Momentaufnahme, 110

Das Meer klingt anders als Zuhause. In der Dunkelheit rauschen die Wogen gegen die Wellenbrecher, eingehüllt in dichten Nebel, der seit heute Morgen anhält. Alles wirkt gedämpft; auch am hellichten Tag sah man kaum 20 Meter weit. Über die Insel, die nicht Langeoog ist, legt sich eine nasskalte Glocke diesiger Einsamkeit. Im Nebeltunnel der Strandpromenade verschwindet ein Mann mit seinem Hund, der treue Gefährte furchtlos an seiner Seite.
Ich friere entsetzlich. Ohne Umweg gehe ich von dem kleinen, aber sehr berühmten und geschichtsträchtigen Restaurant, in dem ich zu Abend aß, direkt in den SPA meines Hotels. Um die Uhrzeit ist niemand da, vor dem ich mich bedecken müsste, und so breite ich mich komplett hüllenlos im Dampfbad aus, bis auch die kleinste Muskelfaser durchwärmt ist. Anschließen dusche ich warm, und ja: ich bin der Idiot, der die eisigen Duschen in der Sauna immer auf „heiß“ stellt, worüber dann Saunapuristen fluchen. Ich indes meine: Die Sauna dient dem Aufwärmen; die Abkühlphase übersprang ich schon immer gern. Ich brauche Wärme.

Es ist der letzte Abend auf dieser anderen Insel, die so anders ist als meine Heimat, wenn auch auf ihre Weise ebenfalls sehr schön. Ich mag das Mondäne hier, das Angebot an Hochkultur, den teils in die Jahre gekommenen, aber immer noch sicht- und fühlbaren Seebadcharme, an dem sich schon Kaiser und Dichtergrößen erfreuten. Die Hinwendung zum Skandinavischen: Man begrüßt sich hier mit „Hej“ statt „Moin“.
Und auch die Strandpromenade mit den Wellenbrechern hat etwas für sich. Von meinem Hotel aus sieht man direkt aufs Meer; auch das zeichnet diese Insel aus.


Beim Abendessen blickte ich ebenfalls direkt auf die See — beziehungsweise auf die lackschwarze, nebelmattierte Dunkelheit, aus der das Meer zu mir hinaufklang; in den kleinen runden, warm beleuchteten Pavillon, in dem schon Könige dinierten. 
Das Essen war fantastisch, der Cremant ebenso, und doch schmeckte ich es kaum: In dichten Nebel gehüllt liegen zurzeit auch die Sinnesfreuden dieser Welt.

Ich blickte auf meine Nägel, die jetzt ganz glatt sind und wie Glas aussehen. Das Kerzenlicht spiegelte sich darauf, ich ließ sie morgens maniküren. Warum, das weiß ich nicht; vermutlich wollte ich unterbewusst einfach eine Stunde mit jemandem Händchen halten, und sei es nur mit einer hübschen blonden Kosmetikerin aus Hannover. Man verschließt ja gern die Augen vor dieser Art von Bedürftigkeit: Und das Herz sowieso.


Ich wünschte, ich hätte statt auf meine eigenen Hände auf die des Lieblingsmenschen sehen können. Er hielte sie gefaltet beim stillen Zuhören, die schöne, silberne Uhr unter den blütenweißen, eleganten Manschetten des Zivilanzugs hervorblitzend oder unter den hellblauen der Marineuniform. Aber er saß mir nicht gegenüber.

Er schrieb, und mich freute, seinen Namen und sein liebes Gesicht auf dem Mobiltelefon aufleuchten zu sehen, aber dennoch dauerte mich, dass jedes Wort von ihm, jeder Gedanke, jeder mir geltende Schlag seines gütigen Herzens erst von irgendeiner toten Maschinerie in Kolonnen von Nullen und Einsen umgerechnet werden musste, die diese dann auf das Display meines Telefons schaufelte. „Ich wünschte, Du wärst hier“: Auch dieser Wunsch meinerseits wurde erst gestapelt zu Einsen und Nullen, dann durch Datenleitungen gedroschen und schließlich vor seine Augen gekippt.


Im Hotelzimmer wartet der Hund. Aufgeregt tanzt er um mich herum, als ich nach SPA duftend heimkomme, die Augen voll der bedingungslosen, immer verzeihenden Liebe eines Tieres.
Es ist mein erster Urlaub mit dem Hund und es wird mein letzter.
 Er muss zurück zu seinem Besitzer. Er wird mich bald vergessen haben, tröste ich mich, wenn dieser Mensch ihn fünf Jahre hatte und ich nur drei Monate, er wird kurz leiden, vielleicht, und möglicherweise vermisst er mich. Aber sicher erkennt er auch sein altes Herrchen wieder, und Gott gebe, dass ihm der Abschied nicht schwer fällt und dieser Mensch sich fortan dauerhaft um ihn kümmert.

Gott hat kein Lebewesen für ein offizielles Dasein an meiner Seite bestimmt: Gar keines. So ist das eben. Ich muss es annehmen.

Ich denke an den Jahreswechsel. Im vorletzten Jahr betete ich an Silvester, dass meinen Eltern ein weiteres Jahr gegeben sei und mir meine Insel bliebe. Beides wurde erhört. Dieses Silvester betete ich, dass ich auch dieses Jahr kein
(Halb-)waise werden und mir der Hund bleiben möge — und wenn nicht, dass Gott mir die Kraft gebe, alles andere zu ertragen. Nun heißt es also: Alles andere.
Dein Wille geschehe.


Der Hund hat sich hingelegt und döst. Ich bin so dankbar für die Gegenwart dieses Tieres, dass mir sein Anblick das Herz abschnürt. 
Es sollte ein schöner Urlaub werden, nur wir beide. Der Hund genoß die zusätzliche Aufmerksamkeit in vollen Zügen. Ich ließ den kleinen Kameraden über die Wiesen jagen, und im Café, in das ich danach zum Aufwärmen ging, legte er die Pfoten und den Kopf auf meinen Schoß, wo er vertrauensvoll die Augen schloss. Fremde Leute lächelten berührt. „So ein schöner Hund“, „ein richtiger Schmusehund“, „so ein Lieber“. Ja. 
Gewesen.


Ich laufe ein letztes Mal zur Kirche, jetzt, da die Gewissheit da ist, dass unser gemeinsamer Weg zuende geht. Aus dem Pfarrheim stürmen lärmend die unzähligen Kinder des Ständigen Diakons. „Wauwau!“ macht das Jüngste und stürmt händefuchtelnd auf den Hund zu, den ich soeben vor die Pforte band. Der Hund erschreckt sich. „Nicht“, mahne ich das Kind kraftlos, „er bekommt Angst.“ Das Kind starrt mich eine Weile an, während ich den Hund beruhige und dreht schließlich wortlos ab. Es ist ja selten, dass jemand Angst vor einem Kleinkind hat, aber vor gewissen Wahrheiten kann man niemanden bewahren: Auch du kannst furchteinflößend sein. „Einer is den annern sein Deibel“ hätten meine Großeltern gesagt, das gilt, q.e.d., sogar für die Nachkommen eines katholisch Geweihten.

Der Lärm der Straße dringt bis ins Allerheiligste, vor dem ich Zwiesprache zu halten versuche. Die Kirchenglocke schlägt eine Minute zu spät zur vollen Stunde, ein Missklang schwingt mit im Geläut. Man sollte das richten lassen, denke ich. Auf der Bibel, die vor dem Tabernakel ausliegt, ist der Heilige Geist in Form einer Taube auf dunkelblauem Grund. Es ist ein schönes Motiv. 
Ein Gebet bringe ich nicht zustande. Gott ist hier, vor mir in diesem Raum, aber ich sehe nur alles andere. „Verzeih mir“, murmele ich, während ich mich von der Kniebank erhebe, um erneut der Dunkelheit entgegenzutreten, „es klappt so nicht.“


Vor der Kirche wartet der Hund auf mich und sieht mich aus treuen braunen Augen an. Kein Vorwurf darin, nur Liebe. Ich knie mich neben ihn, fühle seine Wärme, das Schlagen seines kleinen unschuldigen Hundeherzchens und schmiere Weihwasser und Tränen in sein Fell. 
Da drinnen die Kerzen, sage ich, die leuchten auch für Dich.

26992035_10214838393650623_8511594662679885475_n

Momentaufnahme, Gefährte

Es ist eine sternenklare, kalte Nacht. Auf den Straßen ist es dunkel und absolut still. Um diese Zeit ist kaum ein Haus bewohnt, nur ab und an sieht man einen Lichtschein aus einem der Fenster: Feriengäste, welche die Einsamkeit des Inselwinters schätzen oder einer der wenigen Dauerbewohner in meinem Viertel. 
„Geisterviertel“ werde es von einigen auch genannt, verplapperte sich mir gegenüber einst eine Insulanerin, weil dort gar niemand wohne im Winter.
Mir mache das nichts, sagte ich damals, es sei schön das Haus mal für sich zu haben; die Straßen, den Strand. Ohne das ständige Kommen und Gehen, ohne das zwangsläufige Mitanhören von fremdem Streit und Geplänkel.


Aber manchmal ist es schon ein bisschen unheimlich in diesen Winternächten, mit dieser gewaltigen Schwärze der Nacht über und um einem, welche die winzigen Lichtkegel der spärlich gesääten Straßenlaternen nicht zu durchbrechen vermögen. Am Himmel Myriaden von Sternen, die Milchstraße und einzelne Wolkenbänder wie silbrige Flüsse in der Dunkelheit. Still ist es. Nichts hört man außer dem Wind, dem eigenen Atem und dem leisen Aneinanderschaben der Kleidungsschichten bei jedem Schritt. Beim Fahrradverleih um die Ecke singt ein Fahnenmast, ein einzuholen vergessenes Werbebanner aus Segeltuch knattert mit jedem Angriff der Böen. 
Irgendwas hat die Gänse geweckt, die zu Hunderten weit hinten in der Nähe des Deiches rasten. Ein Rufen und Schnattern geht durch die Nacht, dann kehrt erneut Ruhe ein. 


Es ist kalt geworden. Hinter mir höre ich das leise Tapsen von vier Pfoten. Ein Hund folgt mir, und wenn ich stehen bleibe, bleibt er auch stehen. Manchmal überholt er mich auch ein Stück, aber dann dreht er irgendwann um und sieht mich fragend aus großen, treuherzigen, braunen Augen an. Es ist mein Hund. Und ich sehe diesen kleinen, treuen Gefährten ebenfalls an und mich erstaunt täglich aufs Neue, mit welcher Intensität man ein Tier lieben kann.


Er nervt mich, wenn ich morgens noch im Tiefschlaf bin und er dann fiepend am Bett steht, weil er raus will. Er nervt, wenn ich für meine Arbeit fotografieren muss und er dann ins Bild rennt oder an der Leine zerrt, sodass alles verwackelt. Er nervt, wenn ich beschäftigt bin und er seine Nase zwischen meinen Arm und meinen Körper oder unter meine Hand drängelt, weil er gestreichelt werden möchte. Und noch immer kämpfe ich gegen Würgereiz an, wenn ich diese unsägliche Tüte über meine Hand stülpe und die Finger, nur durch hauchdünnes Plastik getrennt, um eine noch körperwarme Wurst Scheiße schließen muss, die dann langsam darin erkaltet, während ich verzweifelt nach einem Mülleimer suche — und dabei hoffe, unterwegs niemanden zu treffen, der mir zu Begrüßung die Hand reichen möchte.

Es nervt, wenn man für einfachste Wege plötzlich Ewigkeiten braucht, weil Monsieur jedem Grashalm untersucht, als sei er im früheren Leben Botanikprofessor gewesen, und es nervt, wenn ich nicht mehr gedankenlos mit dem Bürostuhl zurückrollen kann, weil der Hund natürlich immer genau dort liegt, wo man ihn versehentlich touchiert.
Und was mich bei kleinen Kindern schon tangiert — dieses wortlose, minutenlange Anstarren — das bringt so ein Hund erst zur Meisterschaft!

Aber dann sehe ich ihn zusammengerollt irgendwo schlafen, in seiner herrlich beruhigenden, animalischen Schlichtheit, mit der er im Schlaf schmatzt und leise „wuff“ macht, und bin einfach froh, dass er da ist.



Klar, mag man sagen, so ein Hund liebt jeden, der ihm zu fressen gibt, ein warmes Zuhause und der ihn nicht schlägt. Und dennoch bin ich überwältigt davon, wie loyal so ein Tier wirklich ist. Jeden Morgen freut er sich schwanzwedelnd über meine Ansprache, obwohl ich ihn innerlich für die Uhrzeit verfluche, und wenn ich fort war, freut er sich beim Heimkommen, als sei ich Monate weg gewesen. Er sucht meine Nähe, als wäre ich das gütigste Wesen auf dem Planeten, allein dafür, dass er hier leben darf. 
Selbst wenn ich ihn zurechtweise, weil er fremde Hunde nicht angehen soll oder aufs Bett springen, hat er mich Sekunden später wieder lieb, als sei nie etwas gewesen.

Ich hatte schon öfter einen Hund, aber das waren immer nur Pflegehunde, zur Urlaubsvertretung, die wussten, wo sie hingehörten. Und ich wusste das auch. Wir mochten uns, sonst hätte ich die Hunde nicht beherbergt, aber es war ein eher höfliches Verhältnis: Eine Freundschaft und Wohngemeinschaft auf Zeit.
Das hier indes, scheint mir, ist deutlich mehr, und alle wissen das: Es ist Familie.



„Hast Du Platz für einen Pflegehund?“, schrieb eine tierliebe Freundin, „Wir wissen kaum etwas über ihn, und auch nicht, wann oder ob sein Besitzer jemals zurückkommt. Klar ist ist nur: Er braucht ein Zuhause. Und zwar jetzt.“
Im Anhang ein Foto: ich schrieb mein JA, bevor ich es denken konnte. Das war mein Hund, schon auf den ersten Blick.

Eine Stunde später drückte er sich ängstlich um die Beine der Freundin in meinem Hauseingang herum, traute sich kaum die Treppen hinab zu meiner Wohnung. Aber irgendwann war er dann drin, die Freundin ging, und ich saß da und hatte einen Hund.



„Gott fügt und fügt, ich freue mich so sehr für Dich“, schrieb mir der Lieblingsmensch aus der Ferne, bevor mir selbst klar werden konnte, ob ich all das hier wirklich wollte. Aber offenkundig nahm mir Gott die Entscheidung ab, und auch der Freund weiß, wie sehr ich Tiere mag.

Ich wollte ja immer einen Hund, aber es gab auch immer irgendeinen Grund dagegen. Aber nun galt es, den Hund um die Gründe herumzudrapieren, bis sie klein und nichtig wurden oder bis sich eine Alternative fand. Es ging ja nicht anders, das Tier brauchte mich.



Was ein aufregendes Jahr, denke ich, noch immer in ungläubigem Erstaunen. Aber mein Kontoauszug zeigt die abgebuchte Hundesteuer, die Tierhaftpflichtversicherung, das Honorar des Tierarztes: Der Hund ist real, und, im Gegensatz zu vielen Menschen in diesem Jahr, wird er bleiben. Er wird geduldig sein und anspruchslos, er wird verzeihen und mir treu ergeben sein. Er wird meinen Hygiene- und Ordnungssinn vor neue Herausforderungen stellen und mir irgendwann auf den Teppich kotzen. Er wird mich zu Unzeiten aus dem Bett fiepen, meine Freiheit einschränken und meinen Kontostand mit Regelmäßigkeit erröten lassen. Aber ich werde für ihn da sein und ich werde ihn lieben, weil ich nicht anders kann und er niemanden sonst hat.

Ich bin seine Heimat und sein Hafen. Das ist eine große Verantwortung. Man kann mit Hunden ja keine demokratischen Entscheidungen treffen. Ich muss autoritär sein, ihm gegenüber und gegenüber mir selbst: Jeden einzelnen Tag.



Der Hund ahnt nicht, was ich über ihn denke. Er schläft arg- und sorglos zu meinen Füßen, und es ist schön, ihn in dieser Geborgenheit zu wissen; mit diesem Urvertrauen.
Draußen dämmert ein neuer Tag auf der Insel, auf der im Winter für viele die Zeit stehenzubleiben scheint. Um uns herum tost das uralte, ewige Meer.

23511188_10214223163630257_1109420641794548182_oIMG_20171114_141643 Kopie
IMG_0185