Frühlingshauch

Schon am Morgen ist die Insel von einem prächtigen Blau überwölbt. Ein klarer, sonniger Tag steht bevor, und es ist so mild, dass ich endlich wieder meinen geliebten Übergangsmantel anziehen kann anstelle der voluminösen Winterdaunen. In der Straße nebenan turnen Schwanzmeisen an herabhängenden Erlenzweigen; erste Kätzchen stehen kurz vor der Blüte. Und auch das Jelängerjelieber, das sich durch nahezu sämtlichen Dünenbewuchs und viele Hecken der Insel rankt, reckt erste hellgrüne Blätter und zahlreiche Knospen in die Sonne.

Über den Wiesen und Weiden treiben jetzt kleine Quellwolken im Blau. Die Wintersonne hat links und rechts blasse Nebensonnen ausgebildet; eine Folge der Eiskristalle in der Luft. Ich weiß, dass es in Kürze wieder Schneien wird, aber noch erscheint das vollkommen unwirklich. Denn es liegt bereits eine Menge Frühling in der Luft.
Auf der Weide tummeln sich eine Menge taubengroßer Vögel, und obwohl sie von Weitem noch nicht genau zu erkennen sind, lässt ihr charakteristisches, akrobatisches Flugbild keinen Zweifel: Die Kiebitze sind wieder da. Dutzende; wenn nicht gar über Hundert der hübschen Häubchenträger. Sie plantschen in den Tauwasserseen, die sich nach dem letzten Schneefall in den Ackermulden gesammelt haben und durchforsten das saftige Grün nach Insekten.
Ich sehe ihnen eine Weile fasziniert zu; nur selten muss ich dabei anderen Menschen Platz machen. Ich denke an den letzten Frühling; das erste vollkommen stille Osterfest im Lockdown und die soeben erblühte Liebe, die nun auch schon ein Jahr währt. Und nun steht der nächste Frühling unmissverständlich vor der Tür. Zugleich ist mir klar, dass ein Frühling im Januar nicht mehr sein kann als eine schöne Vorahnung, oder vielmehr: Eine Erinnerung. Daran, dass jeder Winter endlich ist. Und jede Dunkelheit und Kälte auch.
Ich sehe mich an dem leuchtenden Blau des Himmels, den Kiebitzen, den friedlich grasenden Rindern und den Schwärmen von Grau- und Weißwangengänsen noch eine Weile satt; dann fahre ich heim und warte auf den Schnee.

Der Schnee kommt nicht sanft. Ich erwache davon, dass grober Eisregen hart gegen die Fensterscheiben klatscht und Sturmböen am Haus rütteln. Erst ganz allmählich werden die Laute sanfter. Ich habe mich noch nicht überwunden, aus dem Fenster zu sehen, aber dem Geräusch nach sind es jetzt wohl nur noch große Schneeflocken, die der Wind an die Fenster treibt. Letztlich öffne ich doch die Vorhänge: Der kräftige Südostwind schickt gerade eine große Ladung Schnee vom Dach gegenüber direkt auf meinen Balkon. Wäre die Tür geöffnet gewesen, hatte ich die Schneewehe wohl voll ins Gesicht bekommen. Eine Amsel macht sich über das am Vortag ausgelegte Fettfutter her. Sie ist so hungrig, dass sie sich weder von mir noch von den Windböen beim Fressen stören lässt. Einige Handwerker kämpfen sich fluchend mit Rädern, Anhängern und Handkarren durch die ansonsten einsamen Straßen. In der Nähe meiner Wohnung kratzt eine Schneeschaufel gegen den ununterbrochenen Schneefall an. Eine Sisyphosarbeit.

„Raus!“ sage ich mir irgenwann mit aller Vehemenz, „Raus!“ Denn auch ich muss arbeiten. Die Fotos für den Wetterbericht müssen gemacht werden; das ist nicht delegierbar. Und in zwei Stunden würde es wieder dunkel. Ich steige in die Thermounterwäsche, in Jeans, Pullover, Mütze und Handschuhe; in dicke Socken und Trekkingschuhe, dazu den Kunstdaunenmantel, in den ich die Kamera einknöpfe wie einen Säugling.
Der Schnee vor meinem Haus ist noch vollkommen jungfräulich, obwohl es bereits auf zwei Uhr zugeht. Die Zweitwohnungsbesitzenden, die trotz aller Warnungen der Bundesregierung in den letzten Wochen noch im Haus gewesen waren, sind offenkundig doch wieder abgereist. Die ersten Fußspuren, die sich an diesem Tag in den Schnee vorm Haus graben, sind meine.

Mich führt der Weg zum Dünenfriedhof. Tief verschneit habe ich den Friedhof noch nie betreten, aber heute zieht es mich vor Allem wegen der Nadelbäume hin. Es gibt für mich kaum etwas Schöneres als den Anblick und den Geruch schneebedeckter Kiefern und Tannen. Das Gräberfeld liegt ruhig und weit unter der weißen Decke, und mir fällt plötzlich das Gedicht Kurt Tucholskys über den wunderschönen jüdischen Friedhof in Weißensee ein:

„ (…) Es tickt die Uhr. Dein Grab hat Zeit,
drei Meter lang, ein Meter breit.
Du siehst noch drei, vier fremde Städte,
du siehst noch eine nackte Grete,
noch zwanzig–, dreißigmal den Schnee –
Und dann:
Feld P.“

So ist das Leben. Es hat nichts Beängstigendes in diesem Augenblick, daran zu denken, dass die Male, die ich noch den Schnee sehen kann, von Gott längst abgezählt sind. Aber es ist mir Mahnung, den Anblick zu würdigen. Wie auch den ganzen Winter, der gerade erst Anlauf nimmt.
Manchmal plagt mich fast ein schlechtes Gewissen, wie gut ich bisher durch diese Pandemie gekommen bin. Keine gravierenden Sorgen, und alle, die ich liebe, sind gesund. Nicht einmal die heilige Eucharistie ist mir verwehrt, denn in unserer winzigen Kirchengemeinde dürfen weiter Messen stattfinden, wenn auch unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen. Der Kurpriester ist ein sympathischer Prämonstratensermönch; eine natürliche Demut und Würde ausstrahlend, die man nicht einstudieren kann. Sein Ordensgewand ist weiß wie der Schnee.

Auch das Ruhen des Tourismus auf der Insel macht mir nichts, im Gegenteil. Es ist schön, ab und zu wieder ganz alleine unterwegs zu sein: Mit den Vögeln, dem Wind und dem Knirschen der weißen Pracht unter den Schuhen. Von Ferne dringt Kinderlachen an mein Ohr: Langeooger Familien, die jetzt Zeit haben, mit ihren Kleinen auf den Hängen hinter der Wohnsiedlung zu rodeln, anstatt gestresst von A nach B zu hetzen. Wenn man von den wirtschaftlichen Aspekten absieht — die zweifelsohne für viele Menschen eine Katastrophe bedeuten — hat der Virus-induzierte Stillstand durchaus auch Gutes.
Und es liegt ja nicht nur die Hoffnung auf Frühling in der Luft: Die ersten Impfungen auf der Insel sind erfolgt; schon bald werden die Neuansteckungszahlen sinken. Auch die Pandemie wird zur Ruhe kommen, da bin ich zuversichtlich. Wir müssen nur warten. Und unseren Beitrag leisten.

Auf den Wetterseiten, die ich für meinen eigenen Wetterbericht sichte, finde ich historische Daten über den Winter 1942. Mein Vater wurde in diesem Jahr geboren; die Temperaturen fielen im Januar dieses Jahres fast im ganzen Land auf -30°C; auch in Gelsenkirchen, seiner Geburtsstadt. 1942 war Krieg; die Menschen mitunter ausgebombt, an der Front oder im KZ. Dazu diese grässliche Kälte. Lebensmittelknappheit obendrein, viele hungerten. Was könnte man -30°C da schon entgegensetzen? In diesen Winter wurde mein Vater geboren. Und heute, im Januar 2021, fühlen sich Menschen von einem Stück Stoff vor Mund und Nase an Leib und Leben bedroht. Manchmal würde schon ein kurzer Blick in die Gechichtsbücher helfen, um sein Weltbild zurechtzurücken. Oder auch nur ein Blick in historische Wetterdaten.
Auf Langeoog wird es am Wochenende maximal -4°C kalt. Die Sonne wird ganztags scheinen; in Europa ist Frieden.

Momentaufnahme, 44

Es ist der erste warme Tag auf Langeoog, auch wenn er mit seiner schmutziggrauen Wolkendecke und dem ununterbrochenen Nieselregen noch nicht danach aussieht. Dennoch sind die 15°C Außentemperatur angenehm: Auf der Haut, in den Lungen. Es ist bereits dunkel, als ich auf die Straße trete. Die Luft riecht leicht nach Viehwirtschaft und Holzfeuer; darunter mischt sich der allgegenwärtige Duft salzigen Seewinds, den man sich am Ende des Tages von den Lippen lecken kann. 
Es soll der letzte graue Tag sein auf Langeoog, da sind sich die Prognosen einig. Und mit der Wärme wird auch die Sonne kommen.

Bevor diese anderntags jedoch die Chance hat, in mein Schlafzimmer zu dringen und mich mit goldenem Licht zu wecken, werde ich kurz nach 6 von infernalischem Lärm aus der Wohnung über mir wach. Elefantöses Getrampel, das Anspringen einer Badlüftung; jemand strullt wie ein Wasserbüffel, begleitet von ausgiebiger Flatulenz. Die folgende Spülung klingt, als brächen die Niagarafälle durch die Decke — Ich bin wirklich schon romantischer geweckt worden. Danach wird auch die nächste Person über mir wach, Gespräche setzen ein, noch mehr Getrampel, das Vibrieren eines Mobiltelefons, noch ein Klogang: Schalldämmung scheint bei der Renovierung von Feriendomizilen gerade nicht en vogue zu sein.
 Über dieses Sparen auf Kosten der Dauerbewohner breitet sich in mir Wut, die ein Wiedereinschlafen unmöglich macht; durchsetzt mit latentem Ekel über diese aufgezwungene Intimität von fremden Leuten. Und die Saison hat ja nicht einmal begonnen.
Mit der Laune unter Tage, da immer noch todmüde, quäle ich mich hoch und mache Kaffee. Die Sonne ist inzwischen über den Deich gekrochen und streichelt mit sanftem Licht Balkonblumen, Teppich und Bettwäsche. Noch ein wenig desorientiert schnappe ich mir das Kuschelkissen, das mir ein lieber Freund schenkte, einen Haufen Decken und den Kaffee und setze mich raus: Der erste echte Frühlingstag auf der Insel! Wie könnte ich ihn vergeuden?
Ich stelle mir den Freund vor und versuche statt an die ekligen Geräusche, mit denen mein Tag begann, an sein hübsches Lächeln zu denken und wie er nun, vermutlich gleichermaßen verschlafen, in seinen Kaffee guckt. Es hilft ein wenig. Auch das Sonnenlicht, das mein Gesicht berührt, ist tröstlich.

Die Leute über mir wollen den schönen Tag offenbar ebenfalls nicht verschwenden und verlassen das Haus. Eigentlich hatte ich Ähnliches vor, aber die plötzlich einsetzende, kostbare Stille treibt mich zurück aufs Bett und in die Arme erlösenden Tiefschlafs.
Als ich erwache, steht der Sonnenball bereits im Südwesten. Eine halbe Stunde Spaziergang ist erlaubt, sage ich mir, Blick und schlechtes Gewissen zwischen vollem Schreibtisch und Frühlingspracht vorm Fenster mäandernd: Eine halbe Stunde. Mehr nicht.

Es werden drei Stunden. Es gab schon mehr sonnige Tage in diesem Jahr, durchaus. Aber das jetzt ist Frühling; ich spüre seine belebende Kraft mit jedem Schritt Richtung Deich. Die Sonnenwärme fühlt sich anders an, das unvergleichliche Himmelsblau ist anders. An den Sträuchern blühen flauschige, pralle Weidenkätzchen und die Kiebitze turnen über den Äckern.
Die Entwässerungsgräben sind durch die Regenfälle der letzten Wochen zu kleinen Bächen angeschwollen, in den Dünentälern gibt es ein paar neue Süßwasserseen, in deren stiller Oberfläche sich majestätische Wolken spiegeln.
Ein Schwarm Nonnengänse landet an; die Rinder, die ich am Vorabend nur roch, käuen träge vor der Deichlinie wieder.
Es ist ein Segen, dass ich all das hier meine Heimat nennen darf.

Touristen sind nur wenige unterwegs, die sogenannten „Karnevalsflüchtlinge“ sind abgereist und die Oster-Reisewelle hat noch nicht eingesetzt. Hier draußen, mit jedem Meter Entfernung vom Dorf mit seinem Menschenlärm, wird wieder alles gut. Das Schnattern der Gänse, die walzertaktartigen Rufe der Kiebitze, der Gesang von Lerchen und Rotkehlchen, der Wind im Dünengras und die nahe Brandung — kann es schönere Geräusche geben?
Auch die Farben der erwachenden Natur rauben mir mit ihrer Schönheit den Atem. Ich betrachte das golden wogende Gras, den sattgrünen Rasen am Deich, den dunkel glänzenden Dünenbewuchs aus Krähenbeeren mit seinen gelben und grünen Farbtupfern aus Moosen und Flechten. All das möchte ich förmlich inhalieren, fühlen, umarmen und nie wieder loslassen. Jeder Blick ein kleines Gebet: Nie hätte ich gedacht, dass man ein Stück Land so sehr lieben kann. Und über und unter all dem leuchtet dieses unglaubliche Blau von Himmel und Wasser.
Es darf einfach kein Winter mehr werden, denke ich. Es darf einfach nicht. Und doch weiß man, dass der März ein fragiles Konstrukt ist.
Ein März ist kein Mai: So simpel, so wahr. Schnee, Kälte und Grau können noch jederzeit zurückkehren. Ein abgenagtes Vogelskelett am Rande des Weges zeigt mir, dass auch im Frühling nicht nur der Winter stirbt.

Das tote Tier erinnert mich an meine eigene Endlichkeit. Mein Geburtstag naht, und 44 ist keine schöne Zahl. In China, besonders im traditionell abergläubischen Süden, ist sie gar eine mittlere Katastrophe. Síshísì. Mit südchinesischem Akzent ausgesprochen: Sísísì. Der dreifache Tod. Denn die Zahl Vier, sí, ist nahezu gleichlautend mit dem Wort für „sterben“, sì. Es gibt in einigen chinesischen Hochhäusern und Hotels keine 4. oder 14. Etage. Zudem wurde ich 1976 geboren, dem sogenannten „Katastrophenjahr“, das mit einem verheerenden Erdbeben in Tangshan und dem Tod der drei Politgrößen Zhou Enlai, Mao Zedong und Zhu De in die chinesische Geschichte einging. Das Einzige, was mich aus chinesischer Sicht da raushaut, ist meine Geburt im Zeichen des Drachen, die dort als etwas Gutes gilt. 
Glücklicherweise bin ich in dieser Richtung nicht abergläubisch, auch wenn sich dem studierten Ostasienwissenschaftler in mir (wiewohl als solcher außer Dienst) diese Dinge zwangsläufig aufdrängen. Warum mir die Zahl dennoch nicht gefällt, kann ich nicht sagen. Sie ist wohl zu eindeutig keine Jugend mehr, aber auch noch ohne die Würde des Alters.

Für mich als Schüler waren 44jährige Männer Lehrer in Cordhosen, mit deren Kindern man in eine Klasse ging.
Farblose Personen, aber mit einer stabilen Existenz. Frau, Haus, fortgepflanzt, einige geschieden. Bausparverträge, Eigenheim. Die meisten waren nie weiter als 20km von ihrem Geburtsort weggezogen. Die Zähne schlechter werdend, die Haare dünner. Ich konnte mir diese Leute weder als Kinder noch als Greise vorstellen, sie waren halt irgendwie da und lebten unauffällig ihre Jahre ab.

Am Strand angelangt, lege ich mich kurz in die Sonne und dehne die schmerzenden Lendenwirbel. Irgendwo merkt man das Alter halt doch. Mit geschlossenen Augen lasse ich das Rollen der Brandung seine akustische Heilwirkung tun. Die Sonnenwärme entknittert spürbar die Winterseele.

Während ich dem Flutsaum heimwärts folge, formt sich in mir der Wunsch nach einem gnädigen Frühling. Nach warmen, schönen Tagen der Stille, bevor die Saison wieder lostobt. Nach Arbeit, die leicht von der Hand geht; nach dem Schutz eines stabilen Zuhauses, das mich vom akustischen, sozialen, politischen und sonstigen Wahnsinn der Welt für eine Weile abschirmt. Ich wünsche mir ein Jahr ohne existenzielle Geldsorgen, mit angstfrei verplanbaren Urlaubswochen, ohne Todesfälle in der Familie und bei guter Gesundheit: Es sind wohl die typischen Sehnsüchte eines langweiligen Mittvierzigers.
Und doch möchte ich vors dreifache Sterben erstmal noch eine Menge Leben setzen.

 

Momentaufnahme, Goldener Oktober

Am Morgen liegt Raureif über den Weiden. Die Schafe im Klostergarten haben sich unter einem Baum zusammengekauert und geben sich gegenseitig Wärme. Wiewohl die Tage noch warm sind und die Bäume volles, kaum verfärbtes Laub tragen, naht unverkennbar der Winter.
Zu den Vigilien um 6 Uhr morgens ist es noch stockdunkel draußen; die Kirche ist kalt. Aus den Ärmeln des Habits einiger Mönche sieht man dicke Pulloverärmel ragen, ab und zu hustet oder schneuzt sich jemand im Chorgestühl. Ich bewundere, wie gekonnt einer der Gottesmänner einen Niesanfall mit einer Verbeugung synchronisiert, sodass es kaum jemand mitbekommen hätte, wäre da nicht noch ein kurzes Aufleuchten eines eilig hervorgezogenen Taschentuchs gewesen. Kurz: Es sind etliche Mönche erkältet; nichtsdestotrotz singen sie auch an diesem Morgen herzerwärmend schön ihr Nachtgebet, das fießend ins Morgenlob übergeht. Und diese mild stimmenden Tagesanfänge im Gebet sind wohl der Grund, warum mir das extrem frühe Ausstehen hier weniger Greuel ist als anderswo.
Spätestens zum Laudes ist aber auch mir erbärmlich kalt und ich frage mich, wie es die sehr asketisch lebenden unter den Heiligen schafften, in Hunger und Kälte ihre Gottesbeziehung noch zu vertiefen. Ich indes muss mich mühen, mich auf den lateinischen Text der vorgetragenen Psalmen zu konzentrieren und nicht allzusehr in der Bank zu zittern.

Als die Sonne zur Frühstückszeit hervorbricht, wird es dagegen schlagartig warm. Gegen Mittag ist es geradezu heiß zu nennen; ich schwitze bereits im Hemd unter azurblauem, wolkenlosen Himmel und entscheide mich daher zu einer längeren Wanderung.
Erneut geht es entlang der Felder, einen steilen Hang hinab durch friedliche Wohnstraßen, wieder hinauf zur Landstraße und bei „Ingas Hühnerhof“ wieder hinab in Richtung Wald und Ruhr-Universität. Ein Bus fährt hier nur einmal in der Stunde. Vom Tal aus bewundere ich die sattgrünen bewachsenen oder frisch umgepflügten Äcker mit ihren malerischen Gehöften dazwischen; Fachwerk oder Schiefer. An einem der Bauernhäuser, das pittoresker nicht sein könnte, trägt eine Tafel über der grün gestrichenen Eingangstür die Aufschrift „A.D. 1486“.

Davor stelzen Hühner herum; neben einem kleinen Wassergraben räkelt sich eine grauweiß gescheckte Katze in einem Sonnenfleck.
Und das mitten im Ruhrgebiet.

„Als ich hörte, dass ich nach Bochum komme, war ich entsetzt“, erzählte der nette ostfriesische Gastpater bei einem gemeinsamen Ausflug zum nahen Stausee am Vortag, „ich dachte, da ist alles grau und hässlich und industriell. Bei uns in Ostfriesland ist es doch so schön, und die Leute aus dem Ruhrpott kamen bei uns immer zur Erholung. Deswegen dachte ich: Dort muss es ja furchtbar sein. Und nun gibt es hier so schöne Ecken.“
Ich freue mich, dass wir beide die Schönheit Ostfriesland und die des ländlichen Ruhrgebiets zu schätzen wissen, und lächele in der Erinnerung an das Gespräch. Das glaubt mir hier von meinen Freunden auch keiner, denke ich, während ich weiter wandere und dabei die wunderbare Szenerie genieße; und „beweisen“ kann ich es nicht, da ich heute zwar die schwere Kamera mitschleppe, aber die Speicherkarte im Kloster vergaß.
Schön war es am See; auch dort wurden viele Kindheitserinnerungen wach, vieles war noch vertraut ― auf diffuse Weise oder deutlich. Auch das Tretboot in Form eines Schwans war noch da und schaukelte auf silbrigen Wellen; drumherum gründelten lebendige Artgenossen. Natürlich quengelten wir als Kinder ständig um eine Fahrt mit diesem Schwan, und ich überlege, ob es noch derselbe ist, aber vermutlich ist es schon Schwanentreetboot Nr. 8, man weiß es nicht. Nun sah ich das Boot erstmals aus der Höhe eines Erwachsenen und badete mein Herz in dem Anblick. Auch der Mönch schwelgte am Ufer des Sees in Erinnerungen und berichtete von einer Konventfahrt mit dem Ausflugsschiff, ein ganzer Kahn voller Ordensmänner ― was für eine Schau! Ich konnte es mir lebhaft vorstellen.

Heute aber bin ich allein unterwegs und es soll es zu einem anderen Ort mit vielen Erinnerungen gehen: In den Botanischen Garten. Ein schmaler, steiler Weg mit dem Hinweis „Fußweg zur Universität“ führt mich tief in einen alten, dichten Wald. Umgestürzte Bäume liegen in moosüberwucherten Abgründen, riesige Eichen werfen mit ihren Früchten, an den Sträuchern leuchten sattschwarze oder feuerrote Beeren.

„Kind, geh niemals allein in den Wald spielen!“ höre ich noch eine warnende Stimme, aber das Kind ist groß, und es tut gut, mir den Wald jetzt ganz neu zu erobern. Nach einer Weile begrüßt mich die Universität mit einer übermannshohen Betonmauer in brachialer Hässlichkeit. Davor liegt Müll, dahinter beginnt gleich der Wald: Wenn mich jemand umbringen wöllte, dann hier, an dieser komplett uneinsehbaren Stelle, denke ich, und gehe ein bisschen schneller.
Und plötzlich ist alles wieder da. Ich quere den Campus, als wäre ich nicht 20 Jahre lang fortgewesen. Ich erinnere das Parkhaus, durch das ich vor Urzeiten meinen beige-metallicfarbenen Golf 1 wand ebenso wie die Reihenfolge der Fakultätsgebäude und Sportanlagen. Dann erreiche ich endlich den Garten; eine gute Stunde Marsch vom Kloster entfernt.
Der Botanische Garten hat sich gemausert. Entgegen der Erwartung, ihn verkommener vorzufinden als in der Erinnerung, sind die Gewächshäuser und Beete in hervorragendem Zustand; viele exotische Gewächse wurden anlässlich des sonnigen Wetters vor den Häusern aufgereiht und sorgen für mediterranes Flair. Sogar eine kleine Kaffeebar gibt es jetzt, und ich genieße eine Tasse unter einem Bitterorangenbaum, vollkommen glücklich. Es könnte nicht schöner sein. Der Student hinter der Kaffeetheke kommt mir schrecklich jung vor und ich werde kurz meines Alters gewahr: Als ich diesen Garten zum letzten Mal sah, war ich so alt wie dieser Student und selbst noch einer. Heute bin ich doppelt so alt; ich könnte sein Dozent sein oder sogar sein Vater. Aber mich dauert das heute nicht: Lebensphasen mit gebührendem Abstand betrachten zu können, tut mitunter einfach nur gut.

Das Pflaster ist von den mächtigen Wurzeln der Nadelgehölze, die mich an meinem Pausenplatz wohltuend überschatten, an einigen Stellen aufgesprengt. Vor mir plätschert ein kleiner Brunnen aus Granit. Das Sukkulentenhaus hinter mir war beim letzten Besuch noch eine Baustelle; nun fasziniert es mit wunderbaren Kakteen und anderen Wüstengewächsen.
Auch der chinesische Garten erstrahlt nach langer Schließung in renovierter Pracht, mehrere Hochzeitspaare machen dort Fotos. Riesige Koikarpfen durchkämmen das Wasser des Teiches, in das Trauerweidenzweige ragen: In der chinesischen Kunst sind diese ein Sinnbild für Frauenhaar und oft Gegenstand erotischer Tang-Dichtung und -Malerei. Künstliche Felsen und ein Gebäudeensemble mit vielen Maueröffnungen bieten immer neue Perspektiven.

Zurück nehme ich einen anderen Weg; durch einen weiteren Wald geht es zum Hinterausgang des Gartens und dort erneut durchs Tal bis zu einer Weggabelung, die zur Linken über einen staubigen, nur teilasphatierten Pfad quer durch die Felder führt, geradewegs auf das noch in einiger Ferne liegende Kloster zu. Ich passiere so üppig blühende Feldränder und Gärten, als sei es gerade einmal August. Dass heute Morgen schon Eis auf den Wiesen glitzerte, erscheint mir nun fast surreal.

Auf eines der Felder, das gestern noch frisch abgeerntet schien, hat der Bauer in der Früh Mist aufgebracht. Mir ist ein bisschen schlecht, als ich mich notgedrungen über eine ganze Ackerlänge daran vorbeiquäle: Das reine Landleben bin ich wohl auch nicht mehr gewohnt; es stinkt zum Gotterbarmen.

Durch die abgewetzten Sohlen meiner uralten Lieblingsschuhe spüre ich inzwischen jedes Körnchen Schotter ― auch gewandert bin ich schon lange nicht mehr.

Als ich in den Konvent zurückkehre, steht der freundliche kleine Gastpater gerade vor dem Gästehaus und unterhält sich mit dem Abt; ein anderer Mönch hockt auf der Weide im Kostergarten und füttert die winzigen Shetland-Ponies. Alle tragen den gleichen Habit; der Ordensobere von Bischofsrang, zurzeit zu Besuch aus der Mutterabtei, ist lediglich an seinem Brustkreuz von den anderen zu unterscheiden. Der Herbstwind lässt Zingula und Rocksäume flattern und verwebt die leisen Gespräche der Ordensleute mit dem Rauschen der Blätter in den Baumkronen. Es ist ein herrlich aus der Zeit gefallenes Bild.
Wenn jetzt nur noch das Brausen der nahen Schnellstraße in Wirklichkeit die Brandung des Meeres wäre, denke ich, ― dann würde ich gleich hierbleiben.