Momentaufnahme, Danach

Nachdem sich die befürchtete Corona-Infektion als Bronchitis entpuppt hat, ist Aufatmen angesagt. Dies zwar nicht unbedingt im körperlichen Sinne, denn ich stehe unter Antibiotika-Beschuss und gerate auch weiterhin bei jeder Kleinigkeit außer Atem, aber innerlich fühle ich mich wie nach einem Seelen-Großputz. Nie hätte ich gedacht, welch befreiende Wirkung das Wort „negativ“ haben kann.
Aber zum Leichtsinn verleiten sollte das Testergebnis keinesfalls.

Gerade den Klauen des Infektionsverdachts entrissen, wundere ich mich umso mehr über die Vielzahl an Menschen, für die der Virus offenbar ebenfalls Urlaub macht: Und das grundsätzlich nicht da, wo sie sich gerade selbst befinden. Selbstverständlich herrschen auf Langeoog Hygienevorschriften wie überall sonst, aber dennoch scheint es vielerorts nötig, Gäste wie Mitinsulaner daran zu erinnern, dass die Pandemie längst nicht eingedämmt ist; aller Lockerungen bei der Insel-Anreise und Beherbergung zum Trotz.

In den letzten Wochen ist die Personenzahl auf der Insel beträchtlich angewachsen, sogar Tagesausflügler dürfen uns wieder besuchen. LangeoogerInnen reisen ebenfalls eifrig hin und her, und so können nur ganz naive Zeitgenossen davon ausgehen, dass niemand den Virus irgendwann im Gepäck hat. Wohl jeder wappnet sich emotional für den ersten größeren Ausbruch. Aber kaum jemand spricht es aus. Man will schließlich niemanden verschrecken.

„Wissen Sie was“, flüsterte mir eine ältere Insulanerin veschwörerisch zu, die ich dieser Tage zufällig kennenlernte, „eigentlich fand ich es ja ganz schön mit der Ruhe im Frühjahr. Als niemand hier war. Aber das darf man ja nicht laut sagen.“ Ich musste über diese Aussage ebenso schmunzeln wie sie mich verstörte: Denn was sagt es bitte über den Zustand der Gesellschaft aus, wenn selbst über 80jährige sich noch vor einer Verbalhinrichtung für jedes vermeintlich falsche Wort fürchten müssen?
Ich möchte besser nicht mehr darüber nachdenken und fokussiere auf das, was ich an dieser Insel liebe: Die verschwenderische Pracht des Weltnaturerbes, das Meer und die endlose Weite des ostfriesischen Himmels. Nach den Quarantänetagen nahezu gierig auf Sonnenlicht und Luft verbringe ich jede freie Minute draußen.
Denn nun ist auch wirklich Sommerwetter. Der Sand ist bereits so heiß, dass er die Fußsohlen verbrennt; am Strand tobt das Leben.

Die Freundin schwimmt. Ab und zu sehe ich ihr sommersprossiges Näschen aus den Wellen auftauchen. In ihrem eleganten schwarzen Retro-Badeanzug ist sie ein hübsches Fleckchen Frieden in all dem bunten Lärmen um uns.
Das Leben gefällt mir, denke ich, und fühle mich selten ausgeglichen. Mir fehlt nichts, und kurz bin ich geneigt, mich in eine sorglose Ferienstimmung sinken zu lassen, ohne all den Wahnsinn um uns: Mit dem Virus, mit der Welt. Die Versuchung, all das einfach auszublenden und zu verdrängen, ist groß.

Für einen Moment beginne ich sogar Verständnis für die Menschen zu entwickeln, die es mit den Hygienebestimmungen hier nicht so genau nehmen, weil sie vielleicht auch gerade diese Erleichterung spüren, all dem Wahnsinn kurz entkommen zu sein. Diesem neuen, anstrengenden Alltag mit Mundschutz und Desinfektionsmitteln. Weil Langeoog für sie eben kein Alltag ist, sondern Auszeit.
Und doch ist auch hier keine unkaputtbare Kunstwelt: Denn auch Inselbewohnende sind sterblich, ebenso wie die Inselärzte. Fällt unser Arzt aus, sind wir am Arsch — um es mal ebenso präzise wie unpoetisch auszudrücken. Und darum kann man nur immer wieder auf Vernunft hoffen. Auf Rücksicht und Selbstdisziplin. Hintereinanderlaufen auf schmalen Wegen, damit Entgegenkommende Platz zum Ausweichen haben. Im Supermarkt nicht quer durch die Gänge brüllen und tröpfchenlastige Diskussionen grundsätzlich nicht Fremden zumuten. Es ist machbar. Und viele bekommen es auch hin.

Der Tag neigt sich, und ich stelle fest, dass ich in naher Zukunft nichts Größeres mehr erwarte, nichts plane. Nicht im Sinne von Resignation, sondern im Sinne zunehmend stoischer Gelassenheit. Denn die Coronakrise macht — die Abwesenheit existenzbedrohender Probleme vorausgesetzt — vielleicht auch gewisserweise genügsam: Was geht, geht. Und was nicht geht, geht eben nicht. Fordern und Rechthaberei sind nutzlos in einer Pandemie: Das sollten auch die Ich-fixiertesten unter den Mitmenschen allmählich einsehen. 
Wir müssen das jetzt aussitzen; mit Umsicht, Rücksicht, Maske und Augenmaß. Was danach kommt, wird man sehen. 
Ich reiße mich aus meinen Gedanken und werfe den Blick zurück auf die Wellen. Die Freundin taucht derweil nochmal ab, und vermutlich ist das auch das Beste, was man zurzeit hier machen kann.

Momentaufnahme, Start

Von der Wohnung, die nicht meine ist, schaue ich über nebelumhüllte Straßen. In der Nacht muss es geregnet haben; das rote Dach glänzt vor Nässe, die Pollen und Staub des vergangenen Frühlingstages sind weggespült. Es ist noch früh; die Morgensonne hat sich als milchiger Ball gerade erst über den Horizont erhoben.
Die Austernfischer lassen seit Stunden ihr Trillern ertönen, auch der Fasan meckerte zeitig in den Dünen. Nun stimmen auch die Stare ein, die Lerchen, Amseln und Rotkehlchen. Ein neuer Tag in dieser unwirklichen Zeit.

Die Freundin verabschiedet sich zur Arbeit. Ich trinke ihren Kaffee am Fenster und sehe zu, wie der Nebel die Insel Stück für Stück verschluckt. Aber es wird nicht lange dauern, dann wird er all die Schönheit des Weltnaturerbes wieder den Blicken preisgeben; unter einem wolkenlosen Himmel in all ihrer Frühlingspracht.
Die Natur lässt sich von keiner Corona-Krise aufhalten. Und die Liebe wohl auch nicht.

Sehr viel ist ein wenig unwirklich in diesen Tagen. T-Shirtwetter, und dennoch ein menschenleerer Strand. Ein leergefegtes Inseldorf mit verschlossenen Läden. Eine leere Kirche, kurz vor den Ostertagen; eine einzelne Kerzenflamme flackert unter der Gottesmutter durch den Luftzug der offenstehenden Tür. Porta patet, cor magis.
Ich stelle eine weitere dazu und weiß nicht, was ich Gott erzählen soll. Aber ich bin da. Und ER ist es auch.

Sehr viel ist neu in diesen Tagen, und man wagt sich auf fast vergessenes Terrain, unsicher wie als Kind mit Schlittschuhen auf dem Eis. 
„Und was ist, wenn es nicht funktioniert?“ „Wenn man es nicht versucht, kann man es nicht wissen.“ So ist das wohl.
Irgendwann stolperte ich beim Schlittschuhlaufen über einen halb aus dem Eis ragenden Ast; ich schlug der Länge nach hin und hatte ein blaues Auge. Auf dem Kemnader Stausee war das, und dennoch hörte ich nicht auf, das Schlittschuhlaufen zu mögen. Und auch der See ist mir ein alter Freund. 
Die Freundin kennt den See; wir teilen eine Heimatregion. Und so verbindet uns auch eine Mentalität und vieles, das keine Worte braucht.

Der erste wirklich warme Tag liegt hinter uns. Die ersten LangeoogerInnen tummelten sich in Badekleidung am Strand, einige wagten sich sogar in die noch kalte Nordsee. Die Gemeinde hat einige Strandkörbe zur freien Verfügung aufgestellt; vor allem zum Sonnenuntergang sitzen dankbare Inselbewohner darin, um einen weiteren Tag im Corona-Wahnsinn zu verabschieden. Einen weiteren Tag, an dem nichts mehr normal scheint. Aber was ist schon normal? — Eine uralte Frage, deren Antwort mich aber tatsächlich noch nie interessiert hat.

„Bist du jetzt heterosexuell?“ Nein. Denn Schubladen interessieren mich auch nicht, und dieser Mensch, der noch so neu in meinem Leben ist, mich aber aus irgendwelchen Gründen tatsächlich zu lieben scheint, sieht das genauso.

Ich kann nicht behaupten, dass mir das nicht gefällt, oder dass es nicht auf Gegenseitigkeit beruhte. Aber manchmal sind einem auch schöne Dinge erst einmal noch fremd und man beobachtet sie mitunter staunend, als wäre man selbst nicht beteiligt.

Auch die ganz ungewohnte Dimension der Unkompliziertheit lässt mich noch etwas ungläubig an die Sache herantreten. Plötzlich riskiert man keine angewiderten Blicke mehr. Man muss sich nicht mehr vorsichtig umschauen, bevor man es wagt, den anderen zu berühren. Es gibt plötzlich keinen Grund mehr, sich zu verstecken. Und auch keine moralischen Hindernisse: Kein Ehering, kein Priesterkragen.
Freilich, da gibt es den Inselklatsch. „Ich wünschte, ich könnte dich vor den dämlichen Sprüchen der nächsten Zeit beschützen“, sage ich. Aber da müssen wir jetzt beide allein durch, denn selbst wenn man sich an einer künftigen Gemeinsamkeit versucht, ist das Ja zum anderen doch jeweils eine einsame Entscheidung, mit all ihren Konsequenzen.

Es ist sehr still am Strand. Zwar sind fast alle Strandkörbe besetzt, aber aufgrund der Hygienebestimmungen sind die meisten Menschen nur allein oder zu zweit unterwegs; es gibt keine lärmenden Gruppen, wie sie sonst um diese Zeit schon die Insel bevölkern würden. Alle unterhalten sich leise oder lauschen reglos, die Gesichter von der tiefstehenden Sonne vergoldet. In die Rufe der Seevögel und das leise Rauschen des Windes im Dünengras mischt sich das gleichmäßige, einschläfernde Atmen der See. Es ist ungewohnt, nun wieder einen anderen Menschen neben mir atmen zu hören, nach all den Jahren der Angst: Der Angst vor Nähe, der Angst vor dem Entdecktwerden, der Angst vor Höllenstrafen. Der Angst vor den eigenen Gefühlen. Der Angst vor der Verantwortung für das Glück und Leid eines anderen, der einem vertraut und sich so gewissermaßen ausliefert, so wie man sich immer in Liebe ausliefert. 
„I don’t know where we’re going, but God, it’s a start“ heißt es in einem Lied von Tom Rosenthal, und das trifft den status quo wohl ziemlich genau. Aber es ist schön, in diesen Tagen der Distanz eine Entscheidung für Nähe getroffen zu haben. Und in dieser Zeit, wo alles Gewohnte auseinanderzubrechen scheint, plötzlich jemanden zu haben, der in unerschütterlichem Heldinnenmut irgendetwas mit „für immer“ plant.

Momentaufnahme, Weich

Der Himmel hat sich zu einem dramatischen Gelbgrau verfärbt. Aus düsteren Wolkenballen grollt Donner. Die nächsten Stunden regnet es, als solle alles und jeder von dieser Insel getilgt werden. Auch die Erinnerungen. Bald sind alle Menschen unter ein Dach geflohen. Langeoog gehört num den Regen, der Natur und dem scheidenden Jahr.
Etwas ungläubig sehe ich auf meinen arg ausgedünnten Wandkalender, heute ist der Gedenktag des hl. Jean de Brébeuf, der im 17. Jahrhundert mit einigen Gefährten unfassbar grausam zu Tode gequält wurde. Er ist Kanadas Nationalheiliger. Nun denke ich, zugegeben, beim Stichwort „Kanada im Oktober“ aber nicht ausschließlich an diesen Jesuiten und sein entsetzliches Schicksal, sondern auch an rauschende Wälder mit farbenprächtigem Laub, an glasklare Flüsse und weite Landschaft; an majestätische Bergmassive, gebettet in die erhabene Einsamkeit schlafender Nadelwälder. Ich war nie dort, aber die Herbstlandschaft meiner Träume kommt diesem Ideal sehr nahe. Ebenfalls sehr nah dran ist aber auch der Inselherbst, den ich Jahr um Jahr vor meiner Haustür erleben darf; allem gelegentlichen Gewitterdrama zum Trotz. Nicht umsonst spricht man hier, in Anlehnung an den kanadischen „Indian Summer“, auch vom „Frisian Summer“, wenn sich der Queller in den Salzwiesen tiefrot verfärbt, überall Sanddorn und Hagebutten leuchten und das Dünengras mit dem Gold der Abendsonne um die Wette glänzt.

Als ich am Nachmittag das Haus verlasse, liegt über dem Höhenweg leichter Dunst. Ein Fasan schreitet über das regennasse Pflaster. Auch von seinem Gefieder perlen noch einzelne Wassertropfen. Als er mich wahrnimmt, marschiert er etwas schneller, fliegt aber nicht auf. Ich warte ein wenig, bis der schöne Vogel in der Vegetation entlang des Pfades verschwunden ist und setze meinen Weg fort. Für mich gibt es kaum ein schöneres Herbstmotiv auf Langeoog: Weiches Licht, neblige Morgen. Menschenleere Wege, die maximal ein Fasan kreuzt, mit aller Farbenpracht des Herbstes in seinem Gefieder. Ein milchiger Sonnenball, der sanft die kürzer werdenden Tage beleuchtet. Die Stare sind schon fast alle wieder fort, dafür kommen die Wintergäste: Sanderlinge, Schneeammern. Die Insel bettet sich zur Ruhe, ungeachtet des noch immer regen Gästetreibens.

Das Meer ist heute bleigrau und ich frage mich, wie der ostfriesische Himmel es schafft, sogar diese, eigentlich doch recht triste Farbe zum Leuchten zu bringen. Aber er schafft es, und ich berausche mich an dem Anblick, als sähe ich all das zum ersten oder zum letzten Mal. Ich betrachte die langsam heranrollenden Wellen. Selbst das sich überschlagende Wasser erinnert heute eher an einen kostbaren Stoff, den ein Dekorateur mir ruhiger, versierter Hand zu Volants legt, als an eine potentiell todbringende Urgewalt. Nur noch wenige Strandkörbe und Spielgeräte zeugen vom zurückliegenden Sommer.

Mit dem Nachlassen des Regens füllen sich Strand und Wege wieder; es sind Herbstferien. Nach vielen Wochen, die ich größtenteils allein in der Wohnung verbrachte, bin ich diese Menschenmassen nicht mehr gewohnt, mit all ihren lauten Geräuschen und der Unberechenbarkeit ihres Durcheinanderwuselns. Umso dankbarer bin ich dafür, mit welcher Behutsamkeit mich die Natur an diesem Tage empfängt. Die Insel und ich, wir brauchen wohl beide eine Pause vom Drama.

Momentaufnahme, Baden

„HERR, nimm die Schatten von unseren Herzen“, betete der Priester, „Dank sei für die Tage, in denen wir hier Urlaub machen, zur Ruhe kommen und einfach loslassen dürfen.“
Ich bin nicht im Urlaub, aber ich fand die Formulierung mit den Schatten auf dem Herzen, die der HERR doch für uns mit Licht bescheinen möge, sehr gelungen. Sofort hatte ich die Impression einer frisch gebadeten Seele vor Augen, die sich genussvoll in der Sonne breitet; das Herz befreit von Staub, Spinnweben und allen dunklen Ecken.
Und dennoch steckt darin kein Automatismus. Denn um unser Herz aus dem Schatten zu holen, müssen wir uns erst einmal eingestehen, dass dort überhaupt Schatten sind. Und wo. Aber wir können mit der Zuversicht daran gehen, dass das Licht heilt, sobald das lädierte, vernarbte und verstaubte Herz sich erst einmal gen Himmel geöffnet hat. Und manche Dinge sieht man auch im Licht erst deutlich: Die Schönheit, einerseits. Aber auch alles andere.

An einem sonnigen Freitagmittag breite ich meinen lädierten, vernarbten, verstaubten Körper auf einer Decke am Strand aus. Noch keinen Tag fand ich bislang die Muße dafür; Gesicht und Rumpf unterscheiden sich aufgrunddessen inzwischen um mindestens 10 Farbnuancen.
Es ist herrlich. Zwei Stunden nehme ich mir für einen Kurzurlaub auf Langeoog: Das Feriengefühl stellt sich nach zwei Minuten ein.
Ich blicke um mich. Ich sehe so viele glückliche Gesichter. So viele Menschen, unterschiedlich in Alter, Größe, Gewicht, Herkunft und Status, Dialekt und Lebenserfahrung. Und alle eint die Freude daran, zu baden, im Wasser zu waten, sich zu sonnen, am Strand zu spielen oder einfach nur in den Himmel zu schauen. Ihr natürliches Lachen, ihre gedankenverlorenen Blicke: All das finde ich großartig. Und auch die Vielfalt der Menschen finde ich einmal mehr wundervoll. Warum, frage ich mich, sollte der HERR denn auch ausgerechnet beim Menschen an Kreativität gespart haben, wo er doch bei allen anderen Tieren, Pflanzen, dem Meer und sogar bei den Steinen Farben, Formen und Funktionen in allen Facetten erschaffen hat?
Dennoch gibt es leider immer wieder Personen, denen eine uniforme Masse wohl lieber wäre.

„Morgen gehe ich in Badehose an den Strand!“, sagte ich fröhlich einem Bekannten, der kurzfristig zu Besuch gekommen war. Er schwieg mit dem Anflug eines Stirnrunzelns, und ich kenne die Berliner Kreise, in denen er sich sonst bewegt, gut genug, um zu wissen, was das bedeutet. „Ich würde mich an deiner Stelle nicht ausziehen, bis ich trainiertere Arme und abgenommen hätte“, hieß es dann auch, als ich mich am Strand anschickte, den Hemdsaum zu lüpfen. Ich tat es trotzdem und der Mann stand auf und ging alleine zum Meer. Irgendwann kam er wieder, um mich zu fragen, ob es für Instagram nicht besser aussähe, wenn er die Haare nass hat. Und ob ich ihm dabei helfen könne, sie anzufeuchten. „Geh schwimmen, dann biste nass“, sagte ich und verscheuchte mit meinen dünnen Armen eine Fliege.
Der Mann sah missgelaunt auf mich herab. „Ich glaube dir nicht, dass es hier kein Fitnessstudio gibt“, setzte er erneut an, „ich meine: Was macht man denn bitte ohne Gymn? Und jetzt ehrlich, du würdest so viel besser aussehen, wenn …“
„Thank you for answering questions I never asked“, hätte mein lieber Freund F. nun vermutlich gesagt und das Gespräch damit abgewürgt, aber ich erblödete mich leider, darauf einzugehen.
„Ich habe früher sehr viel Sport gemacht, aber nie groß aufgebaut“, erklärte ich, „Definierter wurde ich, das ja. Aber nie kräftig. Ich bin dafür einfach genetisch nicht der Typ und ich finde es auch nicht schön.“ „Dann brauchst Du mehr Testosteron.“ „Nein“. „Wenn man sich anstrengt, wird das schon was.“ „Ich will aber nicht.“ Der Mann starrte mich entgeistert an, schüttelte den Kopf und zog sein Mobiltelefon aus der Tasche. Er scrollte durch GRINDR, wohl in der Hoffnung, jemanden zu finden, der ihm bestätigte, für den Markt noch nicht ganz so tot zu sein wie ich. Und ich war einmal mehr froh, dieser Szene mit all ihren Eitelkeiten, ihrer Show und ihrer Wegwerfliebe entkommen zu sein.

Ich bin kein Unternehmen. Ich muss nicht optimiert werden, ich brauche keinen PR-Berater. Und bei anderen Menschen interessiert mich zuallererst ein schön geformtes Herz. Zweifelsohne mag ich aber Ästhetik, und so habe auch ich nichts dagegen, wenn sich zum schön geformten Herzen noch ein schön geformtes Gesicht oder schön geformte Hände gesellen, aber ohne jenes schöne Herz ist alles andere unansehnlich. Oder wird zumindest sehr rasch entzaubert. Ich hatte im früheren Leben herausragende sinnliche Erfahrungen mit Menschen, die keineswegs gängigen Idealen entprachen. Und entsetzliche mit solchen, die — unter Maßstäben der Modeindustrie — wunderschön waren, sich letztlich aber doch nur sorgten, ob sie in der aktuellen Liegeposition irgendwie dick aussahen.
Ich will das alles nicht mehr.

Es ist legitim, meinen Körper blass, untrainiert, hässlich, verformt oder auf andere Weise defizitär zu finden — aber ich möchte doch bitteschön soviel Souveränität darüber besitzen, dass ich selbst entscheiden kann, ob ich mich am Strand ausziehe oder eben nicht. Und welche Prioritäten ich in meinem Leben setze.

Über mir treibt eine Wolke, die wie ein Flügel aussieht. Ich freue mich darüber. „Der heilige Geist ist auch da“, denke ich und fühle mich augenblicklich beschützt und geborgen. Der Schatten auf meinem Herzen, den die unangenehme Erinnerung erzeugt hatte, verschwindet. In neu gefundener Urlaubsfreude werfe ich all meine Sorgen über eine imaginäre Wäscheleine — und mich in die kühlenden Fluten der Nordsee.
Neben mir badet ein Mann, der mich mit einer entwaffnend herzlichen Offenheit anlächelt. Er hat tolle Zähne und glitzernde Wassertropfen im rotblonden Bart. Auch er ist eher sonnengestreift als sonnengebräunt und hat den Brust- und Bauchansatz eines Mittvierzigers, der in seiner Freizeit lieber mit den Kindern spielt, als im Fitnessstudio zu rackern. Sein kleiner Sohn winkt ihm, vor Freude hüpfend, vom Strand aus zu, und der Mann schwimmt ihm entgegen, um ihn in die Arme zu nehmen. Ich finde die beiden wunderschön.

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Momentaufnahme, Pfade

Zum Strand hinab führt ein neuer Plankenweg. An den Stellen, wo die Maisonne den Morgenregen noch nicht ganz aus den Bohlen gesogen hat, duftet er noch nach Holz.
Wo der Dünenfuß endet, gabelt er sich. Er wurde erst heute verlegt, eine frische Treckerspur führt von ihm weg zum nächsten Dünenübergang.
Über leuchtend grünem Strandhafer spannt sich ein preußischblauer Himmel, an dem bauschige Wolken treiben.
Die Weggabelung, die frischen Spuren im Sand — all das erinnert mich an die Modelleisenbahn, die ich einst hatte; die kleine Landschaft aus Wegen und Weichen, die alte Dampflok mit ihren grünen Waggons. Ich war sehr glücklich, als ich sie bekommen hatte und spielte gerne damit. Mein Vater hatte die Gleise zum Kreis um den Weihnachtsbaum gelegt, später half er mir, ein Bahnhofsgebäude dazu zu bauen, die filigranen Details klebte er mit chirurgischer Präzision zusammen: Ich hatte dafür weniger Talent. Auch einen mit grünem Kunstgras beflockten Hügel gab es; ein Tunnel darin, in den die Bahn fauchend und stampfend einfuhr. Für den kleinen, blauen See aus Kunstharz machte ich winzige Schwäne aus Knetmasse.
Die Weichen verstellte man mit einem kleinen Hebel. Ab und zu entgleiste die Lok. Ich nahm sie dann immer in den Arm, tröstete und tätschelte sie und setzte sie behutsam wieder aufs Gleis. Als könne eine Lok aus Gusseisen weinen.

Vor der Weggabelung, an der ich jetzt stehe, liegt statt eines Kunstharzsees der Priel. Brandenten gründeln darin. Es ist kurz vor Sonnenuntergang und sehr friedlich: An einem schönen Maitag eine Kostbarkeit.
Außer mir sind nur wenige Menschen da. Ein älteres Paar redet leise im Strandkorb, ein Hund jagt japsend an mir vorbei.

Ich bin dankbar, hier zuhause zu sein. Und dennoch macht mich das Betrachten der Pfade ein wenig nachdenklich.
In Kürze wird mich mein Weg wieder zurück ins Kloster führen. Ich freue mich sehr auf den Konvent. Die Stille, die Einfachheit und Klarheit eines streng geregelten Lebens. Die Mönche, von denen einer inzwischen zum Freund wurde. Die fremd-vertrauten Wälder und Seen meiner Kindheit.
Ich bin erschöpft.
Es ist doch so wunderschön hier, sage ich mir, die glänzende Meeresoberfläche betrachtend, unzählige Menschen lassen einen Riesenhaufen Geld auf der Insel, um sich genau dort zu erholen, wo ich täglich sein darf. Warum, frage ich mich, muss ich dann ins Ruhrgebiet, um wieder Kraft zu finden?
Ich habe den schönstmöglichen Alltag, den ich mir vorstellen kann, und dennoch brauche ich Urlaub von alledem. Was stimmt da nicht?
Vermutlich genau das: Es ist Alltag. Trotz aller Dankbarkeit. Trotz aller Schönheit. Trotz aller Liebe. Und wäre ich Mönch und dauerhaft im Kloster, würde ich stattdessen wohl genau das hier vermissen.

Ich denke zurück an die Modelleisenbahn und wie es war, alle Pfade und Weichen in den Händen zu haben, sogar die Tunnel, die Berge und Seen. Im Leben geht das nicht. Es ist viel Unruhe in der Welt zurzeit.
In wenigen Tagen ist Europawahl und ich empfand diese Staatengemeinschaft, die ich von Anfang an befürwortet hatte, nie zuvor als so fragil wie heute. Fast möchte ich mein entgleistes Europa wie damals die Lok in die Arme nehmen, tätscheln, trösten und dann zurück aufs Gleis setzen — und zwar auf eines, das in die richtige Richtung führt. Aber welche ist das?

Mein Weg führt zurück in den Ort. Über die vergoldeten Dünenkuppen erhebt sich der Turm von St. Nikolaus. Meine Kirche, meine Konstante. Oder? Aber selbst diese jahrhundertealte Institution steht zurzeit auf tönernen Füßen und an allen Ecken und Enden wird daran gekaut und gezerrt. Dieser Tage war eine Gruppe Aktivistinnen hier, die sich unter anderem für ein Frauenpriestertum stark machen, den Zölibat ablehnen und die katholische Kirche an vielen Stellen zu modernisieren planen. Etliches davon hatte vor einigen Jahrhunderten bereits ein entlaufener Augustinermönch umgesetzt, dem wir einige sehr schöne Kirchenlieder, eine beeindruckende Bibelübersetzung ins Deutsche, aber eben auch eine Kirchenspaltung verdanken. Ich ging zu einer von diesen Frauen gestalteten Andacht und verließ sie ob des liturgischen Wildwuchses erschüttert: Nicht einmal das Vaterunser hatte man unangetastet gelassen; es war durch eine seltsam unmelodische, aus verschiedenen modernen Übersetzungen und Eigeninterpretationen zusammengeflickte Version ersetzt worden.
Nun sind Reformbemühen ja keinesfalls per se etwas Schlechtes, aber warum, frage ich mich, geht heutzutage eigentlich alles nur noch mit dem Vorschlaghammer vonstatten?
Es ist, als würde man einen Barocksessel, von dem man eigentlich nur einige nicht mehr zeitgemäße Schnörkel abschleifen will, statt dessen in Benzin tränken und abfackeln. Dann hat man aber keine erneuerte Kirche, sondern eine neue Kirche. Will man das?

Und so ist es ja nicht nur mit der katholischen Kirche. Betrachtet man zum Beispiel den Brexit, so wird auch hier etwas lange gewachsenes einfach in Stücke gehauen, ohne einen Plan für das Danach zu haben. Gleiches gilt auch für andere politische oder gesellschaftliche Hauruck-Aktionen: Mit der Konsequenz, dass das trotzig-rabiate Wollen und Fordern von Wenigen zum Wegfall vertrauter Wege, zum Verlust von Heimat und Rückzugsraum für viele führt, schlimmstenfalls sogar zum Identitätsverlust ganzer Nationen. Mir macht das Angst. Ich möchte kein zerstörtes Europa. Egal, von wem die Zerstörung ausgeht. Und leider kommt die Bedrohung aus vielen Richtungen.

Ein Fasan sonnt sich vor dem Wasserturm. Sein Gefieder glänzt kupferfarben im Licht. Ich sehne mich aus tiefstem Herzen nach Frieden. Nach Stabilität in einer unruhigen, instabilen Welt. Nach heiligen Ritualen, deren Ablauf ich kenne. Nach Schönheit und Stille.
Es ist Zeit für Urlaub.
P.S.: GEHT WÄHLEN.

 

Momentaufnahme, Übergang

„Damit, dass Strom und Bäche vom Eise befreit sind, ist wohl zu rechnen“ schreibt mir ein Freund aus seinem Osterurlaub; die Postkarte — er schickt immer Postkarten statt E-Mails — zeigt einen alten, ledernen Reisekoffer, aus dem Frühlingsblumen quellen.
Und recht hat er, denn tatsächlich scheint der Winter seit Wochen schon Lichtjahre entfernt zu sein. Es ist das wärmste und sonnigste Osterfest, an das ich mich auf der Insel erinnere, und ich denke nur ungern an das letzte eisige Frühjahr zurück.

Nach emotional wie beruflich anstrengenden Tagen mache ich mich auf zu einem Abendspaziergang ans Meer. Am Strandübergang fotografieren zahlreiche Menschen mit Smartphones den Sonnenuntergang, und ich muss lächelnd an einen brillanten amerikanischen Comic denken, der eine fluchende Sonne zeigt, die sich darüber aufregt, nie mehr unbehelligt ein Nickerchen machen zu dürfen. Zweifelsohne: Hätte ich irgendeinen Apparat dabei, würde ich ebenfalls ein Foto machen.
So aber halte ich den Anblick nur für einen Moment im Herzen fest: Die silbernen, über die Mondlandschaft des Strandes mäandernden Priele, die im Schlick glänzenden Muscheln, Möwen im Gegenlicht, blaue Umrisse großer Frachtschiffe auf Reede, darüber der tiefrote Sonnenball.

Um diese Zeit verändert sich die Insel, insbesondere der Strand, täglich. Mit routiniertem Bienenfleiß werden neue Strandkörbe herangekarrt, Plankenwege verlegt, Spielgeräte installiert. Mit den frisch verlegten Wegen sieht es nun schon aus wie im Sommer, und im Augenwinkel meiner Erinnerung erscheint mir ein Bild vom letzten August. Der Sand war warm unter den Füßen, neben mir ging der Mann, dessen schöne Figur mir im Gedächtnis blieb, mit seinen perfekt sitzenden Polohemden und Chinohosen, die Sandalen in der Hand. Schlanke Finger, Musikerhände. Es war gut, dass er da war, denn sein Besuch machte das vergangene Frühjahr schon etwas weniger kalt. Er ist auch immer noch da, und also besteht kein Grund für Wehmut. Vielleicht sehe ich ihn sogar wieder, irgendwann. „Komm mal zu mir“, sagt er, aber ich weiß nicht, ob er das wirklich meint; seine Stadt suchte ich dennoch auf der Landkarte.

Die Erinnerung an den Sommer tut wohl. Und doch wird auch diesen Sommer die Insel wieder anders sein; es ist ja jetzt schon alles anders: Das neue Hotel, dessen Dachaufbau je nach Perspektive wie ein Zinksarg aussieht, die offenen Baustellen, die mit Steinen zugeschütteten Vorgärten, die pflegeleicht sein sollen, aber aussehen wie Gräber. 
Sogar der schöne Windflüchter, der die Straße zum Strand seit vielen Jahren wie ein Torbogen überspannte, lag die Tage kleingehäckselt neben seinem Stumpf. Er war wohl morsch geworden und stand die letzten Monate schon mit einem Seil ans Haus gebunden, aber schade ist es um ihn doch.
Und so wendet sich, wiewohl ohne Veränderung kein Fortschritt möglich ist, nicht immer alles zum Guten. Auch unter den Menschen auf der Insel liegt zurzeit vieles brach und einige Abgründe offen, in die man lieber nie geblickt hätte.
Wahlen stehen an. Ich betrachte die Muscheln am Strand, wie sie dort liegen, wo sie eben liegen, und denke, dass das im Dorf auch bald wieder wünschenswert wäre: Alle nehmen ihren Platz ein, so gut es eben geht. Einige liegen in Grüppchen, andere einzeln; keiner urteilt. Niemand bringt sich bewusst in Position, niemand drückt einen anderen mutwillig in den Schlick. Einige sind oben, andere unten, und mit der nächsten Welle kann sich das schon wieder ändern. Und zumindest darin, denke ich, ist es mit der Lokalpolitik ja nicht unähnlich: Man muss den Tiden ihren Lauf lassen und sehen, was sie bringen.

 

Momentaufnahme, Abbruch

Kurz vor der Abbruchkante lege ich mich flach auf den Sand und robbe die letzten Meter, um einen Blick hinunterzuwerfen. Übermannshoch geht es dort inzwischen senkrecht hinab; die Menschen, die am Flutsaum spazieren gehen, wirken klein wie Spielfiguren. Dahinter tobt eine wilde See.
Die Sandaufspülungen der letzten Jahre haben den Fraß der Wogen vom Dünenfuß ferngehalten: Das ist gut. Stattdessen aber gibt es nun diese Kante und Schilder, die auf die damit verbundene Gefahr hinweisen.

Nachdem ich in die Tiefe fotografiert habe, drehe ich mich auf den Rücken und betrachte den Himmel über mir. Er ist tiefblau mit einzelnen, stillen Wolkenbäuschen. „Sie war sehr weiß und ungeheuer oben“, zitiere ich nahezu zwangsläufig den Brecht in Gedanken; kein Sympath, aber ein Genie zweifelsohne: Wie so viele.

Vor ein paar Tagen war es zum ersten Mal warm in diesem Jahr. Das Thermometer am alten Hospiz zeigte 18°C. Am Strand wateten die ersten barfuß durchs Wasser; die See lag noch still und Lachmöwen, das Brutkleid schon fast voll ausgefärbt, gruben nach Beute im Schlick. Die warme, feuchte Luft tat den winterwunden Lungen wohl. So hätte es bleiben können.
Aber am Wochenende kehrte der Sturm zurück, warf eine wütende See gegen den Strand und fräste die Abbruchkante in ihre imposante Form.

Es ist wieder kühler geworden, so, als könne sich der Frühling noch nicht recht entschließen. Nur bei den Tieren lässt er sich nicht mehr aufhalten.
Zurück im Dorf sitzen zwei Austernfischer auf einem Dach. Ich sehe zu ihnen hoch und erinnere mich an die Zeit, in der ich diese Vögel noch mit unbändigem, euphorischen Staunen wahrnahm; kannte ich sie doch vorher nur aus Freiflughallen in diversen Zoos.
Seit einem halben Jahrzehnt nun sind sie für mich Alltag. Aber bei Weitem noch nicht alltäglich.

Warum sollte hier auch Routine einkehren? Auf einer Insel, inmitten der Nordsee, die ja im Grunde kaum mehr ist als eine nur mühsam der See abgerungene Ansammlung von begrüntem und bebautem Sand.
Der Strand sah noch nie so aus, wie er heute aussieht. Und er wird nie wieder so aussehen, wie er heute aussieht. Auch das Dorf verändert sich stetig: Altes weicht, Neues wird errichtet; von der Fluktuation der Menschen ganz zu schweigen, sei es durch Wegzug (freiwillig oder einer Not gehorchend) oder durch den Tod.

Manchmal fahre ich am Haus unseres alten Hausmeisters vorbei. Er starb an einem strahlend schönen Tag im letzten Sommer. Gelegentlich bewunderte er die Blumen auf meinem Balkon, wenn er darunter den Rasen mähte, und ich winkte ihm, wenn ich ihn zwischen seinen eigenen Blumen im Garten stehen sah; auf eine Schaufel gestützt oder mit der Schubkarre in den Händen.
Das Haus ist nun fast ausgeräumt und schaut stumm aus dunklen Augen, irgendwer hat es gekauft, hörte ich; vermutlich jemand, der hier schon viele Häuser hat. Der Garten des Hausmeisters ist verwildert, doch irgendwo brechen sich noch die Narzissen und Krokusse des Vorjahres Bahn. In einem der Fenster hängt eine kleine Dekoration, die man abzunehmen vergaß. Ein Überbleibsel Alltag von jemandem, der auf Erden nicht mehr existiert. So wie es einst mit jedem von uns geschehen wird. Und mit den Sachen, die wir liebten.

Den kleinen Glasengel, der bei mir im Fenster hängt, schenkte mir ein Zisterziensermönch. Er ist genauso grün wie meine Vorhänge, obwohl der Mönch die Vorhänge nicht kannte. Umso mehr mag ich, dass er nun in meinem Fenster hängt, aber für Außenstehende ist auch dieser Engel nur irgendeine Dekoration.
Vielleicht wird man ihn ebenfalls vergessen abzunehmen, wenn ich mal nicht mehr bin und meine Wohnung aus dunklen Augen stumpf auf die Straße blickt, denke ich, mit vertrocknenden Blumen in den Balkonkästen.

Natürlich macht mich dieser Gedanke traurig; zugleich wird mir aber bewusst, wie wichtig es ist, sich nicht an Irdisches zu klammern und Materiellem keine Macht zu geben; nicht mehr, als zum physischen Überleben notwendig ist. Und auch Menschen sollte man diese Macht nicht geben. Wir stehen eines Tages alle allein vor dem Schöpfer. Vielleicht legt dann ein Vorausgegangener ein Gutes Wort für uns ein: Das mag sein. Aber Denunziation, Verleumdungen, Machtspiele, Klüngelei, Korruption: Das wird es dort sicherlich nicht mehr geben. Gott weiß, ob wir gut waren. Wir können uns das nicht kaufen. Nicht erschleimen, nicht ermobben, nicht rauben. Wir müssen es sein. Eine Aufgabe, die einfach scheint, die es aber, wie wohl jeder weiß, nicht ist.

Niemand ist immer und ständig gut, aber die Entscheidung zum Bösen ist genau das: Eine Entscheidung. Das Meer kann sich nicht entscheiden, ob es die Insel beschädigt oder nicht. Als Mensch aber kann man das. Man kann sich aussuchen, wie man seinen Platz auf dieser Welt, auf dieser Insel hinterlässt.
Ich denke über die Abbruchkanten in meinem Leben nach. Manche, so scheint es, waren unvermeidlich. Viele schlug ich selbst, über andere hatte ich keine Gewalt.
Man kann dann noch eine Weile am Ufer stehen und sich nach der Zeit sehnen, als alles noch eine glatte, lichtüberflutete Ebene war; als man seine Füße in warmen, weichen Sand grub, und vielleicht gab es noch ein Paar geliebter Füße daneben, und treue Pfoten hintendrein. Aber letztlich gibt es doch nur zwei Möglichkeiten: Man räumt das Feld und geht dahin, wo es ungefährlich ist. Oder man bestellt das Baggerschiff, das den Abbruch zuschüttet, und den Trecker, der die Kante glättet. Der Sturm aber lässt sich nicht zähmen.

 

 

 

Momentaufnahme, Wartesaal

Seit Tagen hüllt sich die Insel in nasses Grau; manchmal stürmt es ein bisschen. Es ist nicht allzu kalt, aber noch weit entfernt davon, warm zu sein. Es ist gerade irgendwie gar nicht.
Langeoog befindet sich auf der Schwelle zum Vorfrühling. In einem Graben schüttelt der Wind Regentropfen von ersten Schneeglöckchen. Möwen balgen sich am Strand um Muscheln.
Ich erschrecke, als ich in viel zu kurzer Entfernung einen Seehund entdecke und entferne mich rasch. So sandfarben, wie er dort lag, und so gedankenverloren, wie ich dort entlangbummelte, hatte ich das Tier beinahe übersehen.
Es ist also keineswegs immer Ignoranz oder Böswilligkeit, wenn Menschen sich den großen Meeressäugern zu sehr nähern: Es passiert auch aus Versehen.
Dennoch tut es mir Leid, und ich hoffe, dass er mich noch nicht gerochen hat. Aber der Seehund bewegt sich kaum, und so zoome ich ihn aus sicherer Entfernung mit der Kamera heran. Seine Hautfarbe sieht nicht gesund aus. Ich glaube, er stirbt.

Man sieht viel Werden und Vergehen dieser Tage, denke ich. Die Natur erneuert sich. Das Alte geht, das Neue ist aber oft noch nicht da. Mir ist, als überspannte der bleigraue Himmel heute einen riesigen Wartesaal.
In einem sehr traurigen französischen Chanson beschreibt jemand das Gefühl, dass auch das Herz zuweilen wie ein Bahngleis ist, an dem niemand mehr Halt macht. So fatalistisch würde ich das nicht sehen, aber man sieht doch, durch zunehmend trübe Scheiben, vielen durchfahrenden Zügen hinterher.
Personenschaden auf der Strecke nach Süden.
Wann es weitergeht? Ungewiss.

„Das Leben betrügt uns mit Schatten“, schreibt Oscar Wilde, „wie ein Marionettenspieler“. Und tatsächlich weiß man manchmal nicht mehr, was real ist und was nicht, und warum so oft im Guten das Böse lauert und umgekehrt. War es ein schlechter Hirte, der mir die Geschichte vom guten Hirten erzählte? War es ein Wolf, der dem Lamm diente? Wem kann man auf dieser Welt noch trauen, und: Wie?

Die Erinnerung zerfließt. Wie der Regen an der Scheibe des zugigen Wartesaals. Wie der Himmel, der sich über unserem Meer spannt.
Über dem wunderschönen, treuen Meer, das mit seinem gleichförmigen Rauschen allen Lärm der Welt befriedet.
Auch den im Inneren.

Es gibt Tage, an denen ich froh bin wie nie zuvor, das Meer vor meiner Haustür zu finden. Diese einzige, große Konstante. Die aus ihrer Urgewalt, ihrer Zerstörungskraft keinen Hehl macht. Aber auch nicht aus ihrer Sanftheit und Schönheit. Die so viel enthüllt und verwirft. Aber auch noch mehr schluckt, erträgt, aushält. Die Leben nimmt und Leben schafft.

Zuhause greife ich zu einem kleinen, bibliophil aufgemachten Gedichtband. Der seidenartige Umschlag zeigt zwei junge Birken mit sonnendurchflutetem Frühlingsgrün. Ich blättere darin herum und erwarte, Unmengen an Lyrik mit der Pracht des erwachenden Lebens darin zu finden, mit Maienreigen und Vogelkonzerten. Aber tatsächlich gibt es erstaunlich viele Dichter, die sich mit dem Phänomen des Vorfrühlings befassen. Mit dieser mitunter trügerisch anmutenden Mischung aus Sonnentagen, welche die ersten Triebe hervorlocken, gefolgt von neuem Aufbäumen des Winters. Mit der Nässe, der Kälte, dem entkräfteten Sterben unter den Knospengewölben tropfnasser Zweige. Und dennoch bleibt sie: Die Gewissheit, dass der Sieger in dieser Sache feststeht; und zwar seit Anbeginn der Schöpfung.
Es ist der Frühling, der den Frost vertreiben wird. Die Wärme gewinnt gegen die Kälte. Die Farben besiegen das Grau.
Der Wolf schnürt auf einsamer Fährte zurück in den Wald, wo der Schnee unter dem dichten Tannendach noch lange liegen bleiben wird.

 

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Momentaufnahme, Schnee

Als ich am Morgen aus dem Fenster sehe, ist die Welt verwandelt. Seit ein paar Tagen herrschte schon Frost auf der Insel; man merkte das am Knacken der dünnen Eisschicht unter den Fahrradreifen und daran, dass das Fahren auf den spiegelglatten Wegen zunehmend riskanter wurde. Nun aber hat es zum ersten Mal wirklich geschneit.
War die Insel bislang lediglich zart von Reif gepudert, so türmt sich jetzt der Schnee eine handbreit hoch auf Zaunpfählen, Ästen und Fahrrädern. Auch am Strand zeigt sich nichts Sandfarbenes mehr unter dem Weiß; läuft man unterhalb der Abbruchkante, so wähnt man sich beinahe auf Spitzbergen oder in einer anderen arktischen Region: Weiß, so weit das Auge reicht.

Die See steht recht ruhig an diesem Tage, und dennoch erscheint mir das Donnern der Brandung heute lauter als sonst, was daran liegen mag, dass der Schnee die Umgebungsgeräusche schluckt: Die Gespräche der anderen Flaneure, das Hundebellen, den Baulärm.

Seit 5 Jahren kenne ich diesen Strand, seit beinahe 2000 Tagen, und nun liegt er vor mir in nie gekannter Unschuld. Wie passend für den Januar, denke ich, denn wünscht sich im Grunde nicht jeder, ein neues Jahr so unbescholten begehen zu können, als wäre alles Belastende der Vorjahre nie gewesen? Als kennte man noch keine Sorgen, keine Existenznot, keine Krankheit und keinen Kummer; als wüsste man noch nicht, in was für ein Monster sich manche Jahre in ihrem Verlauf verwandeln können.

Ein bisschen ist es ein Gefühl wie nach der Beichte. Ego te absolvo a peccatis tuis. Am Anfang fiel es mir noch schwer, das zu glauben. Dass Gott durch den Priester tatsächlich vergibt, auch schon zu Lebzeiten, im Hier und jetzt. Dass jeder, wie beladen er auch sei, jederzeit die Möglichkeit hat, sein Leben reinzuwaschen, damit es dann vor einem liegt wie dieser wundervolle, schneebedeckte Strand.

Aber natürlich weiß ich, dass der Strand auch unter dem Weiß noch derselbe ist. Und leider muss ich mich nicht einmal besonders anstrengen, um das zu verifizieren. Im Spülsaum flattert ein Plastikstreifen, „Tablecloth“ steht darauf, es ist eine Banderole gewesen. Wenige Meter weiter ein dunkelroter Sportschuh. Er sieht neu aus und stammt, wie auch die Tischdeckenverpackung, vermutlich aus einem kürzlich verlorenen Container. 270 davon hatte das Meer im Sturm an sich gerissen; das Jahr war noch keine drei Tage alt. Die Folgen werden uns hier noch lange beschäftigen.
Auch über die gut gefüllten Strandmüllboxen hat sich gnädig der Schnee gelegt; ich werfe Schuh und Plastikstreifen hinein, zwischen schmutzige Textilblumen, Nylonnetze und Fahrradschläuche und vieles andere, auf das die Natur getrost verzichten könnte, aber der Mensch offenbar nicht.

Und dennoch präsentiert sich die Natur heute so friedlich und freundlich, als würden wir ihr all dies nicht antun. Die Sonne lugt hervor; in der Brandung laben sich niedliche Sanderlinge an Schwertmuscheln, die teils länger sind als sie selbst. Ich sehe den winzigen Vögelchen entspannt eine Weile zu, bis ein Schwarm Krähen meine Aufmerksamkeit davon ablenkt.

In der Art und Weise, wie sie dort alle auf einem Haufen hocken und auf etwas einhacken, weiß ich, was sie dort tun, bevor ich es gesehen habe.
Dennoch trete ich näher heran, um mir den Kadaver anzusehen.
Es ist ein kleiner Seevogel. Etwa taubengroß. „Austernfischer“, denke ich sofort, als ich das schwarze Rückengefieder und den weißen Bauch (oder das, was davon übrig ist) entdecke. Aber die Füße sind schwarz, das passt nicht. „Eine Lumme!“ ist der nächste Impuls, aber Lummen gibt es auf Langeoog eigentlich nicht. Oder doch? Hier kann nur der Kopf Zweifel ausräumen. Ich vermute ihn unter dem Schnee, aber als ich das tote Tier mit dem Fuß anhebe, ragt dort nur eine blutige Halswirbelsäule aus dem Weiß, der Kopf ist fort, ebenso wie alle Innereien, die bis aufs Brustbein hinunter aus dem zerfetzten Bauchgefieder geklaubt wurden. Der Vogel kann noch nicht lange tot sein, denn das Blut ist noch frisch und um den Kadaver herum zieht sich eine kleine Schleifspur aus leuchtend gelber Galle, wo sich vermutlich eine Krähe mit dem Magen davon gemacht hat.
Hatte das Tier vielleicht ein Hund gerissen? Denn auch Hundespuren finden sich ringsum reichlich. Die einzige Menschenspur stammt von mir, und fast schäme ich mich dafür, dass ich mich, primitiv wie jeder andere Fleischfresser, Hyänengleich um einen Leichnam schare.

Das war es also mit der Unschuld, denke ich. Kaum liegt der Schnee, vergießt irgendein armes Mitgeschöpf sein Blut darauf.
Wenige Meter weiter finde ich den nächsten Leichnam; dieser ist steifgefroren, aber vollkommen intakt: Es ist zweifelsohne eine Lumme. Diese trifft man auf Langeog so gut wie nie, denn eigentlich kommen sie nicht südlicher als bis Helgoland. „Ich hab solche auch schon gefunden“, berichtet mir jedoch später einer unserer Naturführer, „auch mal einen Tordalk und einen Papgeientaucher“. Ich nicke betroffen. Lebendig wären mir Lummen doch um einiges lieber.
Ich überlege, was sie nach Langeoog verschlagen hat und warum sie beide an diesem Strand sterben mussten. Entkräftet, verhungert, an Plastikteilen im Magen verendet? Hat ihr Gefieder Schaden genommen durch Chemikalien und sind sie daher erfroren? Verloren sie durch irgendetwas die Orientierung und verflogen sich, um dann entkräftet auf der falschen Insel zu sterben? Helgoland ist weit, auch wenn man in klaren Nächten das Leuchtfeuer bis Langeoog sieht. Vielleicht starben die Lummen auch im Meer und wurden angespült, denke ich. Aber dafür sind die Kadaver beide zu frisch.

Die Euphorie über die vermeintlich makellose Reinheit des schneebedeckten Strandes ist mir vergangen. Nun höre ich auch wieder den Lärm der Presslufthämmer und Sägen aus dem Dorf; der Schatten des gewaltigen Krans an der neuen Hotelbaustelle gleitet über den Strand wie die Schwinge eines Flugsauriers. Und irgendwo auf dem Grund des stillen, schönen Meeres vor mir liegen noch unzählige Container.
Der Mensch, denke ich, ist und bleibt hier ein Fremdkörper, mit all seinem echten oder vermeintlichen Fortschritt. Mich selbst schließe ich da nicht aus.

Die Krähen sind nicht zum Kadaver zurückgekehrt; vermutlich riechen sie, dass ich da war. Morgen werden die bedauernswerten Lummen beerdigt sein, es ist weiterer Schneefall angesagt.
Ich drehe mich ein letztes Mal zum Strand um und bewundere ihr glattes, glänzendes Leichentuch.

 

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