in Folge habe ich auf Langeoog auch noch nicht erlebt. Zum Teil sieht man keine 50 Meter weit; sogar die nächstgelegene Straßenkreuzung wird schon vom Nebel verschluckt. Das Meer hört man, aber man sieht es nicht. Fotos vom Strand zeigen zurzeit eine einzige, graubeige Fläche. Ab und zu dringt ein Seevogellaut durch die Stille, aber auch diese Geräusche wirken gedämpft; ebenso wie die eigenen Schritte. Die Winterlandschaft bietet wenig Farbtupfer zur Orientierung: Hier und da eine letzte rote Hagebutte am kahlen Strauch; dort eine grüne Fläche saftigen, weichen Mooses in den Dünen. Die dunklen Sandfangzäune am Strand, und natürlich die Dächer des Inseldorfes. Aber sogar die Kirchtürme und der Wasserturm sind zeitweise komplett verschluckt. Menschen begegnen einem auf den Wegen wie frisch materialisierte Außerirdische, wenn sich ihre Konturen ganz plötzlich aus dem Dunst schälen, von weißgrauem Licht umflort.

Es ist, als zöge sich die Insel dieser Tage eine dicke „Klei-mi-an-Mors“-Decke über den Kopf, und ich kann es ihr nicht verübeln. Denn auch bei mir ist dieser Wunsch mitunter recht ausgeprägt. Nicht rühren möchte man sich, bis die Welt wieder klarere Konturen annimmt, und dabei eingehüllt sein in einen warmen, weichen Kokon. In sicherer Höhle mit einem großen „Bitte nicht stören“-Schild davor. In Zeiten, in denen viele Menschen unter Einsamkeit leiden, nimmt bei mir die Sehnsucht nach dem Alleinsein, nach dem nährenden und energiespendenden Luxus absoluter Stille, großen Raum ein. ‚Das hast du doch jetzt alles‘, könnte man meinen, denn auf Langeoog ist es so ruhig wie nie zuvor, und ich gebe zu, dass das Sehnen nach noch mehr Stille auf den ersten Blick paradox erscheint. Doch letzlich sind es zwar stille, aber keine ruhigen Zeiten. Täglich neue Erlasse und Unsicherheiten; niemand weiß, wie es weitergeht mit der Pandemie, täglich muss man mit einem großen Ansturm urlaubsausgehungerter Menschen auf die Insel rechnen, der dann wenige Tage später doch wieder abgeblasen wird. Das gesellschaftliche Klima ist toxisch; in der Langeweile, womöglich gepaart mit Existenzangst, beginnen einige Zeitgenossen mehr denn je, um sich zu beißen und sich auf einzelne einzuschießen; Lappalien und private Eitelkeiten werden zu Dramen hochgekocht, über die meine Freunde auf dem Festland nur ein Wort übrig haben: „Provinzposse“. Ich kann es ihnen nicht verübeln. So bleibt zu hoffen, dass außer dem Nebel auch der Verstand einiger Leute wieder aufklaren möge und dass sich der dunstige Vorhang ihrer Verblendung und Vorurteile wieder lichtet. „It’s not magic, boys, and it is no picnic either“, mag man hier das US-amerikanische Schriftstellergenie Philip Roth zitieren — der damit übrigens das Dasein als Autor beschrieb. I feel you.

Es sind gewissermaßen absurde Zeiten; auch, was die öffentliche Berichterstattung angeht. Die Tageszeitungen sind voll mit Fotos von Menschen, die sich die Haare schneiden lassen, als sei das Friseurhandwerk soeben von Elon Musk erfunden worden. „Mutantenquote in Österreich bei 58%“ titelt ein anderes Blatt. Man stelle sich diese Schlagzeilen einmal ohne Wissen um die Pandemie vor — es klänge nach einem Slapstick-SciFi-B-Movie.

Unter all diesen Aspekten finde ich den Nebel schön, steht er doch für ein seelenstreichelndes Nichts-Sehen-Nichts-Hören-Müssen. Tatsächlich erscheint einem ein begrenzter Horizont mitunter fast erstrebenswert, im Sinne von: Alles, was weiter als 50 Meter von meiner Haustür weg ist, geht mich nichts an. Aber auf Dauer wäre wohl auch das anstrengend, zumindest, wenn es im Umkehrschluss bedeutet, dass man die Dinge innerhalb dieses Radius zu absurder Größe aufbläst und ihnen eine Bedeutung zumisst, die sie außerhalb dieses umnebelten Mikrokosmos einfach nicht haben.

Zweifelsohne gilt das aber auch für mein eigenes Dasein. Alleinsein ist wunderbar erholsam, Stille ein Gut von unschätzbarem Wert. Dennoch ist es nötig, sich ab und zu daran zu erinnern, dass man nicht allein auf diesem Planeten lebt. Dass man Verantwortung für seine Mitgeschöpfe trägt, auch für die, die man nicht kennt und sieht oder deren Anblick einem keine Freude macht. Man kann sich nicht permanent die Decke über den Kopf ziehen, auch wenn man es gerne würde. Man ist ein Rad im Getriebe dieses röhrenden, wuselnden und vielfach verwundeten und verwundenden Ungeheuers, das sich Gesellschaft nennt. Das Nebelhorn mit seinem monotonen Blöken erinnert uns im Minutentakt daran: Da draußen ist jemand. Es warnt uns alle.

Fasten

Der Frühling kommt jetzt mit Macht. Singdrosseln spazieren durch den Garten und die Meisen verschiedener Art überbieten sich im Gesang an Lautstärke. Lerchen steigen wieder über die Felder, ebenso wie die Kiebitze. Für die Rotkehlchen scheint es insgesamt ein gutes Jahr gewesen zu sein, denn sie wirken so zahlreich und omnipräsent wie nie zuvor auf Langeoog.
Kaum kann ich glauben, dass wir vor wenigen Tagen noch über die gefrorene Gischt am Strand kletterten; die zu Eis erstarrten Wellen schlängelten sich am Flutsaum entlang wie ein eilig drapiertes Bettlaken.
Nun aber sitze ich schon am frühen Morgen auf dem Balkon in der Sonne. Gestern schrubbte ich dort drei Stunden lang alle Spuren des Winters fort, begrub die im Frost verstorbenen Blumen, schnitt mir die Hände an in der Kälte zersprungenen Töpfen blutig, wusch die von Sand und Salz blind gewordenen Fenster und schuf Platz für Neues. Der Rosenstock zeigt bereits winzige Knospen.
Bis die Frühblüher in den Kästen leuchten, wird es noch dauern: Noch immer ist Pandemie, noch immer ist Lockdown und die Gartencenter bleiben geschlossen. Ich könnte traurig darüber sein, aber passenderweise ist ja ohnehin die Buß- und Fastenzeit angebrochen: Verzicht tut Not und Aushalten ist Tugend. Der Priester bestreute die Freundin und mich mit Asche, die uns später im Regen in schwarzen Schlieren vom Scheitel lief.
Nun aber ist auch das bereits wieder eine Weile her und der Tag schreit nach Vergnügung. Mit rund 15°C sind die Temperaturen beinahe tropisch zu nennen und mich ergreift eine leise Sehnsucht nach dem Sommer.

Natürlich gilt diese Sommersehnsucht nicht Lärm und Gewühl — an den zeitweisen Massentourismus auf Langeoog werde ich mich wohl nie gewöhnen — aber ich sehne mich nach dem schier endlosen Draußensein. Nach lauschigen Nächten auf dem Balkon, frühen Vogelkonzerten zum Kaffee und einer Zeit, in der man sich vom Strandkorb aus den Sonnenuntergang über dem Meer anschauen kann.
Ich vermisse die Farbenpracht blühender Salzwiesen und das Grün der Bäume; den Duft in der Sonne getrockneter Wäsche und die kühlen Nordseewellen an den nackten Knöcheln. Mir fehlt die Unkompliziertheit des Lebens, welche der Sommer mit sich bringt, ebenso wie die verschwenderische Fülle an Tageslicht. Natürlich fehlt mir auch die Unbeschwertheit pandemiefreier Tage: Spontane Überfahrten und Urlaube, das Flanieren durch pittoreske Dörfer und Altstädte, das Sitzen im Café, das Bummeln durch Kunstgalerien und liebevoll ausgestattete Lädchen. Ein Sommer ganz ohne das alles würde seltsam. Aber noch ist ja Zeit, tröste ich mich, wiewohl die wieder ansteigenden Infektionsraten durchaus die ein oder andere Kakophonie in die süße Melodie der Hoffnung schraddeln. Aber es wird geimpft, es geht voran. Irgendwas muss ja voran gehen. Muss.

Heute aber gibt es kein Muss. Der Tag liegt in glitzernder Pracht vor mir, noch nahezu unberührt. Ich mache mich auf zur Mole, es herrscht Niedrigwasser. Seevögel stochern im verschlickten Teil des Hafenbeckens; es riecht nach Watt. Über dem wogenden, noch wintergoldenen Gras am Flinthörn kreist eine Weihe. Verblühter Rainfarn streckt sich im Vordergrund.
Es sind relativ viele Menschen unterwegs; vermutlich halten sie den plötzlichen Frühlingseinbruch für ein ähnlich fragiles Konstrukt wie ich. Jederzeit kann die Kälte zurückkommen; jeder weiß das. Umso kostbarer ist jetzt die Wärme, ist jetzt das Draußensein. Die erwachende Natur tut gut. All das sich regende Leben — die balzenden Vögel, die ersten Bündel von Schneeglöckchen und Krokussen auf den Wiesen, die Knospen der Sträucher — zeigt, dass es voran geht. Zeigt, dass sich irgendwas bewegt, auch wenn sich der Lockdown für viele wie ein endloser Stillstand anfühlt. Das einzige, was sich definitiv bewegt, ist der Kontostand: Und zwar abwärts — ein mir ebenfalls sehr vertrautes Phänomen in der Pandemie. Aber im Sarg nützt mir das Geld auch nichts, sage ich mir, und mache also das, was man als Katholik halt so tut in der Fastenzeit: Ich übe Verzicht und ertrage.
Und träume heimlich von der Fülle des Sommers.

Entlang des spiegelglatt glitzernden Wassers, entlang des Seedeichs, der Dünen und Weiden geht es allmählich wieder heimwärts. Ich pausiere auf sonnenwarmen Steinen; die Jacke zusammengerollt unter dem Kopf. Es wird wieder voran gehen, denke ich, und schaue zu, wie sich zarte Wolkenbänder durch das Himmelsblau weben. In der Ferne höre ich das Pfeifen der Großen Brachvögel und das Trillern der Austernfischer. Möwen gleiten über den Sielen. Am Wegesrand sehe ich auch etliche Kadaver: Einen Austernfischer, dem ein anderes Tier das Herz aus der Brust gefressen hat. Einen kopflosen Fasan. Eine halbskelettierte Elster und einen abgerissenen Vogelfuß, von wem auch immer. Aus einem ausgerenkten Flügel ragt ein Knochen. Diese Tiere haben den Winter nicht geschafft, und der Hunger derer, die ihn schafften, ist groß.

So ist auch der Hunger der Menschen: Wenn nicht nach Essen, dann nach der Unbeschwertheit einer Zeit ohne Coronavirus. Nach Reisen, nach unverhüllten Gesichtern, nach Sommer. Die Fastenzeit verlangt einiges in diesem Jahr. Aus christlicher Sicht dient das Fasten der Reinigung und Buße, der Rückbesinnung auf Wege und Werte, damit man das Strahlen des österlichen Lichts umso freudiger empfangen kann. Es ist verständlich, wenn der Lockdown mit all seinen Verpflichtungen zum Maßhalten und Sozialfasten, zum Warten und Erdulden, mitunter sehr an den Nerven zerrt: Zumal es ja nicht einmal ein selbstgewählter Verzicht ist und damit auch kein Vergleich zum christlichen Fasten aus freier Entscheidung. Aber, ebenso wie das Osterlicht, wird auch das Licht des Sommers kommen und eine Zeit nach dem großen Verzicht — Über das Ausmaß der danach zu erwartenden Völlerei sprechen wir lieber an anderer Stelle.

Frühlingshauch

Schon am Morgen ist die Insel von einem prächtigen Blau überwölbt. Ein klarer, sonniger Tag steht bevor, und es ist so mild, dass ich endlich wieder meinen geliebten Übergangsmantel anziehen kann anstelle der voluminösen Winterdaunen. In der Straße nebenan turnen Schwanzmeisen an herabhängenden Erlenzweigen; erste Kätzchen stehen kurz vor der Blüte. Und auch das Jelängerjelieber, das sich durch nahezu sämtlichen Dünenbewuchs und viele Hecken der Insel rankt, reckt erste hellgrüne Blätter und zahlreiche Knospen in die Sonne.

Über den Wiesen und Weiden treiben jetzt kleine Quellwolken im Blau. Die Wintersonne hat links und rechts blasse Nebensonnen ausgebildet; eine Folge der Eiskristalle in der Luft. Ich weiß, dass es in Kürze wieder Schneien wird, aber noch erscheint das vollkommen unwirklich. Denn es liegt bereits eine Menge Frühling in der Luft.
Auf der Weide tummeln sich eine Menge taubengroßer Vögel, und obwohl sie von Weitem noch nicht genau zu erkennen sind, lässt ihr charakteristisches, akrobatisches Flugbild keinen Zweifel: Die Kiebitze sind wieder da. Dutzende; wenn nicht gar über Hundert der hübschen Häubchenträger. Sie plantschen in den Tauwasserseen, die sich nach dem letzten Schneefall in den Ackermulden gesammelt haben und durchforsten das saftige Grün nach Insekten.
Ich sehe ihnen eine Weile fasziniert zu; nur selten muss ich dabei anderen Menschen Platz machen. Ich denke an den letzten Frühling; das erste vollkommen stille Osterfest im Lockdown und die soeben erblühte Liebe, die nun auch schon ein Jahr währt. Und nun steht der nächste Frühling unmissverständlich vor der Tür. Zugleich ist mir klar, dass ein Frühling im Januar nicht mehr sein kann als eine schöne Vorahnung, oder vielmehr: Eine Erinnerung. Daran, dass jeder Winter endlich ist. Und jede Dunkelheit und Kälte auch.
Ich sehe mich an dem leuchtenden Blau des Himmels, den Kiebitzen, den friedlich grasenden Rindern und den Schwärmen von Grau- und Weißwangengänsen noch eine Weile satt; dann fahre ich heim und warte auf den Schnee.

Der Schnee kommt nicht sanft. Ich erwache davon, dass grober Eisregen hart gegen die Fensterscheiben klatscht und Sturmböen am Haus rütteln. Erst ganz allmählich werden die Laute sanfter. Ich habe mich noch nicht überwunden, aus dem Fenster zu sehen, aber dem Geräusch nach sind es jetzt wohl nur noch große Schneeflocken, die der Wind an die Fenster treibt. Letztlich öffne ich doch die Vorhänge: Der kräftige Südostwind schickt gerade eine große Ladung Schnee vom Dach gegenüber direkt auf meinen Balkon. Wäre die Tür geöffnet gewesen, hatte ich die Schneewehe wohl voll ins Gesicht bekommen. Eine Amsel macht sich über das am Vortag ausgelegte Fettfutter her. Sie ist so hungrig, dass sie sich weder von mir noch von den Windböen beim Fressen stören lässt. Einige Handwerker kämpfen sich fluchend mit Rädern, Anhängern und Handkarren durch die ansonsten einsamen Straßen. In der Nähe meiner Wohnung kratzt eine Schneeschaufel gegen den ununterbrochenen Schneefall an. Eine Sisyphosarbeit.

„Raus!“ sage ich mir irgenwann mit aller Vehemenz, „Raus!“ Denn auch ich muss arbeiten. Die Fotos für den Wetterbericht müssen gemacht werden; das ist nicht delegierbar. Und in zwei Stunden würde es wieder dunkel. Ich steige in die Thermounterwäsche, in Jeans, Pullover, Mütze und Handschuhe; in dicke Socken und Trekkingschuhe, dazu den Kunstdaunenmantel, in den ich die Kamera einknöpfe wie einen Säugling.
Der Schnee vor meinem Haus ist noch vollkommen jungfräulich, obwohl es bereits auf zwei Uhr zugeht. Die Zweitwohnungsbesitzenden, die trotz aller Warnungen der Bundesregierung in den letzten Wochen noch im Haus gewesen waren, sind offenkundig doch wieder abgereist. Die ersten Fußspuren, die sich an diesem Tag in den Schnee vorm Haus graben, sind meine.

Mich führt der Weg zum Dünenfriedhof. Tief verschneit habe ich den Friedhof noch nie betreten, aber heute zieht es mich vor Allem wegen der Nadelbäume hin. Es gibt für mich kaum etwas Schöneres als den Anblick und den Geruch schneebedeckter Kiefern und Tannen. Das Gräberfeld liegt ruhig und weit unter der weißen Decke, und mir fällt plötzlich das Gedicht Kurt Tucholskys über den wunderschönen jüdischen Friedhof in Weißensee ein:

„ (…) Es tickt die Uhr. Dein Grab hat Zeit,
drei Meter lang, ein Meter breit.
Du siehst noch drei, vier fremde Städte,
du siehst noch eine nackte Grete,
noch zwanzig–, dreißigmal den Schnee –
Und dann:
Feld P.“

So ist das Leben. Es hat nichts Beängstigendes in diesem Augenblick, daran zu denken, dass die Male, die ich noch den Schnee sehen kann, von Gott längst abgezählt sind. Aber es ist mir Mahnung, den Anblick zu würdigen. Wie auch den ganzen Winter, der gerade erst Anlauf nimmt.
Manchmal plagt mich fast ein schlechtes Gewissen, wie gut ich bisher durch diese Pandemie gekommen bin. Keine gravierenden Sorgen, und alle, die ich liebe, sind gesund. Nicht einmal die heilige Eucharistie ist mir verwehrt, denn in unserer winzigen Kirchengemeinde dürfen weiter Messen stattfinden, wenn auch unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen. Der Kurpriester ist ein sympathischer Prämonstratensermönch; eine natürliche Demut und Würde ausstrahlend, die man nicht einstudieren kann. Sein Ordensgewand ist weiß wie der Schnee.

Auch das Ruhen des Tourismus auf der Insel macht mir nichts, im Gegenteil. Es ist schön, ab und zu wieder ganz alleine unterwegs zu sein: Mit den Vögeln, dem Wind und dem Knirschen der weißen Pracht unter den Schuhen. Von Ferne dringt Kinderlachen an mein Ohr: Langeooger Familien, die jetzt Zeit haben, mit ihren Kleinen auf den Hängen hinter der Wohnsiedlung zu rodeln, anstatt gestresst von A nach B zu hetzen. Wenn man von den wirtschaftlichen Aspekten absieht — die zweifelsohne für viele Menschen eine Katastrophe bedeuten — hat der Virus-induzierte Stillstand durchaus auch Gutes.
Und es liegt ja nicht nur die Hoffnung auf Frühling in der Luft: Die ersten Impfungen auf der Insel sind erfolgt; schon bald werden die Neuansteckungszahlen sinken. Auch die Pandemie wird zur Ruhe kommen, da bin ich zuversichtlich. Wir müssen nur warten. Und unseren Beitrag leisten.

Auf den Wetterseiten, die ich für meinen eigenen Wetterbericht sichte, finde ich historische Daten über den Winter 1942. Mein Vater wurde in diesem Jahr geboren; die Temperaturen fielen im Januar dieses Jahres fast im ganzen Land auf -30°C; auch in Gelsenkirchen, seiner Geburtsstadt. 1942 war Krieg; die Menschen mitunter ausgebombt, an der Front oder im KZ. Dazu diese grässliche Kälte. Lebensmittelknappheit obendrein, viele hungerten. Was könnte man -30°C da schon entgegensetzen? In diesen Winter wurde mein Vater geboren. Und heute, im Januar 2021, fühlen sich Menschen von einem Stück Stoff vor Mund und Nase an Leib und Leben bedroht. Manchmal würde schon ein kurzer Blick in die Gechichtsbücher helfen, um sein Weltbild zurechtzurücken. Oder auch nur ein Blick in historische Wetterdaten.
Auf Langeoog wird es am Wochenende maximal -4°C kalt. Die Sonne wird ganztags scheinen; in Europa ist Frieden.

Adventsleuchten

Im Fährhaus sitzt ein Mann mit einem Dinosaurier im Arm. Es ist ein großer Plüschdinosaurier, der aus aufgestickten blauen Augen in die Kälte der leeren Halle lächelt. Vermutlich wartet der Mann hier auf seine Familie, oder er hat den Saurier als Geschenk gekauft und bringt ihn jetzt heim zu seinen Lieben. Weihnachten naht: Das Fest, das man so sehr mit Wärme verbindet, mit Zusammensein, mit Geborgenheit und Freude. Das Fest, an dem man weiche Plüschtiere in erwartungsvoll ausgestreckte Ärmchen drückt, ohne sich dabei um Abstand und Infektionsrisiken Gedanken zu machen. Dieses Jahr wird Weihnachten anders sein.
Langeoog befindet sich inmitten des zweiten Lockdowns; die Infektionszahlen sind bundesweit furchterregend. In anderen Jahren wäre der Advent am Anleger längst spürbar gewesen. Aufgeregte Familien mit großen Taschen voller Pakete. Leuchtende Dekorationen, leuchtende Augen. Menschen, die die klammen Finger an Heißgetränken in der Fährhaus-Gastronomie wärmen und selig aufs dunkle Wasser schauen; die Konturen der Insel bereits erahnend.
Jetzt aber hat die Gastronomie geschlossen. Der Zugang zum Restaurant ist abgesperrt mit Stühlen und Barrikaden. Es ist ungemütlich. Durch die zum Lüften geöffnete Tür ziehen die Nikotinschwaden der Rauchergruppen; feuchte Kälte im Geleit.
Von Urlaubsstimmung ist nichts zu spüren, was aber nicht weiter verwundert: Schließlich sind gar keine Touristen da. Abgesehen von Tagesgästen, ArbeiterInnen und Zweitwohnungsbesitzenden sind die Inselbewohnenden ein zweites Mal in diesem Jahr unter sich.
Der Mann mit dem Saurier hat nun auch seine Frau wiedergefunden. Sie trägt eine große Tasche mit Einkäufen. Beide schauen müde aus ihren gefütterten Krägen und verziehen sich schnell zum Ausruhen unter Deck.
Die meisten hier kennen sich; geredet wird dennoch nicht viel. Die Monitore mit den Reiseinformationen sind ausgeblendet, aber immerhin der Bordkiosk hat geöffnet.
Ich blicke dankbar in einen heißen Becher mit Kaffee, den mir ein unbeirrt freundlicher Mitarbeiter der Schifffahrt über seinen Tresen schiebt. Die sanften Schiffsbewegungen lassen die dunkle Oberfläche erzittern, in der sich die Deckenlampen spiegeln.

Licht. Auch dafür steht Weihnachten, denke ich: Licht. Und zum Glück gibt es auch noch etliche Geschäftstreibende und Privatleute auf Langeoog, die ihre Weihnachtsdeko nicht nur für die Gäste herauskramen, sondern auch für ihre MitinsulanerInnen. Und für sich selbst vermutlich. Auf diese Weise büßt die Insel zumindest optisch nicht viel vom gewohnten vorweihnachtlichen Glanz ein. Irgendeine gute Seele hat sogar die als Solitär wachsende Tanne unweit des Dünenfriedhofs geschmückt — eine Geste, die mich auf eigenartige Weise tief berührte. Auch ich habe meinen Balkon illuminiert, obwohl in meinem Viertel zurzeit so gut wie niemand wohnt. Aber ich mag es, wenn mich die warmen Lichter beim Heimkommen begrüßen und ich mag das warmweiße Flimmern, das ich von innen durch das Balkonfenster sehen kann.

Die Tage sind kurz. Nach einem grauverregneten Tag hat es zum Sonnenuntergang hin noch einmal aufgeklart. Ich nehme die Freundin mit zum Strand und wir beobachten, wie der Himmel zu glühen beginnt. Wie ein Fingerzeig Gottes dringen goldene Sonnenstrahlen zur Erde und zum Meer. Die Strahlen quellen aus bedrohlich-dunklen Wolken, und ich denke, dass man den Sieg des Lichts über die Dunkelheit nicht schöner illustrieren könnte. Jetzt spiegelt sich die Farbe des Abendhimmels auch in den Prielen und in den nassglänzenden Flächen am Flutsaum. Ein einzelner Sanderling flitzt emsig darin hin- und her. Wir wundern uns darüber, weil die kleinen Vögelchen, die nicht grundlos auf Plattdüütsch „Keen Tied“ heißen, sonst immer in Gruppen auftreten. Aber es sind weit und breit keine anderen Sanderlinge zu sehen. „Guck mal, der macht auch social distancing“, sage ich zur Freundin. Es sind seltsame Zeiten. Und ich bin froh, dass da noch jemand ist, dem ich nah sein darf.

In anderen Zeiten hätte man sich jetzt schon gnadenlos an Spekulatius überfressen. In anderen Zeiten hätte ich dienstlich schon so viele Adventsfeiern besuchen müssen, dass ich mich nach einer Stillen Nacht gesehnt hätte. In anderen Zeiten wäre die Kirche so voll gewesen wie die Leute am Glühweinstand und Scharen von Kindern hätten sich dem als Nikolaus verkleideten Kurpriester begeistert ans Gewand gehängt.
In diesem Jahr aber kam sogar ich in den Genuss eines Schokoladen-Bischofs, weil so wenig Kinder da waren, dass der Nikolausdarsteller auch für alle Erwachsenen noch etwas aus dem Sack kramte.
Der Glühweinstand ist verboten wie der Rest an Gastronomie auch. Mancherorts kann man noch Essen mitnehmen. Alles andere geschieht im Privaten. Das öffentliche Leben pausiert.

Zweifelsohne sind all diese Maßnahmen gut und richtig, und es gibt keinen Tag, an dem ich nicht Gott dafür danke, bisher von dem Virus verschont geblieben zu sein. Auch meine Eltern sind nicht erkrankt; ebensowenig wie die Liebste. Aber ich weiß, dass das nicht selbstverständlich ist: Die Einschläge kommen näher; im Freundeskreis gibt es Tote zu beweinen. Ein liebgewordener Bekannter liegt auf der Intensivstation.

Nun mag es schwer erscheinen, in all diesem Leid, in dieser Dunkelheit und dieser Vereinzelung noch Weihnachten zu finden. Freilich, da ist der Adventskranz auf dem Tisch. Da ist die Pastoralreferentin, die schön und klar von der Menschwerdung Christi singt. Da sind die Kerzen und Lichter, die trotz allem an Fenstern und Fassaden drapiert wurden, obwohl sie meistenteils leere Straßen beleuchten. Da sind die in Tüten und Kartons bereitstehenden Geschenke, die bunten Papierrollen und glänzenden Bänder, die festlichen Weihnachtskarten. Und plötzlich frage ich mich, ob genau darin eigentlich nicht noch mehr Weihnachten liegt als sonst.
Denn beinhaltet die Adventszeit nicht die Aussicht auf Erlösung? Die freudige Erwartung besserer Zeiten? Ist der Advent, ist Weihnachten nicht pure, wärmende, wundervolle Hoffnung?
Und Hoffnung gibt es.
Denn auch im Pandemiegeschehen tut sich etwas: Ein Impfstoff ist in Kürze verfügbar; erste Impfzentren werden eingerichtet. Vielleicht naht also auch hier die Erlösung. Vielleicht können wir also auch hier bald besseren Zeiten entgegengehen. Und vielleicht tun wir das sogar mit demütigeren, dankbareren Herzen als zuvor. Weil uns genau das Weihnachten, was so anders war, gezeigt hat, was Weihnachten eigentlich ist.
Und selbst wenn man diese wahrlich frohe Botschaft außer Acht ließe — ist es nicht allein schon tröstlich, dass auch in diesem Jahr Weihnachten ist? Eine herzwärmende Konstante, deren Flamme keine Pandemie, kein Krieg, kein persönliches Leid vernichten kann. Weihnachten ist. Und Weihnachten wird sein.

Absurderweise wird ausgerechnet im Pandemiejahr das erste Weihnachtsfest seit Langem sein, das ich nicht alleine verbringe. Gottes Humor in dieser Angelegenheit verstehe ich zwar manchmal immer noch nicht ganz, aber sicher ist, dass sie ein großes Geschenk war — und noch immer ist mir die Liebe ein tägliches kleines Wunder.
Am späten Abend mache ich mich auf zur Freundin. In nur wenigen Häusern brennt noch Licht; auch die raren Straßenlaternen vermögen kaum die Wege zu erhellen. Vor meiner Fahrradlampe tanzen erste Schneeflöckchen. In einem Baum hat sich ein Schwarm Finken zum Schlafen niedergelassen. Mit ihrem aufgeplusterten Gefieder sitzen sie in den kahlen Zweigen wie Christbaumkugeln. Und am Ende der Straße ist jemand, der auf mich wartet.

Schwarzweiß

Nach einem Telefonat mit einem Freund trete ich auf den Balkon. Mich empfängt eine tiefschwarze, klare Neumondnacht. Ich richte den Blick nach oben: Das Sternenmeer ist gewaltig. Nach und nach identifiziere ich alle mir bekannten Gestirne, die aus Myriaden weiterer strahlen; die trockene Herbstluft verstärkt ihr Funkeln. Das Band der Milchstraße webt sich in die Dunkelheit dieser Zeit wie ein Versprechen. Es werden hellere Zeiten kommen. Es wird Licht.

Ich denke zurück an den Freund. Er war sehr wütend am Telefon; nicht auf mich, dem Herrn sei es gedankt, und der Grund seiner Wut war auch auch nachvollziehbar. Dennoch schmerzte es, ihn so zu erleben, so dermaßen außer sich, und ich wünschte, ich hätte ihn herholen können, um ihn den Himmel zu zeigen. Diesen Himmel.

Wenn man am Tage den Langeooger Himmel betrachtet, kann man gut nachvollziehen, warum die Menschen früher dachten, die Erde sei eine Scheibe: Wolken, deren Unterseite so platt wie das Land wirkt, treiben über endlos weite Landschaft und auch das Meer erstreckt sich, soweit das Auge reicht. In der Nacht aber wird das anders.
Die gewaltige, lackschwarze Kuppel des Langeooger Nachthimmels ist gigantisch; ihr Hineinragen in die Unendlichkeit des Alls nahezu greifbar — und die Winzigkeit der Erdkugel inmitten des Universums ist es auch. Der Anblick des nächtlichen Inselhimmels erdet ebensosehr, wie er die Sehnsucht nach dem Unbekannten nährt: Er ist ein noch immer unbegreifliches Wunder, denn ähnlich viele Geheimnisse wie das All birgt vermutlich nur noch die Tiefsee.
Welche zwischenmenschliche Unappetitlichkeit sollte angesichts solcher Pracht denn nicht irrelevant werden?
Mich beruhigt ein solcher Himmel binnen Sekunden und ich hoffe, dem Freund ginge es auch so.

Mag man sich auf der Insel zu Pandemie-Zeiten auch manchmal eingeschlossen fühlen, so ist es doch der Himmel, der uns immer wieder daran erinnert, miteinander verbunden zu sein, und das meine ich nicht einmal in religiösem Kontext. Die Atmosphäre, die alles auf dieser kleinen rotierenden (präziser: eiernden) Kugel im All am Platz hält, umgibt uns alle gleichermaßen: Die Familie eines anderen lieben Freundes in Neuseeland ebenso wie Menschen in Grönland, die Schildkröten auf Galapagos oder die Möwen auf Langeoog. Wir haben nur das hier. Und wir haben auch nur uns, sofern nicht eines Tages doch noch E.T. vor der Tür steht und sich ein Smartphone ausleihen möchte.

Zugleich frage ich mich, ob einen dieser Gedanke jetzt einsam machen sollte. Denn sympathischer wird mir die Menschheit in diesen überemotionalisierten Zeiten nicht und mehr als einmal verfluchte ich schon den Tag, an dem ich anfing, im Internet Kommentare zu lesen.

Aber es nützt ja nichts. Wir haben nur uns, und so muss man dort Zuflucht suchen, wo man sich noch einigermaßen sicher fühlt vor dem Wahnsinn: In der Kirche, in seinem Zuhause, in der Natur oder einfach in seinen Erinnerungen.

Ich erinnere mich. Ich erinnere mich an die Zeit, als ich dachte, dass ein Wiedersehen mit Freunden im Ausland nur eine Frage von Geld und Urlaubstagen sei. Ich erinnere mich, dass ich ein Wiedersehen für sicher hielt, sobald es die Umstände erlauben. Und nun ist da noch ein Virus; sind da geschlossene oder immer-mal-wieder geschlossene Grenzen; ist da die Gefahr, dass man nach Österreich oder Schweden zwar noch hinein-, aber nicht mehr hinauskommt.

Selbstverständlich sind diese Maßnahmen alle nötig und man reißt sich auch gerne am Riemen, wenn man damit Mitmenschen vor Leid und Tod bewahren kann. Dass das immer leicht fällt, heißt es indes nicht.

Ich krame eines meiner Lieblingsfotos von dem Freund heraus, das ich bei unserem letzten Zusammentreffen machte. Es zeigt ihn nur von hinten, er trägt eine Papiertüte, die zufällig farblich mit seiner Kleidung korrespondiert, und läuft auf eine kleine Kirche zu, deren barocke Zwiebelkuppel über winterkahle Baumwipfel ragt. Ihre Turmfenster sind freundliche, schläfrige Augen.
Das Bild strahlt viel Frieden aus und hat etwas wunderbar Aus-der-Zeit-Gefallenes. Ich erinnere mich gerne an den Tag der Aufnahme; wir hatten die Papiertüte in einem kleinen Kunsthandelsgeschäft bekommen, sie enthielt ein paar schöne Andenken. In der Kirche beteten wir für unsere Familien; auf dem Weg dorthin ließ ich mich unauffällig zurückfallen, damit ich den Freund unbemerkt fotografieren konnte: Gestellte Fotos mag ich nicht.

Ich hatte das Foto damals in Schwarzweiß gesetzt, um das Zeitlose und die Kontraste der Winterlandschaft zu betonen, doch nun hat das Schwarzweiß etwas Bitteres. Ich arbeite ansonsten wenig mit Schwarzweiß; fast alle anderen Schwarzweißfotos in meiner Wohnung stammen aus früheren Jahrzehnten und zeigen Menschen, die nicht mehr leben: Meine Großeltern, einen Urgroßonkel, Schnauzer „Struppi“, den mein Vater als Kind hielt. Ein Foto von 1929 zeigt die Straße vor unserem Berliner Haus. Die heute mächtigen Eichen sind auf dem Bild noch zarte Bäumchen; auf dem Kopfsteinpflaster dampfen Pferdeäpfel. Heute sieht man das Kopfsteinpflaster nur noch durch ein paar Löcher in der schlampig geteerten Asphaltdecke; darauf parken SUV vor klobigen Neubauten, deren Besitzer sich jeden Herbst über die Spuren der fallenden Eicheln im Autolack beklagen. Unser Gründerzeithaus hält dazwischen die Stellung, und ich hoffe, das es dort noch viele Jahrzehnte überdauert: Dinge mit Bestand sind mir Fixsterne in einer sich viel zu schnell drehenden Welt.

Das Foto mit dem Freund und der Kirche ist noch kein Jahr alt, aber nun erinnert mich seine Farbgebung umso deutlicher daran, dass es im Grunde ebenfalls aus einem anderen Zeitalter stammt. Aus der Prä-Pandemie-Ära. Als es noch selbstverständlich war, Freunden zur Begrüßung die Hand zu geben, nachdem man aus einem überfüllten Zug gestiegen war — an der Landesgrenze gänzlich unbehelligt — und froh war, endlich klare, niederösterreichische Winterluft zu atmen. Vorbei.

An einem Haken neben der Tür baumelt ein Mundschutz mit dem Werbeaufdruck des Klosters, das ich damals besuchte. Denn auch vor dessen heiligen Hallen machte der Virus nicht halt.

Der Sternenhimmel hat nichts an Pracht eingebüßt als ich, aus der Gedankenversunkenheit erwacht, das nächste Mal nach oben blicke.

Momentaufnahme, Danach

Nachdem sich die befürchtete Corona-Infektion als Bronchitis entpuppt hat, ist Aufatmen angesagt. Dies zwar nicht unbedingt im körperlichen Sinne, denn ich stehe unter Antibiotika-Beschuss und gerate auch weiterhin bei jeder Kleinigkeit außer Atem, aber innerlich fühle ich mich wie nach einem Seelen-Großputz. Nie hätte ich gedacht, welch befreiende Wirkung das Wort „negativ“ haben kann.
Aber zum Leichtsinn verleiten sollte das Testergebnis keinesfalls.

Gerade den Klauen des Infektionsverdachts entrissen, wundere ich mich umso mehr über die Vielzahl an Menschen, für die der Virus offenbar ebenfalls Urlaub macht: Und das grundsätzlich nicht da, wo sie sich gerade selbst befinden. Selbstverständlich herrschen auf Langeoog Hygienevorschriften wie überall sonst, aber dennoch scheint es vielerorts nötig, Gäste wie Mitinsulaner daran zu erinnern, dass die Pandemie längst nicht eingedämmt ist; aller Lockerungen bei der Insel-Anreise und Beherbergung zum Trotz.

In den letzten Wochen ist die Personenzahl auf der Insel beträchtlich angewachsen, sogar Tagesausflügler dürfen uns wieder besuchen. LangeoogerInnen reisen ebenfalls eifrig hin und her, und so können nur ganz naive Zeitgenossen davon ausgehen, dass niemand den Virus irgendwann im Gepäck hat. Wohl jeder wappnet sich emotional für den ersten größeren Ausbruch. Aber kaum jemand spricht es aus. Man will schließlich niemanden verschrecken.

„Wissen Sie was“, flüsterte mir eine ältere Insulanerin veschwörerisch zu, die ich dieser Tage zufällig kennenlernte, „eigentlich fand ich es ja ganz schön mit der Ruhe im Frühjahr. Als niemand hier war. Aber das darf man ja nicht laut sagen.“ Ich musste über diese Aussage ebenso schmunzeln wie sie mich verstörte: Denn was sagt es bitte über den Zustand der Gesellschaft aus, wenn selbst über 80jährige sich noch vor einer Verbalhinrichtung für jedes vermeintlich falsche Wort fürchten müssen?
Ich möchte besser nicht mehr darüber nachdenken und fokussiere auf das, was ich an dieser Insel liebe: Die verschwenderische Pracht des Weltnaturerbes, das Meer und die endlose Weite des ostfriesischen Himmels. Nach den Quarantänetagen nahezu gierig auf Sonnenlicht und Luft verbringe ich jede freie Minute draußen.
Denn nun ist auch wirklich Sommerwetter. Der Sand ist bereits so heiß, dass er die Fußsohlen verbrennt; am Strand tobt das Leben.

Die Freundin schwimmt. Ab und zu sehe ich ihr sommersprossiges Näschen aus den Wellen auftauchen. In ihrem eleganten schwarzen Retro-Badeanzug ist sie ein hübsches Fleckchen Frieden in all dem bunten Lärmen um uns.
Das Leben gefällt mir, denke ich, und fühle mich selten ausgeglichen. Mir fehlt nichts, und kurz bin ich geneigt, mich in eine sorglose Ferienstimmung sinken zu lassen, ohne all den Wahnsinn um uns: Mit dem Virus, mit der Welt. Die Versuchung, all das einfach auszublenden und zu verdrängen, ist groß.

Für einen Moment beginne ich sogar Verständnis für die Menschen zu entwickeln, die es mit den Hygienebestimmungen hier nicht so genau nehmen, weil sie vielleicht auch gerade diese Erleichterung spüren, all dem Wahnsinn kurz entkommen zu sein. Diesem neuen, anstrengenden Alltag mit Mundschutz und Desinfektionsmitteln. Weil Langeoog für sie eben kein Alltag ist, sondern Auszeit.
Und doch ist auch hier keine unkaputtbare Kunstwelt: Denn auch Inselbewohnende sind sterblich, ebenso wie die Inselärzte. Fällt unser Arzt aus, sind wir am Arsch — um es mal ebenso präzise wie unpoetisch auszudrücken. Und darum kann man nur immer wieder auf Vernunft hoffen. Auf Rücksicht und Selbstdisziplin. Hintereinanderlaufen auf schmalen Wegen, damit Entgegenkommende Platz zum Ausweichen haben. Im Supermarkt nicht quer durch die Gänge brüllen und tröpfchenlastige Diskussionen grundsätzlich nicht Fremden zumuten. Es ist machbar. Und viele bekommen es auch hin.

Der Tag neigt sich, und ich stelle fest, dass ich in naher Zukunft nichts Größeres mehr erwarte, nichts plane. Nicht im Sinne von Resignation, sondern im Sinne zunehmend stoischer Gelassenheit. Denn die Coronakrise macht — die Abwesenheit existenzbedrohender Probleme vorausgesetzt — vielleicht auch gewisserweise genügsam: Was geht, geht. Und was nicht geht, geht eben nicht. Fordern und Rechthaberei sind nutzlos in einer Pandemie: Das sollten auch die Ich-fixiertesten unter den Mitmenschen allmählich einsehen. 
Wir müssen das jetzt aussitzen; mit Umsicht, Rücksicht, Maske und Augenmaß. Was danach kommt, wird man sehen. 
Ich reiße mich aus meinen Gedanken und werfe den Blick zurück auf die Wellen. Die Freundin taucht derweil nochmal ab, und vermutlich ist das auch das Beste, was man zurzeit hier machen kann.