Momentaufnahme, Urlaubsträume

In zwei Wochen wäre ich in Polen gewesen. Genauer: Masuren, Ostpreußen. Die Heimat meiner Vorfahren. Gräfin von Dönhoffs Kindheitserinnerungen las ich längst, ebenso Ralph Giordanos großartiges „Ostpreußen Ade“. Auch Lenzens „Suleyken“ steht ausgelesen neben meinem Bett. Ich pflügte mich — trotz veritabler Abneigung gegen den zeitgenössischen Ableger — durch Jahrhunderte an Deutschordensgeschichte, um vor der mächtigen Marienburg nicht dazustehen wie der berühmte Ochs vorm Tor. Ich kaufte sündteure High-Tech-Ohrstöpsel gegen Vatterns Schnarchen im zu teilenden Hotelzimmer und ein gewaltiges Waffenarsenal gegen die Legionen masurischer Mücken, die wohl so Manchem schon laue Abende an ansonsten wunderschönen Seen verleidet haben. Ich frischte meine 8 Worte Polnisch auf und träumte von Eisvögeln im Schilf, von Schmetterlingwiesen, abgelegenen Gehöften, silbrigen Seewellen, prachtvollem Katholizismus und Unmengen Historie. Von Kahnfahrten, Kanälen mit Schwänen, Kalorienbomben mit Sauerkraut und träumenden Wäldern:
Vorbei.
Ostpreußen ist nicht. Und der Grund heißt Corona.
Es geht mir in dieser Hinsicht also nicht besser als es den unzähligen Langeoog-Fans geht, die seit Wochen mit den Hufen scharren und nicht wissen, ob ihr Urlaub nun stattfinden wird oder nicht. Einige davon können nun aufatmen, denn ab Montag gibt es wieder Touristen auf der Insel; die Zweitwohnungsbesitzer dürfen bereits seit Mittwoch wieder anreisen. Etliche ließen sich nicht zweimal bitten. Heute ist Donnerstag.

Am Mittag wandere ich einmal mehr durch eine unfassbar schöne Stille, die mir Gebet und Gesang zugleich ist. Am Strand höre ich nichts außer dem leisen Rauschen der Wellen; es gibt kaum Wind. Die Sonne wärmt zumindest ein wenig in diesem noch viel zu kalten Mai; hungrige Möwen werfen ihre kreisenden Schatten auf den Sand. Kein Fischbrötchen nirgends: Auch für die Tiere ist dieser Frühling ungewöhnlich. Ob die überhaupt noch wissen, wie man sich selbst Nahrung sucht?, frage ich mich und werfe einen Blick nach oben. Das Möwengeschwader zeichnet sich leuchtend weiß vor einem überwältigend blauen Himmel ab. Satt, dunkel, intensiv — ein Blau, wie man es nur auf kostbarsten Darstellungen der Gottesmutter findet; ein Marienmantelblau im Marienmonat Mai. Aber ohne Marienburg. Szkoda!

Ich liebe Langeoog. Aber der geplatzte Traum von der Reise nach Masuren betrübt mich. Schon lange war keine Reise mehr so lange vorher geplant, so gründlich vorbereitet, von so viel Vorfreude begleitet gewesen. Natürlich: Man kann das nachholen. Und ja, es ist nur ein Urlaub. Was ist das schon gegen das höchste aller Güter, die Gesundheit, die meines Vaters noch dazu? Es ist nunmal höhere Gewalt, und ich kann nur Gott danken, dass der Corona-Kelch bislang an meinem engsten Umfeld vorüberging. Wie lange der Virus die Insel noch weitgehend verschonen wird? Der Realist in mir gibt den LangeoogerInnen nach der Wiederbelebung des Tourismus nur noch wenige Wochen. Der Asthmatiker in mir hat Angst und tastet nach dem Inhalator in seiner Tasche.

Auch den Herbsturlaub hatte ich schon gebucht: Ein weiterer Traum von Wald und Stille; strenge Schweigeexerzitien in einem abgelegenen Konvent. „Hier gibt es kein Mobilfunknetz, wir sind wirklich mitten im Wald“, erklärte der Gastpater beim Vorgespräch, „nur für den Fall, dass Sie es heimlich versuchen.“ „Hatte ich nicht vor“, erklärte ich. Aber damals hatte ich ja auch noch keine Angst um die Gesundheit mir lieber Menschen, um meinen Arbeitsplatz, und eine Freundin hatte ich auch noch nicht. Meint: Sogar für jemanden wie mich, der sich um direkte Kommunikation nicht übermäßig reißt, bekam der Terminus „in Verbindung bleiben“ doch etwas höhere Priorität in den letzten Wochen. 
Dennoch möchte ich hin; vielleicht sogar mehr denn je. All die Ereignisse der letzten Wochen, all das Neue und Ungewohnte, das Schöne und Schreckliche — ich sehne mich danach, all das in Ruhe sortieren und verarbeiten zu können; ebenso wie danach, noch einmal aus neuer Perspektive an Gott herantreten zu können und Verpasstes nachzuholen.
Ich gehe täglich für ein stilles Gebet zur Kirche, aber die Sehnsucht nach einer Eucharistiefeier und der Schönheit katholischer Liturgie ist groß.

Die Unruhe dieser Zeit und das Unstete, das diese Krise in den Seelen der Menschen anzurichten vermag, mehrt in mir die Sehnsucht nach Stille. Nach dem Maximum an Stille, das mir ein Urlaub bieten kann. Eine absurde Sehnsucht in diesen Tagen auf Langeoog — eigentlich. Denn ist es nicht so still und schön wie nie zuvor in einem Frühling? Im Dorf blüht der Flieder; erster Rosenduft weht durch die Dünentäler, die nach den Regengüssen der letzten Tage wieder prachtvoll ergrünt sind. Rehe springem einem ohne Scheu in den Weg, Fasane weichen kaum noch vom Fleck, wenn man sich ihnen nähert. Mensch und Tier funktionieren hier als Schicksalsgemeinschaft, solange der Mensch nicht zuviel Raum einnimmt. Aber bald schon wird wieder Lachen, Schreien und Fahrradklingeln durch die Straßen hallen; bald wird die einsame Krähenspur am Strandübergang von hundert Menschenfüßen verwischt sein. Bald werden sich auch die Kassen der Inselgemeinde, der Geschäfts- und Privatleute wieder füllen; für das Überleben auf der Insel notwendig, zweifelsohne.
Aber die Stille war schön. Und die Träume waren es auch.

Den berüchtigten Inselkoller, den mir hämische Bekannte vor meinem Umzug nach Langeoog schon nach drei Wochen an den Hals wünschten, hatte ich bisher noch keinen einzigen Tag. Ich will nicht woanders leben. Nie. Und obwohl die Vorfreude auf viele Reisen und Ausflüge groß war, übertraf bislang noch nichts die Freude der Heimkehr. „Sechs Jahre — und ich kann es manchmal immer noch nicht fassen, dass das hier kein Urlaub ist. Dass ich wirklich hier lebe“, sage ich beim abendlichen Strandspaziergang und drücke den Menschen in meinem Arm noch etwas fester an mich. Wir können das jeden Tag haben. Ich muss nicht mehr stundenlang fahren und Unsummen dafür ausgeben, um am Meer zu sein. Ich gehe einfach die Straße hoch; manchmal allein. Manchmal nicht. Und dann liegt es vor mir, in all seiner Pracht; im Wechsel der Jahreszeiten, atemberaubend schön in einfach jedem Zustand. Ob sturmzerwühlt, in frühlingsblauer Unschuld oder grau verregnet: Ich liebe das Meer.
Nur manchmal, da träume ich mir die Umrisse eines Sees in die glitzernde Wasserfläche. Mit Schilf an den Ufern und Eisvögeln. „Und schau mal, die Wolken heute“, sage ich zur Freundin: „Sehen sie dort nicht aus wie die Spitzen eines Nadelwaldes?“

 

Momentaufnahme, Ende

Nach einem sehr warmen Dezember hat nun der Winter Einzug gehalten auf Langeoog. Das Jahr hat nur noch wenige Tage. Die Nacht umrahmt ein so prachtvoller Sternenhimmel, wie ihn nur winterliche Inseldunkelheit hervorbringt. Ich stehe am Fahrrad und kratze Eis vom Sattel; das erste Mal in diesem Jahr. Ich weiß nicht, wo die letzten Wochen, der ganze letzte Monat geblieben sind. Selbst Weihnachten passierte dergestalt nebenbei, wie es eigentlich nicht passieren sollte. Es gab unzählige Adventsfeiern und -veranstaltungen, die ich dienstlich besuchte; dazu die ein oder andere dem Tag abgerungene Werktagsmesse; an den Sonntagen konnte ich nicht. Am ersten Weihnachtstag war frei. Ich erinnere mich an einen wohligen Kokon aus Nichtsmüssen, in Ruhe gekochtem Essen und nochmaliger Lektüre unzähliger Postkarten und Briefe, die mich in den Tagen zuvor erreicht hatten; soviel Liebe zwischen den Zeilen. Und dann war auch das Fest schon wieder vorbei.

Für viele meiner Freundinnen und Freunde oder Menschen im weiteren Bekanntenkreis war es kein frohes Fest. Sehr viele Elternteile verstarben dieses Jahr oder erkrankten schwer; teils wurden auch junge Menschen aus dem Leben gerissen. Langjährig treue Haustiere mussten für immer verabschiedet werden. Es wurde sich zerstritten oder getrennt, Babys wurden verloren und Arbeitsplätze. Dann sah man diese Menschen an, um deren Schicksal man wusste, und ahnte die Tapferkeit, die sie aufbringen mussten, um reihum „fröhliche Weihnachten“ zu wünschen, weil man das eben so machte. „Gesegnete Festtage“ sagte ich, der Neutralität halber, denn damit litt es sich hoffentlich etwas weniger.
Ich wurde mir des Luxus bewusst, meine Eltern wenigstens noch am Telefon bei mir haben zu können an Weihnachten, denn etliche meiner Freundinnen und Freunde konnten das nicht mehr. Reihum sah man, wie teils Ü50jährige im Freundeskreis wieder zu Kindern wurden und über Weihnachten heimfuhren zu Eltern, sonstiger Familie, Gans und Baum. Dann schliefen sie in ihren alten Kinderzimmern, fanden Erinnerungen wieder und Fotoalben. Und dann gab es jene, in deren Elternhaus nun Planen über den Möbeln lagen und durch dessen Zimmer Fremde als potentielle Käufer schritten. Und jene, deren Elternhaus bereits abgerissen worden war. Und jene, die nie eins hatten.
Auf der anderen Seite: Die Selbstverständlichkeit, mit der allerorten „Frohe Festtage im Kreise Ihrer Familien“, „schöne Weihnachten im Beisein Eurer Lieben“ und so fort gewünscht wird, als sei ein Alleinsein an Weihnachten oder die Abwesenheit einer Familie, sei es durch traumatische Erlebnisse oder den Tod, vollkommen ausgeschlossen. Oder eines der letzten Tabus unserer Zeit. Ich fürchte, Letzteres.
Ich versuchte, über die Weihnachtstage so viele Bekannte wie möglich zu kontaktieren, von denen ich wusste, dass sie unter irgendeiner Form von Verlust und Ausgeschlossensein litten. Nicht aus Mitleid. Sondern weil ich wusste, wie es war, in dieser Gesellschaft unsichtbar zu sein.

Nun ist die Zeit angebrochen, die etwas mysteriös als „die Zeit zwischen den Jahren“ bezeichnet wird. Eine Zeit, in der man einerseits noch hektisch Dinge zuende bringen will, es sich andererseits aber auch noch nicht wirklich lohnt, etwas Neues anzufangen — denn waren dafür nicht erst die Neujahrsvorsätze gut? Es ist eine Zeit, in der viele Menschen Bilanz ziehen. Auch ich tue das.
Über mein Jahr kann ich nicht klagen. „Still a pretty good year“ höre ich im Geiste Tori Amos singen; eine Frau, die mich in meiner Jugend mit ihrer keltisch-ätherischen Schönheit, ihrem Talent, ihrer Verletzlichkeit, dem Stolz in ihrer Nacktheit und der Anmut in ihrer Wut geradezu hypnotisierte. Inzwischen hat die plastische Chirurgie ihr leider eine Menge Seele aus dem Gesicht geraubt — aber die Faszination ist geblieben.
Auf jeden Fall habe ich keinen Grund zum Hadern; alles, wovor ich Angst hatte, ging gut aus oder ist in stabile Bahnen gelenkt. Es gibt keinen Verlust zu beklagen, der rückblickend nicht unumgänglich oder gar begrüßenswert gewesen wäre. Und alles, was ich liebe, ist noch da. Mehr, denke ich, kann man von so einem Jahr eigentlich nicht verlangen.

Ich erahne bereits den Horizont. Mit der Morgendämmerung glitzern gefrorene Reifenspuren auf dem Backsteinpflaster meiner Straße. In meinen Träumen glitzert der Wienerwald im Winterkleid, rattert der Nachtzug bereits einer niederösterreichischen Morgendämmerung entgegen. 
Dem Wetterbericht nach wird es in Wirklichkeit zwar nichts mit Schnee im Wald, aber das ist mir jetzt reichlich egal, denn die nahende Reise hilft mir, das alte Jahr erwartungsfroh und ohne Sentimentalitäten hinter mir zu lassen. Der Wanderrucksack steht längst gepackt in der Zimmerecke.
Er ist, trotz mehrfachen Umpackens und Neusortierens, ziemlich schwer, aber ganz ohne Gepäck geht es halt nicht hinüber: Weder ins neue Jahr, noch in den Wienerwald.
Beim Anblick des Rucksacks muss ich wieder an die Freundinnen und Freunde denken, welche in diesem Jahr mit wirklich schwerer Last neu starten müssen. Mit der Last von Krankheit, Angst, Trauer, Armut oder Hoffnungslosigkeit. Mit Streit, Mobbing oder Verachtung. Ich hoffe, dass sie Erleichterung finden. Und dass ihnen Gott tragen hilft.

***

Meinen Leserinnen und Lesern wünsche ich einen guten Übergang ins Jahr 2020 — mit Freude, Gesundheit und Geborgenheit in allem Kommenden.

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November

November

In sanften Hügeln
Betten sich Träume
Zur Winterruhe

Bewacht von Vögeln
Dem Meer
Und den Sternen

Mögen sie
Wenn der Januar kommt
mit Gottes Hilfe
neu erwachen

***

MDO, 22.11.2019

 

Momentaufnahme, Heile Welt

Ich warf die Weihnachtspost am frühen Montagabend ein. Die meisten der Briefe tragen Berliner Adressen. Heute ist Dienstag. Wenn die Briefe mit ihren, mir jetzt so deplatziert erscheinenden, Weihnachtsgrüßen in Berlin eintreffen, ist die Stadt bereits eine andere. Das indes konnte ich Montag, gegen 18 Uhr, noch nicht wissen. Zu diesem Zeitpunkt hatten 12 Menschen, die sich zum Weihnachtsmarktbesuch an der Gedächtniskirche entschieden hatten oder einfach nur so dort vorbei mussten, noch zwei Stunden zu leben.

Ich hatte lange mit einem Anschlag auf Berlin gerechnet. Was sollte unsere Hauptstadt denn auch von der Hauptstadt Frankreichs oder Belgiens unterscheiden? Was dort passiert, kann auch uns passieren. Emotional vorbereitet ist man trotzdem nicht.
Und plötzlich versteht man wieder all das Leid unserer Großeltern: Das tägliche Leben mit dem Gedanken, dass irgendwer, den man kennt, nicht wiederkehrt von der Front. Dass das Haus eines Menschen, den man kennt, in Schutt und Asche gebombt wird. Dass irgendjemand, den man liebt, aus dem Leben gerissen wird, viel zu früh und ohne jede Vorwarnung. Freilich: Dass Menschen plötzlich versterben, geschieht auch durch Unfälle, das ist grauenvoll genug. Aber wie viel unbegreiflicher ist es, wenn dieses Leid durch ideologische Verblendung verursacht wird, durch den Wahn Einzelner, also nicht durch unglückliche Umstände, sondern durch bösartigsten Vorsatz? Wieviel Kraft erfordert es, hier dann nicht einzuknicken, zu pauschalisieren, oder von der Angst vor dem Terror das eigene Dasein fremdbestimmen — sich also im Wortsinne terrorisieren — zu lassen? Sich nicht vor der nächsten Zugfahrt zu fürchten, dem Bahnhof, dem vollen Einkaufszentrum?

„LKW rast in Weihnachtsmarkt“: Als die erste Eilmeldung auftaucht, bin ich zur Reflektion nicht fähig. Vielmehr greift eher eine Art Reflex, ein offenkundig archaischer Beschützertrieb, mit dem ich meine „Herde“ daheim in der sicheren Höhle wissen will, und also schreibe ich jede und jeden an, der oder die mir am Herzen liegt: Lebst du?
Das Mobiltelefon zittert in meiner Hand.
Ich hatte mir nach dem Münchner Attentat so sehr gewünscht, so etwas nie wieder eine Freundin, einen Freund, fragen zu müssen. Und nun also doch noch Berlin.

Ich denke an die unzähligen Male, die ich während der Adventszeit selbst auf dem Weg vom Tauentzien zum Bahnhof Zoo den Breitscheidtplatz überquert hatte. Oftmals hatte ich dabei keinerlei Interesse am Weihnachtsmarkt, aber man musste da eben durch, wenn man schnell zur U-Bahn wollte; es gab ja auch eine etwas breitere Gasse zwischen den Buden zu diesem Behufe. Und durch genau diese Gasse raste am Montag Abend der LKW, und riss Buden und Menschen mit sich.
In der Zeitung ist ein Bild des Fahrzeugs: In der zersprungenen Windschutzscheibe hängt eine geschmückte Tannengirlande, und ich kann kaum in Worte fassen, wie sehr mich dieses Bild erschüttert. Denn kaum etwas stimmt wohl so feierlich und friedlich auf die Festtage ein, wie an einem ruhigen Abend die Wohnung festlich zu schmücken, Kränze zu binden, Kerzen aufzustellen und Kugeln und Schleifen in warm illuminiertes Wintergrün zu hängen. Nun aber ragen diese Tannenzeige mit den Kugeln und Schleifen, die irgendein Mensch dort liebevoll drapiert hatte, damit ein anderer sich daran erfreute, aus dem gesplitterten Glas einer Mordwaffe. Es ist unerträglich.

Nach und nach geben meine Freunde Entwarnung. Dieses Mal hat es also niemanden getroffen, den ich kenne, denke ich, und allein der Gedanke „dieses Mal nicht“ lässt mich innerlich erschauern. Ich sitze vor dem Fernseher und kann nicht aufhören zu weinen. Denn die 12 Verstorbenen und zahlreichen Verletzten hätten meine Freunde sein können. Sie waren irgendjemandes Freunde, Brüder, Väter, Töchter. Das Leid der Angehörigen? Unvorstellbar. Es kann keinen Gott geben, der Menschen zu so etwas anstiftet.
Ich versuche, Musik zu hören oder etwas anderes im Fernsehen anzuschauen, aber es ist plötzlich alles so entsetzlich trivial, was da gespielt und besungen wird; mit der Liebe und all den Alltagsstreitereien.
Und ich frage mich, wie es eigentlich unsere Großeltern im Krieg fertig brachten, trotz all des Grauens Weihnachten zu feiern, Kindergeburtstage, Hochzeiten. Wie konnte man lieben und lachen, wenn schon morgen wieder jemand erschossen werden konnte, von Granaten zerfetzt oder ausgebombt, mit keinem Besitz mehr außer den staubigen Lumpen am Leibe?

Andererseits: Ist es nicht auch beruhigend, dass aller Hass und alle Gewalt das Schöne, Frohe und Gute nicht auszurotten vermögen? Dass es Menschen geben wird, die in der Not zu Helden werden, Blumen, die aus Trümmern wachsen sowie Dinge und Ereignisse, die ein Lächeln auch in tränenüberströmte Gesichter zaubern?
Vielleicht, ahne ich, ist das Finden von Liebe, Licht und Schönheit zwischen den Klüften einer immer fragileren Welt auch einfach eine Art Selbstschutz, um nicht wahnsinnig zu werden. Denn in der Nacht hatte ich einen schönen Traum.

Zwar schien es mir bis früh in den Morgen unmöglich, nach all den schrecklichen Nachrichten überhaupt einzuschlafen, aber als ich letztlich doch wegdämmerte, fand ich mich auf einer Anhöhe in einem verschneiten Wald wieder. Der Wald war absolut still, aber es war keine bedrohliche Stille, sondern eine friedliche. Kaum ein Laut war zu vernehmen. Nur ab und zu das Rascheln eines Eichhörnchens, das durch die Zweige turnte, ein Rotkehlchen, das sang. Das leise Knarren schneeschwerer Äste und der gedämpfte Laut, mit dem ein Packen Schnee vom Baum zu Boden fiel. Der große Mann war bei mir, und unter uns wand sich die Straße in Serpentinen durch den schweigenden Wald, begrenzt von einem schlichten Holzgeländer vor dem Abhang, aus dem irgendwo mit silbrigem Gluckern eine Quelle sprudelte. So waren die Wälder meiner Kindheit.

Auch der Mann schweigt, und ich weiß nicht, was er denkt, denn er sieht in die Ferne. Schnee fällt in dicken weißen Flocken und schmilzt auf seinen bernsteinfarbenen Haaren, auf seiner Haut. Ich gehe zu ihm und lege einen Arm um ihn. Ein wenig hadere ich wieder damit, dass er so groß ist, weil ich, so dicht bei ihm, deswegen nur die Knöpfe seiner Jacke sehen kann und nicht sein Gesicht. Ich sähe gern, was er fühlt. Quälende Sekunden verstreichen, in denen ich nicht weiß, ob ihn die Umarmung stört, weil er sich nicht rührt, aber dann nimmt er mich ebenfalls in den Arm: Erst in einen, dann in beide. Jetzt sehe ich überhaupt nichts mehr außer dem Stoff seiner Ärmel und den Knöpfen, und es wird dunkel in seinen Armen, aber es ist kein beängstigendes Dunkel, sondern dunkle Geborgenheit. Ich vertraue ihm. Ich habe lange niemandem mehr auf diese Weise vertraut.
Der Wald ist schön. Es ist kalt, aber auch die Kälte ist nicht bedrohlich; es ist die Art von Kälte, die man genießen kann, weil man weiß, das man mit geröteten Wangen aus dieser Kälte in ein warmes Zuhause zurückkehren wird, mit Kaminfeuer, trockenen Sachen und Tee auf einem knisterndem Stövchen. Und dann sind da diese schönen, schlanken Flötistenfinger, die einem die restlichen Schneeflocken aus dem Haar streichen, und gütige, blaue Augen, die einen ansehen, als habe man auf der Welt noch nie etwas Schlechtes getan. Es ist erstaunlich, wie Liebe einen zurück in den Stand der Unschuld versetzen kann, und das Erstaunlichste ist: Es funktioniert immer wieder.
Es war der schönste Traum, den ich seit Langem hatte.

Als ich aufwache, bin ich wieder allein mit der Welt. Sofort fallen mir alle Ereignisse des Vorabends wieder ein: Da war also dieser Terror in Berlin, mit dem ich jetzt zurechtkommen muss, ohne, dass mich jemand in die Arme nähme. Warum, frage ich mich, träume ich dann so schön und friedlich, wenn diese Ereignisse doch quasi geradezu nach Albträumen schreien? Beinahe fühle ich mich deswegen schlecht. Ich würde gerne mit dem großen Mann sprechen, aber er hat genug eigene Sorgen, also lasse ich ihn in Ruhe.
Dennoch ist die Situation absurd. Wie kann man von Liebe, Schnee und Wäldern träumen, also der ganzen klischeehaften Weihnachtsromantik, wenn da draußen — in jener Stadt, die einst auch meine war — gerade jede Weihnachtsromantik aufs Brutalste zerstört wurde? Vielleicht, denke ich, ist es wirklich nur eine Art Schutzmechanismus.

Die Welt ist nicht heil, und vermutlich wird sie es auch niemals. Aber offensichtlich brauchen wir unsere eigenen kleinen, heilen Welten, um die Leiden der großen Welt zu ertragen. Einige finden darin sogar die Kraft, um diese Leiden zu lindern. Vor diesen Menschen verneige ich mich heute in tiefstem Respekt: Vor den Helferinnen und Beschützern, vor Ärzten und Polizistinnen, vor Fremden, die Fremde bargen, zudeckten und trösteten. Vor Menschen, die nicht zulassen, dass die Dunkelheit über das Licht siegt, der Hass über die Liebe.
Und ich danke allen, die auch in meinem Leben dafür sorgen, dass sich die Welt trotz all des Terrors immer noch nach Zuhause anfühlen kann: Wenn schon nicht im Großen, so doch zumindest im Kleinen.

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(Das Bild zeigt die Aussicht aus dem Berliner Haus im letzten Winter.)

Momentaufnahme, Ratz

Immer, wenn ich mich dem Treppenhaus nähere, ertönt aus dem Keller der schrille Warnpfiff einer Ratte. Wir haben eine WG hier im Winter; außer mir wohnt niemand im Haus von November bis Weihnachten, außer mir und der Ratte. Ich nenne ihn Ratz. Ich weiß nicht, ob die Ratte ein Er ist, aber Ratz ist mein Mitbewohner, also ist er ein Männchen, das habe ich eben beschlossen.

Ist ja gut, Ratz, denke ich, du kennst mich doch schon. Ein weiterer Pfiff, als ich den Wäschekorb in den Hauswirtschaftsraum trage, den ich jetzt offen stehen lassen und nutzen kann, wann ich will. Es ist schließlich niemand da, der meckern könnte, weil alle anderen Wohnungen im Haus Ferienwohnungen sind — Und so ist es nun, als gehörte das Haus nur mir allein.

Ich habe Ratz noch nie gesehen, und auch niemanden seiner Freunde, die er vor mir warnen zu müssen meint, aber ich freue mich, dass er da ist. Denn immerhin gibt es durch ihn jetzt noch ein drittes Lebewesen im Haus an jenen Tagen, an denen ich nicht vor die Tür komme. An jenen Tagen, an denen der schwarze Hund zu Besuch ist.

Ich sah den schwarzen Hund lange nicht, aber ich fürchte ihn auch nicht mehr, den alten Bekannten, überwiegend zahnlos inzwischen, aber noch immer ein Zerberus zwischen mir und dem Licht. Man lernt, zu koexistieren. Und dann sitzt man im Schaukelstuhl und liest Capote und hört Bach und hakt ab, ob man sich geduscht, angezogen und etwas gegessen hat, und wenn ja, war es ein guter Tag. Draußen verwäscht die Wintersonne im bleichkalten Dämmerlicht, bis die Dunkelheit auch über die Insel hereinbricht, gesprenkelt vom Licht der Sterne. An sehr guten Tagen macht man sogar die Wäsche, selbst wenn der Hund hinterhertrottet, und vermutlich verängstigt auch er nur die Ratte im Keller, nicht ich.

Im Gemeinschafts-Hauswirtschaftsraum des Hauses ist alles so, wie ich es vor einiger Zeit verließ; sogar die Leiter steht noch aufgeklappt da, wo ich sie hingestellt hatte, um das Kellerfenster zu schließen, und ich erinnere nicht einmal, dass ich vergessen hatte, sie wegzuräumen.
Ich betrachte die Leiter, ein paar vom Wind hereingefegte Blätter liegen drumherum verstreut. Das Fenster ist gar nicht besonders weit oben, aber ich bin zu klein, und mit einem leichten Gefühl wehmütigen Bedauerns denke ich an den großen Mann, den ich gerne lieb gehabt hätte, weil er das Fenster einfach so hätte schließen können, und aus noch ein paar anderen Gründen auch. Aber auch das sollte nicht sein, noch nicht zumindest, und doch fühle ich Dankbarkeit für diese kurze Ahnung von Sommer, die er brachte, für die Erinnerung an Wärme, für die Erinnerung daran, dass es Menschen gibt, die nicht nur Enttäuschung, Schmerz und Bitternis hinterlassen, sondern neue Farbnuancen in eine verblassende Welt tragen und neue, schöne Melodien in die Stille. Es ist merkwürdig, in dieser Art Liebesvakuum festzustecken. Mit dem einen, für den man die Liebe noch aufsparen muss, und mit dem anderen, an dem man seine Liebe verbraucht hat. Ein dritter wäre vermutlich die Lösung, mit dem man seine im Sirup der Melancholie träge gewordenen Gefühle freiwaschen könnte, aber das Auftauchen eines solchen ist nahezu ausgeschlossen; ist es doch Wunder genug, dass ich nach all den Jahren überhaupt wieder jemanden traf, für den sich mehr als eine projektbezogene Begeisterung in meinem Herzen regte. Der mich sowohl optisch als auch intellektuell und menschlich ansprach, der meinen Humor teilte und ein wunderbares Schriftdeutsch sein eigen nannte — ein nicht unwichtiges Detail für jemanden wie mich, der ausgesprochen ungern telefoniert, ständige physische Anwesenheit scheut wie der Teufel das Weihwasser, und sich dennoch mit dem Significant Other geistigen Austausch jenseits einer Tweet-Länge wünscht.
Ich weiß nicht, ob es mit dem großen Mann noch einen Sommer gibt; ich hieße ihn Willkommen, und wenn nicht, so winkte ich ihm nach wie einem guten Freund, aber ohne Bitternis im Herzen und mit Dankbarkeit für all die kleinen Wunder, die er brachte. Ich denke an diese beneidenswerte Flut bernsteinfarbener Haare und seine Augen, klar und blau wie der Winterhimmel über Langeoog oder die Gletscherseen der Berge, die er liebt.
Es hat nicht sein sollen — oder es soll, aber noch nicht jetzt.
Auch vom Seemannssohn sah ich die Tage seit Langem einmal wieder ein Bild, er war sehr gut getroffen darauf. Er ist und bleibt ein schöner Mann, aber es tat nicht mehr weh, das Bild zu betrachten, und ich wusste, dass ich ihn womöglich noch immer begehren könnte, aber nicht mehr lieben. Ich hatte ihn lange genug geliebt: Es ist gut so, wie es ist.
Wenigstens verlasse ich dieses Jahr ohne Liebeskummer, denke ich, also war es ein gutes Jahr, oder zumindest gar nicht so schlecht. Und so wird die Zeit, die man als ‚zwischen den Jahren‘ bezeichnet, für mich eine Zeit zwischen den Lieben sein, ein für mich ungewohnter Zustand, ging doch bisher ein jeder Liebeskummer nahtlos in eine neue Liebe über. Es ist die richtige Zeit für Stille, innen und außen. Zeit zum Innehalten. Zum Neusortieren.
Ein wenig ratlos blicke ich daher jetzt auf den schwarzen Hund neben dem Schaukelstuhl, weil ich nicht weiß, warum er wieder da ist, jetzt, wo alles besser werden sollte. Leere zieht ihn wohl mehr an als Leid, denke ich, aber er hat gelernt, Platz! zu machen, wenn ich das sage, und ich habe gelernt, ihn zu dulden, auch wenn ich ihn nicht füttere und nicht traurig bin, wenn er wieder geht. Ein Hang zur Melancholie ist für eine Zukunft als freischaffender Künstler toll. Depression ist Mist.
Im Keller ist es trotz des geschlossenen Fensters eiskalt, und ich beeile mich mit dem Herauszerren der Wäsche aus der Maschine. Ein neuer Pfiff ertönt, irgendwo aus den Tiefen der aus rotem Backstein gemauerten Kellergänge. Kurz halte ich inne, um zu hören, ob auf den Rattenpfiff das Trappeln von Füßchen folgt, damit ich den Ratz einmal sehen kann, und weiß, wo er wohnt. Aber es bleibt jetzt still.
Siehst du, denke ich. Wir werden schon klarkommen, wir beide. Hab keine Angst mehr. Und ich weiß nicht, ob ich das wirklich zur Ratte sage oder eher zu mir selbst, aber eigentlich macht das auch keinen Unterschied:
Wir kommen klar.
Während ich Ausschau nach Ratz halte, jagt der schwarze Hund gelangweilt seinen eigenen Schwanz. Lächerlich sieht das aus, wie er da im Kreis herumrennt, immerzu und immerzu. Ich mache das Spielchen nicht mit und gehe zurück zur Wohnung, die zu weit gewordenen Hosen über dem Arm. Aber kurz bevor ich die Tür vor seiner Schnauze zumachen kann, drängt der Hund wieder hinein, und ich sehe resigniert zu, wie er es sich gemütlich macht und mich treudoof aus großen Augen ansieht: Hello Darkness, my old friend. Hier sein heißt nicht gewonnen haben, sage ich streng, und ich weiß, dass er das auch weiß. Es gibt immer ein Danach.

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