Momentaufnahme, Rückkehr

Mit dem Erwachen wähne ich mich noch hinter dicken, weißgetünchten Klostermauern. In der Geborgenheit einer Zelle, deren hohes Kreuzgewölbe das Bett überspannt wie ein Wiegenhimmel, während die riesigen Doppelfenster den Blick auf den echten Himmel öffnen. Dahinter rauschen Bach und Bäume. Doch heute wird mich kein früher Glockenschlag zum Gebet rufen, wird kein vertrautes Rascheln langer, weißer Chormäntel mehr durch die Stille eines beeindruckenden Kreuzganges hallen und ich werde nicht mehr den Duft uralter Steine riechen, die ein atemberaubend schöner Brunnen mit kristallklarem Wasser besprengt.
Der Rest des Traums verfliegt: Ich bin auf Langeoog.
Der Tag empfängt mich recht mitleidslos. Kalter Regen schlägt an die Scheiben und sprüht in Fontänen aus den Ablaufrinnen, das Backsteinpflaster ist nass und dunkel wie altes Blut. Meine Balkonblumen, durch die Milde des bisherigen Winters noch immer blühend, biegen sich mit den Böen in die Waagerechte. Ich sehe hinaus; noch nicht ganz da und doch zuhause. 
Auch unsere Kirche ruft zum Gebet, obwohl sie kein Geläut besitzt: Die Sonntagsmesse steht an. Mechanisch suche ich mein Regenzeug zusammen, den Fahrradschlüssel, das Kollektengeld. St.Nikolaus erwartet mich mit der stoischen Ruhe eines alten Freundes, der schon so einigen Kummer mit mir gewohnt ist.
Heute haben wir sogar zwei Zelebranten, sodass der Kontrast zum klösterlichen Konventamt mit einem halben Dutzend Priestern nicht ganz so hart ist, aber natürlich bin ich spürbar zurück in der Diaspora, denn es wird keine Kommunionbank mehr herbeigetragen und niemand hält einem ein silbernes Tellerchen unters Kinn, falls man mit dem HERRN krümelt. Dass ich dafür wieder Messdiener sein, in der Sakristei herumkramen und Fürbitten vortragen darf, tröstet indes über den Abschiedsschmerz. Denn so sehr ich das festliche, strenge Zeremoniell des Ordens auch liebe — in St.Nikolaus habe ich meinen Platz und bin dankbar für jeden Dienst, den ich mit Gottes Hilfe dort verrichten darf.

Nach dem Verräumen der Altargegenstände trete ich vor die Kirchentür. Die Wolken haben sich verzogen: Nun vergoldet die Sonne die Welt. Die See hat sich zurückgezogen, in der Ferne sehe ich ihr schönes Blau glänzen. Das Meer ist Heimat, es wird nie anders sein.
Und doch mäandert mein Herz noch irgendwo zwischen Flughafen und Bahnhöfen, zwischen uralten Mauern, pittoresken Dörfchen, frostüberzuckerten Bäumen, Barockkirchen und bewaldeten Berghängen. Noch kann der Blick auf die geliebte Insel die Erinnerung nicht übermalen. Noch fühle ich die elegante Kühle der hohen Gewölbe, die beschützende und zugleich befreiende Klarheit von weißen, fast schmucklosen Wänden und die haltgebende Verlässlichkeit, mit der der wunderschöne Chorgesang der Mönche die Kapelle erfüllt. Und dann ist da noch all die Pracht hinter den imposanten Toren, die kostbare Handschriftensammlung, die Bücherregale, die gewaltig dimensionierten Gemälde, das Kerzenlicht und all das Gold. Auch der Mensch, der all die Tage bei mir war, ist nicht fort; ich sehe ihn das Auto mit beruhigender Routine durch Serpentinen steuern, gefährliche Abgründe neben uns und über uns ein strahlender Himmel, der die meiste Zeit nicht gnädiger hätte sein können.
Vom ersten Winken durchs Bahnhofsfenster bis zum Reisesegen am Flugsteig war mir dieser Mensch ein zuverlässiger Quell der Beständigkeit und Freude, mit seinem ansteckend breiten Lächeln und der unprätentiösen Herzlichkeit, dem norddeutschen Humor und den graublauen Augen in der Farbe dunkler, sturmgepeitschter See. Ich kann nicht behaupten, ihn nicht zu vermissen.

Ich hatte Angst vor dem Flug, aber die teure Reise im Schlafwagen hatte ich mir nur für den Hinweg leisten können. Seit 13 Jahren der Fliegerei entwöhnt, fühlte ich mich wie ein Fossil angesichts all der technischen Neuerungen, der schieren Größe des Flugplatzes und der industriellen Abfertigung der Reisenden. Ich wollte noch am Boden zurück ins Kloster, zum Freund, zum Wald. Aber die Triebwerke röhrten bereits. „Halt dich am Rosenkranz fest“, hatte er noch gesagt. Und das machte ich auch.
Die Alpen durchbrachen die Wolkendecke wie Inseln. Schön sah das aus; ebenso wie die kleinen Eisblumen am Fenster, die in der Sonne glitzerten. Ein Hauch von Trost schlich sich ins Herz, denn tatsächlich fehlten mir auch das Meer und die Weite. Dann riss der Himmel auf und die Schäfchenwolken unter mir trieben wie Eisschollen vorüber. Grüne Äcker kamen in Sicht und Dörfer, in denen ich sofort nach dem Kirchturm spähte. Aber ich fand keinen, und so musste ich mich wohl der Wahrheit stellen: Die Welt, in der sich der Alltag nach keinem Geläut mehr richtete, hatte mich wieder.

Momentaufnahme, Reise

Es ist wundervoll, Zeit zu haben. Ganz gleich, wie gerne man seinen Beruf ausübt: Der Mensch braucht auch Tage, in denen er ohne jeden Plan termin- und sorglos vor sich hinleben kann, vulgo: Der Mensch braucht Urlaub.
Seit drei Tagen befinde ich mich in diesem seligen Zustand und es ist wunderbar. Wie schön ist es, wenn man auf einmal die Griffel fallen lassen kann ohne dräuende Existenzangst, sie nach einiger Zeit nicht wieder aufnehmen zu dürfen — und wie schön ist es, ein Jahr, das so bescheiden anfing, so großartig zuende gehen zu sehen; hinzukommend fürs neue Jahr geplante Ereignisse, auf die man sich jetzt schon freut. Es ist gut, Zeit zu haben: Zum Innehalten, Rückschau halten, Zu-sich-Kommen, Lieben, Danken.

„Verreist Du nicht?“, werde ich von Menschen gefragt, denen ich vom Urlaub erzähle, oder gleich „Wohin geht es?“ Nunja: ich bleibe daheim. Es sind einige Dinge am Haus zu tun, dazu ist ein Ehrenamt vorzubereiten, eine monetäre Frage ist es auch, und überdies gebe ich zu: Ich möchte einfach nicht. Lebe ich schließlich nicht an einem schönen Ort, der für so viele andere Menschen das ersehnte Reiseziel ist? Muss man da fliehen? Und dann: Die CO2-Bilanz! Dürfte ich noch darüber wettern, wenn ich selbst zig Flüge auf dem Kerbholz hätte?

Andererseits denke ich, dass man unbedingt verreisen sollte. Alexander von Humboldt wird der Satz zugeschrieben: „Die gefährlichste Weltanschauung ist die derjenigen, die die Welt nie angeschaut haben“, und dem ist wohl nichts hinzugefügen. Dass ich die Welt anschaute, ist lange her; meine weiteste Reise in den letzten fünf Jahren führte nach Flensburg. Dennoch tat auch diese sehr gut, so, wie mir jeder Ausflug aufs Festland gut tut, auf jede Nachbarinsel. Von Baltrum aus betrachtet, sieht Langeoog halt doch noch ein bisschen anders aus, und wieder anders von Bensersiel. Man braucht nicht weit zu fahren für einen Perspektivwechsel — wichtig ist wohl nur, dass man offen für einen solchen bleibt. Es gibt Leute, die von den Urlaubsfotos ihrer Bekanntschaften auf facebook genervt sind, aber ich freue mich in der Regel darüber, weil ich so „herumkomme“ ohne selbst dafür tätig werden zu müssen.
Auch der Lieblingsmensch ist zurzeit auf Reisen und sendet Bilder von nebelumflorten Flusstälern, altehrwürdigen Schlössern, hohen Baumkathedralen mit regenschweren Dächern, Kirchenfenstern in spektakulären Farben. Ich bade mein Herz in diesen schönen Ansichten und bin gern auf diese Weise bei ihm; dennoch freue ich mich auch darüber, ihn wieder sicher Zuhause zu wissen, birgt doch jede Reise ein Risiko des Nichtwiederkehrens. Sicher: Sterben kann man auch zuhause, mag man da einwenden, aber irgendwie ist das doch etwas anderes, wenn auch nicht minder furchtbar.

Derweil mache ich den Balkon herbstfein. Ich knipse die übrig gebliebenen Geranienblüten ab und drapiere sie in einer Vase, bevor ich die letzten Zeuginnen des vergangenen Sommers aus den Blumenkästen schäle und sie dem Komposthaufen hinter dem Haus übereigne. „Magst du lieber rote oder rosafarbene Geranien“ hatte ich den Liebsten noch gefragt, bevor ich sie kaufte, und er wählte die roten, also pflanzte ich diese. Das ist wohl ein bisschen seltsam, wo der Mann doch so weit weg wohnt und die Geranien daher kaum zu Gesicht bekommt, aber ich wollte einfach, dass es auch seine Blumen sind, so wie man wohl insgesamt einfach mehr zum Teilen bereit ist, wenn man jemanden gern hat. Liebe mag miese Eigenschaften in einem hervorbringen, namentlich Dinge wie Eifersucht oder Territorialansprüche, aber summa summarum macht sie wohl doch ein bisschen weniger egoistisch. Ehrlich gesagt, ist das auch der Teil, der mir am Single-Dasein am Schwersten fällt: Dass man quasi zum Egoismus gezwungen ist. Natürlich genießt man es einerseits, im teuren Hotelzimmer das ganze Bett und alle Handtücher für sich allein zu haben, die Heizung und die Champagnerflasche dann aufdrehen zu können, wenn einem persönlich danach ist — aber zugleich gibt es eben auch niemanden, mit dem man den Champagner oder auch nur die Erinnerung daran teilen kann. Und dann grämt man sich anderntags wegen des Katers (wahlweise der Verschwendung, wenn man den schal gewordenen Ruinart-Rest in den Siphon schüttet) und weil niemand verschlafen lächelt neben einem oder in der Dusche vor sich hinplätschert, während man sich nochmal umdreht; in leiser Vorfreude darauf, den noch feuchtwarmen, duftenden Significant Other alsbald wieder in die Arme zu schließen.
Unumwunden muss ich zugeben: Auch die Zahl der Neurosen wächst mit den Jahren des Alleinlebens; umso schwieriger wird es dann, jemanden zu finden, dessen Neurosen mit den eigenen kompatibel sind oder diese sogar sinnvoll ergänzen.
Einen solchen Jemanden schickt der Himmel.

Nun aber, bevor der Frühling Einzug halten kann, weichen die Geranien zunächst einer Ansammlung frostharter Gewächse: Noch ist ein Winter zu überstehen, und nur Gott weiß, was uns währenddessen erwartet. Erika und Astern werden sturmfest eingegraben, jetzt noch umgeben vom Feuer der Herbstfarben in den Hecken und Bäumen ringsherum. Schon bald aber wird kleine Weihnachtsdeko dazwischen glitzern und dann vielleicht eine dünne Schicht Schneekristalle über meinen Pflanzen liegen. Ich werde die letzte Sonnenwärme des Jahres im Rattansessel auf dem Balkon genießen oder, mit einer Schale Tee in den Händen, vom Fenster aus zusehen, wie der Regen ihre Blüten biegt und die Blätter sattgrün lackiert. 
Ich werde mich auf den Frühling freuen, aber keine Eile damit haben. Heute weiß ich um die wärmende Kraft von Gebeten und Worten und um das Beständige im Wandel. Ich weiß, dass man offenen Herzens und guten Willens sehr weit kommen kann; man kann reisen und neue Welten entdecken, ohne dafür auch nur vor die Tür treten zu müssen. Ich glaube wieder an die Liebe, das Gute und Ewige, und ich weiß jetzt um die Fülle in der Genügsamkeit.
Ich glaube: Es ist ein gutes Jahr.

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